Mittwoch, 21. März 2007

Arcade Fire, Paris, 20.03.07

9 Kommentare
Konzert: Arcade Fire
Ort: L'Olympia, Paris
Datum: 20.03.2007
Zuschauer: ausverkauft

Wenn Ohren einen Orgasmus bekommen könnten, dann hätten sie am heutigen Abend wohl multiple Höhepunkte erlebt! Aber der Reihe nach...

Wir schreiben den 20.03. 2007. Dieser Tag wird für mich als ein historisches Ereignis in die Musikgeschichte eingehen. Denn - ich darf es vorwegnehmen - ich habe heute mein bisher großartigstes Konzert erlebt. Dazu muß man wissen, daß ich in den letzten zwei Jahren mindestens 250 Konzerte gesehen habe, darunter Auftritte solcher Live-Ikonen wie Morrissey, Gang of four, The White Stripes, Interpol, The Hives, Kaiser Chiefs, Bloc Party, Oasis, Queens of the Stone Age, Nine Inch Nails, Sigur Ros, Art Brut, Editors, Babyshambles, Dirty Pretty Things etc.

Nichts, aber auch wirklich gar nichts, reichte nur annähernd an den Auftritt der Kanadier heran.

Für einige im Publikum war aber eventuell bereits der 19.03.2007 ihr Glückstag, denn The Arcade Fire traten zweimal hintereinander im altehrwürdigen Olympia in Paris auf.

Vor dem Ohren- und Augenschmauß war aber zunächst einmal etwas Geduld gefragt, denn es galt, sich an den zahlreichen Schwarzhändlern vorbeizuschlängeln, die bis zu 100 Euro für die Schwarzmarktkarten verlangten (und sicherlich auch oft bekamen), um sich den Weg hinein ins Vergnügen zu bahnen. Im Aufenthaltsbereich vor dem eigentlichen Eingang herrschte Hochbetrieb, etliche Leute nutzten die Gelegenheit, sich vor dem großen Event noch mit Bier oder Cola zu stärken.

Zu diesem Zeitpunkt (kurz vor neun) hatten bereits die aufstrebenden Kanadier von Malajube ihren Auftritt absolviert. Diesen hatte ich leider verpasst, werde das aber nach Möglichkeit nachholen.

Kurze Zeit später ging dann im Saal das Licht aus und die vier Mädels von Electrelane aus England betraten die Bühne. Von der "Girlgroup" besitze ich zwei alte Alben "Axes" und "Power out", habe die Britinnen in letzter Zeit aber ungerechtfertigterweise etwas vernachlässigt. Heute wurde mir bewußt, wie gut die nämlich eigentlich sind! Es ging gleich los mit "Bells", einem Song, der auch als Single ausgekoppelt wurde und mir gut bekannt ist. Auf dem Lied singen die Girls sogar, ich sage bewußt sogar, weil das bei vielen Albumtiteln nicht der Fall ist, sondern instrumentale Lieder im Stile von Mogwai (oder Contriva?) dominieren. Wie bei Mogwai wird herrlich Tempo und Lautstärke gewechselt, so daß man nie im voraus weiß, was kommt.

Interessanterweise spielten Electrelane heute viele Lieder entgegen ihrer Gewohnheiten mit Gesang. Und das tat dem Set, das auch die neue Single des bald erscheinenden Albums beinhaltete, sehr gut. Es spricht für den guten Geschmack von Arcade Fire das weibliche Quartett als Vorgruppe ausgewählt zu haben!

Die Umbauphase danach war dann etwas lang, vor allem weil es aufgrund der Menschenmassen sehr eng und heiß war, aber das mußte man halt eben in Kauf nehmen, wenn man das Musikereignis des Jahres miterleben wollte. Für etwas Kurzweil sorgte der Blick auf die Bühne, wo ich einen silber eingefärbten Kontrabass und eine Kirchenorgel (!) ausfindig machen konnte.

Gegen 22 Uhr war es aber endlich soweit. Das Licht wurde runtergedimmt und das Publikum verfolgte zunächst gebannt ein Video, welches man auf verschiedenen runden Leinwänden sehen konnte, in dem ein kleines Mädchen eine feurige Rede vor einer riesigen Versammlung hielt. Das war schon einmal ziemlich abgefahren, aber es sollte noch besser werden...

In die Videoberieselung hinein trat dann eine zehnköpfige Band auf die Bühne, angeführt von Win Butler und der bezaubernden Régine Chassagne.

Los ging es mit "Keep the car running" der aktuellen Uk-Singleauskopplung. Sofort war mir klar, daß das heute ein epochales Ereignis würde. Das lag an vielen Faktoren. Die Bühnendekoration war z.B. extrem schön, mit der aufgeschlagenen rotleuchtenden (Neon)-Bibel und den Videoanimationen, die Vielfalt an eingesetzten Instrumenten (u.a. eine Kirchenorgel, Megaphone, Akkordeon, Kontrabass, Streicher, Tubabläser, etc.) suchte ihresgleichen und das schwarze Kleid von Sängerin Régine Chassagne war einfach entzückend. Alles entscheidend für den überragenden Eindruck war aber die Originalität und Wucht der Musik. Die Bretter des Olympia bebten von Beginn an, als die Leute tanzten, soweit das in der Enge möglich war.

Man muß schon etliche sensationelle Songs im Repertoire haben, wenn man einen Knüller wie "No cars go" an zweiter Stelle bringt. Was für eine Hymne, in der für das neue Album überarbeiteten Fassung nochmal besser als auf der Debüt-EP. Schon zu diesem Zeitpunkt wußte ich nicht, wie man das toppen sollte. Aber es ging! Arcade Fire können das! Zuächst fuhren sie aber das Tempo etwas runter und spielten das eher langsame "Haiti".

Dieser Song hat vor allem inhaltlichen Bezug zur Biographie von Régine, denn die verließ in den 60er Jahren zusammen mit ihren Eltern das dortige Regime, um zuerst nach Chicago, dann nach Montreal überzusiedeln, wo sie auch aufwuchs. Logischerweise spricht sie deshalb auch französisch, wenn auch mit einem Quebequer Akzent. Besonders verzückt war das heimische Publikum von der rein französischen Nummer "Je suis une poupée", die Nationalheiligtum Serge Gainsbourg für France Gall geschrieben hat. France Gall hat damit sogar am Grand Prix teilgenommen!

Zuvor hatte Win mit "Black Mirror" und "Laika" mächtig eingeheizt, zwei der zahlreichen Höhepunkte des Sets. Überhaupt fällt es mir schwer, Highlights zu benennen, denn es strotzte nur so vor Hits. Besonders hervorheben kann man vielleicht noch "My body is cage", bei dem Win Butler zum ersten Mal hinter die Kanzel vor der Kirchenorgel trat, oder "Wake up", welches unplugged dargeboten wurde, weil Drummer Jeremy Gara unter Sauerstoffmangel litt und kurzfristig die Bühne verlassen mußte. Aber Arcade Fire können sowas kompensieren, denn Régine spielt neben zahlreichen anderen Instrumenten ja auch Schlagzeug!

Régine war es dann auch, die als letzte auf die Kanzel durfte, bei der ersten Zugabe nämlich, dem alles überragenden "Intervention". Alles überragend? Moment, da kam doch noch was.... Richtig, "Rebellion (Lies)" durfte natürlich nicht fehlen. Dieses allerletzte Stück drückte dem Konzert nochmal so richtig seinen Stempel auf! Das gesamte Olympia summte noch minutenlang den Refrain mit, selbst als die Band schon unter frenetischstem Applaus die Bühne verlassen hatte. Viele Leute warteten dann noch sehr lange auf eine weitere Zugabe, die aber nicht mehr kam.

Man soll halt eben aufhören, wenn es am schönsten ist...

Setlist The Arcade Fire, Olympia Paris, 20.03.2007

01: Keep the car running
02: No cars go
03: Haiti
04: Black Mirror
05: Neighborhood #2 (Laika)
06: Je suis une poupée (S. Gainsbourg)
07: Black Wave/Bad Vibrations
08: My body is a cage
09: Ocean of noise
10: Neighborhood # 1 (Tunnels)
11: The Well and the lighthouse
12: Crown of love
13: Wake up (unplugged)

14: Intervention (Z)
15: Windowsill (Z)
16: Rebellion (Lies) (Z)

von Oliver





2raumwohnung, Köln, 20.03.07

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Konzert: 2raumwohnung
Ort: E-Werk, Köln
Datum: 20.03.2007
Zuschauer: sehr voll

Auf dem Weg nach Köln hatte ich das Gefühl, eine alte Liebe nach langer Zeit wiederzusehen. In den vergangenen Jahren hatte ich immer wieder an sie gedacht, verfolgt, was sie so macht, ihre Stimme immer wieder im Ohr gehabt. Ich wußte nicht, wie es sein würde, sie wiederzusehen, ob die Gefühle noch da wären - ich fuhr übrigens zu einem Konzert.

Als vor einigen Jahren "Wir trafen uns in einem Garten" erschien (ursprünglich, wie ich eben gelernt habe, als Werbesong), war ich gleich gebannt von dem damals sehr neuen Sound des Elektro-Pop Duos 2raumwohnung. Fan der beiden Humpe-Schwestern bin ich seit meinen ersten Erinnerungen an Musik. Ich halte Annette & Inga Humpe für die größten deutschen Musikerinnen. Mit jeder neuen Platte von 2raumwohnung brökelte meine Liebe allerdings ein wenig, auch wenn ich mir das vielleicht nicht eingestehen wollte ("zwei von Millionen von Sternen, die sich immer mehr von einander entfernen", um es mit der Band zu sagen). Heute hatte ich erstmals Gelegenheit, Inga, die jüngere Humpe-Schwester, live zu erleben, nachdem ich vor zwei Jahren Annette mit ihrer Band Ich & Ich gesehen hatte (und sie mir mit der Zugabe "Blaue Augen" von Ideal fast Tränen in meine blau-grauen Augen gebracht hat). Soviel zur pathetischen Einleitung...

Auf dem Weg zum E-Werk war noch wenig los. Auch innen war es noch sehr überschaubar, was mich schon fürchten ließ, daß das Konzert nicht ausverkauft sein würde. Statt mich vorne an das Absperrgitter gleich an der Bühne zu stellen (was problemlos eine halbe Stunde vor Beginn der Vorgruppe möglich war), suchte ich mir einen Platz auf der Empore, von der ich auch mein letztes Konzert im E-Werk, nämlich das der Kooks, gesehen hatte.

Als um 20.15 Uhr die Vorgruppe auftrat, war der Saal unter uns schon gut gefüllt.
Und den Bewegungen des Publikums zufolge, kam die Musik von Werle & Stankowski, einem Kölner Duo, nicht nur bei mir gut an. Simon Werle und Johannes Stankowski machen nach eigenen Angaben Indie/Elektro/Folk. Das beschreibt es schon ziemlich gut. In Kritiken ist auch immer wieder von elektronischer Lagerfeuermusik zu lesen. Auf der Bühne heißt das dann, daß Johannes Stankowski Gitarre spielt und singt (seine Stimme ist sehr einprägsam und erinnert ab und an an die Talking Heads) und Simon Werle allerlei elektronische Geräusche dazu gibt. Das klingt, so wie ich es beschreibe, ganz schrecklich, ist aber sehr gut hörbar und in Teilen wirklich brillant. Es ist auch keine Easy-Listening- oder Chill-Out Musik, wie ich nach den ersten Takten dachte, sondern durchdachter, teilweise eben sehr guter Pop. Mir gefiel "Lady Grey" ganz besonders gut, dabei kamen mir auch die Assoziationen an die Talking Heads in den Sinn. Außerdem habe ich bisher noch nie Sample-Soli erlebt! Leider spielte die Band nur sieben Titel. Ein achtes, auf der Setlist verzeichnetes Lied, das wohl Zugabe sein sollte, wurde nicht mehr gespielt. Johannes Stankowski kündigte eines der Stücke mit "Versucht mal, auf den Text zu achten, ansonsten hört auf den Beat" an, irgendwie ein schönes Motto für diesen schönen Auftritt.

Setlist Werle & Stankowski:

01: Sound of my guitar
02: Throw your life away
03: Lady Grey
04: After all
05: I like it
06: Lost in love
07: In this world


In der Umbaupause konnte ich schön beobachten, was am Mischpult und den Beleuchtungscomputern passierte. Als das Licht ausging, legte einer der Ton-Leute eine Intro-CD in den CD-Player. Als die vorbei war, sollte wohl eine zweite eingelegt werden, was sein Kollege wohl ordentlich versaute, beide wurden nämlich ein wenig hektisch, ohne daß Musik kam. Gerettet wurde die Szene durch den Auftritt der Band.

Für die Tour haben Inga Humpe und Tommi Eckart zusätzliche Musiker mitgebracht. Die Band im Hintergrund bestand aus Schlagzeuger, zweitem Keyboarder und Gitarrist. Zeitweise waren dazu ein weiterer Gitarrist (oder Bassist) und zwei Background-Sänger auf der Bühne. Der Bühnenaufbau war recht dezent.
Die Musiker standen auf beleuchteten Podesten, zwischen denen im Hintergrund vier dreiteilige Bildschirm-Türme aufgebaut waren.

Das Konzert begann mit "Spiel mit" von "Es wird morgen". Und was soll ich sagen, es war toll. Inga Humpe wirkt natürlich viel jünger als 51 und hatte offensichtlich viel Spaß. Sie sollte in den
nächsten knapp zwei Stunden ununterbrochen über die Bühne tanzen. "36 Grad" war der erste Titel der neuen CD. Das Set war bunt gemischt, besonders gut kamen aber die ältesten Lieder an, denke ich. Bei einem davon, "Ich & Elaine", bat Inga Humpe beste Freundinnen auf die Bühne, die mit ihr tanzen sollten. "Vier oder sieben noch". Es wurden dann vielleicht zehn, zwölf, die um und mit der Sängerin tanzten. Mein erster richtiger Liebling kam mit "Wolken ziehen vorbei".

Der Saal unter mir war bester Stimmung. Ich habe selten erlebt, daß eine Menge so dauerhaft hin und her tanzte. Rührend war das ganz spärlich vorgetragene "2 von Millionen", damals Werbesong
für die HypoVereinsbank. Dabei sang Inga nur vom Gitarristen begleitet in der Mitte der Bühne. Es war wundervoll.

Gegen Ende des regulären Teils kündigte das Ex-Neonbaby dann ein Lied mit "das
haben Tommi und ich schon in jeder Pommes-Bude gespielt". Statt der regulären Version des großen Hits "Wir trafen uns in einem Garten" kam aber der Remix "mit Max". Da haben sicher einige, die sich auf die schlichtere, bekannte Version gefreut hatten, geschluckt. Viel Zeit dafür blieb aber nicht, denn gleich anschließend suchte Inga Humpe die "Miss Freie Liebe Köln", die während des folgenden Lieds (überraschenderweise "Freie Liebe") "wild mit dem Schlagzeuger knutschen" sollte. Eine Bianca tat das dann auch während des gesamten Stücks, während der Schlagzeuger irgendwie weiterspielte.

Mit dem nächsten großen Hit "Besser geht's nicht" war dann erst einmal Schluß. Nach kurzer Pause kamen die beiden (mit Band) aber zu drei Zugaben mit insgesamt vier Stücken zurück. Neben meinem Liebling "Nimm mich mit" kam natürlich noch die "richtige" Version von "Wir trafen uns in einem Garten". Selbst bei Depeche Mode habe ich es damals nicht erlebt, daß in einem Konzert Lied und Remix gespielt wurden. Als viele nach der
zweiten Zugabe schon auf dem Heimweg waren, kam mit Lotus noch eine letzte (sehr indische) Zugabe. Dabei sang Inga Humpe am Anfang - die Band saß nebeneinander auf der Bühne - : "Bitte keine Fotos, ich weiß, wie's aussieht."

"Wir sind die anderen" von 2004 hat als Untertitel "Frühling 2007", das Konzert endete zwei Stunden vor Beginn des Frühlings 2007. Auch wenn wir damit einen Tag zu früh waren, hatte ich schon irgendwie das Gefühl, zu dem Konzert ein paar Jahre zu spät gekommen zu sein. Es war toll, keine Frage (auch wenn das schönste und romantischste Lied der Band fehlte, "Ich denk an Dich"). Und ich war begeistert, meine alte Liebe endlich gesehen zu haben. Aber ich war nicht so euphorisch, wie ich es vor fünf Jahren gewesen wäre. Zwei von Millionen von Sternen eben.

Setlist 2raumwohnung:

01: Spiel mit
02: Ich weiß warum
03: 36 Grad
04: Ich + Elaine
05: Wolken ziehen vorbei
06: La la la
07: Wir sind die anderen
08: 1 2 3
09: Sexy Girl
10: Ja
11: 2 von Millionen
12: Du bewegst Dich richtig
13: Nimm sie
14: Garten mit Max
15: Freie Liebe
16: Besser geht's nicht

17: Sasha (Z)
18: Nimm mich mit (Z)

19: Wir trafen uns in einem Garten (Z)

20: Lotus (Z)



Dienstag, 20. März 2007

Bonnie "Prince" Billy, Paris, 19.03.07

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Konzert: Bonnie "Prince" Billy
Datum: 19.03.2007
Ort: Le Trianon, Paris
Zuschauer: complet (ausverkauft)
Spielzeit: 100 (!) Minuten

Folk-Konzerte haben ja oft etwas von Lehrerversammlungen, so war zumindest bisher meine klischeehafte Vorstellung. Gestresste Pauker, die sich in Gesellschaft ihrer Kollegen bei Lagerfeuerklängen ihre Abende versüßen, bevor sie am nächsten Tag wieder ihre Schüler drangsalieren.

Als ich mich in dem charmanten, aber etwas heruntergekommenen Theater Le Trianon umsah, stellte ich aber erfreut fest, daß das Publikum doch jünger und szeniger war, alte Birkenstocklatschenträger waren eher die Ausnahme. Natürlich waren keine Kids da, es handelte sich schließlich um kein Mando Diao-Konzert, aber der Alterdurchschnitt lag so um die dreißig.

Für mich war es heute eine zweifache Premiere, denn zum einen war ich noch nie im Trianon, zum anderen hatte ich Bonnie "Prince" Billy noch nie live gesehen. Entsprechend gespannt war ich auf den Auftritt des kauzigen Amerikaners. Zunächst aber bekam ich noch die letzten Klänge eines Sängers namens Sir Bishop mit, ohne daß ich mir aber ein ausreichendes Bild machen konnte, um über dessen Qualitäten zu urteilen.

In der Pause zwischen den Auftritten dämmerte ich unter dem fuseligen Licht der schönen Lüster dann fast weg, aber zum Glück wurde es irgendwann endlich ganz dunkel und die Spots waren nur noch auf den bärtigen Kauz auf der Bühne gerichtet.
Nur mit seiner Klampfe in der Hand und leider ohne seine kongeniale Gesangespartnerin Dawn McCarthy von den Faun Fables, mit der er das letzte Album "The Letting go" in Island eingespielt hatte, nahm Bonnie "Prince" Billy gemächlich auf seinem Stühlchen Platz, daß er auch bis zur Zugabe nicht mehr verließ.

Von dem melancholischen Meisterwerk "The Letting go" stammten dann auch die ersten drei Lieder des Abends. Wie auf dem Longplayer ging es los mit dem fabelhaften "Love comes to me", gefolgt von "Strange form of life". Für mich war das gleich ein Einstieg nach Maß, denn gerade das erste Liede mag ich sehr. Von der ersten Strophe an war ich gefesselt von der Stimme des Amerikaners. Sie war so melancholisch, sentimental, weinerlich, aber doch auch kraftvoll und - trotz des dunklen Einschlags - voller Hoffnung.

Die Abwesenheit von Dawn McCarthy hatte ich schnell verschmerzt. Überraschend für mich war, daß Will Oldham, wie er eigentlich heißt, sehr redselig und humorvoll war. Ich hatte eher mit einem stoischen, depressiven Eigenbrötler gerechnet. Stattdessen erzählte er nach jedem Lied kleine Anekdötchen, die ich, weil er schnell sprach und manchmal sogar ein wenig stotterte, leider nicht immer verstand. Der sprachbegabte Teil des Publikums (wahrscheinlich die anwesenden Amerikaner) schmunzelte oft, wenn er da so rumscherzte. Sein Humor schien mir aber eher schwarz und ziemlich zynisch zu sein, also keine effektheischenden, platten Scherze.

Besonders amüsant fand ich, daß er sich des öfteren für sein schlechtes Gitarrenspiel entschuldigte, wobei ich nicht den Eindruck hatte, daß das "Fishing for compliments" war.

In diesem Zusammenhang erzählte er eine Geschichte von einer alten TV Show, in der wohl ein Musiker mit gebrochener Hand Gitarre spielte. Mit diesem verglich er sich und sein Gitarrenspiel, sprach aber die Hoffnung aus, nicht wie dieser (ich glaube es handelte sich um Phil Ochs) zu enden.

An anderer Stelle faselte er auch mal von Klaus Kinski, Lawrence von Arabien, Killervideospielen und Jesus Christus. Ein Titel des Sets hatte dann auch ein biblisches Thema, nämlich "John The Baptist", Johannes der Täufer. Das war auch eines der vielen Highlights des Abends. Bedauerlicherweise kannte ich nicht jedes Lied, denn von seinen zahlreichen Platten, die er unter verschiedenen Namen aufgenommen hat (u.a. Place Brothers, Palace Music und Palace Songs), besitze ich nicht alle. Das will ich nachholen!

Mir und dem Publikum bestens bekannt war aber seine Single "I see a darkness", von dem gleichnamigen Album aus dem Jahre 1999, das das Rolling Stone Magazine zu den besten Alben aller Zeiten zählt. Auch "Lift us up", welches eine der vier (!) Zugaben bildete, und von dem Album Superwolf stammt, war mir vertraut.

Zwischenzeitlich hatte Will übrigens Verstärkung von einer bildhübschen, jungen Violinistin bekommen, die ihn bei drei bis vier Liedern begleitete, u.a. bei "The Seedling". Die Anwesenheit einer Frau schien ihm sehr zu gefallen, als die Süße die Bühne verließ, sagte er nämlich schelmisch, daß er immer lieber mit Frauen zusammenarbeite, daß sei angenehmer als mit Männern.

Nach hundert Minuten Spielzeit war dann aber leider Schluß, obwohl der Theaterapplaus gar nicht abreißen wollte. Ich klatschte ebenfalls lange in die Hände und war mir sicher, heute einen der allerbesten Singer/Songwriter unserer Zeit gesehen zu haben.

Auszüge aus der Setlist Bonnie "Prince" Billy:

- Love comes to me
- Strange form of life
- Big friday
- Lay and love
- Wai
- The Seedling
- I see a darkness
- Lift us up (Z)

von Oliver



Sonntag, 18. März 2007

Los Chicros, Paris, 17.03.07

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Konzert: Los Chicros
Datum: 17.03.2007
Ort: La Maroquinierie, Paris
Zuschauer: nicht ganz ausverkauft

Samstage sind eigentlich ungewöhnliche Tage für Indie-Konzerte und so sagte dann auch einer der beiden Sänger von Los Chicros: "Vielen Dank, daß ihr gekommen seit, ihr hättet ja auch was anderes machen können." Ja gut, hätte man schon, aber dann hätte man wirklich ein gutes Konzert einer interessanten Band verpasst.

Bei Los Chicros (wie es zu dem Namen kam, erklären sie sehr schön auf ihrer MySpace-Seite!) handelt es sich um ein rein männliches Pariser Quintett, angeführt von Philippe Monthaye und Mathieu Warsky. Einer der beiden ist bärtig und sehr schlank, fast hager, der andere ist ebenfalls bärtig und eher etwas füllig. Eine ziemlich kauzige Band also, aber sehr eigenständig und abwechslungsreich in ihrem Stil und seit langem mehr als ein Geheimtipp in der Pariser Indie-Szene. Ihre Einflüsse reichen von den Beatles, Neil Young und Robert Wyatt bis hin zu den amerikanischen Indierock-Ikonen Pavement. In der Musikpresse fallen zudem häufig die Namen Grandaddy, Apples in Stereo und Beach Boys. Grandaddy scheinen mir am ehesten geeignet, den Sound der Franzosen zu beschreiben, denn hier gibt es sowohl melancholische und ruhige Passagen, als auch bisweilen knackige Gitarren und eine Prise Psychedelic.

Als ich gegen 21 Uhr 20 zusammen mit meiner Berliner Freundin Henrike den Keller in der szenigen Maroquinerie betrat, hatten die Frenchies leider schon mit ihrem Programm begonnen. Circa fünf Lieder hatten wir mit Sicherheit verpasst, ebenso die originelle Vorgruppe The Konki Duet, die entgegen ihrem Namen aus drei jungen Frauen besteht. Schade, schade!!

Was wir in der Folge zu sehen bekamen, entschädigte dann aber für die verpassten Momente, denn Los Chicros boten ein unterhaltsames Konzert, bei dem natürlich Songs von dem aktuellen Album "Sour Sick Soul" dominierten, aber auch Stücke von ihrem Erstlingswerk "Too cool for school" nicht zu kurz kamen. Darunter die amüsante Nummer "Naked Girls" mit solch witzigen Textzeilen wie "So I spend all my life on the www I go from site to site looking for naked pictures of you and i see naked girls wearing your face..." So wird auf treffende Weise das Phänomen Fotomontagen beschrieben und mal ehrlich: wer hat nicht auch schon solche Bilder gesehen, auf denen man z.B. Anna Kurnikowa nackt sehen kann, obwohl die Russin sich noch nie unbekleidet fotografieren ließ? Sehr gut waren auch die Titel "Clouds", "Open bar" und vor allem "Mountains", bei dem sie wunderbar Tempo und Lautstärke varierten, fast wie die Schotten von Arab Strap oder Mogwai.

"Mountains" war dann auch der letzte Song des offiziellen Sets, bevor sie noch einmal zurückkamen und das fabelhafte "Anna" brachten. Dieser Kracher, der am Ende in wilden Gitarrenriffs endet, brachte sogar Gitarrist Olivier Marguerit dazu, mit den Knien auf dem harten Parkett zu landen. Ein standesgemäßer Abschluß für ein Rockkonzert also.

Aufgrund des langanhaltenden Applauses kamen die fünf Musiker dann sogar noch einmal für eine letzte, ungeplante Zugabe zurück. Insgesamt hatte es sich also gelohnt, nichts anderes unternommen zu haben, an diesem Samstag.

Witziger Abschluß des Tages war dann die völlig zufällige Begegnung mit dem ergrauten Schnulzenstar Adamo, vor dem Bataclan, wo später eine Techno-Party der Zeitschrift Trax mit den Belgiern von Goose stattfinden sollte. Selten habe ich so viele alte Damen in solcher Ekstase gesehen! Adamo, der alte Charmeur, ließ es sich dann auch nicht nehmen, seine mehr oder weniger rüstigen Fans alle einzeln abzuküssen!

Setlist Los Chicros:

01: Intro/Diskonoise
02: Like the sun
03: What i've done
04: Los Guedros
05: My Life
06: New Orleans
07: Back in the wild
08: Foreplay/Walking
09: King Creole
10: Our love your lies
11: Naked Girls
12: Clouds
13: Open Bar
14: Mountain

15: Anna (Z)
16: ? (Z)

von Oliver



Samstag, 17. März 2007

Virginia Jetzt!, Köln, 16.03.07

2 Kommentare
Konzert: Virginia Jetzt!
Ort: Gloria Theater, Köln
Datum: 16.03.2007
Zuschauer: Nicht ganz ausverkauft

Ich bin ein Idiot, daß ich erst heute mein erstes VJ! Konzert gesehen habe, denn die Band mag ich seit Jahren sehr. Nun denn, das habe ich ja jetzt nachgeholt.

Als ich um 19.45 Uhr abgehetzt und übermüdet vor dem Gloria ankam, war da schon eine Schlange vor der Tür. Einlaß sollte um 19 Uhr sein, das wurde aber um eine Stunde verschoben. Also stand ich noch 15 Minuten dumm vor der Tür, bevor wir reingehen konnten.

Das Gloria füllte sich nur sehr langsam. Der Anteil der kleinen Mädchen war erst einmal geringer als gedacht. Gegen neun trat dann eine Band auf, die aus Schlagzeuger, Gitarrist, Bassist und Geiger bestand. Schon mal keine schlechte Mischung. Bisher hatte ich im Gloria (soweit ich mich erinnere) immer riesiges Glück mit den Vorgruppen. Die letzten, an die ich mich erinnere, waren Wolke, Duke Special und die fabelhafte St. Vincent vor Sufjan Stevens. Das hier sah weit weniger filigran aus - der Geiger war sehr hübsch an allen möglichen Stellen tätowiert - und fing auch reichlich wild an. Mir kamen gleich Assoziationen zu den Gypsi-Punks von
Gogol Bordello in den Sinn. Vor allen Zox-Violinist Spencer Swain legte eine irre Show hin. Das dritte Lied, "Time" (laut der Setlist der Band, einem abgerissenen kleinen Papierfetzen) war dann eine Reggae-Nummer. Auf ihrer myspace Seite bezeichnen Zox ihren Stil auch als Rock - Indie - Reggae. Danach wurde es leider etwas banaler. Für mich klang der Rest des Sets nach Surfermusik mit Geige, mal mehr, mal weniger deutlich nach Greenday zum Beispiel. Der Start war furios, danach riß es mich nicht mehr vom Hocker. Die Band war zum zweiten Mal in Köln, wie Sänger Eli Miller erzählte. Sie hätten vom ersten Besuch vor allem das Schokoladen-Museum in guter Erinnerung.

Setlist Zox:

01: Thirsty
02: Spades
03: Time
04: Anything
05: Fish
06: Down
07: Violia
08: Tonight
09: Carolyn

Meine Geduld sollte anschließend weiter intensiv auf die Probe gestellt werden, denn
nach kurzem Umbau trat Samba auf. Vielleicht hatten die schon deshalb schlechte Karten bei mir, weil sie aus Münster sind und sich keine Band ernsthaft Samba nennt (auch wenn ich gehofft hatte, daß sie sich wenigstens nach dem Adidas-Schuh benannt haben, gerade bei der Suche nach der Seite der Band tauchte das auch immerhin als Namensherkunft auf). Vielleicht waren die aber auch einfach nur sehr langweilig. Ich glaube an die zweite Version. Samba spielte netten deutschen Indie-Pop, der aber weder sonderlich eingängig noch originell klang. Die Band gibt es zwar schon sehr lange, sie klingt aber trotzdem nach einer weniger aufregenden Kopie anderer deutscher Gruppen.

Setlist Samba (Dank an Dullo):

01: Bürgersteig in Deiner Nähe
02: Küss mich für immer
03: Auf den Mauern
04: Über den Rhein
05: Gefahr, die wir erfinden
06: Fair
07: Alle meine Gründe
08: Dem Licht auf der Spur
09: Liebe kommt zurück
10: Es gibt
11: ?
12: Feuerwehr-Pizzaservice

Gegen 22.45 Uhr, ich war mittlerweile wieder etwas fitter, ging das Licht aus, das VJ!-Zeichen hinter der Bühne an und der Party-Teil des Abends los. Zu den Klängen
von Eleanor Rigby trat Virginia Jetzt! aus Berlin auf. Vor ein paar Tagen hatten VJ! das Konzert in Kassel absagen müssen, weil Schlagzeuger Angelo (die Band stammt wie gesagt aus Berlin) krank war. Er war zumindest so weit wieder hergestellt, daß sie spielen konnten. Eröffnungsstück war "Singen & Singen" von der aktuellen CD "Land unter". Mittlerweile hatte sich das Publikum sortiert: In den vorderen Reihen standen hauptsächlich kleine Mädchen, weiter nach hinten wurde es männlicher, älter und größer. Aber alle verband eine große Textsicherheit, auch bei den neuen Sachen. Das Gloria war leider nicht richtig voll, auf der anderen Seite gab das auch Platz, um ganz entspannt am Rand das Konzert zu verfolgen, ohne umgetanzt zu werden.

Wie schon in Essen, wie ich dem Bericht von Christina auf dem sehr lesenswerten Blog (Inter)national POP! Jetset entnommen habe, waren VJ! sehr redselig. Sie
erzählten von ihren bisherigen Auftritten in Köln, von merkwürdigen Konzerten als Vorgruppe von The Rasmus, bei denen sie zum Entsetzen der Rasmus-Fans "In the shadow" gespielt haben, vom Ringfest vor 18.000 Leuten, von U-Bahn-Erlebnissen von Freunden und von Karneval. Sänger Nino (dessen Haltung, Gestik und auch Aussehen mich an Tom von den Editors erinnerte) möchte nächstes Jahr erstmals Karneval in Köln feiern. Der Karnevalskram war die Überleitung zu "ihrem Karnevalslied" "Ein ganzer Sommer". Denn da sollten wir mitmachen und schunkeln und bei den Blitz-Stellen Blitze nachahmen. Es war wie das ganze Konzert toll.

Das Set war bunt gemischt aus Liedern aller CDs. Höhepunkt für mich war allerdings
das Lied, das sie "extra für Köln" spielten. Zu "Dreifach schön" trat dann nämlich Suzie Kerstgens von Klee zum Duett mit auf die Bühne. Suzie schmachtete Nino herrlich an, räkelte sich (kann man sich eigentlich stehend räkeln?) um ihn, knöpfte sich die Bluse auf, unter der ein VJ!-T-Shirt hervorkam. Eine große Show! Überhaupt Klee: Klees Daniel spielte bei einigen Liedern "die Hilfsgitarre", versorgte die Band sonst mit Instrumenten.

Ich glaube, bei "Von guten Eltern", meinem ersten VJ! Lieblingslied, ging die Melodie langsam in "Eye of the tiger"
über. Nino brüllte passend laut "Adrian". Es war - wie gesagt - sehr unterhaltsam.

Mit "Bitte bleib nicht, wenn Du gehst" endete der reguläre Teil. Gitarrist und Pianist
Thomas bat uns aber mehrfach, den Refrain auch ohne sie weiterzusingen. Das taten natürlich alle brav, bis die Band zu zwei Zugaben und vier Liedern zurückkam. Mit "Weit weg" endete ein grandioses Konzert nach knapp zwei Stunden. Es war ein großes Vergnügen und hat mir Spaß gemacht wie ein Klee-Konzert.

Setlist Virginia Jetzt!:

01: Singen und Singen
02: Liebeslieder
03: Von einer besseren Welt
04: Das ganz normale Leben
05: Ein ganzer Sommer
06: Die Musik von hier nach dort
07: Land unter
08: Weil wir Anfänger sind
09: Dreifach schön (mit Suzie Kerstgens)
10: Ich kann nicht wie die anderen
11: Mehr als das
12: Von guten Eltern
13: Bitte bleib nicht, wenn Du gehst

14: Die Teile Deines Lebens (Z)
15: Wahre Liebe (Z)
16: Mein sein (Z)

17: Weit weg

Mehr Fotos: Hier.
Videoausschnitt: "Ein ganzer Sommer"



 

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