Sonntag, 8. November 2015

New Order, Brüssel, 06.11.15


Konzert: New Order
Ort: Ancienne Belgique, Brüssel
Datum: 06.11.2015
Dauer: New Order gut 120 min, Hot Vestry knapp 30 min
Zuschauer: 2.000 (ausverkauft)



"Only God knows what this song is about. I have no bloody clue", erklärte Bernard Sumner nach Tutti frutti. "Generation's lost in space, trying to find the human race. We're living in a state of grace, where every scholar means a dollar." Geht mir auch so.

New Order stehen in meiner Musikwelt über jeder Kritik. Daß das neue Album Music complete nur arg durchwachsene Kritiken bekommen hat... egal. Der aus meiner Sicht kleinlich gestaltete Streit zwischen den Egos von Peter Hook und dem Rest ums künstlerische Erbe der frühen Jahre (und von Joy Division)... auch egal. Wenn New Order erreichbar spielen, möchte ich sie auch sehen. Da die Engländer seit Jahren nur noch in Berlin auftreten, war auch diesmal wieder nur Brüssel erreichbar. Allerdings sind die wundervollen Clubs der belgischen Hauptstadt perfekt für Bands wie New Order. Brüssel lockt immer viele Briten und die sorgen für gute Stimmung. Dazu ist das AB ein herrlich angenehmer 2.000er Laden. 

Wie in Benelux-Clubs üblich, war der Zeitplan vorher bereits bekannt. Nach einem DJ, der viel Kraftwerk spielte, begann das Liveprogramm um halb acht mit Hot Vestry, einer vierköpfigen Band (Sänger, Bassist, Keyboarderin und Schlagzeuger), die einheitliche Jacken oder Parkas (der Bassist) mit einem Wappen auf dem Ärmel und Bezeichnungen "Bleich 1" bis "Bleich 4" auf dem Rücken. Der Sänger zeigte darauf und nuschelte etwas davon, daß sie aus... habe ich leider nicht verstanden... stammten. Einmal Googlen später sah ich, daß Hot Vestry aus Macclesfield kommen. Ein Instragram Foto später der Hinweis, daß die Keyboarderin (Bleich 2) die Tochter von Gillian Gilbert und Stephen Morris ist. Mutter Gillian war nach dem Einstieg von Tochter Tilly bei Hot Vestry eine Weile Roadie der jungen Band.

Der kurze Auftritt von Hot Vestry war kurzweilig aber nicht lebensverändernd. Sänger Harry Ward (Bleich 1) sang anderthalb Lieder durch ein Megaphon, schwenkte zum Schluß eine belgische Fahne und war grundsympathisch. Der auffälligste Musiker war Schlagzeuger Joe Ward (Bleich 4), der verflucht tight war (wobei ich nicht genau weiß, was das bedeutet).

Um halb neun folgten dann Tillys Eltern - mit Onkel Barney, Phil Cunningham und Tom Chapman. Das Konzert begann mit einem der neuen Stücke. Singularity war ein okayer Start, es war vor allem ordentlich laut! Zu Singularity liefen B-Movie Filmausschnitte. Daß das Stück nur ok ist, wurde leider im direkten Vergleich zu den vier nachfolgenden Liedern deutlich. Ceremony, Crystal, Age of consent und 5 8 6 haben alle eine ganz andere Hutgröße. Ceremony, das Bindeglied zwischen Joy Division und New Order, das eines der größten Lieder überhaupt ist, Crystal, der vielleicht jüngste Riesenhit der Band und die beiden Knüller von der zweiten Platte Power, corruption & lies. Besonders beeindruckend war der Tempo- und Lautstärke-Wechsel am Ende von Age of consent, es war das beste Stück des Abends. Wundervoll bei Crystal war das Hintergrund-Video, in dem eine sehr junge Band (mit Sängerin - vielleicht die andere Tochter von Stephen und Gillian) das Lied spielte. Auf der Bassdrum stand der Name der Gruppe - Killers.

Das beste und am meisten hängenbleibende Lied der neuen Platte folgte nach diesen vier Schwergewichten. Restless ist wohl am ehesten das Lied von Music complete, das in ein paar Jahren noch Teil der Livesets sein wird. Aber spätestens bei Your silent face kurz später verblasste der Eindruck wieder. Die neuen NO-Lieder waren alle nicht wirklich verkehrt, im Vergleich zu den Vorgängern aber enorm zahn- und wirkungslos.

Mit Tutti frutti begann eine Phase, in der Bernard Sumner die Gitarre weglegte und tanzte. Gerade bei Tutti frutti, das mich an ABC erinnert (The night they murdered love), wäre da weniger mehr gewesen. Das und das folgende People on the high line waren die schwächste Phase im Konzert. 


Auch bei Bizarre live triangle hatte die Gitarre Pause. Dummerweise klappte das Funkmikro nicht zuverlässig, Barneys Gesang klang dadurch manchmal flach und schwankend. Das lag aber offensichtlich an der Technik. Bei Plastic fiel der Gesang anfangs nämlich komplett aus. 


Der Rest klingt auf dem Papier* brillant. Blue monday, The perfect kiss, True faith und Temptation. Eigentlich war er es auch. Allerdings war ausgerechnet bei Blue monday die Stimmung merkwürdig mies. Es gab das, was in Bundestags-Protokollen "höflicher Beifall" heißt. Und das bei einem der riesigen Hits. Merkwürdig. Vielleicht waren zu wenige Briten im Publikum. Unsere Nachbarn waren vor allem Belgier und Deutsche. Die Stimmung der Band war sehr viel besser. Barney griff Gitarrist Phil bei The perfect kiss beherzt in den Po und hatte dabei großen Spaß. Bei Blue monday saß er am Ende neben Gillian und spielte Keyboard.


Die Maxi-Version von True faith und das grandiose Temptation beendeten den New Order Part nach fast zwei Stunden. Die Zugaben gehörten Stephens und Bernards früherer Band. Es begann mit Atmosphere (mit dem alten Video dazu auf der Leinwand), das mir zu sehr nach New Order klang. Die aktuelle Love will tear us apart Version dagegen mag ich sehr. Das Laufband "Joy Division forever" war auch diesmal wieder sehr bewegend. New Order gehen mit dem Andenken an Ian Curtis, der ja auf tragische Weise New Order Gründer ist, sehr stilvoll um.**

Natürlich hätte ich nichts dagegen gehabt, wenn die Band ein neues Album mitgebracht hätte, das ein kommende Klassiker wäre. Aber auch so hat sich der Konzertbesuch wirklich sehr gelohnt.

Setlist New Order, Ancienne Belgique, Brüssel:

01: Singularity
02: Ceremony
03: Crystal
04: Age of consent
05: 5 8 6
06: Restless
07: Lonesome tonight
08: Your silent face
09: Tutti frutti
10: People on the high line
11: Bizarre love triangle
12: Waiting for the siren's call
13: Plastic
14: Blue monday
15: The perfect kiss
16: True faith
17: Temptation

18: Atmosphere (Joy Division) (Z)
19: Love will tear us apart (Joy Division) (Z)

Links: 

- aus unserem Archiv:
- New Order, Paris, 14.09.12
- New Order, London, 12.08.12
- New Order, Scheeßel, 24.06.12
- New Order, Berlin, 21.06.12
- New Order, Brüssel, 17.10.11

* bitte nicht ausdrucken
** ohne Peter Hook Wertung




0 Kommentare :

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates