Montag, 18. Februar 2008

Born Ruffians, Paris, 18.02.08


Konzert: Born Ruffians
Ort: La Flèche d'or, Paris
Datum: 18.02.2008
Zuschauer: circa. 150



In Paris erfreut sich bei Landstreichern eine bestimmte Masche besonderer Beliebtheit: Ein entgegenkommender Gammler (Mann, Frau) läßt urplötzlich einen Ring auf die Straße fallen und tut so, als habe er den angeblichen Wertgegenstand gerade gefunden. Den arglosen Touris wird anschließend das gute Stück gezeigt und gegen einen kleinen Obolus darf man den Ring dann behalten, "er sei wertvoll und werde einem Glück bringen"...


Als heute wieder ein Kerl dieses Zauberstück versuchte und sich nach dem vermeintlichen Schmuck bückte, winkte ich gleich schon ab, frei nach dem Motto: "Laß stecken (oder besser liegen), Alter!"

Ich war gerade am Champ de Mars spazieren und ging weiter Richtung Eiffelturm und Seine. Auch dort wurde ich verzaubert, diesmal allerdings von keinem Landstreicher, sondern von der herrlichen Abendsonne, die auf den Fluß glitzernde Sterne projezierte. Ich genoß den Anblick und reckte meinen Hals den letzten intensiven Strahlen entgegen. Auf meinen Kopfhörern lief gerade "Louise" von Syd Matters, ein Stück von profunder Schönheit und Reinheit, das mit der Sonne eine Traumhochzeit einging. Für ein paar Minuten war mein Glück vollkommen...

Mein Weg führte mich dann noch weiter in Richtung des "Maison de la radio", wo heute abend der sonore Moderator Bernard Lenoir wieder musikalische Gäste im Studio 106 empfangen würde. Diesmal geladen: Nada Surf.

In einem Anflug von Größenwahnsinn dachte ich mir folgendes: "Bernard, laß doch mal jüngere und talentiertere Leute ran; Leute wie mich z.B., ich würde gerne Deine leicht verstaubte Sendung übernehmen und das Programm bestimmen." "Wen würde ich dann so einladen?", fragte ich mich in meinen Tagträumen weiter. Würden die Born Ruffians in meine Sendung passen? Hmm, vielleicht schon, aber von den Qualitäten der Kanadier müßte ich mir erst einmal einen eigenen Eindruck verschaffen. Es sollen schließlich nur handverlesene Musiker zu meinen Oliver Peel Sessions kommen!

Die Gelegenheit das Können der Born Ruffians zu überprüfen, bot sich schon heute abend in der angesagten Flèche d'or. Hier spielte die Musik und nicht bei France Inter. Die Amerikaner von Nada Surf sind nett, keine Frage, aber nicht neu und aufregend. "Let the new bands play the new stuff, don't play the old shit like The Stones" - Dieser Satz stammt nicht von mir, sondern von einem Journalisten des britischen NME, der nicht selten seine Leute direkt von London in die Pariser Flèche d'or schickt, um zu bestaunen, was sich bei den geliebt/gehassten Frogs musikalisch so tut. Und der Spruch mit dem "new stuff" fiel übrigens in einer sehr interessanten, gestern ausgestrahlten Fernsehreportage über die Pariser Indie-Konzertszene. Fazit der Reportage: wer hipp ist und Ahnung hat, geht wie Johnny "Razorlight" Borrell und Carl und Pete in das winzige Shebeen (hier spielt der Pariser Nachwuchs), ins Truskel (in dem winzigen Irish Pub erschienen u.a. schon die Rakes, Franz Ferdinand und Bloc Party zur Aftershow), oder ins Pop In (eine von den Huspuppies gerne frequentierte Kneipe mit angeschlosssenem Konzertkeller). Oder aber gleich in die Fléche d'or, wo sich schon die Blood Red Shoes, die Good Shoes und Caribou die Klinke in die Hand gaben. Caribou? Ja, genau dieser leicht nerdige Naturwissenschaftler aus Ontario, Kanada. Ontario, Kanada? Aber da kommen die Born Ruffians doch auch her! Genauer gesagt aus Toronto, der Hauptstadt der Region (aber nicht des Landes, das ist bekanntlich Ottawa, warum auch immer...). Und da das heute aufspielende Trio aus dieser Ecke des Landes stammt, haben sie auch Wind davon bekommen, daß Vincent Moon, der hütchentragende Pariser, der hinter der genialen Blogothèque steckt, schon mit Caribou eines der inzwischen legendären "Concerts à emporter" (Konzerte zum Mitnehmen) gedreht hat. Ich werde zufällig Zeuge eines Gespräches zwischen Vincent (der in Wirklichkeit natürlich nicht so heißt) und Steve, dem Schlagzeuger der Born Ruffians, das nach dem Konzert stattfand und erfahre, daß die Blogothèque auch mit den Born Ruffians etwas machen möchte (wow!). Zuvor hatten die drei Newcomer gut 30 Minuten lang einen prima Eindruck hinterlassen. Schade, daß zu jenem frühen Zeitpunkt (20 Uhr 20) noch nicht sehr viele Konzertgänger da waren, aber die wenigen "Pünktlichkommer" bekamen einen interessanten Einblick in die erfrischende musikalische Welt der Kanadier. Unbekümmerter, zackiger und leicht schräger Indie-Pop, Konzertkunkie, was willst Du eigentlich mehr? Wer ein Herz für nerdige Kauze wie Clap Your Hands Say Yeah!, Los Campesinos!, Hot Club de Paris, Dartz! oder auch die gehypten Vampire Weekend hat, sollte auch bei den Born Ruffians auf seine Kosten kommen. Da wird jedes Gitarrenriff nur kurz angerissen, das Schlagzeug wirbelt stakkatisch und der Gesang ist schräg und nicht immer tontreffend. Nicht zu vergessen auch die Handclaps und die im Chor angestimmten spitzen Schreie. Kein Wunder, daß sich das angesagte Label Warp (Maximo Park, Grizzly Bear, Battles) die Dienste der Burschen gesichert hat und sie auch bei der Talentmesse Souh By Southwest im texanischen Austin drei Tage hintereinander spielen dürfen. Es geht also im Moment mächtig rund für die Musiker und so war es nicht weiter verwunderlich, daß sie heute über einen leichten Jetlag klagten. Merkte man aber eigentlich überhaupt nicht und Kraft für 35 flotte und kurzweilige Minuten hatten sie allemal.

Hier gilt es also am Ball zu bleiben, auch für Christoph und Christina! Ja, ich kann eine Empfehlung für die Born Ruffians aussprechen. Köln, 20. Februar, Tusnami-Club. Hingehen! Sich verzaubern lassen! Und nicht auf den Trick mit dem gefunden Ring reinfallen, falls sich die Masche bis Köln rumgesprochen haben sollte!

Setlist Born Ruffians, Flèche d'or, Paris:

01: Red Yellow & Blue
02: Barnacle Goose
03: Hedonistic Me
04: This Sentence Will Ruin/Save Your Life
05: I Need A Life
06: Knife (Grizzly Bear Cover)
07: Badonkadonkey
08: Kurt Vonnegut
09: Hummingbird

Konzertdauer: 30-35 Minuten.

Konzerttermine Born Ruffians in Deutschland:

19. Feb. 2008: Bang Bang Club, Berlin
20. Feb. 2008: Tsunami, Köln

Hingehen!




5 Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Wie übereifrig seid ihr denn? Erscheinen hier schon die Konzertberichte, bevor das Konzert war? Was ist, wenn ich mich heute auf Grund des "Hingehen!"s zum Hingehen entscheide, und dann morgen hier steht, dass es total doof war?

oliver r. hat gesagt…

"No Risk no fun!" ;-)

Und wenn ich schreiben sollte, daß es doof war, heißt das ja noch nicht, daß Du das genauso empfindest, Christina.

Anonym hat gesagt…

Ich kenne die Band doch gar nicht! Insofern muss ich dir vertrauen...

Anonym hat gesagt…

Ach ich weiß nicht. Es spräche schon eine Menge dafür, dort hinzugehen.

1. ich habe morgen Abend noch nichts vor!
2. ich war noch nie im Tsunami Club und leide da sehr drunter!
3. die Konzertdauer spricht dafür, dass ich wieder früh im Bett bin!
4. eine Menge Lieblingsbands unter den similar artists bei last.fm...

Christoph, bist du schon wieder einsatzbereit? ;)

Christoph hat gesagt…

Wenn das alte Sprichwort

"Wer arbeiten kann, kann auch feiern"

noch gilt, bin ich wieder fit.

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates