Sonntag, 1. Dezember 2013

Konzert Scout Niblett, Paris, 27.11.13


Konzert: Scout Niblett
Ort: Le Nouveau Casino
Datum: 27.11.2013
Zuschauer: viele
Konzertdauer: 1h10




Wie einem Künstler wohl zumute sein muss, wenn er abend für abend Lieder vorträgt, die noch nicht verheilte Wunde wieder aufreissen.

Konkret gesprochen: wie geht es Scout Niblett, wenn sie ständig über ihre verflossene Liebe singt? Wie hält sie das aus? Will sie nicht endlich darüber hinwegkommen?

Fragen über Fragen. Ist sie vom Liebeskummer geheilt, wenn sie eben jene Stücke des aktuellen Albums nicht mehr mit dem gleichen Feuer, der gleichen Rage, der gleichen Hysterie singen kann? Falls das so sein sollte, ist sie von einer Genesung noch recht weit enfernt. Selten hat sie nämlich ihre Songs so wütend, trotzig, angriffslustig, anklagend gesungen wie am 27. November im Nouveau Casino zu Paris.

Aber vielleicht können Musiker ja scharf zwischen der Person auf der Bühne und der Privatperson trennen. Bei einer solch natürlich wirkenden Frau wie Scout Niblett habe ich da allerdings meine Zweifel. Jedesmal wenn ich sie live sehe sage ich mir: "genauo so ist sie die Emma!" Da ist nichts gefaked, da ist alles echt und wahrhaftig empfunden. Ihr Leidensdruck muss gewaltig sein und sicherlich ist es aus therapeutischer Sicht auch gut, wenn sie Druck ablassen kann und sich mal so richtig "auskotzt". 

Wobei sie natürlich nicht wirklich gekotzt, dafür um so mehr gehustet hat. Eien Bronchitis quält sie im Moment, den Nachmittag hatte sie im Bett verbracht, abends war sie aber wieder insoweit hergestellt, daß sie zumindest genug Kraft hatte, um laut zu singen und gut Gitarre zu spielen (paradoxerweise hatte sie auch noch einen  Verband an einer Hand, was da wohl passiert ist?). Schon beim Opener My Beloved beeindruckte sie auf ganzer Linie, sang mit äußerst präziser Stimme und machte sofort
deutlich, daß sie sich trotz Hustens nicht schonen würde. Zu diesem Zeitpunkt war sie noch ganz allein auf der Bühne, bei den nächsten Stücken kamen dann aber Gitarrist Miguel und Drummer Philip mit hinzu. Spätestens ab Gun wurde es mitunter sehr rockig. Besonders. Philip ließ es phasenweise gewaltig krachen, vermöbelte seine Felle wie ein Bessener. Es wirkte bisweilen, als würde er seinem ärgsten Feind brutalst den Arsch versohlen. Ich stand sehr nahe dran, bekam die ganze Wucht der Peitschenschläge ab und erlebte so das Konzert besonders intensiv.

Es war eine Teamleistung die da geboten wurde, alle drei Musiker gingen äußerst konzentriert zu Werke, der Gig war tight, perfekt geölt und wurde auch nie durch irgendwelche Anekdoten unterbrochen. Scout erzählte heute keinen Unsinn, der ihr gerade so in den Kopf kam, stellte auch nicht ihre übliche Frage: "any requests, any questions?", sondern stimmte immer nur bedächtig ihre Gitarre, bevor sie zum nächsten Song überging. Nur in einer Szene musste sie leicht schmunzeln, als nämlich eine Zuschauerin reinrief: "I love you Scout, will you mary me? It's now legal in France." Emma ging aber nicht näher drauf ein, sagte nur kurz "merci" und spielte weiter. Was wollte sie auch mit einem verliebten weiblichen Fan? Sie sang schließlich über My Man, "whohouhouwhohouoo", so sehnsüchtig, daß es einem das Herz brach. Meine Fresse, dieser Kerl muss sie aber wirklich liebeskrank gemacht haben! Quasi in jedem Song des aktuellen Album (und somit auch bei den Konzerten) geht es um ihn, seine neue Freundin (die in einer "shitty band" spielt, siehe  Text zu Gun), um Missverständisse, um Eifersucht, um zweite Chancen (Second Chance Dreams), um die Frage ob ihre Liebe dauerhaft möglich gewesen wäre ("could we have made it somehow?").

Aber so stark und berührend diese Titel  des neuen Albums auch waren, der Mittelteil des Konzerts in dem alte Klassiker wie Your Last Chariot, Nevada und Let Thin Heart Be Warmed abgefeuert wurden, war noch einen Tick schärfer. Hier erreichte die Inbrunst ihren siedenden Höhepunkt, knurrte Scout wie eine Furie "Puit on that suit and lend me that costume!"  (Nevada), langte Drummer Philip hin wie ein Schwergewichtsboxer und kitzelte Gitarrist Miguel herrlich düstere Melodien aus seiner Elektrischen. Immer war diese für Scout Niblett so typische Bedrohung da, diese knisternde Spannung wie in einem Psychothriller diese schwül-warme Atmosphäre, diese orgasmische Entladung des Drucks am Ende.

Eine viertel Stunde lang krachte es gewaltig, dann wurde es mit Could This Possibly Be Me? wieder besinnlicher und melancholischer. Federleichte, herrlich melodische Gitarren (ein Hauch von Pink Floyd?) schwirrten durch das Nouveau Casino und Scout sang sanft und angeschmiegsam, bevor es dann wieder dramatischer und lauter wurde.

Wir näherten uns inzwischen dem Ende, bekamen noch What Can I do ("what the hell did they do to you to make you so scared?"), bevor die Band Unter tosendem Applaus die Bühne verließ.


Die drei Helden kamen auch noch einmal wieder, aber wer Scout kennt, weiß, daß sie kein Fan von langen Zugaben ist. Einen Titel als Bonus, mehr gibt es bei ihr in der Regel nicht. Zum Klassiker Kiss hätte ich mir gerne Bonnie Brince Billy zum Duett gewünscht, aber wir waren nicht im Wunschkonzert und ohnehin restlos glücklich, trotz oder gerade wegen der gehörten todtraurigen Titel.

Ein aufwühlendes Erlebis, eine emotionale Achterbahnfahrt, ein Drama in zwölf Akten, ein Rockkonzert allererster Güte, kurz: eine Sensation.

Konzert des Jahres, what else?!

Setlist


01: My Beloved
02: All Night Long
03: Gun
04: Can't Fool Me Now
05: My Man 
06: Second Chance Dreams
07: Your Last Chariot
08: Nevada
09: Let Thin Heart Be Warmed
10: Could This Possibly Be Me?
11: What Can I Do?

12: Kiss

* Photo: Archiv. Aktuelle Pics in Kürze!



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