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Dienstag, 19. Februar 2013

Bloc Party, Köln, 18.02.13

10 Kommentare

Konzert: Bloc Party
Ort: E-Werk, Köln
Datum: 18.02.2013
Zuschauer: ausverkauft
Dauer: Bloc Party knapp 90 min, The Joy Formidable 37 min




Ach, Schwamm drüber. Spaß hat der Abend trotzdem gemacht, auch wenn Bloc Party mich heute nur durch ihre Entertainment-Qualitäten, nicht durch das Songmaterial überzeugt haben. Denn das war - objektiv betrachtet - nicht toll. Die Londoner Band hat bei mir allerdings weiterhin so viel Kredit, daß ich darüber hinweg sehe. Schwamm drüber eben.

Im vergangenen Jahr haben Bloc Party ihr viertes Album veröffentlicht. Nachdem das zweite schlechter als das erste und das dritte schlechter als das zweite war, war ich einigermaßen beruhigt daß Four wieder ein Schritt hin zu den Wurzeln der (Gitarren-) Band war. Aber heute beim zweiten Livehören der "neuen" Lieder haben mich die wenigsten davon überzeugt. Wäre Frontmann Kele nicht eine solche Rampensau, wäre das Konzert schlecht gewesen, sechs, wohlwollend sieben gute Lieder, dann aber immer wieder Langweiler reichen eigentlich nicht für eine bessere Bewertung. Aber da die Briten das E-Werk auch mit den Langweilern in Bewegung brachten, rettete die Entertainer-Qualität des Sängers eine ganze Menge!


Vor Bloc Party spielten The Joy Formidable, der heimliche Hauptgrund meines Konzertbesuchs. Ich hätte kürzlich Gelegenheit gehabt, die Waliser bei einem ihrer eigenen Auftritte zu sehen, ein Konzert in Luxemburg, das etwa bis Mitternacht dauern sollte und eine Heimreise durch die winterliche Eifel erschienen mir aber nicht sehr verlockend (zumal die Eifel - so stand es der Legende nach in einer alten Ausgabe des Großen Brockhaus - von einem "diebischen Bergvolk" bewohnt wird). "Ich kann The Joy Formidable ja schließlich auch als Bloc Party Support sehen", war meine Strategie.


Was mich erwarten würde, wusste ich durch die Berichte von Frank auf Pretty Paracetamol und Jens bei uns schon recht gut. Da ich die beiden Alben der Waliser (auch so ein Bergvolk) auch wenigstens ganz gut kannte, blieben die großen musikalischen Überraschungen dann auch aus. Unterschätzt hatte ich aber, was für eine großartige Sängerin der Band vorsteht! Ritzy Bryan verbindet die Coolness einer Laura-Mary Carter mit dem Bewegungsdrang der Subways Gitarristin Charlotte Cooper - und der Beklopptheit vieler anderer Kolleginnen. Sie rannte über die eigentlich ja riesigen E-Werk Bühne, als habe sie gerade in einer Ecke Teile des Equipments verloren. Ihre Bewegungen sahen dabei urkomisch aus. Aber das war erst der Anfang.

Auch Bassist (Achtung: sensationeller walisischer Name!) Rydian Dafydd legte irgendwann anfängliche Hemmungen ab und wanderte und lief umher. Mit tat das dritte Mitglied Matt Thomas leid, der nicht von seinem Schlagzeug wegkam. Als Rydian und Ritzy bei Cradle gleichzeitig am Schlagzeug standen, rempelte die Gitarristin ihren Kollegen Richtung Trommeln. Er kannte das wohl schon und konnte das Gleichgewicht halten, viel gefehlt hat aber nicht. Danach gab sie dem Bassisten einige Zidane-Kopfnüsse - alles während der Lieder, versteht sich! Das war urkomisch! Abgerundet wurde dieses Drumherum von Ritzys (viel zu seltenen) Singsang-Ansagen!


Das Programm war das, was zu erwarten war: die Setlist eine abgespeckte Version derjenigen, die The Joy Formidable bei ihren Clubkonzerten eingesetzt haben. Schlecht war keines der Lieder, am besten aber sicher Cradle und das an- und abschließende Whirring, eine wilde Rocknummer, die in großartigen Szenen endete. Natürlich stieg Ritzy irgendwann auf Matts Schlagzeug und machte da Mätzchen mit ihrer Gitarre, natürlich schmiß Rydian Mikroständer um - Rockstar-Späße. Aber Matt schnappte sich dann die Gitarre und knallte sie gegen den Gong hinter seinem Instrument und schleuderte sie anschließend auf die Bühne! Es gab wohl eine ordentliche Gage heute. Dieser Abschluß war herrlich und rundete das kurze aber genau richtig lange Konzert perfekt ab! So geht so etwas!

Das Publikum war bei den ersten ein, zwei Stücken noch arg lahm, ließ sich aber schnell anstecken. Job prima erledigt!

Setlist The Joy Formidable, E-Werk, Köln:

01: Cholla
02: Austere
03: The ladder is ours
04: Little blimp
05: The greatest light is the greatest shade
06: Cradle
07: Whirring

Fast genauso viel Spaß wie mit The Joy Formidable hatte ich aber auch beim Beobachten der Rockpalast Kameramänner. Üblicherweise nerven diese Fernsehteams ja bei Konzerten. Die heutigen WDR Männer hatten aber offenbar kürzlich einen Workshop "Moderne Kameratechnik", in dem sie eine ganze Menge über die Kunstform des dynamischen Bildlaufs gelernt haben (vielleicht gab es auch einen Vortrag von Peter Scholl-Latour, wie man unter Beschuß Bilder aus Kriegsregionen für die Tagesschau filmt). Jedenfalls standen bei der Vorgruppe zwei bis drei Kameraleute nebeneinander (ohne Stative, das hat Lars von Trier dem WDR geraten!) und filmten aus der Hand. Dabei machten sie lustige Schwenke und Kamerafahrten mit flüssigen Wiegebewegungen. Es sah so aus wie der Jubel dreier Fußballspieler, von denen einen Vater geworden ist. Wundervoll! Der Kameramann-Choreo (sagt man so, habe ich im Fernsehen gelernt) hätte ich noch Stunden zusehen können!


Bei Bloc Party wurde es noch besser! Da gab es ein neues Stilmittel, den Überraschungsschwenk (und auch den machte wieder jeder!): ein Kameramann filmt die Bühne und reißt plötzlich die Kamera um 180° und filmt das Publikum. Und zurück. Und irgendwann wieder schnell und vollkommen unvermittelt ins Publikum. Wow! Ich bin so gespannt auf die Bilder, das muß ganz große Fernsehkunst geworden sein (kein Witz!)

Warum ich während Bloc Party so viel Zeit für meine Grimme-Preis Überlegungen hatte... nun, weil eben weite Teile des Konzerts musikalisch lahm waren.


Es fing an mit So he begins to lie, dem merkwürdigen Mercury, bei dem Bassist Gordon Keyboard spielte und Kele die Gitarre ablegte, bevor mit Hunting for witches und vor allem Positive tension die ersten gute Lieder folgten. Ok, es nimmt Fahrt auf, dachte ich nach Positive tension, um dann mit Real talk einen großen Langweiler serviert zu bekommen. Auch Waiting for the 7:18 war nicht dolle, allerdings erzeugte es mächtig Stimmung im Saal - alles richtig gemacht also.

Das Doppel Song for clay und Banquet war schon beim winzigen Radiokonzert in Koblenz im letzten August ein großes Highlight, auch heute zogen die ineinander übergehenden Titel in der ersten Konzerthälfte mit Abstand am besten. Aber jetzt fängt es also richtig an!


Nein, die Handbremse wurde wieder gezogen. Ich mochte diesen Konzertrhythmus nicht, allerdings - die Erkenntnis kann ich nicht abstreiten, muß ein gutes Bloc Party Konzert für mich hauptsächlich Lieder vom Debütalbum enthalten. Wir haben uns sehr auseinander gelebt.


Day four war schlimm lahmarschig. Puh... Danach eine Eurodisco-Cascade-Stampf-Version von One more chance - auch nichts für mich! Octopus war wieder eine der Ausnahmen, das gefiel mir recht gut, We are good people war nichtssagend - und der plötzliche Abschluß! Wie, nicht mehr alte Lieder? Um Gottes Willen! Was müssen jetzt für tolle Zugaben kommen.

Als die Band wiederkam, griff Kele meine Gedanken auf: "jetzt kommt die zweite Hälfte des Auftritts!" - "Some might say the more important part of our performance"

... um dann ausgerechnet Kreuzberg zu spielen. Kein Hit leider. Ares danach musste man zu den besseren Liedern zählen, bevor This modern love endlich meine Alt-Sehnsucht erfüllte! Flux schloß diesen Zugabenteil ab. Auch wenn Helicopter noch fehlte, war ich gar nicht mehr so sicher, ob es das nicht doch schon war. Aber die Roadies stimmten glücklicherweise die Instrumente, es sollte also weiter gehen.


Als sie wiederkamen, kündigte Kele, der den ganzen Abend über mit offenem Mund Kaugummi knatschte, ein neues, unveröffentlichtes Stück an. Ratchet heißt das Lied und erinnert dramatisch an Scatman! Schlimm!

Nach Truth kam dann noch Helicopter, toll wie immer, das viel rausriss. Das machte aber eben auch vor allem der Frontmann mit seiner großen Show. Musikalisch haben mich Bloc Party verloren. Ich habe mir den Aufwärtstrend mit Four im vergangenen Sommer wohl nur schöngeredet. Höre ich halt jetzt wieder das Debüt!

Setlist Bloc Party, E-Werk, Köln:

01: So he begins to lie
02: Mercury
03: Hunting for witches
04: Positive tension
05: Real talk
06: Waiting for the 7:18
07: Song for clay
08: Banquet
09: Coliseum
10: Day four
11: One more chance
12: Octopus
13: We are good people
14: Kreuzberg (Z)
15: Ares (Z)
16: This modern love (Z)
17: Flux (Z)
18: Ratchet (neu) (Z)
19: Truth (Z)
20: Helicopter (Z)


 


Sonntag, 17. Februar 2013

The Joy Formidable, Stuttgart, 03.02.13

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Konzert: The Joy Formidable
Vorband: We // Are // Animal
Ort: Zwölfzehn, Stuttgart
Datum: 03.02.2013
Zuschauer: 250 (vermutlich ausverkauft)
Dauer: The Joy Formidable knapp unter 100 min., We // Are // Animal etwa 30 min.


von Jens aus Stuttgart
 

Vor einigen Jahren sah ich The Joy Formidable bei Rockpalast im WDR. Es wurde ein Auftritt in Köln gezeigt, bei dem das Waliser Trio The Temper Trap aus Australien supportete. Damals kam mir die Musik und Perfomance der charismatischen, kleinen blonden Frontfrau und Gitarristin Ritzy Bryan mit dem niedlichen Kleid und ihrer Bandkollegen Rhydian Dafydd (Bass) und Matt Thomas (Schlagzeug) wie eine Offenbarung vor. Ende 2009 konnte ich mir nichts irrelevanteres vorstellen als zeitgenössischen Grunge. Als ich dann Songs wie „Cradle“, „Austere“ und „Whirring“ hörte und den Auftritt der Band im Fernsehen dazu sah, fühlte ich mich überrumpelt. Keine Frage hier wurde klassischer Grunge gespielt, durchsetzt von Shoegaze-Einflüssen. Und dann diese „Wall of Sound“, die nicht so dekadent klang, wie das was Phil Spector unter dem Begriff prägte und meilenweit vom prätentiösen Riffrock entfernt war, den Muse in den letzten Jahren immer überflüssiger werdend zelebrierten. Damals kaufte ich mir sofort die EP „A Balloon Called Moaning“; ein ganz wunderbares Zeugnis einer aufstrebenden, jungen Band, auf dem die fantastischen, genannten Lieder enthalten waren, neben anderen Perlen. Sofort wurde ich Fan, fieberte dem Debütalbum entgegen, das als „The Big Roar“ angekündigt wurde, doch noch viel sehnsüchtiger flehte ich Deutschland-Auftritte herbei, zu denen es nicht kam. Abgesehen von wenigen Auftritten im Winter 2009. Ein Jahr später konnte man schließlich das Debüt vorbestellen, unter anderem als exklusives Boxset. „South London Guitar Massacre“ betitelt, stellten The Joy Formidable Mitte Dezember 2010 ein Video in Youtube, in dem – garniert mit Referenzen an Genreklassiker des Horrorfilms – zu sehen war, wie Ritzy mit wahnsinnigen Blick und pinker (!) Kettensäge eine E-Gitarre zersägt. Das hatte natürlich nichts mit der autodestruktiven Kunst eines Gustav Metzgers zu tun, wie Pete Townshend einst die Equipmentzerstörungsorgien der Who in den 60ern rechtfertigte, sondern war als reine Promotion gedacht. Mich jedenfalls sprach das Angebot sofort an: So versprach die Band den ersten 300 Vorbestellungen des Boxsets ein Gitarrenstück beizulegen; natürlich schlug ich zu. Als ich das Album im Januar 2011 dann hörte, hielt meine anfängliche Begeisterung an, die erst mit dem aktuellen Album „Wolf' Law“ rapide abnehmen sollte.

Obwohl mir die zuvor ausgekoppelten, neuen Songs überhaupt nicht gefielen, freute ich mich unheimlich, als nach drei-jähriger Wartezeit nun doch eine anständige Europatour angekündigt wurde: Mit Tourauftakt in Stuttgart.


Draußen war es bitter kalt, als wir den bereits gut besuchten Club Zwölfzehn betraten. Für mich ist das Zwölfzehn fraglos eine der drei besten Locations in Stuttgart für großartige Konzert. Und im kleineren Clubsegment sogar meine liebste. Vom Band lief obskure, pathetische Musik, die zunächst an den Artrock der 70er erinnerte, dann an den Stadionrock Muse und sich letztendlich als unbekannter 90er Indierock entpuppte.

Als Support waren We // Are // Animal angekündigt, eine rockige Formation, ebenfalls aus Wales. Trotz technischer Probleme (ein Gitarrenverstärker funktionierte nur fehlerhaft), überzeugte mich der treibende Rock mit World Music Einflüssen. Ein zusätzlicher Percussionist bewahrte dabei die eher eintönige Musik vor einem möglichen Abdriften in die Bedeutungslosigkeit. Darüber hinaus ermöglichte es zusätzliche Klangspektren weg vom klassischen Indiegitarrenrock. Ein bisschen klang es als hätte Ginger Baker nach dem Ende von Cream eine weniger virtuose Band gegründet, in der ein walisischer Johnny Rotten, der aussieht wie Bob Geldof Frontmann ist. „Black Magic“, ein besonders prägnanter Song blieb mir äußerst positiv im Gedächtnis – ebenso wie die fast unverständlichen Ansagen mit breitem walisischen Akzent. Der erste Deutschland-Auftritt We // Are // Animals war sicherlich nicht mein letztes besuchtes Konzert des elektrifizierenden Kollektivs.


Nach einer längeren Umbaupause geht das Licht aus und Ritzy Bryan, Rhydian Dafydd und Matt Thomas betreten die niedrige Bühne des kleinen Clubs mit der anregenden 60s-West-Coast-Surfer-Atmosphäre. Man könnte sich einen Auftritt der frühen Beach Boys hier durchaus erträumen. Musikalisch liegen zwischen Ritzy Bryan und Brian Wilson selbstredend Welten, auch wenn die Joy Formidable Sängerin immer wieder betonte, dass „Pet Sounds“ eines der prägendsten Alben für sie war (für wen war es das nicht?).

Mit „Cholla“, der in meinen Augen interessantes Single des aktuellen Albums beginnt das Set. Ein eingängiger Grunge-Song, der insgesamt poppiger ausfällt als die meisten Songs des Debütalbums prallt einen entgegen. Ritzy Bryan steht in einem der für sie so typischen, dezent bemusterten, hochgeschlossenen Kleidern hinter dem Lichterketten verzierten Mikrophon und singt strahlend einen Song, dem man anzuhören glaubt, dass The Joy Formidable auf ausgedehnter US-Tour mit den Foo Fighters waren, die dafür sorgte, dass die Waliser dort ein weitaus angesagterer und größerer Act sind als in ihrer britischen Heimat oder gar in Kontinentaleuropa. Deutlichster Beleg ihrer Popularität in Nordamerika dürfte wohl die Soundtrack-Beteiligung an einem der „Twilight“-Filme sein. Dass sowohl der entsprechende Song („Endtapes“) als auch ein Teenager-Vampir-Lovestory affines Publikum in Stuttgart fehlten beruhigte mich sehr.

Als zweiten Song kündigt Ritzy mit überraschend reinen Oxford-English „Austere“ an. Die Euphorie der Zuschauer steigt deutlich, auch die Perfomance wird intensiver. Wie ein Wirbelwind fegt Ritzy Bryan über die Bühne, blickt sympathisch-wahnsinnig, indem sie die Augen weit aufreißt und pendelt vom linken Bühnenende, wo ihr Exfreund Rhydian Bass spielt, zur rechten Seite, wo irritierenderweise das Schlagzeug aufgebaut war. „This Ladder Is Ours“ einer der mediokren Tracks des aktuellen Albums folgt, und ich spüre, wie sich Langeweile in mir breit macht. Zum Glück kann „The Greatest Light Is The Greatest Shade“ die Situation retten. Der wohl epischste Song des Debüts entfacht live seinen ganzen Zauber. Das Zusammenspiel von Rhydian, der bereits jetzt schweißüberströmt ist, und Ritzy ist dabei fast magisch. Die freigewordene Energie ist kaum in Worte zu fassen und lässt einen ungläubig zurück, weiß man, dass beide kein Paar mehr sind. Auch wenn sie immer wieder betonen, sie seien nur noch beste Freunde und rückblickend die wichtigsten Menschen in ihrem Leben, ist in ihrer Interaktion ein erotischer Zauber, der die unterkühlte Aura der blonden Frontfrau für kurze Augenblicke verschwinden lässt. Nicht nur für mich sieht es aus, als habe man ein Liebespaar vor sich, das all die positive Energie in der Musik verschmelzen lässt.

Entschuldigt mir meinen leicht esoterisch angehauchten Exkurs, doch frage ich mich tatsächlich, was mich wohl erwartet hätte, wenn ich wie geplant im Oktober 2010 mir den Auftritt auf der NME-Tour im Londoner KOKO angesehen hätte, anstelle Indisch essen zu gehen. Doch führen diese Spekulation viel zu weit.


Als die ersten Akkorde zu „While the Flies“ erklingen, freue ich mich sehr. Für mich stellt er einen Höhepunkt der „Balloon...“-EP dar, der unverständlicherweise keinen Platz auf „The Big Roar“ fand. Dabei spiegelt er doch fantastisch die Mystik, die sich häufig in der Musik findet, wieder und glänzt mit hervorragend gezeichneten Bilder, die in all ihrem Pathos doch noch immer liebevoll detailliert sind: „I'll take to throwing all the pennies I stole / I'll throw them well and get a wish now it's time for all / For pinching thumbs to help revive me / These pinching thumbs will lift you from the enemy / And when the dust settles and we raise once more“.

Darauf folgt „Cradle“, der Schweiß tropft von der Decke und es wird kollektiv auf engen Raum getanzt. Das Highlight des bisherigen Abends. Drei neue Songs folgen und ich wünsche mir innerlich, dass das kommende Album in eine andere Richtung geht.

„I don't want to see you like this“, die eingängige Single aus der „Big Roar“-Zeit und „The ever changing spectrum of a lie“, der epische, langgezogene, Opener des Debütalbums mit einem atemberaubendenen Crescendo, beenden das reguläre Set. Ritzy hält ihre Gitarre über die Köpfe der ersten Reihe, reißt die Augen weit auf und lässt die ersten Reihen die Saiten berühren. Dann verlassen die drei die Bühne. Das Publikum holt Atem, applaudiert enthusiastisch und bekommt mit „Forest Serenade“ eine Zugabe aus „The Wolf's Law“, die wohl der großartigste Titel des mittelmäßigen Albums ist. Als zweite Zugabe gibt es den titelgebenden Track, der mich in seiner gesamten Soundästhetik nicht fesseln will.

Dave Grohl bezeichnete „Whirring“ einmal als einen der besten Songs der letzten Jahre und heute Abend erfahre ich am eigenen Leib warum. Ich mochte die sperrige Single schon immer, genoss verschiedenste Liveversionen auf Youtube, aber nichts kann mit dem verglichen werden, was sich in Stuttgart abspielte. Ritzy rammt ihren Kopf gegen Ende Rhydian in die Brust, wie es Zidane 2006 im Weltmeisterschaftsfinale bei Materazzi die rote Karte einbrachte und Frankreich den Titel kostete. Im Gegensatz dazu ist Ritzys Handlung das Zeichen puren Glückes. Die Version dauert an die zehn Minuten, wenn nicht länger. Auch wenn es ein Klischee ist, ich fühle mich in der Musik versunken. Dann ist Schluss, meine Ohren dröhnen trotz Oropax. Wir verlassen das Zwölfzehn glücklich und erschöpft. Ich weiß bereits jetzt, es war eines der besten Konzerte des Jahres. Draußen schneit es. Die Euphorie hält an.

Setlist The Joy Formidable, Zwölfzehn, Stuttgart:

01: Cholla
02: Austere
03: The ladder is ours
04: The greatest light is the greatest shade
05: Little blimp
06: While the flies
07: Cradle
08: Tendons
09: Silent treatment
10: Maw maw song
11: I don't want to see you like this
12: The everchanging spectrum of a lie

13: Forest serenade (Z)
14: Wolf's law (Z)
15: Whirring (Z)



 

Freitag, 23. April 2010

Johnny Flynn & The Joy Formidable, 21.04.10

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Konzert: Johnny Flynn & The Joy Formidable
Ort: La Flèche d'or, Paris
Datum: 21.04.2010
Zuschauer: etwa 250-300

Konzertdauer: Johnny Flynn um die 50 Minuten, The Joy Formidable etwa 60-70 Minuten



Johnny Flynn (auf dem Foto), zur Zeit Support von Mumford & Sons, spielte in der Pariser Flèche d'or mit mehrköpfiger Band auf und zeigte einige Kostproben seines großen Talents. Danach rockte die blonde Ritzy mit ihrer Band The Joy Formidable wie Hölle und erinnerte an eine hellhaarige Ausgabe von Laura-Mary "Blood Red Shoes" Carter, zumal der Drummer ähnlich brachial wie Steven Ansell zu Werke ging. Insgesamt ein richtig guter Konzertabend, von dem ich demnächst mehr erzählen möchte...

Und hier ist der ausführliche Bericht:

Johnny Flynn gehört genau wie Noah & The Whale, Laura Marling, Jeremy Warmsley, Jay Jay Pistolet, Thos Henley, Peggy Sue, Blue Roses und Mumford & Sons zu der neuen Garde junger britischer Folkmusiker. Sehr schön, was aus dieser Ecke kommt und eine willkommene Wiedergutmachung für schauderhafte Popsängerinnen wie Kate Nash (würg, röchel!), Florence & The Machine, Little Boots, Ellie Goulding, Marina & The Diamonds etc, die uns die Engländer in den letzten Jahren auf den Hals gehetzt haben.

In Paris hatte sich Johnny Boy schon sehr früh blicken lassen. Im November 2007 war das, zu einem Zeitpunkt,
da er noch kein einziges Album auf den Markt gebracht hatte. Natürlich waren wir vom Konzerttagebuch (genau wie bei Mumford & Sons, Laura Marling und Noah & The Wahle etc.) wie immer früh an dem heißen Braten dran (selbstaufdieschulterklopf!). Und der Schweinebraten ist immer noch zart und saftig. Oder sollte man besser sagen, daß das Stück Fleisch nun erst richtig abgehangen ist? Ach, lassen wir doch lieber die tierischen Vergleiche, die hinken eh wie ein Hund mit einer verletzten Pfote.

Kommen wir zur Musik. Johnny und seine vier Mitstreiter starteten mit der alten Single The Box, die auf dem Debütalbum A Larum drauf war. Johnny spielte Akustikgitarre, wechselte im Laufe des Konzertes aber munter die Instrumente. Ukulele, Mandoline, Trompete, Banjo, Fender, der Junge beherscht einfach alles! Ein kleines Genie, zum Glück ohne Allüren. Seine nette, zurückhaltende Art kam sehr gut an und vor allem die Engländerinnen im Publikum tanzten von Song 1 bis Song 10. Der Folk von Flynn eignete sich dafür aber auch ausgezeichnet. Schnell und schwungvoll waren die meisten Stücke, vom depressivem Gesäusel anderer Musiker dieses Genres ist er weit entfernt. In dieser Hinsicht, aber auch bezüglich der verrauchten Altherrenstimme, bestehen deutliche Parallelen zu Marcus Mumford und seinen Sons, wenngleich der gute Marcus doch noch wesentlich temperamentvoller ist. Der heißspornige Bursche soll heute sogar im Publikum gewesen sein, was nicht verwundert, da Johnny gerade mit Marcus tourt. Die beiden teilen auch eine besonders Vorliebe für gelegentlich eingestreute ,mit Inbrunst vorgetragene Balladen, die an der Grenze des Kitschigen entlangtänzeln (Brown Trout Blues), aber immer irgendwie die Kurve kriegen. Besser gefallen mir aber die flotten Stücke wie das famose Eyeless In Holloway, das auch heute wieder voll abräumte. Eine Perle des jungen britischen Folks, harmonisch und warm instrumentiert und voller charmanter Wendungen. Wenn man den Text kannte, konnte man super mitsingen, da gab es ein paar Passagen, die sich glänzend dazu eigneten (Resultat: die Franzosen blieben stumm, die Engländer kannten jede Zeile auswendig und sangen aus voller Kehle).

Der Abschluß dann auch noch mal ganz prima. Leftovers machte da weiter, wo Eyeless In Holloway aufgehört hatte und ließ die Girls im Publikum frohlocken. Ingesamt ein tolles Konzerte eines großen Talents. Von Jonny Flynn wird man noch so einiges hören, dessen bin ich mir sicher!

Das Gleiche kann man sicherlich von The Joy Formidable sagen. Pariser Konzertfreude, die sie schon vorher gesehen hatten, schwärmten in den höchsten Tönen von der Garagenrockband aus England (bzw. Wales, wo sie herkommen). Das Trio um die unfassbar charismatische Blondine Ritzy Bryan hatte bei früheren Auftritten in der Kapitale bereits mächtig Staub aufgewirbelt. Ich war saumäßig gespannt, ob sie auch mich umnieten würden. Schon nach ein paar Minuten war klar: sie würden und wie! Ritzy wirbelte wie ein wasserstoffblondes Teufelchen über die Bühne, ging mit ihrer Gitarre ins Hohlkreuz und kitzelte messerscharfe Riffs aus ihrer Elektrischen. Ihre blauen Husky Augen funkelten und sie sang wie eine Mischung aus Siouxsie und Blondie. Auch der Drummer fiel sofort auf. Matt Thomas, ein Typ mit langer Mähne und einem knochentrockenen, beinharten und schnellen Spiel, kloppte wie ein Besessener auf sein Fell ein. Bassist Rhydian Dafydd war diskreter, obwohl er es war, der zusammen mit Ritzy die Band gegründet hatte. Das Power Trio nahm den Fuß so gut wie nie vom Gaspedal. Seit 2008 haben The Joy Formidable etliche Singles veröffentlicht und ein Minialbum (A Balloon Called Moaning) herausgebracht, auf den ersten richtigen Longplayer muss man aber noch ein wenig warten. Mit Krachern wie Cradle, Austere, oder Whirring wird einem die Wartezeit aber deutlich erträglicher gemacht. Live fetzten diese sagenhaft druckvollen Song noch deutlich mehr, als bei einem Hördurchlauf bei MySpace. The Joy Formidable sind wie für die Bühne geschaffen. Selten erlebt man eine solch feurige und energiegeladene Frontlady wie Ritzy. Karen "The Yeah Yeah Yeahs" O wirkt gegen das blonde Bündel Dynamit fast schon wie eine alte Dame und Kim "The Breeders" Deal kann bei einem solchen Rocknachwuchs gleich schon einen Platz im Seniorenheim reservieren!

Der Aggressivität ud Angriffslust von Ritzy während der Performance der Songs stand ihr herzliches, freundliches und wohlerzogenes Wesen bei den Ansagen zwischen den Liedern entgegen. Mehrfach erwähnte sie, wie froh sie sei, mit ihrer Band wieder in Paris spielen zu dürfen und wieviel Spaß ihr das Ganze mache. Sobald sie aber zum nächsten Lied überging, verdunkelte sich ihr Blick und sie schien ganz in ihrem Element. Ihre Songs sind unschwerlich als Ausdruck ihrer jugendlichen Rebellion zu identifizieren, aber auch ein Bekenntnis zum Rauschhaften und Ungestümen. Das Pariser Publikum fraß ihr aus der Hand, ging voll mit und war am Ende schweißgebadet, aber glücklich. Eine Stunde Dauerbeschallung mit noisigem Garagenrock hatten ihre Spuren hinterlasen. Aber die Meute hatte noch nicht genug, jubelte die junge Band noch einmal heraus und bekam prompt zwei frenetisch gefeierte Zugaben spendiert. Hinterher waren sich alle einig: This band is awesome! Oder wie man auf französch sagt: formidable. The Joy Formidable eben!

Setlist Johnny Flynn, La Flèche d'or, Paris

01: The Box
02: Cold Bread
03: Kentucky Pill
04: Brown Trout Blues
05: Howl
06: Barnacled Warship
07: Churlish May
08: Been Listening
09: Eyeless In Holloway
10: Leftovers


Setlist The Joy Formidable, La Flèche d'or, Paris:

01: The Greatest Light Is The Greatest
02: Cradle
03: The Last Drop
04: Austere
05: Ostrich
06: The Magnifying Glass
07: Anemone
08: Popinjay
09: Whirring

Ausgewählte Konzerttermine von The Joy Formidable (ohne Gewähr)

23.04.2010: Doornroosje, Nijmegen, Holland
03.06.2010: Comet, Berlin
04.06.2010: Atomic Café, München
05.06.2010: Schorndorf, Manufaktur
06.06.2010: Molotow, Hamburg
07.06.2010: Studio 672, Köln


Ausgewählte Konzerttermine von Johnny Flynn (mit Mumford & Sons):

23.04.2010: Epicerie Moderne, Lyon
26.04.2010: Tivoli, Utrecht
27.04.2010: AB Club, Brüssel
29.04.2010: Rote Fabrik, Züric
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Aus unserem Archiv

Johnny Flynn, Paris, 10.11.07

Link:

- Viel mehr Fotos von Johnny Flynn hier



 

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