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Freitag, 22. Januar 2010

Fanfarlo, Paris, 21.01.10

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Konzert: Fanfarlo & Lawrence Arabia & My Girlfriend Is Better Than Yours (Inrocks Indie Club)

Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 21.01.2010
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: Fanfarlo gut eine Stunde, die anderen beiden etwa 40-45 Minuten



Wir vom Konzerttagebuch sind immer früh am Ball. Noah & The Whale (auf dem Foto), Mumford & Sons und die heutigen Headliner Fanfarlo, drei Bands über die in Deutschland und europaweit zur Zeit viel gesprochen und geschrieben wird, die wir schon bei ihren ersten zarten Gehversuchen auf Konzertbühnen außerhalb ihrer englischen Heimat beäugt haben. Den ersten Bericht über Noah & The Whale habe ich am 28. März 2008 verfasst, bei Mumford and Sons saß ich am 24.04.2008 in der ersten Reihe und Fanfarlo kamen mir schließlich bereits am 13.06.2008 unter.

Bei uns erfährt man also, wer 1 1/2 Jahre später für Furore sorgt! Nur das Klienicum ist (viel) schneller, aber nicht umsonst nennt man Eike den Speedy Gonzales von Oberbayern!*

So, nachdem ich uns mal unverschämterweise selbst gelobt habe (wenn es sonst schon keiner tut; Franzosen sagen in diesem Zusammenhang: "on est jamais aussi bien servi que par soi même" = man bedient sich selbst am besten), kann ich zum eigentlichen Thema kommen. Fanfarlo standen auf dem Programm und die junge Band hat in Indiekreisen inzwischen einen solch klangvollen Namen, daß die Pariser Maroquinerie ausverkauft war und aus allen Nähten platzte. Dabei erfinden sie streng genommen eigentlich nicht viel Neues, denn ihr Stil basiert auf dem heroischen Sound, den die Kanadier Aracade Fire 2004 aus Versatzstücken der Talking Heads, David Bowie und Joy Division geformt hatten. Funeral von Arace Fire war eine Art Initialzündung für das Aufkommen vielköpfiger Indie-Bands, die sich nicht mehr auf das Basisinstrumentarium aus Bass, Gitarre, Schlagzeug beschränkten, sondern vor allem der Geige einen wichtigen Platz einräumten. Und bei Fanfarlo gibt es nicht nur die wunderbare, von Cathy gespielte Geige, sondern vor allem auch die jubilierende Trompete und eine brillant eingesetzte Mandoline. Genau wie Beirut, Clap Your Hands Say Yeah oder auch Get Well Soon vorher, bauen also Fanfarlo auf dem Erfolg von Funeral auf, fügen dem Ganzen aber andere Elemente und vor allem etliche gute eigene Songs hinzu. Und gute Songs gibt es auf dem Debütalbum Reservoir wirklich zu Hauf. Geht man nach der Reaktion des Publikums, gab es eigentlich keinen einzigen Ausfall. Das rund einstündige Set flutschte wie geschmiert und die englische Band war perfekt aufeinander eingespielt. Da merkte man deutlich, daß sie in den letzten Monaten viel Routine hinzugewonnen haben, über die sie 2008 noch nicht in solch großem Maße verfügten. Dennoch ging von ihrem ursprünglichen Charme nichts flöten, sie wirkten immer noch wie die rein aus Spaß an der Freude agierende Indietruppe, die sich selbst nicht zu ernst nimmt und am meisten darüber überrascht ist, daß es nun so gut für sie läuft. Keine großen Gesten, Posen oder Ansagen, all diese Marotten überlässt man anderen und konzentriert sich stattdessen auf das Wesentliche und das ist die Musik. Aber stopp! Halt! Eine Sache war doch anders als noch im Juni 2008 und das war das Bühnenoutfit, das aufeinander abgestimmt zu sein schien. Jedes Bandmitglied trug ein Hemd, das bei allen bis auf Ausnahme des Drummers bis auf den letzten Knopf geschlossen war. Der aus Schweden stammende Sänger Simon Balthazar und die Violinistin Cathy Lucas hatten zudem Bootsschuhe an. Diejenigen von Cahty waren weiß, die von Simon interessanterweise gelb/weiß/nachtblau, kombiniert zu grasgrünen Socken. Ein Hingucker! Witzig auch der stark an den Armen tätowierte Bassist, der mich mit seiner Pommadefrisur und dem Oberlippenbart kurioserweise an Gottlieb Wendehals erinnerte.

Eine bunte Truppe also, die nach einem sphärischen Intro loslegte wie die Feuerwehr! Einen der Oberknüller wie das euphorisierende und in die Beine gehende Harold T Wilkins ("hey, hey", die Schlachtrufe im Refrain) gleich an zweiter Stelle zu bringen, das zeugt von Vertrauen in sein restliches Sogmaterial! Aber sie wissen eben, das sie locker nachlegen können. Nicht nur die an Nummer 7 gespielte Single I'm A Pilot hatte trotz eines anfänglich eher gedrosselten Tempos Durchschlagkraft. Die Pariser goutierten diese berauschende Beschallung durch Mitsingen der Tetxe, freudestrahlende Gesichter und euphorischen Applaus. Keine Frage, Fanfarlo kamen sehr gut an, was wohl auch damit zusammenhängen dürfte, daß sie im vergangenen November in der kleinen Boule Noire ein viel umjubeltes Konzert abgeliefert hatten. Ob sie da wohl mit der heutigen Leistung rankamen? Ich selbst kann das nicht beurteilen, denn in der Boule Noire war ich damals leider nicht. Sicher sagen kann ich aber, daß Luna mich am Ende des regulären Sets hellauf begeisterte. Ich denke, das ist ihr bestes Lied, versüßt noch dadurch, daß der etatmäßige Trompeter Melodica spielte und Cathy im Verlaufe von der Mandoline zur Geige wechselte. Toll, toll, toll, dieses Luna!

Dann wurde der vorläufige Abgang geprobt, aber es gab natürlich noch Zugaben und zwar zwei an der Zahl. Die erste, Live By The Lake, bezeichnete Sänger Simon als sehr sehr altes Stück, ganz so als hätten Fanfarlo schon 27 Alben auf den Markt gebracht. Man findet es auf der B-Seite der damaligen Single Fire Escape, die heute leider gar nicht gespielt wurde. Zum krönenden Abschluß, dann noch das gar nicht so gespenstische Ghosts und spätestens jetzt war wohl allen klar, daß der Aufstieg von Fanfarlo gerade erst begonnen hat. Die Maroquinerie fasst 500 Leute, ich aber sehe in Paris Potential für das Bespielen einer Location mit einer Kapazität von mindestens 1000 Gästen.



Abschließend noch ein paar Sätze zu den beiden Vorgruppen. Das gemischte Pariser Duo My Girlfriend Is Better Than Yours hatte den indiepoppigen Konzertabend eröffnet und in Begleitung eines nicht etatmäßigen Drummers (Mathieu, ansonsten eigentlich Sänger bei der Band Chicros) bereits früh für gute Laune gesorgt. Dabei ist ihr vordergründig naiver und einfach zu konsumierender Pop mit einigen psychdelischen Tiefen versehen und musikalisch abwechslungsreich und voller überraschender Wendungen. Das Pärchen Laurie (Keyboard, Gesang) und Olivier (Gitarre, Gesang) verfolge ich nun schon seit etwa 2 1/2 Jahren und 11 Konzerten, aber sie schaffen es immer wieder aufs Neue,mich zu begeistern. Langweilig wird es allein deshalb schon nicht, weil sie ständig neue Lieder ins Programm aufnehmen, obwohl das erste richtige Album nach wie vor auf sich warten lässt. Vertrösten muß man sich mit einer EP (Foreplay EP), auf der auch der einzige auf französische gesungene Titel enthalten ist. Le Petit Chevalier (der kleine Reiter zu deutsch) heißt er und der ist so klasse, daß man sich fragt, warum die beiden nicht mehr Sachen in ihrer Landessprache aufnehmen. Größter Knüller ist und bleibt aber der das schwungvolle Set abschließende Track My Dictionary, der bisher unveröffentlicht ist. Und war Laurie mit ihrem weißen Kleid und den farblich passenden Stiefelchen nicht wieder entzückend?

Ach so, Lawrence Arabia. Witzige und auch musikalisch unterhaltsame Band,
die eigentlich das Ein-Mann- Projekt des rothaarigen und kauzigen Neuseeländers James Milne ist, der aber ein paar Begleitmusiker braucht, um vor allem die an die Beach Boys erinnernden Chorgesänge live CD-nah wiederzugeben. Musiker aus Neuseeland kommen einem ja eher selten unter*, aber warum sollen die da unten eigentlich keine gute Musik machen können? Schließlich haben sie auch dort Platten von den Beatles und Simon & Garfunkel gehört und das merkt man dem Sound von Lawrence Arbaia ganz klar an (besonders bei Bloody Shins). Überaschend war allerdings, daß das Ganze live wesentlich rockiger und druckvoller als auf dem (zweiten) Studioalbum Chant Darling dargeboten wurde. Bester Titel: I've Smoked To Much", von dem Keyboarder ironisch mit: "We just came from Amsterdam, you know?", angekündigt. Beste Songzeile eines anderen Liedes: "...drink expensive coffe", entnommen der gesanglich an David Bowie erinnernden Ballade Talk About Good Times. Wo man den wohl trinken kann, diesen teuren Kaffee? Bei Starbucks?


Setlist Fanfarlo, La Maroquinerie, Paris

01: The Walls Are Coming Down
02: Harold T. Wilkins or How To Wait For A Very Long Time
03: Atlas
04: Tuesday (You Come When We Call)
05: Finish Line
06: Drowing Men
07: Im A Pilot
08: Waiting In The Wings (neu)
09: Comets
10: Luna

11: We Live By The Lake
12: Ghosts

Ausgewählte Konzerttermine Fanfarlo:

23.01.2010: München
24.01.2010: Studio 672, Köln
26.01.2010: Magnet, Berlin
28.01.2010: Rocking Chair, Vevey
29.01.2010: Ziegel Oh Lac, Zürich
30.01.2010: Ancienne Belgique, Brüssel
01.02.2010: Prinzenbar, Hamburg


Setlist My Girlfriend Is Better Than Yours, La Maroquinerie, Paris:

01: From My Sofa
02: Oh My Lady!
03: My Girlfriend Is Better Than Yours
04: Winterfarmland
05: Le Petit Chevalier
06: Black Hole
07: Like A Rebirth
08: My Dictionary



Aus unserem Archiv:

Fanfarlo, Paris, 13.06.2008
Lawrence Arabia, Frankfurt, 01.06.08

My Girlfriend Is Better Than Yours, Paris, 15.04.09
My Girlfriend Is Better Than Yours, Paris, 14.03.09
My Girlfriend Is Better Than Yours, Saint Ouen, 30.01.09
My Girlfriend Is Better Than Yours, Paris, 24.10.08
My Girlfriend Is Better Than Yours, Paris, 03.09.08
My Girlfriend Is Better Than Yours, Paris, 02.09.08
My Girlfriend Is Better Than Yours, Paris, 03.07.08
My Girlfriend Is Better Than Yours, Paris, 20.07.07


Charmante Session: Fanfarlo- You Are One Of The Few Outsiders Who Understand Us

* das Klienicum berichtete (hier) bereits am 11. Mai 2007 zum ersten Mal über Fanfarlo. Euphorischer Kommentar damals: "Hier keimt was, Freunde!" "Wunderbarpop zum Niederkien"

* mir fallen auf Anhieb nur Cut Off Your Hands, The Ruby Suns und Liam Finn ein.



Donnerstag, 16. April 2009

Eldia, Paris, 15.04.09

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Konzert: Eldia & My Girlfriend Is Better Than Yours
Ort: La Flèche d'or, Paris
Datum: 15.04.2009
Zuschauer: viele
Konzertdauer: jeweils ca. 35-40 Minuten





Das cool- sympathische gemischte Duo My Girlfriend Is Better Than Yours habe ich auf dem Konzerttagebuch ja schon sehr oft gelobt, aber heute in der Flèche d'or waren sie so gut, frisch, energisch, melodisch und euphorisierend wie nie zuvor!

Vielleicht lag es an der neuen Gitarre von Sänger Olivier, oder an belebenden Frühlingsgefühlen, die das Pärchen, das auch im wahren Leben zusammen ist, anstachelte?! Möglicherweise spielte es aber auch eine Rolle, daß die Flèche d'or demnächst ihre Pforten für Renovierungsarbeiten schließt und man nicht sicher ist, ob es hier, wo My Girlfriend is Better Than Yours oft aufgeterten sind, im Herbst normal weitergeht. Eine definitive Schließung der kultigen und innovativen Location steht nach wie vor im Raume...

Wie auch immer, das heutige Konzert war ein Knüller!

Olivier ist wohl gedanklich schon in Berlin, wo My Girlfriend am 24. April in der Scala und am 25. April in der Kulturbrauerei spielen werden (hingehen ist Plicht!), denn er zählte gleich zu Beginn den Takt mit 1,2,3 an und bedankte sich oft mit : "Danke schön!" Ihr deutsches Lied, das vertonte Gedicht der Erlkönig von Goethe hatten sie aber heute gar nicht im Set, vielleicht heben sie das ja exklusiv "pour L'Allemagne" auf...

Dafür gab es aber mit .... ein nagelneues und starkes Lied Lied, daß sich hervorragend in die altbekannten Hits From My Sofa, Winterfarmlands und die neue Single My Girlfriend is Better Than Yours einreihte. Zudem war die Band heute in Idealbesetzung. Am Keyboard und phasenweise der E- Gitarre agierte der geniale Jonathan Morali aka Syd Matters, am Schlagzeug der vielbeschäftige Jean mit seinem legendären Bums und am Bass Jean-Yves, ansonsten ebenfalls in den Diensten von Syd Matters stehend.

Zusammen spielten diese fünf Sympathen ein unglaublich schwungvolles Set, in dem poppige, postrockige und psychedelische Phasen abwechselten, bevor mit dem unwiderstehlichen Everybody Wants To Die (dieser umwerfende lalala Singalong!) der Schlußstrich gezogen wurde.

Bravo, bravo, bravo!



Setlist My Girlfriend Is Better Than Yours, La Flèche d'or, Paris:

01: Before My Memory
02: My Girlfriend Is Better Than Yours
03: From My Sofa
04: It's Not Your Body
05: Winterfarmlands
06: Like A Rebirth
07: Black Hole
08: My Dictionary
09: Everybody Wants To Die


Der Bericht über die ebenfalls tollen Eldia folgt etwas später!

Mehr Photos von dem hübschen Pärchen MGIBTY hier




Samstag, 31. Januar 2009

The Zombies u.v.a., Saint Ouen, 30.01.09

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Konzert:
Mo'Fo Festival. Mit Pokett, Pollyanna, My Girlfriend Is Better Than Yours, The Nightcrawler, Yeti Lane, Fruitkey, Robin Leduc & The Pacemakers und dem kultigen Headliner The Zombies
Ort: Mains d'oeuvres, Saint Ouen bei Paris
Datum: 30.01.2009
Zuschauer: etliche, verteilt auf mehrer Räume
Konzertdauer: sehr unterschiedlich. Von circa. 20 Minuten (z.B. Pollyanna) bis 75 Minuten (The Zombies)



Auf diesen Abend hatten viele Pariser Konzertgänger gewartet:

Die legendären The Zombies, eine Sixties Band aus England, sollte nach vierzig (!) Jahren Frankreich-Abstinenz ein Konzert im Rahmen des Mo' Fo Festivals im Mains D'Oeuvres in Saint Ouen, einem Vorort von Paris, geben. "Achtung Event!" hatten die Veranstalter dieses wunderbaren Festivals für die in die Jahre gekommenen Knautschgesichter von der Insel geworben und hatten mit dieser vollmündigen Ankündigung natürlich nicht Unrecht, schließlich gilt das Album Odessey and Oracle aus dem Jahre 1968 als eines der besten Alben aller Zeiten. Amüsanterweise war der kommerzielle Erfolgs jenes hochgelobten Machwerks eher bescheiden, obwohl Kritiker es teilweise höher einschätzen als epochale Alben der artverwandten Beatles oder der Beach House. Es galt für die Zeit als zu progressiv.

Man fragt sich als neugieriger Konzertgänger schon, ob eine solche Reunion aus pekuniären Gründen zu Stande kam, oder ob die Freude am Musizieren im Vordergrund stand. Mit anderen Worten: Ging es den Zombies nur um die Kohle, um den Wohlstand ihrer Enkel zu sichern, oder fehlte ihnen das Feeling auf einer Bühne zu stehen? Falls es um die Knete ging, kann man das ja durchaus verstehen. Gebissreiniger sind schließlich teuer und die Alterheime in London werden auch immer unerschwinglicher!

Aber ganz egal weshalb die Altherrenriege hier bei Paris aufkreuzte, Musikfans und viele Pariser Musiker wollten sich das Ereignis nicht entgehen lassen! Allein im Publikum war alles versammelt, was auf lokalen Bühnen ansonsten selbst musiziert. Der Tahiti Boy war da, die reizende Pauline aka Mina Tindle, die von den Zombies gewiss nicht unbeeinflussten Da Brasilians, Go Go Charlton, das Pariser Original JP Nataf und viele andere mehr. Einige einheimische Künstler, mussten aber auch ein wenig arbeiten. Der Singer/Songwriter Pokett z. B., der auch an dem wundervollen Album On Concrete von Pollyanna als Produzent maßgeblich beteiligt war. Desweiteren der in Paris ansässige Südfranzose Robin Leduc und seine Pacemakers, dann Yeti Lane, das neue Projekt des Gitarristen Ben, der genau wie seine beiden Kollegen damals bei den Postrockern Cyan & Ben war und auch in der Band von Herman Dune seinen Mann steht und schließlich Fruitkey, eine in Paris lebende Folkrockband aus den USA, die eng mit Syd Matters befreundet sind. Zusätzlich traten auch noch Pollyanna und My Girlfriend Is Better Than Yours im oben gelegenen Forum im Rahmen eines kurzen Showcases auf.

Der erste Musiker, den ich zu Gesicht bekam, war Pokett. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der Pariser Stéphane Garry, ein vollbärtiger Mann mit Gitarre und ausgeprägter Abneigung gegen den französischen Präsidenten (Pokett ist Mitglied der last.fm Gruppe France Against Sarkozy).

Seinen Protest gegen die aktuelle Politik bringt er handzahm zum Ausdruck (wenn es ihm überhaupt darum geht, meistens drehen sich Lieder ja um ein weitaus schöneres Thema: die Liebe), zumindest was die Lautstärke anbelangt. Seine Vorbilder heißen Elliott Smith, Nick Drake und Sufjan Stevens, aber er hat auch postrockige Einflüsse wie Slint, oder Idaho. Seine noisige Seite konnte er aber am heutigen abend nicht zur Schau stellen, denn er war neben seinem Bart nur mit seiner Akustikgitarre bewaffnet. Sein zweites Album (Debüt war Crumble 2004) Peak (2007) erhielt sehr gute Kritiken, vor allem die Zeitschrift Magic war angetan von den Kompositionen des Franzosen. Neben Allgemeinplätzen wie "das war hübsch" oder "er hat eine schöne Stimme", kann ich aber nicht viel mehr anmerken. Ich müsste mich erst in das Werk von Pokett einarbeiten, um ein solideres Urteil bilden zu können.

Im Publikum hatte ich schon Isabelle & David, die beiden Künstler der französischen Folkpop-Band Pollyanna ausgemacht. Dass sie ihrem Labelkollegen (Waterhouse Records) und Produzenten zusehen würden, hatte ich schon vermutet, ich wußte allerdings nicht, daß sie am heutigen abend auch selbst aktiv werden würden. Eine positive Überraschung! Die beiden spielten allerdings nicht auf einer der beiden Hauptbühnen, sondern eine Etage höher im Forum. Dort hatte man drei zusätzlich Bands für sogenannte Showcases, Kurzkonzerte, die nie länger als eine halbe Stunde dauern, verpflichtet.

Pollyanna machten den Auftakt. Schon bald stelle sich heraus, daß es zwar sehr erfreulich war, daß die Organisatoren diese Minikonzerte zusätzlich anboten, aber die Örtlichkeit alles andere als ideal für ein Konzert war. Schuld daran war die Tatsache, daß die Zuschauer an Tischen und Stühlen lungerten und während der Auftritte mampften, tranken und plapperten und dem Geschehen auf der Bühne nicht die allergrößte Aufmerksamkeirt schenkten. Sehr bedauerlich, denn was Isabelle und David von Pollyanna zu bieten haben, gehört zum Besten, was es in der französischen (allerdings englisch singenden) Folkpop- Szene gibt. Sie verfügen über Lieder voller zarter Melancholie und Poesie, die so ohrwurmig sind, das man sie gar nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Dabei sind ihre Kompositionen filigran und komplex und alles andere als simpel und einfältig. Für das heutige kurze Set hatten sie sich aber bewußt die eingängisgten Stücke ausgewählt, um die mampfenden Leute nicht zu überfordern.

Isabelle spielte stehenderweise Akustikgitarre, während ihr männliches Pendant David sitzenderweise die Elekrische zum Erklingen brachte und später auch auch an der Ukulele brillierte. Der bisher vielleicht größte Hit des sympathischen Duos ist mit Sicherheit Chocolate Jesus, eine Art Weihnachtslied mit süß saurem Text. Er stammte genauso wie das tolle In The Cornfields vom aktuellen Album On Concrete, ein Werk, das die beiden selbst als stärker instrumentiert und professioneller produziert (von besagtem Pokett) bezeichnen. Das erste Album Whatever They, Say I'm A Princess hatte Isabelle 2004 noch in ihrem Schlafzimmer selbst bewerkstelligt. Von jenem Opus kamen die beiden Songs Matador und das ungemein melodische Frankenstein. Die Ballade Tristan wiederum findet man auf... David und Isa haben dieses Lied auch schon einmal bei einer sogenannten Lavomatik Session zum Besten gegeben, einer Reihe kleiner, improvisierter Konzerte vor einer rotierenden Wäscheschleuder in einem Pariser Waschsalon.

Und demnächst werden sie in einer weiteren ungewöhnlichen Location spielen: Pollyanna haben mir nämlich eine Oliver Peel Session in unserem Wohnzimmer versprochen! Darauf darf man sich sehr freuen!

Auch die danach auftretenden My Girlfriend Is Better Than Yours haben schon grünes Licht für eine Oliver Peel Session gegeben. Wahrscheinlich ist unsere gute Stube auch der bessere Rahmen für ein Konzert mit Olivier und Laurie, dem witzigen Pärchen, das sich hinter dem tollen Bandnamen verbirgt. Der Lärm, den die Zuschauer während des kurzen Auftritts produzierten, war nämlich einem gelungenen Konzert nicht gerade zuträglich. Zudem gab es auch noch gewisse technische Probleme, das Keyboard von Laurie war kaum zu hören und einmal gab es auch eine fiese Rückkopplung inmitten des charmanten Vortrages des Gedichts der Erlkönig von Goethe. Auch das Sample, welches ansonsten beim Opener Before My Memory zum Einsatz kommt, musste ausfallen und somit konnten die beiden nicht ganz zeigen, was in ihnen steckt. Allerdings klappten die beiden Songs Like A Rebirth und From My Sofa nahezu perfekt. Stilistisch wandert das Ganze zwischen (Freak)- Folk, Postrock, Psychedelic und eingängigem Pop hin und her. Von dem ironisch gemeinten Bandnamen sollte man sich also nicht blenden lassen. Zwar wird alles mit einem Augenzwinkern gespielt, aber die Lieder haben auch Tiefgang und eine nur auf den zweiten Blick erkennbare Ernsthaftigkeit. Mich erinnert das Ganze ein wenig an Stereolab, obwohl die Musiker deren Songs gar nicht wirklich kennen und ansonsten auch Syd Matters, was nicht verwundert, da Olivier Marguerit auch bei denen Gitarre spielt. Ich bleibe hier am Ball!

Setlist My Girlfriend Is Better Than Yours, Mo' Fo Festival Saint Ouen:

01: Before My Memory
02: Like A Rebirth
03: Winterfarmland
04: Der Erlkönig
05: From My Sofa

Aufgrund meines Aufenthalts im Forumsbereich des Festivalgebäudes hatte ich die Show des unten auftretenden Künstlers The Nightcrawler (nicht zu verwechseln mit der Band The Nightcrawlers) verpasst. Schade, denn was man auf seiner MySpace Seite anhören kann, klingt durchaus vielversprechend und auch diejenigen, die dabei waren, fanden hinterher lobende Worte für den Mann mit der markanten und warmen Stimme.

Aber so ist das eben bei Festivals: Man kann nie alles sehen! Dafür ging es aber gut weiter, denn Yeti Lane standen nun auf dem Programm. Hinter dem Namen verbirgt sich ein Pariser Trio um Ben, den ehemaligen Gitarristen von Cyann & Ben, der auch die Band von Herman Dune live verstärkt und mit seinen Freuden LoAc und Charlie (ebenfalls ehemalige Mitglieder von Cyann & Ben) sein neues Projekt auf die Beine gestellt hat. Fabelhaft, was die drei Herren hier und heute boten! Psychedelisch, melodisch und melancholisch und phasenweise noisig, die Beherrschung dieser Genres traut man ansonsten eher Amerikanern wie den Flaming Lips zu. Aber Yeti Lane, im Grunde genommen die Nachfolgeband von Cyann & Ben - minus die ehemalige Sängerin Cyann - gehören zum Allerbesten, was auf Frankreichs Bühne rumturnt. Man höre sich nur den Killersong Twice mitsamt seinen klackernden Percussions auf der MySpace - Seite der Franzosen an. Den hätten auch die Dodos nicht bessern hinbekommen! Geil, genau wie der überwiegende Rest des Sets!

Hier kann ich das Erscheinen des ersten Albums gar nicht abwarten, eine famose Band!

Ebenfalls einen zumindest guten Eindruck hinterließen auch Fruitkey bei mir. Obwohl sich kein konkreter Titel in meinen Gehörgang bohrte, bot die vielköpfige amerikanische Band um den uneingeschränkten Chef und Gitarristen Jason Glasser (eigentlich ist er die Band), ein sehr ansprechendes Konzert. Stilistisch wird das Ganze als Conutry, Folk, Rock und sogar Garagenrock beschrieben, eine weite Bandbreite also, die zeigt, daß sich Fruitkey auf kein bestimmtes Genre festlegen wollen. Nicht weiter verwunderlich, wenn man weiß, daß Jason ein Künstler mit einem breitgefächerten Interessengebiet ist. Er ist nämlich nicht nur Musiker, sondern auch anerkannter Bildhauer, dessen Werke in Galerien in New York und Paris ausgestellt sind. Darüber hinaus hat er sich auch um das gesamte Artwork des dritten Albums von Syd Matters, Ghost Days, gekümmert. Das hübsche Cover mit dem Einhorn stammt von ihm.

Zurück zu seinem musikalischen Schaffen. Hier gibt es die Existenz von zwei Alben, Beauty Is aus dem Jahre 2005 und Chevaline von 2007, zu vermelden. Der französische Titel des Albums legt es schon nahe. Jason, der eigentlich aus Brookly stammt, lebt seit ein paar Jahren in Franreich und spricht auch sehr ordentlich die Sprache. Toll, daß er auch seine niedliche Freundin für sein Projekt Fruitkey mit eingespannt hat. Die lockenköpfige Blondine spielte nämlich Schlagzeug und wirbelte so die Männerrunde etwas auf.

Fruitkey waren gerade mit ihrem Programm durch, da machten sich schon ihre Kollegen von Robin Leduc & The Pacemakers für ihren Auftritt fertig. Robin Leduc stammt ursprünglich aus Südfrankreich, ist aber inzwischen seit ein paar Jahren in der Pariser Indieszene fest verwurzelt. Wenn er nicht mit seinen Kumples von den Pacemakers Konzerte gibt, hilft er auch gerne einmal anderen Künstlern mit seinen Gitarren-und Banjokünsten aus. Ich persönlich sah ihn schon zusammen mit Constance Verluca und auch mit der sogar in deutschen Indiekreisen sehr bekannten Soko. Ein witziger Kerl dieser Robin, der mich mit seiner runden Brille und dem Dreitagebart ein wenig an den deutschen Liedermacher Reinhard Mey erinnerte. Und es gibt noch eine Parallele zu Reinhard Mey: Monsieur Leduc singt nämlich ebenfalls in seiner Muttersprache. Während fast die komplette Indiefolk-Szene von Paris und Frankreich englisch intoniert, bleibt der Südfranzose der Sprache Molière's treu.

Zu der Diskografie kann ich leider nicht allzuviel beisteuern, da man im Netz kaum Informationen zu dem Künstler findet. Allerdings habe ich selbst schon CDs von ihm im Laden gesehen und bei Amazon Deutschland kann man zumindest zwei Scheiben ordern, das erste Album "Tout Devient Tout" (2004), und das selbstbetitlete Robin Leduc (2007). Interessierten Lesern kann ich zumindest sagen, daß mir der Powerpop von Robin und seinen Pacemakers (darunter der Dauerbeschäftigte Drummer Jean) viel Freude bereitet hat. Die Jungs waren sehr eifrig bei der Sache und Olivier Marguerit, ansonsten in Diensten von Syd Matters, Chicros und My Girlfriend Is Better Than Yours, hatte einen stark umjubelten Gastauftritt an der Trompete. Am Ende wollten sie gar nicht mehr aufhören, obwohl sich ein Zuschauer nach dem anderen zu dem gegenüberliegenden Konzertssal aufmachte, wo The Zombies schon bereit standen.

Schließlich erklärte Robin das Konzert irgendwann für beendet, da auch er die Zombies nicht verpassen wollte.

Das wollte ohnehin wohl keiner hier. Dafür war man ja schließlich gekommen und hatte sich in den schönsten Farben ausgemalt, wie toll die Evergreens der englischen Sixties-Band, die so viele zeitgenössische Musiker beeinflusst hat, heute noch klingen würden. Der Beginn des Sets war aber gelinde gesagt eine Enttäuschung. Daß die Musiker mit ihren langen, schütteren Haaren und den spießigen Klamotten nicht unbedingt toptrendy aussahen, steckte man ja noch locker weg, schlimmer wog aber, daß gerade die Anfangsphase mit Titeln gespickt war, die nicht besonders gut gealtert sind. Alles klang irgendwie amerikanisch, wie bei einer Varietéshow, oder noch schlimmer: wie bei einer Altherrenband, die vor musikalisch völlig unbedarften Amis in Las Vegas auftritt! Mit anderen Worten: scheußlich! Allerdings war die Stimme von Sänger Colin Blunstone (Baujahr 1945) noch einwandfrei im Schuß, er traf so ziemlich jeden Ton. Störender waren hingegen die aus der Mode gekommenen langen Gitarrensoli, die zudem einen schwülstigen Beigeschmack hatten. Dann aber wurde es doch deutlich besser. Klassiker wie Care Of Cell 44, Time Of The Season, oder She's Not There wurden angestimmt und man bekam schon eine Idee davon, warum die damals recht erfolglose Band von Kritikern so gelobt wird. Die in die Jahre gekommenen Briten haben nämlich unbestrittenermaßen schon ein paar grandiose Songs geschrieben! The Way I Feel Inside ist zum Beispiel wundervoll und wer gegen eine tolle Schnulze nichts einzuwenden hat, kam bei A Rose For Emily, einem Song den eigentlich jeder kennt, voll auf seine Kosten. Herrlich hier die Chorgesänge, die ja seit dem Erfolg der Fleet Foxes wieder sehr populär geworden sind. Wenn ich sage, daß The Zombies ein paar grandiose Songs geschrieben haben, müßte ich eigentlich besonders erwähnen, daß Hauptsongwriter nicht der Sänger Colin Blunstone, sondern der heute graubärtige Keyboarder Rod Argent (wer sich intensiver mit der Bandgeschichte auseinandersetzen möchte, dem sei der ausführliche Artikel bei Wikipedia ans Herz gelegt) war. Rod war dann auch der expressivste Musiker am heutigen Abend, mehrfach puschte er das Publikum mit ausladenden Gesten und forderte die Leute auf, mehr mitzugehen. Seiner Aufforderung folgten schließlich auch einige Zuschauer, obwohl ein Konzert einer Sixties Band natürlich nie so rockig wie das einer aktuellen Gruppe wie z.B. den Wave Pictures ist, die eigentlich einen teilweise ähnlichen, allerdings moderner interpretierten Stil pflegen.

Und ganz zum Schluß wurde es es noch eimal schmusig: Mit einer Coverversion von Gershwins Summertime wurde das Publikum verabschiedet und die alten Säche genossen noch einmal sichtlich, im Mittelpunkt zu stehen. Wer Bock hat, kann ihre Live CDs, Odessey & Oracle (revisited)- 40th Anniversary Concert (2008), oder Live At The Bloomsbury Theatre (2005) überall käuflich erwerben und sich einen Eindruck davon verschaffen, was man heute in Paris und am Ende ihrer Tour noch einmal auf englischen Bühen hören kann.





 

Konzerttagebuch © 2010

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