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Montag, 17. März 2014

Bernd Begemann & Ben Schadow, Gießen, 14.03.2014

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Konzert: Bernd Begemann (mit Special Guests Tess Wiley & Ben Schadow)
Vorband: Ben Schadow mit Pele Caster (und Special Guests Bernd Begemann & Tess Wiley)
Ort: MuK, Gießen
Datum: 14.03.2014
Dauer: Bernd Begemann 114 Minuten (exklusive Pause); Ben Schadow 66 Minuten
Zuschauer: etwa 30



Das war wohl das, was man einen denkwürdigen... Ich greife zu tief, das war wohl das, was man guten Gewissens als legendären Abend bezeichnen kann: Bernd Begemann, Godfather of Hamburger Schule, „König des urbanen Pop“ (taz) und „Guru“ der Höchsten Eisenbahn spielt ein auch für seine Verhältnisse außergewöhnliches Konzert in Gießen mit Tess Wiley als Gaststar und Ben Schadow im Vorprogramm und gerade einmal 30 Leute werden Zeuge. 
 Beim Eintritt in die Bunkeranlage auf der Gießener Automeile, in der sich das MuK verbirgt, schließt sich für mich gewissermaßen ein Kreis. Im Dezember 2009 sah ich Begemann das erste Mal im Jokus, einem Kulturzentrum inmitten der gesichtslosen Studentenstadt. Für einen 18-jährigen Schüler war das Konzert ein berauschendes Erweckungserlebnis, sorgte für die für mich damals überaus überraschende Erkenntnis, dass deutsche Texte auch abseits des Punkrocks ihre Berechtigung in der Popmusik haben, war damit entscheidender Indikator meiner bis heute wachsenden Liebe für guten deutschen Indie-Pop. Zahlreiche besuchte Konzerte des Meisters waren das logische Resultat, nach und nach erschloss ich mir die Hamburger Schule von Begemann ausgehend über die Bad Salzufler Fast Weltweit Szene von hinten von Blumfeld, Tocotronic und Superpunk bis hin zur Erbengeneration um Kettcar. Zu Besuch bei meinen Eltern in der oberhessischen Heimat liegt ein Abstecher in die für meinen Musikgeschmack prägende Stadt nahe. Es ist eine Reise zurück in meine musikalische Adoleszenz, hier im MuK sah ich in meinem Abiturjahr ein Akustik-Konzert Frank Turners, dem britischen Folk-Punk-Springsteen, der nicht nur dessen „Thunder Road“ zu seiner ultimativen Coverversion führte, sondern auch in der Partnerstadt seiner Heimatstadt Winchester spielte, ohne deren Namen je zuvor gehört zu haben. 


Betrachtet man Begemanns Schaffen der letzten Jahre, so ist kaum ein Name enger damit verknüpft als Ben Schadow. Als Bassist der 2003 ins Leben gerufenen Gruppe Die Befreiung, die Begemann seitdem auf seinen Alben und (leider viel zu selten) live begleitet, kommt dem 37-Jährigen die Rolle des ruhigen Gegenpols zum brodelnd extravertierten Frontmann zu. Schadow ist der Publikumsliebling hinter Begemann, produzierte die letzten beiden Alben der Band und ist seit einigen Jahren auch als Solokünstler aktiv. Dass das MuK ausgerechnet Schadow als Support-Act für den „größten Entertainer Deutschlands“ (Musikexpress) wählte, ist ein ausgesprochener Glücksfall für Fans. Gemeinsam mit Klee-Bassist Stefan „Pele Caster“ Götzer beschließt Schadow seine zurückliegende Band-Tour mit einem Duo-Konzert. 


Mit angenehmer Anekdotenplauderei, wohldosierten feingeistigen Liedern und einigen Klassikern seiner einstigen Mod-Band Les Garcons sorgen die Beiden für ein äußerst kurzweiliges Support-Set. Über eine Stunde darf man spielen. Die Zuschauer sind aufmerksam, der Applaus ist stets anerkennend, hin und wieder sogar frenetisch. Schon die Eröffnung mit „Zusammen zuletzt“ gelingt und spätestens als Schadow von seinem letzten Erlebnis im MuK vor sieben Jahren berichtet, ist das sprichwörtliche Eis gebrochen. Damals stellte er Zuschauern nach einem Konzert mit Bernd Begemann & Die Befreiung die Frage, wie es ihnen gefallen habe. Als keine klare Antwort kam, verfeinerte er: „Ihr könntet zumindest sagen, ob es besser als Pur war.“ Das Zitieren der ernüchternden Antwort „Du fragst mich ja auch nicht, ob ich lieber Kotze oder Scheiße essen würde“ sorgt für den ein oder anderen Lacher. Aus dem Hintergrund hört man Begemann rufen: „Das waren Freunde vom Keyboarder“. Die Lacher nehmen zu. 

Weiter geht es mit starken Stücken von Schadows Debüt „Liebe zur Zeit der Automaten“, dem neuen, in der griechischen Mythologie wildernden Song „Fräulein M“ und „Sie sagt, sie geht“, einer rumpelnden Beatrock-Nummer aus der Garcons-Ära. Begemann kommt zu „Wie leicht es wäre, einfach zu bleiben“ auf die Bühne, liefert spontan den Beat. Später im Set betritt Tess Wiley, in Gießen lebendes Ex-Mitglied von Sixpence Non The Richer und charismatische Folkrock-Sängerin, als Gaststar die Bühne, singt „Gerade verliebt“, den norddeutschen Garcons-Hit, der in der Studioversion ausgerechnet von Begemann eingesungen wurde, und „Morgen sagen wir“ von Pele Caster mit diesem im Duett. Die stilvolle, stimmgewaltige Amerikanerin führt das Set auf eine höhere Ebene. Im lockeren Zusammenspiel ergeben sich völlig neue Möglichkeiten, die den besten Auftritt Schadows, den ich in diesem Jahr sah, angemessen enden lassen. 


 „Ich habe meinen Frieden gemacht mit den Dinkelkeks-Müttern vom Spielplatz“, Begemann benötigt wenige Minuten, um all das unter Beweis zu stellen, was ihn als Songwriter und Perfomer vor nahezu allen nationalen Kollegen auszeichnet. Die stets genaue Analyse eines Zeitalters neuen Biedermeiers ist die pointierte Abrechnung mit Hipster- und Yuppiekultur und einer poetischen Beobachtungsgabe geschuldet, die soziologische Phänomene besser einzufangen vermag, als es wissenschaftliche Termini je könnten. 

Noch eine Spur gelöster als zwei Tage zuvor in Frankfurt gespielt, ist die erste Hälfte des Sets atemberaubend. Begemann reizt seine Entertainer-Begabung aus, spielt starke Songs und kommt bei seinen Ansagen vom hundertsten ins tausendste, um mit Fontane zu sprechen. Das ist kluge Premiumunterhaltung, assoziativ und spontan. So kommt er vom Namen des Clubs, zum Märchen „Der kleine Muck“, schweift zur DEFA-Verfilmung ab, nur um dann „Kein Glück im Osten“, einen seiner besten wie auch beliebtesten und scharfzüngigsten Livesongs inklusive Bryan-Adams-Parodie, zu spielen. Prompt wird die resignierte Einsicht „Ich hab' kein Glück im Osten“ vom Publikum gesungen und Begemann kann sich in seine Unterhalterrolle fallen lassen. Dazwischen sprießen traurige Liebes- wie Trennungslieder der Güte von „Ich habe nichts erreicht außer dir“ und „Viel zu glücklich (Um es lange zu bleiben“ als blühende Exempel seines Songwritings. Niemand leidet so unprätentiös wie Bernd Begemann, der tatsächlich keinen Grund hat auf den „Gothic-Heino“ von Unheilig neidisch zu sein. 


„Meine Jahre mit Elizabeth Taylor“, jener extraordinäre Song seiner alten Band Die Antwort, der mit seiner eingängigen Melodie und faszinierenden Handlung ein Hit hätte werden müssen, ist eine überraschend gespielte, publikumsgewünschte Rarität, die dann in den zwanzig Jahre später eingetretenen tatsächlich ersten Charts-Erfolg Begemanns übergeht: „Verhaftet wegen sexy“, die Kollaboration mit seinem erfolgreichen Freund und Epigonen Olli Schulz, ist mit seiner „La Bamba“-Melodie ein echter Ohrwurm, war dieses Jahr ein Karnevalsschunkler und wird ziemlich sicher ein Erfolg am Ballermann werden. Auch wenn die Nummer qualitativ gegenüber den meisten anderen Begemann-Songs deutlich abfällt, gönnt man ihm den redlich verdienten Erfolg und freut sich, nicht mehr der jüngste Besucher seiner Konzerte zu sein. Dass selbst eine derart mediokre Nummer dann noch mit Zeilen wie „Es ist wie jede Nacht, zwei Apfelschorle und ich bin nackt“ daherkommt, spricht jedenfalls für sich. 


Für die Tammy-„Stand by your man“-Wynette-Countryballade „Till I Get It Right“ gibt es ein Wiedersehen mit seiner einstigen Label-Kollegin Tess Wiley und das kleinen Rhythmusproblemen zum trotz beste Duett, das ich seit längerem gehört habe, dazu. Mit starker Präsenz und einnehmender Stimme ist Tess Wileys Gastauftritt das „i-Tüpfelchen“ eines tollen Konzerts, wie mein Vater anerkennend betont. Nach Obligatorischem wie „Fernsehen mit Deiner Schwester“ oder „Nichts erreicht außer Dir“ folgen neue Lieder wie „Lila Twingo“ (mit Buddy-Holly-Zitat) und am Ende des regulären Sets die rührselige Familien-Ode „Wir Drei“


Mit dem ehrerweisenden Zusatz „meinen allerliebsten Lieblingsmusiker“ bittet Begemann seinen Band-Bassisten Schadow für die Zugaben auf die Bühne. Erstmals als Duo auf der Bühne stehend und zum zweiten Mal bei einem Begemann-Konzert überhaupt an der Gitarre schmückt der bärtige Schadow die Lieder seines Frontmanns mit angenehm nonchalantem Spiel aus. Das ungewöhnliche Liebeslied „Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover“ zwischen vertontem Roadmovie und wehmütiger Schwärmerei für eine Tramperin angelegt, animiert noch einmal zum Mitsingen. „Reinigt eure Seele mit einem lauten 'nach Hannover'“, ruft Begemann, „das ist eine ganz eigene Katharsis. Das schönste an Gießen ist der Friedhof, hat mir mal jemand erzählt, der drei Jahre lang hier gewohnt hat. Aber seid froh, denn egal, wie trist eure Stadt ist, ihr wohnt nicht in Hannover.“ Wieder wird Begemann kollektiv gefolgt, wieder gipfelt die „Bernd-Begemann-Show“ in glücklichen Gesichtern von Menschen, die Felix Weigts (Die Höchste Eisenbahn, Spaceman Spiff, Kid Kopphausen) Credo im aktuellen Musikexpress, jeder müsse in seinem Leben einmal ein Bernd-Begemann-Konzert besucht haben, wohl ausnahmslos unterschreiben würden. 


„Ben, versprich mir, dass du immer bei mir bleiben wirst. Selbst dann, wenn du Nummer 1 wirst“, ruft Begemann Schadow während eines Solos zu und führt einem noch einmal den unkaputtbaren Geist einer der wohl glücklichsten deutschen Musiker-Konstellationen des vergangenen Jahrzehnts vor Augen. „Keine Angst, Bernd, davon bin ich weit entfernt.“ Es folgt „Unsere Band ist am Ende“, der eindrucksvolle Schluss der ersten Befreiungs-Platte. Ein ironischer Abschiedskommentar zum bisher schwächst besuchten und vermutlich auch kürzesten Auftritt seiner aktuellen Tour beendet ein fantastisches Indie-Pop-Konzert. Was übrig bleibt, ist ein flaues Gefühl im Magen, ob der mageren Besucherzahlen, Kopfzerbrechen über den bitteren Zeitgeist und die Gewissheit etwas ganz Besonderes erlebt zu haben. 
Qualitative Popkunst wiegt doch so viel mehr als Anbiederung und Beliebigkeit, ein gutes Konzert schwerer als ein Plastikbecher Bier in der Mehrzweckhalle.




Setlist Ben Schadow & Pele Caster, Gießen:

01: Zusammen zuletzt
02: Herz aus Holz
03: Gnade trägt man in Särgen
04: Sie sagt, sie geht (Les Garcons-Song)
05: Fräulein M (neu)
06: Buena Sera, Signor, Buena Sera (Les Garcons-Song)
07: Ich fall' immer auf die selben Dinge rein
08: Wie leicht es wäre, einfach zu bleiben (Percussion: Bernd Begemann)
09: Was, wenn es mich wach entdeckt
10: Gerade verliebt (Les Garcons-Song) (mit Tess Wiley)
11: Morgen sagen wir (Pele Caster-Song) (mit Tess Wiley)


Setlist Bernd Begemann, Gießen:

01: Ich habe meinen Frieden gemacht (neu)
02: Weil wir weg sind (Bernd Begemann & Die Befreiung)
03: Ihr Geheimnis ist sicher bei mir (Bernd Begemann & Die Befreiung)
04: Kein Glück im Osten (inkl. Summer of '69)
05: "Das Recht, euch alle weiterhin scheiße finden zu dürfen" (neu)
06: Bleib zuhause im Sommer
07: Du bist mein Niveau (Bernd Begemann & Die Befreiung)
08: Es klappt gerade nicht mit dem Fahrrad (neu)
09: Viel zu glücklich (Um es lange zu bleiben)
10: Wir träumen von Liebe (Bernd Begemann & Die Befreiung)
11: Viel zu glücklich (Um es lange zu bleiben)
12: Ich kann dich nicht kriegen, Katrin
13: Meine Jahre mit Elisabeth Taylor (Die Antwort-Song)
14: Verhaftet wegen sexy (Bernd Begemann & Olli Schulz-Song)
15: "Mir fällt es schwer zu glauben, dass du schüchtern bist" (neu)
16: Till I Get It Right (Tammy Wynette-Cover) (mit Tess Wiley)
PAUSE
17: Unsere Liebe blüht im Dunkeln (Begemann-Song; im Film "Schenk mir Dein Herz" gesungen von Mina Tander)
18: Die Slums von Eppendorf
19: Fernsehen mit Deiner Schwester
20: Ich habe nichts erreicht außer Dir
21: Lila Twingo (neu) (inkl. Buddy Holly-Cover: Peggy Sue Got Married)
22: Wir Drei (Bernd Begemann & Die Befreiung)

23: Schluss mit dem Quatsch (Jetzt wird Geld verdient) (mit Ben Schadow) (Z)
24: Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover (mit Ben Schadow) (Z)
25: Unsere Band ist am Ende (Bernd Begemann & Die Befreiung) (mit Ben Schadow) (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Bernd Begemann, Frankfurt, 12.03.2014
- Bernd Begemann & Die Befreiung, Hamburg, 29.12.2014
- Ben Schadow Band, Würzburg, 02.03.2014
- Ben Schadow & Pele Caster, Stuttgart, 30.08.2013
- Ben Schadow & Pele Caster, Karlsruhe, 28.08.2013
- Ben Schadow Band, Mannheim, 25.04.2013
- Ben Schadow Band, Stuttgart, 14.04.2013



Montag, 18. März 2013

Tess Wiley, Stuttgart, 16.03.13

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Konzert: Tess Wiley 
Ort: Club Zentral, Stuttgart
Zuschauer: vielleicht 40 
Datum: 16.03.2013 
Dauer: 37 Minuten 


von Jens aus Stuttgart


Sie war mal Mitglied von Sixpence Non the Richer, richtig, das ist die amerikanische Band, die in den 1990ern mit „Kiss Me“ einen Welthit hatte.  Zu diesem Zeitpunkt war Tess Wiley aus Houston, Texas, bereits nicht mehr Mitglied der Band. Seither hat sich viel im Leben der sympathischen Singer-Songwriterin geändert. So zog sie nach Deutschland, nach Gießen, heiratete einen deutschen Photographen und Regisseur, bevor sie 2001 in New York ihr erstes Soloalbum „Rainy Day Asemble“ aufnahm, das ein Jahr später erschien. Die beiden folgenden Platte erschienen dann bei Tapete Records, einem der profiliertesten Indie-Labels Europas, gegründet von Dirk Darmstaedter. 

Schon seit einiger Zeit hoffte ich nun, die Wahl-Hessin einmal live zu sehen. Die Möglichkeit bot sich jetzt im Stuttgarter Club Zentral, über den ich viel Gutes gehört habe, wo sie im Vorprogramm der Regensburger Rockband Kellner um den Singer-Songwriter Matthias Kellner auftreten sollte. Um 20.08 betritt Tess Wiley die Bühne, mit einem gekonnten Show-Schrei zieht sie sofort die Aufmerksamkeit des auf Kellner wartenden Publikums auf sich. Mit „Little Secrets“ beginnt ihr Set stimmig. Auf der Akustik-Gitarre begleitet sie sich und singt mit ausdrucksstarker Stimme melancholische Zeilen. Mit hautfarbener Bluse, schwarze Hose und hochhackigen Stiefeln wirkt das alles sehr amerikanisch und man fühlt sich in einem Club in Nashville oder mindestens einmal New York versetzt. Wiley macht klassischen Folk-Rock ohne in die Country-Kitsch-Falle zu treten. „Messed Up Everywhere Blues“ heißt der Song von Jason Harrod, einem guten Bekannten der Sängerin aus den USA, den sie selbst als bestes Beispiel der melancholischen Grundhaltung, die sich durch ihre Musik zieht nennt. Anschließend bedankt sie sich beim freundlich zuhörenden Publikum. „Kellner hat wirklich das aufmerksamste Publikum der Welt“, sagt Wiley und ich muss ihr innerlich zustimmen. Selten habe ich es bisher erlebt, dass einer Vorband derart andächtige Beachtung geschenkt wurde. Allerdings wird es den Anwesenden auch leicht gemacht. In Puncto Bühnenpräsenz überzeugt die Texanerin auf ganzer Linie, dazu glänzt ein enormes Songwriter-Talent auf, das jeder der Zuschauer zu quittieren scheint, obwohl vermutlich die wenigsten im Publikum bereits mit ihrem Werk vertraut sind. Ein gut frequentierter Merchandie-Stand zollt der Sängerin schließlich Tribut. Obwohl die meisten der gespielten Songs noch unveröffentlicht sind und erst auf dem nächsten Langspieler enthalten sein werden, verkaufen sich die Alben ausgezeichnet. Wenig verwunderlich schließlich ist die Klasse von Liedern wie „Sad Clown“ außergewöhnlich und den Hits gehypter Singer-Songwriterinnen wie Lissy oder der Mittelmäßigkeit, die Sheryl Crow nach ihrem tatsächlich erstklassigen Debüt „Tuesday Night Music Club“, was man sich heute kaum vorstellen kann, weitaus überlegen sind. „Hestia (Housecleaning-Blues)“ ist dann ein gutes Beispiel für ihr Händchen alltägliche Geschichte auf ungewöhnliche Weise zu besingen. Betitelt nach der griechischen Göttin des Familien- und Staatsherdes erzählt dieses Lied, zu welchen Resultaten Krankheit oder depressive Stimmung bei der Sängerin führen. „Wenn ich krank bin oder depressiv putze ich immer meine Wohnung, seltsam ich weiß.“ „Good, What We've Got“ ist ein weiteres gutes Beispiel des Songwritings der viel jünger wirkenden 39-jährigen, die häufig auch über ihren christlichen Glauben zu singen scheint, ohne dabei irgendwelche Klischees zu bedienen, viel zu aufrichtig ist ihre Attitüde. Überhaupt scheint sie sich am deutschen Äquivalent zu Singer-Songwriter zu stören. „Liedermacher, ein seltsames Wort. Obwohl, es trifft ja zu, ich mache Lieder, ich bin ein Liedermacher. Aber das klingt trotzdem seltsam. So nach Reinhard Mey.“ Recht hat sie natürlich, auch wenn Reinhard Mey sicherlich nicht als Negativbeispiel funktioniert, schließlich hat er vor langer Zeit gute Lieder gemacht, um beim Wortstamm zu bleiben. Das schlechteste Exempel ist er dennoch nicht. 
 
„Gott wollte, dass ich Gitarre spiele, doch er gab mir kleine Finger“, kokettiert die zierliche Sängern sympathisch mit einem nicht ganz stimmigen Akkord. Mit „Tornadoes“, dem vielleicht stärksten Song des Sets endet das Konzert, wegen dem ich heute Abend den Club Zentral nahe der Liederhalle besuche, perfekt. In 37 Minuten konnte Tess Wiley eindrucksvoll beweisen, warum sie ihre Alben auf dem gleichen Label wie die Legende Lloyd Cole oder die deutschen Modgötter Superpunk veröffentlicht. Die Klasse ist die gleiche, nämlich erste. So reiht sich Tess Wiley eindrucksvoll irgendwo zwischen Patti Smith und der ganz frühen Sheryl Crow ein, was live in intensiver, berührender, hoch ästhetisierter Folkrockmusik mündet, die sowohl akustisch als auch elektrisch vollends überzeugen kann. 


Wie waren nun Kellner, über die Tess Wiley ehrlich anerkennend anmerkte, sie würden authentisch amerikanisch klingen? Amerikanisch klang es dann auch, was der fähige Sänger Matthias Kellner und seine Band auf die Bühne brachte. New Jersey Rock, leider nicht im Springsteen'schen Sinne, sondern eher in der Bon Jovi – Tradition. Mit seiner hervorragenden Stimme, würde dem Kellner ein klassisches Soulprogramm meines Erachtens besser bestehen, was er auf vorangegangen Alben wohl auch zeigte, die ihn immerhin auch ins Vorprogramm von einem Star wie Katie Melua führten. Als Schauspieler macht der schwergewichtige bayrische Musiker übrigens eine fabelhafte Figur und auch an die diversen Soundtracks ist er beteiligt. Ob in der fantastischen Komödie „Sommer in Orange“ oder in Helmut Dietls „Zettl“, an dessen Drehbuch Popliteratur-Ikone Benjamin von Stuckrad-Barre beteiligt war. 

Setlist Tess Wiley, Club Zentral, Stuttgart:

01: Little Secrets 
02: Rescue Me 
03: It Rained 
04: Good, what we've got 
05: Messed Up Everywhere Blues (Jason Harrod – Cover) 
06: Sad Clown 
07: Hestia (Housecleaning-Blues) 
08: Tornadoes 


 

Konzerttagebuch © 2010

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