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Montag, 7. Mai 2012

Boy & The Echo Choir & Odonis Odonis & Chelsea Wolfe, Paris, 04.05.12

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Konzert: Boy & The Echo Choir & Odonis Odonis & Chelsea Wolfe

Ort: Le Point Ephémère, Paris
Datum: 04.05.12
Zuschauer: vielleicht 180
Konzertdauer: Chelsea Wolfe etwa eine Stunde, die anderen kürzer



War ein richtig guter Konzertabend am Freitag in Paris. Alle drei Acts zeigten sehr ansprechende Auftritte und bewiesen,daß die internationale Indie-Szene nach wie vor frisch und abwechslungsreich ist. Aus drei Staaten waren sie gekommen, die Künstler die uns heute den Abend verschönerten.

Bei Boy & The Echo Choir aus Frankreich waren aber leider noch nicht sehr viele Leute da. Caroline und ihre Kollegin Rachel spielten hinreißend melancholischen Indie-Pop zum Steine erweichen. Mit der Kombination aus samtweichem Frauengesang, in moll gehalteten Pianoklängen und atmosphärischen Gitarren kann man mich ja grundsätzlich leicht schachmatt setzen und auch heute konnte ich mich kaum gegen die verführerische Schwermut dieses Cocktails erwehren.

40 Minuten lang wurde sanft gedreampoppt, sehnsüchtig ins Mikro gehaucht und butterzart Klavier gespielt. Performt wurden Lieder vom letzten Album And Night Arrives In One Gigantic Step und einem noch nicht erschienenen Neuling.

Auf den Studioversionen spielen verschiedene Musiker mit, da gibt es auch Schlagzeug, Harmonium, Akkordeon, Glockenspiel und viele andere schöne Dinge, aber hier und heute standen nur zwei Pianos, eine E-Gitarre und in einer spektakulären Szene eine singende Säge zur Verfügung. War aber nicht schlimm, denn auch die abgespeckte Variante wusste zu verzücken.

Highlights waren Last Days und das abschließende Take Me Home, bei dem eine ganz intensive Spannung aufgebaut wurde, die sich am End zumindest zum Teil entludt. Einen Moment konnte man da glatt an Soap & Skin denken, während mir ansonsten die depressiven Franzosen Cyan & Ben, oder natürlich auch Cat Power aus ihrer frühen Phase in den Sinn kamen.

Insgesamt ein wundervolles, sehr getragenes Konzert.

Setlist Boy & The Echo Choir, Le Point Ephémère, Paris:

01: A Distant Rambling
02: Why Can't We
03: It Might Be The Wrong Place
04: The Organs
05: Into The Light
06: Last Days
07: Fire
08: Take Me Home




Trotzdem gut, daß die Raubeine von Odonis Odonis aus Kanada danach einen Zahn zulegten. Die drei Wüteriche ließen von Anfang bis Ende die Füße auf dem Gaspedal und machten höllischen Lärm. Ihre Songs kamen punkrockig, kompakt und catchy rüber und erinnerten mich ein wenig an die Kultband Gun Club aber auch an Pavement. Ich hatte zuvor nie von ihnen gehört, war aber so angetan, daß ich mir fast ihr Album Hollandaze zugelegt hätte. Dies scheiterte letztlich nur an chronischem Geldmangel.

Geile Band, die muss ich unbeingt noch mal sehen!

Dann war endlich Chelsa Wolfe an der Reihe. Schon vor dem Konzert konnte man sie durch die Flure huschen sehen und sich über ihre extrem hohen Plateauschuhe wundern. Auf der Bühne wirkte die ohnehin nicht kleine Frau aus Los Angeles dann noch einmal deutlich größer und man glaubte, sie messe 2 Meter! Mit schwarz-weißer Kutte war sie aufgelaufen und hatte auch eine männliche Begleitband dabei, die sie druckvoll unterstützte.

Chelsea wirkte wie eine moderne Hexe oder auch wie ein blutrünstiger Vampir, richtig zu sehen bekam man sie aber kaum. Das Licht war bewußt gedämpft und so musste man immer auf die Pausen zwischen den pechschwarzen und tonnenschweren Songs warten, um ein Blick auf ihr heute unverhülltes Antlitz zu erhaschen. Ihre Haut war kreidebleich, die Augen blaßblau und die Haare strähnig und schwarz wie Asche. Am Ende hingen sie verschwitzt herunter, was Fotografen zu spannenden Fotos zu nutzen versuchten.

Während der Show versank Chelsea in einen tranceartigen Parallezustand und sang abwechselnd in zwei Mikros. Natürlich benutzte sie massenweise Halleffekte, klang aber dennoch enorm stark nach der frühen PJ Harvey. Als eine bloße Kopie erschien sie mir aber aber nicht, dafür war sie doch zu eigen.


Das Konzert war insgesamt nicht durchgängig packend. Nach gutem Beginn (mit Movie Screen, einem Hammer!) gab es im Mittelteil einen Hänger, bevor erfreulicherweise fantastisch abgeschlossen wurde. Da war die erzeugte Spannung wirklich enorm, die Stimmung dicht und sehr intensiv. In diesen letzten zehn Minuten war ich wirklich hypnotisiert, nachdem ich vorher immer mal wieder hin und her gewandert war. Ich glaube es war das immense Pale on Pale was das reguläre Set bendete. Über sieben Minuten lang wurde eine schwarze Messe gelesen, die das Blut in den Adern stocken ließ. Fast gruselig, was da ablief. Nichts für schwache Nerven und sicherlich unhörbar für Leute, die fröhlichen Sonnenschein-Pop bevorzugen.

PALE ON PALE by CHELSEA WOLFE

Die Zugabe Halfsleeper toppte alles. Ein todtrauriges, aber enorm faszinierendes Lied mit wundervollen geloopten Chören und einer unwiderstehlichen Friedhof-atmosphäre.

HALFSLEEPER by CHELSEA WOLFE

Setlist Chelsea Wolfe, Le Point Ephémère, Paris:

01: Movie Screen
02: Widow
03: Demons
04: Mer
05: Tracks
06: Moses
07: Reigns
08: Noorus
09: Feral Love
10: Ancest
11: Pale On Pale

12: Halfsleeeper




Donnerstag, 3. Mai 2012

Chelsea Wolfe, Trier, 02.05.12

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Konzert: Chelsea Wolfe
Ort: Exhaus, Trier (kleiner Saal)
Datum: 02.05.2012
Zuschauer: vielleicht 80 (recht voll)
Dauer: Chelsea Wolfe knapp 60 min, Pretty Lightning gut 35 min


Im 3. Jhd war Trier unter Kaiser Konstantin dem Großen zeitweilig eine von vier Hauptstädten des Römischen Reichs und erlebte eine Blütezeit, von der die Stadt heute noch profitiert. Daß 1.700 Jahre später Prince im Moselstadion auftrat, kann auch nur daran gelegen haben, daß der Veranstalter etwas von Hauptstadt, Kaiser und einem Stadion genuschelt hat und das Management des Amerikaners, das in europäischer Geschichte in der Highschool gefehlt hatte, das geglaubt hat. 

Der Tobsuchtanfall des Künstlers, der da, wenn ich mich richtig erinnere, gerade TAFKAP hieß, soll jedenfalls legendär gewesen sein, als er im "Stadion" der Römischen Hauptstadt ankam und gemerkt hat, daß man ihn in die tiefste Provinz gebucht hatte. Ob man heute noch mit gleichen Methoden Künstler an die Mosel schanghaien muß, weiß ich nicht. Chelsea Wolfe schien freiwillig gekommen zu sein. 

Das Exhaus liegt direkt gegenüber vom Princeschen Moselstadion. Das - das Stadion, nicht das Jugendzentrum - erlebte seine Glanzzeit 1998, als die dort ansässige Eintracht im DFB Pokal Schalke und Dortmund ausschaltete, die beide im Sommer davor einen Europapokal gewonnen hatten. Der (Ur-)Trierer Spieler Rudi Thömmes war nach einem dieser Spieler in der Sportschau und grüßte in breitestem Trierisch seine Kollegen, die gerade "im Saaagreb" feierten, einem Kroaten direkt neben dem Exhaus. Eine verdammt geschichtsträchtige Gegend rund um den Laden, in dem die Kalifornierin Wolfe heute auftrat. Ich habe in meinem Leben ein Konzert im Exhaus gesehen, die Toydolls irgendwann Anfang der 90er Jahre, im vollkommen überfüllten großen Saal des Kulturzentrums. Der heutige Raum lag daneben, war auch ein Keller, vielleicht knappe 100 qm groß und roch eklig moderig. Er war noch nicht voll, als das zweiköpfige saarländische Projekt Pretty Lightning auftrat. 

Schlagzeug und Gitarre war die Instrumentierung des Duos, psychedelischer Bluesrock der Output. Mit bluesigen, wabernden Gitarren kann man mich jagen. Es war also nichts für mich, auch wenn die selbstgebastelte Gitarre beim ersten Stück toll aussah (bald gibt es ja wieder Yps-Hefte, diesmal mit Zielgruppe Männer zwischen 35 und 40 - ob es da auch mal eine E-Gitarre als Gimmick gibt?). 

Chelsea Wolfe stammt aus Kalifornien und wurde heute von drei Musikern begleitet. Bevor sie aber starten konnte, mussten massive technische Probleme ausgeräumt werden. Chelseas Mikros klangen beim Soundcheck grausam knisternd, die Effekte mussten umgestöpselt werden, einer wurde ganz abgeklemmt, es knirschte immer noch. Erst als die beiden Mikroständer neu aufgebaut wurden, war der Klang zumindest so weit tragbar, daß das Konzert beginnen konnte. Aber es klappte auch in der Folge vorne und hinten nicht. Chelsea konnte ihre Stimme während des ganzen Konzerts nicht über die Monitorboxen hören, sang quasi blind. Dafür schlug sie sich extrem souverän, das Konzert hörte sich überraschend gut an. Es gab immer wieder Rückkopplungen, die nicht vorgesehen waren, häufige Bitten, mehr dies oder das auf die Monitore zu spielen. Als das ausblieb, reagierte die Band erstaunlich professionell und ließ sich kaum anmerken, wie unglaublich nervig dieser Auftritt für sie war. Ich hatte fest damit gerechnet, daß das Konzert vorzeitig beendet werden würde, die Band zog das geplante Programm aber tapfer durch. 

Dabei hängt Chelseas Musik stark von gutem Sound ab. Das mag komisch klingen, weil rohe, düstere Lieder sich ja ohnehin oft dumpf anhören. Wenn man sich die Stücke von Chelseas letzter Platte aber einmal akustisch vorzustellen versucht, merkt man, wie wichtig ordentlicher Hall und andere Effekte sind. Und wieso die Sängerin zwei Mikros auf der Bühne braucht. "Most likely to scare your arse," beschreibt der Guardian Chelseas Musik (oder war es Chelseas Vorbereitung auf ein mögliches Elfmeterschießen in München?). 

Mir macht Musik im Stile von PJ Harvey oder endsiebziger Punk keine angst, mich fasziniert sie. Und solche Momente gab es durchaus während des Auftritts der Amerikanerin. Sensationell war zum Beispiel Feral love (ich denke, daß es so heißt), das vorletzte Stück des regulären Sets. Zu Chelseas Gesang kam da ein Schlagzeug, das sich wie starker Regen oder Hagel auf einem Blechdach anhörte. Wenn es über dem Gebäude 9 oder der Live Music Hall regnet, klingt es so. Auch Noorus war ein großer Höhepunkt und wahrscheinlich das beste Lied des Abends. Aber auch der Punk-Beginn taugte sehr viel. Bei Movie screen hörte sich Chelsea Gesang nicht an, als stamme er von einer Stimme, er klang, als komme er von einer weiteren Gitarre. Auch das gefiel mir ganz besonders! Obwohl dem Konzert jeder Fluß fehlte, weil zwischen die Liedern immer Korrekturen versucht wurden, war es ein sehr guter Abend. Die Probleme der Band waren nicht gespielt, man merkte ihnen die immer verzweifelteren Versuche an, etwas auf der Bühne zu retten. Mal wurde das Keyboard nach hinten gebaut, mal verkabelte der Gitarrist seine Pedale während eines Songs neu (bei Widow), immer wieder fragte Chelsea, ob wir sie hören könnten. Erstaunlicherweise hörte es sich aber vor der Bühne nicht anders an, als ich es vorher erwartet hätte. Wer hinten im muffigen Keller stand, konnte den Eindruck gewinnen, es sei alles normal. 

Ich möchte Chelsea Wolfe gerne noch einmal weniger widrig sehen, weil ihre Musik toll ist! Auf der anderen Seite passen ein stinkender Keller und ein verfluchter Bühnenaufbau ja auch ganz gut zu ihrer Musik. 

Setlist Chelsea Wolfe, Exhaus, Trier (noch ungeprüft): 

01: Movie screen 
02: Demons 
03: Mer 
04: Tracks (tall bodies) 
05: Noorus 
06: Moses 
07: Widow 
08: Ancestors (?) 
09: Feral love 
10: Pale on pale 

11: Halfsleeper (Z) 


Links:
 

- Chelsea Wolfe, Paris, 08.03.11


Mittwoch, 9. März 2011

Julianna Barwick & Chelsea Wolfe, Paris, 08.03.11

1 Kommentare

Julianna Barwick & Chelsea Wolfe

Ort: Le Pop In, Paris
Datum: 08.03.11

Zuschauer: gerammelt voller Keller. 100 vielleicht?

Konzertdauer: Julianna etwa 45-50 Minuten, Chelsea etwas kürzer


Wow! So viel Herzlichkeit erfährt man heutzutage nur noch selten.


Was war passiert? Nun, die junge Amerikanerin Julianna Barwick hatte mir zum Abschied einen richtig schönen "hug" verpasst und mich ganz doll geherzt. Nach meinen Oliver Peel Sessions passiert mir das schon mal häufiger, da pressen mich gerade die Amerikaner öfter mal gegen ihre Brust und ich liebe es. Fast wie beim Fußball, wenn der Torschütze von seinen Mannschaftskameraden geradezu erdrückt wird.

Dabei hatte ich nichts Besonderes geleistet, sondern war einfach nur zum zweiten Mal hintereinander zu einem Konzert von Julianna erschienen. Das Normalste der Welt, wenn man bedenkt, wie atemberaubend schön das gestern in dieser Kirche war. Auch ihr lieber Daddy war wieder mit von der Partie, um auf seine Tochter aufzupassen. Er erkannte mich wieder, drückte mir fest die Hand und bedankte sich für mein neuerliches Erscheinen.

Anders als die peinlichen Eltern der unsäglichen Casting- Schützlinge von RTL kann er stolz auf seine Tochter sein. Auf ihr ungeheures Talent, ihre glasklare Stimme, ihre Kreativität und auch auf ihr natürliches und herzliches Auftreten. Julianna Barwick ist eine Künstlerin, wie sie selbst einem altgedienten Konzertjunkie wie mir nicht alle Tage über den Weg läuft. Sängerinnen ihrer Güteklasse entdecke ich höchstens 2 bis drei pro Jahr, wenn überhaupt. Was sie heute abend im Pop In zu Paris ablieferte, war Hörgenuß pur, ein Fest für die Sinne, ein unvergessliches Erlebnis. Die New Yorkerin begeisterte mich mit ihrem "One Woman Choir" über alle Maßen. One Woman Choir? Ja, Julianna schafft Klangwelten, die ansonsten nur ein ganzer Kirchenchor hinbekommt. Dank sei der modernen Looptechnik und der Fähigkeit Barwicks, diese gewinnbringend einzusetzen. Durch scheinbar bloßes Drehen an ein paar Knöpfchen ist die Amerikanerin in der Lage, ihre sensationelle Stimme aufzunehmen und an passender Stelle wieder abzurufen. Dergestalt enstehen dichte, in Watte gepackte Chorgesänge, die so engelsgleich schön sind, daß man sich im Paradies wähnt. Der gesamte kleine Keller im Pop In wurde von Julianas luftigem, cremig gerührten Gesangesorgan durchflutet und ihr ätherischer Gesang durchdrang jede Pore meines Körpers. Ein sinnliches, benebelndes Erlebnis, das lediglich durch die große Hitze ein wenig gestört wurde. Aber viele Menschen erzeugen nun einmal Wärme und ganz Indie-Paris war auf den Beinen, um zu hören und zu staunen.



Barwick setzte ihre Stimme auf unterschiedliche Weise ein. Manchmal loopte sie nur ein paar Töne, in anderen Momenten aber auch längere, konventionelle Songzeilen (aber was sang sie da bloß?), über die sie dann noch einmal drüber intonierte. Das Ergebnis war mehr oder minder experimentell, aber immer ergreifend und verblüffend. Die Gesänge schienen nicht von dieser Welt zu sein. Performt wurde überwiegend Material des neuen Albums The Magic Place aber auch Sanguine kam zu seinem Recht.

Jeder, der heute dabei war, wird bestätigen können, das dies ein ganz ganz besonderes Konzert war. Die Frau wird ihren Weg gehen, ihr Daddy muss sich keine Sorgen machen! Ace!

Vor Julianna Barwick war die aus Los Angeles stammende Chelsea Wolfe aufgetreten. Eine gothisch gekleidete Frau, die ihr Gesicht hinter einem schwarzen Schleier verhüllt hatte und rabenschwarze Musik zelebrierte. Ihre Stimme erinnerte mich an Marissa Nadler und das Ganze hatte mich so neugierig gemacht, daß ich hinterher ihre CD erwarb. Sie wird in den nächsten Tagen und Wochen noch mehrfach in Paris auftreten, dann kann ich Genaueres berichten. Nicht unterschlagen werden sollte der Gastauftritt einer weiteren verschleierten Frau am Ende des Sets von Chelsea Wolfe, die zwei sehr experimentelle Songs zum Besten gab. Bei einem Stück ließ sie eine Kassette mit russischem spoken word laufen und begleitete das Gebrabbel irgendwann mit ihrer eigenen Stimme. Ich fand's spannend, was die aus der Ukraine stammende Wahlpariserin da ablieferte. Wie sie heißt? Elena Dingenskirchen. Elena auf jeden Fall. Werde es herausfinden.



 

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