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Montag, 21. Oktober 2019

New Order, Paris, 11.10.19

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Konzert: New Order
Ort: Le Grand Rex, Paris
Datum: 11.10.2019
Zuschauer: ausverkauft, also etwa 2700
Konzertdauer: 1:40
Fotos: Foto 1 und 6 Christoph Gatschiné ©, Foto 2 und 4 Laurent Coudol ©, Foto 3 Emmanuel Foricher ©, Foto 5 Francis Lennert ©, merci beaucoup à vous !




Was hatte ich eigentlich unter all den ergrauten und faltigen Herren zu suchen? Wo kamen diesen ganzen alten Säcke her? Ich konnte mir das nicht erklären...

Psychologen würden mir wahrscheinlich sagen, dass ich eine gestörte Selbstwahrnehmung habe, dass die Diskrepanz zwischen meinem gefühlten und tatsächlichen Alter riesig sei. Denn: ich war mit hoher Wahrscheinlichkeit genauso alt und grau wie die meisten anderen hier im Pariser Grand Rex die sich zum Konzert von New Order eingefunden hatten. Da standen sie nun also mit ihren alten verwaschenen Joy Division T-Shirts und ihren Harrington Jacken und warteten darauf, dass die Vorgruppe fertig war. Ich selbst hatte auch keine Lust, mir vor New Order noch eine andere Band anzusehen, schliesslich bin ich nicht mehr der Jüngste (ach so?) und brauchte meine Energie.

Durch eine Cola Zero gestärkt betrat ich nun den Konzertsaal und liess mir von der netten Platzanweiserin meinen Sitzplatz zeigen. Das Grand Rex ist bestuhlt, denn es ist eigentlich auch ein Kino, wenn keine Konzerte sind. Angeblich das grösste Europas. Die Preise für einen dieser Sitzplätze für New Order waren gesalzen, gut 60 Euro musste man blechen, um sich dort reinflätzen zu dürfen. Allein deshalb schon verliefen sich nur wenige jüngere Leute hierhin.

Ich sass also gemütlich im Sessel und harrte der Dinge. Die Dame links neben mir las auf ihrem Handy Tennisnachrichten. Federer hatte heute verloren, für mich als Fan ein kleines Drama. Eigentlich wollte ich da gar nicht mehr dran denken, aber heutzutage ist es kaum noch möglich, Infos aus dem Weg zu gehen. Irgendjemand hat immer ein Handy mit einem grossen Display und da schaut man halt mal ab und zu drauf.




Dann erklang plötzlich Das Rheingold von Wagner. Ein schöner Beginn dieses Intro! Die Band selbst war noch in der Kabine und kam erst nach Ausklingen auf die Bühne. Erster regulärer Song war Age Of Consent, ein Klassiker von Power, Corruption and Lies. Ein wahnsinnig rasantes Stück mit eindrucksvollem Schlagzeugspiel von Stephen Morris und einem markanten Basslauf. Es gehört sicherlich zu den 10 besten Liedern von New Order. Dennoch blieb das Publikum erst einmal recht verhalten, kein Wunder, die überwiegende Mehrheit sass ja bequem im Sessel!

Es folgte Restless, der vermutlich beste und kernigste Song des letzten Albums Music Complete, mit dem New Order 2015 getourt sind. Von diesem Machwerk sollte schliesslich die Mehrheit der Lieder stammen, später auch unter anderem der starke Dance Track Plastic.

Dann überraschte mich die Band mit einem doppelten Paukenschlag in Form von zwei Joy Division Songs. She's Lost Control war schon vor dem Kinofilm Control einer meiner absoluten Favoriten und Disorder ist auch ein sehr starkes Lied. Beide bekamen New Order sehr ordentlich hin, wenngleich Barney natürlich überhaupt nicht die gleiche Stimme wie Ian Curtis hat. Er versuchte ihn erst gar nicht zu imitieren, was auch besser so war.




Das Intro von Your Silent Face klang nach Kraftwerk oder auch Cluster, bevor die Synthies einsetzten und Barney Harmonica spielte, in der Mitte dann diese irre Bass Passage, bei der Bassist Tom Chapman zeigte, dass er ein sehr ordentlicher Ersatz für Hooky ist.

Überhaupt machte die Band einen guten Eindruck, vor allem Drummer Stephen Morris beeindruckte mich mit seinem präzisen und irre schnellem Spiel. Schade, dass um ihn noch nie halb so viel Wirbel gemacht wurde wie um Barney und Hocky obwohl er schon bei Warsaw, der Vorgangerband von Joy Division, trommelte. Er hat kürzlich ein Buch herausgegeben, vielleicht macht ihn dies ein wenig bekannter.




Die zweite Hälfte des Sets war ein regelrechtes Best-Of, in der zur grossen Freude der Fans die bekanntesten Stucke der Gruppe gespielt wurden. Blue Monday, True Faith, Bizarre Love Triangle, Temptation, wir bekamen fast alle Hits geboten. Fast, denn es fehlten Klassiker wie Perfect Kiss, Crystal oder Ceremony. Die hätten sie ruhig spielen können, schließlich hatten wir hier alle  viel Geld geblecht. Aber auch so kam man insgesamt auf seine Kosten, denn allein die Videoanimationen waren das Kommen wert. Normalerweise machte ich mir nichts aus Videos, die hier waren aber allesamt anregend und sehenswert. Besonders toll waren die Autofahrten, das war fast wie einem Computerspiel!


Auf der Videoleinwand "spielte auch bei den beiden Zugaben die Musik". Nicht im wörtlichen Sinne natürlich, aber man sah in verschwommenen Bildern Ian Curtis tanzenderweise, zusammen mit seinen Bandkollegen auf einer Brücke stehend, später in einem markanten schwarz-weiss Porträtfoto und schliesslich gab es den Schriftzug Forever Joy Division. 







Das hatte ich 2012 schon mal live miterlebt, neu war das also nicht, aber irgendwie war ich doch recht bewegt, als ich das auf der Leinwand sah. Die Fans tanzten zu Love will Tear Us Appart noch einmal sehr ausgelassen mit und taten so als seien sie 16 und nicht 46. Teilweise schon ein wenig albern, aber was will man machen, gegen Nostalgiewallungen sind wir alle nicht gewappnet und nicht nur in meinem Falle waren New Order ein wichtiger Teil unserer Jugend. Schon toll, dass sie 2019 noch auf den Bühnen der Welt stehen und ihre Klassiker zum Besten geben!

Setlist:

Age Of Consent
Restless
She's Lost Control (Joy Division Song)
Disorder (Joy Division Song)
Academic
Your Silent Face
World
Tutti Frutti
Subculture
Bizarre Love Triangle
Fine Time
Plastic
True Faith
Blue Monday
Temptation

Decades (Joy Division Song)
Love Will Tear Us Apart (Joy Division Song)



Dienstag, 15. Oktober 2019

New Order, Brüssel, 14.10.19

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Konzert: New Order
Ort: Forest National, Brüssel
Datum: 14.10.2019
Dauer: knapp 110 min
Zuschauer: vielleicht 5.000




Als wir im frühen Abendverkehr vor einen Ampel in Brüssel standen, wartete neben uns eine große Limousine auf Grün. Trotz des sommerlichen Wetters - 24 Grad - waren die Scheiben des Wagens hermetisch geschlossen. Aus dem Inneren hörten wir Wagner, dann die ersten Takte von Age of consent von New Order, dieses Überstück ihrer zweiten Platte, deren Titel Power, corruption & lies irgendwann das offizielle Motto der Präsidentschaft von Donald Trump sein wird. Obwohl die Isolierung des Fahrzeugs so gut war, daß die Musik bei uns nur sehr gedämpft ankam, löste das Lied Freude aus. Vielleicht macht der Fahrer ja gleich mal die Scheiben runter, dann ist es perfekt!


So brillant, wie mir die auf dem Rückweg in den Kopf gekommene Idee, den Bericht eines schlecht-erlebten Konzerts pfiffig zu schreiben, jetzt erscheint, so gut waren die New-Order-Soundleute auf die große Brüsseler Konzerthalle Forest National vorbereitet. Um nicht schon eine Stunde vor dem Support im Innenraum stehen zu müssen, saßen wir zunächst oben auf einer der Tribünen. Selbst da klangen Stolen aus China enorm wuchtig und klar. Die Stimme des Sängers war nicht mein Ding, es passte aber inklusive der Hintergrundvideos sehr gut zu New Order. Licht und Sound versprachen Großes für New Order.

Das Licht blieb gut, der Klang furchtbar. Wir standen mittlerweile unten, sahen uns die Visuals von Turmspringern an, sehr ästhetisch aber auch sehr riefenstahling, zunächst schwarz-weiß, dann plötzlich farbig, was ich als Warnung empfand, daß Nazi-Symbolik nicht mit dem Ende der Schwarz-Weiß-Zeit verschwunden ist. Ich hätte da gerne (zu Wagner) weiter drüber nachgedacht, wurde aber mit dem Beginn von Age of consent in die Konzertwirklichkeit zurückgeholt. Es war leise, es war dumpf, es klang nach billigsten Ohrstöpseln, tief in den Ohren. "Das gibt sich nach ein, zwei Liedern!" Haha, Konzertexperte! Nichts gab sich. Irgendwann lange in der zweiten Stunde hatte der Mischer plötzlich immerhin den Lautstärke-Regler in der Bedienungsanleitung gefunden. Da hatte ich schon lange abgeschaltet und über so Dinge wie die ersten Termine des nächsten Arbeitstags nachgedacht. Das Konzert war mir schon egal. Oder wie Jette Joop es ausdrückte, es touchierte mich nicht.

Dabei war die Setlist nicht unspannend. Ich hatte mich bewußt nicht vorbereitet aber gehofft, endlich einmal Shellshock zu hören und bin jetzt heilfroh, daß es nicht im Programm war.


Die Güte eines Konzerts hängt ja immer von so vielen Faktoren ab. Von der Form der Band, der eigenen Form und Einstellung, vom Saal, von der Unangenehmheit der Konzertnachbarn oder eben von Sicht und Klang. Daß es heute nicht der Saal war, hatten wir bei der Vorgruppe erlebt. Es war die schlechte Tagesform des Soundmanns, vielleicht auch ein ausgefallener Soundcheck, anders kann ich mir das eigentlich nicht erklären. Die Güte von Konzertberichten hängt dagegen vor allem von der Lust ab, sie zu schreiben.

Setlist New Order, Forest National, Brüssel:

01: Age of consent
02: Regret
03: She's lost control (Joy Division)
04: Disorder (Joy Division)
05: Academic
06: Your silent face
07: World
08: Tutti Frutti
09: Subculture
10: Bizarre love triangle
11: Superheated
12: Fine time
13: Plastic
14: True faith
15: Blue Monday
16: Temptation

17: Decades (Joy Division)
18: Love will tear us apart (Joy Division) 

Links: 

- aus unserem Archiv:
- New Order, Brüssel, 06.11.15
- New Order, Paris, 14.09.12
- New Order, London, 12.08.12
- New Order, Scheeßel, 24.06.12
- New Order, Berlin, 21.06.12
- New Order, Brüssel, 17.10.11





Sonntag, 8. November 2015

New Order, Brüssel, 06.11.15

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Konzert: New Order
Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Datum: 06.11.2015
Dauer: New Order gut 120 min, Hot Vestry knapp 30 min
Zuschauer: 2.000 (ausverkauft)



"Only God knows what this song is about. I have no bloody clue", erklärte Bernard Sumner nach Tutti frutti. "Generation's lost in space, trying to find the human race. We're living in a state of grace, where every scholar means a dollar." Geht mir auch so.

New Order stehen in meiner Musikwelt über jeder Kritik. Daß das neue Album Music complete nur arg durchwachsene Kritiken bekommen hat... egal. Der aus meiner Sicht kleinlich gestaltete Streit zwischen den Egos von Peter Hook und dem Rest ums künstlerische Erbe der frühen Jahre (und von Joy Division)... auch egal. Wenn New Order erreichbar spielen, möchte ich sie auch sehen. Da die Engländer seit Jahren nur noch in Berlin auftreten, war auch diesmal wieder nur Brüssel erreichbar. Allerdings sind die wundervollen Clubs der belgischen Hauptstadt perfekt für Bands wie New Order. Brüssel lockt immer viele Briten und die sorgen für gute Stimmung. Dazu ist das AB ein herrlich angenehmer 2.000er Laden. 

Wie in Benelux-Clubs üblich, war der Zeitplan vorher bereits bekannt. Nach einem DJ, der viel Kraftwerk spielte, begann das Liveprogramm um halb acht mit Hot Vestry, einer vierköpfigen Band (Sänger, Bassist, Keyboarderin und Schlagzeuger), die einheitliche Jacken oder Parkas (der Bassist) mit einem Wappen auf dem Ärmel und Bezeichnungen "Bleich 1" bis "Bleich 4" auf dem Rücken. Der Sänger zeigte darauf und nuschelte etwas davon, daß sie aus... habe ich leider nicht verstanden... stammten. Einmal Googlen später sah ich, daß Hot Vestry aus Macclesfield kommen. Ein Instragram Foto später der Hinweis, daß die Keyboarderin (Bleich 2) die Tochter von Gillian Gilbert und Stephen Morris ist. Mutter Gillian war nach dem Einstieg von Tochter Tilly bei Hot Vestry eine Weile Roadie der jungen Band.

Der kurze Auftritt von Hot Vestry war kurzweilig aber nicht lebensverändernd. Sänger Harry Ward (Bleich 1) sang anderthalb Lieder durch ein Megaphon, schwenkte zum Schluß eine belgische Fahne und war grundsympathisch. Der auffälligste Musiker war Schlagzeuger Joe Ward (Bleich 4), der verflucht tight war (wobei ich nicht genau weiß, was das bedeutet).

Um halb neun folgten dann Tillys Eltern - mit Onkel Barney, Phil Cunningham und Tom Chapman. Das Konzert begann mit einem der neuen Stücke. Singularity war ein okayer Start, es war vor allem ordentlich laut! Zu Singularity liefen B-Movie Filmausschnitte. Daß das Stück nur ok ist, wurde leider im direkten Vergleich zu den vier nachfolgenden Liedern deutlich. Ceremony, Crystal, Age of consent und 5 8 6 haben alle eine ganz andere Hutgröße. Ceremony, das Bindeglied zwischen Joy Division und New Order, das eines der größten Lieder überhaupt ist, Crystal, der vielleicht jüngste Riesenhit der Band und die beiden Knüller von der zweiten Platte Power, corruption & lies. Besonders beeindruckend war der Tempo- und Lautstärke-Wechsel am Ende von Age of consent, es war das beste Stück des Abends. Wundervoll bei Crystal war das Hintergrund-Video, in dem eine sehr junge Band (mit Sängerin - vielleicht die andere Tochter von Stephen und Gillian) das Lied spielte. Auf der Bassdrum stand der Name der Gruppe - Killers.

Das beste und am meisten hängenbleibende Lied der neuen Platte folgte nach diesen vier Schwergewichten. Restless ist wohl am ehesten das Lied von Music complete, das in ein paar Jahren noch Teil der Livesets sein wird. Aber spätestens bei Your silent face kurz später verblasste der Eindruck wieder. Die neuen NO-Lieder waren alle nicht wirklich verkehrt, im Vergleich zu den Vorgängern aber enorm zahn- und wirkungslos.

Mit Tutti frutti begann eine Phase, in der Bernard Sumner die Gitarre weglegte und tanzte. Gerade bei Tutti frutti, das mich an ABC erinnert (The night they murdered love), wäre da weniger mehr gewesen. Das und das folgende People on the high line waren die schwächste Phase im Konzert. 


Auch bei Bizarre live triangle hatte die Gitarre Pause. Dummerweise klappte das Funkmikro nicht zuverlässig, Barneys Gesang klang dadurch manchmal flach und schwankend. Das lag aber offensichtlich an der Technik. Bei Plastic fiel der Gesang anfangs nämlich komplett aus. 


Der Rest klingt auf dem Papier* brillant. Blue monday, The perfect kiss, True faith und Temptation. Eigentlich war er es auch. Allerdings war ausgerechnet bei Blue monday die Stimmung merkwürdig mies. Es gab das, was in Bundestags-Protokollen "höflicher Beifall" heißt. Und das bei einem der riesigen Hits. Merkwürdig. Vielleicht waren zu wenige Briten im Publikum. Unsere Nachbarn waren vor allem Belgier und Deutsche. Die Stimmung der Band war sehr viel besser. Barney griff Gitarrist Phil bei The perfect kiss beherzt in den Po und hatte dabei großen Spaß. Bei Blue monday saß er am Ende neben Gillian und spielte Keyboard.


Die Maxi-Version von True faith und das grandiose Temptation beendeten den New Order Part nach fast zwei Stunden. Die Zugaben gehörten Stephens und Bernards früherer Band. Es begann mit Atmosphere (mit dem alten Video dazu auf der Leinwand), das mir zu sehr nach New Order klang. Die aktuelle Love will tear us apart Version dagegen mag ich sehr. Das Laufband "Joy Division forever" war auch diesmal wieder sehr bewegend. New Order gehen mit dem Andenken an Ian Curtis, der ja auf tragische Weise New Order Gründer ist, sehr stilvoll um.**

Natürlich hätte ich nichts dagegen gehabt, wenn die Band ein neues Album mitgebracht hätte, das ein kommende Klassiker wäre. Aber auch so hat sich der Konzertbesuch wirklich sehr gelohnt.

Setlist New Order, Ancienne Belgique, Brüssel:

01: Singularity
02: Ceremony
03: Crystal
04: Age of consent
05: 5 8 6
06: Restless
07: Lonesome tonight
08: Your silent face
09: Tutti frutti
10: People on the high line
11: Bizarre love triangle
12: Waiting for the siren's call
13: Plastic
14: Blue monday
15: The perfect kiss
16: True faith
17: Temptation

18: Atmosphere (Joy Division) (Z)
19: Love will tear us apart (Joy Division) (Z)

Links: 

- aus unserem Archiv:
- New Order, Paris, 14.09.12
- New Order, London, 12.08.12
- New Order, Scheeßel, 24.06.12
- New Order, Berlin, 21.06.12
- New Order, Brüssel, 17.10.11

* bitte nicht ausdrucken
** ohne Peter Hook Wertung




Dienstag, 14. Oktober 2014

Peter Hook and The Light, Paris, 07.10.14

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Peter Hook and The Light
Ort: La Machine du Moulin Rouge, Paris
Datum: 07.10.14
Zuschauer: viele, vielleicht 600
Konzertdauer: drei Stunden !



Peter Hook ist einer der Allergrößten, das mal vorausgeschickt. Wer mir hintereinander drei sensationelle Konzerte beschert, kann nur dufte sein. Und meinen Segen braucht er ja eh nicht, alle wissen daß er einer der größten Bassisten der Musikgeschichte ist. Zweifel besteh eher hinsichtlich seiner Gesangeskünste und seiner Legitimität, den Joy Division- und nun auch den New Order Katalog live abzuspulen. Zu der zweiten Sache darf man mal getrost sagen: alle die Hooky dafür kritisieren, altes britisches Liedgut wieder neu zu beleben, sollen sich mal ganz bedeckt halten, Barney Sumner allen voran. Peter Hook hat verdammt noch mal das Recht diese Songs zu spielen, er war wichtiger Teil dieser Bands und viele Fans wollen das Material hören. Zumal Hooky seine Sache saugut macht. Zu den stimmlichen Fähigkeiten des Ausnahmebassisten: die sind sicherlich eher begrenzt. Wobei er sehr gut den grimmigen hundgesmeinen Tonfall von Ian Curtis imitiert bekommt. Viel schwieriger fällt es ihm, das dünne unschuldige Sentimentalstimmchen von Barney Sumner nachzumachen. Da trifft er selten ganz genau die richtigen Töne, das war auch heute nicht anders.



Dass es dennoch auch hinsichtlich des New Order Teils des Konzertes fantastisch wurde lag an den herausragenden Instrumentalparts und auch dem mitsingenden Gitarristen der Band The Light, der die Stimme von Barney recht gut hinbekam und Hook gesanglich immer wieder untertstützte.



Der erste Teil in dem alte Joy Divsion Hits gebracht wurden, war eh überragend. Zwar fehlten Highlights wie Transmission, Shadowplay, oder Atmosphere, aber imerhin bekamen die Fans eine messerschafe Version von She's Lost Control zu hören, die ähnlich gut wie das Original klang. Zudem gab es das selten gespielte Atrocity Exhibition, ein angsteinflößender Song, bei dem Ian Curtis live immer total ausgerastet ist: "This is the way step inside, this is the way step inside !! " Auch Digital und New Dawn Fades wurden tadellos performt, wobei der Sohnemann von Hooky am zweiten Bass viel zu tun hatte, weil sein Vater oft nicht Bass spielte, sondern stattdessen den Arm regelmäßig gen Himmel riss. Eine eigenwillige, etwas verstörende Geste, die sich Hook wohl nicht abgewöhnen kann oder will.




Nervig war das abrupte Ende des ersten Teils. da gingen die Musiker wortlos nach Atrocity Exhibition von der Bühne und sofort im Anschluß wurde Take Me Out von Franz Ferdinand vom Band auf die unschuldigen Leute im Publikum abgefeuert. Da standen die Zuschauer dann etwa eine viertel Stunde blöd und ratlos rum (gab es etwa technische Probleme ?- das fragten sich so einige), bevor Hook and The Light wiederkamen und mit New Order fortfuhren. Die Alben Low Life und Brotherhood standen nun auf dem Programm. Beide hatte ich ewig nicht mehr gehört, wobei The Perfect Kiss (von Low Life) und Bizarre Love Triangle ja nun Songs sind, die eigentlich jeder kennt und die ich natürlich auch für immer im Ohr habe. Ob alle Fans die gesamten Alben noch auswendig kennen, wage ich allerdings zu bezweifeln. So plätscherten dann ein paar Nummer dieser beiden Machwerke ein wenig kommentarlos vor sich hin, wenngleich kein einziger wirklich schwacher Song performt wurde, dazu spielte die Band auf der Bühne einfach zu großartig auf. Alles war so sensationell druckvoll, präzise, tight, eine Wonne ! Und die Synthieparts klangen viel besser als auf Platte, weil man in den 80er Jahren billige Drumcomputer einsetzte, die unfassbar steril vor sich hin schepperten.

Vor dem integralen Performen von Low Life und Bortherhood wurden aber noch drei andere Lieder vorangestellt, darunter eine gelungene Instrumentalnummer und der Hit Thieves Like Us vom Album Power Corruption & Lies. (zumidnest auf der Deluxe Edition enthalten) Eine sehr großzügige Sache wie ich finde, da beschränkte man sich eben nicht nur auf zwei Alben, sondern bot den Fans noch viel Bonusmaterial.


Highlights im New Order Teil waren sicherlich Perfect Kiss, Love Vigilantes (" Iwant to see my family, my wife and child...") und das herrlich schnelle und postpunkige Sunrise hinsichtlich Low Life und Weirdo (herrlich beschwingt und euphorisierend !) , Bizzare Love Triangle  + der ersten hervorragenden Zugabe State of The Nation bezüglich Brotherhood.

Wobei ich mich schwer tue, Highlights besonders hevozuheben, denn das Schöne an diesem Konzert war, daß selbst vermeintlich schwächere Albumtitel ordentlich aufgemotzt wurden und in neuem Glaz erstrahlten. Selbst die Instrumentalnummern waren keineswegs langweilig, sondern packend und anregend. Zu Elegia setzte sich Hooky auf ein Stühlchen und performte ganz alleine. Es klang fast nach einer Zither, was er da zusammenzupfte, großartig ! 

Fast drei Stunden lang wurde in Nostalgie geschwelgt und vor allem die älteren Zuschauer, die von Joy Divsion und New Order in ihrer Jugend geprägt wurden, hatte ihre helle Freude.

Im Zugabenteil wurden dann auch noch einmal allerletzte Reserven freigemacht. Hooky schnaufte zwar schon aus dem letzten Loch, aber mit True Faith und Temptation wurden noch mal Kracher rausgehauen, die die Massen elektrisierten. Plötzlich tanzten viele Pogo, es wurde richtig wild. Das i- Tüpfelchen war dann die nichtgeplante Übernummer Love Will Tear Us Appart, bei der alle mitsangen und die Stimmung überschäumte. (Video von youtube Nutzerin Vio V)


Danach ließ sich Peter Hook zu recht feiern. Er hatte sein Shirt ausgezogen und gab den Blick frei auf einen gut austrainierten Oberkörper. Vielleicht hat er ein kleines Bäuchlein, aber bei ihm wirkt alles fest und kompakt. Wie der musikalische Teil im Übrigen.

Welche New Order Alben wird er uns wohl auf der nächsten Tour präsentieren ? Man darf gespannt sein, wie weit er das Spielchen noch treibt !

Definitiv eines der Konzerte des Jahrs 2014 ! 

- Die Fotos © stammen aus meinem Archiv.




Dienstag, 18. September 2012

New Order, Fête de l'Humanité bei Paris,

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Konzert: New Order

Ort: Parc Departemental de la Courneuve bei Paris, Fête de l'Humanité 2012
Datum: 14.09.2012
Zuschauer: 80 Tausend oder so
Konzertdauer: knapp 75 Minuten




Ich bei einer Kommunisten-Fete, was mein Vater wohl dazu gesagt hätte? Hätte er mir die Leviten gelesen? Ach, wahrscheinlich wäre er mitgekommen,um New Order zu sehen. Für Überraschungen war er ja immer gut, der alte Abenteurer! Damals ist er ja schließlich auch mit mir zu David Bowie am Nürburgring gefahren. Er wollte immer wissen, wie die Jugend so tickt.


Im Jahre 2012 bin ich selbst kein Jugendlicher mehr. 41 Jahre habe ich auf dem Buckel und fühle mich neben den ganzen jungen Leuten auf der Fête de l'Huma noch mal 10 Jahre älter. Manche sind höchstens 20 und waren in den 1980er Jahren als New Order ihre aktivste Zeit hatten, noch nicht mal geboren.Ich hingegen habe damals alles genau mitbekommen, war 16 als die fabelhafte Single True Faith 1987 die Charts stürmte. Ich war süchtig nach dem Track und immer total begeistert, wenn der Videoclip bei der Musiksendung "Formel eins" lief. Zwei Männer die sich abwechselnd ohrfeigen, rumhüpfende bunte Puppen, das blieb für immer im Gedächtnis hängen. Cool insofern, daß man das kultige Video heute auch noch einmal auf der großen Leinwand zu sehen bekam und wohlig in Erinnerungen schwelgen konnte.


Aber die Anreise zur Fete de l'Huma war alles andere als angenehm. Wer steht schon gerne Schlange in einer Gruppe junger, ungepflegter, schwitzender und Kette rauchender Jugendlicher, die genau wie ich auf den Bus zum extrem weitläufigen Gelände warteten? Wer kriegt gerne von einem dieser Typen mit verklebten Rastazöpfen den Rucksack in die Fresse geballert? Den Rauch aus den selbtgedrehten Zigaretten in die Nase geblasen? Wer fand zelten eigentlich schon immer scheiße? Richtig, ich! Ich musste schon all meine Geduld und Nevernstärke aufbieten, um die elend lange dauernde Anreise mit diesen ganzen Chaoten zu überstehen. Zum Glück sangen sie nicht wie auf der Rückfahrt, dafür waren sie noch zu nüchtern. Ihre Ausdünstungen und ihren schlechten Atem bekam ich aber schon jetzt zu riechen.


Irgendwann aber bog der verfluchte Bus in das Gelände des Parc Departemental von La Courneuve ein und ließ uns aussteigen. Jetzt war latschen angesagt. Wahrscheinlich gibt es nur in Rio de Janeiro ein Stadion ähnlichen Ausmaßes. Der Weg zur Hauptbühne war so lang, daß man gut und gerne ein Fahrrad gebraucht hätte. Überall stapelte sich der Müll und mein Weg führte an allen möglichen regionalen Ständen der französischen kommunistischen Partei vorbei.


Ich überlegte kurz, ob für mich auch ein Leben im Kommunismus in Frage käme. Was wenn es einen modern Kommunismus gäbe? So mit iphone, Highspeed-Internetanschluß, Mac Computer und Flachbildschirmfernseher als soziale Grundausstattung für jeden? Mit kostenlosem Arztbesuch, Viagra und Prozac gratis und einer ordentlichen Wohnung? Bezahlen würden das Ganze "das eine Prozent", alo jener Teil der Bevölkerung, der laut Occupy 99 Prozent des Reichtums besitzt. Alle anderen müssten nicht arbeiten.Und natürlich müsste es Champagner geben und auch Foie Gras, also Entenstopfleber. So also dachte ich in meinem wirren Kopf, als ich plötzlich an einem Schild vorbeiging, auf dem als Hauptspeise tatsächlich foie gras feilgeboten wurde. Und 10 Minuten weiter sah ich Leute mit einer Flasche Champagner auf dem Tisch. Diese kostete nur 20 Euro, das erfuhr ich später auf der Getränkekarte. Ich fand das alles genial und beschloss, Frankreich nie mehr zu verlassen. Falls der Kommunisums zurückkäme, könnte ich wenigstens schlemmen wie Gott in Frankreich. Und Prozac, so befand ich weiter, würde es sicherlich auch noch ausreichend geben, schließlich sind die Franzosen die weltweit größten Konsumenten von Antidepressiva. Und von Hasch, was ich etwas später wieder live und in Farbe miterleben konnte. Da roch es nämlich permanent unwahrscheinlich süßlich um mich herum...


Aber süßliche Dämpfe hin oder her, ich versuchte ab 22 Uhr alles um mich herum auszublenden und mich nur auf das Konzert von New Order zu konzentrieren. Nie hatte ich diese stilprägende Band live gesehen, obwohl ich bereits einige ihre Lieder von Originalmitgliedern hören durfte. Barney Sumner hatte Ende 2009 mit dem Nachfolgeprojekt Bad Lieutenant in meiner Anwesenheit akustisch Bizarre Love Triangle dargeboten und am gleichen Abend beim Konzert im Olympia auch Kracher wie Crystal und Ceremony rausgeschossen. Seinen ehemaligen Bassisten und heutigen Erzfeind Peter Hook wiederum hatte ich zusammen mit den alten Factory Records Legenden Section 25 gesehen und bekam ebenfalls Ceremony, dann noch Temptation und die beiden Uraltsongs vom ersten New Order Album Doubts Even Here und Dreams Never End geboten. Zusätzlich gab es Love Will Tear Us Apart von Joy Division.


Fünf Lieder des heutigen Sets (Crystal, Ceremony, Love Bizarre Triangle, Temptation und Love Will Tear Us Appart hatte ich also schon einmal entweder von Barney oder von Hooky live gehört, aber neben diesen Krachern gab es eben noch 7 Stücke zusätzlich, wenngleich Hooky heuer schmerzlich fehlte.


Dafür war natürlich erneut die Keyboarderin Gillian Gilbert dabei, die man damals angeblich eingestellt hatte, weil sie nicht spielen und somit keine Machtposition innerhalb der Band gewinnen konnte.


Fantastische Videos begleiteten jeden der Songs und sorgten auch für die passende visuelle Untermalung. Der auditive Teil ließ allerdings besonders zu Beginn zu wünschen übrig. Der Sound war nicht perfekt abgemischt, erschien zu leise und zu dumpf und die eh schon recht dünne Stimme von Barney Sumner war bei den ersten drei Liedern kaum zu hören. So war dann auch das früh gebrachte Crystal nicht das erwartete Highlight und der morbide Joy Division Klassiker Isolation ging sogar ziemlich in die Hose. Das deprimierende und perfekt auf die Stimme von Ian Curtis zugeschnittene Stück passte nicht zu New Order, man hätte eher einen anderen Song der Vorgängerband covern sollen.


Aber im Laufe des Sets wurde alles kontinuierlich besser. Der Sound kam etwa zur Mitte hin deutlich differenzierter ausbalanciert aus den Boxen, Sumner sang lauter und kraftvoller und Stücke wie Love Bizarre Triangle (herrlich wie Sumner das Wort "knees" in einer Songzeile krächzte!) und auch das eher unbekannte 586 zogen sehr ordentlich. Bei True Faith und vor allem Blue Monday gab es im Publikum dann kein Halten mehr. Die Stimmung war wild und aufgedreht und obwohl ich um die Gesundheit meines Fotoapparates fürchtete, gefiel mir diese Extase und dieser jugendliche Übermut der Zuschauer. Die junge Generation schien in ihrem Leben nichts anders als die Altherrenband New Order gehört zu haben, jedenfalls amüsierten sie sich wie Bolle. Das bewies wieder einmal, wie weit die Musiker aus Manchester damals ihrer Zeit voraus waren, wie modern ihr Sound war und ist. Zwar tragen die alten Studioversionen der Alben das Parfum der Synthesizer der 80 er Jahre, live aber wurden die Sachen in neuem, zeitgemäßen Gewande präsentiert.


Gut eine Stunde lang unterhielten Barney und co. die Menschenmenge hervorragend und ernteten dann auch für die gelungene Show den verdienten Beifall. Das schien Sumner derart zu befügeln, daß er -obwohl er eigentlich schon fast in der Kabine war-, noch einmal in die Mitte zum Mikro lief und auf französisch sagte: "merci beaucoup, je parle un petit peu français"


Es dauerte schließlich fast 10 Minuten bevor die Künstler noch einmal für eine Zugabe zurückkamen. Bernhard Sumner verkündet ganz trocken: "so, this ia a pretty good song", bevor Love Will Tear Us Apart aus den Boxen drang. Auf der Leinwand konnte man in schwarz-weiß einen apathischen Ian Curtis mit seinem schwarzen Trench Coat sehen, später dann eine Nahaufnahme mit dämonischem Gesichtsausdruck und vor allem einen Schriftzug auf dem in weißen Lettern stand: "Forever Joy Division." Mein altes Fanherz hüpfte im Kreis, euphorische Hitzewallungen und melancholische Niedergeschlagenheit wechselten sich in schneller Folge ab. Obwohl die Version super und sehr fetzig war, musste ich am Ende vor allem an meinen Vater denken. Nicht wegen der Teilnahme an der kommunistischen Fete, sondern wegen einer Parallele zu Ian Curtis.


Aber machen wir es an dieser Stelle nicht zu kitschig und zu nostalgisch. Das Konzert von New Order bei der Fête de L'Huma war nämlich vor allem eines: ein großer Spaß!

Setlist New Order, Fête de L'Huma 2012, La Courneuve:

01: Elegia
02: Crystal
03: Regret
04: Isolation (Joy Division)
05: Ceremony
06: Love Bizarre Triangle
07: True Faith
08: 586
09: The Perfect Kiss
10: Blue Monday
11: Temptation

12: Love Will Tear Us Apart (Joy Division)



Montag, 13. August 2012

Blur, London, 12.08.12

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Konzert: Blur (mit The Specials, New Order, Bombay Bicycle Club)

Ort: Hyde Park, London (Closing Ceremony Concert)
Datum: 12.08.2012
Zuschauer: 80.000 (ausverkauft)
Dauer: Blur gut 120 min, The Specials und New Order je gut 60 min, Bombay Bicycle Club gut 40 min


Als die letzten Töne von The Universal über dem Hyde Park ausgeklungen waren, seine Kollegen schon von der Bühne gegangen waren, stand Damon Albarn noch eine Weile in der Bühnenmitte und guckte mit feuchten Augen über die Menschenmassen. Er wirkte gerührt, fast ungläubig. Dabei haben Blur 2009 gleich zwei solcher Konzerte im Park gespielt, zwei, die ich sehen wollte, für die ich Karten hatte, die ich aber leider sausen lassen musste. Was ich verpasst habe, weiß ich aber erst jetzt, drei Jahre später.

Für meine Liebe zu Blur musste ich alt werden, in den 90ern mochte ich sie zwar, war aber deutlich mehr Oasis zugeneigt, um diese alberne Rivalität noch einmal zu bemühen (Pulp stand nämlich eh über allem). Seit einiger Zeit kann ich diese Gewichtung nicht mehr nachvollziehen, seit gestern ist sie mir fast unangenehm (nicht Pulp betreffend!).

Im April wurde das Olympia-Abschlußkonzert angekündigt. Ich habe einen schnellen Finger, wenn solche aufregenden Konzerte auftauchen und zögere eigentlich nie lange, Blödheiten zu machen. Die eigene Kreditkartennummer auswendig zu kennen, ist gefährlich. Bei Blur im Hyde Park zögerte ich trotzdem, weil ich keine Chance sah, am letzten Tag der Olympischen Spiele Ticket, Flug und Hotel bezahlbar zu finden. Erst im Juli wurde ich noch einmal mit der Nase auf das Konzert gestoßen und sah, daß es noch reguläre Tickets gab. Viel verblüffender war aber die Tatsache, daß es auch noch reichlich günstige Billigflüge gab. Das Hotel war mir da egal, Flug und Ticket mussten zur Not reichen. Durch die Gier der Londoner Hoteliers, die zu Olympia in der Regel die Preise verdreifacht haben, blieben aber viele Unterkünfte leer, die Zimmer wurden verramscht. Und als wäre das nicht genug, bekam ich beim Einchecken auch noch "ein kostenloses Upgrade", was mir in der Nacht im 30° warmen Zimmer etwas albern erschien.

Nachteil der Schnapsidee war die vorzeitige Abreise vom Haldern Festival. Der Flug erforderte, daß ich Sonntag um 3.30 Uhr aufstehen musste, also war Haldern Samstag Nachmittag für mich beendet.

Mittags hatte ich mir den olympischen Marathon angesehen, hatte möglichst viel Olympiastimmung aufgesaugt, tanzende Polizisten gesehen. Gegen drei machte ich mich auf zum Hyde Park. An der Ecke Oxford Street waren Tausende unterwegs. Der Einlass funktionierte trotzdem reibungslos, obwohl Flughafensicherheitsstandards angewandt wurden. Durch die wahnwitzige Menge an Einlaßschleusen dauerte die Kontrolle aber nicht schrecklich lange. Solche Massenveranstaltungen stellen englisches Organisationstalent scheinbar vor keine großen Herausforderungen.

Der Park füllte sich langsam. Es war hochsommerlich warm, oft heiß, und die Leute saßen auf Handtüchern auf der Wiese. Dadurch war glücklicherweise vorne noch viel Platz.

Solche Massenveranstaltungen sind nicht meine Sache, wirklich nicht! Aber bei den ersten drei Bands war es selbst vorne angenehm und gesittet, und bei Blur war alles egal.

Es begann mit den "special guests" Bombay Bicycle Club. Ich habe die Band aus London bisher nicht gesehen und war überrascht, wie gut ihre Musik live vor solch einer Szenerie funktionierte. Die Band, immer wieder um die schottische Gastsängerin Amber Wilson erweitert, legte tolle 40 Minuten hin.

Setlist Bombay Bicycle Club, Hyde Park, London:

01: How can you swallow so much sleep
02: Your eyes
03: Dust on the ground
04: Always like this
05: Lights out, words gone
06: Ivy & gold
07: Evening morning
08: Beg
09: What you want
10: Shuffle

Um 17.45 Uhr, nachdem in der Umbaupause eine gigantische Leinwand vor der Bühne runtergefahren wurde und da Olympia übertragen wurde, folgten New Order. Ohne Peter Hook und zunächst wohl auch ohne große Lust. Bei den ersten Stücken wirkte die Band (in der Besetzung von Brüssel) uninspiriert. Vielleicht interpretiere ich das falsch, aber es schien deutlich, daß New Order angepisst waren, daß sie vor den Specials spielten.

Gottseidank fing sich - wer? New Order? ich? - schnell, das Konzert wurde erhofft aufregend, wobei die gespielten Versionen der Lieder nicht immer die besten sind. Isolation zum Beispiel mochte ich so weniger, dafür sind die aktuellen True faith oder Blue monday Live-Ausgaben toll! Die Setlist war erwartbar, was sie aber nicht schlechter macht. Der Abend stand unter dem Motto "Best of British", New Order spielten vieles von ihrem besten. Überragend waren Bizarre love triangle, The perfect kiss und das abschließende Love will tear us apart. Unübertroffen allerdings kamen True faith und Blue monday direkt nacheinander an. Diese beiden Hits von 80.000 mitgesungen zu erleben, waren 15 perfekte Minuten.

Letztenendes war er aber das abgenudelte Love will tear us apart, das den Punkt unters Ausrufezeichen setzte. Auf der Leinwand hinter der Band liefen während der Lieder Animationen und Videos. Bei Love will tear us apart war da ein weißes Laufband "Joy Division"* vor schwarzem Hintergrund, bis kurz ein schwarz-weiß Portrait von Ian Curtis eingeblendet wurde. Es war ein Kloß-im-Hals-Moment. Rührselig, aber nicht kitschig. Wenn ich New Order nicht schon liebte, dafür sofort! Nach zwei Stunden Hyde Park hatte ich nicht nur viel Sonne abbekommen, ich hatte auch ein sehr gutes und ein hervorragendes Konzert gesehen.

Setlist New Order, Hyde Park, London:

01: Elegia
02: Crystal
03: Ceremony (Joy Division / New Order)
04: Isolation (Joy Division)
05: Bizarre love triangle
06: 5-8-6
07: The perfect kiss
08: True faith
09: Blue monday
10: Temptation
11: Love will tear us apart (Joy Division)

Dann kamen Hunger und Durst, und ich musste meinen fünfte-Reihe-Platz aufgeben. Die Specials würde ich mir von weiter weg (essend) ansehen, das würde ausreichen, so mein Plan. Eine ekelhafte graue Pig Sausage vom Wurst-Spezialitätenstand und ein paar Specials-Lieder später bereute ich diesen Plan und ging wieder mehr in die Mitte, was fast unmöglich war.

Die Ska-Almeister, deren Legenden-Kollegen Madness parallel im Olympic Park Our house performten, machten mir sehr viel mehr Spaß als beim verkorksten Köln-Konzert (für mich verkorkst, hier nachzulesen). Die Songs der in die Jahre gekommenen Jungs passten perfekt zum sonnigen Tag. Und wieder brüllten alle mit. Conrete jungle, A letter to you Rudy (Usain Bolt gewidmet) oder Monkey man, ganz großartig!

Setlist The Specials, Hyde Park, London:

01: Intro
02: Do the dog
03: (Dawning of a) new era
04: Gangsters
05: It's up to you
06: Monkey man
07: Blank expression
08: Doesn't make it alright
09: Rat race
10: Stupid marriage
11: Concrete jungle
12: Friday night, saturday morning
13: Do nothing
14: Stereotypes
15: Man at C and A
16: A message to you Rudy
17: Nite klub
18: Little bitch
19: Too much too young

Die schwarz-weiß gekleideten Leute verließen die Mitte und gingen wieder nach außen, jede Band hatte ihre Hardcore-Bands mitgebracht. Ich stand plötzlich wieder schön weit vorne, war zwar schon fix und fertig, würde aber die zwei Stunden auch noch überstehen.

Die Leinwand erschien wieder, es liefen Olympia Nachberichte. Als im Olympiastadion die ersten Minuten der Schlußfeier gelaufen waren, stand plötzlich statt der Livebilder "blur" auf der Leinwand, die Einleitung der besten zwei Konzertstunden der letzten sechs Jahre.

Wie euphorisierend die Show war, ist mir nach einer guten halben Stunde aufgefallen. Da merkte ich nämlich erst, daß auf der Bühne eine ausgewachsene Autobahnbrücke aufgebaut war, die vom Cover der 2012er Single Under the Westway. Vorher hatte ich keine Muße, mich umzugucken, zu gut war das, was da auf der Bühne dargeboten wurde. Girls & boys als Beginn legte die Schlagzahl fest. Das Lied handelte mir die ersten blauen Flecken ein.

Im Gegensatz zu New Order sah und spürte man Damon Albarn, Graham Coxon, Dave Rowntree und Alex James von der ersten Sekunde die Lust an, dieses Konzert zu spielen. Im Vorfeld konnte man überall lesen, wie sehr sich die Band darauf gefreut hatte. Bassist Alex James hatte die 2009er Konzerte mit einem Pokalendspiel verglichen. Noch einmal im Finale zu stehen, sei unglaublich gut. Vielleicht war das Konzert am Sonntag ja auch das Blur-Endspiel, die Band redet sehr oft von dieser Möglichkeit. Diese last chance to see half mir sicher auch, hinzufahren und bescherte mir dieses Erlebnis. Auch wenn es also nur ein Werbegag ist, er war in meinem Sinne.

Damon Albarn strahlte übers ganze Gesicht, grinste in allen erdenklichen Versionen. Und er hüpfte. Er sprang wie ein Weltmeister über die Bühne (naja, sowas wie Olympiasieger ist er ja auch seit Sonntag). Trotzdem ist sein Gesang ganz hervorragend. Die 2009er Mitschnitte, die ich schon vor den Konzerten bestellt hatte und dann wegen meiner Nicht-Teilnahme erst dieses Jahr zum ersten Mal gehört habe, klangen auch schon gut, so ganz traute ich dem Braten aber nicht. Rampensäue, die auch singen können, sind ja nicht so häufig zu finden. Damon Albarn kann hüpfen und gleichzeitig blendend singen. Bei Trimm trabb lief er das erste Mal ins Publikum, trotzdem klang das Stück toll! Ausflüge in die Menge sollten noch mehrfach folgen. Wenn ich mich richtig erinnere, war Damon auch bei Country house und Popscene unten.

Seine Kollegen hatten viel weniger Bewegungsdrang. Aber Damons Hibbeligkeit reichte auch locker für vier.

A propos Kollegen: neben der Stammband standen vier Backgroundsänger und eine Bläsersektion auf der Bühne, die ich immerhin schneller entdeckte als die Autobahnbrücke.

Bei Parklife wurde es komisch... Zu dem Lied erschien selbstverständlich Schauspieler Phil Daniels (aus Quadrophenia), um wie auf Platte den Sprechgesang-Teil zu übernehmen. Damon Albarn trank derweil Tee aus einer der großen Hotelkannen, die eine "Tealady" (Comedian Harry Enfield) servierte. Das war urkomisch, aber nicht der beste Moment des Konzerts. Den besten Moment gab es nicht. Die besten Momente waren die stärksten Lieder des Abends. Song 2 (obwohl hier das gleiche wie bei Love will tear us apart gilt - von zigtausend Leuten gesungen war das Stück aber weltklasse!), Popscene, Out of time, Tender, Country house, This is a low, Sing, For tomorrow, The universal fallen mir aus dem Kopf ein. Wie bei der disqualifizierten Kugelstoßerin, die mit fast allen Versuchen Gold gewonnen hätte (naja, für ein paar Tage), wäre jedes von denen das beste Live-Lied, das ich dieses Jahr gesehen habe - ohne befürchten zu müssen, daß dieser Titel schnell weg ist.

Auch in Deutschland wäre dieses Konzert weltbewegend gewesen, mit textsicherem Publikum ist so etwas natürlich noch um unendlich viele Stufen großartiger!

Veranstalter mit Marketing-Kontakten übertreiben ja gerne einmal beim Etikett von Events. "Best of British" war allerdings eher eine Untertreibung, sind die drei letzten Bands des Abends nicht nur für die britische Musikszene relevant wie kaum eine andere. Und auch wenn die großen Zeiten der drei eigentlich Jahrzehnte zurückliegen, hatten alle am Sonntag einen großen Tag. Ob Bradley Wiggins auch da war, weiß ich nicht, vielleicht musste er zu Worst of British in die Arena. Es wäre aber sicher etwas für den Olympiasieger gewesen.

Konzert des Jahres natürlich. Darüber werde ich im Dezember nicht grübeln müssen. Was dem Blur Sänger in den 30 Sekunden nach Konzertende durch den Kopf gegangen ist, wüsste ich zu gerne. Trotz aller grandioser Hits, war dies nämlich der rührendste Moment des Abends.

Setlist Blur, Hyde Park, London:

01: Girls & boys
02: London loves
03: Tracy Jacks
04: Jubilee
05: Beetlebum
06: Coffee & TV
07: Out of time
08: Young & lovely
09: Trimm trabb
10: Caramel
11: Sunday sunday
12: Country house
13: Parklife
14: Colin Zeal
15: Popscene
16: Advert
17: Song 2
18: No distance left to run
19: Tender
20: This is a low

21: Sing (Z)
22: Under the Westway (Z)
23: Intermission (Z)
24: End of a century (Z)
25: For tomorrow (Z)
26: The universal (Z)

Links und weitere Fotos folgen!


* Korrektur: es ist noch viel stilvoller gewesen. "Forever Joy Division" stand auf der Leinwand.




Donnerstag, 28. Juni 2012

New Order, Hurricane Festival, Scheeßel, 24.06.12

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Konzert: New OrderOrt: Hurricane Festival, ScheeßelDatum: 24.06.2012Dauer: ca. 80 min

von Ursula (neulich als ich dachte) und Dirk (Platten vor Gericht)
Wer ist bloß für diesen Zeitplan verantwortlich und kam auf die Idee, am Sonntagabend Die Ärzte, Beirut und New Order gleichzeitig auftreten zu lassen? Alle drei Bands wollte ich gerne sehen, aber ich musste mich entscheiden. Ebenso ging es meinem Freund, und obwohl wir beide Die Ärzte mögen, entschieden wir uns letztendlich beide für andere Band: Er verließ den Kooks-Auftritt vorzeitig und watete zur Red Stage, um dort erst Temper Trap und dann Beirut zu sehen – und anschließend darüber zu berichten. Und meine Wahl fiel letzten Endes schweren Herzens auf New Order, die ich noch nie live gesehen hatte, und bei denen man ja auch nicht weiß, ob sie noch lange Konzerte geben werden. Ich wollte mir diese Chance nicht entgehen lassen – auch wenn mit der jetzigen Form der Band ohne Peter Hook natürlich die Originalbesetzung nicht mehr gegeben ist.
Im mittlerweile immer noch strömenden Regen machte ich mich also nach den Kooks auf zur Blue Stage und war bei meiner Ankunft überrascht: Noch fast niemand da? Mir war schon bewusst gewesen, dass die Band unter der starken Konkurrenz (zusätzlich zu den Genannten und ebenfalls parallel trat auch noch Fritz Kalkbrenner auf, drinnen!) leiden würde, und viele waren ja nach dem Regentag bereits abgereist, aber New Order sind doch eine Legende, die viele Menschen gerne einmal live sehen möchten, oder etwa nicht? Allein stand ich mit meiner Verwunderung über den Mangel an Publikum nicht da, gleich zweimal wurde ich von anderen Besuchern angesprochen und irritiert gefragt, ob hier denn nun um 22 Uhr New Order spielen, da ja so wenig los sei.
Während auf den Video-Leinwänden am Rande der Bühne der Beginn des höchstwahrscheinlich phantastischen Ärzte-Konzertes auf der Hauptbühne übertragen wurde, begann ich, mir Sorgen zu machen, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Immerhin, kurz vor 10 hatte sich der Zuschauerraum zumindest leidlich gefüllt, und der Regen hatte sich in ein erträgliches Nieseln verwandelt. Und da waren sie nun, die leicht gealterten 80er-Jahre-Legenden, minus Peter Hook, mitten in der norddeutschen Pampa, zu ihrem „Einzug“ lief das instrumentale „Elegia“.

Abgesehen von meiner Freude, die Band endlich einmal zu sehen, war leider schnell klar, dass der Regen wohl zu technischen Schwierigkeiten geführt hatte: Vom ersten
„richtigen“ Song „Crystal“ konnte ich den Text eher erahnen als hören. Zwischen den ersten Liedern – nach „Crystal“ folgten „Regret“ und „Ceremony“ - gab es immer wieder Unterbrechungen, in denen irgendetwas geregelt wurde, aber der Gesang blieb leise und der Sound insgesamt verbesserungswürdig, was der Band sichtlich auf die Nerven ging.

Toll dagegen war die Videodarbietung auf derselben LED-Wand, die uns schon bei den Stone Roses erfreut hatte. Sie zeigte teils Bilder, teils Filme, so zu „True Faith“ das komplette Video des Songs, bei „Temptation“ erschienen die gesungenen Zahlen exakt zeitgleich auf der Leinwand. Die Effekte waren atemberaubend, hätten aber bei einem Hallenkonzert vielleicht noch besser gewirkt.

Wann immer die Videoleinwände das Publikum zeigten, wurde zwar entschlossen getanzt, so richtig glücklich sah aber niemand aus. Ähnlich ging es auch der Band, die am Ende des Sets zur großen Begeisterung des Publikums noch Joy Divisions „Love Will Tear Us Apart“ spielte und dann ihren Auftritt etwas vor Ende des ihm eigentlich zugedachten Zeitfensters beendete. Bernhard Sumner zeigte dem Regen zum Abschied den Stinkefinger und versprach uns „We’ll come back and play for you indoors!“ Mal sehen, ob das auch umgesetzt wird.

Setlist New Order, Hurricane Festival, Scheeßel:

01: (Elegia)
02: Crystal
03: Regret
04: Ceremony
05: Age of Consent
06: Isolation
07: Krafty
08: Bizarre Love Triangle
09: True Faith
10: 586
11: Perfect Kiss
12: Blue Monday
13: Temptation
14: Love Will Tear Us Apart

Links:

- aus unserem Archiv:
- New Order, Berlin, 21.06.12
- New Order, Brüssel, 17.10.11


Samstag, 23. Juni 2012

New Order, Berlin, 21.06.12

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Konzert: New Order
Ort: Tempodrom, Berlin
Datum: 21.06.2012

Zuschauer: nicht ganz ausverkauft



Text von Matthias Wulf, Kulturchef der Berliner Morgenpost, Archivfotos von Christoph

Vergiss die Stimme, Hauptsache der Rhythmus ist ok


Tanzen im Licht: New Order spielt im Tempodrom


Eher gegen Ende des Konzerts erschallt die Hymne der achtziger Jahre. Wenn ein Lied diese Dekade geprägt und verändert hat, dann „Blue Monday“. Mit dem radikalen Einsatz der 1983 noch jungen Drum Machines kam etwas im wahrsten Sinne noch Nie-Gehörtes auf den Markt. Der Song „Blue Monday“ war kommerziell ein Erfolg und versöhnte durch seine Tanzbarkeit Independent und Mainstream, in jenen Tagen noch Feindeslager. Ach ja, und Wegbereiter für Techno und Rave waren New Order auch noch. Mindestens.



New Order lädt dazu ein, popintellektuelle Lorbeerkränze zu flechten: Die „Smiths“ war in den Achtzigern die Band für das (traurige) Herz, New Order für das Hirn. Den Diskurs gab es am Tage zuvor im HBC, bei der Ausstellungseröffnung, als in dem Klub die Schallplattencover gezeigt wurden (bis 4.7. zu besichtigen), nun ging es im nahezu ausverkauften Tempodrom mit den vier Herren und einer Dame zum Tanz. Beeindruckend ist Gillian Gibert, die regungslos am Synthesizer verharrte; wie eine Mischung aus Kraftwerk-Adeptin und schwer gelangweilter Tresenfrau. Erfreulich auch, dass New Order der Retro-Falle entkommen sind und ihre Hits nicht originaltreu runterspielen und vom Synthesizer-Ballast befreien.

Nun ist Bernard Sumner über 50 und die Stimme will nicht immer so hoch wie sie sollte, und so behilft er sich gelegentlich mit einigen schrillen Kieksern. Bassist Peter Hook hatte vor Jahren die Band unter Umständen wie aus einem Dallas-Drehbuch (verspekuliertes Geld, üble Nachrede) verlassen; vermissen tut man ihn nicht. New Order funktioniert weder über Stimme, originelle Texte noch über virtuoses Spiel, sondern über Rhythmus und Wiederholung und, in diesem Fall, über eine professionelle Licht-Show. New Order sind wohl die einzige Band aus dem Jahr 1980, bei der man sich, in den guten Momenten, wie auf einem Rave fühlt.

Von New Order wird es nach eigener Aussage kein neues Material mehr geben; so ist es ein Best-of-Abend mit „True Faith“, „Cermony“ und „Crystal“. Er endet so wie es sich gehört, mit dem Joy-Division-Klassiker, einer der herzergreifendsten und brutalsten Liebeslieder in der Popgeschichte: „Love will tear us apart“. Matthias Wulff



Setlist New Order, Tempodrom, Berlin:

01: Elegia
02: Crystal
03: Regret
04: Ceremony
05: Isolation (Joy Division)
06: Age Of Consent
07: Krafty
08: Thieves Like Us
09: Bizarre Love Triangle
10: True Faith
11: 586
12: The Perfect Kiss
13: Blue Monday
14: Temptation

15: Transmission (Joy Division)
16: Love Will Tear Us Apart (Joy Division)


Aus unserem Archiv:


New Order, Brüssel, 17.10.11




Dienstag, 18. Oktober 2011

New Order, Brüssel, 17.10.11

9 Kommentare

Konzert: New Order

Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Datum: 17.10.2011
Zuschauer: 2.000 (nach 15 min. ausverkauft)
Dauer: 90 min


Der 9. September hat mich Jahre meines Lebens gekostet. Ab 11 Uhr sollte es Tickets für das erste von zwei Reunion-Konzerten von New Order in Brüssel geben. Die Band hat sich zu diesen ersten Auftritten nach dem Verwürfnis und Ausstieg von Bassist Peter Hook entschlossen, um Geld für ihren kranken Freund Michael Shamberg zu sammeln. Shamberg, ein amerikanischer Filmemacher, der u.a. Ein Fisch namens Wanda produziert hat, lernte New Order 1980 während eines New Yorker Konzerts kennen, freundete sich mit der Band an und wurde später Produzent vieler ihrer Videos.

Auch bei den Gründen ihres Comebacks zeigen New Order also Stil. Nicht (eigene) finanzielle Belange, die sicher bei vielen wieder aufgetauchten Bands Hauptmotivation sind (oder warum gibt es die Guano Apes und Skunk Anansie wieder?), sondern eine Herzensangelegenheit. Die Bandgründung von New Order nach dem Selbstmord von Ian Curtis, nach dem eben nicht Joy Division mit neuem Sänger weitermachten, war vor 30 Jahren schon Vorbild für würdevolles Handeln, das Comeback passt in dieses Bild.

Daß es vor dem Hintergrund des Zwecks der beiden Konzerte nicht gelang, den Streit zwischen Bassist Peter Hook und der Restband beizulegen oder zumindest auszusetzen, ist für Außenstehende traurig und schwer nachvollziehbar. Ich hatte bis zuletzt die Hoffnung, der Bassist, der den typischen New Order Klang so sehr geprägt hat, erschiene als Überraschungsgast bei den beiden Konzerten. Die gegenseitige Verbitterung ließ das aber offenbar nicht zu.

Dafür wurde Gillian Gilbert, viertes Mitglied von New Order ab 1980 angekündigt. Gilbert, die mit Joy Division- und New Order Schlagzeuger Stephen Morris verheiratet ist, war 2001 bei New Order ausgestiegen und durch Phil Cunningham ersetzt worden.

Zurück zum 9. September. Ich war gut vorbereitet. Mein Account auf der Veranstalterwebsite funktionierte, die Kreditkarte lag bereit, ich war eine Viertelstunde vor Verkaufsstart online. Um elf erschien dann das Konzert auf der Seite, auch der nächste Click machte keine Probleme. Nur als es zum Bestellen ging, erschien "Dear Client, to avoid the overload of our online sales pages we have limited the number of simultaneous buyers. At this moment, the maximum number of simultaneous buyers has been attained" - und das immer wieder. Ich weiß nicht, wie oft man F5 in zwölf Minuten drücken kann, vermutlich gab es das bei Wetten dass? schon, jedenfalls stieg meine Panik minütlich. Die rettende Idee war das Handy, über die mobile Clubseite durfte ich Tickets kaufen, nach unzähligen Flüchen über die Autokorrektur beim Eintippen der Kreditkartendaten klappte das. Puh! Als ich sofort anschließend noch einmal auf der Website des Ancienne Belgique war, war das Konzert ausverkauft. Bekanntlich springt ein gutes Pferd immer nur so hoch, wie es muß, reichte ja auch so.

Das Ancienne Belgique ist ein Kulturzentrum, das an einem der unzähligen großen Boulevards mitten in der Stadt liegt. Nach angenehm laxer Eingangskontrolle waren wir um acht im noch sehr leeren großen Saal (im kleinen spielten die tollen Yuck), in dem ein DJ versuchte, mich davon zu überzeugen, daß dies ein kurzweiliges Vorprogramm ist. Hat nicht funktioniert. Immerhin wurde das mehr als einstündige Set durch einen kurzen Film mit Arbeiten von Michael Shamberg unterbrochen, der u.a. ein Notwist Video beinhaltete.

Um neun drehte der DJ endlich seine Regler runter und überließ New Order die
Bühne. Nach einem kurzen Instrumentalintro (war das Elegia?) eröffnete Crystal vom 2001er Album Get ready das Programm. Danach Regret - und meine Bedenken, der Abend könne schlimm werden, waren weg! Auch auf der Bühne sind New Order würdevoll gealtert. Bernard Sumner, ganz in schwarz, ist unbestrittener Frontmann. Neben ihm hampelte Phil Cunnigham etwas viel am Bühnenrand, während die beiden "Neuen" Gillian und Bassist Tom Chapman sich zunächst extrem zurückhielten. Vor allem bei Tom Chapman war dies auffällig. Die Aufgabe, Peter Hook zu ersetzen, bedeutete sicher einen enormen Druck. Erst am Ende traute sich der Bassist langsam nach vorne und wurde selbstbewußter. Gillian (mit sehr bunter Bluse) blieb meist hinter ihrem Keyboard und spielte (wohl) nur einmal Gitarre, nämlich beim besten Stück des Abends, bei der ersten Single Ceremony, die als drittes gespielt wurde.

Ceremony hört man an, daß das Lied noch für Joy Division geplant war. Auch nach 30 Jahren ist das Stück besser als die Gesamtwerke der meisten aktuellen Bands. Ceremony war der erste ganz besondere Moment des Abends!

Der nächste Knüller war 1963, die True faith B-Seite, die New Order laut Bernard Sumner noch nie live gespielt hätten. Ich mochte 1963 schon immer, hätte es sicher nicht auf einer Wunschsetlist aufgeführt, war aber sehr angetan - es war toll!

Von den bekannteren Singles überzeugte mich True faith ganz besonders. Obwohl
eigentlich totgenudelt, war vor allem der Anfang gigantisch! Es ist wenig originell, einen der Hits besonders zu loben, True faith gehört aber zu den absoluten Höhepunkten des Abends.

Als New Order um kurz nach zehn Temptation ankündigten, war absehbar, daß das Ende nah war. Der Zeitplan war vorher veröffentlicht worden, 22.30 Uhr als Schluß angekündigt. Also hielt sich die Enttäuschung in Grenzen, daß die Band wirklich nach dem hervorragenden Stück die Bühne räumte. Genauso vorhersehbar (oder unvermeidlich) war aber, daß Blue monday fehlte, also würde es zwei Zugaben geben, die zweite wäre überraschend.

So kam es. Erst Blue monday, das mir nicht sonderlich gefiel - hier störte mich wirklich der Bass, aber auch nur hier und dann Love will tear us apart, das Joy Division Lied, daß man sich vermutlich am wenigsten gewünscht hätte, wäre man
befragt worden. Im Gegensatz zum New Order Evergreen Blue monday und entgegen aller Befürchtungen während der ersten Takte, packte mich Love will tear us apart aber enorm. Trotz der rockigeren Art, trotz des lauten, mittlerweile angetrunkenen massenhaften Mitgegröhles. Auch Love will tear us apart ist würdevoll gealtert und machte so enorm großen Sinn am Ende des Sets.

Der Preis für das Erleben des Comeback-Konzerts war die mangelnde Spielpraxis der Band. Die fiel (mir) nicht während der Stücke auf, zwischendurch nervte es. Die Pausen zwischen den Liedern waren lang und nahmen immer wieder die Spannung. Wäre das Konzert strenger durchgespielt worden - auch auf Kosten der Ansagen - wäre ich vermutlich
begeisterter rausgegangen. Bernards Ansagen und Kommentaren merkte man aber die enorme Freude an, die die Band hatte - und die auch mir Spaß gemacht hat. Das hatte ich bei New Order schon anders erlebt.

Meine Erwartungen vorher gingen von "Konzert des Jahres" bis zu "Riesenflop". Das Gefühl hinterher sagt: sehr guter Abend. Das Konzert des Jahres kommt dann irgendwann 2012. Bernard kündigte Gillians Anwesenheit mit "willkommen zurück bei New Order" an, das klingt doch vielversprechend!

Setlist New Order, Ancienne Belgique, Brüssel:

01: Crystal
02: Regret
03: Ceremony
04: Age of consent
05: Love vigilantes
06: Krafty
07: 1963
08: Bizarre love triangle
09: True faith
10: 5. 8. 6.
11: The perfect kiss
12: Temptation

13: Blue monday (Z)
14: Love will tear us apart (Joy Division) (Z)


Links:

- mehr Fotos von New Order in Brüssel










 

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