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Dienstag, 28. Oktober 2008

Coming Soon, Paris, 27.10.08

1 Kommentare

Konzert: Coming Soon (The Wave Pictures)
Ort: Café de la danse
Datum: 27.10.2008
Zuschauer: viele
Konzertdauer: Wave Pictures gut 30 Minuten, Coming Soon gut 70 Minuten



Und weil es so schön war gestern, heute noch einmal Coming Soon!

Ein wichtiger Grund heute erneut im Café de la Danse zu erscheinen, war allerdings auch die Vorgruppe. The Wave Pictures wurden unlängst von Lisa Li Lund als die beste Band der Welt bezeichnet und wenn Lisa das sagt muß das doch stimmen, oder?

Aber halt! Wer ist denn überhaupt Lisa Li Lund ? Nun, wenn ich sage, daß es sich um die Schwester von David-Ivar und André Herman Düne handelt, stimmt das zwar, reduziert die Künstlerin aber auf die ungeliebte Rolle der kleinen Schwester von bereits bekannten Musikern.

Also, sagen wir es lieber so, Lisa Li Lund ist eine junge aufstrebende Künstlerin mit einer sehr hübschen Stimme, die ihren eigenen Weg verfolgt und erst kürzlich ein Album zusammen mit der französischen Band French Cowboy auf den Markt gebracht hat.

Und da Lisa eine Freundin von den Wave Pictures ist und schon mit dem Trio auf Tour war, durfte sie auch zusammen mit den Londonern bei ein paar Liedern mitzwitschern.

The Wave Pictures waren erst vor ein paar Wochen in Paris, als sie nämlich am gleichen Abend wie die Rascals in der Flèche d'or auftraten. Ich hatte ihr kurzes Set aber nicht mehr mitbekommen, weil mich damals meine Müdigkeit und das unglaubliche Gedränge in dem Laden nach Hause getrieben hatten.

Heute also die Chance, Versäumtes nachzuholen und mein frühes Erscheinen im Café de la Danse sollte sich als lohnend herausstellen! Die dreiköpfige Band um den semmelblonden Sänger und Gitarristen David Tattersall bot nämlich sehr charmanten englischen Indierock, der an tolle Gruppen wie The Coral, The Smiths, Suede und auch an Richard Hawley und Findlay Brown erinnerte. Zudem hatte der Sänger ein Timbre in der Stimme, das nicht weit von legendären Größen wie Roy Orbison oder Jonathan Richman entfernt war. Schließlich haben die Jungs auch schon mit Jeffrey Lewis, Herman Düne und den Mountain Ghosts zusammengearbeitet und Platten aufgenommen, was man an der ein oder anderen Stelle heraushören konnte.

Vor kurzem ist nun das Album Instant Coffee Baby herausgekommen und davon stammten dann logischerweise die meisten Lieder des heutigen Sets. I Love You Like A Madman begeisterte mit unverschämt melodischem Retro-Sound, wie überhaupt alles einen herrlich altmodischen Charme hatte. Sänger David Tattersall besitzt eine Stimme, die aus einem anderen Jahrzehnt zu stammen scheint, sieht aber eigentlich noch sehr jung aus, obwohl er schon seit 1998 aktiv ist. Wenn er Balladen sang, guckte er mit seinen verträumten Augen immer Löcher in die Luft und wirkte ein wenig wie ein braves Kommunionskind. Aber er kann mit seiner Band auch Dampf machen und dann wurde es besonders gut. Strange Fruit For David ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Hier wurden die Zügel losgelassen und ich und ein paar andere Leute wippten beschwingt zu den flotten Rhytmen und den tollen Texten ("I'm a tennis player, playing on both sides of the net") mit.

Als dann noch Lisa Li Lund hinzustieß und ihr bezaubernstes Lächeln aufsetzte, war meine Begeisterung perfekt. Es kam eine richtige kleine Party in Gang, zu der auch noch die Mitglieder von Coming Soon und die Französin Freschard geladen wurden. Selten hat eine Vorgruppe soviel Schwung und gute Laune verbreitet!

Es war also genau richtig, Karten für beide Konzert-Abende von Coming Soon zu buchen!

Und die blutjungen Headliner waren auch heute in Form! Aber was war eigentlich anders als gestern? Nun, abgesehen davon daß der baumlange Sänger Howard Hughes heute einen weißen Cowboy-Hut trug (am Vortag war es ein schwarzer) und auch die bildhübsche Klarinettistin etwas anderes anhatt, gab es heute die zusätzliche Unterstützung von der oben zitierten Lisa Li Lund, die neben den bereits am Sonntag anwesenden Freschard und Stanley Brinks, im Background mitsang-und tanzte. Bei Stanley hatte sich allerdings nicht viel geändert, auch heute rauchte er auf der Bühne wieder wie ein Schlot und wenn er einmal ein Zigarettenpäuschen einlegte, blies er neben Mary Salomé in sein Klezmer-Teil. Ein witziger Kerl, dieser Ex-Herman Düne, der alles sehr locker zu nehmen scheint! In einer besonders witzigen Szene tanzte er zusammen mit Howard Hughes und die beiden schnitten urkomische Gesichter.

Die süße Französin Clémence Freschard trug ihrerseits auch heute wieder einen Teil zum Gelingen der Veranstaltung bei, mit einem Rotweinbecher in der Hand und einem charmanten Lächeln auf den Lippen, tanzte sie ausgelassen mit den Teenagern von Coming Soon.

Auch das Publikum war heute jünger als am Vortage und das tat dem Konzert sehr gut, denn endlich wurde auch einmal ein wenig getanzt, in dieser ansonsten doch immer recht steifen Location eher eine Seltenheit.

Hinsichtlich der Setlist wurde die Reihenfolge bei einzelnen Liedern abgewandelt, aber es gab auch Songs, die am Vortage gar nicht vorkamen. Fishes, zum Beispiel, ein Non-Album Track, der schon Vorfreude auf das zweite Machwerk von Coming Soon aufkommen lässt. New Territories hingegen ist auf dem Album New Grids enthalten, fehlte aber am ersten Tag. Dabei handelt es sich bei dem Track um alles andere als Ausschussware, denn es ist ein wirklich schönes, balladenhaftes Lied ,durchzogen von einer sanften Melancholie, hübschen Chorgesängen und reduzierten Gitarrenklängen.

Alles in allem wurde dem Publikum also auch heute ein toller Konzertabend bereitet und von Coming Soon, aber auch Freschard, Lisa Li Lund, den Wave Pictures und Stanley Brinks wird man in Zunkunft noch viel hören und lesen!

Setlist Coming Soon, Café de la danse, 27/10/2008:

01: Devil
02: Private Tortures
03: Broken Heart
04: Moon Child
05: Jack Nicholson Style
06: New Territories
07: Home From The Blues
08: Fishes
09: Backseat
10: Time Bombs
11: Wolves In The City
12: A Cap
13: Big Boy
14: 2 Dogs
15: Lucy's Back
16: Indian Times
17: War Song
18: Howard Mood

19: School Trip (Z)
20: Don't Sell Me (Z)

Links:

- Video Fishes in einer charmanten Session von Les Inrocks
- Video: Le Cargo Session # 81: Fishes
- Fernsehauftritt bei der TNT Show, Time Bomb
- mehr Fotos von den Wave Pictures hier
- mehr Fotos von Coming Soon hier




Donnerstag, 6. Dezember 2007

Julie Doiron, Paris, 05.12.07

6 Kommentare

Konzert: Julie Doiron
Ort: La Mécanique Ondulatoire, Paris
Datum: 04.12.2007
Zuschauer: ca. 20 -25 (wenn man das Thekenpersonal mitrechnet)


"Danke , daß ihr gekommen seit, ich hätte gedacht, heute würde sich hier niemand einfinden!"

Wohlgemerkt, Julie Doiron richtete diese (aufrichtig gemeinten) Worte an ca. 20 Personen, die den Weg in die Kellergruft hinabgestiegen waren. Das mußte sie erklären: "da ich ja gestern bereits an gleicher Stelle gespielt habe und der Laden gerammelt voll war, bin ich davon ausgegangen, daß diejenigen, die mich sehen wollten, alle schon da waren; und außerdem gibt es ja bestimmt noch andere Konzerte heute in Paris." - Nun, das stimmte schon, aber ich hätte der symphatischen Kanadierin auch heute einen vollen Keller gewünscht, zudem Julie Doiron doch wirklich nicht so unbekannt ist. Seltsam, seltsam, die Indie- und Folkszene ist selbst in einer Weltstadt wie Paris sehr klein....

Sei's drum, ausgezeichnete Künstler in solch intimer Atmosphäre zu sehen, hat auch etwas für sich. Näher als heute konnte ich wirklich nicht dran sein und niemand, aber auch wirklich niemand versperrte die Sicht auf die Bühne. Wie auch, es saßen schließlich alle die da waren auf dem Boden! Ja, ja, im Schneidersitz gegen die Steinwände anlehnen war angesagt. War auch schon bei der als Vorgruppe auftretenden Lisa Li Lund so. Diese spielte feenhaften Elektro-Folk im Stile von Stina Nordenstam, oder den Mates Of States. Lustigerweise hatte ich die aparte Lisa, die wohl trotz des Namens Französin und nicht Schwedin ist, bereits kurz vorher getroffen. Und zwar als ich gerade die gemischte (typisch Frankreich!) Toilette verließ. Die junge Künstlerin wollte auch auf's stille Örtchen und war froh, daß das begehrte Plätzchen frei wurde. Sichtlich erleichtert konnte sie dann kurz später ein paar ihrer schönen Kompositionen vortragen. Zunächt ganz alleine am Keyboard, später an der Gitarre (ebenfalls alleine) und schließlich in Begleitung von Julie Doiron und ihrem schluffigen Schlagzeuger, der mit Flip Flops angekrochen kam. Das machen ja gerade die Angelsachsen sehr gerne, im Dezember fast barfuß rumlaufen, das gibt ihnen anscheinend einen Kick...

Nach einem abschließenden Liedchen alleine auf der Treppenstufe zog sich Fräulein Lund zurück und überließ Julie und ihrem Drummer die Bühne. Zunächst verschwanden aber die beiden noch einmal kurz. Zurück auf dem gekachelten Boden begann die Kanadierin, die sehr gut französisch spricht, mit "Snow Falls In November" interessanterweise also mit dem Lied, durch das ich auf die Künstlerin aufmerksam geworden bin. Man findet es auf dem Album "Goodnight Nobody". War dieses Lied noch ziemlich folkig, wurde es später noisiger und düsterer. PJ Harvey war musikalisch manchmal nicht allzu weit entfernt, aber das ist ja schließlich nicht die schlechteste Referenz. "The Wrong Guy" und "No More" zwei Stücke vom neuesten Output "Woke Myself Up" erfreuten mein Herz. Auch schön: ein französisches Lied, welches vom Album "Desormais" stammte. Leider weiß ich nicht genau, um welchen Chanson es sich handelte, da ich diese CD vorher nicht besaß. So verlief das Konzert dann angenehm und niveauvoll circa. 7 Stücke lang, bis Julie plötzlich etwas schwankte, ihre Gitarre niderlegte und sichtlich erschöpft nach einem Glas Wasser fragte. Der Armen, war es schlecht geworden! Weshalb, konnte sie sich selbst nicht so genau erklären, vielleicht war es die stickige Luft in dem Kellerschacht, die ihr zu schaffen machte. Unnötigerweise entschuldigte sie sich für ihren schwachen Zustand und bat den phlegmatischen Drummer, mit ihr die Instrumente zu tauschen. Sie wollte sitzen und somit Schlagzeug spielen, er bekam ihre Gitarre, von der er behauptete, daß sie wie immer nicht richtig gestimmt sei. Überhaupt hatte der schlaksige Mann einen köstlich trockenen Humor. Um Julie Zeit zu geben, sich etwas zu erholen, erzählte er in aller Seelenruhe Stories von dem Leben auf Tour. Das letzte Mal, daß er sie so schwach erlebt habe, sei in Holland gewesen. In Groningen, um genau zu sein (er erklärte den Franzosen auch wie die Holländer das aussprechen, herrlich!). Dort hätten sie einen Joint geraucht und Julie sei es so übel geworden, daß sie kreidebleich wurde und die Zunge rausstreckte. Er macht hierzu wunderbar die Mimik der angeschlagenen Sängerin nach. Überhaupt amüsierte ihn das Thema sehr. Legal Hasch rachen zu dürfen, daß sei doch für nordamerikanische Verhältnisse traumhaft. Was wir für ein Glück in Europa hätten! Er war nicht mehr zu stoppen und schloß gleich eine andere Anekdote aus Amsterdam an, wo sie ein Kraut namens Casablanca geraucht hatten. Der Typ, der ihnen davon ein Gramm zurechtgeschnitten hätte, hätte den coolsten Job der Welt, usw.

Irgendwann spielten sie aber auch wieder Musik, wenngleich die vorherige Rollenaufteilung geeigneter war. Julie kämpfte tapfer, sang auch noch ab und zu mit und brachte so das Konzert irgendwie über die Bühne. Sie tat mir so leid, aber wie konnte ich ihr helfen? Ich beschränkte mich aufs Klatschen, wünschte ihr hinterher von Herzen gute Besserung und kaufte ihr auch noch zwei CDs ab. Nicht aus Mitleid übrigens, sondern weil sie eine hervorragende Musikerin ist, die es verdient hätte, vor größerem Publikum zu spielen.

Get well soon, Julie!



 

Konzerttagebuch © 2010

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