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Mittwoch, 15. Mai 2024

Kettcar - Ringlokschuppen Bielefeld - 25.04.2024

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Konzert: Kettcar
Ort: Ringlokschuppen, Bielefeld
Datum: 25.04.2024
Dauer: 105 Minuten
Zuschauer: ca. 1.500


Nicht jeder ist Kettcar-Swiftie der ersten Stunde. Unsere Gastautorin Sonja sah die Band tatsächlich zum ersten Mal: 

„Gute Laune ungerecht verteilt“ lautet der Titel des mittlerweile sechsten Kettcar Albums, welches sofort auf Platz 1 steigt. Auch mich motiviert das neue Album die, nun wirklich nicht unbekannte Band, einmal Live zu erleben. Von den alten Alben kenne ich nur ein paar Songs, das neue Album habe ich allerdings die letzten zwei Wochen rauf und runter gehört. 

Ich bin jemand der sehr stark auf die Lyrics achtet und somit viel es nicht schwer, mich für Kettcar zu begeistern. Eine Band mit außergewöhnlichen Songtiteln wie „Wir betraten die Enterprise mit falschen Erwartungen“ sind ohne Frage eine Ausnahmen vom Einheitsbrei. 

Die Stimmung und Atmosphäre in der alten Lokhalle ist gut und entspannt. Zwar ist das Konzert an diesem Abend nicht ausverkauft, aber die Halle ist gut gefüllt. Als Support steht an diesem Abend Christin Nichols auf der Bühne. Die deutsch-britische Künstlerin, Sängerin und Komponistin (aus Bünde) genießt Ihr Heimspiel. 

Mal mit deutschen, mal mit englischen Texten erklingt Ihre Stimme zu Gitarren, Synthies, und Drums. Der Auftritt macht Spaß die Einflüsse aus Postpunk und Wave mit düsterem Pop und intimen, Chanson-artigen Momenten sind eine schöne Abwechslung: »Kein Auto, keine Perspektive«, singt die Musikerin zu analogen Gitarrenriffs und ergänzt ihre musikalische Aufzählung durchaus charmant und mir einer Portion Ironie um fehlende Häuser, Liebe und Sex-Appeal. Ein vergnüglicher Start in den Abend. 

Dann ist es soweit, Kettcar betritt die Bühne und ohne Worte startet der Auftritt zu den Klängen von „Auch für mich sechste Stunde“. Dieser Song braucht auch keine Ankündigung da er durch seinen aussagekräftigen Text alles sagt, politischer kann es an diesem Abend wohl nicht werden. Der Song ist eine heftige Kritik gegen Intoleranz, Wegschauen und ein Plädoyer für ein besseres Miteinander. 


Weiter geht es mit „Benzin und Kartoffelchips“ einem Song der Vorgängerplatte. Freiheit und Aufbruch spüre ich, wenn ich diesen Song über Freundschaft und die Liebe zum Meer höre. Es folgen nun ein paar Songs der alten Alben, die den Kettcar Fans allen natürlich bestens bekannt sind, für mich sind sie an diesem Abend Premieren: „ Balkon gegenüber “ eine Lied über das nicht gute Ende einer Beziehung“ und „Sommer 89“ handelt von der Flucht aus der DDR und wie eine einzelne Person mit kleinen Taten viel Großes bewirken kann. 

Alles gute Songs, sowohl in den Lyrics als auch in der Klangfolge. Das Niveau ist hoch und vielleicht ist es, die mir fehlende emotionale Verbundenheit zu den Liedern, dass ich ein leichtes Gefühl von Langeweile verspüre. Die erste Single Auskoppelung des neuen Albums „München“ beendet dieses Gefühl und begeistert mich live dann doch  viel mehr als zuvor von Platte. 

Der Druck des Songs der mir von der Bühne entgegenkommt und auch die, während des gesamten Konzerts eingesetzte Videoprojektionen sind ein Vergnügen. Ein motivierender Song zum Aufschrei gegen Alltagsrassismus. 

Auch die neuen Songs „Kanye in Bayreuth“ und „ Ein Brief meines 20- jährigen Ichs“ wissen zu begeistern. Danach widmen Kettcar sich intensiv ihren Klassikern wie „Balu“, der alleine mit Gitarre und Keyboard instrumentiert wird, „Ankunftshalle“ und „Im Taxi weinen“ sind auf der Setlist vertreten. „An den Landungsbrücken raus“, beendet den Hauptteil des Konzerts fast traditionell. 

Auch wenn mir zu dem Zeitpunkt meine Highlights der neuen Platte wie „ Zurück“ und „Bringt mich zu eurem Anführer“ fehlen, verlasse ich die Lokhalle mit einem zufriedenen Gefühl. Kettcar ist eine super symphytische Band, die was viel sagen und zu erzählen haben und dies auf eine wundervolle Weise auch tun.




Samstag, 15. September 2018

Haldern Pop Festival, Rees-Haldern, 11.08.18

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Samstag, traditionell der letzte Tag in Haldern. Es gilt letzte Reserven zu mobilisieren und das Ganze noch mal richtig zu geniessen.






Ich war freilich in der Früh erneut platt, schlief gewohnt lange und verpasste den stündlichen Zug von Emmerich nach Haldern um 5 ärgerliche Minuten. So musste ich den um 14 Uhr 08 nehmen und der brauchte 16 Minuten. Verflixt, zu gerne hätte ich die Niederländer Lewsberg in der Pop Bar gesehen, denn die werden als die neuen The Velvet Underground gehandelt (eine Übertreibung, selbstredend)!



Ich kam aber dennoch in den Genuss einer mir neuen Band und zwar in der Gestalt von Landlady, einer 5 köpfigen Formation aus Brooklyn mit dem Sänger Adam Schatz an der Spitze. Die Bar war wie immer gut gefüllt, aber ich kam zumindest rein und beobachtete mit Freude das Geschehen von hinten. War ungemein flott und schmissig was die Amis da boten! Ein frischer Indierock mit ein paar klassischen Einflüssen des Genres (genannt seien an dieser Stelle die Pixies) und ein paar schrägeren Vorbildern (Dirty Projektors vielleicht?). Der Sänger hatte eine markante, leicht soulige Stimme, ohne dass man den Sound der Band wirklich als Soul bezeichnen könnte.

Das Set war ganz ausgezeichnet und ideal um den letzten Festivaltag zu beginnen. Hinterher kaufte ich mir glatt eine CD von der Band, Upright Behavior von 2014, die von Pitchfork positiv aufgenommen worden war.


Danach wanderte ich vom Dorfkern zum Festivalgelände. Ein Fussmarsch den manche Schlauberger mit Fahrrädern bewältigten, weil sich der Weg ganz schön zieht. Dennoch kam ich auch per pedes pünktlich zu Protomartyr auf der Hauptbühne an. Eine Post- Punk Band aus Detroit die ich in Frankreich bereits vor ein paar Jahren live gesehen hatte, die aber laut Angaben ihres Sängers nie zuvor in Deutschland aufgetreten war. (was aber nicht stimmt, da sie bereits 2016 durch Germany getourt waren).



Pechschwarz und schleppend aggressiv ihr Sound, pennerhaft das Gehabe ihres Sänger Joe Casey. Der rothaarige Mann mit der blassen Haut eines Engländers trug in der prallen Hitze einen Anzug und wankte wie ein Clochard langsamen Schrittes mit einer Bierflasche hin und her. Manchmal steckte er die Pulle kurzzeitig sogar in seine Jackettasche!


Bedrohlich und spannungsgeladen bewegten sich die Songs nach vorne, wurden teilweise deutlich schneller, aber nicht immer.



Man dachte sofort an The Fall und Mark E. Smith, wenngleich stimmlich der Vergleich nicht passte. Mark E. Smith singt giftiger, bissiger, die Baritonstimme von Joe Casey blieb meistens ruhig.

Obwohl die Band in Deutschland noch recht unbekannt ist, hat sie schon 4 Studioalben veröffentlicht, 2018 zudem noch die EP Consolation. Hits im eigentlichen Sinne haben sie keine.



Hier in Haldern spielten sie überwiegend Stücke von Relatives in Descent und The Agent Intellect, Outputs von 2017 und 2015. Am Besten fand ich die Songs die etwas mehr Tempo und Feuer hatten wie beispielsweise Wheel of Fortune, oder das mit einem Trommelwirbel beginnende A Private Understanding, das sozialkritische Texte und brutale Gitarren miteinander verband.



Dem Publikum in Haldern gefiel der Auftritt offensichtlich, wenngleich aufgrund der recht frühen Ansetzung noch keine Extase auszumachen war.

Für mich ging es nun rüber ins Spiegeltent und stilistisch passten Love A aus Wuppertal und Köln ganz gut zu Protomartyr. Auch hier war musikalisches Thema der gute alte Post-Punk, allerdings klang das Ganze vor allem stimmlich doch anders. Allein der Klang der deutschen Sprache und das Verstehen der Texte schaffte einen anderen Bezug zu der rasant schnell gespielten Musik.

Allerdings hat es auch gewisse Nachteile wenn man die Texte versteht, dann ist man viel kritischer diesbezüglich. Ging mir bei Love A nicht anders, das war alles etwas holzschnittartig, alles etwas zu direkt und wenig subtil.

Ein zweischneidiges Schwert. Irgendwie wirkte die Band sehr sympathisch und stilistisch machen sie auch Musik mit der man mich ködern kann, aber alles war doch etwas simpel gehalten.

Als Love A durch waren, war das Konzert von Jenny Lewis auf der Hauptbühne schon in vollem Gange. Ich bekam nur noch etwa die letzten 20 Minuten mit, zu wenig um fundiert urteilen zu können, was das Set der ex-Rilo Kiley Sängerin wert war. Manche Stücke erschienen mir etwas lahm, die dynamischen Sachen konnten mich hingegen mehr überzeugen. Ein Pluspunkt aber definitiv für die schöne Cowgirltracht der Musikerin.

Etwas traurig war auch, dass ich das sicherlich wundervolle Set von Hatis Noit im Tonstudio verpasst hatte, aber bei einem Festival kann man nie alles sehen, ist eben in Haldern auch nicht anders.

White Wine aus Leipzig, die von 17 bis 17 Uhr 45 das Spiegeltent bespielten, guckte ich mir nur kurz von der Leinwand aus an, weil ich früher zu den Lemon Twigs wollte. White Wine werden von Joe Hage angeführt, einem Amerikaner der vorher schon mit Formationen wie 31 Knots oder Tu Fawning Highlights setzen konnte und seit ein paar Jahren nun mit dem Projekt White Wine zusammen mit dem Deutschen Fritz Brückner unterwegs ist. Inzwischen gibt es einen dritter Musiker. Ich mag diese Formation mit ihrer sehr speziellen, unkonventionellen Indiemusik, in Haldern konzentrierte ich mich aber auf andere.



Zum Beispiel auf die Lemon Twigs. Zwei spindeldürre Burschen mit Wespentaillen und 70er Jahre Fummel. Die beiden Brüder namens Michael und Brian d'Addario werden seit ihrem ersten Album Do Hollywood zum "grossen Ding" erklärt (oder "hochsterilisiert" wie Fussballer sagen würden) und die Euphorie wird gerade mit einem zweiten Album weiter geschürt.



Ich hatte sie in der Vergangenheit bereits live gesehen und zwar bei Rock en Seine in Paris 2017. War ein unterhaltsames, aber nicht unvergessliches Konzert. Unvergesslich wurde es auch beim Haldern Pop nicht, denn trotz einiger starker Songs sind die beiden Brüder, die auch 3 Begleitmusiker mit auf der Bühne hatten, noch nicht so routiniert, ein gleichmässig gutes Set hinzulegen. Manchmal stimmte der Rhythmus nicht so richtig, manchmal war der Gesang arg windschief. Und oft war auch die Bühnenpräsenz noch nicht optimal. Zwar beherrschen die jungen Männer alle Rockstarposen, aber die Fähigkeit ein Publikum mitzureissen, konnte man hier und heute höchstens ansatzweise erkennen.



Und es gab noch ein Problem: ich kannte die Mehrheit der Stücke nicht, denn die meisten Sachen stammten vom Neuling Go To School, ein Album, das als Rockoper (Hilfe!) bezeichnet wird und in Deutschland zum Zeitpunkt des Festivals noch gar nicht erschienen war. Wie man lesen kann geht es inhaltlich um die Geschichte eines Schimpansen...



Nach dem Ende des Konzerts der Lemon Twigs rannte ich rüber Richtung Spiegeltent zu Marlon Williams, ging jedoch nicht rein, sondern hörte und sah mir draussen das Konzert auf der Leinwand an. Marlon, der mit seiner neuseeländischen Landsfrau Aldous Harding liiert war, die letztes Jahr an gleicher Stelle auftrat, wird in Europa immer bekannter. In den nächsten Jahren hat er sicherlich das Zeug zum Headliner mittelgrosser Festivals, aber beim Haldern 2018 musste er sich mit dem Zelt begnügen. Wenn ich ehrlich bin, gefiel mir sein Auftritt in musikalischer Hinsicht nur so halb. Es war mir alles ein wenig zu bluesig-soulig, zu theatralisch, zu effektheischend. Die Stücke die überwiegend von Make Way for Love stammten, kannte ich zudem nicht richtig. Ich hatte ihn zwar 2017 live in Paris gesehen, aber davon war nicht so viel hängen geblieben. Der gutaussehende, charismatische, gross gewachsene junge Musiker spielt neben eigenen Sachen auch immer Cover, auch heuer in Haldern war das so. Dieses Mal waren das Carried Away von Barry Gibb, First Time I Ever Saw your Face von Roberta Fleck als Opener und Portrait of a Man von Screamin' Jay Hawkins als Closer.



Nach Marlon Williams ging ich rüber auf die Hauptbühne um mir ein wenig Gisbert zu Knyphausen und seine Band anzusehen. Da ich seit 16 Jahren in Paris wohne, habe ich so gut wie nie die Gelegenheit deutsche Musiker wie Gisbert live zu sehen. Wenn dann passiert das meistens in Haldern. So wie 2008, 2011 und nun eben 2018.

Ich schätze die Musik des Hessens, mag auch seine Stimme. In seiner Diskografie kenne ich mich allerdings nicht gut aus. In den Weihnachstferien 2017 habe ich allerdings in einem grossen Plattenladen in Berlin gesehen, dass er eine neue Platte namens Das Licht dieser Welt herausgebracht hat.



Positiv aufgefallen ist bei mir davon beim Haldern 2018 Unter dem hellblauen Himmel. Eine heiter- melancholische Ballade, bei der sogar das Wetter mitspielte und ... ja genau!, einen hellblauen Himmel freilegte! Lustigerweise waren Gisbert und seine komplette Band ganz in schwarz gekleidet, wie im übrigen später auch Kettcar.

Erwähnen möchte ich auch Cigarettes & Cigarettes. Diesen englischen Song spielte der Weinliebhaber sowohl auf der grossen Bühne als auch in einer charmanten Akustiksession, die man sich beim WDR angucken kann.

Als vorletztes Stück hörten wir Neues Jahr, ein wunderbar warmes und sentimentales Lied mit herrlicher Trombone in Element Of Crime Manier (oder Sophie Hunger Manier?), die die Zuschauer zum Johlen brachte. Das Finale des Liedes war sehr rockig und fulminant.



Mit viel Dampf wurde dann zum Abschluss auch noch Das Leichteste der Welt gespielt, ein Uptempo Song mit toller Melodie, witzigen Textzeilen ("jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheisse verpackt") und fetzigen Gitarren, zu dem das Publikum sehr gut mitging und tanzte. "Rock'n' Roll" waren die letzten gesungenen Worte von Gisbert und zumindest teilweise war es das Ganze musikalisch auch, wobei mir die ruhigen Momente des Sets fast am besten gefielen.


Noch energischer waren später (20 Uhr 45) King Gizzard and The Lizard Wizard auf der Hauptbühne. Kein Wunder, den sie hatten gleich zwei sich gegenüber sitzende Drummer dabei, die mächtig Dampf machten! 7 Leute auf der Bühne, darunter der Sänger mit Metallica T-Shirt beballerten das Publikum mit psychedelischen Rocksongs, die visuell mit knallbunten, hypnotischen Videos untermalt wurden.

Eine Band die weltweit klar auf dem aufsteigen Ast ist, obwohl kaum einer ihrer Diskografie folgen kann. Wieviele Alben haben die allein 2017 rausgehauen? 5! Kann so was überhaupt sein? Bei dieser Band scheint alles möglich!



Zumindest kannte ich immerhin Rattlesnake. Ihr vielleicht direktestes Stück mit kratzigen Gitarren und einem smarten Refrain. Ein Indiehit. Wir werden von der Band in den nächsten Jahren sicherlich noch einiges hören.

Konzentrieren möchte ich mich nun aber erst einmal auf das Geschehen im Mirrortent, denn dort war das Programm an jenem 11. August besonders gut.


Die Amerikanerin Phoebe Bridgers hatte ein Set von 20 Uhr bis 20 Uhr 45. Entdeckt im Vorprogramm von Bright Eyes und auch von Ryan Adams sehr gelobt, war die blonde Gitarristin bereits 2017 in Europa in kleinen Clubs unterwegs und 2018 nun also erfreulicherweise in Haldern.



Sie trat mit Band auf, zu der auch eine blonde Bassistin gehörte, die neu hinzugestossen war. Der alte Basser Christian Lee Hutson war amüsanterweise auch beim Haldern 2018 dabei, allerdings in der Band von Jenny Lewis. Da Jenny schon früher mit ihrem Set auf der Hauptbühne durch war, hatte der Basser die Zeit ein Stück a' cappella zusammen mit Phoebe anzustimmen, ein witziger Zufall, der alle zum Schmunzeln brachte.



Gelacht wurde ansonsten eher selten, denn die Stücke von Bridgers waren allesamt ziemlich düster und trieben ein paar sensiblen Zuschauern gar Tränen in die Augen (ich übertreibe nicht). Schnulzig wurde es dennoch nie, dafür sorgte schon Bridgers mit ihrer ehr trockenen, selbstironischen Art.



Interessant, dass sie mich mit ihren Sonst fesseln konnte, denn die musikalisch nicht weit entfernte Julien Baker beispielsweise ist gar nichts für mich, warum auch immer. Oft schwer zu erklären warum man eine Singer-Songwriter bewegend findend und eine andere nur seicht.

Phoebe Bridgers war auf jeden Fall überzeugend und ich hatte das Gefühl, dass fast jeder im Spiegelzelt ihrem Auftritt viel abgewinnen konnte, die gerührten Gesichter und der warme Applaus sprachen dafür.



Einen musikalisch und bühnentechnisch ganz anderen Auftritt als Phoebe legte die Australier Amyl & The Sniffers danach hin. Die blonde Frontfrau Amyl Taylor und ihre Männerband rockten im Siebziger Jahre Stil, als Gruppen wie Girl School, Blondie und Suzi Quatro angesagt waren. Auch optisch passte die Band in diese Zeit. Jeans mit Schlag und Männer mit Vokuhila Frisuren, wie seinerzeit in der deutschen Fussballnationalelf.


Aber die Masche kam bei den Leute an, schon ziemlich am Anfang des Sets crowdsurfte Amyl über die Köpfe der johlenden Menge hinweg und sang trotzdem weiter. Vom Gaspedal gingen die Aussies dann auch nicht mehr runter und am Ende tanzte das ganze Zelt mit.

Amyl ist 'ne Rampensau, aber musikalisch war es mir doch ein wenig altbacken.

Das Spiegeltent hatte an jenem Sonntag noch mehr zu bieten. Ich denke da im Besonderen an die aufstrebenden Australier Rolling Blackouts Coastal Fever.



Der Fünfer aus Melbourne performte in Haldern seinen ersten Longplayer Hope Downs, der bei dem renommierten Indie Label Sub Pob im Juni 2018 erschienen war. Ein Album voller Hits, von Anfang bis Ende.


Seit den glorreichen Go-Betweens, mit denen die Band auch oft verglichen wird, hat wohl kaum eine Formation aus Australien so viele catchy Lieder auf ein Album gepackt. Alle sind sie rasant schnell, melodienverliebt und auf den Punkt gespielt und bei dem Halderaner Publikum zündeten sie direkt.

Interessant ist, dass wir hier von einer Band sprechen, die 3 verschiedene Sänger hat. Fran Keane, Tom Russo, Joe White, all diese 3 hatten ihre eigene Vocalparts und spielten auch Gitarre und nur Drummer Marcel Aussie und Basser Joe Russo blieben stumm.


Die Zeit verging wie im Fluge, kein Wunder bei solch starken Songs wie Talking Straight und Bellarine, oder auch French Press und Sick Bug, die von der EP The French Press stammten.

Wir werden noch viel von den Aussies hören, dessen bin ich mir sicher. Und in Haldern sehen wir sie höchstvermutlich in den nächsten Jahren auf der Hauptbühne wieder.



Inzwischen war es in Haldern bereits nach 23 Uhr. Das Festival neigte sich bereits wieder dem Ende zu, aber Kettcar hatten noch einen attraktiven Slot und nutzen diesen auch, um das Publikum zu begeistern. Kettcar sind ja so eine Band, die jeder sympathisch findet, weil sie keine Allüren haben und bodenständig wirken und man nahm es ihnen sofort ab, dass das Haldern Pop für sie dieses Jahr eine Priorität im Terminkalender war. Sänger Marcus Wiebusch lobte die Veranstalter und das fachkundige Publikum und sagte in Anlehnung an den Spruch von Frank Sinatra gar: "wer es in Haldern schafft, schafft es überall".



Witziger fand ich allerdings noch, dass er uns eine Anekdote von seinem Jugendschwarm Karen Schulz erzählte, die damals als Marcus 17 war, beim Tennisturnier am Hamburger Rothenbaum jobte. Marcus war verknallt in das Mädel, doch Karen liess sich zu Marcus riesiger Enttäuschung zu Boris Becker auf sein Hotelzimmer einladen, was Marcus rückblickend mit den trockenen Worten kommentierte: "hätte sie mal mich genommen, keine Schulden, ausgeglichenes Konto, hätte sie alles haben können!"

Liedertechnisch gab es einen bunten Mix aus Stücken vom letzten Album Ich vs. Wir und alten Klassikern wie Deiche und Landungsbrücken raus und das Ganze gefiel mir richtig gut. Ich genoss es mal qualitativ gute deutsche Musik live zu hören, eine Sache die mir in Paris nie möglich ist.

Die Ehre, den letzten Festivaltag auf der Hauptbühne zu beschliessen, hatte eine englische Band, die Sleaford Mods.



Auf die hatte ich ich riesig gefreut, obwohl ich sie in Frankreich schon ein paar Mal gesehen hatte und zusätzlich auch noch auf dem wundervollen Green Man Festival in Wales.



Diejenigen, die in Haldern das Glück hatten, die Working class heroes" aus Nottingham, also Jason Williamson (Gesang) und Andrew Fearn (Keyboards), zum ersten Mal live zu erleben, waren schnell aus dem Häuschen und konnten sich oft vor Lachen nicht mehr einkriegen! Jason lief wie ein Gockel über die Bühne, hielt sich gekrümmt und kratzte sich am Sack (wirklich jetzt), während Andrew kappetragend nur rumstand und Bier aus der Flasche soff. Jason schrie wie ein gequältes Ferkel, hatte im Nu einen knallroten Kopf und lief immer im Kreis, während Andrew hinten immer nur ein wenig mitwippte.  Bissige, zynische Texte über das Leben der britischen Fabrikarbeiter wurden fast rappenderweise vorgetragen, aber die Sleaford Mods kamen nie moralisierend und belehrend rüber, weil sie "keinen Bock haben wie Bono zu werden" (so Williamson in einem Interview).

Musikalisch erinnerte das Ganze oft an Mark E. Smith und The Fall, an seinen nörgeligen Gesang, seine genervte Attitüde und seinen minimalistischen Post Punk, wobei die Sleaford Mods vergleichsweise elektronischer sind und nicht als Gitarrenband zählen können.

Obwohl noch nicht ewig lange auf grösseren Bühnen unterwegs, ist die recht "neue" (oder besser vom Mainstream neu entdeckte) Band in einer auf Jugend getrimmten Musikszene steinalt. Williamson ist Jahrgang 1970, während ein Alex Turner von den Arctic Monkeys 1986 geboren wurde und mit seiner Gruppe schon seit 2005 bekannt ist. Aber sicherlich führt gerade diese Reife dazu, dass die Nottinghamer die nötige Distanz zur Szene haben und deswegen auch den Musikmarkt ungeniert beleidigen können.

Gespielt wurden Songs quer durch den Garten der Diskografie, natürlich mit einem Schwerpunkt auf dem aktuellen Album "English Tapas". Mein Liebling im Set stammte aber nicht von diesem Werk. Er hiess Jolly Fucker und war mit Schimpfwörtern nur so gespickt.

Insgesamt glänzende Unterhaltung, trotz aller Sozialkritik, und ein Publikum, dass auf seine Kosten gekommen ist. Headlinerrolle gut gespielt die Herren!

Setlist:

01: Army Nights
02: Stick In A Five And Go
03: Moptop
04: Just Like We Do
05: Dull
06: Giddy On The Ciggies
07: TCR
08: Bang Someone Out
0: Routine Dean
10: Jolly Fucker
11: You're Brave
12: Drayton Manored
13: B.H.S.
14: Fizzy
15: Tweet Tweet Tweet

Haldern, wir sehen uns 2019 wieder! Tschüss!



Montag, 20. August 2018

Kettcar, Haldern Pop Festival 2018,11.08.2018,

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Konzert: Kettcar
Ort: Haldern Pop Festival 2018
Datum: 11.08.2018
Dauer: 75min
Zuschauer: ca.6.000



Das Comeback von Bands mag ein nicht enden wollender Trend sein. Bei Kettcar war er folgerichtig und großartig. 

Das neue Album ist ein Triumph, sowohl musikalisch als auch in seinem Mut zur Veränderung der Perspektive und Aussagekraft. Die Direktheit der Texte bezog sich bei Marcus Wiebusch ja seit Kettcar-Zeiten fast immer nur auf die Gefühlswelt des Einzelnen. Jetzt sind die Betrachtungen eher von Außen und spiegeln die Gesellschaft. 



Somit war der Headliner-Spot beim diesjährigen Haldern-Pop-Festival keine besondere Überraschung und folgerichtig. Fast jeder hier dürfte Kettcar in den letzten 12 Monaten bereits live gesehen haben, so viele Club-/Hallen-/Festival-/Secret-und Headlinerkonzerte haben sie bereits gespielt.



Zuletzt sah ich sie im Gloria in Köln mit dem kompletten, neuen Album und war sehr angetan. An diesem lauen Sommerabend in Haldern hatte ich mir allerdings etwas mehr erwartet. Die Band scheint immer noch mit vielen neuen Songs zu hadern, traut ihnen nicht das volle Potential zu, das viele im Publikum längst erkannt haben.



"Sommer`89" wird immer noch im vorderen Drittel platziert, obwohl ich keinen Menschen kenne, der diesen Song nicht als Zugabe feiern möchte. Auch "Abflughalle" verpufft in der Mitte des Sets. Irgendwie hat man immer den Eindruck, die Band stehe gleichzeitig auf Gas und Bremse, wie ein verunsicherter Fahrschüler. Warum das so ist, keine Ahnung.

So beraubt man sich auf einer langen Tour selber der Spielfreude und irgendwie merken dies auch die Zuschauer. Vieles klingt wie auf Platte, anderes ist weiterhin großartig. Der Wiebusch-Solosong "Ein Tag wird kommen" ist der Anker im Set. Endlich nimmt sich die Band Zeit für eine ausufernde Version. Anstatt aber, wie am Mittag beim grandiosen Auftritt der Labelkollegen von "Fortuna Ehrenfeld", hier die echten Bläser des Festivals einzufordern, bleibt es bei der Keyboardversion. 



Genug gehadert, natürlich ist ein Konzert von Kettcar toll. Die Band spielt alle Hits, jeden Abend und versteht sich vielleicht eher als Dienstleister. Für eine lange Zukunft, die diese Band verdient hat, sollte aber der Blick nach vorne immer wichtiger sein, als die Reproduktion des bisherigen Werkes. 



Wenn Kettcar diesen Wechsel der Perspektive nicht nur auf Platte sondern auch live spüren lassen würden, wäre der Abend vielleicht nicht so perfekt, aber noch großartiger, für beide Seiten.

Fotos: Denis Schinner
https://desc-photography.com/#  



Freitag, 26. Januar 2018

Kettcar, Köln, 28.11.2017

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Konzert: Kettcar
Ort: Köln, Gloria Theater
Datum: 28.11.2017
Dauer: ca. 100min
Zuschauer: ca.650 ausverkauft


Kettcar sind zurück. Wer hätte schon erwartet, das die Band um Sänger Marcus Wiebusch ihr bestes Album ausgerechnet nach so einer langen Pause veröffentlichen würden. Ein fast perfektes Album, das zurecht viele Bestenlisten des Jahres 2017 anführt.

Ich selber hatte die Band vor Jahren (nach einem für mich enttäuschenden Auftritt im Düsseldorfer zakk) aus den Augen verloren und war daher schon bei der Abschiedstour auf dem Haldern Pop Festival 2013 überrascht, das diese schlechte Konzerterfahrung wohl eher dem damaligen Publikum als der Qualität der Band geschuldet war.

Somit war die Vorfreude auf das kurzfristig anberaumte Clubkonzert im Kölner Gloria groß. Etwas schade für die Fans, die bereits im zuvor angekündigten VVK für das riesige Palladium im Februar zugeschlagen hatten. 


Hier im kleinen Rahmen sollte jedoch das neue Album zur Gänze präsentiert werden. Bleibt die Frage, welche neuen Songs die Band bei ihren zukünftigen Konzerten überhaupt weglassen sollte. Die neuen Songs fügen sich perfekt zu den alten Hits, sind aber im Aufbau und  der Textschärfe allesamt besser als das Frühwerk. 

Band, Publikum und Songwriting sind erwachsen geworden. Die Art von Wiebusch, persönliche Texte (mit der Gefahr von Floskeln und Parolen) zu verfassen, ist mutig und hier fast gänzlich gelungen. 

Nach vier alten Gassenhauern (darunter ein tolles, halb-akustisches "48 Stunden") beginnt der Full-Album teil chronologisch mit "Abflughalle", dem vielleicht schönsten Song des Albums.

"Sommer 89" strahlt weiterhin, bedarf in der Live-Version allerdings höchster Konzentration und wirkt daher etwas steif. Ansonsten aber ist es ein großartiger Abend in Kölns vielleicht schönster Location (das Gloria ist ein altes, renoviertes Kino). 

Die Band glüht vor Spielfreude und am Ende werden dann doch noch fast alle älteren Hits aus der Schublade gekramt. War gar nicht nötig, aber toll. 


Abgerundet wird der Abend  von der besten deutschen Support-Band in 2017: Fortuna Ehrenfeld. Bandleader Martin Bechler schlurft im Bademantel und Bärenpantoffeln incl. Rotweinflasche auf die Bühne und wird von zwei blutjungen Musikern an Schlagzeug und Keyboard begleitet.

Skurrile Song-und Textzeilen, gepaart mit verrückten Anekdoten zwischen den Songs geraten zum Triumph. Kein Gerede, kein Gerenne zur Bar, das muss man als Vorband erstmal schaffen. Klarer Tipp für 2018: Fortuna Ehrenfeld !!. 

Das Konzert im Kölner Palladium am 03.02.2018 ist bereits ausverkauft. Fortuna Ehrenfeld werden die auch diese Tour eröffnen.

Kettcar sind auch bereits für das Haldern Pop Festival im August bestätigt.

Fotos: Michael Graef 


Sonntag, 21. Juli 2013

Kettcar, Karlsruhe, 19.07.2013

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Konzert:Kettcar
Ort:Günther-Klotz-Anlage, Karlsruhe (Das Fest)
Datum:19.07.2013
Dauer:73 Minuten
Zuschauer: tausende




Mit Kettcar wurde ich lange nicht richtig warm, ich hielt die Texte für Befindlichkeitskitsch, ohne mich eingehend damit auseinanderzusetzen. Mochte die Ausstrahlung Marcus Wiebuschs nicht und überhaupt erschien mir die ganze Band zu farblos. Bis ich feststellte, dass ich falsch liege, dauerte es Jahre. Umso offener, gebe ich meinen Irrtum heute zu und sage gleich zu Beginn, dass mir Kettcar in der angekündigten Bandpause sehr fehlen werden. 
An Gelegenheiten, die Hamburger Band um die Grand Hotel van Cleef – Gründer Marcus Wiebusch (Gitarre und Gesang) und Reimer Bustorff (Bass) zu sehen, mangelte es in der Vergangenheit freilich nicht, dennoch verpasste ich Kettcar immer wieder, sodass ich mir den Auftritt beim Fest in Karlsruhe fest im Kalender markierte. 


Nach dem Auftritt Triggerfingers stehen Bustorff, Wiebusch, sein Bruder Lars (Keyboards), Erik Langer (Gitarre) und Christian Hake (Schlagzeug) dem dicht besetzten Hügel in der Günther-Klotz-Anlage gegenüber, „Die Deiche brechen richtig oder eben nicht, Kettcar, Hamburg!“, als Charismatiker ist Marcus Wiebusch sicherlich nicht bekannt, dennoch ist „Deiche“ zu Beginn die perfekte Wahl. 

Cool wollten Kettcar nie sein, der Schwerpunkt soll auf der Musik und den Texten liegen, nicht auf einer Haltung, chicen Frisuren oder Posen. Die Songs sprechen für sich, da ist es ganz egal, dass die Setlist selten variiert wird, Marcus Wiebuschs Ansagen fast immer die gleichen sind. Wer mit dem Triumvirat aus „Deiche“, „Kein Außen mehr“ und „Graceland“ ein Konzert eröffnen kann, weiß, wie man das Publikum auch auf einem Festival für sich gewinnt. „Lieber peinlich als authentisch / Authentisch war schon Hitler / Jetzt wollt ihr wieder Klarheit / So was wie ne Wahrheit / Eine Coca-Cola Wahrheit“, „Kein Außen mehr“ vom 2008er Album „Sylt“ wird um mich herum tatsächlich textsicher mitgesungen. Die Fangemeinde folgt auch auf die Festivals, weiß, was sie an der Band hat. Ohnehin sei das Verhältnis zu Karlsruhe ein besonderes, merkt Marcus Wiebusch mit sonorer Stimme an; „Es ist unser neuntes Konzert hier. Nirgends haben wir häufiger gespielt, außer in Hamburg“.

Kurze Schilderungen zur Entstehung und dem Inhalt einzelner Lieder gehören bei der Formation aus dem Umfeld der Hamburger Schule, zu der sie keinesfalls gezählt werden möchte,  zu den Konzerten genauso dazu, wie der begrenzte Bewegungsradius Marcus Wiebuschs. Immer ein wenig tapsig hinter dem Mikrophon stehend, leicht gebückt, scheinbar riesengroß wirkte er in Videos immer wie der der unsichere Bruder Carsten Friedrichs ohne Ausstrahlung. In Karlsruhe erkenne ich, dass ich auch hier falsch liege. Wiebusch hat ein eigenes Charisma, eine sanftmütige Ausstrahlung, die seine außerordentlich guten Texte nur zusätzlich betonen. Die Haare sind grauer geworden, wie Dirk von Lowtzow stehen sie ihm gut, die hellen Strähnen.
 Manchmal entstünden Songs aus Kleinigkeiten wie dem Bild leerer Flaschen auf dem Balkon, kündigt er „Balkon gegenüber“. Die subtile Alltagsbeobachtung des Hamburgs ist ergreifend, während seine Mitmusiker das Phänomen Kettcar mit ihrem Spiel entschlüsseln: Lars Wiebusch und Reimer Bustorff singen immer wieder mit, Burstorff hat den größten Bewegungsdrang in der Gruppe, pendelt vor und zurück. 
Festival bedingt gemischt ist das Publikum, im Vorfeld machte ich mir Gedanken, wie Kettcar wohl bei den Leuten ankommen werden, die nur wegen den Sportfreunden Stiller hier sind und diese für die lyrische Perfektion deutscher Popmusik halten. 


Neben zahlreichen Kettcar-Fans ist die Menschenmenge durchsetzt von gelangweilten und genervten Gesichtern. Als Wiebusch nach dem wundervollen „48 Stunden“ als nächsten Song „Der apokalyptische Reiter und das besorgte Pferd“ vom aktuellen Album „Zwischen den Runden“ ankündigt, wir das neben mir höhnisch lachend kommentiert: „Ich kenn' eine geile Band die apokalyptischen Reiter. Dagegen ist das hier der größte Scheiß!“ Genau deswegen nerven mich große Festivals immer wieder.  
Doch auch Leute, die man auf den ersten Blick nicht für Sympathisanten der Band oder gar Fans halten würde, tanzen zu den Songs der Hamburger. Als erster Höhepunkt des Sets angekündigt, folgt mein liebster Kettcar Song „Balu“, der in seiner ruhigen Feinfühligkeit, prägnanten Wortwahl und der grandiosen Schlussstrophe „Vergiss Romeo und Julia / Wann gibt's Abendbrot? / Willst du wirklich tauschen / Am Ende waren sie tot / Ich werd immer für dich da sein, / Bist du dabei? / In dem Gefühl wir wären zwei“ meines Erachtens zu den schönsten Liebesliedern deutscher Sprache zählt und der glänzende Moment des großartigen „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“, auf dem auch Ben Schadow Bass spielt, ist – und das obwohl es Perlen wie „Deiche“ oder „Bill Gates, Stockhausen und ich“ enthält, das mir auch heute in der geradlinigen Liveversion sehr zusagt. 

Wahre Liebe zeichne sich durch das, was man tue, nicht allein durch das, was man fühle aus, erklärt Wiebusch fast lehrerhaft als Ankündigung von „Rettung“, einem ungeschönten Liebeslied mit angedeuteten Erbrechen und physischen Abgründen, die letztlich egal sind.
Je näher das Ende des Konzerts rückt, desto deutlicher spürt man, wie sehr, wir Kettcar als eine der besten deutschen Indie-Pop-Bands des vergangenen Jahrzehnts schätzen müssen und vermissen werden. Seit der Veröffentlichung des wichtigen Debütalbums mit dem grammatikalisch fragwürdigen Titel „Du und wieviel von deinen Freunden“ ist Kettcar ein fester Platz in der Szene sicher. Songs wie „Ausgetrunken“, „Im Taxi weinen“ oder das ziemlich hart gespielte „Ich danke der Academy“ funktionieren heute noch genauso gut wie 2001, sodass große Teile der Karlsruher Zuschauerschaft mit hochgerissenen Armen tanzen und mitsingen: „Ich danke der Academy für das Erkennen von Talent!“ und „Solange die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende.“ Zum Abschluss folgen zwei Hamburg Songs; „Schrilles, buntes Hamburg“ mit dem mahnenden Mantra „Es muss immer alles komplett verwertet werden, / was komplett verwertet werden kann.“ bevor „Landungsbrücken raus“, der Song mit dem die Geschichte der Band Kettcar in der allgemeinen Wahrnehmung begann, den beeindruckenden Schlusspunkt eines tollen Konzerts setzt. 


Man wünscht Marcus Wiebusch Glück für seine angekündigte Solokarriere, während er die vertrauten Zeilen singt: „An den Landungsbrücken raus / Dieses Bild verdient Applaus“. Der Mann hat ja doch Ausstrahlung. Wirklich. "Der Name dieser Band ist Kettcar.", wir werden es nicht vergessen. 
Apropos Applaus, kurz darauf stehen Sportfreunde Stiller auf der Bühne, die ihre Single „Applaus, Applaus“ spielen, nachdem sie ihr Konzert mit der Zeile „Hey, hey, my, my, Selbstkritik will never die“ eröffneten. 
Morgen sehe ich Neil Young mit Crazy Horse in Stuttgart. Möge die Macht ohrenbetäubender Feedbackorgien, diesen bayrischen, den stümperhaftesten Versuch einer Hommage an ihn, den großen, alten Mann aus den kanadischen Bergen, aus meinen Gedächtnis tilgen. Am Besten für immer.



Setlist Kettcar, Karlsruhe:

01: Deiche
02: Kein Außen mehr
03: Graceland
04: Balkon gegenüber
05: 48 Stunden
06: Der apokalyptische Reiter und das besorgte Pferd
07: Balu
08: Money left to burn
09: Stockhausen, Bill Gates und ich
10: Rettung
11: R.I.P.
12: Ausgetrunken
13: Im Taxi weinen
14: Im Club
15: Ich danke der Academy
16: Schrilles, buntes Hamburg
17: Landungsbrücken raus


Links:
- aus unserem Archiv:
- Kettcar, Köln, 17.08.2012  
- Kettcar, Scheeßel, 24.06.2012
- Kettcar, Neu-Isenburg, 25.02.2012
- Kettcar, Bielefeld, 12.12.2010
- Kettcar, Hohenfelden, 16.08.2008
- Kettcar, Köln, 09.05.2008
- Sportfreunde Stiller, Köln, 12.12.2009
- Sportfreunde Stiller, Köln, 19.09.2007


Tourdaten Kettcar:

22.07.2013 A - Dornbirn, Conrad Sohm
03.08.2013 Stade, Müssen alle mit Festival
08.08.2013 Nürnberg, Serenadenhof
09.08.2013 CH - Basel, Open Air Basel
10.08.2013 Haldern, Haldern Pop Festival
27.09.2013 Hamburg, Reeperbahnfestival
28.09.2013 Berlin, Berlin Independent Night

Samstag, 18. August 2012

Kettcar & Olli Schulz, Köln, 17.08.12

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Konzert: Kettcar & Olli Schulz
Ort: Friesenplatz, Köln (gamescom Festival)
Datum: 17.08.2012
Zuschauer: sehr viele
Dauer: Kettcar knapp 70 min, Olli Schulz 40 min



Bis Sonntag findet in der Kölner Messe die weltgrößte Computerspiele-Messe statt. Eigentlich eine mir vollkommen fremde Welt, wäre da nicht das gamescom Festival, auf dem Freitag bis Sonntag je vier bis fünf (2012 ausschließlich deutsche) Künstler auf einer Openair-Bühne am Friesenplatz auftreten. Am Sonntag spielt Thees Uhlmann auf dem Ring, am ersten Tag waren es dessen Labelmates Kettcar als Headliner und Olli Schulz (dessen Debüt bei Grand Hotel van Cleef erschienen war).

Olli Schulz erschien zehn Minuten zu früh, musste aber noch Soundcheck machen und verteilte dabei Süßigkeiten. "Vor drei Jahren habe ich schon mal hier gespielt, da war ich so betrunken, daß ich vor dem Konzert sicher war, daß ich schon gespielt hatte." Heute sei er aber nüchtern. Am Unterhaltungswert des Auftritts änderte dies nichts, der in Berlin lebende Hamburger war wie immer in Erzählstimmung. Ich hatte ihn zuletzt im Mai in Mannheim gesehen, bin also auf dem neuesten Stand und kannte alle Geschichten schon. Egal, urkomisch war es trotzdem!

Leider fehlten einige Lieblinge im Set, Koks & Nutten, Mixtape oder Dann schlägt dein Herz. Olli Schulz hatte das aber angedroht. Weil es nichts kostet, würde er sich auch nicht so viel Mühe geben. Trotzdem - und trotz der Ansagen - konnte der Sänger nicht verbergen, was für große Songs er schreibt! Es war wieder ein großes Vergnügen, nicht zuletzt eben musikalisch.

Einen großen Auftritt hatte Mareike, die sich gemeldet hatte, mit Olli Wonderwall anzustimmen. Kompliment für ihren Mut! Patricia in Mannheim konnte zwar eine Spur besser singen, Mareike hatte sich die CD als Lohn "die backstage liegt, kannste ja schon mal hingehen" trotzdem sehr verdient.

Setlist Olli Schulz, gamescom Festival, Köln:

01: Schrecklich schöne Welt
02: Spielerfrau
03: H.D.F.K.K.
04: Unten mit dem King
05: Die Ankunft der Marsianer
06: Wenn es gut ist
07: Wonderwall (Oasis Cover mit Mareike)
08: Song ohne Grund
09: Bettmensch
10: I was made for loving you (Kiss Cover)

Der anschließende Auftritt von Kettcar (ohne den von Olli Schulz versprochenen Kampf zwischen Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff verkleidet als Beast und Drachentöter) litt zunächst unter miesem Sound. Alles klang schrecklich dumpf, wie unter einer Abdeckfolie. Ein Festivalproblem, nach Olli Schulz blieben nur 30 min, die offenbar nicht ausreichten, alles auf Anhieb glasklar hinzubekommen. Mit der Zeit wurde der Klang aber deutlich besser, kein Grund am Gratisprogramm weiter rumzumäkeln.

Das Publikum schien zum großen Teil wegen der Bands da zu sein (was doof klingt, bei einem Gratiskonzert mitten in der Stadt aber nicht selbstverständlich ist), um uns rum sang alles mit (die Leute hinter uns zwar nur in den Pausen ihrer gegenseitigen Geschichten über ihren coolen Studien - aber immerhin). Das gamescom Festival scheint also keine klassische Rahmenveranstaltung der Messe zu sein, zu der die Gamer abends als Ausgleich gehen. Es ist eine schöne Musikveranstaltung, die die Messe-Macher bieten, wird aber offenbar vor allem von Musikfreunden genutzt. Die Messebesucher haben dafür ohnehin keine Zeit, weil sie drei Stunden auf Campingstühlen warten, um irgendein Spiel zehn Minuten zu spielen, erklärte der Kettcar-Sänger, der vorher auf der Messe gewesen war. Was er über die zwischenmenschlichen Erfahrungen von "399.000 der 400.000 Besucher" verriet, sollten wir überhören. Erledigt. Die Veranstaltung sei schließlich top organisiert von den Leuten "die uns gleich bezahlen."

Das Festival war es jedenfalls. Am Samstag spielt Der König tanzt, Sonntag neben Thees Uhlmann noch die gehypten Vierkanttretlager, es wird also wirklich viel geboten! Wobei das sympathische Understatement von Marcus Wiebusch, Kettcar spielten gerne am ersten Tag, "dann habt ihr die besten Bands noch vor euch" natürlich Unsinn ist.

Kettcar spielten eine Sammlung von Hits aller Studioalben. Wie während der Clubtour im Februar ist Balu nicht mehr letzte Zugabe. "Da gehen die Machomänner immer raus. Ihr könnt jetzt Bier holen gehen!" Es verließen drei davon - die Bühne - die beiden Wiebuschs spielen Balu alleine, und vier Machofrauen in meiner Nähe den Innenraum. Das Konzept scheint nicht zu klappen, Landungsbrücken als letzte Zugabe ist aber sicher auch unabhängig von Macho-Reaktionen die bessere Wahl.

Knapp 70 min spielten die Hamburger. Um zehn muß in der Heimat der Rechtschutzversicherten schließlich Schluß sein. Der Abend hat Spaß gemacht, auch wenn ich mich dadurch nicht mehr für Computerspiele interessiere. Aber ich hätte nichts dagegen, wenn auch andere Messen solche Festivals veranstalteten. Anuga, IAA, Eisenwarenmesse oder Venus, wäre das nichts?

Setlist Kettcar, gamescom Festival, Köln:

01: Rettung
02: Deiche
03: Kein Außen mehr
04: Graceland
05: Balkon gegenüber
06: Der apokalyptische Reiter und das besorgte Pferd
07: Balu
08: Money left to burn
09: Im Club
10: 48 Stunden
11: R.I.P.
12: Stockhausen, Bill Gates und ich
13: Im Taxi weinen
14: Ich danke der Academy

15: Ausgetrunken (Z)
16: Landungsbrücken raus (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Olli Schulz, Mannheim, 18.05.12
- Olli Schulz, Bad Homburg, 20.01.12
- Olli Schulz, Köln, 22.08.10
- Olli Schulz, Köln, 22.01.10
- Olli Schulz, Köln, 29.04.09
- Olli Schulz, Köln, 19.02.08
- Kettcar, Hurricane-Festival, 24.06.12
- Kettcar, Neu-Isenburg, 25.02.12
- Kettcar, Bielefeld, 12.12.10
- Kettcar, Highfield, 16.08.08
- Kettcar, Köln, 09.05.08

Fotos folgen!





 

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