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um
19:49
Konzert: Sea & Air
Ort: Karlsruhe Das Fest - Feldbühne
Datum: 21. Juli
Dauer: 90 min
Zuschauer: etwa 1500
Autsch war das wieder eine Achterbahnfahrt der Gefühle: Sea & Air in Karlsruhe bei Das Fest - bequemer kann man es ja nicht haben (in Karlsruhes schönster idyllischer Ecke, umsonst und draußen nämlich). Dann waren aber Freitag und Samstag die Fotos in der Zeitung, die mir wieder deutlich in Erinnerung riefen, wieso Das Fest mich eigentlich total abschreckt. Nix spektakuläres oder schlimmes - nur sehr, sehr viele (nämlich pro Tag etwa 80.000) Menschen, die sich in der Hitze aneinander vorbeischieben und sich dicht an dicht drängen. Und der Sonntag hatte es ganz besonders in sich: Selbst in meinem grünen Baumschattenreich kam ich mir vor wie ein Schnappkarpfen, der es im Schatten nur gerade so aushielt. Mir war die ganze Freude auf Sea & Air vergangen und hätte ich nicht Besuch dagehabt, mit dem wir den Konzertabend schon fest auf den Plan gesetzt hatten, ich hätte wahrscheinlich gekniffen. Und das wäre verdammt schade gewesen!

Wie die Fotos hier vielleicht andeuten, war es nämlich ein rundum schönes Konzerterlebnis. Beim losfahren kurz vor 19 Uhr fing die Tageshitze endlich an nachzulassen. Wir parkten unsere Fahrräder, schoben uns am Gebrüll von Gentleman (*) hinterm Hügel vor der Hauptbühne vorbei und landeten schließlich ziemlich zielgerichtet (weil sich mein weitgereister Besuch auskannte!) zum noch laufenden Soundcheck vor der Feldbühne im Schatten zwischen lauter tiefenentspannten Leuten. Sehr nett, wenn einem noch im hinsetzen ein Gruß von der Bühne zugewinkt wird...
Eleni und Benjamin hatten auf der Fahrt Pech gehabt - das Auto war unterwegs verschieden und es musste schnell ein Mietwagen her. Aber das ließen sie sich natürlich nicht anmerken. Beim Soundcheck gab es mehrere rockige Einlagen um zu testen ob alles sitzt. Das provozierte Applaus, der aber von der Bühne her abgeleht wurde: Lest mal Euren Knigge - beim Soundcheck schon klatschen ziemt sich nicht.
Schließlich war endlich alles so, wie es sein sollte und 19:45 Uhr begann der Auftritt von Sea & Air mit dem Ritual: Eingespielte Streichmusik, gegenüber aufstellen, ansehen, Streichhölzer anzünden, verneigen und auf die Plätze gehen. Feierlich durften die Glocken klingen. Sofort herrschte gespannte Aufmerksamkeit vor der Bühne.
Das erste Stück Take me for a ride war diesmal betont langsam und wirkte auf mich noch etwas unsicher. Aber die Befürchtungen meinerseits, dass das mit der großen Bühne vielleicht doch nicht so gut funktioniert, wurden anschließend komplett zerstreut: Daniel und Eleni zeigten ihre Entertainerqualitäten und nahmen das Publikum damit komplett für sich ein. Geflüsterte Ansagen vom hot sexy dance song vor Do animals cry gaben echte Gluckslacher und natürlich gab es wieder eine ordentliche Rockereinlage an allen Instrumenten und anschließend johlenden Applaus.
Als anschließend der Umbau ein bisschen länger dauerte und das Publikum drohte darüber unruhig zu werden, kriegten die Dreckbadenser die Aufgabe das Badener Lied zu singen. Das funktionierte gar nicht so schlecht. Als weitere Anweisung gab es anschließend buht uns nach dem Stück einfach aus! (als Rache für die Beschimpfung als Drecksbadenser). Aber nachdem wir alle so schön innig "uhhhhh" mitgesungen hatten als Backvocals bei Save me from harm wurde das mit dem ausbuhen nicht so recht überzeugend.

Emotionaler Höhepunkt für mich wurde Yeah I know. Als Daniel bei Dirty love zunächst einen Fehlstart hatte, rief er dem verpatzten Moment im breitesten sächsisch hinterher das war geil - soll ich das nochmal machen? Und grinst wie ein Lausbub. So zieht man Lacher aus dem eigenen Missgeschick. Leider gab es natürlich keine Möglichkeit für das innige Sea after the storm, den Beat da hinten (von der Hauptbühne) mal auszuschalten, wie sich das Daniel wünschte. Als Rache stellten sie sich und dem Publikum die Aufgabe, mehr Facebook Freunde als die Söhne Mannheims zu kriegen (die inzwischen auf der Hauptbühne dran waren).

Das Ende des regulären Sets ist and diesem Abend Heart of the Rainbow in rasanter Rockerattitüde. Das anschließende begeisterte Klatschen mündete zum Glück in einer Zugabe. Diese begann mit einer langen vertrackten Geschichte, die schließlich in die Aufgabe mündete, mit den Schlüsselbunden einen Syrtaki-Rhythmus zu übernehmen, was prima klappte. Sage noch einer, die Karlsruher hätten den Rhythmus nicht im Blut! Ein traumhafter Abschluss dieses wunderbaren emotionalen Abends bildete schließlich mein Lieblingslied You are.
Das Konzert hat vielen gefallen, denn der Merchstand blieb lange dicht umlagert. Nun ist die nächste Aufgabe, in Erinnerung an den wunderbaren Auftritt bei Das Fest auch am 3. Oktober das Jubez in Karlsruhe ordentlich zu füllen!
Im zurückgehen über das Gelände der Günther-Klotz-Anlage musste ich zugeben, dass der Fleischberg unterm aufgehenden (fast) Vollmond schon magisch aussieht. Dort vor der Hauptbühne stehen will ich trotzdem immer noch nicht so gern.
(*) Gentleman hat nicht gebrüllt, aber es wurde wieder so sehr verstärkt, als sollte niemand in Karlsruhe den Auftritt verpassen. Sogar im Schallschatten hinter dem Hügel auf dem die Zuschauer stehen und auf die Bühne schauen, brauchte man Hörschutz.
Setlist:
01: Take me for a ride
02: You and I
03: Do animals cry
04: Mercy Street
05: You don't care about me
06: Safe from harm
07: Yeah I know
08: Dirty love
09: Sea after the storm
10: Heart of the rainbow
11: You are (Z)
Aus unserem Archiv:
Sea & Air, Mannheim, 1. Juni 2013
Sea & Air, Köln, 24.10. 2012
Sea & Air, Darmstadt, 03.03. 2012
Mehr Fotos:
um
17:58
Konzert:Kettcar
Ort:Günther-Klotz-Anlage, Karlsruhe (Das Fest)
Datum:19.07.2013
Dauer:73 Minuten
Zuschauer: tausende
Mit Kettcar wurde ich lange nicht richtig warm, ich hielt die Texte für Befindlichkeitskitsch, ohne mich eingehend damit auseinanderzusetzen. Mochte die Ausstrahlung Marcus Wiebuschs nicht und überhaupt erschien mir die ganze Band zu farblos.
Bis ich feststellte, dass ich falsch liege, dauerte es Jahre. Umso offener, gebe ich meinen Irrtum heute zu und sage gleich zu Beginn, dass mir Kettcar in der angekündigten Bandpause sehr fehlen werden.
An Gelegenheiten, die Hamburger Band um die Grand Hotel van Cleef – Gründer Marcus Wiebusch (Gitarre und Gesang) und Reimer Bustorff (Bass) zu sehen, mangelte es in der Vergangenheit freilich nicht, dennoch verpasste ich Kettcar immer wieder, sodass ich mir den Auftritt beim Fest in Karlsruhe fest im Kalender markierte.
Nach dem Auftritt Triggerfingers stehen Bustorff, Wiebusch, sein Bruder Lars (Keyboards), Erik Langer (Gitarre) und Christian Hake (Schlagzeug) dem dicht besetzten Hügel in der Günther-Klotz-Anlage gegenüber, „Die Deiche brechen richtig oder eben nicht, Kettcar, Hamburg!“, als Charismatiker ist Marcus Wiebusch sicherlich nicht bekannt, dennoch ist „Deiche“ zu Beginn die perfekte Wahl.

Cool wollten Kettcar nie sein, der Schwerpunkt soll auf der Musik und den Texten liegen, nicht auf einer Haltung, chicen Frisuren oder Posen. Die Songs sprechen für sich, da ist es ganz egal, dass die Setlist selten variiert wird, Marcus Wiebuschs Ansagen fast immer die gleichen sind. Wer mit dem Triumvirat aus „Deiche“, „Kein Außen mehr“ und „Graceland“ ein Konzert eröffnen kann, weiß, wie man das Publikum auch auf einem Festival für sich gewinnt. „Lieber peinlich als authentisch / Authentisch war schon Hitler / Jetzt wollt ihr wieder Klarheit / So was wie ne Wahrheit / Eine Coca-Cola Wahrheit“, „Kein Außen mehr“ vom 2008er Album „Sylt“ wird um mich herum tatsächlich textsicher mitgesungen. Die Fangemeinde folgt auch auf die Festivals, weiß, was sie an der Band hat. Ohnehin sei das Verhältnis zu Karlsruhe ein besonderes, merkt Marcus Wiebusch mit sonorer Stimme an; „Es ist unser neuntes Konzert hier. Nirgends haben wir häufiger gespielt, außer in Hamburg“.

Kurze Schilderungen zur Entstehung und dem Inhalt einzelner Lieder gehören bei der Formation aus dem Umfeld der Hamburger Schule, zu der sie keinesfalls gezählt werden möchte, zu den Konzerten genauso dazu, wie der begrenzte Bewegungsradius Marcus Wiebuschs. Immer ein wenig tapsig hinter dem Mikrophon stehend, leicht gebückt, scheinbar riesengroß wirkte er in Videos immer wie der der unsichere Bruder Carsten Friedrichs ohne Ausstrahlung. In Karlsruhe erkenne ich, dass ich auch hier falsch liege. Wiebusch hat ein eigenes Charisma, eine sanftmütige Ausstrahlung, die seine außerordentlich guten Texte nur zusätzlich betonen. Die Haare sind grauer geworden, wie Dirk von Lowtzow stehen sie ihm gut, die hellen Strähnen.
Manchmal entstünden Songs aus Kleinigkeiten wie dem Bild leerer Flaschen auf dem Balkon, kündigt er „Balkon gegenüber“. Die subtile Alltagsbeobachtung des Hamburgs ist ergreifend, während seine Mitmusiker das Phänomen Kettcar mit ihrem Spiel entschlüsseln:
Lars Wiebusch und Reimer Bustorff singen immer wieder mit, Burstorff hat den größten Bewegungsdrang in der Gruppe, pendelt vor und zurück.
Festival bedingt gemischt ist das Publikum, im Vorfeld machte ich mir Gedanken, wie Kettcar wohl bei den Leuten ankommen werden, die nur wegen den Sportfreunden Stiller hier sind und diese für die lyrische Perfektion deutscher Popmusik halten.
Neben zahlreichen Kettcar-Fans ist die Menschenmenge durchsetzt von gelangweilten und genervten Gesichtern. Als Wiebusch nach dem wundervollen „48
Stunden“ als nächsten Song „Der apokalyptische Reiter und das besorgte
Pferd“ vom aktuellen Album „Zwischen den Runden“ ankündigt, wir das
neben mir höhnisch lachend kommentiert: „Ich kenn' eine geile Band die
apokalyptischen Reiter. Dagegen ist das hier der größte Scheiß!“ Genau
deswegen nerven mich große Festivals immer wieder.
Doch auch Leute, die man auf den ersten Blick nicht für Sympathisanten der Band oder gar Fans halten würde, tanzen zu den Songs der Hamburger.
Als erster Höhepunkt des Sets angekündigt, folgt mein liebster Kettcar Song „Balu“, der in seiner ruhigen Feinfühligkeit, prägnanten Wortwahl und der grandiosen Schlussstrophe „Vergiss Romeo und Julia / Wann gibt's Abendbrot? / Willst du wirklich tauschen / Am Ende waren sie tot / Ich werd immer für dich da sein, / Bist du dabei? / In dem Gefühl wir wären zwei“ meines Erachtens zu den schönsten Liebesliedern deutscher Sprache zählt und der glänzende Moment des großartigen „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“, auf dem auch Ben Schadow Bass spielt, ist – und das obwohl es Perlen wie „Deiche“ oder „Bill Gates, Stockhausen und ich“ enthält, das mir auch heute in der geradlinigen Liveversion sehr zusagt.

Wahre Liebe zeichne sich durch das, was man tue, nicht allein durch das, was man fühle aus, erklärt Wiebusch fast lehrerhaft als Ankündigung von „Rettung“, einem ungeschönten Liebeslied mit angedeuteten Erbrechen und physischen Abgründen, die letztlich egal sind.
Je näher das Ende des Konzerts rückt, desto deutlicher spürt man, wie sehr, wir Kettcar als eine der besten deutschen Indie-Pop-Bands des vergangenen Jahrzehnts schätzen müssen und vermissen werden.
Seit der Veröffentlichung des wichtigen Debütalbums mit dem grammatikalisch fragwürdigen Titel „Du und wieviel von deinen Freunden“ ist Kettcar ein fester Platz in der Szene sicher. Songs wie „Ausgetrunken“, „Im Taxi weinen“ oder das ziemlich hart gespielte „Ich danke der Academy“ funktionieren heute noch genauso gut wie 2001, sodass große Teile der Karlsruher Zuschauerschaft mit hochgerissenen Armen tanzen und mitsingen: „Ich danke der Academy für das Erkennen von Talent!“ und „Solange die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende.“
Zum Abschluss folgen zwei Hamburg Songs; „Schrilles, buntes Hamburg“ mit dem mahnenden Mantra „Es muss immer alles komplett verwertet werden, / was komplett verwertet werden kann.“ bevor „Landungsbrücken raus“, der Song mit dem die Geschichte der Band Kettcar in der allgemeinen Wahrnehmung begann, den beeindruckenden Schlusspunkt eines tollen Konzerts setzt.

Man wünscht Marcus Wiebusch Glück für seine angekündigte Solokarriere, während er die vertrauten Zeilen singt: „An den Landungsbrücken raus / Dieses Bild verdient Applaus“. Der Mann hat ja doch Ausstrahlung. Wirklich.
"Der Name dieser Band ist Kettcar.", wir werden es nicht vergessen.
Apropos Applaus, kurz darauf stehen Sportfreunde Stiller auf der Bühne, die ihre Single „Applaus, Applaus“ spielen, nachdem sie ihr Konzert mit der Zeile „Hey, hey, my, my, Selbstkritik will never die“ eröffneten.
Morgen sehe ich Neil Young mit Crazy Horse in Stuttgart. Möge die Macht ohrenbetäubender Feedbackorgien, diesen bayrischen, den stümperhaftesten Versuch einer Hommage an ihn, den großen, alten Mann aus den kanadischen Bergen, aus meinen Gedächtnis tilgen. Am Besten für immer.
Setlist Kettcar, Karlsruhe:
01: Deiche
02: Kein Außen mehr
03: Graceland
04: Balkon gegenüber
05: 48 Stunden
06: Der apokalyptische Reiter und das besorgte Pferd
07: Balu
08: Money left to burn
09: Stockhausen, Bill Gates und ich
10: Rettung
11: R.I.P.
12: Ausgetrunken
13: Im Taxi weinen
14: Im Club
15: Ich danke der Academy
16: Schrilles, buntes Hamburg
17: Landungsbrücken raus
Links:
- aus unserem Archiv:
- Kettcar, Köln, 17.08.2012
- Kettcar, Scheeßel, 24.06.2012
- Kettcar, Neu-Isenburg, 25.02.2012
- Kettcar, Bielefeld, 12.12.2010
- Kettcar, Hohenfelden, 16.08.2008
- Kettcar, Köln, 09.05.2008
- Sportfreunde Stiller, Köln, 12.12.2009
- Sportfreunde Stiller, Köln, 19.09.2007
Tourdaten Kettcar:
22.07.2013 A - Dornbirn, Conrad Sohm
03.08.2013 Stade, Müssen alle mit Festival
08.08.2013 Nürnberg, Serenadenhof
09.08.2013 CH - Basel, Open Air Basel
10.08.2013 Haldern, Haldern Pop Festival
27.09.2013 Hamburg, Reeperbahnfestival
28.09.2013 Berlin, Berlin Independent Night
um
15:50
Konzert:Triggerfinger
Ort: Günther-Klotz-Anlage, Karlsruhe (Das Fest)
Datum:19.07.2013
Dauer:71 Minuten
Zuschauer: zigtausende
Als uns vor zwei Jahren unsere belgischen Zeltnachbarn beim nordfranzösischen Main Square Festival in der Zitadelle von Arras Triggerfinger als Hauptgrund ihres Kommens nannten, konnten wir mit dem Namen wenig anfangen.
Mein Bruder schaute sich daraufhin das belgische Trio an, das den letzten Festivaltag eröffnete an, und war begeistert.
Seitdem verlor ich die Band wieder aus den Augen und wurde erst vor wenigen Monaten wieder an sie erinnert, als ihr Cover von Lykke Lis „I Follow Rivers“ zum überraschenden, späten Hit wurde.
Als meine Entscheidung, dieses Jahr zum Fest nach Karlsruhe zu fahren, um noch einmal Kettcar vor der angekündigten Auszeit zu sehen, stellte ich fest, dass auch Triggerfinger für den Freitag angekündigt wurden, sodass ich eine Gelegenheit erhalte, das Urteil meines kleinen Bruders prüfen und mir selbst ein Bild der belgischen Rockband machen.
Gerade als wir den Hügel zur Hauptbühne des günstigen, unkommerziellen Familienfestivals hinabsteigen, eröffnen Ruben Block (Gitarre und Gesang), Paul van Bruystegem (Bass) und Mario Goossens (Schlagzeug) ihr Set mit dem trockenen Rocksong „I'm coming for you“, der sofort Erinnerungen an die Größen des Stoner Rocks weckt und mir in seiner Gradlinigkeit zusagt.
Erzkonservativ ist die Musik, das reicht vom Gepose des Frontmanns bis hin zur Struktur einzelner Songs.
Seit 1998 gibt es Triggerfinger nun schon, jetzt 15 Jahre nach der Gründung erntet die Band aus Antwerpen nun die Erfolgslorbeeren harter Arbeit, nachdem sie außerhalb der Beneluxländer und Teilen Frankreichs höchstens ein Dasein als Geheimtipp fristete.
Dass mit dem Erfolg auch seltsame Kollaborationen wie ein gemeinsamer Song mit BossHoss zustande kommen und der Erfolg in erster Linie auf ein Cover fußt, verleiht diesem allerdings einen faden Beigeschmack.
Tausende Zuschauer kommen nichtsdestotrotz in den Genuss einer klassischen Rockshow. Bereits „I'm coming for you“ strotzt nur so von Zitaten, begonnen beim harten Gitarrenriff, wie es aus einem Queens of the Stone Age – Song stammen könnte, gipfelnd im hohen Shout-Gesang a la „Child In Time“.
Die arroganten Rockstar-Posen sitzen; Ruben Block inszeniert sich im dunklen Anzug als selbstgefälliger Rockgott, reißt die Gitarre herum, singt vor Klischees nur so triefende Zeilen wie „It's time to pay, / time to deliver“ oder
„I'm selling my soul, / to the devil for you“ in „On my knees“ oder „Just for tonight baby / Just let it ride baby / Whatever you hide“ in "Let It Ride" - und unterhält glänzend.
Auf Festivals reichen oft bereits Entertainer-Qualitäten, um Auftritte genießbar zu machen, doch bieten Triggerfinger mit Tempo und harten Songsalven mehr als das.
Da wo die abgehobenen Machoismen des grau melierten Sängers mit dem markanten Backenbart stören könnten, konterkariert Bassist van Bruystegem mit übertriebenen Haltungen und einem potthässlichen Hut mit Wildkatzen-Tarnmuster den Bandleader.
Schlagzeuger Mario Goosens erinnert ein wenig an Bela B und darf sich schließlich mit einem mehrminütigen Schlagzeug-Solo profilieren. Dass sich die Band in einem klar begrenzten Festival-Set Zeit für derartige Einlagen nimmt, spricht für das künstlerische Selbstverständnis als ernst zu nehmende Rockband.
Kinder und Frauen mittleren Alters blicken gelangweilt Richtung Bühne, während Männer mit Bauchansatz und sonnenverbrannten Glatzen nach jedem Song die Ähnlichkeit mit Led Zeppelin lautstark beschwören. Recht haben sie sicherlich, wie bei jeder etwas härteren Rockband der Gegenwart lassen sich auch bei Triggerfinger Parallelen zu den englischen Hard Rock Pionieren finden, signifikant sind sie allerdings nicht.
Referenzquelle Nummer 1 bleiben meines Erachtens Josh Hommes Projekte.
Triggerfinger klingen überhaupt nicht belgisch nicht einmal europäisch und das kann, betrachtet man ihren Sound, nur als Kompliment verstanden werden.
Der Blues getränkte Wüstenrock aus der belgischen Diamantenstadt mit dem eindrucksvollsten – durch koloniale Ausbeutung finanzierten – Bahnhof, den ich je gesehen habe, geht durch Mark und Bein.
Gegen Ende des Sets erkennt das Publikum den Anfang von „I Follow Rivers“, die Frauen, die eben noch genervt wirkten, zücken impulsartig Smartphones und Digitalkameras, während die Männer sie stolz anschauen; „Die sind scho' arg geil, hab' ich doch g'sagt!“
Wie es sich für eine Band wohl anfühlt für eine Coverversion geliebt zu werden, den größten Applaus zu erhaschen, erst Recht, wenn der Song doch so viel anders klingt, als das, wofür die Band eigentlich steht?
Tausende folgen der von Block, dem Sexsymbol der erwähnten mittelalten Frauen („Der sieht aus wie de' George Clooney“), gepfiffenen Melodie, während Schlagzeuger Goosens die Schlagwerkarbeit mit Messer und Gabel an Gläsern ausübt. Schließlich zerbricht eines, es folgt jauchzender Applaus, Goosens setzt sich wieder hinter sein gewohntes Instrument, lacht still in sich hinein, frenetisches Klatschen nach lautstarkem Refraingesang des Publikums.
Aus Bandsicht bleibt zu hoffen, dass die Euphoriewelle um die jüngsten Veröffentlichungen im fünfzehnten Jahr des Bestehens sich in Zukunft fortsetzen wird, dass sich deutsche Festivalgäste in Belgien oder den Niederlanden nicht wieder erklären lassen müssen, wer denn nun Triggerfinger sei, ohne dass auf das erwähnte Cover verwiesen werden muss.
Wohl durchdacht feuern sie den Publikumsliebling nicht am Ende ihres Auftritts ab und lassen mit „Soon“ und „Is It“ noch zwei Lieder folgen, die sinnbildlich für die Ästhetik der Gruppe stehen.
Die Band spielt sich sichtlich in Rage, zumindest erscheinen die Posen echt, van Bruystegem hat sich endlich seines seltsamen Huts entledigt und präsentiert seine Glatze, Schlagzeuger Goosens im lila Sakko trommelt hart.
Rubens Block, der immer zwischen deutsch und englisch wechselnd mit dem Publikum kommunizierte, bedankt sich nach dem vorletzten Song auf Deutsch, bevor er beim furiosen Abschluss auf die Verstärkertürme klettert, hoch über der Band noch einmal die überlebensgroße Rockstar-Pose einnimmt und sich vor goldenem Backdrop in Kunstnebel gehüllt ein letztes Mal feiern lässt.
Setlist Triggerfinger, Karlsruhe:
01: I'm Coming For You
02: On My Knees
03: Let It Ride
04: Attitude For Darkness
05: My Baby's Got A Gun
06: Camaro
07: All This Dancin' Around
08: Schlagzeug-Solo
09: First Taste
10: I Follow Rivers (Lykke Li - Cover)
11: Soon
12: Is It