Mittwoch, 18. März 2009

Franz Ferdinand, Paris, 17.03.09


Konzert: Franz Ferdinand (Kissogram)
Ort: L'Olympia, Paris
Datum: 17.03.2009
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: 75-80 Minuten



"Sag' den Namen nicht mehr, sonst fliegst Du hier raus!" - "Warum, was hast Du denn gegen Franz Ferdinand?" - "Jetzt hast Du es ja schon wieder gesagt, bring' mich nicht auf die Palme, Junge!"

Berliner Schnauze wie sie im Buche steht! Obiger Dialog fand zwischen mir und einem Berliner Plattenhändler vor gut 2 Jahren statt. Ich hatte gerade bei dem kauzigen Typ - ein echtes Original - die The Blinding EP von den Babyshambles auf Vinyl gekauft und kam mit dem circa. 50 jährigen Betreiber des unabhängigen Plattenladens in der Kastanienallee ins Plaudern. Natürlich fachsimpelten wir über Musik und Bands und der Kerl merkte schnell, daß ich ein bißchen Ahnung von der Materie hatte. Daß ich Franz Ferdinand mochte, fand er aber kacke :"Dit sin Roboter, mit sone Typen kannste mir jagen, dit sin Uffziehmännchen, Sorte Schwiegermuttis Liebling. Nee danke! Mensch, Junge, Du hast doch sonst eigentlich nen juten Geschmack!"

Mein Plattenhändler redete sich richtig in Rage. Ich fand das sympathisch und sehr amüsant, auch wenn ich seine Meinung nicht teilte. Und rausgeschmissen hat er mich natürlich nicht, im Gegenteil, er wollte mich am Ende gar nicht mehr gehen lassen. "Du gehst hier nicht aus meinem Laden raus, bevor Du die Scheibe von der Juana Molina gehört hast. Und die hier, kennste die? Und die, die ist auch klasse!"- Ich musste mir schließlich alles anhören, was er so aus den Regalen zog. "Bist 'n dufter Typ, kannst gerne wiederkommen", sagte er zu mir zum Abschied. "Aber vergiss' mir bloß die Hampelmänner von Franz Ferdinand!"...

Seitdem ist etwas Zeit ins Land gegangen, ich habe im Juli 2008 Franz Ferdinand auf dem Melt Festival wiedergesehen und das dritte Album Tonight: Franz Ferdinand ist auch seit Anfang 2009 im Handel. Gekauft habe ich es nicht, aber ich kannte die Lieder trotzdem, vom Melt, wo es schon sechs neue Lieder gab, von MySpace und Youtube. Die stärkere Discolastigkeit gefiel mir nicht sonderlich, aber ich wollte sehen, wie sich die neuen Sachen in das Set einfügen und war entsprechend gespannt, wengleich auch etwas skeptisch.

Wie würden mir Franz Ferdinand heute wohl gefallen? Jene Band, die ich schon mindestens 10 mal in meinem Leben live gesehen hatte und die nie ein schlechtes Konzert abgeliefert hatten.

Zusammen mit meiner Frau, die auch immer dabei war und einer französischen Freundin warteten wir darauf, daß es endlich losging. Die deutsche Vorguppre, Kissogram aus Berlin, war schon fertig. Das Trio hatte ein Konzert abgeliefert, daß ok war und vom Publikum mit artigem Applaus bedacht wurde.

Dann aber hatte das Warten ein Ende. Pünktlich um 21 Uhr 05 ging das Licht aus und die falschen Schotten (bekannterweise ist nur Drummer Paul Thomson ein waschechter) legten mit dem alten Klassiker The Dark Of The Matinée los. Die Stimmung war gleich prima, wie auf Knopfdruck. Die Leute - ein Völkchen, daß man soziologisch gut unter dem Begriff "Normalos" verorten könnte - waren gekommen, um Spaß zu haben, das merkte man. Den hatte ich zunächst auch, zumal Do You Want To im Vergleich zur Albumversion abgewandelt wurde und am Ende mehr Biss hatte. Von Stück zu Stück aber wurde es mir langweiliger und ich konnte kaum noch Genuß an dem Konzert empfinden. Die neuen Stücke, zu denen es jeweils Videoanimationen gab, wirkten auf mich wie aus den beiden ersten Alben recycletes Material, auf das man eine 80er- Jahre Diskosoße draufgekippt hatte. Nichts für mich, weder No You Girls noch Turn It On und der eunuchenhafte Gesang auf Ulysses machte es nicht besser. Auch die alten Sachen hatten für mich an Glanz verloren, Take Me Out verurusachte bei mir kein Pulsrasen mehr, 40 ft fand ich schon immer etwas zäh und selbst Michael, einer meiner alten Lieblinge, ging an mir vorbei. Der ganz überwiegende Teil des Publikums amüsierte sich aber wie Bolle und jubelte an den passenden Stellen, so ein bißchen wie in diesen amerikanischen Serien ,wo die Lacher nach den Gags schon vorprogrammiert sind. Hauptursache für meine mangelnde Begeisterungsfähigkeit war, daß ich den Eindruck hatte, das jeder Schritt, jede Geste, jedes Hopsen einstudiert war. Wie im Lehrbuch für Rockmusiker wurden die Gitarren nach oben gerissen, das Publikum einbezogen und "come on !" geschrien. Dieses Roboterhafte haben Kritiker schon immer FF vorgeworfen, aber bisher war mir das nie besonders negativ aufgefallen. Heute aber wurde mir das sehr sehr deutlich, kaum eine Geste von Alex kam spontan rüber und sein mangelndes Charisma wurde gerade im Vergleich zu Peter Doherty, den ich erst eine Woche vorher gesehen hatte, augenfällig. Ein grundsympatischer Kerl, dieser Alex Kapranos , nett, höflich, guterzogen und immer aufmerksam nachfragend, ob sich das Publikum auch amüsiere ("Ça va? Ca va bien?"). Aber irgendwie erinnerte er mich heute an Stefan Edberg. Stefan Edberg? Nun, ich war und bin großer Tennisfan und vergleiche gerne einmal Bandleader mit Cracks des weißen Sports und Alex und Stefan wiesen deutliche Parallelen auf.

Auch Edberg war immer elegant, diszipliniert, ausgeglichen und höflich. Nie hat er ein richtig mieses Match abgeliefert, gehadert oder geflucht. Ganz im Gegensatz zu Boris Becker, der greinte, fluchte, schimpfte und manchmal hundsmiserabel spielte. Aber ich konnte herrlich mit ihm mitfiebern, leiden, weinen, jubeln. Bei Edberg war das nicht möglich, der war zu introvertiert, zu kühl. Und obwohl Alex Kapranos auf der Bühne scheinbar explodiert, merkt man, daß er eigentlich kein wilder Kerl ist und ihm die Rolle des Animateurs nicht sonderlich liegt. Und bei Nicholas McCarthy ist es genauso, auch ihm fehlt das gewisse Etwas. Von Bassist Robert Hardy will ich gar nicht erst reden, es würde nicht auffallen, wenn er nicht da wäre. Paul Thomson ist als Schlagzeuger naturgemäß immer eher im Hintergrund.

Das Pariser Publikum umjubelte die Briten trotzdem wie Helden, als sie schon nach knapp einer Stunde zum ersten Mal verschwanden und als die Rocker die vier Zugaben abgefeuert hatten, waren sie glatt aus dem Häuschen! Franz Ferdinand hatten ihren Auftrag, die Leute standesgemäß zu unterhalten, perfekt erfüllt. Wenn Christoph kürzlich nach dem Kölner Konzert befand: "Sie waren die wichtigste Band ihrer Musikgeneration und werden das noch eine Weile bleiben," dann liegt er damit gar nicht falsch, denn die Zuschauer bekommen jedesmal punktgenau, was sie vorher erwartet hatten. Und vielen Leuten sind sie deshalb auch wichtig ; gerade für Konzert - und Festivalveranstalter sind Franz Ferdinand eine Segnung des Himmels. Garantieren eine volle Hütte oder ein volles Gelände, kommen pünktlich, ziehen knackig ihre Show ab und bedanken sich am Ende artig.

Mir persönlich aber bedeuten sie nach dem heutigen Abend nicht mehr sonderlich viel. Wenn sie morgen aufhören würden, würde ich sie nicht furchtbar vermissen. Sie haben mir einige kurzweilige und gute Konzerte geboten, aber mein Herz hängt nicht mehr an ihnen, das wurde mir sehr klar.

Ich glaube, ich werde mich mit dem eingangs zitierten Berliner Plattenhändler gut verstehen, wenn ich ihn das nächste Mal in seinem Laden besuchen komme. Ich werde ihm nicht von Franz Ferdinand erzählen. Schon eher von Peter Doherty und wie ich mit ihm mitgefiebert- und gelitten habe. Peter ist wie Boris damals: unberechenbar, aber faszinierend. Alex Kapranos und FF wie Stefan Edberg: gleichmäßig gut, aber irgendwie ziemlich langweilig...

Setlist Franz Ferdinand, L'Olympia, Paris:*

01: The Dark Of The Matinée
02: Do You Want To?
03: No You Girls
04: Walk Away
05: The Fallen
06: Twilight Omens
07: Take Me Out
08: Turn It On
09: 40 ft
10: Bite Hard
11: Michael
12: Ulysses

13: What She Came For
14: Outsiders
15: Lucid Dreams
16: This Fire

* bis auf eine einzige Ausnahme hinsichtlich der Titel und der Reihenfolge auf das I-Tüpfelchen mit derjenigen von Köln identisch. Gähn!

Pour nos lecteurs français:

Franz Ferdinand étaient ultra efficaces comme d'habitude. Les écossais sont une veritable machine à tubes. Tout est bien rodé, il n'y a jamais un temps mort et ils baissent rarement la vitesse. Le public de l'Olympia paraissait ravi et les récompensèrent par des applaudissements nourris.

Mais personellement cela m'a laissé étrangement froid. Ça manquait un peu d'âme. Chaque geste, chaque mouvement est étudié, il n'y a pas beaucoup de place pour la spontanéité et les surprises. Franz Ferdinand, un de mes groupes favoris il y a 4 ans sont devenus trop parfait, trop inaccessible. Je les ai vus une dizaine de fois, j'ai toujours passé un bon moment, mais hier mon coeur n'y était pas. Le mien ou le leur?

Links:

- Mehr Fotos von Franz Ferdinand hier
- Hier der euphorische Konzertbericht meines Partners Christoph, der Franz Ferdinand ein paar Tage vorher im Kölner Palladium gesehen hat. Ich respektiere seine Schwärmerei. Auf dem Konzerttagebuch herrscht eben Meinungsvielfalt!



4 Kommentare :

Christoph hat gesagt…

Schade, daß Du eine Lieblingsband verloren hast.

Zum Album kann ich nur sagen, daß es mir mit den neuen Liedern am Anfang genauso ging. Nach ein paar Hördurchgängen waren die negativen Eindrücke aber weg. Ich lese raus, daß Du jetzt keine Lust mehr hast, es zu hören, was sehr schade ist. Ich könnte mir vorstellen, daß Du in Punkten anders aus dem Konzert gekommen wärest, wenn es Dir mit Tonight... nach einigen Hören wie mir gegangen wäre.

So ganz makellos war aber auch Köln nicht. Die grandiose Stimmung überdeckt schon ganz kräftig, daß auch bei mir ein ganz abstrakter Beigeschmack, den ich nicht richtig deuten kann, hinterher da war.

Christoph hat gesagt…

PS: Hast Du gesehen, wie die Vorgruppe bei The Rodeo heißt?
Franz Is Dead

oliver r. hat gesagt…

Man darf nie vergessen, daß wir bei der Beschreibung von Konzerten nur Momentaufnahmen erstellen. Es geht in dem Bericht lediglich um die gerade erlebten 80 Minuten, sonst nichts.

Und da waren meine Eindrücke, so wie ich sie geschildert habe.

E. hat gesagt…

aber sie (deine eindrücke) passen bestens zum aktuellen album. schöne analogien zum tennis, oliver! habe ich gern gelesen.

 

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