Freitag, 23. April 2010

Johnny Flynn & The Joy Formidable, 21.04.10


Konzert: Johnny Flynn & The Joy Formidable
Ort: La Flèche d'or, Paris
Datum: 21.04.2010
Zuschauer: etwa 250-300

Konzertdauer: Johnny Flynn um die 50 Minuten, The Joy Formidable etwa 60-70 Minuten



Johnny Flynn (auf dem Foto), zur Zeit Support von Mumford & Sons, spielte in der Pariser Flèche d'or mit mehrköpfiger Band auf und zeigte einige Kostproben seines großen Talents. Danach rockte die blonde Ritzy mit ihrer Band The Joy Formidable wie Hölle und erinnerte an eine hellhaarige Ausgabe von Laura-Mary "Blood Red Shoes" Carter, zumal der Drummer ähnlich brachial wie Steven Ansell zu Werke ging. Insgesamt ein richtig guter Konzertabend, von dem ich demnächst mehr erzählen möchte...

Und hier ist der ausführliche Bericht:

Johnny Flynn gehört genau wie Noah & The Whale, Laura Marling, Jeremy Warmsley, Jay Jay Pistolet, Thos Henley, Peggy Sue, Blue Roses und Mumford & Sons zu der neuen Garde junger britischer Folkmusiker. Sehr schön, was aus dieser Ecke kommt und eine willkommene Wiedergutmachung für schauderhafte Popsängerinnen wie Kate Nash (würg, röchel!), Florence & The Machine, Little Boots, Ellie Goulding, Marina & The Diamonds etc, die uns die Engländer in den letzten Jahren auf den Hals gehetzt haben.

In Paris hatte sich Johnny Boy schon sehr früh blicken lassen. Im November 2007 war das, zu einem Zeitpunkt,
da er noch kein einziges Album auf den Markt gebracht hatte. Natürlich waren wir vom Konzerttagebuch (genau wie bei Mumford & Sons, Laura Marling und Noah & The Wahle etc.) wie immer früh an dem heißen Braten dran (selbstaufdieschulterklopf!). Und der Schweinebraten ist immer noch zart und saftig. Oder sollte man besser sagen, daß das Stück Fleisch nun erst richtig abgehangen ist? Ach, lassen wir doch lieber die tierischen Vergleiche, die hinken eh wie ein Hund mit einer verletzten Pfote.

Kommen wir zur Musik. Johnny und seine vier Mitstreiter starteten mit der alten Single The Box, die auf dem Debütalbum A Larum drauf war. Johnny spielte Akustikgitarre, wechselte im Laufe des Konzertes aber munter die Instrumente. Ukulele, Mandoline, Trompete, Banjo, Fender, der Junge beherscht einfach alles! Ein kleines Genie, zum Glück ohne Allüren. Seine nette, zurückhaltende Art kam sehr gut an und vor allem die Engländerinnen im Publikum tanzten von Song 1 bis Song 10. Der Folk von Flynn eignete sich dafür aber auch ausgezeichnet. Schnell und schwungvoll waren die meisten Stücke, vom depressivem Gesäusel anderer Musiker dieses Genres ist er weit entfernt. In dieser Hinsicht, aber auch bezüglich der verrauchten Altherrenstimme, bestehen deutliche Parallelen zu Marcus Mumford und seinen Sons, wenngleich der gute Marcus doch noch wesentlich temperamentvoller ist. Der heißspornige Bursche soll heute sogar im Publikum gewesen sein, was nicht verwundert, da Johnny gerade mit Marcus tourt. Die beiden teilen auch eine besonders Vorliebe für gelegentlich eingestreute ,mit Inbrunst vorgetragene Balladen, die an der Grenze des Kitschigen entlangtänzeln (Brown Trout Blues), aber immer irgendwie die Kurve kriegen. Besser gefallen mir aber die flotten Stücke wie das famose Eyeless In Holloway, das auch heute wieder voll abräumte. Eine Perle des jungen britischen Folks, harmonisch und warm instrumentiert und voller charmanter Wendungen. Wenn man den Text kannte, konnte man super mitsingen, da gab es ein paar Passagen, die sich glänzend dazu eigneten (Resultat: die Franzosen blieben stumm, die Engländer kannten jede Zeile auswendig und sangen aus voller Kehle).

Der Abschluß dann auch noch mal ganz prima. Leftovers machte da weiter, wo Eyeless In Holloway aufgehört hatte und ließ die Girls im Publikum frohlocken. Ingesamt ein tolles Konzerte eines großen Talents. Von Jonny Flynn wird man noch so einiges hören, dessen bin ich mir sicher!

Das Gleiche kann man sicherlich von The Joy Formidable sagen. Pariser Konzertfreude, die sie schon vorher gesehen hatten, schwärmten in den höchsten Tönen von der Garagenrockband aus England (bzw. Wales, wo sie herkommen). Das Trio um die unfassbar charismatische Blondine Ritzy Bryan hatte bei früheren Auftritten in der Kapitale bereits mächtig Staub aufgewirbelt. Ich war saumäßig gespannt, ob sie auch mich umnieten würden. Schon nach ein paar Minuten war klar: sie würden und wie! Ritzy wirbelte wie ein wasserstoffblondes Teufelchen über die Bühne, ging mit ihrer Gitarre ins Hohlkreuz und kitzelte messerscharfe Riffs aus ihrer Elektrischen. Ihre blauen Husky Augen funkelten und sie sang wie eine Mischung aus Siouxsie und Blondie. Auch der Drummer fiel sofort auf. Matt Thomas, ein Typ mit langer Mähne und einem knochentrockenen, beinharten und schnellen Spiel, kloppte wie ein Besessener auf sein Fell ein. Bassist Rhydian Dafydd war diskreter, obwohl er es war, der zusammen mit Ritzy die Band gegründet hatte. Das Power Trio nahm den Fuß so gut wie nie vom Gaspedal. Seit 2008 haben The Joy Formidable etliche Singles veröffentlicht und ein Minialbum (A Balloon Called Moaning) herausgebracht, auf den ersten richtigen Longplayer muss man aber noch ein wenig warten. Mit Krachern wie Cradle, Austere, oder Whirring wird einem die Wartezeit aber deutlich erträglicher gemacht. Live fetzten diese sagenhaft druckvollen Song noch deutlich mehr, als bei einem Hördurchlauf bei MySpace. The Joy Formidable sind wie für die Bühne geschaffen. Selten erlebt man eine solch feurige und energiegeladene Frontlady wie Ritzy. Karen "The Yeah Yeah Yeahs" O wirkt gegen das blonde Bündel Dynamit fast schon wie eine alte Dame und Kim "The Breeders" Deal kann bei einem solchen Rocknachwuchs gleich schon einen Platz im Seniorenheim reservieren!

Der Aggressivität ud Angriffslust von Ritzy während der Performance der Songs stand ihr herzliches, freundliches und wohlerzogenes Wesen bei den Ansagen zwischen den Liedern entgegen. Mehrfach erwähnte sie, wie froh sie sei, mit ihrer Band wieder in Paris spielen zu dürfen und wieviel Spaß ihr das Ganze mache. Sobald sie aber zum nächsten Lied überging, verdunkelte sich ihr Blick und sie schien ganz in ihrem Element. Ihre Songs sind unschwerlich als Ausdruck ihrer jugendlichen Rebellion zu identifizieren, aber auch ein Bekenntnis zum Rauschhaften und Ungestümen. Das Pariser Publikum fraß ihr aus der Hand, ging voll mit und war am Ende schweißgebadet, aber glücklich. Eine Stunde Dauerbeschallung mit noisigem Garagenrock hatten ihre Spuren hinterlasen. Aber die Meute hatte noch nicht genug, jubelte die junge Band noch einmal heraus und bekam prompt zwei frenetisch gefeierte Zugaben spendiert. Hinterher waren sich alle einig: This band is awesome! Oder wie man auf französch sagt: formidable. The Joy Formidable eben!

Setlist Johnny Flynn, La Flèche d'or, Paris

01: The Box
02: Cold Bread
03: Kentucky Pill
04: Brown Trout Blues
05: Howl
06: Barnacled Warship
07: Churlish May
08: Been Listening
09: Eyeless In Holloway
10: Leftovers


Setlist The Joy Formidable, La Flèche d'or, Paris:

01: The Greatest Light Is The Greatest
02: Cradle
03: The Last Drop
04: Austere
05: Ostrich
06: The Magnifying Glass
07: Anemone
08: Popinjay
09: Whirring

Ausgewählte Konzerttermine von The Joy Formidable (ohne Gewähr)

23.04.2010: Doornroosje, Nijmegen, Holland
03.06.2010: Comet, Berlin
04.06.2010: Atomic Café, München
05.06.2010: Schorndorf, Manufaktur
06.06.2010: Molotow, Hamburg
07.06.2010: Studio 672, Köln


Ausgewählte Konzerttermine von Johnny Flynn (mit Mumford & Sons):

23.04.2010: Epicerie Moderne, Lyon
26.04.2010: Tivoli, Utrecht
27.04.2010: AB Club, Brüssel
29.04.2010: Rote Fabrik, Züric
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Aus unserem Archiv

Johnny Flynn, Paris, 10.11.07

Link:

- Viel mehr Fotos von Johnny Flynn hier



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