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Sonntag, 23. Juni 2019

Maifeld Derby, Mannheim, 14.06.-16.06.2019

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Konzert: Maifeld Derby 2019
Ort: Maimarkt, Reitstadion
Datum: 14.06.-16.06.2019
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: Sa.ausverkauft


Es war das Thema des Wochenendes. Die Ankündigung im nächsten Jahr eine Pause einzulegen, war Gesprächsthema Nummer 1 im sonnigen Mannheim. 

Schon daran ist zu erkennen, wie wichtig diese Zäsur sein kann. In Gesprächen wurde deutlich, wie selbstverständlich viele Besucher eine solche Veranstaltung bewerten. Die Flut an Events und Großveranstaltungen lässt kaum doch einen Augenblick Zeit, hinter die Kulissen zu blicken, und ein Liebhaber-Event wie das Derby von anderen Globalplayern zu unterscheiden.

Fakt ist: durch den mutigen Schritt, mit Ehrlichkeit an die Probleme zu erinnern, ist eine längst fällige Diskussion (auch für viele andere kleine Festivals und Kulturveranstaltungen) in Gang gekommen, die nur gut sein kann. 

Jetzt aber zum "üblichen" Teil. Wie war es ?

An den Stärken des Maifeld Derby wurde auch dieses Jahr zum Glück kaum etwas verändert. Tolles, abwechslungsreiches Booking, kurze Wege, interessanter Foodcourt und schönes Wetter sind ja schon mal eine Bank. Der Freitag startet dann nach kurzer Eingewöhnungsphase ("Wo gibts die leckeren Specialbiere ?") etwas launig mit einer Lesung von Linus Volkmann. 

Ob das Maifeld Derby der richtige Ort ist, über Festivalklischees herzuziehen (Dosenravioli, Flunkyball) bleibt offen, ließ aber genug musikalische Luft nach oben. Die folgte dann gleich im Doppelpack: Gurr und Parcels, zwei gänzlich unterschiedliche Ansätze, Musik live zu präsentieren. 


Die Damen von Gurr versuchen es mit Riot-Girrrl Faktor und kurzen, knappen, punkigen Songs auf der Fakelbühne. Ebenso erfolgreich sind aber auch die Parcels, (nach ihrem Minigig 2017) die zwischenzeitlich mit ihrem extrem poppigen Sound das Zelt schon am frühen Abend mit tanzwütigen füllen können. 

Niklas Paschburg dageben ist der perfekte Gig am Parcour. Sphärische Klänge beim Sonnenuntergang, die spannende Mischung aus (fast) klassischer Musik und zeitgenössischer Elektronik, ist ja gerade ein großer Publikumsmagnet. Leider vernimmt man im Laufe des Auftritts aber immer öfter und lauter schlimme F.wörter. 


Diese kommen natürlich nicht von Herrn Paschberg, sondern aus der Kehle des politisch interessierten eng. Duos Sleaford Mods, die uns die aktuelle Geschichte ihres Landes in nicht ganz politisch korrektem Jargon schildern. Wer glaubt, der Witz der Sleaford Mods sei lange schon erzählt, sieht sich getäuscht. Die Rauhe Energie und Dringlichkeit der Ereignisse machen diesen Auftritt unverzichtbar. Musik, die dieses England jetzt braucht, erzählt ohne Pathos und schleimige Melodiebögen. 


Am Samstag sollte dieses Konzept mit Kate Tempest zum Höhepunkt des Festivals werden. Karies bieten danach ein schönen Rockentwurf in Kontrast zu den etwas langweilig wirkenden, weil zu perfekt arrangierten HotChip, was in Teilen auch auf HVOB zutraf. Hier wurde zu sehr ein, auf Festivalpublikum konzipiertes, basslastiges Feuerwerk geplant, das aber emotional leider nicht komplett überzeugen kann. 


Der Samstag startet dann so richtig mit Mavi Phoenix. Immer noch frisch und innovativ, was die junge Österreicherin da bietet, auch bei strahlender Hitze bewegt sie die Körper vor der Bühne mühelos. Doch die wahre Großmeisterin der weiblichen Worte sollte bald folgen. 


Kate Tempest betritt von einer Keyboarderin begleitet das Palastzelt und sofort ist die knisternde Spannung spürbar. Die Intensität ihrer Auftritte ist oft schwer auszuhalten und gerade auf einem Festival für viele eine echte Herausforderung. Doch ähnlich wie Sigur Ros, schafft sie es durch ihre herausragende Präsenz. selbst unkundige sofort zu fesseln und in ihren Bann zu ziehen. 

Nach einigen alten Songs präsentiert sie das, erst am Tag zuvor veröffentlichte, neue Album "The Books of Traps and Lessons" in voller Länge. Ein nicht enden wollender Tornado aus Worten steigert sich mit immer härter werdenden elektronischen Sounds bis zum Höhepunkt bei "Holy Elixir". Aber erst dann folgt das Meisterstück. 

Der letzte Song des Albums ist ihr bisher bestes, ein Mix aus Poem und hypnotischer Pianoballade. Ein Text, der auch endlich einmal einen Funken Hoffnung zulässt.


"People`s Faces": It’s hard, we got our heads down and our hackles up, Our backs against the wall, I can feel you aching, None of this was written in stone, There is nothing we’re forbidden to know, And I can feel things changing Even when I’m weak and I’m breaking, I’ll stand weeping at the train station, ‘Cause I can see your faces, There is so much peace to be found in people’s faces...

Danach fallen sich die beiden auf der Bühne in die Arme. Ein Kraftakt, der da jeden Abend aufgeführt werden muss und viele Tropfen fallen am späten Nachmittag bei den Zuhörern auf den Zeltboden, Schweiss war es diesmal nicht. Ein Ereignis. 

Danach wirkte zunächst einiges blass für mich. Die Schotten von The Twilight Sad zum Beispiel, vielleicht auch weil sie eher in einen dunklen Keller als auf eine sonnen überflutete Open Air Bühne gehören. 

Auch Baltharzar und der Crowdpleaser von wegen Lisbeth sind nicht mein Fall, daher erstmal einen leckeren Crepes mit hausgemachter Schokososse, serviert von echten Franzosen, klasse. 


Mike Skinner (The Streets) schafft dann, was den beiden anderen Headlinern nicht gelingen wollte oder sollte. Einen Konsens. Spaß trifft auf anspruchsvolle Lyrik. Selbstironie und würdevolles Altern stehen gleichberechtigt nebeneinander und schon geht die Party richtig los. Bereits beim ersten Song taucht Skinner ein ins Publikum, es sollte nicht das letzte Mal bleiben. Insgesamt wirkt der Sound bei der Reuniontour etwas glatter und poppiger. Skinner redet (oder labert) in einer Tour, egal ob der Song startet oder die Band ihre Instrumente stimmt. 

Nüchtern wirkt er hier, vielleicht sehe ich ihn so zum ersten Mal. Alle Hits werden abgefeuert, ebenso wie die ins Publikum fliegenden Sektkorken. Am Ende bewirbt er sich schon mal für die Steckenpferddressur  2021 und reitet mit einem geliehenen Pferd quer durchs Zelt in den Sonnenuntergang. Lucky Luke lässt grüssen. 

Als großer Coup spielten gegen 16:00 Uhr bereits AMK einen Surprise Slot auf dem Parcour Amour Gelände. Ein toller Fang, der viele Besucher glücklich zurückließ. 


Der Sonntag zieht einen das Derby jedes Jahr schon früh auf den Reitplatz. Die erste Fakelbühnenband ist meistens ein nicht zu verpassendes Geschenk des Bookers. Diesmal spielten die Amsterdamer der Mauskovic Dance Band zur Mittagszeit auf. Musikalisch nicht wirklich neu, aber durchaus tanzbar und ein guter Start in den Tag. 


Stonefield und Snail Mail können dagegen nicht überzeugen. Die einen spielen unentspannten Rock ohne Erinnerungswert. Bei Snail Mail sind die Songs dagegen super, aber die ständig genervte und dadurch arrogant wirkende Frontfrau Lindsey Jordan hat sich seit dem letzten Jahr leider kaum verändert. 

Ein Highlight dagegen die Postcards aus Beirut im kleinsten Zelt. Sympatischer Indie mit großen Song, da kommt bestimmt noch mehr. Danach ging es Schlag auf Schlag weiter. 

Zunächst mit Kevin Morby, der eine 8-köpfige Bigband an den Start brachte, (incl. Tenor-Sax) um sein Album "Oh my god" würdevoll in Szene zu setzen. Ein fulminanter Set, der mich oft an Wilco erinnerte. Großartig und zurecht gefeiert. 


Teenage Fanclub konnte später erstaunlicherweise nur wenige begeistern. Dies bescherte aber den, mir bis dahin völlig unbekannten, Schweizern von Black Sea Dahu eine riesige Menschenmenge auf dem Parcour, die am Ende mit stehenden Ovationen Zugaben forderten. Dabei war der, mit vielen sehr tragenden Balladen versehene Set, nicht einfach zu verdauen. Die Band trat sichtlich gerührt ab und verkaufte CD`s am Fließband vor der winzigen Bühne. 


Danach leerte sich der Parcour zunächst, was Charlotte Brandi als langjährigen Profi nicht davon abhalten konnte, ein fabulöses Set aus ihrem traumhaften Album "The Magician" aufzuführen. Neben Kate Tempest für mich das beste Konzert des Wochenendes. 


Tocotronic waren ebenfalls in bester Spiellaune, und da die neue Setlist fast nur aus Hits besteht, waren auf dem, nun staubigen Platz vor der Fakelbühne, nur grinsende Gesichter zu sehen. Die Band ist für mich seit letztem Jahr in absoluter Bestform, die Versionen von "Nach Bahrenfeld im Bus" und "Hey Freaks" bilden die perfekte Schnittmenge aus Tocos Werk zwischen Punk und intelligenter deutscher Popmusik.


Mit Faber betrat dann ein weiterer, sehr umstrittener Headliner das Palastzelt. Dazu gab es nur zwei Meinungen, echte Freude und echte Ablehnung. 

Amyl and the Sniffers brachten den Abend dann mit einem ordentlichen Punkbrett nach Hause. Der letzte Tanz war getanzt, das letzte Bier getrunken. 

Zurück blieb ein etwas mulmiges Gefühl. Wird man sich in diesem Rahmen in zwei Jahren wiedersehen ? Wenn man sich die Stimmung am Parcour ansieht, funktionieren dort viele Dinge, die auf den anderen Bühnen verpuffen. 

Vielleicht wäre ein reines Newcomer-Festival mit zwei gleichen Bühnen nebeneinander am Parcour und einem kleinen Zelt ein gelungener Neuanfang. 


Nur so eine Idee, als zum dritten Mal die Sonne hinter dem Palastzelt untergeht. Schön war es. Noch schöner wäre es 2021 wiederkommen zu dürfen. 

Fotos: Michael Graef 


Mittwoch, 16. August 2017

Haldern Pop Festival, 3. Festivaltag, 12.08.2017

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Haldern Pop Festival, 3. Festivaltag, 12.08.2017
Ort: Rees-Haldern am Niederrhein
Datum: 12.08.2017
Zuschauer: etwa 7000
Konzertdauer: von früh bis spät




Weisswein zum "Frühstück", das ist doch mal was. Wobei Frühstück ein dehnbarer Begriff ist, für eine Nachteule wie mich ist 14Uhr 15 recht früh, zumindest für ein Konzert. White Wine aus Leipzig spielten zu dieser Zeit in einer völlig überfüllten Pop Bar und es fiel mir schwer, die drei Akteure vorne auf der Bühne zu sehen. Als da wären Joe Haege (31 Knots, Tu Fawning), Fritz Brückner und der neu hinzugestossene Christian Kühr an den Drums. Das Konzert war toll und der Sound der Band originell, schmissig und innovativ, aber aufgrund meiner anstrengenden Position (hinter riesigen Menschen) blieb ich nur etwa vier Lieder, bevor ich zu Daniel Brandt und seinen beiden Mitmusikern auf die Hauptbühne eilte. 


Brandt war um 15 Uhr angesetzt und sein Set gefiel mir richtig gut. Instrumentelle Musik mit postrockigen Ansätzen, einem fintenreichen Schlagzeugspiel und einer famosen Trombone, langweilig wurde es mir trotz fehlenden Gesanges nicht. Im Gegenteil, das Set hatte einen hypnotischen Charakter, war tanzbar und abwechslungsreich. Gespielt wurden Tracks des Albums Eternal Something.




Danach ging es für mich mit Voodoo Jürgens und seiner Band im Spiegelzelt weiter. Die Österreicher hatten Verspätung, waren auf der Autobahn in einen Stau geraten, kamen aber schliesslich doch und das war gut so, denn die im österreichischen Akzent vorgetragene Kabaretmusik hatte hohen Unterhaltungswert und einen einzigartigen Stil. Die Fachpresse bezeichnet Sänger David Öllerer wohl gerne als alpenländischen Tom Waits und so abwegig ist der Vergleich gar nicht. Allzu gerne hätte ich die sicherlich witzigen Texte verstanden, aber dazu war mein österreichisch doch zu schwach. Öllerer fragte deshalb auch, ob es für uns nicht ähnlich sei, wie Eros Ramazotti zuzuhören und wenn ich ehrlich war, fühlte es für mich so an. Natürlich nicht so schmalzig, aber ich kapierte nicht worum es in den Liedern ging. Um die abgehängte Arbeiterschaft wie man in einem Artikel lesen konnte? Um Säufer, Verlierer, Randerscheinungen in einem immer schicker werdenden Wien?

Ein Lied hiess jedenfalls Gitti, dazu hätte man fast mitschunkeln können, es war enorm stimmungsvoll, hatte aber auch viel Melancholie, die mich an Element Of Crime erinnerte.




Letzlich dauerte das Set nur etwa 30 Minuten, weil die Verspätung von 15 Minuten nicht mehr nachgeholt werden konnte. Die halbe Stunde hatte es aber in sich, allein der Look der Musiker war zum Schiessen! Diese schwere Zuhälter-Halzkette von Öllerer, die hässlichen Hemden im Stile der 80er Jahre, die clochardhaften Anzüge, köstlich!

Nun muss ich unbedingt die Texte studieren, damit sich für mich das schrille Universum von Voodoo Jürgens erschliesst!


Weniger schrill und optisch deutlich geschmackssicherer war Julia Jacklin aus Australien um kurz vor acht im Spiegelzelt. Die natürliche Blondine gähnte vor ihrem Auftritt etliche Male, aber das verstand sich von selbst, wenn man sich ihren Tourstress und ihre weiten Reisen vergegenwärtigt. Das arme Mädel muss platt sein! Bei dem wunderbaren Konzert liess sie sich die Müdigkeit aber nicht anmerken, spielte gemeinsam mit ihrer männlichen Band hervorragende Songs von ihrem glänzenden Album Don' Let The Kids Win, darunter die Indiehits Coming Of Age und Poolparty, welches das vorzügliche Set beendete. Etwa in der Mitte des Programms gab es auch Platz für die gelungene Coverversion von Someday von The Strokes.


Die Mischung aus Folk und Indierock klang erlesen und hochkarätig, obwohl Jacklin nichts Neues erfindet und man Songs dieser Art schon vorher bei anderen gehört hatte. Dennoch: ein grosses Talent, starke Lieder und ein hoher Sympathiefaktor.


Sehr sympathisch fand ich auch den Auftritt der beiden jungen Freundinnen Rosa Walton und Jenny Hollingworth von Let's Eat Grandma um kurz vor 9 im Spiegelzelt. Verblüffend die Unbeschwertheit und Kreativität der beiden. Zum Beginn des Sets veranstalteten sie erst einmal ein Klatschduell, wie wir es als Kinder spielten, bevor sie dann in der weiteren Folge an Keyboard, Flöte, Mandoline, Saxofon und weiteren Instrumenten Akzente setzten. Ein Mädel hatte völlig löchrige schwarze Jeans und beide hatten sie lange lockige Haare, die sie wie schwere Jungs der Heavy Metal Szene durch die Luft wirbeln liessen. In zwei Situationen musizierten die beiden gar flach auf dem Boden liegend!




Dennoch war dies alles keine billige Effekthascherei, sondern Ausdruck jugendlicher Experimentier-und Spielfreude und auch stilistisch gingen die Mädels spielerisch von Pop zu Rap und von Rap zu Folk über, als ob es keinerlei Grenzen gäbe (was löblich ist). Ihr Debütalbum I, Gemini ist bereits erhältlich und davon spielten sie unter anderem Eat Shiitake Mushrooms.


Nach Let's Eat Grandma lief ich dann schnell rüber auf die Hauptbühne, um noch etwas vom Set der Afghan Whigs mitzubekommen, aber es lief schon die Schlussphase, so dass ich mir kein Urteil über die Güte des Auftritts erlauben will. Mein Bloggerkollege Dirk hat aber das Konzert der Band von Greg Dulli ausführlich beleuchtet, deshalb verweise ich hiermit auf seinen Bericht.

Nach den Afghan Whigs ging es für mich erneut Richtung Spiegelzelt, um mir ein wenig Klangstof aus Amsterdam anzusehen. Klangstof spielten nicht sehr lange, aber das was ich hörte, gefiel mir durchaus. Sphärisch-melancholischer Gittarenpop mit hübschen Synthiemelodien und einem Sänger der mit seinem Falsett phasenweise an Chris Martin von Coldplay erinnerte. Stadionmusik war das Ganze aber auf keinen Fall, auch wenn die andere Referenz die mir in den Sinn kam, Radiohead nämlich, ähnlich wie Coldplay Arenen beschallen. Gerne hätte ich noch mehr von Klangstof gehört, aber der Auftritt beim Haldern Pop 2017 war zumindest ein Appetitanreger für das Ansehen eines Clubkonzertes der Band.



22Uhr30, Zeit für die Britin Kate Tempest auf der Hauptbühne. Sie hatte ja bereits am gleichen Ort gespielt, 2015 wenn ich mich recht erinne und nicht Google zu Rate ziehe, um das zu bestätigen. Damals hat mich das Ganze  nicht so richtig gepackt, heuer aber war ich von Beginn an fasziniert. Überraschend, denn ich hatte weder ihre 3 Alben gehört, noch ihren Roman oder ihre Poesie gelesen. Ausserdem mag ich Rap und Hop in der Regel nicht und mit politischen Texten habe ich nie intensiv auseinandergesetzt. Schon als Student war ich politisch nicht engagiert, habe mich aber immer  ziemlich bewundernd gefragt, was diese Weltverbesserer antreibt. Woher kommt ihre Motivation, woher die Wut? Ist das nur Ausdruck schlechten Gewissens, der Versuch von den anderen für die wohltäterische Haltung gemocht zu werden oder wahre, aufrichtige Philanthropie? Und wie sieht es diesbezüglich bei Kate Tempest aus? Warum ist die junge Frau so wütend, warum blökt die das Publikum die ganze Zeit so an? Ist sie Anklägerin oder eher Beobachterin? 



Und wer bitte sind Alisha, Esther und Gemma, von denen sie  in Haldern ganze Zeit sang? (bzw. redete) Was habe ich denn mit denen zu tun? Fragen über Fragen, während Kate Tempest ohne Luft zu holen ihr Mikro anpöbelte. Das Tempo, die Intensität und die Wucht mit der sie sich artikulierte war schlicht und einfach atemberaubend, sie rappte mich in Grund und Boden, sang über Selfies, Tinder, Leuten die zur Frühschicht müssen, um ihren Kredit abzubezahlen, Politikern die toten Schweinen in den Mund bumsen (natürlich spielte sie auf David Cameron an), den Anstieg des Wasserspiegels, das Artensterben, Prostituierte, Leuten die nachts noch wach sind (4:18) etc. Im Grunde wurde jedes heisse Eisen angefasst, Klassenunterschiede, Armut, Alkoholismus, Naturkatastrophen, die Konsumgesellschaft, nichts wurde ausgespart. Natürlich war das manchmal ein wenig anstrengend, aber  Tempest legte soviel Wucht in ihre Wortsalven, das man einfach nur staunen konnte. Und die minimalistisch klaustrophobe Synthiemusik passte hierzu genau, sie war düster, bedrohlich, aber auch sehr tanzbar und hypnotisierend. 




Fast eine Stunde lang schrie sich die Britin die Lunge aus dem Hals, spielte hauptsächlich ihr aktuelles Album Let Them Eat Chaos und hatte mich am Ende sehr beeindruckt zurückgelassen. Allein die Vorstellung, das man sich so dermassen viel Text merken und den so schnell und fehlerfrei runterrappen kann, war für mich  schlichtweg unglaublich!


Setlist Kate Tempest:

Picture A Vacuum
Lionmouth Door Knocker
Ketamine For Breakfast
Europe Is Lost
We Die
Whoops
Brews
Don't Fall In
Pictures On A Screen
Perfect Coffee
Grubby
Breaks
Tunnel Vision

Tja und dann war bei mir die Luft raus. Man soll ja schliesslich gehen, wenn es am besten ist und das war bei Kate Tempest der Fall, obwohl ich auch Tom Grennan oder Idles im Spiegelzelt noch gerne gesehen hätte. Aber das Haldern zeichnet sich ja auch dadurch aus, dass man hinterher über Bands stolpert, die man am Niederrhein verpasst hatte. Dann sagt man sich: "Hey, die haben doch schon im Frühstadium ihrer Karriere beim Haldern Pop gespielt, hätte ich doch bloss früher gewusst wie gut die sind, dann hätte ich sie mir bestimmt angesehen!"

In diesem Sinne bis zum nächsten Jahr in Haldern, oder aber jetzt im Herbst noch in Kaltern in Südtirol, allein die wundervollen Landschaftsfotos reizen einen, da mal hinzufahren und mit einem Glaserl Wein die feinen Bands anzuschauen.



Dienstag, 8. November 2016

Kate Tempest, Reykjavik, 04. & 05.11.16

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Konzert: Kate Tempest
Ort: Kex Hostel & Gamla Bió, Reykjavik (Iceland Airwaves Festival)
Datum: 04. & 05.11.2016
Dauer: gut 25 & gut 40 min
Zuschauer: jeweils volle Häuser (200 / 750)



Heute morgen um 4:18 Uhr stand ich an einer Fußgänger-Ampel in Reykjavik und war auf dem Weg zum Shuttle-Bus zum anderen Shuttle-Bus zum Flughafen. 4:18 Uhr. Auch Gemma, Esther, Alicia, Pete, Bradley und zwei andere Londoner sind um diese Zeit wach, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Esther ist Krankenschwester und kommt vom Dienst, Pete wohnt wieder bei seinem Vater und bringt seine Geld mit Alkohol durch, Alicia träumt von ihrem toten Partner. Pete, Gemma und die anderen sind die Hauptdarsteller des neuen Albums von Kate Tempest. 



Ich hatte die Londoner Schriftstellerin und Musikerin 2014 beim tollen Weekend-Fest in Köln gesehen, das Konzert war atemberaubend! Auf dem Iceland Airwaves spielte die Rapperin zwei Shows, die offizielle am Samstag im Gamla Bió, dem alten Opernhaus und eine als Teil des Off-Programms im Kex Hostel, das vom Sender KEXP (Seattle) übertragen wurde.

Im Kex war es knallvoll. Weil ich das befürchtet hatte, war ich sehr früh da. Auch wenn das Zeit für eine kluge Platzwahl ließ, stand kurz vor Beginn um halb neun zielsicher die größte Deppin im Saal (eine angetrunkene Britin) vor mir. An den falschen Stellen lachen und klatschen, ist selten so unpassend wie bei Kate Tempests Texten; nach 100 Selfies bei Europe is lost begeistert zu johlen, ist absurd. 



Kate Tempest, ihre Keyboarderin, ihr Schlagzeuger und ihr Keyboarder wurden von KEXP anmoderiert. Kate stellte ihre Band vor und machte dann klar, daß sie die ersten 25 Minuten ihres Albums spielen würde. Und so war das. Kate Tempests Texte sind eindrucksvoll. Ihre Darbietung, teils als Text, wie bei einem Poetry Slam, dann gerappt oder gesungen mit Band, atemberaubend! Wie merkt sich die Künstlerin die Texte? In 25 Minuten kann man eine ganze Menge vortragen. Natürlich kann ich Let them eat chaos nicht auswendig, mir fiel daher nur eine Abweichung auf: Kate rappte fuck-frei, es wurden f***s daraus, das amerikanische Radio übertrug schließlich.



Wir kamen in der knappen halben Stunde bis zu Pete und dem Sturm, der über der Straße ausbricht. Wie die Geschichte ausgehe, könnten wir auf ihrer Platte weiterhören. Oder am Tag danach in der Oper.

Setlist Kate Tempest, Kex Hostel, Reykjavik:

01: Picture a vacuum
02: Lionmouth door knocker
03: Ketamine for breakfast
04: Europe is lost
05: We die
06: Whoops
07: Brews
08: Don't fall in


Im Hauptkonzert im Gamla Bió trat Kate Tempest vor wiederum ausverkauftem Haus auf. Sie hatte diesmal 40 Minuten Zeit, konnte also mehr von der Geschichte der sieben Londoner erzählen. Allerdings reichte auch das nicht fürs ganze Album - also die ganze Geschichte, die Platte ist schließlich ein vertontes Buch. Die Poetin ließ We die weg - und auch später Grubby, erzählte die Story aber fertig.


Es ist vielleicht etwas weit hergeholt, mich erinnerte Kate Tempest wieder einmal sehr an Anne Clark. Die ältere Britin ist vielleicht poetischer und sicher weniger wütend, ihr Stil ist Wave nicht Rap. Aber der Sprechgesang, die Geschichten, das ist gar nicht so weit auseinander. Daß ich Morgen nach dem zweiten Konzert unbewußt Hope Road von Anne Clark im Ohr hatte, machte mir den Zusammenhang wieder deutlich. Allerdings endet Anne Clarks Straßenlied trotz des Titels anders ("there is no Hope Road"), Kate Tempests Straßenalbum läßt die zumindest zu.

Intensiv ist eines dieser ekligen Worte, die man viel zu oft in Konzertkritiken liest. Mir fällt aber kein besseres ein, die Stimmung eines Kate Tempest-Konzerts zu beschreiben.

Setlist Kate Tempest, Gamla Bió, Reykjavik:

01: Picture a vacuum
02: Lionmouth door knocker
03: Ketamine for breakfast
04: Europe is lost
05: Whoops
06: Brews
07: Don't fall in
08: Pictures on a screen
09: Perfect coffee
10: Breaks
11: Tunnel vision 

Links:

- aus unserem Archiv:
- Kate Tempest, Düsseldorf, 29.10.16

- Kate Tempest, Mannheim, 03.06.16
- Kate Tempest, Köln, 28.11.14
- alle Berichte vom Iceland Airwaves 16



Dienstag, 1. November 2016

New Fall Festival, Kate Tempest, Tag 3, Düsseldorf, 29.10.2016

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Konzert: New Fall Festival - Kate Tempest
Ort: Düsseldorf, Capitol Theater
Datum: 29.10.2016
Dauer: 60 min
Zuschauer: ca. 1.200

Wohl kaum ein Künstlerin war in den letzten Wochen so oft in den Medien anzutreffen wie Kate Tempest. Erst gab es überall Lobeshymnen für ihren Debütroman, dann folgte vor kurzem noch das neue Album "Let them eat Chaos".

Wie viele Feuilletonleser sich aber wirklich schon mit dem sperrigen Werk auseinander gesetzt haben, bleibt unklar. Das Capitol war jedenfalls in sehr gespannter Erwartung, schließlich handelte es sich um eines der allerersten Konzerte zur neuen Platte.

Wer Kate Tempest schon einmal erleben durfte, konnte sich die berechtigte Frage stellen, wie die Intensität der letzten Auftritte denn nun noch gesteigert werden sollten. Wenn die Messlatte an Emotionen und Tempo so hoch liegt, werden viele Erwartungen geweckt.

Ein Problem, das wohl auch Tempest erkannt hat. Daher beginnt sie vor dem eigentlichen Start zunächst mit einer kleinen Bedienungsanleitung: Handys sind bitte in der Tasche zu lassen. Wir sollen "bei ihr" und "mit ihr" sein. Auch die Bestuhlung soll bitte keine Distanz zum Geschehen auf der Bühne zulassen.

Punkt eins sollte kein Problem werden, bei der Distanz wurde es etwas komplizierter. Kate Tempest präsentiert in Folge nämlich kein Konzert, sondern ein einstündiges, verbales  Musical ohne Showbeilage.

Alles spielt sich im Kopf der Künstlerin und der Zuschauer ab. Band und Licht, sowie das Auftreten von Tempest sind reines Mittel zum Zweck und völlig unprätentiös.



Und so folgt man ihren ständigen Themen von Jugend und Kapitalismus, von Großstädten und Einsamkeit, falschen Träumen und nicht erfüllten Wünschen.  

Einmal gefangen in diesem Sog der Worte und den derben, unterkühlten Beats, gibt es kein Entrinnen mehr. Keine Pause, keine Chance innezuhalten, um das Gehörte zu reflektieren. Nicht einmal Applaus oder Zwischenrufe sind möglich.

Dabei bleibt manchmal unklar, in wie weit Kate Calvert (ihr richtiger Name) hier nur ihr Alter Ego "Kate Tempest" präsentiert, und ob das Ganze nicht doch nur eine Kunstfigur ist. Calvert jedenfalls äußerte in einem Interview kürzlich, sie sei eigentlich eine "Optimistin".

"Das Leben ist wundervoll, manchmal stimmt nur eben die Balance nicht".

Diese Sichtweise ist hier und heute, wenn überhaupt, weit unter allen Parolen, der Wut sowie den tiefsten Industrialbässen vergraben.

"We are lost, we are lost..." ist das Mantra des Abends. Nicht ganz klar wird, ob es trotz der ganzen Probleme des aktuellen Kapitalismus nicht auch noch andere Schauplätze auf der Welt gibt, denen man seinen Pessimismus der Menschheit aufdrücken könnte.

Das Konzert ist jedenfalls in vielerlei Hinsicht ein Schlag in die Magengrube. Tempest seziert das Leben der sieben Londoner um 04:18 am Morgen aus ihren Sichtweisen, und hier wird ein großer Unterschied zu meiner Jugend schnell klar.

Während es bei uns nur um die Selbstfindung innerhalb einer der Jugendkulturen ging, sind es heute die verschiedenen ethnischen Gruppen, die die Unterschiede der Kultur des Landes definieren. London als Schmelztiegel ist dafür die perfekte Kulisse.

Der Stil ihres Vortrags bleibt einzigartig. So wahnwitzig wie hier Wortfetzen, Poems und Lyrics verbunden werden, ist es eine völlige Reizüberflutung durch Sprache, die ohnegleichen ist.

Wahrscheinlich sind auch die besonders starken Bilder in ihren Texten der Kunstform des Rap, die sie ja eigentlich hier vorträgt, entliehen. Tempest macht des dem Zuhörer hier nur schwerer, da sie nie in völlige Überhöhung abgleitet, sondern die Szenarien immer einen realen Hintergrund haben.



Nach fast 60 Minuten begrüßt man fast erleichtert das Saallicht. Tempest verbeugt sich kurz mit ihrer Band am Bühnenrand und verlässt dann grußlos das größtenteils überforderte Publikum.

Im Foyer wird danach angeregt diskutiert: "Darf ein Konzert durchweg schlechte Laune verbreiten ?, war Tempest arrogant im Umgang mit ihrem Publikum ?, ist es Kunst ?, oder doch nur ein Lichtblick im sonst so unpolitisch gewordenen Kulturalltag des Pop ?".

Ich finde es wird sich bald entscheiden, ob Tempest auch andere Themen für sich in dieser Qualität besetzten kann als die, die sie durch ihre Sozialisation selber durchlebt hat. Erst dann wird sich zeigen, zu was die Autorin Tempest, neben ihrer fantastischen Bühnenpräsenz, noch fähig ist.   

Fotos: FotoSchiko/New Fall




Dienstag, 7. Juni 2016

Kate Tempest, Mannheim, Maifeld Derby, 03.06.2016

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Konzert: Kate Tempest-Lesung
Ort: Mannheim, Maifeld Derby
Datum: 03.06.2016
Dauer: 60min
Zuschauer: ca.600

Eine Lesung während eines Festivals erscheint ja vielen erstmal uncool und nebensächlich. Beim Maifeld Derby denkt man natürlich weiter und hat sogar einen Zauberer verpflichtet. Beides funktionierte viel besser als gedacht (bis auf das Dröhnen der gleichzeitig bespielten Fackelbühne) und über Kate Tempest Auftritt muss man einfach berichten.

Seit ihrer ersten, direkt für den "Mercury Prize" nominierten CD und fast fünf Jahren Tourneestress hat sie im Mai ihren ersten Roman "Worauf du dich verlassen kannst/The bricks that build the houses" veröffentlicht und dafür fast noch bessere Kritiken erhalten.

Kate betritt mit ihrem Manager die Bühne und bricht direkt das Eis indem sie behauptet, wir sprächen ja eh besseres Englisch als sie mit ihrem schlimmen Akzent, also gäbe es ja keine Probleme. Ein Übersetzer fehlt heute Abend und wäre in der Folge wohl auch überfordert gewesen.

Und dann legt sie los, und eines war es sicher nicht, eine Lesung. Kate schaut vielleicht ein oder zweimal, mehr beiläufig, in ihre Ausgabe. Was sie vorträgt ist in ihrem Kopf. Sie zerlegt den Roman in einen Rap, betont bestimmte Silben, macht die banalsten Stellen zu körperlich spürbaren Emotionen und wirkt dabei unglaublich sicher. 



Erstes Durchschnaufen im Publikum, einige wollten sich bei einer Lesung wohl eher etwas entspannen, doch jetzt ist es zu spät. Es folgt ein Frage-Antwort Teil mit ihrem Manager. Dieser macht sich einen Spaß daraus, besonders abgefahrene und vertrackte Fragen zu stellen, die Lesereise dauert ja schon etwas, da will man ja nicht immer die gleichen Fragen vorlesen.

Weiter darauf eingehen möchte ich hier nicht, auch Buch-Spoiler sind ja sehr nervig. Aber den Buchtipp von ihr gebe ich gerne weiter, sie schwärmt von Roberto Bolanos "2666", dieses Buch hätte sie umgehauen.



Im Anschluss folgt ein Poem wie Kate es nennt, aber es ist eigentlich ein Manifest. Fast 15 Minuten schüttelt und wiegt sie sich von links nach rechts über die Bühne, scheint wie in Trance immer wieder Teile zu wiederholen oder neu zu erschaffen, steigert sich in Rage und endet fast brüllend und ausgelaugt am vorderen Bühnenrand. 

Einen Vergleich kann ich hier nicht anbieten, lediglich "Mike Skinner" von "The Streets" habe ich je so mit Worten spielen hören. Seine Songs und seine Themen kreisten aber, immer benebelt von diversen Substanzen, im klassischen Rapperstil meist um sich selber und dann erst um die Gesellschaft und deren Probleme.

Kate hat eine große Zukunft vor sich, ein Genuss sie hier in kleinem Rahmen noch einmal erleben zu dürfen. Im September, erzählte sie uns nachher, folgt das zweite Album und schon der Auftritt beim New Fall Festival am 29.10.2016 in Düsseldorf bringt sie wieder mit kompletter Band nach Deutschland. Bis dahin sollte jeder die Zeit finden, diesen fantastischen Roman zu lesen, auf Deutsch oder in Englisch.


Sonntag, 30. November 2014

Kate Tempest, Köln, 28.11.14

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Konzert: Kate Tempest
Ort: Stadthalle Mülheim, Köln (Week-End Fest #4)
Datum: 28.11.2014
Dauer: knapp 50 min



Vor gut 20 Jahren war ich zum ersten Mal bei einem Konzert in der Stadthalle Mülheim. Damals spielte Anne Clark, an die ich während des Konzerts von Kate Tempest immer wieder erinnert wurde. Nachvollziehen wird das niemand können, auch ich kann es nicht näher erklären. Hier die sehr lyrische, still stehende und vertonte Gedichte vortragende Anne Clark, da die wütend rappende Kate Tempest. Die offensichtliche Gemeinsamkeit der beiden Britinnen: sie begeistern mich für Sprechgesang (mit mehr oder weniger hohem Anteil Gesang).


Schon der Beginn war aufregend! Zunächst kam die Band auf die Bühne - zwei Schlagzeuger, eine Keyboarderin und eine Rapperin und begann, eine Melodie zu spielen. Kurz später kam Kate Tempest dazu - und die Musik stoppte! Die Londonerin sagte die ersten Strophen ihres Stücks Marshall law auf, ganz puristisch, minutenlang. Mittendrin dann, mit der Zeile "something was happening" setzte Musik ein, Kates Vortrag ging nahtlos im Satz in Gesang über. In Gesang, der immer wütender wurde. Was für eine Energie von der unscheinbar wirkenden Dichterin ausgeht, wenn sie rappt - irre! Wer nicht wusste, was ihn hier erwartete, wurde mit der zweiten Hälfte von Marshall law gepackt. Ich höre Kates Album häufig, nachdem ich es von Beginn an für besonders (gut), aber auch anstrengend hielt, dann aber die Kurve bekam und mehr und mehr begeistert wurde. Aber bitte - was ist denn die Platte gegen diesen Auftritt? Ich wusste also grob, was mich erwartet. Bei dem sehr speziellen Lineup des Week-End Fests weit jenseits von allen Booking-Konventionen (was brillant ist), ging dies aber vermutlich nicht allen so. 


Sich Kate Tempests Konzert zu entziehen, erschien mir aber schwer vorstellbar, zu faszinierend waren die knapp 50 Minuten gerappter Songs über Becky, Pete, Harry. Die ersten gut sieben Minuten Marshall law waren schlicht brillant und der Saal hin und weg. Und in Bewegung.


Bei einem Stück gab es noch einmal einen ruhigeren Moment, in dem Kate nur ein paar Sätze aufsagte, der Rest war wild und laut - und verflucht gut. 

Alle Stücke stammten vom Mercury Prize nominierten Album Everybody down. Besonders toll neben Marshall law waren The truth und vor allem The beigeness! Der Auftritt war spannend, kurzweilig und packend (wenn man keinen Rap-Hintergrund hat, sollte man Begriffe wie "flow" vermeiden) und leider viel zu schnell vorbei. Die große Begeisterung des Publikums schien sich auch auf die Künsterin zu übertragen. Sie schien ernsthaft beeindruckt von Saal und Publikum und vom Festival. Kate lobte uns und freute sich besonders auf den nachfolgenden Act. "Can't wait for ESG! Can't wait!"

Das Week-End Fest wird hoffentlich eine Dauereinrichtung in Köln! Die Mischung aus Musikhelden (wenn die Talking Heads irgendwann noch mal auftreten, dann in Mülheim. Biete eine Wette dazu an!) und spannenden neuen Künstlern ist einzigartig und kann nicht hoch genug gelobt werden! Das wird nie dazu führen, daß Massen das sehen wollen, dafür sind A Certain Ratio oder Teenage Fanclub nicht mehr hip genug. Es wird aber das Festival auch unter Musikern immer wichtiger werden lassen. "Ach, das sind die, die ESG geholt haben."
  

Kate Tempest wird riesig. Sie ist jung, voller Talente und eine brillante Performerin. Bevor sie das letzte Lied begann, fragte sie das Publikum, ob es eher ein schönes Stück, "heart breaking" hören wolle oder "hardcore". Die Entscheidung für Hardcore quittierte sie lachend mit "this is Germany!" Das letzte Stück wurde Happy end mit kleinen Scooter Melodien.

Vermutlich war die Zugabe dann das romantischere Stück, es war das einzige nicht von der ersten Platte stammende Lied Hot night cold spaceship, das ein fabelhafter Abschluß war. 

Setlist Kate Tempest, Week-End Fest #4, Köln:

01: Marshall law
02: The truth
03: Chicken
04: The beigeness
05: Stink
06: The heist
07: Circles
08: Happy end

09: Hot night cold spaceship (Z)


 

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