Montag, 9. Dezember 2013

Neonlicht Festival, Karlsruhe, 07.12.2013


Konzert: Messer, Love A, Die Nerven, Idle Class, No Weather Talks
Ort: Club Stadtmitte, Karlsruhe
Datum: 07.12.2013
Dauer: No Weather Talks, Idle Class ca 30 min; Die Nerven ca 45 min; Love A ca 50 min, Messer 60 min
Zuschauer: am Ende 100-150


Bericht und Fotos von Fabian von gefuehlsbetont  


 Wie oft hat man schon "Wenn dir diese Band gefällt, wird dir jene auch gefallen!" von Freunden oder bei Werbungen jeglicher Form gehört? Das Schöne dabei ist, dass es sogar sehr oft zutrifft. Eigentlich ein genialer Coup von den Machern vom Karlsruher HC-Festival New Noise und dem jubez, dies aufzugreifen und ein Bandabend zu kreieren, der diesen Aspekt scheinbar als Kern der Veranstaltung trägt und unweigerlich von Fans und Liebhabern für ebensolche gestaltet wurde. Er trägt den Namen "Neonlicht-Festival" und findet am 7.12.2013 im Club Stadtmitte in Karlsruhe statt. Ein tolles nachträgliches Nikolausgeschenk, ein Ausrufezeichen in der badischen Punkszene, die mit der Alten Hackerei und der Halle14 schon eine gute Basis haben. Das Neonlicht-Festival ist, wie sagt man so schön, ein Pflichttermin. Denn betrachtet man die Zusammenstellung des Line Ups, das aus den Bands Messer, Love A, Die Nerven, Idle Class und No Weather Talks besteht, treffen die Veranstalter exakt den Nerv (kleiner Witz am Rande) der Leute, die sich für die derzeitigen Perlen von ausdrucksstarkem, charkeristischem und anregendem Punkrock mit eigener Note interessieren. 
In der Stadtmitte zeigt sich heute wunderbar auf, wie vielschichtig Punkrock ist. Darüber hinaus sind sich die meisten dieser Bands schon öfters begegnet, miteinander befreundet, Labelmates (Messer und Die Nerven beim Münsteraner This Charming Man Records) oder kommen aus der gleichen Stadt. (Idle Class/Messer aus Münster). Schon wieder Münster! Dass Love A dort gestern mit Turbostaat spielten schließt den Kreis. Die Nerven spielen mit letzteren einen Tag später in Essen. So klein ist die Welt, so vernetzt sind diese ganzen tollen Gruppen. All das vereint das Neonlicht-Festival, das seinen Namen nicht ohne Grund trägt. Es ist der Name der ersten Single-Auskopplung aus "Die Unsichtbaren", dem aktuellen Album von Messer, die heute als letztes spielen. Headliner, so etwas gibt es beim Punkrock hoffentlich nicht. 
Schade aber, dass gerade bei so einem Glanzstück von Festival im überschaubaren Rahmen bis zur dritten Band des Abends, der Stuttgarter Noisepunkband Die Nerven, nur etwa 20 Leute im Raum sind, um No Weather Talks und Idle Class zu sehen. Nicht, weil man auch für sie bezahlt hat, sondern weil sie zum Festival dazugehören. Man hätte ihnen für ihre ausdauernden und energischen 2x30 Minuten-Gigs ein ähnlich großes Publikum gewünscht wie es ihre Nachfolger hatten. Man hatte es hier nicht mit irgendwelchen Einheizern zu tun, die sich auch als solche bezeichnen würden. Die Hamburger No Weather Talks eröffneten den Abend, reisen sonst quer durch Europa und vergessen dabei die hiesige Gegend nicht. Letztens mit Feine Sahne Fischfilet gespielt, war das Poppunk-Quintett gestern auf dem Burning Ice Fest in Mönchengladbach. Heute in Karlsruhe fit, gewohnt schnell und laut, die Band jung und dennoch erfahren, als Teil von einigen anderen Bands - besonders eindrucksvoll ist hierbei die Vergangenheit von Sängerin Fred, der einzigen musizierenden Dame heute Abend, die damals bei der Electroband Juri Gagarin mitwirkte. Idle Class bedanken sich sogar bei den wenigen, äußerst verhaltenen Leuten, die ihren agilen Punk nickend genießen. 
Ist es wirklich zu früh? Es tut ein wenig weh, die Löcher im Publikum klaffen jeder Band im Blick, Idle Class liefern professionell ab, bieten No Weather Talks Paroli, die jetzt vor der Bühne stehen und schöne Zeilen wie "My worst enemy is my memory" hören. Hymnisch ist das alles ein bisschen bei der Münsteraner Band, die erst vor kurzem mit den Uncle M-Labelkumpels KMPFSPRT auf Tour war. Die tragen ihre Leidenschaft auf den Shirts, treten vom Mikro weg und füllen den Raum a capella mit ihren Stimmen, Bassmann Benny teilt sich größtenteils die Zeilen von Sänger Tobi, der sie dann einfach unverstärkt in den Club schreit. Bock haben sie, der heute eine halbe Stunde später an eine deutliche Handvoll mehr Leute hätte übertragen werden können. Denn als Die Nerven die Bühne betreten, geht nicht nur wie auf der Box geschrieben das (Neon)Licht aus, auch der Raum füllt sich urplötzlich, fast wie bestellt. 
Die Nerven reden nicht viel, sie würden auch niemals bitten, das Publikum einen Schritt nach vorn zu machen oder - ganz entfernt heute - mitzuklatschen. Entertainment, das ist nicht ihre Art. Sie überzeugen so, wie sie sind. Es klingt abgedroschen, aber die, die sie mögen, sind bereits begeistert von all den scharfen und kantigen Riffs, der kühlen Wut, der Ekstase, die sich von der Bühne auf die Menge überträgt und am Ende dann doch alle überzeugt haben sollte. Ein satter Sound, den die drei jungen Stuttgarter kreieren, einer, der sich über viele Monate weiterentwickelt hat. Seinen rohen Kern hat er nicht verloren, doch blüht er jetzt auf, da es beinah schon perfekt aufeinander abgestimmt ist. Die Band ist ein eingespieltes Team, Drummer Kevin Kuhn wirkt während seines exzellenten Spiels wie im Wahn, der große Max Rieger trägt heute ein Kleid, Bassist Julian Knoth ein Kolossale Jugend-Shirt. 

 
Abseits ihres Gigs sind es ruhige, angenehme Zeitgenossen, die auf der Bühne mal eben 45 Minuten Atmosphäre formen, beinahe auf Knopfdruck und herrlich beißend, aufwühlend und schwerelos. Mit 'alten' Songs wie Opener "Für Jahre", "Schrapnell", "Die Bösen" oder "George Michael", des aktuellen Werks "Fluidum" und dessen Vorgänger "Asoziale Medien" haut das Stuttgarter Trio erstmal drauf, zur Hälfte des Sets kündigen sie bei den bekannt knappen Ansagen neues Liedgut an, dass bei den letzten Gigs schon ab und an zu hören war und Teil des im Februar erscheinenden Album "FUN" sein wird. Arg viel verändert hat sich nicht, muss es aber auch gar nicht. Es gefällt außerordentlich gut, so gut, dass nach dem 'Hit' "Der letzte Tanzende" einige lautstark noch eine Zugabe fordern. Der Zeitplan negiert, ein verdientes Kompliment ist es allemal. Die Nerven bleiben eine der spannendsten Bands aktuell. Das tut Stuttgart wirklich gut. 
Jene Landeshauptstadt BW's findet neben diversen Messer-Seitenhieben und Wortspielen von Love A-Sänger Jörkk Mechenbier auffallend oft in Ansagen statt. Er sieht in dem zeitgleich stattfindenden Hardcore Winterfest im dortigen Jugendhaus West, in dem seine Band im Mai spielte, eine Konkurrenz zur heutigen Veranstaltung. Doch 70km sind eine sichere Distanz, das Programm verschieden genug und der Raum mittlerweile gut gefüllt. Mechenbier zögert nicht die verbliebenen Leute, die hinten an der Bar stehen, mit einer kurzen Bitte nach vorne zu bewegen. Sie folgen seinen Worten, neben dem hitreichen Set ist er heute der Schwätzer, der Clown, der liebenswürdige alte Mann, der austeilt und einsteckt.
Seine Worte finden in Songs geschrien wie in Ansagen gealbert großen Gefallen, diese tollen, treffenden Parolen, die er gestenreich beschreibt, finden im Publikum ein lautes Echo. Zurecht, diese Zeilen kann man gut skandieren, weil sie es sind. 
Die durchgängig schrill-klingende Gitarre und agile Bassläufe bestimmen die überwiegend angewandte Songstruktur, daher ist eben auch fast jeder Love A-Song ein Hit. "Ramones", "Juri", "Windmühlen", "Entweder", "Originell", man kommt nicht mehr mit, gefehlt haben sicher noch ein paar. Auch eignen sich die Songs perfekt für Mechenbiers konstantes Necken der Gruppe Messer, die direkt nach ihnen auftreten wird. Denn z.B. mit "Braindecoder" ("Was haben Sie gesagt, als ihre Frau zum ersten Mal mit dem MESSER aus der Küche kam?") nennt er sie direkt beim Namen. Einer muss ja für die Lacher sorgen, am Ende liegt er allen dankbar in den Armen, nachdem er komplett verschwitzt nach seinem verhedderten Mikro fischt, alle anderen Bands anerkennend auf der Bühne grüßt und Love A mit "Zaunmüllerei" noch eine geforderte Zugabe spielen dürfen, obgleich sie "Messer nichts abschneiden" wollen. 
Damit gibt er das Mikrophon wie ein Staffelstab an Hendrik Otremba weiter. Gleich beim Umbau sorgt seine Band Messer für eine Überraschung, da die eigentlich vierköpfige Münsteraner Postpunkkombo heute um ein Mitglied erweitert wird. Neben dem Schlagzeug bedient es diverse Perkussionsinstrumente, möglicherweise handelt es sich bei dem jungen Mann um Manuel Chittka, der auf der frisch erschienenen Messer-Platte "Die Unsichtbaren" an eben diesen Instrumenten mitwirkte. Jenes Album macht gerade zurecht Wirbel, das soll es ja auch, verdientermaßen. Messer stehen heute, Headliner hin oder her, nicht umsonst als letzte Band auf der Bühne. Ein Höhepunkt, zu dem die künstlichen Nebelwolken passen, von denen Jörkk Mechenbier kaum angetan war. Ein bisschen düstere Stimmung zum Beginn "Lügen", eine äußerst bekannte Nummer. Otrembas markante Stimme hallt durch den Raum, rauchend bewegt er sich auf der Bühne umher, ziellos, wie im Wahn, während es passend rauscht, klopft und schallt, die Basslines zur Bewegung drängen. Diese Dramatik, die sich aus den kantigen Strukturen, der perfekten Rhythmik und dem unverwechselbaren gesungenen Worten verbindet, ist spürbar und existent, sie macht Laune und erhält diese schöne Besonderheit an der Gruppe Messer. 


 Jörkk Mechenbier schätzt das sicher auch, die Sticheleien sind Teil seiner Würdigung. Am Ende wird ihm mit "Die kapieren nicht" noch ein Song gewidmet. Er sei in Ordnung, sagt Otremba. Das war heute alles. Heute haben sich tatsächlich alle Bands lieb und finden sich gegenseitig gut, das Publikum steigt da mit ein. Liebe ist besser als Hass, da sind sich sicher alle einig.


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