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um
20:10
Konzert: Honig & Hello Piedpiper
Ort: Alte Kupferschmiede, Gießen
Datum: 21.04.2014
Dauer: Hello Piedpiper ca. 30 Minuten, Honig ca. 65 Minuten
Zuschauer: ca. 35
An Ostern neigt man bekanntlich zu Ausflügen, folglich machten mein Freund und ich uns am Nachmittag des Ostermontags Richtung Gießen auf. Gießen war mir nicht als klassisches Ausflugsziel geläufig, und als wir es erreichten, zeigte sich, dass es dafür Gründe gibt: Es handelt sich um eine ausgesprochen hässliche Stadt mit dem gewissen Nichts.
In Wirklichkeit waren wir aber gar nicht angereist, um die wenigen unzerstörten Fachwerkhäuser der Stadt zu bewundern, sondern um ein Konzert von Honig zu besuchen. Stichwort Honig, kam der nicht aus Düsseldorf? Und fuhr direkt vor uns nicht gerade ein Auto mit Düsseldorfer Kennzeichen, dessen Fahrer ebenso ratlos wie wir zu sein schien, als die laut Google Maps richtige Abfahrt zum Konzertraum sich als doch falsch entpuppte? Und gab es nicht auch einen Beifahrer, und waren das auf der Rückbank vielleicht Musikinstrumente? Als das Auto vor uns schließlich abrupt bremste, wendete und wir die Insassen sehen konnten, waren alle Zweifel beseitigt, wir waren hinter Honig her- und fast in sie hinein gefahren.
Das bedeutete aber nicht, dass es nun leicht gewesen wäre, die Konzerthalle zu finden. Nach einem Besuch in einer Pizzeria versuchten wir erneut, uns mit Google Maps dem Veranstaltungsort, der Alten Kupferschmiede, zu nähern. Das kleine Haus, das wir schließlich erreichten, schien auch tatsächlich eine ehemalige Schmiede zu sein, und aus dem Inneren erklang Musik. Aber wo sollte der Eingang sein, und warum schien es keine weiteren Konzertgäste zu geben?
Die anderen Gäste kannten sich wohl einfach besser als wir mit den örtlichen Gepflogenheiten aus, denn während wir, die nicht wussten, ob 19 Uhr 30 die Einlass- oder Anfangszeit sein sollte, extra früh erschienen waren, wussten alle anderen wohl, dass hier vor 20 Uhr ohnehin nichts passieren würde - es verging noch eine ganze Weile, bis wir schließlich in den winzigen Konzertsaal eintreten durften, bis dahin waren aber auch weitere 30 Konzertbesucher erschienen. Beim Eintritt hatte man die Wahl, wie viel Geld (zwischen 5 und 8 €) man bezahlen wollte. Im Inneren gab es zwei Sofas, eine selbst gebastelte Theke mit Getränken nahe dem Selbstkostenpreis, einen vor sich hin bollernden Ofen und Pappkisten, auf die man sich setzen konnte.
Als dann schließlich sowohl Stefan Honig als auch Fabio Bachhet die Bühne einnahmen, dachte ich zuerst, es werde gar keine Einzelauftritte geben. Tatsächlich gab es aber die traditionelle Aufteilung in Vor- und Hauptact, nur, dass die beiden sich gegenseitig bei ihren Auftritten unterstützten.
Zuerst war also Hello Piedpiper an der Reihe, der neben der gelegentlichen Mithilfe von Stefan Honig auch ausgiebig auf die Technik des Loopens zurückgriff: Mal spielte die Gitarre ohne ihn weiter, mal kam ein geklopfter Rhythmus mit hinzu, dann war es seine Stimme, die eine Textzeile wiederholte und mit sich selbst ein Duett bildete. Die Musik des Solokünstlers ist insgesamt getragen und traurig, dabei wirkt er selbst eher ausgeglichen bis fröhlich - er versicherte auch, dass er beim Musikmachen zwar manchmal böse aussehe, das aber nichts zu bedeuten habe und er gerne hier sei.
"Of People and land theft" war der einzige Songs, dessen Text ich über weitere Strecken folgen konnte, und ich fand das Thema (eben Landdiebstahl und Vertreibung) einigermaßen überraschend, Protestmusik ist ja heutzutage eher seltener zu hören. "Not waving but drowning" widmete Fabio Stefan Honig und erklärte, er werde es ihm voraussichtlich die ganze Woche lang widmen. Honig berichtete im Gegenzug, die beiden hätten heute auf Facebook ein Selfie gepostet, worauf Fabio fragte, was das denn sei und Stefan ganz gerührt darüber war, dass das jemand nicht weiß.
Setliste Hello Piedpiper, Gießen:
01: The darkness is so close. NOT.
02: The fear
03: The Pawn That Beats The Drake
04: Of people and land theft
05: War
06: Not waving but drowning
07: The taciturn fool (Z)
Nach kurzer Pause begann das Honig-Set mit "Leave me now". Vor "Hometowns", das Fabio spontan rhythmisch begleitete, erklärte Stefan, er habe den Song im Turnraum geschrieben, als er noch im Kindergarten arbeitete, und der ursprüngliche Text habe "Ohoho wir rennen wie ein Löwe durch den Turnraum" gelautet - mit wechselnden Tierarten. Überhaupt scheinen Honigs Songs gerne einmal längere Entwicklungsprozesse zu durchlaufen, denn zu "Burning down bookshops" erklärte er später, das Lied habe ursprünglich nur "Bookshops" geheißen, er habe aber so lange umarrangiert, das der Titel das reflektieren musste.
Das folgende "Look what the tide brought" kündigte Honig als einen rockigen Song an, nach dem es eher ruhig weitergehen würde. Zu diesem Lied existiert auch ein Video, für das sich Stefan extra einen Bart wachsen ließ (der dann abrasiert wurde so dass der Bart beim Rückwärtsabspielen zu wachsen schien), das aber bislang nicht das Licht der Öffentlichkeit erblicken durfte.
Zuvor folgten aber noch andere Titel, die praktischerweise (für mich als Setlistenmitschreiberin) meist mit ihrem Titel angekündigt wurden. Bei "For those lost at sea", als "größter Hit" der Band angekündigt, wurden wir aufgefordert, am Ende mitzusingen, zu "Song for Julie" erfuhren wir, dass er mittlerweile eine andere Freundin habe, das für Julie aber in Ordnung sei - und die neue Freundin auch nichts gegen das Lied habe. Stefan Honig wechselte an diesem Abend ständig zwischen akustischer Gitarre und Ukulele, bediente ein Tambourin mit dem Fuß und stellte auch einige Titel aus dem im August erscheinenden neuen Album vor. Da dieses mit einer Band eingespielt wurde, werden auf dieser Tour zunächst umarrangierte, spärliche Versionen dargeboten.
Nach "Burning down bookshops" kam es dann zu einer echten Überraschung, als wir plötzlich mit einem Hiphop-Teil konfrontiert wurden - nach all dem Gesang zur Gitarre ein echte Stilbruch, der jedoch mit großem Applaus belohnt wurde. Stefan erklärte, er habe mit 15 zahlreiche Beastie Boys-Hits auswendig gelernt und nie wieder vergessen, selbst wenn er mitten in der Nacht geweckt würde, könne er sie noch fehlerfrei vortragen.
Mittlerweile war es nach 22 Uhr, weshalb die letzten Darbietungen aus Rücksicht auf die Anwohner akustisch erfolgen mussten - die Künstler baten uns zunächst, um sie herum einen Kreis zu bilden, wurden damit aber nicht so recht glücklich und kehrten bald doch wieder Richtung Bühne zurück. Nach "Lemon law" und "Golden Circle" hätte das Set eigentlich beendet sein sollen, aber nachdem das Publikum nach Zugaben verlangte, einigte man sich darauf, dass zunächst eine Zugabe von Hello Piedpiper kommen solle, so dass Honig sich ein wenig ausruhen und an seinem Bier trinken konnte. Anschließend hörten wir leider nicht etwa "Brand new bike", obwohl wir den Song vorab auf der Setliste erspäht hatten, oder "The last of the polar bears", welches wir uns gewünscht hätten, sondern mit "John Wayne Gacy, Jr." ein nicht weniger tolles Cover von Sufjan Stevens.
Der Abend in der Alten Kupferschmiede machte den deprimierenden Eindruck, den ich sonst von Gießen hatte, mehr als wett: Die Betreiber des Auftrittsorts sind offensichtlich musikinteressierte Idealisten, die beiden Musiker schienen sich blendend zu verstehen und das Publikum hörte aufmerksam zu. Ich bin schon gespannt, wie das neue Honig-Album klingen wird.
Setliste Honig:
01: Leave me now
02: Hometowns
03: Look what the tide brought
04: Swimming lessons
05: Overboard
06: For those lost at sea
07: Song for Julie
08: Burning down bookshops
09: In my drunken head
10: This old house
11: Homesick (Radical Face Cover)
12: Lemon law (Z)
13: Golden circle (Z)
14: John Wayne Gacy, jr. (Sufjan Stevens Cover) (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
Hello Piedpiper, Sindelfingen, 14.09.13
Hello Piedpiper, Karlsruhe, 07.06.13
Honig, Ludwigsburg, 30.11.13
Honig, Reutlingen, 27.07.13
Honig und Hello Piedpiper, Köln, 22.10.12
Honig, Haldern, 11.08.12
Honig, Köln, 30.11.09
Bilder: Dirk von Platten vor Gericht
um
14:03
Konzert: Bernd Begemann (mit Special Guests Tess Wiley & Ben Schadow)
Vorband: Ben Schadow mit Pele Caster (und Special Guests Bernd Begemann & Tess Wiley)
Ort: MuK, Gießen
Datum: 14.03.2014
Dauer: Bernd Begemann 114 Minuten (exklusive Pause); Ben Schadow 66 Minuten
Zuschauer: etwa 30
Das war wohl das, was man einen denkwürdigen... Ich greife zu tief, das war wohl das, was man guten Gewissens als legendären Abend bezeichnen kann: Bernd Begemann, Godfather of Hamburger Schule, „König des urbanen Pop“ (taz) und „Guru“ der Höchsten Eisenbahn spielt ein auch für seine Verhältnisse außergewöhnliches Konzert in Gießen mit Tess Wiley als Gaststar und Ben Schadow im Vorprogramm und gerade einmal 30 Leute werden Zeuge.
Beim Eintritt in die Bunkeranlage auf der Gießener Automeile, in der sich das MuK verbirgt, schließt sich für mich gewissermaßen ein Kreis. Im Dezember 2009 sah ich Begemann das erste Mal im Jokus, einem Kulturzentrum inmitten der gesichtslosen Studentenstadt. Für einen 18-jährigen Schüler war das Konzert ein berauschendes Erweckungserlebnis, sorgte für die für mich damals überaus überraschende Erkenntnis, dass deutsche Texte auch abseits des Punkrocks ihre Berechtigung in der Popmusik haben, war damit entscheidender Indikator meiner bis heute wachsenden Liebe für guten deutschen Indie-Pop. Zahlreiche besuchte Konzerte des Meisters waren das logische Resultat, nach und nach erschloss ich mir die Hamburger Schule von Begemann ausgehend über die Bad Salzufler Fast Weltweit Szene von hinten von Blumfeld, Tocotronic und Superpunk bis hin zur Erbengeneration um Kettcar. Zu Besuch bei meinen Eltern in der oberhessischen Heimat liegt ein Abstecher in die für meinen Musikgeschmack prägende Stadt nahe. Es ist eine Reise zurück in meine musikalische Adoleszenz, hier im MuK sah ich in meinem Abiturjahr ein Akustik-Konzert Frank Turners, dem britischen Folk-Punk-Springsteen, der nicht nur dessen „Thunder Road“ zu seiner ultimativen Coverversion führte, sondern auch in der Partnerstadt seiner Heimatstadt Winchester spielte, ohne deren Namen je zuvor gehört zu haben.

Betrachtet man Begemanns Schaffen der letzten Jahre, so ist kaum ein Name enger damit verknüpft als Ben Schadow. Als Bassist der 2003 ins Leben gerufenen Gruppe Die Befreiung, die Begemann seitdem auf seinen Alben und (leider viel zu selten) live begleitet, kommt dem 37-Jährigen die Rolle des ruhigen Gegenpols zum brodelnd extravertierten Frontmann zu. Schadow ist der Publikumsliebling hinter Begemann, produzierte die letzten beiden Alben der Band und ist seit einigen Jahren auch als Solokünstler aktiv.
Dass das MuK ausgerechnet Schadow als Support-Act für den „größten Entertainer Deutschlands“ (Musikexpress) wählte, ist ein ausgesprochener Glücksfall für Fans. Gemeinsam mit Klee-Bassist Stefan „Pele Caster“ Götzer beschließt Schadow seine zurückliegende Band-Tour mit einem Duo-Konzert.

Mit angenehmer Anekdotenplauderei, wohldosierten feingeistigen Liedern und einigen Klassikern seiner einstigen Mod-Band Les Garcons sorgen die Beiden für ein äußerst kurzweiliges Support-Set. Über eine Stunde darf man spielen. Die Zuschauer sind aufmerksam, der Applaus ist stets anerkennend, hin und wieder sogar frenetisch. Schon die Eröffnung mit „Zusammen zuletzt“ gelingt und spätestens als Schadow von seinem letzten Erlebnis im MuK vor sieben Jahren berichtet, ist das sprichwörtliche Eis gebrochen. Damals stellte er Zuschauern nach einem Konzert mit Bernd Begemann & Die Befreiung die Frage, wie es ihnen gefallen habe. Als keine klare Antwort kam, verfeinerte er: „Ihr könntet zumindest sagen, ob es besser als Pur war.“ Das Zitieren der ernüchternden Antwort „Du fragst mich ja auch nicht, ob ich lieber Kotze oder Scheiße essen würde“ sorgt für den ein oder anderen Lacher. Aus dem Hintergrund hört man Begemann rufen: „Das waren Freunde vom Keyboarder“. Die Lacher nehmen zu.

Weiter geht es mit starken Stücken von Schadows Debüt „Liebe zur Zeit der Automaten“, dem neuen, in der griechischen Mythologie wildernden Song „Fräulein M“ und „Sie sagt, sie geht“, einer rumpelnden Beatrock-Nummer aus der Garcons-Ära. Begemann kommt zu „Wie leicht es wäre, einfach zu bleiben“ auf die Bühne, liefert spontan den Beat. Später im Set betritt Tess Wiley, in Gießen lebendes Ex-Mitglied von Sixpence Non The Richer und charismatische Folkrock-Sängerin, als Gaststar die Bühne, singt „Gerade verliebt“, den norddeutschen Garcons-Hit, der in der Studioversion ausgerechnet von Begemann eingesungen wurde, und „Morgen sagen wir“ von Pele Caster mit diesem im Duett. Die stilvolle, stimmgewaltige Amerikanerin führt das Set auf eine höhere Ebene. Im lockeren Zusammenspiel ergeben sich völlig neue Möglichkeiten, die den besten Auftritt Schadows, den ich in diesem Jahr sah, angemessen enden lassen.

„Ich habe meinen Frieden gemacht mit den Dinkelkeks-Müttern vom Spielplatz“, Begemann benötigt wenige Minuten, um all das unter Beweis zu stellen, was ihn als Songwriter und Perfomer vor nahezu allen nationalen Kollegen auszeichnet. Die stets genaue Analyse eines Zeitalters neuen Biedermeiers ist die pointierte Abrechnung mit Hipster- und Yuppiekultur und einer poetischen Beobachtungsgabe geschuldet, die soziologische Phänomene besser einzufangen vermag, als es wissenschaftliche Termini je könnten.

Noch eine Spur gelöster als zwei Tage zuvor in Frankfurt gespielt, ist die erste Hälfte des Sets atemberaubend. Begemann reizt seine Entertainer-Begabung aus, spielt starke Songs und kommt bei seinen Ansagen vom hundertsten ins tausendste, um mit Fontane zu sprechen. Das ist kluge Premiumunterhaltung, assoziativ und spontan. So kommt er vom Namen des Clubs, zum Märchen „Der kleine Muck“, schweift zur DEFA-Verfilmung ab, nur um dann „Kein Glück im Osten“, einen seiner besten wie auch beliebtesten und scharfzüngigsten Livesongs inklusive Bryan-Adams-Parodie, zu spielen. Prompt wird die resignierte Einsicht „Ich hab' kein Glück im Osten“ vom Publikum gesungen und Begemann kann sich in seine Unterhalterrolle fallen lassen. Dazwischen sprießen traurige Liebes- wie Trennungslieder der Güte von „Ich habe nichts erreicht außer dir“ und „Viel zu glücklich (Um es lange zu bleiben“ als blühende Exempel seines Songwritings. Niemand leidet so unprätentiös wie Bernd Begemann, der tatsächlich keinen Grund hat auf den „Gothic-Heino“ von Unheilig neidisch zu sein.

„Meine Jahre mit Elizabeth Taylor“, jener extraordinäre Song seiner alten Band Die Antwort, der mit seiner eingängigen Melodie und faszinierenden Handlung ein Hit hätte werden müssen, ist eine überraschend gespielte, publikumsgewünschte Rarität, die dann in den zwanzig Jahre später eingetretenen tatsächlich ersten Charts-Erfolg Begemanns übergeht: „Verhaftet wegen sexy“, die Kollaboration mit seinem erfolgreichen Freund und Epigonen Olli Schulz, ist mit seiner „La Bamba“-Melodie ein echter Ohrwurm, war dieses Jahr ein Karnevalsschunkler und wird ziemlich sicher ein Erfolg am Ballermann werden. Auch wenn die Nummer qualitativ gegenüber den meisten anderen Begemann-Songs deutlich abfällt, gönnt man ihm den redlich verdienten Erfolg und freut sich, nicht mehr der jüngste Besucher seiner Konzerte zu sein. Dass selbst eine derart mediokre Nummer dann noch mit Zeilen wie „Es ist wie jede Nacht, zwei Apfelschorle und ich bin nackt“ daherkommt, spricht jedenfalls für sich.

Für die Tammy-„Stand by your man“-Wynette-Countryballade „Till I Get It Right“ gibt es ein Wiedersehen mit seiner einstigen Label-Kollegin Tess Wiley und das kleinen Rhythmusproblemen zum trotz beste Duett, das ich seit längerem gehört habe, dazu. Mit starker Präsenz und einnehmender Stimme ist Tess Wileys Gastauftritt das „i-Tüpfelchen“ eines tollen Konzerts, wie mein Vater anerkennend betont.
Nach Obligatorischem wie „Fernsehen mit Deiner Schwester“ oder „Nichts erreicht außer Dir“ folgen neue Lieder wie „Lila Twingo“ (mit Buddy-Holly-Zitat) und am Ende des regulären Sets die rührselige Familien-Ode „Wir Drei“.

Mit dem ehrerweisenden Zusatz „meinen allerliebsten Lieblingsmusiker“ bittet Begemann seinen Band-Bassisten Schadow für die Zugaben auf die Bühne. Erstmals als Duo auf der Bühne stehend und zum zweiten Mal bei einem Begemann-Konzert überhaupt an der Gitarre schmückt der bärtige Schadow die Lieder seines Frontmanns mit angenehm nonchalantem Spiel aus. Das ungewöhnliche Liebeslied „Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover“ zwischen vertontem Roadmovie und wehmütiger Schwärmerei für eine Tramperin angelegt, animiert noch einmal zum Mitsingen. „Reinigt eure Seele mit einem lauten 'nach Hannover'“, ruft Begemann, „das ist eine ganz eigene Katharsis. Das schönste an Gießen ist der Friedhof, hat mir mal jemand erzählt, der drei Jahre lang hier gewohnt hat. Aber seid froh, denn egal, wie trist eure Stadt ist, ihr wohnt nicht in Hannover.“ Wieder wird Begemann kollektiv gefolgt, wieder gipfelt die „Bernd-Begemann-Show“ in glücklichen Gesichtern von Menschen, die Felix Weigts (Die Höchste Eisenbahn, Spaceman Spiff, Kid Kopphausen) Credo im aktuellen Musikexpress, jeder müsse in seinem Leben einmal ein Bernd-Begemann-Konzert besucht haben, wohl ausnahmslos unterschreiben würden.

„Ben, versprich mir, dass du immer bei mir bleiben wirst. Selbst dann, wenn du Nummer 1 wirst“, ruft Begemann Schadow während eines Solos zu und führt einem noch einmal den unkaputtbaren Geist einer der wohl glücklichsten deutschen Musiker-Konstellationen des vergangenen Jahrzehnts vor Augen. „Keine Angst, Bernd, davon bin ich weit entfernt.“ Es folgt „Unsere Band ist am Ende“, der eindrucksvolle Schluss der ersten Befreiungs-Platte. Ein ironischer Abschiedskommentar zum bisher schwächst besuchten und vermutlich auch kürzesten Auftritt seiner aktuellen Tour beendet ein fantastisches Indie-Pop-Konzert. Was übrig bleibt, ist ein flaues Gefühl im Magen, ob der mageren Besucherzahlen, Kopfzerbrechen über den bitteren Zeitgeist und die Gewissheit etwas ganz Besonderes erlebt zu haben.
Qualitative Popkunst wiegt doch so viel mehr als Anbiederung und Beliebigkeit, ein gutes Konzert schwerer als ein Plastikbecher Bier in der Mehrzweckhalle.
Setlist Ben Schadow & Pele Caster, Gießen:
01: Zusammen zuletzt
02: Herz aus Holz
03: Gnade trägt man in Särgen
04: Sie sagt, sie geht (Les Garcons-Song)
05: Fräulein M (neu)
06: Buena Sera, Signor, Buena Sera (Les Garcons-Song)
07: Ich fall' immer auf die selben Dinge rein
08: Wie leicht es wäre, einfach zu bleiben (Percussion: Bernd Begemann)
09: Was, wenn es mich wach entdeckt
10: Gerade verliebt (Les Garcons-Song) (mit Tess Wiley)
11: Morgen sagen wir (Pele Caster-Song) (mit Tess Wiley)
Setlist Bernd Begemann, Gießen:
01: Ich habe meinen Frieden gemacht (neu)
02: Weil wir weg sind (Bernd Begemann & Die Befreiung)
03: Ihr Geheimnis ist sicher bei mir (Bernd Begemann & Die Befreiung)
04: Kein Glück im Osten (inkl. Summer of '69)
05: "Das Recht, euch alle weiterhin scheiße finden zu dürfen" (neu)
06: Bleib zuhause im Sommer
07: Du bist mein Niveau (Bernd Begemann & Die Befreiung)
08: Es klappt gerade nicht mit dem Fahrrad (neu)
09: Viel zu glücklich (Um es lange zu bleiben)
10: Wir träumen von Liebe (Bernd Begemann & Die Befreiung)
11: Viel zu glücklich (Um es lange zu bleiben)
12: Ich kann dich nicht kriegen, Katrin
13: Meine Jahre mit Elisabeth Taylor (Die Antwort-Song)
14: Verhaftet wegen sexy (Bernd Begemann & Olli Schulz-Song)
15: "Mir fällt es schwer zu glauben, dass du schüchtern bist" (neu)
16: Till I Get It Right (Tammy Wynette-Cover) (mit Tess Wiley)
PAUSE
17: Unsere Liebe blüht im Dunkeln (Begemann-Song; im Film "Schenk mir Dein Herz" gesungen von Mina Tander)
18: Die Slums von Eppendorf
19: Fernsehen mit Deiner Schwester
20: Ich habe nichts erreicht außer Dir
21: Lila Twingo (neu) (inkl. Buddy Holly-Cover: Peggy Sue Got Married)
22: Wir Drei (Bernd Begemann & Die Befreiung)
23: Schluss mit dem Quatsch (Jetzt wird Geld verdient) (mit Ben Schadow) (Z)
24: Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover (mit Ben Schadow) (Z)
25: Unsere Band ist am Ende (Bernd Begemann & Die Befreiung) (mit Ben Schadow) (Z)
Links:
- aus unserem Archiv:
- Bernd Begemann, Frankfurt, 12.03.2014
- Bernd Begemann & Die Befreiung, Hamburg, 29.12.2014
- Ben Schadow Band, Würzburg, 02.03.2014
- Ben Schadow & Pele Caster, Stuttgart, 30.08.2013
- Ben Schadow & Pele Caster, Karlsruhe, 28.08.2013
- Ben Schadow Band, Mannheim, 25.04.2013
- Ben Schadow Band, Stuttgart, 14.04.2013