Samstag, 2. Juni 2012

Orange Blossom Special 16, Beverungen, 25.-27. Mai 2012


Konzert: Orange Blossom Special 16

Datum: 25.-27. Mai 2012

Ort: Beverungen

Zuschauer: 1800


Bericht und Fotos von Gudrun aus Karlsruhe

Ich bin sicher nicht im Fokus der Werbung für Freiluft Musikfestivals. Beim Lesen der Line-ups habe ich freilich schon immer mal leise geseufzt und diejenigen beneidet, die so viel geile Musik in so kurzer Zeit geboten bekommen, aber wenn ich ehrlich bin, könnte ich nicht gut damit leben, ein Wochenende lang rumgeschubst zu werden und das eine oder andere Bier über den Latz gekippt zu bekommen. Dann lieber Rockpalast schauen und auf dabei auf dem Sofa liegen...

Eine erste Ausnahme hatte ich im letzten Herbst gemacht, als mich das Sound of Bronkow Festival nach Dresden gelockt hatte. Aber da war mir klar, ich kann mich jederzeit zurückziehen, wenn es mir zu viel wird. Das war aber dann zum Glück nicht nötig. Statt dessen traf ich lauter interessante Leute, hatte nette Unterhaltungen mit Fremden und alles war recht entspannt und locker. Von der Musik mal gar nicht zu
reden: da gab es diverse Neuentdeckungen und emotional tolle Konzerte. Das passte.


Dementsprechend war es dann nicht mehr so schwierig, einen weiteren Schritt zu wagen und eine Nummer größer, nämlich beim Orange Blossom mein Glück zu versuchen. Im klienicum las man ja darüber die dollsten Sachen. Pfingsten passte als Termin auch erst einmal in den Plan und schließlich gelang es mir auch noch, Betten in einer Pension zu bekommen (über die Warteliste noch reingerutscht).

Ganz zum Schluss stellte sich überdies heraus, dass sich Petrus ganz besonders viel Mühe geben würde und uns sonnige Pfingsttage gegönnt waren.

Im Vorfeld hatte ich mich besonders auf folgende Programmpunkte gefreut:

Christian Kjellvander, Amanda Rogers, Andrea Schröder, Kill it kid, und Nive Nielsen. Sehr neugierig war ich auf The Miserable Rich und auf Orph.

Blöderweise trafen die zwei kurzfristigen Änderungen im der Liste genau zwei der Acts auf die ich mich speziell gefreut hatte. Der ``Ersatz'' Scott Matthew war aber meinerseits sofort akzeptiert. Nach den vielen Berichten hier im Konzerttagebuch war unser Bekanntwerden miteinander ohnehin überfällig.

Leider verzögerte sich zu allem Überfluss die Anreise und ich war erst mit 2 Std. Verspätung im Glitterhouse-Garten. Damit war einerseits Christian Kjellvanders Auftritt schon Geschichte und es war auch nicht der glücklichste Zeitpunkt um dazu zu stoßen. Der Garten war rapppelvoll, viele der Besucher (gefühlte ALLE) auch, die Mondinvasoren machten einen Heidenlärm (jedenfalls kam es mir in dem Moment so vor und man betritt das Gelände direkt neben der Bühne) und es war nicht so einfach, sich erst einmal zu orientieren zwischen den Massen. Wo war ich da nur hingeraten...


Aber das Konzert der jämmerlichen Reichen versöhnte mich dann auf's Schönste. Dafür war es in jedem Fall lohnend gewesen, am Freitag schon dabei gewesen zu sein. Diese folkige und selbstironisch poppige Art Musik ist ja sowieso meins und vor allem James de Malplaquet trat als purer Verführer für die Musik der Truppe vor die Massen und ließ sie aus seiner Hand fressen. Es gab viele lustige und schaurige Geschichten zur Musik serviert und vollen Stimm- und Körpereinsatz. Das sollte man wirklich mal live und dabei erlebt haben! Als sie zur Zugabe auch noch schaurig geschminkt wieder auftraten war die Inszenierung perfekt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dieser Band die Treue halten werde und die nächste Gelegenheit ergreife, sie live wieder zu sehen. Ich hatte mich in der Umbauphase sehr weit vorn positionieren können und genoss, dass es dort freundlich zuging und wohl doch nicht alle nur noch volltrunken torkelten...

Am Samstag lagen die herbeigesehnten Acts schon recht früh: 12:40 Uhr Scott Matthew, anschließend Andrea Schröder. Als ich kam, erwischte ich noch den Abschluss von Rocco Recycle und war ganz bezaubert, was dieses Gesamtkunstwerk von Vollblut-Entertainer so losmacht. Kindergeburtstag in bester Tradition für das Kind in mir würde ich das kurz und respektlos zusammenfassen.

Scott Matthew soll später einen eigenen Bericht bekommen. In jedem Fall war dies ein Wechsel von laut und schrill nach leise und innig. Aber beiden Acts gemeinsam sicher die selbstironische und dem Publikum zugewandte Haltung und die offensichtliche Spielfreude.

Mit modernster Technik war es anschließend gelungen, E. vom klienicum zu finden (am nächsten Tag wäre es deutlich leichter gewesen, da trug er das Shirt zum Blog). Auch das ein sehr spannender Teil des OBS 16 für mich und hoffentlich nicht das letzte persönliche Treffen bei einem netten Anlass!


Der Wechsel zu Andrea Schroeder (und Band - hier werden wohl die drei Herren im weiblichen Namen subsumiert) war anschließend wieder sehr interessant. Eine irgendwie andere Aura, etwas gediegener, aber auch geheimnisvoll (geht das überhaupt zusammen?). Ich hatte mich schon im ersten Versuch, das Line-up vom OBS16 für mich zu bewerten in die im Netz zum Probehören verfügbaren dunklen Balladen verliebt und hatte die Hoffnung, hier auch schon vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin das Album erwerben zu können. Es war offensichtlich, dass allen der Auftritt beim Orange Blossom viel bedeutete, fast wirkten sie etwas nervös. Dann fiel dem Schlagzeuger sogar das Becken vom Sockel... Dabei wurden die Lieder vom für die frühe Stunde wirklich zahlreichen Publikum von Anfang an sehr freundlich aufgenommen. Auch dies sicher Musik, die ich im Auge behalten werde und die für mich durch das Live-Erlebnis einen neuen Stellenwert bekommen hat.


In das Set der Fuzztones hörte ich lieber mit etwas Abstand von weiter hinten hinein. Das war solide, rotzig und wie erwartet. Vielleicht am meisten nachwirkend für mich die Ansage der Band über New York und Los Angeles nun in Berlin zu Hause zu sein und was in diesem Satz alles steckt. Ich blieb nicht bis zum Ende, sondern gönnte mir ein Päuschen am Weserrand und anschließend ein gutes Abendessen.


Pünktlich zu Erland & the Carnival war ich dann wieder dabei. Der Name war mir geläufig, die Soundschnipsel hatten mich noch etwas unentschlossen gelassen, ob das Set meins würde. Aber die Bedenken zerstreuten sich ganz schnell. Schon die Show des Sängers war es wert :) Ein wirklich energetisches und aufgeheiztes Set neben dem die Sonne langsam unterging.

Ähnlich unentschieden erwartete ich schließlich Immanu El als
Nachtmusik für den Samstag. Es erinnerte mich sehr an Sigur Rós aber überforderte meine Aufnahmefähigkeit für die späte Stunde. Für mich angemessen wäre es gewesen, diesen Klängen mit geschlossenen Augen in einem bequemen Sitz- oder Liegemöbel zu folgen. Freilich hätte man dann die Segelfahrtimpressionen nicht verfolgt, die an die Leinwand projiziert wurden. Aber die verfing bei mir sowieso nicht so richtig als Mehrwert des Konzertes gegenüber dem Hören der CD bequem zu Hause. Es war finster auf der Bühne und es passierte wenig und ich gab nach 30 min auf.


Am Sonntag waren Clickclickdecker mein absoluter Überraschungshit. Mit deutschen Texten ist es ja immer so eine Sache. Da gibt es die tollen wie die Locas in Love und dann... die anderen eben. Aber hier waren die Text toll und die Live-Performance führte direkt in mein Herz. Es wurde so viel gelacht zu den traurigen und nachdenklichen Liedern. ``Jeder Mensch kann schwimmen. Ich bezweifle das stimmt.''Da bildet sich mir unversehens ein Kloß im Hals und fühlt der Wahrheit dieses simplen Statements nach. ``Leiden ist ok. solange Hoffnung bleibt.'' ist vielleicht eine ganz passende Zusammenfassung der Stimmung des Sets. Der Umgang mit Fehlern und mit den Kameras zwischendurch war souverän, spielerisch und in meinen Augen grundsympatisch. Auch hier werde ich nicht zögern, live wieder dabei zu sein, wenn es klappt!

Nive Nielsen spielten für mich vielleicht das schönste Set. Ich werde versuchen, das noch extra zu beschreiben in einem eigenen Bericht. Hier stimmte auch mal die Frauenquote so einigermassen....

Das Set von Orph war etwas rätselhaft fast könnte man sagen distanziert. Das schon in der Kleidung, die zeitlich und örtlich deutlich nicht hier und jetzt anzeigte und auch in sehr wenig Interaktion mit dem Publikum. Die Musik bediente ebensowenig gewohnte Schemata - in jedem Stück wieder neu überraschend, dass man noch Noten zusammenfügen kann und das anschließend nicht klingt wie... Aber der Auftritt der vier war wirklich fesselnd für mich. Im Nahblick hatte es den Anschein, dass alle drei vorn an der Bühne doch etwas nervös waren. Die Blätter flogen ein paar Mal davon und mussten gebändigt werden. Aber auch hier muss man dem OBS-Publikum bescheinigen, dass es die Herzen den jungen Männern ganz und gar geöffnet hat.

Für die letzten zwei Acts am Sonntag fehlte mir dann der Antrieb. Ich war so voller schöner Eindrücke und wollte das nicht gefährden indem weniger intensive Konzerte das abschließen (alles Ansichtssache und gemutmaßt, aber das war die Entscheidung am Sonntag für mich).


Was mir neben der Musik sehr gefallen hat war, dass man die Musiker häufig als Zuhörer anderer Bands sah und im Publikum oder unversehens im Ort oder an der Weser traf. Die freundliche Stimmung, die Rücksichtnahme und das aufeinander schauen. Dass ich mich nicht zwischen Bühnen entscheiden sollte. Dass von klein bis recht betagt wirklich jede Altergruppe dabei war und sichtlich Freude hatte. Dass aufmerksam zugehört wurde und alle Musiker mit Respekt behandelt wurden.

Meiner Meinung nach könnte man aber in Zukunft etwas besser darauf achten, dass die Musik nicht unnötig laut ist. Ich weiß, das ist ein weites Feld..


3 Kommentare :

E. hat gesagt…

prima, gudrun!

Oliver Peel hat gesagt…

Ja, finde ich auch, sehr schön geschrieben! Man kann dich gar nicht genug loben, Gudrun!

gudrun.thaeter hat gesagt…

Danke für das Lob! Mit den vielen anderen Berichten im Netz war ich mir nicht so sicher ob meine 2 Cent noch jemand interessant finden kann. Deshalb ist es auch eher mehr als Gedankenstütze für mich geschrieben :)

 

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