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Sonntag, 25. August 2013

Prinz Pi & Band, Großpösna, 18.08.2013

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Konzert: Prinz Pi & Band
Ort: Großpösna, Störmthaler See (Highfield Festival)
Datum: 18.08.2013
Dauer: etwa 45 Minuten
Zuschauer: viele tausend



Manchmal hat die Witterung einen Hang zu übertrieben kitschigen Bildern. Friedrich Kautz, der sich mit den letzten Veröffentlichungen unter seinem Künstlernamen Prinz Pi als Rettung des Deutschraps, als bester Hip-Hopper dieses Landes bewies, schaut über die Köpfe der zahllosen Zuschauern zum Himmel auf, Wind treibt einem Sandkörner in die Augen. Sieben Songs spielte der Berliner Künstler mit seiner tadellosen Band bereits, als er „Laura“, die emotionale Verarbeitung des Selbstmords einer Ex-Freundin, über den er nicht hinwegkommt, ankündigt. 
Prinz Pi rappt sich bei seinem letzten Festivalauftritt in diesem Jahr mit düsterer Miene durch die aufrüttelnden Verse, es beginnt zu regnen. Die Stimme des Studentenrappers überschlägt sich leicht: „Wenn das Abendlicht in genau dieser Farbe ist / dann ist ein Loch in der Luft wo du standest / Hörst du mich wo du bist? / Bleib genau da! / Bald komm ich nach nach / Also wart auf mich“; Zeilen an der Grenze zum Kitsch werden verstärkt durch das Wetter, Kautz selbst scheint ehrlich gerührt. 
Gefühlt schallt der Text aus tausenden Mündern. Die verbale Anteilnahme an massiven Selbstbeschuldigungen, an tiefster Trauer, am emotionalen Horrortrip ist am windigen Spätnachmittag des letzten Highfield-Tags erstaunlich. „Als mein Handy dann klingelte, mit deiner Nummer, / ich erst mal nicht ran ging, / beim dritten Mal unter Fluchen dann doch, / als irgendwer dran war, der fragte: / "Wer sind sie?" Von dir ein Bekannter? / Der sagte, meine Nummer wär' die letzte gewesen, / die du vor dem Unfall dann wähltest / als dein Vater, den ich nie getroffen hab, / sagte dein Wagen - Brücke - mehrfach überschlagen / Sekundenbruchteile - keine Bremsspur zu finden / Selbstmord - 10. Mai - Beerdigung München / dann Klicken - Stille bei klingelnden Ohren / so bin ich erfroren im inneren Norden“. 
Angekommen im deutschen Pop-Mainstream ist der ehemalige Underground-Held heute der Inbegriff niveauvollen Deutschraps. Es war Prinz Pi, der auf seiner „Neopunk“-Tour vor einigen Jahren eine junge Bielefelder Nachwuchshoffnung als Support mitnahm. Der phänomenale Erfolg des heutigen Popstars Casper wäre ohne diese Hilfestellung kaum vorstellbar. Doch auch seine eigenen Alben werden immer populärer. 
Ohne ein Major-Label im Rücken landete bereits „Rebell ohne Grund“ 2011 in der Top10 der deutschen Charts, bevor das weit poppigere „Kompass ohne Norden“ in diesem Jahr sogar die Spitze erklimmt hat. 
Live-Bands bekommen Hip-Hoppern in der Regel gut. Auch wenn Prinz Pi diesen noch in „Bombenwetter“ auf „Rebell ohne Grund“ eine Absage erteilte, unterstützt ihn seit vergangenem Jahr selbst eine. Und natürlich hauchen Gitarre, Bass, Schlagzeug und Klavier dem Ganzen Leben ein. 
Als ich ihn auf den Tag genau zwei Jahre zuvor in der ausverkauften Frankfurter Batschkapp sah, gingen mir der elektronisch erzeugte Orgelsound, die DJ-Einlagen noch gehörig auf die Nerven, heute kann ich jede Minute genießen. 


Lediglich E-Rich, langjähriger Back-Up des Prinzen, ist glücklicherweise noch mit von der Partie und rettet den oft atemlosen – weil asthmatischen – Protagonisten immer wieder in heiklen Situationen. Die Technik meint es, wie bei vielen anderen Auftritte des diesjährigen Highfields auch nicht gut, mit dem studierten Grafikdesigner, der erstaunlich freundlich immer wieder darauf hinweist, dass sein Monitor nicht angeschaltet sei. Nach wiederholten Bitten, wird diese Hürde genommen und das tadellose Konzert, das mit „Fähnchen im Wind“, dem Opener des aktuellen Langspielers, äußerst vielversprechend begann, nimmt seinen hektischen Lauf. 
„Kompass ohne Norden“ ist verstärktem Pop-Appeal zum trotz eine fantastische Veröffentlichung, eine Coming-Of-Age-Erzählung erster Güte. Friedrich Kautz entwirft eine autobiografische Collage zwischen Oberstufe, Mensaessen, Karrieristen und Gescheiterten. „Fähnchen im Wind“ fungiert als erster Track wie eine programmatische Einführung in das konzeptionell ambitionierte Album. Auch live entfaltet das neue Stück seine Tiefenwirkung, was die Klasse des Künstlers zeigt. 
Wo andere Rapper im Livetest kläglich versagen, gelingt es dem 33-jährigen mit Mütze, Nerd-Chic-Brille, unscheinbarem T-Shirt und kurzer Jeanshose, die Spannung zu halten, ohne das alles in öder Animation mündet. Selbstverständlich wird auch hier mit Plattitüden („Macht mal richtig Lärm“, „Alle Hände hoch“, etc.), nerviger Publikumsbespaßung und den üblichen Ritualen gearbeitet, die musikalisch-lyrische Qualität gleicht das allerdings locker aus. „Ich komme wie Jimi, gehe wie Kurt / Mit einem Knall so laut das ihn jeder hört / Altes Manowar Shirt, die Jeans mit Loch / Chucks war'n weiß, sind grau, viel gerockt“, „Du bist“, der große Hit des vorangegangenen Albums, wird kollektiv mitgesungen, Prinz Pi kultiviert ein stilvolles Name-Dropping, biedert sich nicht an, verwendet die richtigen Schlagworte, bevor sich die dunkle Liebesballade zur unnachahmlichen Schlüsselzeile zum Werk des Rappers - „Melancholie ist die Lederjacke meines Vereins“ - steigert. 


Dendemann mag die originelleren Wortspiele finden, Casper größeren Pathos generieren, doch niemand beherrscht Worte und Namen mit vergleichbarer Eleganz und klugem Schmunzeln wie Prinz Pi. „Bob Dylan gab mir einst einen Kompass ohne Norden“, heißt es im darauffolgenden Titeltrack des aktuellen Werks. Dylan-Zitate wirken oft abgedroschen, Pi gibt die Fußnote wenigstens an und hat den Text verstanden. Zur gefälligen Pianomelodie schildert er die persönliche Entwicklung seines Abijahrgangs mit Tod, Erfolg und der ständigen Suche nach der eigenen Identität. Nach einer treffenden Abrechnung mit deutschen Familien-Erwartungs-Klischees, folgt offensichtliche, nicht minder wirkungsvolle Kapitalismuskritik: „Hab gestern einen wieder getroffen / Mit ihm paar Biere gesoffen / Den ganzen Abend hat er durch meine Miene gesprochen / In den Spiegeln hinter mir / Er ist sehr erfolgreich / Ich weiß jetzt alles über teure Uhren und den Goldpreis / Wie er stetig steigt / Und über junge Frauen, die immer wollen wenn er kann / Und er selber will immer / Über den Aufsichtsrat, sein neues, teures Auto / Nach dem 4. Bier wird er für mich lautlos / Und ich schreie, was hast du schon erreicht? / Du bist nur der größte Hai in einem kleinen Teich / Doch es kommt stets ein größerer, besserer, stärkerer, cleverer Hai / Sei ein Mensch und kein Hai, Mensch! / Zwischen den Beinen von deiner Sekretärin / Findest du keinen Lebenssinn, vergisst du deinen Ehering / In einem Lebenslauf völlig ohne Lücken, hört das Leben auf /Alter, zähl da drauf!“ 
Deutscher Hip-Hop muss nicht stumpf sein, auch wenn das – ironisch – nach Dendemann Trumpf ist, deutscher Hip-Hop braucht keinen Sexismus, keine Homophobie. Prinz Pi ist ein Beweis gegen diese, von den Bushidos und Sidos der Szene gepflegten, Klischees. Ein anderer Beweis dagegen ist natürlich Casper, der sich auch auf „Kompass ohne Norden“ als Feature findet. In „100x“ rappt er einen Gastpart. Auch in Großpösna kommt der Song im klassischen Hip-Hop-Beat gut an, auch ohne Casper. 
Das wunderbar selbstironische „Der neue iGod“ lädt zum Armschwenken ein. Das gefällige Spiel mit der meist als Angriff gedachten Betitelung als Studentenrapper ist die perfekte Antwort auf all die Prolls. Mit scharf geschliffenen Zeilen wie „Ob an Humboldt oder Technischer, egal wo ich rumsause / Promo? Ich promoviere – summa cum laude“ oder „Und weil mir dumme Frauen zu wider sind / Häng' ich ab mit Medizinerinnen, die gut beim Anästhesieren sind“ gewinnt der Berliner Beatles-Fan, der seinen Hund Penny Lane taufte, das Battle und auch jeden noch so reservierten Hip-Hop-Skeptiker, bevor der Refrain mit größtmöglich geheuchelter Arroganz besticht („Ich weiß das alles hier ist fremd für dich, aber bitte mach dir nicht ins Hemd / Meine Musik zeigt dir nur wie beschränkt du bist, und was du alles noch nicht kennst“). 
Das schönste an „Glück“, einer erfolgreichen Single jüngeren Datums, ist der plakativ geklaute Beatles-Bläsersatz gegen Ende. Dazu ist der eingängige Song natürlich ein angenehmes Liebeslied. Junge Mädchen singen mit Tränen in den Augen mit, während Mit-40er, die auf Tocotronic warten, anerkennend lächeln. Prinz Pi gelingt es problemlos Gegensätze zu vereinen. Der Baggie-Träger und der Irokesen gestählte Punk treffen auf Hipster und Indie-Jünger. 
„Wir meinten immer nur einander, wenn wir Glück sagten“, die vermeintliche Plattitüde wächst mit der Zeit, die Anspielung auf einen Teenie-Blockbuster der 80er, „Hol' den DeLorean, lass' uns damit zurückfahren“, kommt punktgenau komisch. 
Dann folgt "Laura" mit Tränen und Regentropfen, bevor Friedrich Kautz noch ein letztes Mal in die Rolle des Animateurs schlüpft, die Menge auffordert die Faust zum Refrain, zum „Oi, Oi, Oi“ skandieren, zu heben. „Aus politischen Gründen bitte die linke Faust. Mann, Mann, auf so etwas muss man echt nur hier hinweisen“, merkt er pennälerhaft kichernd an, bevor mit dem zynischen „Generation Porno“ das energische Ende des Konzerts in ausgelassener Party mündet. Der ehemalige Prinz Porno hat seine Vormachtstellung als Speerspitze des deutschen Hip-Hops eindrucksvoll gefestigt. Step aside, Casper!


Setlist Prinz Pi & Band, Großpösna

01: Fähnchen im Wind 
02: Du bist 
03: Kompass ohne Norden 
04: 100x 
05: Der neue iGod 
06: Die letzte Ex 
07: Glück 
08: Laura 
09: Generation Porno



Maxïmo Park, Großpösna, 16.08.2013

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Konzert: Maxïmo Park
Ort: Großpösna, Störmthaler See
Datum: 16.08.2013
Dauer: eine knappe Stunde
Zuschauer: tausende


2013 glaubt man es kaum, aber ja, vor einigen Jahren war der gradlinige Indie-Rock von Maximo Park aus Newcastle wirklich einmal wichtig: Die Band um Frontmann Paul Smith veröffentlichte mit „A Certain Trigger“ (2005) und „Our Earthly Pleasures“ (2007) zwei herausragende Alben der vergangenen Dekade, darauf folgte eine Menge Mittelmaß, das langweilige Soloalbum des Sängers und mit „The National Health“ der öde Tiefpunkt im vergangenen Jahr. 
Ob die Nordengländer live noch an die Klasse ihrer großen Zeit anknüpfen können, fragte ich mich vor ihrem Auftritt auf dem sächsischen Highfield Festival. Mit „When I Was Wild“, dem Piano getragenen Intro des aktuellen Albums, das direkt in den Titeltrack desselben, „The National Health“, übergeht, beginnend, scheinen sich meine Befürchtungen zu bestätigen. 
Der wie immer Hut tragende Paul Smith wirbelt zwar wie eh und je über die Bühne, man kann erahnen, dass dieser Act vor nicht allzu langer Zeit als spannend galt, dennoch langweilt mich der abgehobene, snobistische Beginn trotz Sozialkritik und schnellen Gitarren. 
Die Erlösung lässt glücklicherweise mit „Girls Who Play Guitars“ nicht lange auf sich warten, Smith wirkt gelöst, als er die frenetische Reaktion der Menge auf den Publikumsliebling wahrnimmt. The Jam-Gitarren, dekadente Posen im Anzug und dieser selbstgefällige Gesang, der ihm einmal die Betitelung Jarvis Cocker des Nordens“ einbrachte, entfalten ihre sofortige Wirkung. Wie bei den Kaiser Chiefs ist es folgerichtig bereits nach wenigen Jahren von Nostalgie zu sprechen. Der Anspruch als relevante Band der Gegenwart wahrgenommen zu werden, kann nur verfehlt werden, der Funke springt bei den Konzerten erst bei den alten Hits über, entflammt Emotionen, setzt Tanzbeine in Bewegung und lässt einen fröhlich an die Jugend zurückdenken. 
Besonders mochte ich bei Maximo Park immer den unbeschwerten Keyboard-Einsatz in Zeiten, in denen das 80s Revival schlimme, überladen produzierte und dabei äußerst erfolgreiche Synthie-Sünder wie die Killers hervorbrachte. Lukas Wooller von Maximo Park gelang damals der Spagat zwischen zeitgeistiger Anbiederung und nötiger Distanz sehr elegant, indem er sich offenbar wenig Gedanken um die Außenwirkung machte. Auch heute ist es der Keyboarder, der gemeinsam mit der auffälligen Singstimme Smiths den Bandsound ausmacht, der die Erwartungen erfüllt. 
 Während neuere Stücke fast ungehört an mir vorbeirauschen, saugt man die Bandklassiker auf, tanzt zu „Apply Some Pressures“ oder „Graffiti“, skandiert die schwarzhumorigen Zeilen aus „Our Velocity“ lautstark - „Im not a man, Im a machine / Chisel me down until I am clean / I buy books, I never read / And then I'll tell you some more about me“ - bevor man sich beim großartigen „Books From Boxes“ andächtig singend in den Armen liegt, während Smith, Duncan Lloyd (Gitarre), Archis Tiku (Bass), Wooller und Tom English (Schlagzeug) noch einmal alle Register der Indie-Nostalgie-Revue zurück in die 00er Jahre ziehen und die Generation der kurz nach der Wende geborenen Festivaljünger ein letztes Mal beglücken. 
Wichtig ist das alles freilich nicht mehr, aber eine knappe Stunde enthemmtem Brit-Rocks entschädigt für vieles. Live sind Maximo Park auch 2013 eine Wucht, unangefochten der mitreißende Act des ersten Festivaltags, die neusten Alben darf man nichtsdestoweniger trotzdem getrost ignorieren. 


Links:
- aus unserem Archiv:
- Maximo Park, Köln, 03.03.2012 
- Maximo Park, Frankfurt, 28.10.2009 
- Maximo Park, Düsseldorf, 22.10.2009
- Maximo Park, Luxemburg, 19.10.2009
- Maximo Park, Münster, 08.05.2009
- Maximo Park, Köln, 03.03.2009
- Maximo Park, Haldern, 09.08.2008
- Maximo Park, Nijmegen, 20.06.2008
- Maximo Park, Wiesbaden, 22.10.2007
- Maximo Park, Köln, 16.10.2007
- Maximo Park, Glasgow, 02.10.2007
- Maximo Park, Paris, 08.06.2007
- Maximo Park, Köln, 26.05.2007
- Maximo Park. Bochum, 09.04.2007



Samstag, 24. August 2013

Thees Uhlmann & Band, Großpösna, 18.08.2013

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Konzert: Thees Uhlmann & Band
Ort: Großpösna, Störmthaler See (Highfield Festival)
Datum: 18.08.2013
Dauer: etwa 45 Minuten
Zuschauer: tausende


„Römer am Ende Roms“ zur Eröffnung ist ein Standard eines Thees Uhlmann-Konzerts. Dass Uhlmann das Stück zu Beginn seines kurzfristig angesetzten Highfield-Auftritts spielen würde, war nicht wirklich zu bezweifeln, trotzdem schwingt mit dem mit Springsteen-Zitaten gespickten Liebeslied ein erhabenes Gefühl an diesem Spätnachmittag Mitte August mit. 
Es ist stürmisch, die Luft scheint Sand getränkt, Regentropfen prasseln einem ins Gesicht: Uhlmann wurde wenige Tage zuvor als Ersatz für den englischen Akkustikpunk und „hardest working man in showbiz“ (Billy Bragg) Frank Turner aus Winchester, der wegen eines Rückenleidens eine Reihe Auftritte absagen musste, bestätigt. 
Uhlmann selbst ist Fan und guter Bekannter des Briten und sieht es als Ehre seinen Urlaub um wenige Tage zu verschieben. Dass er mit „Römer am Ende Roms“, das nicht nur auf Springsteens „Dancing in the Dark“ verweist, sondern auch textlich angedeutet und vor allem musikalisch augenscheinlich an dessen „Thunder Road“ angelegt ist, beginnt, lässt einen positiv an Turner denken, dessen reduzierte Akustikversion des „Born To Run“-Songs das beste Springsteen-Cover ist, das ich kenne. 
 Beide vereint die leidenschaftliche Liebe zur Rock-Ikone aus New Jersey, was man glücklicherweise auch der Musik anhört. Als Solokünstler inszeniert sich Thees Uhlmann gekonnt als deutscher Boss und kommt ebenso wie Turner auch bei eingefleischten Springsteen-Fans an. Der Pathos passt auf dem im diesen Jahr vom amerikanischen Punk geprägten Highfield Festival kontrastiv; „Triff mich an der Kirche / denn ich habe Lust zu schwören, / dass wir für den Rest der Tage zusammen gehören / Triff mich bitte mitten ins Herz / Triff mich auf der Bank im Park / Even though we are just dancers in the dark“, singt Uhlmann inbrünstig, während Julia Hügels Pianospiel und der Mundharmonika-Einsatz keinen Zweifel an einer „Thunder Road“-Referenz lassen. 
Eine tolle Band hat der auf Solopfaden wandelnde Tomte-Frontmann da um sich versammelt. Neben der erwähnten Musikstudentin Julia Hügel sind das Martin Kelly (von Martin & James) an der Gitarre, Markus Perner an den Drums, Hubert Steiner am Bass und Tobias Kuhn (Gitarre und Mundharmonika). Kuhn, der auch das selbstbetitelte Debütalbum des gebürtigen Hemmoorers produzierte, ist ein wichtiger Faktor für den großartigen Verlauf Uhlmanns Solokarriere. Verantwortlich für klangästhetische Prozesse ist der ehemalige Miles-Sänger derjenige, der dafür sorgte, dass „Thees Uhlmann“ eine der besten deutschen Indie-Pop-Veröffentlichungen der letzten Jahre wurde. Darüber möchte man ihm sogar die Beteiligung als Co-Produzent am aktuellen, wirklich furchtbaren Toten Hosen-Album „Ballast der Republik“ verzeihen, aber für die Songs kann er freilich auch nichts. 
Knapp eine Dreiviertelstunde hat Uhlmann in Großpösna Zeit seine Lieder zu präsentieren und es gelingt dem 39-jährigen souverän ein begeisterndes Set zwischen subtiler Alltagsbeobachtung und ausgelassener Indie-Party zu spielen.  
„Das Mädchen von Kasse 2“, „Vom Delta bis zur Quelle“, „Die Toten auf dem Rücksitz“, wer es sich leisten kann drei Songs dieser Klasse hintereinander zu spielen, kann zurecht in seine Songwriter-Qualitäten vertrauen.  
„Sind heute Eltern hier?“, Uhlmann erzählt von seiner 6-jährigen Tochter in Berlin, solidarisiert sich mit anwesenden Müttern und Vätern, denen es gelingt Konzertleidenschaft und Kinderbetreuung zu koordinieren und spielt das für junge Familien wohl programmatische „Die Nacht war kurz (und ich stehe früh auf)“. Wieder setzt die Mundharmonika nebraska'esk ein, der angenehm wabernde Bass lenkt kurz ab, lässt einen an das morgendliche Aufstehen denken, dann setzt der Refrain mit der Titel gebenden Zeile ein, die vom begabten Sänger Tobias Kuhn wiederholt wird. 
Auf Thees Uhlmann-Konzerten wird viel gesprochen, die Geschichte aus der niedersächsischen Provinz, die er vor „Lat: 53.7. Lon: 9.11667“ erzählt, steht in bester „The River“-Tradition, glänzt mit Anekdotenreichtum und Einblicken in die uhlmann'sche Biografie. Während die Band dezent die Melodie des Stückes liefert, berichtet der Frontmann aus seinem Kinderzimmer, vom ständigen Fahrradfahren, von den väterlichen Aggressionen gegen Kreator und Slayer, dem Tod der Oma eines Kumpels, der eigentlich zu einer Party gerufen hat. „Hier komm ich her, hier bin geboren, hier komm ich her“, singt Uhlmann im Refrain und widmet es allen Besuchern, die vom Land kommen. Selten wurde die Verwurzlung in provinzieller Erinnerung ehrlicher und besser formuliert als in diesem Song, „Du kriegst die Leute aus dem Dorf, das Dorf nicht aus den Leuten / Und ich weiß nicht wirklich, was soll es bedeuten.“ Melancholisch denkt man selbst an die eigenen Kindheit auf dem Land zurück und ist froh dort aufgewachsen zu sein. Emotionen werden geweckt, ohne zu Verkitschen, Kontraste klingen an, Kritik wird deutlich, doch überwiegt, ja verbleibt auch in den Grautönen die Identität, nach der die urbane Gesellschaft, gerade die, die es aus der Provinz dorthin verschlug, suchen. „Hier gibt es Restaurants, in die niemand geht, / Weil das Essen um Punkt sechs auf den Tischen steht. / Hier gibt es Kühe auf den Weiden und Atomkraftwerke / Und reden war noch niemals unsere stärkste Stärke. / Haben hohe Himmel im tiefsten Blau. / Hier nimmt man seine Jugendliebe noch zur Frau.“ Man akzeptiert den Pathos, weil er treffend ist, man legt es nicht als Zynismus aus, weil es wertneutral berichtet, wie das Leben spielt. Es sind Lieder, wie dieses, die den Künstler Thees Uhlmann auszeichnen und die die Springsteen-Vergleiche zulassen. 
Nächste Woche erscheint „#2“, das zweite Album unter eigenem Namen. Mit „Am 07. März“ wird nur ein neues Stück vor den Toren Leipzigs gespielt. Der eingängige „Ohoho“-Refrain lässt einen Hit erwarten. Name- und date-dropping stört nicht; ausgehend vom gemeinsamen Geburtstag seiner Mutter und Rudi Dutschke im selben Krankenhaus in Berlin-Pankow berichtet Uhlmann von weiteren Ereignissen an diesem Tag in der Geschichte: Von der Rhein-Überquerung der Amerikaner bei Remagen im zweiten Weltkrieg, über die Veröffentlichung von „American Psycho“, dem ersten Mal „We Are The World“-Hören, der Patentierung des Telefons, die erste "Sendung mit der Maus" bis hin zur Gründung der FDJ. Dazu gibt es wunderbare Zeilen wie „Die Menschen spielten wirklich irgendwann mal Tennis“. 
Dass die Technik ausgerechnet bei „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“, dem größten Solohit, der Assoziationen zu einer anderen wichtigen Band im Uhlmann'schen Kosmos zulässt, nämlich Oasis, ist tatsächlich ärgerlich. Wütend wirft Uhlmann den Mikrophonständer um, das Publikum singt währenddessen den Refrain, bevor die Probleme behoben sind und sich der Song als zu erwartendes Highlight beweist. 
Die Zuschauer toben, Uhlmann zieht die Lederjacke aus, steht im schwarzen T-Shirt vor den Zuschauern, lässt sich feiern. Die Strophen entfalten ihre glänzende Wirkung mit dem aufbäumenden Einsetzen des Refrains erst richtig. Ein Feedback hallt nach, tosender Applaus. 
„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht; Casper aus Bielefeld kann heute nicht bei uns sein. Jetzt die schlechte, ich muss selbst rappen.“ „& Jay Z singt uns ein Lied“ markiert den Schlusspunkt eines starken Konzerts, das den Ausfall Turners fast vergessen macht. Die Zuschauer singen den ikonischen Song eindrucksvoll mit, dann käme Caspers Einsatz, Uhlmann beginnt zu rappen; „Mehr Kraft als Mut mit mehr Schnaps als Blut / In den Augen, Taumel durch die Nacht im Flug schlafimmun / Ab und zu Lebenslichter schwebenden Songs / Hab' 99 Probleme, wir sind jedes davon“, dann bricht er ab, der Refrain setzt verfrüht ein, die Zuschauer spielen euphorisiert mit. 
Verschwitzt und strahlend lächelnd verabschiedet sich Uhlmann mit einer Verneigung: „Wenn ich daran denke, mit Gaslight Anthem auf einer Bühne zu stehen, geht mir einer ab! Und Tocotronic sollen 'Jenseits des Kanals' spielen. Wir sehen uns bald!“ 
 45 Minuten nach dem verspielten Piano-Intro von „Römer am Ende Roms“ ist man begeistert. Es gelingt ihm, Menschen glücklich zu machen - auch das scheint ein Standard zu sein. Das ist das größte Kompliment, das man Uhlmann machen kann. Er ist auf einem guten Weg, seine Stellung als deutscher Musiker in der Tradition Springsteens zu festigen, ohne ins bloße Epigonentum abzufallen. Ich gratuliere!


Setlist Thees Uhlmann & Band, Großpösna:

01: Römer am Ende Roms
02: Das Mädchen von Kasse
03: Vom Delta bis zur Quelle
04: Die Toten auf dem Rücksitz
05: Die Nacht war kurz (ich stehe früh auf)
06: Lat: 53.7. Lon: 9.11667
07: Am 07. März (neu)
08: Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
09: & Jay Z singt uns ein Lied


Links:
- aus unserem Archiv:
- Thees Uhlmann & Band, Mannheim, 01.06.2013 
- Thees Uhlmann & Band, Haldern, 09.08.2012
- Thees Uhlmann & Band, Scheeßel, 23.06.2012
- Thees Uhlmann & Band, Trier, 10.12.2011
- Thees Uhlmann & Band, Köln, 25.11.2011
- Thees Uhlmann & Band, Bielefeld, 12.12.2010
- Tomte, Wien, 05.09.2009
- Tomte, Mülheim, 25.03.2009

Tocotronic, Großpösna, 18.08.2013

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Konzert: Tocotronic
Ort: Großpösna, Störmthaler See (Highfield Festival)
Datum: 18.08.2013
Dauer: etwa 50 Minuten
Zuschauer: mehrere 1000



„Wir möchten diesen Song einer guten Freundin und langjährigen Weggefährtin widmen, die vergangene Woche verstorben ist, Almut Klotz.“  
Dirk von Lowtzow im äußerst stilvollen blau-weißem Polka-Dot Hemd schließt ziemlich genau in der Mitte des Sets die Augen, dann folgt „Drüben auf dem Hügel“, der gehetzte Schlüsselsong des unschätzbaren Debütalbums „Digital ist besser“
Die Hommage, das würdevolle Andenken an das charismatische Lassie Singers-Gründungsmitglied, das nach kurzer schwerer Krebserkrankung mit gerade einmal 50 Jahren verstarb, treibt Tränen in die Augen. Von Lowtzow schreit ein markerschütterndes „Almut“, während die ersten Reihen geschlossen unvergessliche Zeilen mitsingen. 
Bei „Ich warte dort auf dich weil ich dich mag / An unserm letzten Sommerferientag“ muss meine kleine Schwester auf ihrem ersten Festival grinsen. Am darauffolgenden Tag beginnt für sie wieder die Schule, Cro am Vortag fand sie – selbstredend zurecht - doof, Tocotronic toll - selbstredend zurecht. 
Von vornherein stand widerspruchsresistent fest, dass es einer der besten Auftritte des diesjährigen Festivals sein würde, dass Tocotronic ein Juwel im kümmerlichen Line-Up des traditionsreichen ostdeutschen Rockfestivals sind. Damit, Zeuge eines schier rauschartigen Konzerts auf der kleineren Bühne zu werden, konnte ich jedoch nicht rechnen: 
Tocotronic gelingt es mit einer nahezu perfekten Setlist, Wut, Spielfreude und Trauer die besten 50 Minuten des Festivals zu kredenzen; mehr noch, das beste Konzert zu spielen, das ich bisher von dieser Band erleben durfte. 
Enttäuscht dürfte zum Schluss nur Thees Uhlmann gewesen sein, der sich gegen Ende seines eigenen Auftritts auf der Hauptbühne unmittelbar vor Tocotronic wünschte, sie mögen doch „Jenseits des Kanals“ spielen. Die Hoffnungen des ehemaligen Roadies der Band auf den „K.O.O.K“-Song erfüllen sich nicht, stattdessen gibt es nach dem wunderbar behäbigen Beginn mit „Wie wir leben wollen“ „Let There Be Rock“ und jedem Menge gereckte Fäuste.  
„Wir haben gehalten in der langweiligsten Landschaft der Welt / Und festgestellt, dass es uns hier gefällt“, transferiert auf die sächsische Provinz vor den Toren Leipzigs, erscheinen mir die Zeilen passender denn je. Dirk von Lowtzow singt nicht, er skandiert im ihm eigenen Timbre und verstört sichtlich diejenigen, die für Frida Gold(!!!) kamen oder auf den Auftritt der megaerfolgreichen Mumford & Sons – Trittbrettfahrer The Lumineers aus Colorado warten. 
Mit „This Boy Is Tocotronic“ fortzufahren, erfreut die Fans, und während Arne Zank (Schlagzeug) und Bassist Jan Müller einen soliden Rhythmus liefern, glänzt Rick McPhail im großkarierten, roten Hemd, in dem ich ihn schon mehrmals gesehen habe, als musikalische Geheimwaffe des wichtigsten Kollektivs der Hamburger Schule. Ohne den amerikanischen Multiinstrumentalisten wäre der musikalische Fortschritt der Band in den letzten Jahren undenkbar gewesen. Seit knapp 10 Jahren ist der ehemalige Roadie Teil der Gruppe und machte mit musikalischer Perfektion Tocotronic reif für weitere Dekaden. 


Für viele Kritiker und Fans jüngerer Generation ist „Kapitulation“, das 2007 erschienene, achte Studioalbum, das größte Meisterwerk. Und ja, natürlich ist es ein Meilenstein deutscher Popmusik. Der härteste Song der Platte, „Sag alles ab“, reicht als Beleg und fordert das grundsätzlich eher US-Punk affine Highfield-Publikum förmlich zum Pogen auf. Wütend ausgespuckte Zeilen, townshend'eske Bewegungen Lowtzows und Müllers setzen ein visuelles Ausrufezeichen hinter den wütenden Refrain, bevor „Die Revolte ist in mir“, einer der besten Songs des aktuellen Albums „Wie wir leben wollen“ folgt. 
Obwohl mir der Zugang zum jüngsten Werk eher schwer fällt, muss ich anerkennen, dass gerade von diesem Song mit seinen offensichtlichen Smiths-Verweisen eine angenehme Anziehung ausgeht. 
Kurz fällt von Lowtzows Gitarre aus, technische Probleme durchziehen das ganze Festival, doch den 42-jährigen gebürtigen Badener lassen derartige Kleinigkeiten kalt. Lächelnd wird das Problem behoben, bevor mit ernster Miene Almut Klotz gedacht wird, deren Tod zum Zeitpunkt des Tocotronic Auftritts noch keinen Weg in die Medien fand, der einen umso härter trifft. 
Nach „Drüben auf dem Hügel“ gibt es mit „Ich will für dich nüchtern bleiben“ einen dritten neuen Song. Auch ohne projeziertes Straight Edge X auf der Leinwand wie bei vorangegangenen Konzerten kommt von Lowtzows berüchtigter Zynismus gut zur Geltung, der bei der Ankündigung des politisch brisanten „Aber hier leben, nein Danke“ noch weiter ausgereizt wird: Sorgte beim brandenburgischen Greenville Festival sein „Möge jedes gottverdammte Nazikaff hier in der Gegend erzittern“ noch für einen mittelgroßen Aufschrei eines Springer-Blatts widmet er es diesmal den Köchen des Festivals. 
Zeiten ändern sich und so fordert der grau melierte Sänger mit Dreitagebart bei „Macht es nicht selbst“ vom vorletzten Album „Schall und Wahn“, das Tocotronic 2010 als deutsche Crazy Horse auswies, die Zuschauer zum Klatschen auf. 
Ob es sich wieder um einen Akt ironischer Selbstkarikatur handelt oder einfach ehrlicher Spielfreude geschuldet ist, kümmert hier niemanden. Tocotronic gelingt es ein musikalisch eher fremdes Publikum für sich zu gewinnen, dafür gebührt dem Hamburger Quartett ehrlicher Respekt. 
Zum Abschluss folgt mit „Hi, Freaks“ noch ein heimlicher Klassiker der Bandgeschichte, bevor Stockhausens „Gesang der Jünglinge“ vom Band das Ende markiert. 
„Macht's gut, bis bald!“ Tocotronic verneigen sich, Daphne das Plüschmaskotchen schnattert. 
Ich bin dankbar für den besten Auftritt des Festivals und erschüttert vom Tode Almut Klotz'. 


Setlist Tocotronic, Großpösna:

01: Wie wir leben wollen
02: Let There Be Rock
03: This Boy is Tocotronic
04: Sag alles ab
05: Die Revolte ist in mir
06: Drüben auf dem Hügel [Almut Klotz gewidmet]
07: Ich will für dich nüchtern bleiben
08: Aber hier leben, nein danke
09: Macht es nicht selbst
10: Hi, Freaks 


Links:
- aus unserem Archiv:
- Tocotronic, Erlangen, 11.04.2013
- Tocotronic, Stuttgart, 12.03.2013 
- Tocotronic, Wien, 29.03.2010
- Tocotronic, Köln, 04.03.2010
- Tocotronic, Köln, 07.06.2008
- Tocotronic, Hohenfelden, 17.08.2007



 

Konzerttagebuch © 2010

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