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Sonntag, 10. Oktober 2010

Someone Still Loves You Boris Yeltsin u.a., Paris, 08.10.10

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Konzert: Someone Still Loves You Boris Yeltsin (Horse Feathers, Oh No Ono)
Ort: La Flèche d'or, Paris
Datum: 08.10.2010
Zuschauer: nichts sehr viele eigentlich
Konzertdauer: Horse Feathers 35 Minuten, Oh No Ono 40 Minuten, SSLYBY etwa eine Stunde


Es ist ein immer wieder vorkommenes Ärgernis, daß ruhige Folkacts bei Konzertabenden extrem früh angesetzt werden und nur kurz spielen dürfen. Vorrang haben grundsätzlich die Lärmmacher, egal ob sie musikalisch gut sind oder nicht. Die Veranstalter tragen hiermit dem Publikumsgeschmack Rechnung, denn die meisten Leute finden Folkbands und Singer/Songwriter langweilig. Ein gute Beispiel dafür, wie abgestumpft, überdreht und verdummt unsere Gesellschaft ist! Selbst studentisches Publikum ist nicht willens, eine Stunde lang stillzuhalten, zuzuhören und auch mal auf Texte zu achten. Es muss schon Bum-Tschak machen und der Beat entweder tanzbar, oder höllisch laut sein. Generation Lady Gaga! Bezeichnend, daß sogar der selbsternannte Plattenmeister Albert Koch Lobgesänge auf die wasserstoffblonde Heulboje anstimmt.

Auf den heutigen Abend bezogen: Das Konzert der vorzüglichen Horse Feathers habe ich verpasst. Entgegen üblicher Gewohnheiten wurde heute in der Flèche d'or bereits vor 21 Uhr angefangen. Horse Feathers, die mit Cello, Geige und Schlagzeug gekommen waren, hetzte man bereits um 20 Uhr 30 auf die Bühne und ließ sie gerade einmal 35 Minuten lang spielen. So etwas nennt man dann wohl Perlen vor die Säue geworfen! Sehr gerne hätte ich ihre warmen Folksongs und das Gillian Welch Cover Orphan Girl gehört, aber mir blieb nur ein Plausch mit den Musikern am Merchandising-Stand. Die Band selbst war natürlich auch enttäuscht, aber Degradierungen dieser Art sind viele Folkkünstler bereits gewohnt. Wenn ich bedenke, daß eine höchst mittelmäßige Band aus England (deren Namen ich schon wieder vergessen habe) heute einen prominenten Platz und mehr Spielzeit eingeräumt bekommen hatte, könnte ich mir glatt die Sackhaare einzeln ausreißen! Vor den belanglosen Briten waren die Dänen Oh No Ono an den Start gegangen und boten ein kurzweiliges Set psychedelisch angehauchter Rocksongs, vorgetragen von einem Sänger mit Pumuckl Frisur und Kastratenstimme. Wenn sie nicht relativ stark nach den verfluchten MGMT klängen, könnte ich mich glatt mit Oh No Ono anfreunden.

Setlist Oh No Ono, La Flèche d'or, Paris:

01: Sunshine
02: Helplessly Young
03: The Tea Party
04: Ba Ba Baba Ba Ba Well Anyway
05: Eleanor Speaks
06: Internet Warrior
07: Icicles
08: Am I Right?
09: The Wave Ballet
10: Keeping Warm In Cold Country
11: Practical Money Skills For Life
12: Miss Miss Moss
13: Fat Simon Says
14: Tomorrow Never Knows

Wenigstens die letzte Band des heutigen Abends entschädigte aber ein wenig für die erlittene Enttäuschung. Someone Still Loves You Boris Yeltsin spielten frisch und frei auf, gefielen mit kleinen sonnigen Gitarrenmelodien, catchy Refrains und indierockigen/popwerpoppigen Liedern im Stile der Posies und sorgten mit dieser Mixtur für gute Stimmung im Publikum. Besonders eine kleine amerikanische Delegation mt asiatischem Migrationshintergund (sagt man doch heutzutage so, oder?) ging zu jedem einzelnen Song ab wie ein Zäpfchen. Ich vermute stark, daß die Mädels und Jungs vorher in München beim Oktoberfest waren, denn sie ließen immer mal wieder aufgeschnappte Sprüche los wie: "Kein Alkohol ist auch keine Lösung" und das sexy Mädel der Truppe hatte eine echte Krachlederne an, zu der sie heiße schwarze Strümpfe trug.

Was mir sonst aufgefallen ist? Einer der beiden Sänger* von SSLYBY (der große) erinnerte mich optisch an Troy von Balthazar. Er hätte der jüngere Bruder sein können und auch die Art und Weise wie er eine Symbiose mit dem Mikro einging, ließ mich an den eleganten Hawaiianer denken...


Setlist Someone Still Loves You Bors Yeltsin
, Flèche d'or, Paris:

01: Banned (By The Man)
02: Everlyn
03: Gwyneth
04: Glue Girls
05: House Fire
06: Critical Drain
07: Made To Last
08: Dead Right
09: Back In The Saddle
10: Sink/Let It Sway
11: Modern Mystery
(12: Pangea) vorgesehen, aber nicht gespielt

Ausgewählte Konzerttermine von Someone Still Loves You Bors Yeltsin:

13.10.2010: Pretty Vacant, Düsseldorf
14.10.2010: Stuk, Leuven, Belgien
16.10.2010: Paradiso, Amsterdam
17.10.2010: Molotow, Hamburg
22.10.2010: Bang Bang Club, Berlin
23.10.2010: Hafen 2, Offenbach
24.10.2010: Jugendhaus West, Stuttgart

* richtig gelesen. SSLYBY haben zwei verschiedene Sänger, die jeweils eine Halbzeit lang (Fußballsprache) sangen.

Aus unserem Archiv:

SSLYBY, Wien, 03.10.2010
Someone Still Loves You Boris Yeltsin, Köln, 01.10.08
Someone Still Loves You Boris Yeltsin, Köln, 21.05.07

Horse Feathers, Paris, 23.02.09
Oh No Ono, Paris, 25.02.2010






Dienstag, 5. Oktober 2010

Someone Still Loves You Boris Yeltsin, Wien, 03.10.10

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Konzert: Someone Still Loves You Boris Yeltsin, Effi
Datum: 03.10.2010
Ort: Chelsea, Wien
Zuschauer: ca 150?
Dauer: Effi 30 Minuten, SSLYBY 70 Minuten


von Julius aus Wien

Wer Sonntag abends ins Chelsea kommt, muss damit rechnen, sich ein wenig Fußball zu Gemüte führen zu müssen. Inter gegen Juve, Real gegen Deportivo, Barca gegen Mallorca. Wenn die Spitzenspiele der europäischen Ligen ausgetragen werden, ist das Chelsea bummvoll.

Das ist besonders dann angenehm, wenn man noch ein wenig Zeit hat, bis im hinteren Teil des Lokals ein Konzert beginnt. In diesem Fall das der Amerikaner Someone Still Loves You Boris Yeltsin. Und so sah ich einige Treffer, bis das Tor, um das es mir wirklich ging, geöffnet wurde.

Der Grazer Songwriter Effi, man könnte ihn als Spezialist in Sachen Support-Slots bezeichnen, spielte dann auch schon vor einem gut gefüllten Chelsea. Der Macher hinter dem Teenbeat Club, in dessen Rahmen das Konzert stattfand, hat nämlich ein Händchen dafür, dass seine Besucher regelmäßig gerne wiederkommen und das auch dann, wenn bereits die vorangegangenen drei Tage Teenbeat Club auf dem Programm stand…

Effi durfte sich also freuen, das tut er sowieso immer, er ist ein Mensch sonnigen Gemüts. Und er hat auch entertainende Fähigkeiten.

Und die waren auch gefragt. Denn er und seine Band waren ein wenig vom Pech verfolgt. Erst riss eine Saite, dann stimmte etwas mit einer Tonspur, die eingespielt werden sollte, nicht.

Effi schaffte es dennoch, durch unbekümmert gute Laune den Spaß an seinem Konzert zu erhalten. Mögen seine Songs auch nicht die außergewöhnlichsten sein, ihn muss man einfach mögen.

Und so spielte er sich durch eine gute halbe Stunde seiner unbeschwerten Songs zwischen Indie-, Reggae- und Folkeinschlag. Als er dann zuletzt noch „Danke für die Blumen, danke für die schöne Zeit!“ sang, war dem eigentlich nichts hinzuzufügen. Danke für die Blumen, es war uns eine Ehre.

Someone Still Loves You Boris Yeltsin, in weiterer Folge als SSLYBY zu anzutreffen, ließen auch nicht lange auf sich waren und stellten sich auch gleich mal mit „Banned (By The Man)“, einem Song des neuen Albums „Let It Sway“ vor. Ohne sich mit irgendwelchen Begrüßungen aufzuhalten, fuhren SSLYBY gleich ein ordentliches Programm: Wesentlich energischer als erwartet bearbeiteten die vier Herren aus Springfield, MO ihre Instrumente.

Daran, dass die Songs dadurch rauher ausfielen, fast ein wenig Garage und Lo-Fi gerieten, musste man sich kurz gewöhnen, bis einen die Spielfreude und die Euphorie des Quartetts mitriss. Der Pop-Einschlag mancher Songs ging also verloren, was dafür gegeben wurde, machte das aber wieder voll wett.

Ein wenig hätte man fast meinen können, SSLYBY seien immer noch die selbe idealistische, hochmotivierte High School-Band, als die sie begonnen haben, so unbeschwert und beinahe übermütig spielten sie ihr Set. Die Ausgelassenheit vergangener Schulparties lag in der Luft, von der sich die etwa 150 Besucher auch schnell anstecken ließen.

Besonderen Spaß schien eine Gruppe zu haben, bei der sich Sänger John R. Cardwell besonders für das Erscheinen bedankte, da sie den weiten Weg aus Kroatien auf sich genommen hatten.

Wer am Anfang vielleicht noch gedacht hätte, mit zwei Gitarristen, einem Bassisten und einem Schlagzeuger hätten SSLYBY eine Bandbesetzung, wie sie klassischer nicht sein könnte, gewählt, wurde dann nach ca. einer halben Stunde Spielzeit überrascht. John schnappte sich den Bass von Jonathan James (was hatte der bitte für massive Ringe unter den Augen?!?!), dieser zwängte sich hinter die Drums und Phillip Dickey übernahm dafür den Vokal-Part.

Das bewirkte, dass der Gesang ein wenig sanfter wurde und der Bass dafür umso heftiger dröhnte. Man könnte den vier aus den Staaten wohl auch Rasseln in die Hand drücken, sie wüssten damit zu gefallen…

Nach dieser geringfügigen Änderung kam dann das neue „Let It Sway“ mehr zum Zuge, Songs wie „Sink/Let It Sway“, „Back In The Saddle“ und das komisch-seltsame „All Hail Dracula“ durften sich live beweisen…

…und ernteten hohe Zustimmung. Sicherlich mehr als am Nachmittag dieses Tages, als Philipp Dickey und Will Knauer für „They Shoot Music“ (einen Videoblog, der (zumeist Indie-)Bands, die in Wien zu Gast sind, auf verschiedenen Wiener Plätzen Songs performen lässt) „Modern Mystery“ und „Let’s Get Tired“ am Brunnenmarkt zum Besten gaben und dabei mit der Ottakringer Jugend schlossen. Diese war dem Vernehmen nach nämlich nur auf Kurzauftritte mit Basketbällen und Skateboards in den Videos aus und angeblich auch ein wenig enttäuscht, als sie feststellten, dass SSLYBY keine Hip-Hopper sind…

Wir waren jedenfalls nicht enttäuscht, im Gegenteil, und so ließen sich unsere Freunde aus dem mittleren Westen zu einer Zugabe und der Aussage, Wien zu lieben, hinreißen. Tatsächlich waren sie jetzt schon zum dritten Mal da, und ebenfalls zum dritten Mal im Chelsea. Scheint ihnen in diesem kleinen Lokal zu gefallen (sogar der Umstand, dass die U-Bahn alle fünf Minuten über ihren Köpfen hinwegdröhnt schien für sie bereits gewohnt). Soll uns sehr recht sein, die intimen Konzerte sind doch einfach die besten.

Nach dem Konzert gab es dann am Merch-Stand noch Geschichten aus dem Tourleben zu hören. Zum Beispiel Interessantes vom Auftritt in Moskau oder vom Unterschied zwischen europäischem und Neuer Welt-Publikum. Schöne Sache!

Und so verteilen wir hier nochmal Blumen, danke für die schöne Zeit:
Jemand mag dich noch immer, Boris Yeltsin!
Jemand freut sich auch schon auf das nächste Gastspiel von Someone Still Loves You Boris Yeltsin! Vienna Still Loves You!

Die „They Shoot Music“-Session (Version ohne Hip-Hop-Kids) gibt’s hier!

Herzlichen Dank für die Fotos an Christian Haas!



Donnerstag, 2. Oktober 2008

Someone Still Loves You Boris Yeltsin, Köln, 01.10.08

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Konzert: Someone Still Loves You Boris Yeltsin (& Periscope & It's Not Not)
Ort: Tsunami Club, Köln
Datum: 01.10.2008
Zuschauer: ca. 70


Die freie Parklücke 50 m vor dem Tsunami Club mitten im Kölner Süden hätte uns stutzig machen müssen. Hier treibt jemand ein bitterböses Spiel mit uns...

"Eure Tickets bitte! Und jetzt müsst ihr bitte jeder ein Formular ausfüllen, Name, Anschrift und Unterschrift!" "Ähh. wieso?" "Ihr müsst Mitglied im Raucherclub werden, um reinzukommen!" "Wir haben Konzertkarten gekauft und wollen rein, wir wollen in keinen Raucherclub" "Wenn ihr das nicht ausfüllt, könnt ihr nicht rein! Ok, es reicht, wenn das einer ausfüllt..." "Nein, wir wir wollen bloß das Konzert sehen. Sonst möchten wir die Tickets zurückgeben" "Na gut, dann geht ausnahmsweise so rein." Die Frauen, die sich nach uns angestellt hatten, füllten nach kurzem Einwand ("Aber ich rauche doch gar nicht!") brav das Formular mit allen Angaben aus, wie wahrscheinlich die meisten der (in der Regel) nichtrauchenden Zuschauer im Tsunami-Club in der Kölner Südstadt. Ein Club, den ich mal sehr gerne mochte.

Ich bin wirklich sehr toleranter Nichtraucher und habe schon viele Abende in Qualmwolken verbracht. Seit in vielen Clubs Rauchverbot herrscht, sind Abende aber unbestritten viel angenehmer.
Wenn allerdings keines herrscht, akzeptiere ich das auch. Dann stinkt es (und man) zwar mehr, es ändert sich jedoch nichts im Vergleich zu früher. Aber Mitglied in einem Raucherclub zu werden, damit die pfiffige Idee irgendeines Gesetzeslückensuchers umgesetzt und das Rauchverbot umgangen wird, ist an Absurdität kaum zu überbieten. Das Bett in Frankfurt ist auch hier unübertroffen. Der kleine Club mit dem doofen Namen und tollen Programm weist darauf hin, daß das Rauchverbot in Kneipen unter 75 m² gekippt wurde. Weil man aber so gute Erfahrungen mit Nichtrauchen während der Konzerte gemacht hat und von vielen Besuchern gelobt wurde, bittet das Bett, auch weiterhin erst nach dem Konzert zu rauchen.

Die Skrupel, nicht jedem, der nett fragt, glaich Adresse, Name, email-Adresse, Handynummer, Kontodaten, Kreditkartennummer und PIN-Nummer zu geben,
hatten aber offenbar nicht viele, der Raucherclub Tsunami, bekam sicher 70 neue Mitglieder.

Wir waren also dann drinnen, kamen nicht auf die böse Idee, uns beim Ordnungsamt als Schwarz-Konzertgänger anzuzeigen und erlebten kurz danach die erste
Vorgruppe, It's Not Not aus Barcelona, die wohl ganz spontan zusätzlich auf dem Roster erscheinen waren. Die Tanzfläche war sehr leer, als die vollbärtigen Spanier begannen. Einige ihrer Ausrüstungsgegenstände hatten sie jenseits der kleinen Bühne aufgebaut. Dies geschah aber wohl nicht aus Platzmangel sondern schien zum Konzept zu gehören. Sänger Joel tanzte und hüpfte quer durch den Saal, drehte einem Zuschauer die Baseballkappe um, zog sie sich beim nächsten Vorbeitanzen ganz auf, nahm sich die Brille eines anderen Gasts und setzte die auf und jagte vielen mit dieser sehr eindringlichen Performance offenbar Angst ein. Musikalisch war es ähnlich wild, begeisterte mich aber nicht. Man kann die Musik vielleicht als Folkpunk bezeichnen, man mußte sie aber nicht mögen.

Die zweite Band des Abends hatte ich neulich als Vorgruppe von Jonquil im schönen Motoki Wohnzimmer erlebt. Damals hatten Periscope aus Köln ein recht leises Set gespielt und die Besucher begeistert. "Wir spielen für gewöhnlich alles was lauter," hatte da eines der Periscope Mitglieder erklärt. Im Tsunami stimmte das, sie spielten eine Ecke lauter, was dazu führte, daß mir viele Wiedererkennungseffekte fehlten. Es war sicher ein guter Auftritt, mir gefiel die ruhige Art des Wohnzimmerkonzerts allerdings besser. Wobei ich gar nicht bestreiten will, daß meine Laune und Müdigkeit mich auch weniger begeisterungsfähig machten als vor einem Monat in Ehrenfeld. Aber - da bin ich sicher - Periscope werde ich nicht zum letzten Mal gesehen haben!

Someone Still Loves You Boris Yeltsin ging dann ziemlich an mir vorbei. Nicht daß die Band schlecht wäre. Vor anderthalb Jahren hatte ich SSLYBY im Gebäude 9 erlebt
und war begeistert. Wie so oft, habe ich aber auch die Amerikaner danach etwas aus dem Auge und Ohr verloren und mich wenig mit ihrer Musik beschäftigt. Als ich dann nach längerer Zeit kürzlich wieder ihre zweite Platte Pershing gehört habe, fehlte mir ein wenig die große Begeisterung vom Frühling 2007. Keine Frage, SSLYBY machen schönen Indie-Pop. Im Tsunami hat es mich aber nicht vom Hocker gerissen. Auch hier war es sicher eine Kombination aus Müdigkeit, Aufnahme-Überlastung durch drei Bands mitten in der Woche und was auch immer. Aber es war im Ergebnis ein Konzertabend, an den ich mich sicher nicht mehr lange erinnern werde, daran konnten auch SSLYBY nichts ändern - auch ihre Instrumentenwechsel nicht, die mich im Gebäude 9 begeistert hatten.

Links:

- Someone Still Loves You Boris Yeltsin im Gebäude 9 (im Mai 2007)
- Periscope in Köln (September 08)
- die Fotos



Dienstag, 22. Mai 2007

Someone still loves you Boris Yeltsin & Irving, Köln, 21.05.07

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Konzert: Someone still loves you Boris Yeltsin & Irving

Ort: Gebäude 9 Köln

Datum: 21.05.2005

Zuschauer: nicht viel mehr als 50


Meine letzte Demo war eine Mahnwache. Vor dem sowjetischen (!) Konsulat (oder war es noch die Botschaft?) fand die 1991 statt, um Solidarität mit dem beputschten Gorbatschow zu demonstrieren. Weiter östlich unterstützte ihn ein damals noch wenig bekannter, lustig aussehender Politiker deutlich energischer: Boris Jelzin. Jelzin war vor seinem Tod zwar aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden (außer, man ist Tennis-Freund), hatte aber in Springfield, Missouri noch Freunde, die gleich ihre Band ihrer Jelzin-Liebe widmeten. Ich habe vor einiger Zeit von Someone still loves you Boris Yeltsin gehört und mir irgendwann (zu Lebzeiten Jelzins*) das Debütalbum der Band gekauft, das ich sehr mag. Als ich dann sah, daß SSLYBY ins Gebäude 9 nach Köln kämen, habe ich eine Karte dafür gekauft. Das war voreilig, denn vorgestern fragte mich eine Bonner Freundin, ob ich schon ein Ticket hätte, da sie zwei Gästelistenplätze bekommen hätte. Sie wollte aber wegen der Vorgruppe Irving das Konzert sehen. Irving ist eine meiner Lieblingsbands (seit gestern), vorher kannte ich sie allerdings noch nicht. Aber zwei unterschiedliche Gruppen, derentwegen Leute zu diesem Konzert gingen, sind ja schon nicht so schlecht.

Vor dem Gebäude 9 war es warm und leer. Als ich ankam, liefen da nur ein paar Bandmitglieder und einige verstreute Besucher rum. Statt um neun sollte es dann auch erst um zwanzig nach neun losgehen, das verzögerte sich aber alles noch, so daß die erste Band (Irving) dann erst um zwanzig vor zehn begann. Irving kommt aus Kalifornien, macht aber keinen Surferkram sondern wundervollen Indie-Pop. Die Band klingt also eher nach Schweden als nach Kaliforniern. Irving besteht aus fünf Musikern, den beiden Sängern (und Gitarristen) Steven und Brian, Bassist Alex, Schlagzeuger Brent und Keyboarder Aaron. Und die fünf schienen trotz der 50, allerhöchstens 60 Zuschauer, riesigen Spaß zu haben. Steven kündigte auch schon an, daß er vielleicht betrunken werden könnte, denn er hatte ein Zahnproblem (er zeigte genau, an welchen Zahn) und konnte nichts essen. Aber das "Saion Kolsch" schmeckte ihm offenbar gut. Er wollte dann auch genau wissen, wie man das ausspricht, ob Sion vielleicht Löwe bedeute und ob Cologne jetzt Koln oder Köln heiße. Überhaupt waren die Irvings sehr redselig. Das war unglaublich sympathisch. Sie ließen sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als wohl einiges schiefging. Das Schlagzeug bewegte sich zum Beispiel. Das sorgte aber eher für Erheiterung bei der Band. Steven hatte schon am Anfang erzählt, daß seine Pedale nicht funktionierten. Irgendwann brüllte er die mit einem herzhaften "Fuck you" an. Damit war das dann erledigt.

Tja, und die Musik? Die war einfach großartig. Die beiden (Haupt-) Sänger harmonieren stimmlich toll. Stilistisch sind die Shins oder Peter, Björn & John sicher nicht so weit von Irving weg, es ist aber schon sehr eigenständig. Und es kam verdammt gut an bei den wenigen Zuschauer. Irving haben wohl bisher zwei Studioalben und eine EP veröffentlicht. Das schönste Lied war für mich "The gentle preservation of children's minds" (vielleicht wegen Seelenverwandschaft). Für "I want to love you in my room" entschuldigte sich Steven. Über das Thema singe er nicht gerne. Hach, es war einfach ein traumhaftes Konzert. Und wer (wie ich bis gestern) Irving nicht kennt, hat wirklich etwas Tolles verpaßt. Also der Plan für heute: Mindestens die aktuelle Irving CD kaufen!

Da ich die Liedtitel nicht kannte, habe ich Steven hinterher nach der Setliste gefragt (er saß da am Merchandising Stand und filmte die Zuschauer, die aus dem Saal kamen!). Er war wahnsinnig freundlich und sagte, er käme direkt wieder, lief zum Tourbus und brachte mir eine ziemlich angeschlagene Setlist, die sie in Wien gespielt hätten. "We didn't play 'Hail Mary' today, it's a Thermals' cover. And we played some other songs tonight." Aber sonst sei es ungefähr das Set.

Setlist Irving (allerdings Wien):

01: Sitch
02: If you say jump I will say no
03: She's not shy
04: Care, I don't care
05: Hail Mary
06: The gentle preservation of children's minds
07: Jen, nothings matters to me
08: Love
09: The curious thing abaout leather

Nach dem ersten 45-minütigen Konzert kam dann um zwanzig vor zehn Someone still loves you Boris Yeltsin. Gesehen hatte ich die Band noch nicht, der Sänger sah aber schon einmal sympathisch nerdig nach dem Gitarristen (oder Bassisten?) von Belle & Sebastian aus. Neben ihm (den Namen weiß ich nicht, der Grund dafür kommt noch) besteht die Band aus einem zweiten Gitarristen, einem Bassisten und einem Schlagzeuger. Der Schlagzeuger hatte mich gleich besonders beeindruckt. Bei einem der ersten Lieder (ich glaube "Oregon girl") trommelte er in einem Wahnsinnstempo auf sein Schlagzeug ein. Ich hatte das Gefühl, daß es auch der Band schwerfiel, ihm zu folgen.

Die Lieder der Band klingen live weniger zurückhaltend und schüchtern als auf CD. Auch wenn die Musik dadurch etwas weniger popig klang, war es toll. Bis Lied sieben spielten sie also ein schönes Lied nach dem anderen und begeisterten das Publikum. Nach "House fire" wurde dann ein wenig gewechselt: Der Schlagzeuger stand auf, nahm die Gitarre entgegen und stellte sich ans mittlere Mikro. Der bisherige Sänger ging zum Bass, der Bassist setzte sich ans Schlagzeug. Und als wäre das das normalste, was so bei Konzerten passiert, spielten sie dann so weiter! Ohne Kommentar, ohne Qualitätseinbußen, einfach so! Und das wenige
Publikum dankte es mit großer Freude. Der Ex-Schlagzeuger bemerkte das auch, denn er lobte uns: "We love Germany more than we love Boris Yeltsin!"

Von der Begeisterung war die Band offenbar ziemlich überrascht. Sie kamen zwar zu einer Zugabe ("Anne Elephant" und eine sensationelle Coverversion von "Mr. Wendell" von Arrested Development), als sie danach aber lautstark zu mehr Zugaben zurückgefordert wurden, sagten sie, daß sie eigentlich keine Lieder mehr hätten. Sie spielten dann "We can win Missouri" und "Accident" (ein altes Lied) und hatten dann wirklich nichts mehr. Das war also wohl auch für SSLYBY ein schöner Abend, was nur fair war, da wir ein perfektes Doppelkonzert mit wahnsinnig netten Bands hatten.

Setlist Someone still loves you Boris Yeltsin Köln:

01: What'll we do
02: Oregon girl
03: I am warm & powerful
04: Pangea
05: Yr broom
06: We can win Missouri
07: House fire
08: Modern mystery
09: Lower the gas prices Howard Johnson
10: You could write a book
11: Half awake
12: Let's get tired
13: Oceanographer**

14: Anne Elephant (Z)
15: Mr. Wendell (Z)

16: We can win Missouri (Z)
17: Accident (Z)

Die nächsten Termine:

Links:

- hier sind mehr Fotos
- und hier kommen ein paar Videos

* Meine Schreibweise wechselt zwischen der deutschen und der englischen Version
** Dank an Philip von SSLYBY für die Ergänzung der Setlist




 

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