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Dienstag, 22. November 2016

The Cure, Paris 15.11.16

1 Kommentare

Konzert: The Cure
Ort: Accor Hotels Arena, Paris
Datum: 16.11.2016
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: 2 Stunden und 45 Minuten


The Cure in Paris, Bercy. Da war doch was ? Richtig! 2008 spielte die Band um Robert Smith das Konzert ihres Lebens, mit 42 fabelhaften Songs und einer Spielzeit von 3:40 ging der sensationelle Gig in die Konzertgeschichte ein.

Würde es heuer wieder so gut werden ? Das Palais Omnisport de Paris Bercy heisst inzwischen Accor Hotels Arena und es wurden auch einige Umbauten durchgeführt, doch letztlich herrschte hier drinnen die gleiche Atmosphäre wie früher. Eine Halle bleibt eine Halle, mit kleinen Indieclubs hat das Ganze nur wenig gemein. Zuletzt war ich vor 2 Wochen hier um mir das Tennisturnier anzusehen, ansonsten hatte es mich nur für Neil Young im Juni hierhin verschlagen.

Opener des Abends waren die Schotten The Twilight Sad. Früher mochte ich die sehr, aber ich hatte mich lange nicht mehr mit den Jungs aus Glasgow beschäftigt und empfand das heutige Konzert als zu bombastisch und belanglos. Gut 30 Minuten uninteressante Musik im Stile der fürchterlichen Editors, ich hätte später kommen können (sollen!).


Um 20 Uhr 45 dann endlich The Cure. Grosser Beifall brandete auf als die Gladiatoren die Arena betraten. Simon Gallup am Bass, Jason Cooper am Schlagzeug und natürlich Robert Smith zuständig für Gitarre und Gesang (und in einem Falle Flöte), diese 3 spielten auch schon 2008 in Bercy. Reeves Gabrel sahen wir heute an der Gitarre, Roger O'Donnel an den Keybords. Die Show machten aber eher Simon Gallup und Robert Smith, wenn man überhaupt von Show reden kann, denn Rockstarposen sind glücklicherweise nicht so Robert Smiths Sache und Simon Gallup verzeiht man auch die gebückte Haltung und den tief hängenden Bass. Reeves Gabrel hatte optisch etwas von einem britischen Pubmusiker, spielte aber viel besser als er angezogen war. Schliesslich hatte er sich ja auch schon in der Band von David Bowie einen Namen gemacht. Porl Thompson wäre mir dennoch leiber gewesen. Aber der ist ja Maler geworden und hat der Musik den tätowierten Rücken zugekehrt...



Die Stimmung im Publikum während der ersten 3 Stücke war noch etwas verhalten. Erst als an 4. 6. und 8. Stelle mit In Between Days, Pictures Of You und Lovesong bekanntere Titel gespielt wurden, wurden die Leute munterer. Der Lovesong kam hierbei besonders gut rüber, Robert Smith intonierte mit noch mehr Melancholie und Verzweiflung als auf dem Album (dem fabelhaften Disintegration) die Zeilen: I will always love you." 



Auch die Liebe der Fans zu The Cure schien nicht gerostet zu sein, die Besucher feierten irgendwann jeden Song einzeln ab, im ersten Drittel besonders Just Like Heaven, der ein wenig bezeichnend für das musikalische Ambiente des Abends sein sollte. Statt düsterer Songs aus der Frühphase der späten 70er und frühen 80er dominierten fröhlichere Tracks, zu denen die Meute tanzte und phasenweise vorne sogar pogte. Ich persönlich war hingegen froh als mit A Hundred Years ein alter depressiver Klassiker ausgepackt und mit äusserster Präzision und Druck gespielt wurde. Ein Highlight des Konzerts das nach dem 17. Stück (End) und 90 Minuten Spielzeit erst einmal in eine kleine Pause ging.



Natürlich war dies noch nicht "The End", im Gegenteil jetzt, im ersten Zugabenblock sollte es erst richtig gut werden. Den Titel des noch unveröffentlichen Tracks It Can Never Be The Same Again hatte Robert Smith auf seiner Gitarre markiert und der hatte es wirklich in sich. Alle Stärken der britischen Band kamen hier zum Tragen. Die anziehende Melancholie, die mitreissende Melodiösität und die faszinierende Mystik. The Cure at its best und dies im Jahre 2016 fast 40 Jahre nach Bandgründung, Wahnsinn! 



Die Stimmung erlebte jetzt Höhepunkte, denn zu Play For Today johlten die Fans die Melodie mit und auf die letzten Bassriffs von Simon Gallup während A Forest reagierten die Leute mit lauten "Hey!" Rufen.


Dann erneuter Abgang von der Bühne, bevor Lullaby angestimmt wurde. Ein riesiges Spinnennetz war auf der Leinwand zu sehen und der vermutlich bekannteste (aber nicht beste) Titel von The Cure kam bei den meisten sehr gut an. "Spiderman is having me for dinner tonight" als ich diese hinlänglich bekannten Zeilen hörte wurde ich an meinen Hunger erinnert, rannte kurz raus, stopfte mir einen Burger (teuer aber gut) rein, spülte ihn mit Cola Zéro (als würde man davon abnehmen, wenn man gleichzeitig einen Burger ist) runter und flitzte zurück an meinen Platz. 



Seltsamerweise gingen nun schon die ersten Leute, wahrscheinlich mussten die ehemaligen Waver früh ins Bett um am nächten Tag frisch für ihren bürgerlichen Beruf zu sein. Schade für sie, denn sie verpassten nicht nur das famose Fascination Street, Never Enough und Wrong Number, sondern auch den letzten Zugabenblock, der ausschliesslich eingängigen und bekannten Songs gewidmet war. Nun wurden die Nummern abgefackelt die wir schon damals immer als verpickelte Schüler auf dem Gymnasium gehört hatten: The Lovecats, Hot Hot Hot!!!, Friday I'm In Love, Boys Don't Cry, Close To Me, Why Can't I Be You?, Hits die um die Welt gingen, für mich aber eher The Cure untypisch, weil sie eben viel zu fröhlich sind. Ich hätte mir stattdessen Charlotte Somtimes, M, Cold, Figurehead oder The Hanging Gardens gegen Schluss gewüscht, aber ich war nicht im Wunschkonzert, sondern bei The Cure 2016 und die hatten eben überwiegend Lust, weniger depressiv zu klingen. So einige Altfans nörgelten deshalb auch über die Radiotauglichkeit besonders des zitierten Schlussteils, zeigten sich gar vereinzelt enttäuscht, vergassen aber im Eifer des Gefechts, dass der fast 3 Stunden Gig insgesamt doch wieder sehr gut ausgefallen war. Robert Smith und seine Leute hatten sich Mühe gegeben, die Songs nicht nur einfach runtergenudelt, sondern neue Liveversionen gebracht und diese mit viel Schmiss performt. 



Und Robert war auch bei Stimme, besorgte Fans die Videos von vorgehenden Konzerten gesehen hatten, auf denen der schwarze Pummelbär nicht so gut sang, wurden in ihrer anfänglichen Skepsis nicht bestätigt. Beim definitiven Abgang zeigte sich Mister Smith regelrecht gerührt, ging in jede Ecke der Bühne um jedem Block mal zuzuwinken, das war schon schön, fast ergreifend.


01: Open (neu)
02: All I Want
03: Push
04: In Between Days
05: Primary
06: Pictures Of You
07: High
08: Lovesong
09: Before Three
10: A Night Like This 
11: The Walk
12: Just Like Heaven
13: Trust
14: From The Edge Of The Deep Green Sea
15: The Hungry Ghost
16: One Hundred Years
17: End

18: It Can Never Be The Same
19: Burn
20: Play For Today
21: A Forest

22: Lullaby
23: Fascination Street
24: Never Enough
25: Wrong Number

26: The Lovecats
27: Hot Hot Hot!!!
28: Friday I'm In Love
29: Boys Don't Cry
30: Close To Me
31: Why Can't I Be You?



Sonntag, 15. April 2012

The Twilight Sad, Köln, 14.04.12

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Konzert: The Twilight Sad
Ort: Gebäude 9, Köln
Datum: 14.04.2012
Zuschauer: 100

Dauer: gut 60 min


Hier die Kurzversion vorab:

Neulich habe ich meine Konzerttasche umgepackt und prompt vergessen, meine Ohrstöpsel wieder einzupacken. Das Konzert danach war recht leise, meine Schusseligkeit blieb folgenlos. Wäre ich heute so schlecht vorbereitet ins Gebäude 9 gekommen, hätte ich mir ein mehrtägiges Pfeifen als Souvenir mitgebracht, so laut wie Twilight Sad aus Schottland war sehr lange keine Band mehr!

Daß The Twilight Sad live anders als auf Platte klingen, hatte ich gehört. Auch, daß sie auf der Bühne ordentlich aufdrehen. Daß sie aber so laut sind, daß Sänger James Graham größte Probleme hatte, etwas über die Monitorboxen zu verstehen, hatte ich nicht erwartet. Nach vielen ruhigeren Konzerten in letzter Zeit kam mir der Krach eigentlich sehr entgegen. Allerdings war schade, daß durch den großen Lärm vieles verloren ging. James' Stimme war unsicher, traf viele Töne nicht - wie auch, wenn er gegen 130 dB anschreien musste? Der sensationell breite schottische Akzent, den man auf Platte so herrlich raushört, ging fast komplett unter. Ich hätte zu gerne mehr solche herrlichen Passagen wie in Cold days from the birdhouse gehört, als James "romantic gesturrrrre" mit unfassbar gerollten Rs sang.

Fotos, Links... folgen




Mittwoch, 29. Oktober 2008

Mogwai, Paris, 28.10.08

4 Kommentare

Konzert: Mogwai (The Twilight Sad)

Ort: Casino de Paris
Datum: 28.10.2008
Zuschauer: sehr gute Auslastung
Konzertdauer: satte 106 Minuten (The Twilight Sad mickrige 28 Minuten)



Puh! Das heutige Konzert ist für mich verdammt schwierig zu beurteilen! Auch ein paar Stunden später bin ich noch hin-und hergerissen. War das jetzt famos und überaus dramatisch oder mittelmäßig und eher langweilig? Nun, eigentlich beides, denn es gab unglaublich wuchtige, hochdynamische Passagen (vor allem mit Bat Cat ganz zum Schluß, ein Hammer!), aber auch sehr langatmige und zähe Strecken.

Leichter zu beurteilen ist die Frage, ob Mogwai zu Rockstars taugen. Denn das ist mit einem klaren "nein" zu beantworten! Uncharismatischer kann man wohl kaum sein, als diese bieder aussehenden schottischen Postrocker. Wobei sich dann widerum die nächste Frage aufdrängt: Ist das nicht eigentlich schon wieder sehr sympathisch? Keine großen Posen, keiner drängt sich in den Mittelpunkt (im wahrsten Sinne des Wortes, alle Bandmitglieder waren außen oder hinten platziert), ist doch toll und allemal besser als selbstverliebte Frontleute wie Johnny Borrell oder Pete Doherty, oder etwa nicht? Hmm, ich weiß es nicht so genau...

Ich muss einfach mal darüber schlafen.

So, inzwischen habe ich eine Nacht darüber geschlafen und rolle das Geschehen des gestrigen Tages am besten noch einmal von vorne auf.

Der Abend begann gut. Eine junge Frau in der Metro hatte nämlich mein Joy Division T-Shirt entdeckt, daß Ian Curtis in einer typisch besessenen Pose zeigt und anerkennend ihren Daumen in die Höhe gehoben, so als wolle sie mir sagen: "Hey, Du musst ja ein toller Typ sein, wenn Du Joy Divison magst, gratuliere!" Sie stieg vor mir aus und wünschte mir noch einen schönen Abend. Da sage noch jemand, man müsse sich unbedingt einen Hund anschaffen, um mit Frauen ins Gespräch zu kommen!...

Mein T-Shirt hatte ich taktisch gewählt. Nach einer alten Regel, die besagt, daß das Publikum immer so aussieht wie die Band klingt, bin ich davon augegangen, daß die Besucher überwiegend in schwarz erscheinen würden. Ich lag genau richtig und witzigerweise trug nicht nur eine Frau im Publikum eine schwarze Militärkappe, sondern auch James Graham, der Sänger der schottischen Vorgruppe The Twilight Sad. An seinen Posen war ganz klar zu erkennen, daß er selbst riesiger Joy Division - Fan ist, denn die gesamte Mimik und Gestik erinnerte extrem stark an Ian Curtis. Auch die Musik war hochmelancholisch und dark, allerdings doch ein wenig gezuckerter und optimistischer als der Sound seiner und meiner Helden. The Twilight Sad hatte ich Ende letzten Jahres im Vorprogramm von Scout Niblett für mich entdeckt. Ihr Stil traf genau meinen Nerv, melodisch-melancholischer Dark-Rock mit starkem schottischem Akzent à la Malcolm Middleton, toll so etwas!

Was ich allerdings vom damaligen Konzert nicht mehr so richtig in Erinnerung hatte, war die unglaubliche Lautstärke der Schotten. Sänger James schmiss sich schon beim ersten Lied auf die Knie und kauerte dem Publikum den Rücken zugewandt vor seinem Drummer, der auf sein Instrument einprügelte wie ein Gestörter. Meine Ohren bekamen sofort mächtig etwas ab und ich fürchtete um mein Gehör. Das Problem war, daß ich keine Ohrenstöpsel dabei hatte. Und das bei einem Konzert von The Twilight Sad und Mogwai! Au Backe!

Benommen von dem (melodischen) Lärm, den tollen Liedern und der imposanten Mimik von James Graham, wurde ich in eine Art Parallelzustand versetzt. Bei den anderen Zuschauern zog das Ganze scheinbar etwas weniger. Die meisten standen nur rum und glotzten regungslos auf die Bühne. Wahrscheinlich kannten sie weder das Album Fourteen Autumns & Fourteen Winters (Ende 2007 bei Fat Cat erschienen), noch die im June 2008 veröffentlichte EP Here, It Never Snowed. Afterwards It Did. Schade, denn diese beiden Werke stecken voller sphärischer Perlen, von denen allerdings nur gerade einmal sechs an der Zahl dem Publikum serviert wurden. Der erste kleine Hit der Gruppe, That Summer, At Home I Had Become The Invisible Boy war dabei und ich glaube auch Mapped By What Surrounded Them. Besonders toll fand ich aber den Opener des Albums, Cold Days From The Birdhouse, weil dort der Sänger so richtig aus sich rausging und schrie wie ein Besessener. Klasse auch der Aufbau des Songs. Zunächst ist der Gesang fast a-capella und es gibt nur ein paar sphärische Gitaren und etwas Keyboard, bevor das Schlagzeug einsetzt und einem eine regelrechte Noise-Keule im Stile von My Bloody Valentine in die Fresse geballert wird.

"Thanks forr coming out so errly (ich versuche hier gerade den starken schottischen Akzent nachzumachen), it's a pläsure to play in Paaris again. And wee ple wis Mogwai, that's one of our feverite bands", sprach James irgendwann und das Vergnügen lag ganz auf meiner Seite, denn The Twilight Sad gehören auch zu meinen "Favorite Bands", ich finde die ganz großartig!

Dann wurde umgebaut, Setlisten am Boden befestigt und - was besonders witzig war - für jeden Musiker von Mogwai Dosenbier platziert und sofort geöffnet, um ihnen diesen Handgriff später zu ersparen. Dosenbier passt natürlich zu Fußball wie die Faust aufs Auge und aus ihrer Begeisterung für Fußball machen Mogwai kein Geheimnis. So hing an dem Drumset von Schlagzeuger Martin Bulloch wie immer ein grün-weißer Schaal, den Farben von Celtic Glasgow. Auch Aufkleber mit der schottischen Flagge auf den Marschall-Boxen waren zu sehen. Fußball, Dosenbier, Schottland, Rockmusik: Mogwai lieben es volksnah und bodenständig, da wird kein Arbeiterklischee ausgelassen. Aber da fehlt doch noch etwas? Richtig, die Weiber! Dass die raubeinigen Typen auf der Bühne auch auf freizügig bekleidete Miezen stehen, unterstrich der links postierte Bassist (bei Wikipedia als Gitarrist beschrieben, aber das Teil hatte wirklich nur vier Saiten, man kann nachzählen!) John Cummings durch einen riesigen Aufkleber mit einem fast nackten Playgirl auf seinem Arbeitsgerät.

Wer jetzt aber glaubt, die fünf Bauernlümmel da vorne würden grobschlächtige Musik machen, wie man das nach den ganzen Klischees und auch aufgrund des Äußeren der Bandmitglieder erwarten könnte (Chef Mogwai Stuart Braithwaite hat die Ausstrahlung eines ehemaligen DDR-Grenzbeamten!), irrt sich.

Vielschichtige und hochkomplexe Lieder ziehen die Schotten nämlich hoch und über den Kontrast zwischen laut und leise und langsam und schnell in ihrer Musik ist schon viel geschrieben worden. Da will ich dann auch gar nicht mehr ansetzen, denn jeder, der sich schon einmal mit Mogwai beschäftigt hat, weiß, daß auf lange, ja langatmige ruhige Phasen, in schöner Regelmäßigkeit spontane Lautstärke -und Tempowechsel folgen, die einen unwirsch aus dem Halbschlaf wecken, in den man zuvor verfallen ist.

Der Beginn des Konzerts dann ist wenig spektakulär, die ersten vier Lieder plätschern ein wenig vor sich hin, ohne daß es im Publikum zu großen Regungen kommt. Die meisten Leute bewegen sich ohnehin keinen Schritt, sondern nicken nur teils energisch mit dem Kopf, wie das bei Postrock-Konzerten so üblich ist. Wahrscheinlich könnte jemand bei "Wetten ,Daß?" auftreten und die entsprechenden Bands an dieser Nickbewegung erkennen. Ob man diesbezüglich Unterschiede zwischen Mogwai, Explosions In The Sky, A Silver Mount Zion, oder 65 Days Of Static erkennen könnte?...

Auch auf der Bühne passiert nicht viel. Die eigentlich noch recht jungen Schotten (im Schnitt ca. 32 Jahre alt), sehen mit ihrem schütternen Haar und ihren kleinen Bierplautzen schon aus wie über 40 und bewegen sich auch so. Mit Sicherheit sind das die nettesten, natürlichsten und unkompliziertesten Typen, die man sich überhaupt vorstellen kann, aber ihr Mangel an Charisma irritiert mich doch ein wenig. Und warum steht bei Mogwai eigentlich keiner in der Mitte? Jede Fußballmannschaft hat doch Mittelfeldspieler und Stürmer und nicht nur Verteidiger und Ausputzer, warum ist das bei den Fußballnarren aus Glasgow anders? Irgendwie fehlt hier ein brillianter Individualist neben diesen ganzen Teamplayern, die mannschaftsdienlich spielen. Jemand, der die Tore macht. Ein Sänger um es auf den Punkt zu bringen. Oder eigentlich gerade nicht? Macht nicht der fehlende Gesang gerade erst den Reiz und die Dramatik der Kompositionen von Mogwai aus? Eingefleischte Fans der Band werden mit Sicherheit sagen, daß man sich die Texte im Kopf selbst ausdenken und seine eigene Phantasie bemühen soll. Also schließe ich die Augen und versuche als Reaktion auf die Musik, Bilder im Kopfe enstehen zu lassen. Das gelingt mir nicht so richtig, weil mir zu heiß ist und die Füße schmerzen. Deshalb beobachte ich lieber eine blauäugige Schönheit links neben mir. Die Süße hat glasklare Augen, wie ein Husky. Sie wippt energisch zu den Rhythmen mit, die gespielt werden. Das gefällt mir und ist fürs Auge allemal attraktiver als die Burschen von Mogwai anzuklotzen. Auf der Bühne geht eh nichts ab, die Glasgower könnten auch hinter einem Vorhang spielen. Die einzige Abwechslung bietet ein Laptop, auf dem Bilder von Fußballmatches von Celtic Glasgow zu sehen sind, was auch sonst! Mit Friend Of The Night vom Vorgängeralbum Mr. Beast kommt aber endlich etwas mehr Beweging ins Publikum rein. Ein melodisches, ein schönes Stück! Auch der Liveklassiker Hunted By A Freak wird sehr gut aufgenommen. Hierzu setzt sich Gitarrist Barry Burns hinter das Piano und bedient sich eines sogenannten Vocoders, der seine Stimme verzerrt. Es wird neben einem anderen Song auf dem Stuart Braithwaite Worte ins Mikro flüstert, das einzige Lied bleiben, indem so etwas ähnliches wie Gesang zu hören ist. Auf dem aktuellen Album The Hawk Is Howling findet man nichts dergleichen, alles ist instrumental gehalten. Eines der Highlights von diesem Werk kommt in der Form von I Love You I'm Going To Blow Up Your School. Zunächst verhalten startend, verdichtet sich der Titel zu einem komplexen Schocker, der irgendwann explodiert. Noch genialer sind aber die Zugaben. Bei Like Herod wird über etliche Minuten hinweg eine irre Spannung aufgebaut, die sich in einem dramtischen Finale entlädt. Allein dafür hat sich letztlich die Eintrittskarte gelohnt, mangelndes körperliches Engagement der Musiker hin oder her! Absoluter Hammer ist aber der Schlusstrack Bat Cat! Das ist fast schon instrumentaler Heavy Metal, aber ohne die fiesen langen Haare und die banalen Riffs. Ein Meisterwerk allererster Güte, der mich versöhnlich stimmt und dafür sorgt, daß ich das Konzert insgesamt als gelungen bezeichnen kann. Und irgendwie geht eine seltsame Faszination von Mogwai aus, die sich schwerlich in Worte fassen lässt. Gut möglich, daß man in 10 oder 20 Jahren rückblickend von einer der besten Bands der Musikgeschichte sprechen wird, denn die Lieder sind so komplex und vielschichtig, daß man bei jedem neuen Hördurchgang neue interessante Facetten erkennen kann. Ich bleibe am Ball, wie man beim Fußball sagt, denn Mogwai sind letztlich...geil!

Links:

- Mehr Fotos von The Twilight Sad hier
- Videoclip That Summer, At Home I Had Become The Invisible Boy
- Video And She Would Darken The Memory live
- Cold Days From The Birdhouse live
- mehr Photos von Mogwai hier

Setlist Mogwai, Casino de Paris, Paris:

01: Yes! I Am A Long Way From Home
02: The Precipice
03: XMas Steps
04: Scotland's Shame
05: Friend Of The Night
06: Hunted By A Freak
07: I'm Jim Morrisson, I'm Dead
08: Thank You Space Expert
09: Secret Pint
10: I Love You, I'm Going To Blow Up Your School
11: Two Rights Make One Wrong
12: Helicon 1

13: Like Herod
14: Bat Cat




Dienstag, 18. Dezember 2007

Scout Niblett, Paris, 17.12.07

3 Kommentare

Konzert: Scout Niblett (+ The Twilight Sad)

Ort: Le Nouveau Casino, Paris
Datum: 17.12.2007
Zuschauer: gut besuchte Veranstaltung


"Mensch, die Scout wird Dir Freude machen, das ist ein saftiges, wildes Weib! Ganz nach meinem Geschmack, weit ab von Zicke, Fräulein, oder feiner Agathe! Die rockt Mit Schmackes!"

Mit gewohnt blumigen Worten hat mein lieber Blogger-Kollege Eike (sein Blog ist für Leute mit einem exquisiten Geschmack sehr zu empfehlen!) auf die Ankündigung reagiert, daß ich Scout Niblett am Ende des Konzertjahres noch erleben werde. Er sollte Recht behalten, die Engländerin ist in der Tat ein saftiges, wildes Weib!

Bevor ich mich davon überzeugen konnte, mußte ich aber zunächst noch ein Weilchen ausharren, denn vorher traten noch Castanets und die Shotten The Twilight Sad auf. Von Castanets bekam ich nur noch die letzten zwei Titel mit. Zu diesem Zeitpunkt stand nur noch ein Bursche mit einem waldschratigen Bart auf der Bühne; ob vorher eine ganze Band gespielt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Auftritt war zu kurz, um mir ein Urteil zu erlauben, Interessierte mögen seine MySpace Seite besuchen.

Die darauffolgende Band hingegen, machten es mir mit einer Ersteinschätzung leicht. The Twilight Sad aus Glasgow gefielen mir nämlich auf Anhieb. Ich stehe nun einmal auf Himalaya hohe Gitarrenwände und von denen gab es selbst in den viel zu kurzen 30 Minuten reichlich! In breitestem Schottish stellte Sänger James Graham die Band vor und brachte zum Ausdruck, daß sie so froh seien, in Paris ( das "a" wie im Deutschen ausgesprochen, das "r" stark gerollt) aufzutreten: "it means a lot to us". Die Freude lag ganz auf meiner Seite, ist doch herrlich wenn man so kurz vor Jahresende noch eine Gruppe präsentiert bekommt, die einen spontan fesselt. Im Gegensatz zu dem, was Christoph von Amy Mac Donald berichtet hat, findet man den starken Akzent auch in den Liedern wieder, da strozt es nur so vor Wörtern mit dem wunderbar gerollten "r". Ohne großartig nachzudenken, kam mir gleich Aidan Moffat von Arab Strap in den Sinn, der auch wenn er singt, nicht auf seine heimische Mundart verzichtet. Kein Wunder also, daß die inzwischen aufgelöste Kultband auch als Referenzgruppe genannt wird. Daneben finden sich auch Shoegaze-Legenden wie My Bloody Valentine und The Jeus & Mary Chain in der Auflistung vergleichbarer Bands.

Neben der Musik war aber besonders die Ähnlichkeit zwischen Sänger James und Ian "Joy Division" Curtis frappierend. Diese bezog sich nicht nur auf Frisur, Gesichstform und Statur, sondern auch die Mimik. Geradezu angsteinflößend war es, wenn der Frontmann irren Blickes in sein Mikro bellte. Trotzdem schienen mir diese Posen zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt, dafür machten die Schotten einen viel zu natürlichen Eindruck. Beim großen Finale kauerte der Curtis-Klon gar vor seinem Schlagzeug, während die anderen Musiker ihre Gitarren schrammeln ließen. Ich genoß das in vollen Zügen! Das von den Kritikern stürmisch aufgenommene Debütalbum " Forteen Autumns & Fifteen Winters" werde ich mir blind kaufen, auch wenn ein Teil meiner anwesenden Freunde das Ganze ziemlich schrecklich fand (warum eigentlich, das war doch fabelhaft?!).

Setlist The Twilight Sad, Paris, Le Nouveau Casino:

01: Cold Days From The Birdhouse
02: And She Would Darken The Memory
03: Talking With Fireworks
04: That Summer, At Home I Had Become The Invisible Boy
05: I'm Taking The Train Home

Mehr Bilder von The Twilight Sad hier

"We all gonna die, we all gonna die".

Hups, war ich etwa wie Christoph kürzlich bei Malcolm Middleton gelandet? Tourt der Schotte nun durch ganz Europa,
um sein Vorhaben, das Lied mit dem äußerst pessimistischen Titel zum Weihnachtshit Nummer 1 zu machen, verwirklichen zu können? - Nein, der gute Malcolm war nicht da. Und leider auch nicht Bonnie Prince Billy, der Scout Niblett bei einigen Liedern ihres aktuellen Albums stimmlich begleitet hatte. Die Britin Emma Louise Niblett, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, war zunächst ganz alleine auf der Bühne. Bekleidet mit einem herben Holzfällerhemd und einer fluoreszierenden Bauarbeiterweste ( war sie zuvor mit dem Fahrrad unterwegs und hatte vergessen, diese auszuziehen?), erkundigte sie sich erst einmal nach den wichtigsten Dingen, die vorab zu klären waren: "Has anyone any questions? und "Is there anyone's birthday today?" Kaum jemand muckte, vielleicht weil alle zu überrascht waren, nicht mit der Standardfrage "How are you Paris" begrüßt zu werden. Gleich zu Beginn bekam man also eine wunderbare Kostprobe des verrückten Wesens der kauzigen Engländerin geboten. Spontan war ich in das quirlige Persönchen verschossen! In einer Zeit, in der Indie-Künstler sich angepasst wie biedere Angestellte verhalten, ein Genuß! Es gibt sie also noch, die launigen Musiker, die einen auch mal gegen den Strich bürsten, anstatt eine Schleimspur zu hinterlassen. Sogar regelrecht angeschrien wurde man von der Wahl-Amerikanerin. Wenn sie losgiftete, wurde man sich bewußt, daß das eigene Schätzchen zu Hause eigentlich ein zahmes Lämmchen ist. Das Besondere dabei: Scout wirkte im Grunde genommen meist schüchtern, ihre (musikalischen) Wutausbrüche erwischten einen deshalb regelmäßig auf dem falschen Fuß. Heute kam hinzu, daß ihr Temperament auf eine harte Probe gestellt wurde. Nachdem sie (leider ohne Billy, schluchz!) die Ballade "Do You Want To Be Burried With..." vorgetragen hatte, stoppte sie nach ein paar Takten des zweiten Liedes und meinte verzweifelt: "there's something really wrong here, I can't really hear anything." "I can't do a hole set like this!" Au weia! Tonprobleme! Die Leute von der Technik kamen ins Schwitzen und versuchten alles, was in ihrer Macht stand, um das Problem zu beheben. Zunächst vergeblich! Laut Scout gab es keinerlei Verbesserung. Nun galt es, Zeit zu überbrücken. "Does anyone know any jokes?" "Any questions, any comments, we have some time now?!"

Es mußte improvisiert werden und darauf verstand sich die Sängerin prächtig. Sie setzte sich spontan mitsamt Gitarre ans Schlagzeug und machte weiter. Den Leuten war nicht ganz klar, 0b das jetzt ein Souncheck war, oder ob es sich bei den vorgetragenen Stücken, um Teile des Sets handelte. Bevor das Publikum aber allzu lange sinnieren konnte, kam dann ein zuvor beschriebener plötzlicher Temperamentsausbruch zum Vorschein. Scout prügelte nämlich nach einem langsamen intro urplötzlich wie eine Besessene auf die Drums ein. Ich konnte mir ein herzliches Lachen nicht verkneifen...

Etwas später dann eine erneute Kostprobe ihrer widerspenstigen Natur. "Gimme an "L", gimme an "O", gimme an "V", gimme an "E", for Lovers!" Selten habe ich eine Musikerin so spitz schreien gehört! Fast zuckte ich zusammen! Zitierte Passage gehörte zu dem alten Titel "It's All For You", ein sperriges Etwas, wie so manche ihrer Lieder. Aber wer glattgebügelte Musik will, sollte halt eben nicht zu Scout Niblett's Konzerten kommen.

Kurze Zeit später stieg ihr Schlagzeuger ins Programm mit ein, Kristian Goddard heißt der wild prügelnde Bursche. Das verleihte dem Set mehr Schmackes und siehe da, jezt war auch Fräulein Niblett mit dem Sound zufrieden. "Everything's o.k. now" ließ sie erleichtert verlauten und auch das Publikum konnte aufatmen. Also doch noch ein "richtiges" Konzert. Zu dessen Höhepunkt gehörte vor allem eine Passage im letzten Drittel, in dem die drei famosen Stücke "Dinosaur Egg", "No-Ones- Wrong" und "Nevada" hintereinander weg gespielt wurden. Hier war ihre Vorliebe zu Künstlern aus der Grunge-Periode wie Mudhoney und natürlich Nirvana zu spüren. Daß sie sich aber auch auf Folk im Stile einer Cat Power, oder auch PJ Harvey versteht, wurde im Laufe des Abends auch deutlich. Wobei klar sein muß, daß bei Emma Louise alles eine Spur ruppiger und unangepasster ist. Gut so, denn wie langweilig wäre die Musikwelt, wenn uns nur noch leicht zu konsumierende Kost vorgesetzt würde? Scout Niblett hat gehöriges Nervpotential, keine Frage; allerdings hat mich kaum eine Sängerin neugieriger auf ihre bizarre Welt gemacht wie sie...

Auszüge aus der Setlist Scout Niblett, Nouveau Casino, Paris (in dieser Reihenfolge):

- Do You Want To Be Buried With...
- Pom Poms
- Your Beat Kicks Back Like Death
- It's All For You (we all gonna die)
- Handsome
- Hot To Death
- Lullaby For Scout In 10 Years
- Let Thine Heart Be Warmed
- Dinosaur Egg
- No- Ones Wrong (Giricocola)
- Nevada

Neue Konzerttermine von Scout Niblett im Mai 2008:

08.05.2008: Brüssel, Botanique
10.05.2008: Dresden
11.05.2008: Beverungen, Orange Blossom Festival
13.05.2008: Wiesbaden, Schlachthof
14.05.2008: München, Registratur
15.05.2008: Schorndorf, Manufaktur
16.05.2008: Bremen, Lagerhaus
17.05.2008: Utrecht, Tivoli
24.05.2008: Paris, La Maroquinerie



 

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