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Dienstag, 18. November 2014

The miserable rich, Wiesbaden, 17.11.14

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Konzert: The miserable rich
Ort: Räucherkammer im Schlachthof Wiesbaden
Datum: 17. November
Dauer: etwa 120 min
Zuschauer: etwa 150


English version...
 
Das letzte Album von The Miserable Rich ist voller Geistergeschichten. Nun sind sie auf kurzer Geistertour durch deutschsprachige Gebiete: Sonntag Hannover, Montag Wiesbaden, Dienstag Nürnberg und Mittwoch Graz. Ich spreche von einer Geistertour, weil sie sich schon 2013 von der Bühne verabschiedet und The Miserable Rich zu Grabe getragen hatten. Aber ich kann hier schon verraten: Ihr Konzert in Wiesbaden war genau so (wenig) gespenstisch wie die Musiker miserable sind.


Der Konzertabend begann schon sehr viel versprechend. Während sich die Schlange vorm Eingang zur Räucherhalle zu bilden begann, tönte es von drinnen lautstark: Ringing the Changes war unsere Musikuntermalung und zauberte allen ein Lächeln ins Gesicht. Gleichzeitig war es die Bestätigung, die richtige Wartegemeinschaft gefunden zu haben (vorher hatte ich mich schon einmal versehentlich für Maxim eingereiht). Den Gesprächen konnte man entnehmen, dass hier viele Fans auf einen besonderen Abend warteten und in der Stunde bis zum Konzertbeginn füllte sich die Räucherkammer sehr gut. Vor der Bühne waren drei Bankreihen aufgestellt, dahinter und an der Bar stand man dicht an dicht.


Ich hatte die Gruppe aus Südengland beim Orange Blossom Special 2012 in Beverungen in mein Herz geschlossen. Sie standen am ersten Abend als letzte auf der Bühne und legten eine so leichtfüßige und zugleich heißblütige Show hin, dass ich mich sofort verliebt hatte. Als nun die kleine Abschiedstour angesagt wurde, hatte ich mir den Abend in Wiesbaden gleich fest vorgemerkt. Die Gelegenheit wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Seither war meine Vorfreude ständig gestiegen. So ging es wohl nicht wenigen im Raum. Als  kurz nach 20 Uhr die Musiker die Bühne betraten wurden sie jedenfalls mit lautem Jubel willkommen geheißen:

Jim Briffett: Guitarre
Rhys Lovell: Kontrabass
James de Malplaquet: Gesang
William Calderbank: Cello
Martin Deering: Schlagzeug

Mike Siddell: Violine

Musikalisch begannen sie das Konzert sozusagen ganz am Anfang - das erste Stück der ersten Platte. Mit den so markanten Streichern. Und von ebendieser Scheibe gab es über den Abend verteilt noch sechs weitere Songs, die noch genauso toll sind wie vor Jahren und denen man anmerkt, dass sie sich seitdem auch weiterentwickeln durften.



Zunächst sah es danach aus, als wollten sie ihr nettes und eigentlich auch typisches Geplänkel sehr beschränken. An einem Montag wöllten sie die Geduld des Publikums nicht überstrapazieren und uns bald wieder heimschicken können. Trotzdem waren die knappen Ansagen allesamt sehr lustig. James versuchte es über weite Strecken mit deutsch und machte sich lustig über die reichen Wiesbadener, deren weggeworfene Möbel noch gut genug sind, um in Berlin verkauft zu werden. Da wären sie im Schlachthof wohl bestens aufgehoben. Einigen Spott mussten wir Deutschen für den Ausdruck Affengeil einstecken.


Erst sehr spät durfte Will eine seiner unnachahmlich mäandernde Geschichten erzählen und wurde natürlich lachend dafür zurechtgewiesen. Unerwartet gab es zu den Trennungsliedern aus dem Publikum einen Wunsch: Glückwünsche für ein Goldenes Hochzeitspaar. Als die sechs Musiker die Summe der Jahre ihrer längsten Beziehung zusammenzogen, gab das ziemlich viel weniger als 50 Jahre und ehrliche Bewunderung für die Jubilare.



In der notierten Setlist hatte ich schon viele mir liebe Lieder entdeckt und so verging das Set eigentlich viel zu schnell und sprang für mich persönlich fast nur von Höhepunkt zu Höhepunkt: Chestnut Sunday, Laid up in Lavendar, Let me fade und On a certain night - dann Oliver. Das Finale war gut inszeniert auf den Knaller Under Glass hin, der mit ordentlich Bums abgefeiert wurde. "Our last song" angekündigt, aber wer das glaubt, glaubt wohl jeden Mist ... Wir waren ja ohnehin schon klüger, denn Ringing the Changes war noch nicht dran gewesen. Und so wurde die Band noch einmal herausgebeten für zwei schmissige Hits. 


Danach war aber noch niemandem nach Tschüss sagen. Die Band kam von der Bühne und zelebrierte Pisshead und Muswell. Nicht wenige stimmten beherzt mit ein. Aber am Rande war inzwischen die Unruhe schon ziemlich groß, sodass die Innigkeit hier ein bisschen litt. Die Band versuchte, nun einen Schlussstrich unter den Abend zu ziehen, musste sich aber doch noch einmal  für zwei weitere akustische Stücke ins Publikum begeben.


Erst danach zerstreute sich die Schar in alle Winde um die Mär unserer deutsch-englischen Walpurgisnacht mit den Männern aus Brighton in die Welt zu tragen.

Setlist:
01: Early Mourning
02: Pegasus
03: Chestnut Sunday
04: The time that's mine
05: Boat Song
06: For a day
07: Laid up in Lavendar
08: The Mouth of the Wolf
09: Let me fade
10: On a certain night
11: Oliver
12: Tramps
13: Over and Over (Hot Chip-Cover) 
14: Under Glass

15: Monkey (Z)
16: Ringing the Changes (Z)
17: Pisshead (Z, im Publikum)
18: Muswell (Z, im Publikum)

19: Button my lip (Z, im Publikum)
20: Imperial Lines ? (Z, im Publikum) 

Aus unserem Archiv: 

The Miserable Rich, Beverungen, 25.05.12
The Miserable Rich, Mannheim, 19.05.12
The Miserable Rich, Paris, 01.06.09


Alle Fotos:


Freitag, 14. November 2014

Deutschlandabschied von The Miserable Rich

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Liebe auf den ersten Blick war mein Konzert mit den Miserable Rich in Beverungen im Mai 2012. Die Musik, die Attitüde - das war einmalig und pflanzte sich tief in mein Herz. Leider gab es danach keine Chance mehr für mich, das Erlebnis zu wiederholen und mittlerweile ist das Projekt auch eingemottet.


Aber Totgesagte leben ja bekanntlich länger und so gibt es jetzt  doch noch einmal vier Stationen in Lieblingsclubs der Miserable Rich und dort ganz gewiß ganz besondere Konzerte. Das macht die Band eh immer so, das wird aber auch an den Orten liegen und daran, dass wir alle wissen: DAS ist der endgültige Abschied. 

Es soll keiner sagen, wir hätten es euch nicht verraten:

Hannover Feinkost Lampe
16. November

Wiesbaden Räucherkammer
17. November

Nürnberg MUZClub
18. November

Graz Autumn Leaves Festival
19. November 




Aus unserem Archiv:
The Miserable Rich, Beverungen, 25.05.12
The Miserable Rich, Mannheim, 19.05.12
The Miserable Rich, Paris, 01.06.09 


klienicum:
Beste Konzerte 2009 
April 2010


Donnerstag, 24. Mai 2012

The Miserable Rich, Mannheim, 19.05.12

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Konzert: The Miserable Rich
Ort: Maifeld Derby, Mannheim
Datum: 19.05.2012


von Ursula von neulich als ich dachte

Die sechs Musiker füllten die winzige Bühne im Parcours d'Amour mit ihren nicht gerade kleinen Instrumenten (ein Kontrabass und ein Cello waren dabei) mühelos aus. Der eher traurige Kammerpop der Band hatte uns auf eine eher schüchterne Band schließen lassen, aber weit gefehlt. Ein sehr extrovertiert wirkender James de Malplaquet dankte uns zunächst für das britische Wetter und erklärte durchaus gut gelaunt, dass er an der deutschen Sprache vor allem die vielen Worte für "Pain" bewundere, er nannte als Beispiele Herzschmerz und den ihn besonders begeisternden Weltschmerz (er sagte eher "Merz", spricht aber offensichtlich ziemlich gut Deutsch). Ob das Herz auf seinem Hemd nun vom Herzmerz oder aber der herz-lichen Atmosphäre im Parcours herrührte, werden wir wohl nie erfahren.
Es begann ein atmosphärisch sowohl zur kleinen Bühne als auch zur regnerischen Dunkelheit um uns herum passendes Set, zu dem die Band den Großteil einer Flasche Rotwein leerte und es irgendwie schaffte, gut gelaunt Melancholie zu verbreiten. Wirklich, wirklich schön und in dieser Form sicher nicht wiederholbar.

Das Unwetter hatte allerdings im straffen Maifeld-Zeitplan zu Verzögerungen geführt, so dass die Band wohl wegen der Lärmempfindlichkeit von Anwohnern bereits früher wieder aufhören sollte als geplant. Sowohl Band als auch Publikum fanden diesen Plan eher doof, und so wurde nach Alternativen gesucht.
James Vorschlag, man könne ja auf die Straße umziehen und der Kontrabassist (Rhys Lovell), dem diesen Vorschlag angesichts der Sperrigkeit seines Instruments weniger gefiel, könne ja zurück bleiben, wurde von diesem mit einem Stinkefinger und einem Lächeln entgegnet. Also zog man nach einem weiteren Song nur ein bisschen um, ließ die Mikrophone auf der Bühne zurück und spielte aufs Publikum verteilt noch drei weitere Titel auf der Tribüne.

Das Publikum wurde an einer Stelle gefragt, ob man lieber ein eigenes oder ein gecovertes Lied hören wolle, dass der Applaus für eine Eigenkomposition lauter ausfiel, führte möglicherweise dazu, dass "Over and Over" von Hot Chip, das auf der sichtbaren Setliste gestanden hatte, nicht gespielt wurde.

Setlist The Miserable Rich, Maifeld Derby, Mannheim:

01: Imperial Lines
02: Laid Up In Lavender
03: On A Certain Night
04: Let Us Fade
05: The Time That’s Mine
06: Ringing The Changes

07: Pisshead
08: Boat Song
09: Under Glass

Links:

- aus unserem Archiv
- The Miserable Rich, Paris, 01.06.09

Dienstag, 2. Juni 2009

Rodriguez & The Miserable Rich, Paris, 01.06.09

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Konzert Rodriguez & The Miserable Rich

Ort: Le Nouveau Casino, Paris
Datum: 01.06.2009
Zuschauer: gut besuchte Veranstaltung
Konzertdauer: The Miserable Rich: 40 Minuten, Rodriguez circa 80 Minuten



Pünktlich zur Vorgruppe zu erscheinen, fällt mir nicht so leicht, da ich konzerttechnisch im denkbar ungünstigsten Viertel in Paris lebe und stets eine sehr lange Anfahrtszeit habe. Abgesehen vom Olympia ist keine Location für mich schnell erreichbar und das Nouveau Casino, das im trubeligen Oberkampfviertel liegt, bildet da keine Ausnahme.

Deshalb bin ich diesmal extra früh aufgebrochen, denn ich wollte die englische Vorgruppe The Miserable Rich auf jeden Fall sehen. Der nervige Bus 96, den ich benötigte, wollte mir aber einen Strich durch die Rechnung machen: Das Scheißding fuhr mir gleich vor der Nase weg! Der nächste sollte erst 13 Minuten später kommen, was absolut inakzeptabel war. Mir blieb also nichts anderes übrig, als meine Beine unter den Arm zu nehmen und ins Nouveau Casino zu rennen.

Ich schaffte eine Punktlandung und war genau zum ersten Lied des Kammerpop-Orchesters da. Schweißtriefend glotzte ich auf die Bühne und sah als Erstes Richtung Violinist, der mir unglaublich bekannt vorkam. Woher bloß? Ich grübelte, bevor es mir wie Schuppen von den Haaren rieselte: Genau, den Burschen (Mike Siddell) hatte ich bereits bei Konzerten von Lightspeed Champion fiedeln gesehen, damals allerdings noch ohne Bart. Der lockenköpfige Akustikgitarrist, auf den mein Blick nun fiel, erinnerte mich wiederum irgendwie an John Arnold "I Am Kloot" Bramwell. Natürlich war es nicht Bramwell selbst, der da beherzt an den Seiten zupfte, allerdings erfuhr ich hinterher (danke Carsten!), daß er auch in der vorzüglichen, aber leider viel zu unbekannten Band Clearlake Akzente setzt. Jim Briffett sein Name. Für den Gesang war und ist James de Malplaquet verantwortlich und komlpettiert wurde die Band von zwei Herren an Kontrabass und Cello.

Die fünf Briten kamen gerade erst von einer ausgedehnten Deutschland-Tournee nach Frankreich und waren noch am Vortage beim herrlichen Orange Blossom Special Festival in Beverungen positiv in Erscheinung getreten.

Dennoch wirkten sie keineswegs müde, sondern sehr inspiriert und spielfreudig. Zwar waren zum Zeitpunkt ihres Auftrittes noch nicht sehr viele Zuschauer versammelt, aber diejenigen, die schon da waren, lauschten feierlichen Blickes den warmen, amtosphärisch dichten und filigran arrangierten Songs. Diese stammten mehrheitlich vom Debütalbum 12 Ways To Count, welches ihnen vorzügliche Kritiken in der Fachpresse eingrebacht hatte. Die vermutlich bekanntesten Lieder sind wohl der Boat Song und Pisshead (was für ein Titel!), aber mir persönlich hatte es besonders der melancholische Schmachtfetzen Muswell ("What do I know about flying?") angetan, der wunderbar harmonisch und rotweinseelig war. A propos Rotwein: Sänger James nippte immer mal wieder an diesem berauschenden Getränk. Eine witzige Sache übrigens, die Geschichte mit dem Rotwein. Sehr oft schon habe ich englische oder amerikanische Künstler erlebt, die in Paris dem Roten zusprachen, während die Franzosen selbst auf der Bühne eher Wasser oder Bier konsumieren, Wein trinkt man in Frankreich in der Regel nur zum Essen.

Aber Rotwein passt hervorragend zu der Musik von The Miserable Rich und man hätte auch noch ein paar andere Klischees bemühen können, zum Beispiel das Kaminfeuer oder die Phrase "die richtige Musik für den Herbst". Stimmt ja auch irgendwo alles, aber ich kann bestätigen, daß die Stücke der Brightoner auch im Juni und ohne loderndes Feuer noch funktionieren.

Schön anzusehen auch die Mimik von Sänger James, der passabel französisch sprach (obwohl er selbst erklärte: "mon français n'existe pas") und den Barmaid's Canon ("a drinking song", wie er betonte) theatralisch unterstrich, indem er einen Betrunkenen mimend über die Bühne torkelte.

Aber es gab nicht nur Titel vom Album 12 Ways To Count,
denn The Miserable Rich sind mit ihrem neuen Album schon so gut wie fertig und beglückten uns deswegen auch mit Neuheiten. Ob das Hot Chip Over And Over darauf enthalten sein wird, das heute weniger dancefloorlastig, in neuem, barocken Glanz erstrahlte? Wie auch immer, Sänger James sprach jedenfalls davon, daß man sich den Song gratis downloaden könne, wenn man seine E-mail Adresse hinterlasse.

Und das allerschönste Lied hatten sich die Brightoner für den Schluss aufgehoben, es wird definitiv auf dem neuen Album drauf sein. Es heißt wie ich: Oliver.

In der Umbaupause gab es Zeit zu einem Plausch mit den Musikern von The Miserable Rich. Insbesondere Volinist Mike zeigte sich gesrächig und berichtete von einer äußerst gelungenen Deutschland- Tournee, mit dem perfekten Abschluß beim Sommer Blossom Special in Beverungen. Angetan war er auch von der barocken Schönheit von Salzburg, neben Wien eine der beiden Städte, die The Miserable Rich in Österreich besucht hatten.

Meine Frage, ob sie denn jeweils mit Rodriguez unterwegs waren, konnte allerdings nicht mehr beantwortet werden, denn das Licht war inzwischen ausgegangen und ich kämpfte mich nach vorne durch, um aussagekräftige Fotos des nicht mehr ganz taufrischen Blues- und Folkmusikers zu schießen. Ohnehin wäre die Antwort nein gewesen, denn der Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln hatte einen anderen Tourkalender als die Engländer aus Brighton. Er sei unglaublich herzlich, dieser Rodriguez, hatte Sänger James schon vorher geschwärmt, das sei leider eine Seltenheit, Stars würden sich ansonsten gegenüber Vorgruppen eher distanziert verhalten.

Ein Star? Ist der das überhaupt, dieser alte Haudegen mit Sonnenbrille und Hut? Ehrlich gesagt: Ich hatte noch nie zuvor von ihm gelesen, er war für mich ein unbeschriebenes Blatt! In Südafrika soll er allerdings ganze Stadien gefüllt haben. Sein Auftreten hatte von Beginn an etwas Divenhaftes. Obwohl nicht mehr allzuschnell auf den Beinen und teilweise etwas desorintiert wirkend*, ging von ihm ein unbeschreibliches Charisma aus. Die Bildzeitung beschreibt Charaktere wie Sixto Rodriguez gerne als Alphatiere und selbst wenn ich die Ausdrücke dieser Postille ("Boxenluder", "Rosenkrieg", "Zickenalarm", "Dummbanker", "Brückenteufel", "Inzestmonster", "Traineridiot", "Torwarttitan", "Modezar") nicht sonderlich schätze, war er das mit Sicherheit. Ein Alphatier, ein Zuchtbulle, ein Kerl, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Ich war gespannt, ob er musikalisch halten konnte, was sein Rockstargebaren (das mühsame Aufsetzen des Hutes, die schwarze Sonnenbrille, der exzentrische Gürtel, einfach alles) versprach.

Meine Skepsis hielt nicht länger als ein paar Sekunden an, dann war sie unmittelbar aufkommender Euphorie gewichen. Boaaaaahhhhhh! Was für eine Bluesstimme! Welch nonchalantes Gitarrenspiel! Die Magie, die von seinen simplen Gitarrengriffen ausging, war unbeschreiblich. Ein Typ im Publikum, der das Werk des Altmeisters (welches lediglich aus zwei Studioalben, Cold Fact 1970 und Coming From Reality 1971 besteht) anscheinend in und auswendig kannte, unterstrich durch ausladende Gestik und urkomische Mimik seine grenzenlose Begeisterung. Ein seltsamer Kauz, dieser Fan! Aber er hatte verdammt noch mal recht! Sixto Rodriguez war wirklich sensationell gut und der Musiker, der an der Hammond rumorgelte ,unterstrich die Melancholie der Songs auf das Beste. Das Konzert wurde von Lied zu Lied besser. Mit Crucify Your Mind berührte mich Rodriguez wie kaum ein anderer Musiker zuvor . Ich kannte den Titel vorher nicht, aber ich hatte sofort das Gefühl, eines der schönsten und bewegendsten Lieder aller Zeiten zu hören! Zeile für Zeile hing ich an den vollen Lippen des sagenumwobenen Musikers und am liebsten hätte ich hinterher geschrien: "Rodriguez, you are a hero, you really are," aber ich wollte mich nicht blamieren, schließlich sagte mir bis vor wenigen Minuten der Hutträger noch rein gar nichts. Rodriguez hatte mich spielend um seinen kleinen kräftigen Finger gewickelt, ich war ihm von nun an verfallen. Unbeschreibliche Glücksgefühle überkamen mich, obwohl die Grundstimmung der regelmäßig recht kurzen Songs oft melancholisch bis traurig war. Ich begriff, warum man vor der Musikgattung Blues spricht. Nicht nur die Engländer verwenden den Ausdruck "I feel blue", wenn sie traurig sind, auch die Franzosen reden davon, einen "coup de blues", eine Niedergeschlagenheit, zu empfinden.

Das nächste Lied, was mich so richtig durcheinanderwirbelte, war dann Rich Folks Hoax. Rodriguez machte jetzt mit mir, was er wollte: "Talking bout the rich folks , rich folks, have the same jokes and they park in basic places", raunte er und ich zitterte innerlich vor Erregung. Unfassbar, dieses einfache, aber direkt ins Ziel treffende Songwriting. Ich war den Tränen sehr nahe, auch weil ich es nicht begreifen konnte, daß dieser Bursche da vorne kein Weltstar geworden ist, wie er es mit Songs dieser Güte verdient gehabt hätte. Haben etwa die Beatles viele Lieder von der Qualität wie I Wonder zu bieten? Da muß schon ein Bob Dylan mit Like A Rolling Stone kommen, um da was Adäquates entgegenzusetzen! Ok, ich schwärme wieder maßlos, aber wie will ich mich auch dem zeitlosen Charme dieser betörenden Kompositionen entziehen? Wer einmal einen Schocker wie Sugar Man gehört hat, wird ihn wahrscheinlich nie in seinem Leben mehr vergessen.

Und dieses sensationelle, unglaublich nahegehende Konzert des Mannes, der sich selbst leicht ironisch nicht nur als "old", sondern "almost dead " (gerüchtehalber war er das bereits!) bezeichnete, werde ich auch niemals vergessen, es sein denn Herr Alzheimer wird mein Hirn zerfressen und alles Schöne auslöschen!

In der Hoffnung, daß dies nicht passiert, schwelge ich hoffentlich noch einige Jährchen zu Evergreens von Rodriguez, der nach ungefähr 80 Minuten mit einem traumhaft schönen I Think Of You abschloß. Ist das schmalztriefender Kitsch? - Und wenn schon, ich stehe zu meinen romantischen Gefühlen und singe leise die Songzeilen mit: "and in these times that were apart, I hear this song that breaks my heart and I think of you and I think of you"...

Danke Sixto!



Setlist Rodriguez, Le Nouveau Casino, Paris:

01: Can't Get Away
02: Only Good For Conversation
03: Crucify Your Mind
04: Inner City Blues
05: Rich Folks Hoax
06: Like Janis
07: I Wonder
08: Establishement Blues
09: Sugar Man
10: To Whom It May Concern
11: Admit
12: Climb Up On My Music

13: Jane S. Piddy
14: Forget It
15: I Think Of You

Links:

- Die offizielle Rodriguez Webseite
- Videos: The Miserable Rich performen Muswell auf einem Hamburger Balkon. Sehr charmant! Oliver live
Rodriguez Sugar Man
I Think Of You

Mehr Fotos von Rodriguez hier
Mehr Fotos von The Miserable Rich hier

* er ließ sich oft von seinem Gitarristen helfen und manchmal hatte man den Eindruck, er würde fragen, wie er seine Klampfe stimmen müsse.



 

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