Freitag, 9. April 2010

Band Of Horses, Paris, 08.04.10


Konzert: Band Of Horses

Ort:La Flèche d'or, Paris

Datum: 08.04.2010
Zuschauer: ausverkauft, also etwa 500

Konzertdauer: ungefähr 85 Minuten




Und wieder ein riesiger Menschenauflauf vor dem Eingang der Pariser Flèche d'or, 102, rue de bagnolet. Einen Tag nachdem die Musikfans für Laura Marling Schlange standen, ist es die amerikanische Band Of Horses, die die Massen anzieht. Bloß, daß sich dieses mal die Fans sogar unten in der Rue des Pyrénées einreihen müssen, um die Ecke zu erklimmen, die zur Rue de Bagnolet führt. Der helle Wahnsinn! Es geht im Schneckentempo voran, die Schlange wird einfach nicht kleiner und die Eingangstür der Flèche d'or ist noch elend weit entfernt. Zum Glück habe ich zwei charmante Schweizerinnen neben mir, mit denen ich mich nett unterhalte. Da biegt plötzlich Thoma von den Boutiques Sonores um die Ecke und richtet mir aus, daß er vorgeht, weil er auf der Liste steht, mich aber abholt, falls das bei mir auch noch mit einem Listenplatz klappen sollte. 5 Minuten später gibt es eine Lautsprecherdurchsage: "Das Konzert ist restlos ausverkauft, wir können leider niemanden mehr reinlassen." Maßlos enttäuschte Fans stehen mit frustierter Miene in der Gegend rum und die allermeisten von ihnen ziehen deprimiert ab. Ein paar bleiben jedoch, weils sie hoffen, doch noch irgendwie reinzukommen. Da sehe ich plötzlich Thoma die Straße runterwetzen. Er sucht: mich! Ich hetzte ihm hinterher und zusammen rasen wir an der Schlange vorbei Richtung Eingang. Mindestens 150 Leute kommen nicht mehr rein, ich schon. Als Allerletzter! Aber ich hab es mir verdient, schließlich habe ich das Konzert der Band Of Horses in der Maroquie zu meinen Top Ten Konzerten des Jahres 2008 gewählt. Für irgend etwas muss die Bloggerei ja gut sein! Seit drei Jahren schreibe ich mir nun ohne Bezahlung die Finger wund, sortiere noch um 3 Uhr morgens Fotos aus und bin oft platt wie eine Flunder!

Die Band Of Horses hat übrigens noch nicht angefangen. Im Moment spielt noch Tyler Ramsay, ein Mitglied der Pferdeband auf Solopfaden. Eine schöne Stimme kann ich ihm bestätigen, zu viel mehr reicht die Einschätzung nach drei gespielten Liedern aber nicht. In der Flèche d'or ist es stickig und heiß, viele Menschen erzeugen Wärme. Ein Klima wie in einem Gewächshaus, das kaum zu ertragen ist. Aber die Leute wollten ja unbedingt in diese schwüle Hölle rein. Das haben sie nun davon!

Um 10 geht's los. Sänger Ben Bridwell agiert zunächst im Sitzen. Er sieht noch so aus wie ich ihn in der Maroquinerie vor zwei Jahren kennengelernt hatte: bärtig, hager, zauselig. Ich frage mich, ob er sich seine unglaubliche Energie erhalten hat, die ihn damals auszeichnete. Spätestens beim zweiten Lied ist klar: der so schmächtig wirkende Kerl ist immer noch ein Vulkan, ein Hans Dampf in allen Gassen! Beim Singen schüttelt er oft den Kopf wie ein Hund, der nach einem Bad im See das Wasser aus dem Fell rausschleudert. Der Gesang von Ben geht nicht nur mir durch Mark und Bein. Was für eine Stimme! Hätte Jim James von My Morning Jacket nicht zufälligerweise die Gleiche würde man zu recht sagen: einzigartig! Gespielt werden zunächst zwei alte Lieder. Das sphärische The First Song (auf der getippten Setlist ist Snow vermerkt, keine Ahnung warum) und das wesentlich druckvollere Cigarettes, Wedding Bells. "The house is not the same since we left it that day", keift Ben und kurze Zeit später brüllt er den unwiderstehlichen Refrain "While they lied at night, they lied at night, while they laid." Die hochmelodischen Gitarren galoppieren um die Wette und die Lautstärke ist fast ohrenbetäubend. Die Band Of Horses hat die Kraft von 1000 Pferden! Fetter Breitwandsound wie geschaffen, um die Stadien dieser Welt zu beschallen. Eigentlich finde ich so etwas abstoßend ohne Ende, aber bei der BOH mache ich eine Ausnahme, warum auch immer. Vielleicht weil ich neben dem ganzen fragilen und brüchigen Folk, den ich sonst höre, auch einmal eingängige Refrains und voll aufgedrehte Gitarren brauche. Bringen wir die Sache am besten gleich auf den Punkt: Was hier geboten wird, hat mit Indiemusik oder Folk nichts zu tun. Hier ist alles perfekt ausgeklügelt, gibt es keinen Platz für Improvisation oder überraschende Wendungen. Alles ist auf den Punkt gespielt und irgendwie klingen die Amis wie Coldplay mit Countryparfüm. Aber darauf sei eben heute einmal gewaltig geschissen!

Völlig vom Indiebalast befreit, genieße ich die mainstreamige Kacke der Band Of Horses in vollen Zügen. Ich ergötze mich an den eigentlich platten und einfältigen Refrains, der Mitsingnummer bei The Great Salt Lake und den häßlichen Fratzen der Bandmitglieder. Besonders dämlich sieht der dünne Bassist mit der kleinen Rotzbremse und der Sonnenbrille aus. Trotzdem finde ich ihn geil, wie die ganze Band! Auch den Dicken am Keyboard habe ich in mein Herz geschlossen. Ich verbringe eine verdammt gute Zeit und bei der Band auf der Bühne ist es genauso. Man merkt ihnen die Spielfreunde und den Enthusiasmus ganz deutlich an. Ben spielt sich in einen regelrechten Rausch und der Schweiß tropft ihm nur so von der Stirne. Auch die neuen Songs wie Factory, oder Laredo ziehen schon erstaunlich gut. Factory ist hochmelodiös (die Melodie erinnert an In My Place von Coldplay, ohne Scheiß!) und catchy und wird bestimmt bald auf etlichen Ipods laufen, die wunderschöne Ballade Evening Kitchen klingt ein wenig nach den Fleet Foxes und Northwest Apartment hat mächtig Dampf unter dem Kessel. Sugarcube (Yo La Tengo Cover?) beendet schließlich das Konzert auf beeindruckende Weise. Dazwischen hatten die etlichen alten Hits wie Is There A Ghost, The Great Salt Lake, The Funeral und die saukitschige (aber dennoch sautolle!) Ballade No One Is Gonna Love You die Fans in Verzückung versetzt. Die Stimmung war durchgängig grandios und hinterher wird fast allen klar, daß sie hier eine Band gesehen haben, die demnächst die großen Stadien dieser Welt rocken wird. Ob ich dann auch noch dabei bin? Schau' mer mal! Heute gilt zunächst einmal festzuhalten, daß dies eines der besten und berauschendsten Konzerte des Jahres war und gute Chancen hat, am Jahresende in meinen Top Ten aufzutauchen!

Setlist Band Of Horses, La Flèche d'or, Paris:

01: The First Song
02: Cigarettes Wedding Bands
03: Factory
04: Compliments
05: Marry Song
06: Older
07: Is There A Ghost
08: The Great Salt Lake
09: Too Soon
10: Northwest Apartement
11: Weed Party
12: No One's Gonna LoveYou
13: Evening Kitchen (gesungen von Tyler Ramsay & Ben Bridwell)
14: Laredo
15: Ode To LRC
16: The Funeral

17: Writers
18: Sugarcube (Yo La Tengo Cover?)

Aus unserem Archiv:

Band Of Horses, Paris, 28.02.08




0 Kommentare :

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates