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Dienstag, 24. März 2015

Noel Gallagher, Brüssel, 22.03.15

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Konzert: Noel Gallagher's High Flying Birds
Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Datum: 22.03.2015
Dauer:Noel Gallagher knapp 95 min, Paul Newsome knapp 30 min
Zuschauer: 2.000 (wohl ausverkauft)



Meinen Konzertbericht vom anderen Belgien-Konzert am Wochenende habe ich mit der Frage nach der Relevanz der aufgetretenen Band begonnen. Was einmal klappt, klappt auch ein zweites Mal. 

Vor einigen Tagen machte ein Foto von Liam Gallagher die Runde, auf dem der Ex-Oasis und Ex-Beady Eye Sänger mit einem Backstage Pass einer Show seines Bruders zu sehen war. Wäre ich Liam Gallagher, hätte ich mir bei dieser Gelegenheit die Frage nach meiner eigenen Relevanz gestellt. Da war ich der Sänger der "größten Band der Welt", die sich dann, nach einem Gitarrenmißgeschick bei Rock En Seine in Paris auflösen musste und ein paar Jahre später ist mein Bruder der große Star, der kontinuierlich Hits schreibt und keinen Sänger mehr neben sich braucht. Selbstzweifel kommen in einem Gallagherischen Weltbild vermutlich nicht vor, Backstage bei Noel wäre aber vielleicht eine schöne Gelegenheit dafür gewesen.

Das Umfeld des Konzerts war wie für Noel gemacht. Als wir nachmittags in Brüssel ankamen und das Auto in der Nähe des AB abstellen wollten, war der Boulevard kurz vor dem Club von querstehenden Polizeibussen gesperrt. Wegen der nahen Börse vermuteten wir Kapitalismus-Gegner, wie sich aber schnell rausstellte, waren es Anderlecht-Gegner. Der Hauptstadt-Club spielte am Sonntag im belgischen Pokal gegen Brügge (1:2). Zur Vorbereitung standen die Brügge-Boyz mit ihren Kurz- bis Nullhaar-Frisuren trinkend in den beiden irischen Kneipen gegenüber vom AB, wurden von hundert Polizisten bewacht und betrieben Hooligan-Folklore und schmissen Böller in U-Bahn-Stationen. Noel Gallagher, der den falschen der beiden Clubs aus Manchester mag, gefiel das sicher. Er fragte später, wie das große Spiel ausgegangen sei.


Noel Gallagher hatte schon in Düsseldorf einen Kumpel als Support dabei, den in den USA lebenden Paul Newsome. Paul trug Mütze, wurde von zwei Kollegen begleitet und spielte nette und harmlose Folkstücke, die sich sicher auch gut an einem Lagerfeuer machen. Ein Stück (She's the one) war sehr gut, der Rest tat nicht weiter weh (Setlist folgt). 
 

Als die Bühne für Noel Gallagher und seine High Flying Birds gerichtet war und alle Betrunkenen langsam wieder in den Saal gekommen waren, setzte ein fünfminütiges Gehupe ein. Vom Band lief statt einer Einlaufmusik der Mitschnitt des Autocorsos der City-Meisterfeier! 


Noel Gallagher variiert seine Konzerte kaum. Die Setlist ist vorher bekannt, es gibt keinerlei inhaltliche Überraschungen, wenn man vorher schon einen der anderen Auftritte gesehen oder davon gelesen hat. Da ich aber wie immer schlecht vorbereitet war und die neue Platte nur in kleinen Teilen kannte, war doch vieles für mich neu. 


Daß Noel drei Bläser auf seiner Tour mitnimmt, hatte ich gelesen. Sie kamen zu erstaunlich vielen Einsätzen und gaben den Liedern einen zusätzlichen Pfiff. 


Der Noel-Teil des Sets bestand zu etwa gleichen Teilen aus Liedern beider Platten. Eingestreut kamen die fünf Oasis Songs der aktuellen Tour: Champagne supernova, Fade away, Digsy's dinner und als Zugaben Don't look back in anger und The masterplan. Obwohl unter seinen Post-Oasis-Stücken einige bei sind, die sich nicht hinter den Vorgängern verstecken müssen, kamen die fünf Songs mit Abstand am besten an. Der Fluch der Weltkarriere.


Der Preis dafür, bei einem Britpop-Konzert halbwegs vorne zu stehen, sind Bierduschen, Tritte und in den Rücken springende Noel-Fan(innen). Das und stiernackige Tarnjacken-Träger gab es in unsere Umgebung reichlich. Bei Digsy's dinner kam es zu einem kleinen lokalen Pogoausbruch, vor dem ich von meinem Nachbarn mit zwei Konzerten Vorsprung schon gewarnt worden war.


Das Konzert war durchgängig kurzweilig. Ich hatte von einer langweiligen Phase in der zweiten Hälfte gelesen, empfand das aber nicht so. Natürlich sind nicht alle Stücke solche großen Hits wie die Ballad of the mighty I (zu dem meine Nachbarn einen "Johnny fucking Marr"-Sprechchor skandierten - der Smiths-Mann kam aber trotzdem nicht und ließ seine Gitarrenparts, die er auf Platte beisteuert, von Noel Gallagher spielen), aber Langweiler habe ich auch nicht ausgemacht. Neben der Ballad... und den Oasis-Stücken waren (Stranded on) The wrong beach und Lock all the doors die besten Lieder.

Am Nachmittag in Brüssel taten wir das, was drei Musik-Typen machen, wenn sie sich treffen: wir sprachen über Musik. Dabei kam die Frage auf, welche große Reunion wohl 2016 ansteht. Mein Tipp war Oasis. Nach dem Konzert glaube ich das nicht mehr. Dafür gibt es doch gar keinen Grund.*

Setlist Noel Gallagher's High Flying Birds, Ancienne Belgique, Brüssel:

01: Do the damage 
02: (Stranded on) The wrong beach 
03: Everybody's on the run 
04: Fade away (Oasis) 
05: In the heat of the moment 
06: Lock all the doors 
07: Riverman 
08: The death of you and me 
09: You know we can't go back 
10: Champagne supernova (Oasis) 
11: Ballad of the mighty I 
12: Dream on 
13: The dying of the light 
14: The mexican 
15: AKA... Broken arrow 
16: Digsy's dinner (Oasis) 
17: If I had a gun... 

18: Don't look back in anger (Oasis) (Z)
19: AKA... What a life! (Z)
20: The masterplan (Oasis) (Z)

Links: 

- aus unserem Archiv:
- Noel Gallagher, Düsseldorf, 19.03.15
- Noel Gallagher, London, 23.03.13
- Noel Gallagher, Paris, 25.08.12
- Noel Gallagher, Scheeßel, 23.06.12
- Noel Gallagher, Köln, 04.12.11
- Noel Gallagher, Köln, 04.12.11 (Soundcheck)
- Oasis, Düsseldorf, 04.02.09
- Oasis, Paris, 10.11.08


* also Elastica.



Freitag, 20. März 2015

Noel Gallagher's High Flying Birds, Düsseldorf, 19.03.15

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Konzert: Noel Gallagher's High Flying Birds
Ort: Mitsubishi Electric Halle, Düsseldorf
Datum: 19.03.2015
Zuschauer: ca. 5.000 



von Dirk aus Mönchengladbach

Der gute, alte Rockpalast ist zurück. Nachdem es in den letzten Jahren fast nur noch Festivalpräsenz gab, zeigten sich die Banner der Konzertfilmer gestern wieder in Düsseldorf. Dass dieses Konzert in voller Länge sogar live auf 1plus gesendet wurde, wusste aber wohl kaum jemand. 

In der Halle störte das sowieso keinen, pünktlich um 21:00 Uhr kam Noel mit seiner Band, die zu meiner Überraschung aus denselben Mitmusikern bestand wie bei seiner ersten Solotour, hinter dem Vorhang hervor. Die High Flying Birds scheinen also eine richtige Band zu sein und keine austauschbaren Mietmusiker, die hinter der Legende zurückstehen sollen. Vielleicht umgibt sich Noel aber auch lieber mit alten Kumpels als weitere Experimente zu wagen. 

Auf der neuen CD hat er damit zum Glück keine Probleme, eine für seine Verhältnisse extreme Bandbreite an Songs und Sounds gibt es dort zu hören, und fast alle sind wirklich gut. Während sich andere Helden auf Solopfaden mühsam durch ihre Soloplatten spielen, um dann endlich ihre Hits auszupacken, setzt Noel fast konsequent auf neues Material. 


Vom Publikum wird dies auch (bis auf die üblichen „Supersonic“-Zwischenrufe) ohne Proteste angenommen und so startet die Show dann mit Do the damage, The wrong beach und Everybody`s on the run, bevor mit Fade away der erste von fünf Oasis Songs im Set folgt. 

Die Band spielt druckvoll aber kontrolliert auf, Schwachstellen sind nicht auszumachen. Besonderes Highlight ist der Bläsersatz der zu einer Handvoll Songs aufspielen darf. Er verleiht den neuen Songs eine weitere Ebene, die durch Keyboards alleine sicher schwächer abgedeckt wäre. Was mit etwas mehr Mut hier noch möglich wäre zeigt die letzte Zugabe, (The Masterplan) die wirklich sehr von dem neuen Arrangement profitiert. Leider bleiben viele andere Songs in ihrer alten Struktur. 


Mein Lieblingssong vom neuen Album, das rockige Lock all the doors folgt früh im Set und bringt das Publikum zum ersten Mal in Bewegung, danach erklingt das schöne Riverman

In Zeiten der riesigen LCD-Wände und Laserspots wirkt die gebotene Show schon sehr spartanisch. Warum neben 10 verschiedenen Blautönen überhaupt noch ein Standardbeamer an der Decke hängt der sinnfreie Projektionen bietet bleibt schleierhaft. 

Mitten im Set ist es aber dann doch ein Oasis Song, der die größte Begeisterung auslöst. Eine traumschöne, lange Version von Champagne supernova. Ewig nicht live gehört und somit die Überraschung des Abends. 

Zum Ende des regulären Sets konnte meiner Meinung nach die Spannung nicht ganz gesteigert werden, Digsy`s dinner und die Mitsinghymne If i had a gun.. bilden aber einen guten Abschluß. 

Bei den Zugaben gibt es dann aber nichts mehr zu meckern: …Anger lässt alle englischen Zuschauer vor Freude weinen, What a life! hat sich zum echten Hit gemausert und The masterplan habe ich ja vorab schon lobend erwähnt. 

Was bleibt war ein ziemlich beeindruckender Abend einer Legende, die sich nicht ausruht, sondern immer weiter auf der Suche nach dem besten Song ist. Bei der Setlist mag es noch Verbesserungsvorschläge im Ablauf geben. Aber die Tour ist noch jung, und spätestens bei den noch ausstehenden, diversen Festivalauftritten im Sommer wird der Künstler da noch Änderungen vornehmen können. 

Setlist Noel Gallagher's High Flying Birds, Düsseldorf: 

01: Do the damage 
02: (Stranded on) The wrong beach 
03: Everybody's on the run 
04: Fade away (Oasis) 
05: In the heat of the moment 
06: Lock all the doors 
07: Riverman 
08: The death of you and me 
09: You know we can't go back 
10: Champagne supernova (Oasis) 
11: Ballad of the mighty I 
12: Dream on 
13: The dying of the light 
14: The Mexican 
15: AKA... Broken arrow 
16: Digsy's dinner (Oasis) 
17: If I had a gun... 

18: Don't look back in anger (Oasis) (Z) 
19: AKA... What a life! (Z) 
20: The masterplan (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Noel Gallagher, London, 23.03.13
- Noel Gallagher, Paris, 25.08.12
- Noel Gallagher, Scheeßel, 23.06.12
- Noel Gallagher, Köln, 04.12.11
- Noel Gallagher, Köln, 04.12.11 (Soundcheck)
- Oasis, Düsseldorf, 04.02.09
- Oasis, Paris, 10.11.08
 




Freitag, 29. März 2013

Noel Gallagher's High Flying Birds & Special Guests, London, 23.03.2013

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Konzert: Noel Gallagher's High Flying Birds (mit Damon Albarn & Graham Coxon)
Vorband: Gruff Rhys
Ort: Royal Albert Hall, London (Teenage Cancer Trust)
Datum: 23.03.2013
Zuschauer: 5.250 (ausverkauft)
Dauer: Noel Gallagher's High Flying Birds 93 Minuten / Damon Albarn & Graham Coxon knapp unter einer halben Stunde / Gruff Rhys 25 Minuten



Damon Albarn dreht sich schnell um die eigene Achse, tänzelnd auf Noel Gallagher in der Bühnenmitte zu, legt seinen Kopf für den Bruchteil einer Sekunde auf seine Schulter, beide lächeln. Es ist der Höhepunkt eines unvergesslichen Abends, eines Konzerts, das in meiner Erinnerung immer einen gesonderten Status einnehmen wird, über allem schwebend. 
Dass sich Noel und Damon letztes Jahr mit großen Gesten bei den Brit-Awards versöhnt haben, erschien mir damals wie ein plumper Seitenhieb gen Bruder Liam, zu unüberwindbar schien mir immer die zur Feindschaft entartete Rivalität zwischen Oasis und Blur, zwischen den Fangruppen und den Musikern. Noel trieb es mit seinem unter anderem an Damon Albarn gerichteten "catch AIDS and die" auf die Spitze. Umso irrealer, umso viel wertvoller erschien Anfang Dezember letzten Jahres die Ankündigung eines gemeinsamen Konzerts für den Teenage Cancer Trust in der Royal Albert Hall. Da musste ich hin. Ohne wenn und aber. Zunächst machte mir aber die Technik einen Strich durch die Rechnung und ich musste meine bereits im Warenkorb liegenden Tickets verwerfen. Natürlich war die Veranstaltung nach wenigen Minuten bereits ausverkauft, so dass nur noch der Weg durch die verhassten Ticketbörsen blieb. Bei Viagogo kaufte ich wütend letztlich Karten für Stehplätze in der Galerie zu gerade noch vertretbaren Preisen, wobei dieser legalisierte Schwarzmarkt mir gerade bei einer Charity-Veranstaltung in seiner Gier und dem neoliberalen Kalkül wie eine Perversion des Wohltätigkeitsgedankens erscheint. Gleichzeitig muss sich der Veranstalter in so einem Fall überlegen, ob es tatsächlich sinnvoll ist, ein Ticketlimit von sechs Karten bei einem derart exklusiven Event vertreten zu können.

Seit ich begonnen habe mich intensiver mit Popmusik auseinanderzusetzen, war es mein festes Ziel einmal zur Teenage Cancer Trust – Woche nach London zu reisen, schließlich erschien mir zum einen die Kinderkrebsstiftung unterstützenswert, während andererseits natürlich Jahr für Jahr ein unglaublich gutes Line-Up aufgezogen wurde. Ausgelöst wurde dieser Wunsch wohl, als ich vor Jahren die Live-DVD des ersten Rockkonzerts für den Trust in der Royal Albert Hall sah. The Who brillierten – damals noch mit dem inzwischen verstorbenen John Entwistle am Bass – mit einer formidablen Rockshows, unterstützt von Gaststars wie Geiger Nigel Kennedy, Stereophonics – Sänger Kelly Jones, den unvermeidlichen Eddie Vedder und eben Paul Weller – und selbstredend Noel Gallagher.

Da Roger Daltrey, Frontmann von The Who, mit der großen „Quadrophenia“-Tour seiner Band in Nordamerika beschäftigt war, übergab er für dieses Jahr erstmals die Rolle des Kurators an seinen Freund Noel Gallagher, dem ein beeindruckendes Line-up gelang: Ryan Adams mit Beth Orton, Primal Scream mit Echo & The Bunnyman, eine Comedynight mit Russell Brand und Noel Fielding, Kasabian und zum Abschluss Paul Weller, für dessen Konzert mit Palma Violets im Vorprogramm ich ganz regulär an Karten kam.


Dass es bereits an diesem Samstag zu einer Begegnung mit dem Modfather kommen sollte, war bestenfalls zu erhoffen, als ich meine liebste Konzertlocation, die Royal Albert Hall, mit meiner Freundin betrete. Andererseits ließ bereits ein Shopping-Spaziergang durch die weltberühmte Mod-Gasse „Carnaby Street“ daran glauben, dass der Tag unter einem guten Omen steht. Während der traditionelle Laden des ehrwürdigen Labels „Merc“ nicht mehr existiert, lief einem hier Bobby Gillespie, Frontmann von Primal Scream über den Weg. Eine kurze Begegnung, die als perfekte Einstimmung auf einen perfekten Abend nur so gelegen kam.

Als wir unsere Plätze ganz oben in der Mitte der Galerie der Albert Hall einnehmen liegt eine nahezu greifbare Spannung in der Luft. Das Publikum ist dabei äußerst gemischt: Gallagher-Lookalikes in Lederjacken, Mods, bebrillte Blur-Anhängerinnen im „Modern life is rubbish“-T-Shirt. Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt genau, was einen erwarten wird.

Radiomoderator John Holmes betritt als erster die Bühne der ehrwürdigen Halle, in der ich bereits ein durchwachsenes John Fogerty – Konzert besuchte, das regulär auf DVD erschien, eine klassisches Weihnachtskonzert sah und einen brillanten Auftritt der Britpop-Heroen Ocean Colour Scene beiwohnte. Offenbar funktioniert Britpop hier besonders gut.

Holmes, „breakfast man“ beim präsentierenden Radiosender XFR spricht wiederholt von der Einzigartigkeit des Events, lobt den Teenage Cancer Trust, bevor er den Support Act des Abends ansagt: Gruff Rhys, Sänger der formidablen walisischen Band Super Furry Animals, den man wohl Griff Ries ausspricht und der schon vor einigen Jahren ein Konzert für den Trust spielte, überzeugt als Solokünstler restlos. Wenig verwunderlich ist sein Auftritt auch, wenn man beachtet, dass er mit einem Gastbeitrag auf dem letzten Gorillaz-Album vertreten ist, wo er bei „Superfast Jellyfish“ einen netten Gesangspart übernimmt. Alle Titel des sechs Song starken Sets bestechen als erstklassige Popnummern, die dem All-Time-Klassiker „Run-Away", meinem wohl auf alle Zeit meist geliebten Super Furry Animals Lieds, in nichts nachstehen. 
Besonders die Harmonien, die der bärtige Sänger selbst mit einer Loop-Station aufnimmt und direkt verwendet, sind kaum zu übertreffen. Bisher habe ich keinen Künstler erlebt, dem dies besser gelang. Quasi die Ein-Mann-Folk-Version der Beach Boys. Grandios. Vor allem „Sensations in the Dark“ wird wohl als echte Perle im Gedächtnis bleiben, ebenso wie die großen Schilder, mit denen er ironisch mit dem Publikum kommuniziert und auf denen  "Applause", "Louder" oder schlicht "Thank You" und abschließend "The End" stand.

Danach läuft ein Videoüber den großen Bildschirm hinter der Bühne, in dem die Teenagerin Charlotte ihre Krebserkrankung schildert und beschreibt, wie die Arbeit des Teenage Cancer Trust jungen Menschen in ihre Situation hilft. Es sind bewegende Minuten, die einem die Tränen in die Augen steigen lassen, während die junge Frau erzählt, wie sie den Krebs bekämpfte, wie sie am eigenen Leib erlebte, wie wohltuend das Wirken des Trusts ist, der Teenager und Kinder im Krankheitsfall unterstützt, aufbaut und betreut. Der dafür sogt, dass neuer Mut die jungen Körper erfüllt, Hoffnung entsteht, Freundschaften begründet werden – und auch verloren werden. Nach dem aufrichtigen Spendenaufruf betritt Charlotte, die – wie sie selbst sagt – Dank des Trusts eine Zukunft hat und an der „School of Law“ studieren kann, eingehakt bei Noel Gallagher die Bühne. 
Tränen werden aus den Augen gewischt, während sie wiederholt die Kernaussagen des Videos betont, bevor Noel den nächsten Auftritt des Konzerts ankündigt: Damon Albarn, in blauer Jeansjacke und Graham Coxon mir roter Hose und Nadelstreifenjacket, die, wie er eher beiläufig erwähnt noch Unterstützung von Dichter Michael Horovitz, einen Zeitgenossen Allen Ginsbergs, und Paul Weller erhalten würden. Als Wellers Name fällt, tobt die Halle. Die ersten stehen auf, Weller-Rufe werden laut, doch den Anfang machen die beiden wichtigsten Blur – Mitglieder als Duo. Wer mit einem kurzen Blur – Best – Of – Set gerechnet haben mag, wird enttäuscht. Statt „Beetlebum“, „Parklife“ und „Coffee & TV“ gibt es „May I?“, ein eher unbekannter Song des Soft Machine – Gründers Kevin Ayers, der in dieser Version in jeder Hinsicht wie ein guter Blur – Song klingt. Albarn spielt Synthesizer, Coxon spielt Gitarre. Alles passt und der geschmackvolle Tribut an den im Februar verstorbenen Musikpionier ist der perfekte intellektuelle Gegenpart vor dem „Wir-hatten-erst-4-Bier“-Mitgrölpathos von Noel Gallaghers Evergreens.
Weller und Horovitz betreten nun die Bühne.  Der Jubel im Publikum nimmt ohrenbetäubende Formen an, als sich der Modfather hinter den Synthesizer auf der rechten Seite setzt. Horovitz, der den meisten wohl unbekannte in Frankfurt geborene Dichter, ist ein guter Freund Wellers, der diesen sehr bewundert. Öffnet man das Booklet von „Sonic Kicks“, dem aktuellen Weller – Album, das dem deutschen Rolling Stone zu Unrecht missfiel, liest man als erstes ein Gedicht Horovitz', Weller gewidmet, das Zeitgeist – und Kapitalismus – kritische „Bankbusted Nuclear Detergent Blues“. Als rare One-Off-Peformance spielt das Quartett aus Britpop-Legenden und 78-jähriger Poetengröße.
 Zusammen mit „Ballade Of The Nocturnal Commune“ macht es den gut 20-minütigen Auftritt der ungewöhnlichen Kombination aus. 

Coxon spielt Gitarre, Saxophon und Schlagzeug und wird für mich als der einzige Mann in Erinnerung bleiben, der gerne rote Hosen tragen darf, Albarn Gitarre und Klavier, Weller Synthesizer, während der Baseball-Cap-tragende Horovitz sich bald seines Hemds entledigt und in einem aus der Entfernung verdächtig nach Tank-Top aussehenden mit Bäumen verzierten Pullunder und Hemd in bester Lou Reed – Manier seine Texte rezitiert.

Das ist zum einen ungewöhnliche Spoken Word – Perfomance, gleichzeitig ist es musikalisch faszinierend und in den Momenten, in denen Albarn eine Art Refrain singt bezaubernd schön. Im Rahmen des Record-Store-Days werden drei Songs auf Vinyl veröffentlicht. Ein absolutes Must-Have für Blur- und Weller-Fans und jeden Liebhaber avantgardistischer Popmusik. Ich bin dankbar an dieser einmaligen Kollaboration anwesend gewesen zu sein.

Dass das Highlight des Abends noch vor dem eigentlichen Auftritt von Noel Gallagher's High Flying Birds folgen sollte, war am Anfang des Abends noch nicht zu erahnen, doch als Geburtstagskind Damon Albarn Noel Gallagher ankündigt, nachdem Horovitz die Bühne verließ, ahnt man Großartiges, was sich in den folgenden Minuten als Britpop-Himmel entpuppen sollte.
Mit Paul Weller am Schlagzeug spielen zwei Blur Mitglieder gemeinsam mit Noel Gallagher den von Albarn und Coxon geschriebenen Song „Tender“. Jedem ist klar, dass es ein historischer Moment in der Popgeschichte ist. Die gesamte Albert Hall steht, ausnahmslos wird der Gospel-Refrain mitgegrölt, während kaum einer fassen kann, was sich da auf der Bühne abspielt. Bis zum heutigen Moment habe ich Schwierigkeiten zu realisieren, dass tatsächlich Paul Weller an den Drums saß. Die Version ist tadellos, Noel meinte ja in einem ironischen Interview, er habe „Tender“ vorgeschlagen, weil die Akkorde einfach seien. Selbst wenn es so wäre, jeder weiß den Moment zu schätzen und wohl jeder hätte sich über weitere Blur – Songs gefreut. Blur in voller Bandbesetzung beim Berlin - Festival im September wiederzusehen, bleibt auch für mich einer der schönsten Konzertausblicke dieses Jahres.

 

Setlist: Damon Albarn & Graham Coxon , London

01: May I? (Kevin Ayers - Cover)
02: Ballad Of The Nocturnal Commune (mit Michael Horovitz und Paul Weller)
03: Bankbusted Nuclear Detergent Blues (mit Michael Horovitz und Paul Weller)
04: Tender (mit Paul Weller und Noel Gallagher)

Nach 25-minütiger Pause sollte es mit dem eigentlichen Hauptact des Abends weitergehen, Noel Gallagher's High Flying Birds. Die Wartezeit überbrückte ich mit der Frage, ob das eben erlebte jemals zu toppen sein wird und mit dem schweifenden Blick durch die Halle nach prominenten Konzertbesuchern. Seitdem mir Morrissey 2009 beim Konzert der Pretenders im Shepherd's Bush Empire über den Weg gelaufen ist, gehe ich mittlerweile mit offeneren Augen in Konzerte in der britischen Hauptstadt. Hinter mir sprechen ein paar Mitdreißiger in Fred-Perry-Polos darüber, Pete Townshend vor der Halle gesehen zu haben. Mitglieder meiner Lieblingsband The Who erblicke ich hingegen nicht, heute sollte es lediglich auf Bürgermeister Boris Johnson hinauslaufen, der sich nach dem Konzert mit selbstgefälligen Grinsen mit Kindern fotografieren ließ. Ob Noel und Damon das gefallen hätte. Wohl kaum, gerade Albarn zeigte ja gerne offen seinen Hass gegen die Tories und bezeichnete sich mal in einem Brief an Tony Blair als Kommunisten, der von New Labour enttäuscht sei. Paul Weller ließe sicherlich auch kaum ein gutes Haar am pseudo-punkigen Selbstinszenierer Johnson.

Doch zurück zum Konzert. Wie zu erwarten eröffnet Noel sein Set mit „It's Good To Be Free“, jener Oasis-B-Seite, die heute gerne als zynischer Seitenhieb in Richtung des kleinen Bruders interpretiert wird, was sicherlich auch der Wahrheit sehr nahekommen dürfte, warum sonst sollte Noel seit der Oasis – Trennung seine Konzerte damit eröffnen.

Die drei folgenden Songs von seinem Solodebüt kamen wenig überraschend, schließlich ändert Noel grundsätzlich wenig bis gar nichts an seiner Setlist und spielte „Everybody's on the run“, „Dream on“ und „If I had a Gun“, bisher bei allen drei Konzerten, die ich von ihm besuchte. Erstklassige Nummern sind sie natürlich ohnehin. Dass ich das Soloalbum als Meisterwerk feierte, muss hier nicht weiter ausgeführt werden, schließlich sprechen die Songs für sich. „Dream On“ wird mit drei Blechbläsern performt, was dem Lied live gut bekommt, während es in der Studioversion etwas überproduziert erscheint. Gott sei Dank wird heute auf Streicher und den fast schon obligatorischen „Hausfrauenchor“, wie es ein guter Freund von mir nannte, verzichtet.
Fade Away“, in einer entschleunigten Fassung, ist dann die erste Überraschung im regulären Set. Mit jenem fantastischen Song aus der Glanzzeit von Oasis hat heute Abend wohl kaum einer gerechnet, umso impulsiver ist das Mitsingen der Fans. „While we're living the dreams we had as childern fade away“. So einfach die Lyrik Gallaghers ist, so groß ist auch ihre klassenumgreifende Wirkung. Hooligan-Arbeitertypen singen Arm in Arm mit der verhassten Middle-Class unsterbliche Songs. Es ist Stadionrock von seiner schönen Seite, perfekter Britpop, ja perfekter Pop. Die aufgekommene Energie nimmt auch bei „The Death Of You And Me“, wieder mit Bläsern, nicht ab. Kein Wunder immerhin findet man auch hier die arrogant-aufrichtige Haltung des großen Aufsteigers, den George Martin aus vollkommen angebrachten Gründen als größten Songwriter seiner Generation ehrte, wie man sie schon 1994 in „Whatever“ bewundern konnte. „You and me / Forever we'd be free / Free to spend our whole lives running / From people who would be / The death of you and me / 'Cause I can feel the storm clouds / Sucking up my soul.“

Freaky Teeth“ wiederum, bis heute in keiner Studioversion veröffentlicht, ist, wie Noel gerne erwähnt, so etwas wie der ideale Bond-Titelsong. Eine bizarre Geschichte packend erzählt mit ungewöhnlicher Rhythmik und starken Refrain. Ein Gallagher'sches Meisterwerk, auch wenn man es in den letzten Oasis – Jahren kaum glauben konnte, der Mann ist Genie mit großen Händchen für unsterbliche Hits.
Bestes Beispiel dafür ist das mittlerweile wohl tot gehörte „Wonderwall“, das er auch nur ungern live spielte. In Offenbach bluffte er im Oktober geschickt, als er „Supersonic“ mit den Akkorden des Welthits beginnen ließ. Heute jedoch gibt Noel den Fans das was sie wollen, eben jenen zeitlosen Popsong. Reduziert, sich selbst auf der Akustikgitarre begleitend beweist er nebenbei, warum „Wonderwall“ eben doch so viel mehr ist, als eine nervige Radionummer. Im Ryan Adams – Arrangement bezirzt die minimalistische Fassung in ihre schlichten Schönheit. Tausende Kehlen singen mit, es darf wieder geweint werden. Wie bei „Tender“ sind es Tränen des puren Glücks. Nie wieder möchte ich „Wonderwall“ live hören. Weder von Noel noch von Liam bei einem Beady Eye Konzert oder bei einer – hoffentlich niemals Realität werdenden – Oasis-Reunion. Zu perfekt sind die viereinhalb Minuten reinsten Pop. Ich könnte noch ewig über die unprätentiöse Performance schreiben und könnte ihr doch nie gerecht werden. Wer einen Beweis sucht, warum Noel niemals wieder ein Konzert mit seinem Bruder spielen muss, findet ihn hier. Der bessere Songwriter war er immer diskussionslos, dass er auch der bessere Sänger ist, steht spätestens jetzt für mich fest, wobei auch der Mitschnitt des MTV-Unplugged-Konzerts 1996 dies bereits erahnen ließ.
Besser als mit „Supersonic“ kann man an dieser Stelle nicht weitermachen. Ebenfalls auf die akustische Fassung reduziert, führt Noel einen vor Augen, was bei Oasis genervt hat – und das schon in den Anfangstagen -, nämlich das Johnny-Rotten-singt-John-Lennon-Songs-Gehabe von Liam Gallagher. Wie sinnlos der Text ist, ist dabei vollkommen egal, wenn die gesamte Halle Zeilen wie „Can I ride with you in your BMW / You can sail with me in my Yellow Submarine“ mitsingt, ist es magisch – und nichts sonst. 

Neben Songs des Soloalbums steht der Abend ganz im Zeichen echter Raritäten. Den harten Oasis-Song „Lord Don't Slow Me Down“ spielt Noel mit Ausnahme eines Warm-Up-Konzerts für den Londoner Gig in Dubai zum ersten Mal überhaupt live, bevor es mit „Alone on the rope“ , einer starken Ballade, in der Gallagher auch als fähiger Sänger besteht, zu einer echten Weltpremiere kommt. Erstaunlich, betonte Gallagher doch noch bei seinem ersten Auftritt als Solokünstler - ebenfalls für den Teenage Cancer Trust - 2010, er würde keine neuen Songs bei Charity Konzerten spielen. Schön, dass er diese Ansicht geändert hat. Auf die nächste Platte darf man sehr gespannt sein. Die Emanzipation von Oasis schreitet weiter fort, die bessere Band hat er ohnehin schon um sich geschart. Besonders Drummer Jeremy Stacey ist an seinem Instrument ein echter Meister. Der bärtige ehemalige Lemon Trees – Schlagzeuger dürfte das Durchschnittsalter der Formation zwar deutlich erhöhen, doch sorgt er auch für qualitative Gewinne. Mit Russell Pritchard den Bassisten der Zutons in der Band zu haben, spricht als weiteres Indiz für die musikalische Integrität der High Flying Birds, so dämlich der Name auch sein mag. Mike Rowe und Tim Smith als weitere Mitglieder an Gitarre und Klavier sind fraglos fähigere Musiker als alle übrigen Oasis-Gründungsmitglieder neben ihrem Komponisten.
Als Zugaben gibt es später nur noch Oasis – Songs, nachdem Noel von Damon Albarn schwärmte und ihm einen Song widmete. „Shout it out loud“, eine weitere rare Oasis-Perle feiert hier umjubeltes Europa-Debüt, bevor „Digsy's Dinner“ gespielt wird, dass, wenn ich mich nicht verhört habe, Liam gewidmet wird („I dedicate this one to the singer of my old band“), den heute wohl keiner vermisst haben dürfte, was ihn später zu Twitter-Pöbeleien verleiten sollte, die es nicht verdienen kommentiert zu werden.
Dann kehren wir mit „Don't Look Back In Anger“ in den Britpop-Himmel zurück, während dieser historischen Abend perfekt gemacht wird. Tränen. Schon wieder. Noel wirkt dankbar, wirft seine Picks ins Publikum und verneigt sich artig, jedem wird wieder ins Gedächtnis gerufen, warum man den kleinen Mann in der Lederjacke, der seit Jahren die gleiche Frisur trägt, so unglaublich verehrt. „I wanna be adored“ sang Ian Brown einst auf dem ersten Track des ersten Stone Roses Album. Ein ehemaliger Roadie der Band hat diesen Status längst hinter sich gelassen. Die ihm berechtigterweise entgegengebrachte Verehrung lässt sich nicht in Worte zu fassen. Dann ist Schluss.


Wäre nicht die Kälte, würde man gerne am Bühnenausgang verweilen, wo Jeremy Stacey rauchend steht und Taxis mit Zetteln an den Fenstern warten, auf denen „Coxon“ und „Paul We“ steht. Es wäre sicherlich interessant gewesen, einen der beiden persönlich zu treffen. Aber bei leichten Schneefall Ende März machen wir uns auf den Weg zur U-Bahn-Station South Kensington, wo ein Straßenmusiker „Here Comes The Sun“ spielt. Zum Glück nicht „Wonderwall“. Es hätte den Abend zerstören können.

Setlist: Noel Gallagher's High Flying Birds, London

01: (It's Good) To Be Free
02: Everybody's On The Run
03: Dream On
04: If I Had A Gun...
05: Fade Away 
06: The Death Of You And Me
07: Freaky Teeth
08: Wonderwall
09: Supersonic
10: (I Wann Live My Dream In My) Record Machine
11: Aka... What A Life!
12: Lord, Don't Slow Me Down
13: Alone On The Rope
14: Half The World Away
15: Aka... Broken Arrow
16: A Simple Game Of Genius
17: (Stranded On) The Wrong Beach

18: Shout It Out Loud (Z)
19: Digsy's Dinner (Z)
20: Don't Look Back In Anger (Z)              


Freitag, 31. August 2012

Festival Rock en Seine bei Paris zweiter Tag, 25.08.12

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Festival Rock en Seine bei Paris zweiter Tag, mit Toy, The Bots, Bass Drum Of Death, Granville, Hyphen Hyphen, The Bewitched Hands, Maximo Park, Noel Gallaher, The Black Keys u.v.a. Ort: Domaine National de Saint Cloud bei Paris Datum: 25.08.12 Zuschauer: etwa 35.000



Der zweite Festivaltag bei Rock en Seine begann für mich wie der erste begonnen hatte: mit einem französischen Act auf der kleinen Scène de l'industrie. Nur war es heute wärmer als gestern und vom Regen sollten wir verschont bleiben. Gut so, denn Sonnenschein passte auch besser zu dem kessen Surfpop der aus der Normandie stammenden Band Granville. Angeführt von einer feschen brünetten Sängerin mit buntem Blumenkleid namens Melissa machte die vierköpfige Gruppe aus Caen von Anfang bis Ende viel Dampf und erfrischte mit unschuldigen Sacharose-Melodien, die sich einem sofort in die Gehörgänge schraubten. Viel Charme und 60ies Feeling also und diese Mischung aus François Hardy und Nouvelle Vague Bands der 1980 er Jahre gefiel mir auf Anhieb.Wohlgemerkt, es wurde auf französisch gesungen! Mit frechem Schmollmund und meist verlorenem Gesichtsausdruck intonierte Melissa die Texte, während ihre Jungenband gutgelaunt drauflosspielte. In dem nicht sehr langen Set habe ich mindestens drei veritable Hits ausgemacht und der vielleicht größte hieß Jersey. "Alles hat in Jersey angefangen" lautete der Refrain und man fragte sich was genau. Die Geschichte der Band? Die Liebe der Sängerin zu ihrem Freund? Was auch immer, mitwippen und mitsingen war angesagt! Keine schwere Kost zu Beginn des Tages, schließlich wollten wir ja noch alle lange durchhalten. Durchhalten ist auch das Stichwort für diejenigen, die nach dem gelungenen Auftritt neugierig geworden sind. Auf ein erstes Album muss man sich nämlich noch ein paar Monate gedulden. Ich denke ich werde zuschlagen. Eine auf französisch gesungene CD macht sich sicherlich gut in meinem Regal, in dem es vor englischen Werken nur so strotzt.





Englisch dann auch Gesang und Herkunft der nächsten Band namens Toy. Die langmähnigen Burschen mit der rotblonden Keyboarderin spielten auf der Scène pression live und gingen durchgängig in die Vollen. Ihr Sound: eine Mischung aus Shoegaze, Krautrock und Post Punk. Sie werden regelmäßig mit den Horrors verglichen die sie auch bereits schon supportet haben, aber ihre Musik ist vielschichtiger als man ursprünglich denkt. Immer wieder nisteten sich diese typisch krautrockigen repetetiven Rhythmen mit ein und auch Bloody Valentinsche Noisemomente hatte das Set zu bieten. Gesanglich erinnert mich das an Echo & The Bunnymen oder die Chameleons, alte Post Punk Heroen der frühen 1980 er Jahre also, aber es gab auch viele Passagen, in denen gar nicht gesungen wurde und nur ein dichter, sehr lauter Gitarrenteppich auf die in der Sonne brütenden Festivalbesucher herniederging.

Die Songs hießen Left Behind Myself, Strange oder Kopter und werden höchstwahrscheinlich auf dem Mitte September bei Rough Trade erscheinenden Album drauf sein. Wenn Toy es geschafft haben, ihren hypnotischen und durch Mark und Bein gehenden Livesound wenigstens halbwegs auf den Tonträger zu bannen, dürfte das ein dufte Longplayer werden!

Left Myself Behind by ...TOY...

TOY - Dead & Gone by ...TOY...




Die nächste Band, die ich mir ansah, hieß dann Hyphen Hyphen und kam aus dem südfranzösischen Nizza. Ein Quartett bestehend aus zwei Jungs und zwei Mädels, die in Kriegsbemalung und im Falle der Männer mit nackten Oberkörper aufliefen. Und geanauso kriegerisch wie ihre Hautbemalungen gebärdeten sich die jungen Menschen dann auch. Die blonde Sängerin hatte eine sagenhafte Power und trieb ihre Gruppe pausenlos nach vorne. Stilistisch war das Ganze nicht so leicht einzuordnen. Es gab eine elektronische, sehr rhythmische Komponente, aber auch opulenten, mit Pailletten besetzten Indiepop. Alle Stücke waren sehr tanzbar und druckvoll und mit glitzernden Synthiepassagen geschmückt.


Meine Neugierde war jedenfalls geweckt, obwohl ich das Set nicht zu Ende ansah, weil ich nun zu Maximo Park wollte, die zeitgleich auf der Hauptbühne spielten. Mit Paul Smith und seiner in Deutschland ungemein populären Band (in Frankreich deutlich weniger) hatte ich micht lange nicht mehr beschäftigt, spätestens nach dem dritten Album war mein Interesse weitestgehend erloschen. Aber die Post Punker taten mir einen Gefallen und spielten am Ende des Sets nur alte Sachen. Limassol, I Want You To Stay, Our Velocity, By The Monument und natürlich der Überhit Apply Some Pressure, all dies kannte ich noch und ich erfreute mich dran. Hinterher erfuhr ich dann, daß von dem dritten Album Quicken The Heart (2009) kein einziger Song gespielt wurde, was wohl alles über die Qualität dieses Outputs besagt. Das was ich noch gehört habe, war aber nicht zu beanstanden. Druckvoll drang der zackige Sound aus den Boxen, Paul sprang wie immer meterhoch in die Luft (bzw. in den parisian sky?), hatte natürlich seinen schwarzen Bowler Hut auf und schien überdies bester Laune. Ob dies reicht, mir Maximo Park dieses Jahr noch einmal in einem Club anzusehen, bleibt aber noch abzuwarten.

Setlist Maximo Park, Rock en Seine 2012

01: Girls Who Play Guitars
02: Hips And Lips
03: Graffiti
04: Write This Down
05: Going Missing
06: Books From Boxes
07: The Undercurrents
08: Limassol
09: I Want You To Stay
10: Our Velocity
11: By The Monument
12: Apply Some Pressure


Nach Maximo Park lief ich den weiten Weg von der Grande Scène zur Scéne Pression live, um mir die blutjungen The Bots anzusehen. Zwei afroamerikanische Brüder, erst 19 (Mikaiah, der Gitarrist) und 15 (!) (Anaiah, der Drummer) Jahre alt, die respektlos und mit Vollgas drauflosspielten. Das war saftigster Garagenrock, vergleichbar mit dem der jungen White Stripes, der das Publikum gewaltig aufmischte. Rotzfrech schrammelten sich die in weiß gekleideten Brüder in die Herzen des Publikums und amüsierten sich dabei königlich. Eine blonde Dame filmte das Ganze von der Bühne, was nahelegte, daß dieses Konzert heute eine ganz große Sache für das junge Duo war. The Bots nutzten ihre Chance, sich Gehör zu verschaffen. Der Tinnitus, den sie mir bereiteten, begleitete mich noch den ganzen Festivaltag über. Keine Frage, das war ein Hammer! Dranbleiben ist angesagt!


Für mich persönlich war aber jetzt erstmal wieder rüberlaufen zur Grande Scène angesagt. Dort spielten bereits die Belgier Deus. Die Kultband um den charismatischen Sänger Tom Barman hatte ich ebenso wie Maximo Park in den letzten Jahren vernachlässigt, obwol sie zweifelsohne immer gute Musik und Alben gemacht haben. Ich kam angelatscht, als gerade Girls Keep Drinking (ist der Titel eigentlich Realität? In Frankreich zumindest nicht. Leider!) gespielt wurde und war kurze Zeit später überrascht, mit Quatre Mains einen französischen Chanson zu hören. Deus auf französisch, das kannte ich noch nicht, aber man lernt ja nie aus. Der Rest lief dann irgendwie sehr schnell ab. Ghost, Keep You Close, Bad Timing und Suds & Soda mit eingesprenkelten Passagen von Sabotage von den Beastie Boys, Tom Barmans ganz eigene Artm dem vor ein paar Monaten verstorbenen Adam Yauch seine letzte Ehre zu erweisen. Insgesamt ein solides Set von Deus, das aber viel zu kurz war, um richtig auf seinen Geschmack zu kommen. Aber so sind Festivals, wer von allem ein wenig sehen will, bekommt nur halbe Konzerte geboten, eine Erfahrung die einem coitus interruptus nicht unähnlich ist.

Setlist Deus, Rock en Seine 2012:

01: The Architect
02: Constant Now
03: Instant Street
04: Girls Keep Drinking
05: Quatre Mains
06: Ghost
07: Keep You Close
08: Bad Timing
09: Suds & Soda

Erneuter Bühnenwechsel und wieder zurück auf die elend weit enfternte Scène de la pression live. Hätte es Kilometergeld gegeben, ich wäre an diesem Wochenende reich geworden. Die langmähnigen Bass Drums Of Death standen an und spielten einen krachigen Neo-Grunge. In ihrem Set hatte dann logischwerweise auch ein Nirvana Cover ihren Platz, mit Balladen und Kuschelrock hielten sich die Burschen nicht zu lange auf. Eine Gruppe aus Mississippi im Übrigen, die bei Fat Possum gesignt ist und sein Debütalbum in diesem Jahr releast hat. Hörenswert!


Nächste Band, die ich mir ansah: The Bewitched Hands auf der Scène de L'Industrie. Insidern bekannt geworden unter: The Bewitched Hands On The Top Of Your Heads, aber seit geraumer Zeit mit dem kürzeren Namen unterwegs, haben die sechs Musiker aus Reims in der Champagne inzwischen schon so einige Fans auf ihrer Seite. Nachvollziehbar, denn ihre quicklebendige Musik, die vor tollen Referenzen nur so strotzt (The Pixies, Clap Your Hands Say Yeah, Grandaddy, The Shins, The Neutral Milk Hotel), zieht einen auf Anhieb in ihren Bann. Da gibt es solch unfassbar meodiöse Gitarrenparts, solch euphorisierende Harmoniegesänge, daß man nicht lange in seinem Schmollwinkel verweilt. Die Songs kannten ich aber in der Regel nicht, sie stammten in der Mehrheit vom neuen Album Vampiric Way, das in drei Wochen erscheinen soll. Ich selbst habe Nachholbedarf, muss erst einmal den Vorgänger Birds & Drums noch einmal richtig hören.


Gutes Konzert!

The Bewitched Hands waren mir so wichtig, daß ich sogar auf große Teile des gleichzeitig auf der Hauptbühne stattfindenden Konzertes von Noel Gallager und seinen Highflying Birds verzichtet hatte. Dabei merkte ich schon nach ein paar Minuten, daß der ex-Oasis Mann in fabelhafter Form war. Musik voller Klasse und Brillanz drang aus den Boxen, der Sound war exzellent und Noel stimmlich tadellos aufgelegt. Oasis Lieder versüßten mir den Abend und die Engländer im Publikum rasteten aus. Junge Mädchen ließen sich von ihren Freuden auf den Schultern tragen, sahen nun von oben dem Spektakel zu und sangen jede einzelen Songzeile mit. "I'm free to be whatever I whatever I choose and I'll sing the blues if I want I'm free to say whatever I whatever I like if it's wrong or right, it's alright...

Nach Don't Look Back in Anger war aber auch schon Schluß. Aber was für ein Abschluß das war! Magische vier Minuten, in denen wundervolle Chöre des Publikums den Gesang von Noel unterstützten und 20 Tausend Leute "So Sally can wait she knows it's too late as we're walking on by her souls slides away but don't look back in anger I heard you say" aus voller Kehle sangen. Das war toll, egal was man von Noel und Oasis hält und ich glaube es gab keinen, der dieses Ende nicht genossen hatte.

Setlist Noel Gallager & The High Flying Birds, Rock en Seine 2012:

01: (It's Good) To Be Free
02: Everybody's On The Run
03: Dream On
04: If I Had A Gun
05: The Death Of You And Me
06: (I Wann Live In A Dream In My ) Record Mchine
07: Aka...What A Life!
08: Talk Tonight
09: Aka...Broken Arrow
10: Half The World Away
11: Stranded On The Wrong Beach
12: Whatever
13: Don't Look Back In Anger

Noel hatte zum Abschied gesagt: "enjoy the Black Keys!" Diese würden nämlich als Headliner des heutigen Freitags den Abend beschließen. Um vorne mit dabei zu bleiben, entschied ich mich zu warten, obwohl dies 1 Stunde Rumsteherei bedeutete. Dann aber rief mich meine Frau an und wollte essen gehen. Ich dachte, daß ich locker wegkommen würde, um mir dann noch den Schluß der Black Keys anzusehen, aber das war zu optimistisch gedacht. Ich hörte zunächst die ersten drei Lieder des Sets und kämpfte mich dann unter ganz erheblichen Mühne durch die riesigen unbeweglichen Menschenmassen, bis ich etwa 20 Minuten später endlich von der Hauptbühne weg war. Nach dem Essen an einem afrikanischen Stand (köstlich!) fehlte mir dann völlig die Kraft, mich noch einmal nach vorne durchzuarbeiten. Das überließ ich jüngeren Leuten. Die Black Keys sind ohnhin nicht meine absolute Lieblingsband, wenngleich ich ihren enormen Erfolg toll finde. Wennn man vergleicht und sieht, welche ätzenden anderen Bands große Festivals anführen, sind die Black Keys mit ihrem bluesig-schnörkellosen Garagensound eine sehr geschmackvolle Wahl. Tausendmal besser als Placebo und Green Day (igitt!) die die anderen beiden Tage bei Rock en Seine anführten.

Setlist The Black Keys, Rock en Seine 2012:

01: Howlin' For You
02: Next Girl
03: Run Right Back
05: Same Old Thing
05: Dead And Gone
06: Gold On The Ceiling
07: Thickfreakness
08: Girl Is On My Mind
09: Your Touch
10: Little Black Submarines
11: Money Maker
12: Strange Times
13: Nova Baby
14: Everlasting Light
15: Tighten Up
16: Lonely Boy
17: I Got Mine



 

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