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Montag, 28. August 2017

Matt Maltese, Shame, Loyle Carner - Haldern Pop Festival 2017

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Konzert: Matt Maltese, Shame, Loyle Carner
Ort: Haldern Pop Festival 2017
Datum: 10.08.-12.08.2017
Dauer: jeweils ca. 45min
Zuschauer: volle Kirche, volles Spiegelzelt 



Kurz und knapp noch drei Auftritte von relativ unbekannten Bands und Künstlern, die beim Haldern Pop Festival dieses Jahr besonders von sich Reden machten: 

Zunächst am frühen Donnerstag in der Kirche (der alte Spruch "Erst Zelt aufbauen, dann zum Konzert" wurde natürlich befolgt), Matt Maltese aus London am Piano. Matt spielt sehr gefühlvolle Balladen und pendelt dabei in seiner Stimmelage zwischen John Grant und George Michael. 

So klingen dann auch ungefähr seine Songs. Ein wenig Tragik, viel Liebeskummer und eine Portion Soul, den man dem blassen Engländer gar nicht zugetraut hätte. Besonders toll sein "When the world caves in", das er allerdings weit vorne im Set platziert. Matt Maltese hat wirklich Potential etwas besonders zu schaffen, warten wir das erste Album ab.

Matt Maltese - As the world caves in

Vorher spielt er im September noch beim Reeperbahn Festival in Hamburg. 


Schon etwas bekannter, wohl auch wegen der Art ihrer Musik, sind Shame, ebenfalls aus London. Die Band tourt schon einige Monate durch Europa und hatte beim Haldern die dankbare Aufgabe nachts als Rausschmeißer im Spiegelzelt auftreten zu dürfen.

Eine perfekte Wahl. Der ernüchternde Landregen am ersten Festivaltag hatte vielen die Vorfreude genommen, Zeit sich ein wenig zu bewegen, nass war man ja eh schon. 

Kein Problem mit Shame, fragt mich nicht nach Titeln oder markanten Songs, hier ging es 45 Minuten richtig rund. Ob das jetzt musikalisch wertvoll war sollen andere entscheiden, Spaß machte es auf jeden Fall.

Sänger Charlie Steen versucht es erst gar nicht auf die nette Art. Er zieht lieber die Hose mit Gürtel, direkt am nackten Oberkörper vorbei, fast bis an die Schultern um besonders bescheuert auszusehen, raucht dabei und beleidigt oder lobt das Publikum im Wechsel.

Die anderen Musiker scheinen derweil alle ihr eigenes Konzert zu spielen. Manchmal findet einer kein Ende, der andere steigt zu spät ein, alles kein Problem. 

Kundschaft für diese Art der Musik und Präsentation wird es immer geben, doch für mich sah es etwas mehr nach der Sehnsucht aus, wie es früher war oder irgendwann wieder mal sein könnte, wenn die Gitarren wieder gefragt sind. 

Trotzdem taumelt man glücklich aus dem Zelt, froh das einen der Sänger beim Sprung von den Boxen nicht erwischt hat und stolz, auf dem Zeltplatz verkünden zu können, die wohl wildeste Band des Festivals gesehen zu haben. 

Shame spielen am 26.10.2017 im Kölner Yuca-Klub.

Shame: Tasteless

Musikalisch viel gesitteter ging es da bei Loyle Carner zu. Ebenfalls im prall gefüllten Spiegelzelt, präsentierte er mit einem rappenden Partner sein Debütalbum "Yesterday`s gone", und das ist wirklich ein tolles Stück Musik.

Loyle Carner: Ain`t nothing changed

Ohne jede Arroganz oder Rap-Gehabe mischt er alte Samples und sehr intelligenten Sprechgesang. Auch das ist nicht neu, aber die Stimmung ist großartig und er genießt die intime Spannung des kleinen Zeltes. Loyle Carner ist ebenfalls Londoner, und wenn man diese drei völlig unterschiedlichen Ansätze Musik zu interpretieren gehört hat, möchte man sofort nach England aufbrechen, um mehr davon zu entdecken. 


Samstag, 26. August 2017

Hurray for the Riff Raff, Haldern Pop Festival, 10.08.2017

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Konzert: Hurray for the Riff Raff
Ort: Haldern Pop Festival
Datum: 10.08.2017
Dauer: 45min
Zuschauer: Spiegelzelt ca. 650


Alynda Segar ist kein Riese. Nein, im Gegensatz zu den Bildern auf der aktuellen CD "The Navigator", ist sie wirklich sehr klein. Aber sobald sie mit ihrer Band die Bühne betritt, wird sie zum Riesen. 

Sollte ich dieses Jahr nur ein Album empfehlen, "The Navigator" wäre meine Wahl. Dabei handelt es sich hier nicht um das jahrelang vorbereitete erste Album einer jungen Künstlerin.

Hurray the Riff Raff sind eine echte Band und haben schon diverse CDs veröffentlicht. Doch "The Navigator" ist anders, drängt den folkigen Anteil von früher zurück, ist wütend und politisch und musikalisch brillant. 



Es enthält viele Zeilen, die die Spaltung der USA schon vor der Wahl zeigt (das Album war beim Amtsantritt von Trump schon fast fertig). Alynda selber ist halb Puerto Ricanerin und halb New Yorker Girl, wie sie gerne betont und diese beiden Herzen schlagen auch in ihrer Brust.

Die Texte handeln in Erinnerung an gute Zeiten und den Ärger über die jetzige Lage an Bruce Springsteen, enthalten Sehnsucht und sprudeln vor Ideen und großartigem Songwriting. 



Kein Wunder also, das die Band bei ihrem Gig im Spiegelzelt voll auf das neue Werk setzt. Alynda selber hält den Laden perfekt zusammen, spielt entweder mit einer, für sie, riesigen Gitarre oder gibt mit langem Mikrofonkabel den domestizierten Eisbär und wandelt ohne Unterlass über die kleine Bühne. 

"Nothing`s gonna change that girl" kommt noch trotzig daher, doch "The Navigator" und "Living in the City" zeigen das neue Selbstbewusstsein der Band. 



"Today I feel weak, but tomorrow I’ll feel a queen, I was raised by the street, do you know what that really means ?" Danach wird es noch direkter, noch treibender, Palan`te: "Colonized, and hypnotized, be something. Sterilized, dehumanized, be something, Well take your pay and stay out the way, be something. Ah, do your best, but fuck the rest, be something". 



Das Zelt geht mit und Alynda kündigt sofort die Zugabe an. Ein Song des einzigen "Boss" dessen Regeln sie befolgen würde, solle folgen: Bruce Springsteen. Und so schließt sich der Kreis (wenn die Richtung stimmt) mit einer fulminanten Version von "Dancing in the dark".

Die Band spielt Anfang November noch im Berliner Privatclub, beim Rolling Stone Weekender und in den Niederlanden.

Fotos: Denis Schinner/ Michael Graef-Lowlands

Aus unserem Archiv:
Hurray For The Riff Raff, Karlsruhe, 20.09.12


Freitag, 25. August 2017

The Afghan Whigs, Haldern Pop Festival, 12.08.2017

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Konzert: The Afghan Whigs
Ort: Haldern Pop Festival
Datum: 12.08.2017
Dauer: 75 min
Zuschauer: ca. 6.500 ausverkauft





1996 spielten die Afghan Whigs bereits auf dem Haldern Pop Festival. Für mich war es damals der erste Besuch, Mitteilungen über das Line-Up oder gar Uhrzeiten gab es damals ohne Internet nur spärlich. 

Es war noch drei Jahre vor Boris Becker "Ich bin drin"-Kampange, nur mal so zur Einordnung. Tageskarten gab es damals noch, also mit dem Shell-Atlas spontan ins Auto gesprungen (Blumfeld und Tocotronic spielten am selben Tag, da konnte ja nichts schief gehen) und auf in die Provinz. 

Wahrscheinlich haben die alten Haldener damals genau so komisch auf die Bühne geschaut wie ich heute, wenn Clueso auf dem Haldern spielt. Aber so ändern sich halt die Zeiten. Ob aber Clueso in 21 Jahren noch so einen Auftritt hinlegen wird wie die Afghan Whigs 2017, warten wir es ab.

Auf jeden Fall verbindet den Veranstalter die gleiche Liebe zur Band wie mich. Die Whigs waren für mich live immer eine Institution, fantastische Auftritte im Paradiso/Amsterdam und beim Pukkelpop hatte ich schon gesehen. Trotzdem war dieser Tag damals etwas ganz besonders. 



Seitdem hat Sänger Greg Dulli bereits sechs Auftritte am Niederrhein absolviert. Die Whigs lagen ja lange Zeit auf Eis, da kam er eben mit den Twilight Singers oder Mark Lanegan vorbei. Nach der Best of..Comeback-Tour als Headliner in Haldern 2012 nun, zwei neue Alben später, noch eine Einladung. 

So sehr mir die früheren CDs immer noch präsent sind, so ist leider bei den neuen Songs der schwüle Soulanteil etwas verloren gegangen. Auch live zielt es etwas mehr in die reine Rockecke. Cello, Geige und Piano sind nicht mehr so gefragt wie früher. Auch Dullis Stimme ist heute etwas brüchig, die "Baaaby"-Schreie sind nicht ganz so lang wie sonst. 



Das alles ist aber kleinkarierte Fansicht. Als Band machen sich die Whigs auf der Bühne, die in Haldern ja nur noch selten laute Gitarren zulässt, immer noch hervorragend. Der unglaublich coole Riesenbass von John Curley, Dullis immer noch aufregende Mischung aus Troubleshooter und Dandy, dazu mit Patrick Keeler (Jack White/ The Raconteurs) einen der besten Schlagzeuger der Welt, das klingt richtig gut. 

Blindes Verständnis ist Ehrensache, doch leider liegt auf der Tour der schwere Schatten durch den Verlust von David Rosser, der kurz vorher an einem Krebsleiden verstarb. Im zu Ehren gibt es eine Coverversion (große Tradition bei den Whigs), diesmal "Last Goodbye" von Jeff Buckley. "This is our last goodbye, I hate to feel the love between us die. But it's over. Just hear this and then I'll go. You gave me more to live for. More than you'll ever know."

Außerdem auch noch Rossers Lieblingslied "You want love" von der Band Pleasure Club, einen Song den die beiden schon immer einmal covern wollten. 



Dann dreht die Band aber wieder magisch am Regler, steigert den Druck und die Emotionalität von einem tollen "Algiers" zu den heute Abend wenigen, alten Hits. Dulli wollte wahrscheinlich einfach nicht nochmal fast den selben Set abliefern, wie vor fünf Jahren. 

Er ist zurecht stolz auf die neuen Songs, und die Band muss gerade nach dem Verlust des Gitaristen nach vorne schauen. Trotzdem gibt es noch "It kills", "Something hot" und "Going to town", diesmal in einer Pianoversion.



Bonnie Raitt schaut auch noch vorbei: "I can`t make you love me" passt mal wieder perfekt in Dullis Song-Schema. 

Mittlerweile ist es dunkel über dem Reitplatz. Der diesmal weiße, riesige Vorhang strahlt vor den schwarzen, dröhnenden Verstärkern und wirft das Feedback zurück in die Zuschauer. 

Ein letztes Aufbäumen, wie immer. "Faded", Dullis "Purple Rain" muss noch folgen, wie eigentlich bei jedem Konzert. Der Song enthält eine Zeile, die sich in mein Gehirn gebrannt hat, damals 1996. 

Er singt sie immer noch wie früher. Ruhig aber mit der Inbrunst, die mir selbst bei jedem Hören von CD immer Gänsehaut bereitet: "If I go bad.  From time to time. Love to love, but love is not my only crime". Dann wieder ein langgezogenes "Baaaaby"...es möge niemals enden...

Fotos: Denis Schinner



Mittwoch, 16. August 2017

Haldern Pop Festival, 3. Festivaltag, 12.08.2017

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Haldern Pop Festival, 3. Festivaltag, 12.08.2017
Ort: Rees-Haldern am Niederrhein
Datum: 12.08.2017
Zuschauer: etwa 7000
Konzertdauer: von früh bis spät




Weisswein zum "Frühstück", das ist doch mal was. Wobei Frühstück ein dehnbarer Begriff ist, für eine Nachteule wie mich ist 14Uhr 15 recht früh, zumindest für ein Konzert. White Wine aus Leipzig spielten zu dieser Zeit in einer völlig überfüllten Pop Bar und es fiel mir schwer, die drei Akteure vorne auf der Bühne zu sehen. Als da wären Joe Haege (31 Knots, Tu Fawning), Fritz Brückner und der neu hinzugestossene Christian Kühr an den Drums. Das Konzert war toll und der Sound der Band originell, schmissig und innovativ, aber aufgrund meiner anstrengenden Position (hinter riesigen Menschen) blieb ich nur etwa vier Lieder, bevor ich zu Daniel Brandt und seinen beiden Mitmusikern auf die Hauptbühne eilte. 


Brandt war um 15 Uhr angesetzt und sein Set gefiel mir richtig gut. Instrumentelle Musik mit postrockigen Ansätzen, einem fintenreichen Schlagzeugspiel und einer famosen Trombone, langweilig wurde es mir trotz fehlenden Gesanges nicht. Im Gegenteil, das Set hatte einen hypnotischen Charakter, war tanzbar und abwechslungsreich. Gespielt wurden Tracks des Albums Eternal Something.




Danach ging es für mich mit Voodoo Jürgens und seiner Band im Spiegelzelt weiter. Die Österreicher hatten Verspätung, waren auf der Autobahn in einen Stau geraten, kamen aber schliesslich doch und das war gut so, denn die im österreichischen Akzent vorgetragene Kabaretmusik hatte hohen Unterhaltungswert und einen einzigartigen Stil. Die Fachpresse bezeichnet Sänger David Öllerer wohl gerne als alpenländischen Tom Waits und so abwegig ist der Vergleich gar nicht. Allzu gerne hätte ich die sicherlich witzigen Texte verstanden, aber dazu war mein österreichisch doch zu schwach. Öllerer fragte deshalb auch, ob es für uns nicht ähnlich sei, wie Eros Ramazotti zuzuhören und wenn ich ehrlich war, fühlte es für mich so an. Natürlich nicht so schmalzig, aber ich kapierte nicht worum es in den Liedern ging. Um die abgehängte Arbeiterschaft wie man in einem Artikel lesen konnte? Um Säufer, Verlierer, Randerscheinungen in einem immer schicker werdenden Wien?

Ein Lied hiess jedenfalls Gitti, dazu hätte man fast mitschunkeln können, es war enorm stimmungsvoll, hatte aber auch viel Melancholie, die mich an Element Of Crime erinnerte.




Letzlich dauerte das Set nur etwa 30 Minuten, weil die Verspätung von 15 Minuten nicht mehr nachgeholt werden konnte. Die halbe Stunde hatte es aber in sich, allein der Look der Musiker war zum Schiessen! Diese schwere Zuhälter-Halzkette von Öllerer, die hässlichen Hemden im Stile der 80er Jahre, die clochardhaften Anzüge, köstlich!

Nun muss ich unbedingt die Texte studieren, damit sich für mich das schrille Universum von Voodoo Jürgens erschliesst!


Weniger schrill und optisch deutlich geschmackssicherer war Julia Jacklin aus Australien um kurz vor acht im Spiegelzelt. Die natürliche Blondine gähnte vor ihrem Auftritt etliche Male, aber das verstand sich von selbst, wenn man sich ihren Tourstress und ihre weiten Reisen vergegenwärtigt. Das arme Mädel muss platt sein! Bei dem wunderbaren Konzert liess sie sich die Müdigkeit aber nicht anmerken, spielte gemeinsam mit ihrer männlichen Band hervorragende Songs von ihrem glänzenden Album Don' Let The Kids Win, darunter die Indiehits Coming Of Age und Poolparty, welches das vorzügliche Set beendete. Etwa in der Mitte des Programms gab es auch Platz für die gelungene Coverversion von Someday von The Strokes.


Die Mischung aus Folk und Indierock klang erlesen und hochkarätig, obwohl Jacklin nichts Neues erfindet und man Songs dieser Art schon vorher bei anderen gehört hatte. Dennoch: ein grosses Talent, starke Lieder und ein hoher Sympathiefaktor.


Sehr sympathisch fand ich auch den Auftritt der beiden jungen Freundinnen Rosa Walton und Jenny Hollingworth von Let's Eat Grandma um kurz vor 9 im Spiegelzelt. Verblüffend die Unbeschwertheit und Kreativität der beiden. Zum Beginn des Sets veranstalteten sie erst einmal ein Klatschduell, wie wir es als Kinder spielten, bevor sie dann in der weiteren Folge an Keyboard, Flöte, Mandoline, Saxofon und weiteren Instrumenten Akzente setzten. Ein Mädel hatte völlig löchrige schwarze Jeans und beide hatten sie lange lockige Haare, die sie wie schwere Jungs der Heavy Metal Szene durch die Luft wirbeln liessen. In zwei Situationen musizierten die beiden gar flach auf dem Boden liegend!




Dennoch war dies alles keine billige Effekthascherei, sondern Ausdruck jugendlicher Experimentier-und Spielfreude und auch stilistisch gingen die Mädels spielerisch von Pop zu Rap und von Rap zu Folk über, als ob es keinerlei Grenzen gäbe (was löblich ist). Ihr Debütalbum I, Gemini ist bereits erhältlich und davon spielten sie unter anderem Eat Shiitake Mushrooms.


Nach Let's Eat Grandma lief ich dann schnell rüber auf die Hauptbühne, um noch etwas vom Set der Afghan Whigs mitzubekommen, aber es lief schon die Schlussphase, so dass ich mir kein Urteil über die Güte des Auftritts erlauben will. Mein Bloggerkollege Dirk hat aber das Konzert der Band von Greg Dulli ausführlich beleuchtet, deshalb verweise ich hiermit auf seinen Bericht.

Nach den Afghan Whigs ging es für mich erneut Richtung Spiegelzelt, um mir ein wenig Klangstof aus Amsterdam anzusehen. Klangstof spielten nicht sehr lange, aber das was ich hörte, gefiel mir durchaus. Sphärisch-melancholischer Gittarenpop mit hübschen Synthiemelodien und einem Sänger der mit seinem Falsett phasenweise an Chris Martin von Coldplay erinnerte. Stadionmusik war das Ganze aber auf keinen Fall, auch wenn die andere Referenz die mir in den Sinn kam, Radiohead nämlich, ähnlich wie Coldplay Arenen beschallen. Gerne hätte ich noch mehr von Klangstof gehört, aber der Auftritt beim Haldern Pop 2017 war zumindest ein Appetitanreger für das Ansehen eines Clubkonzertes der Band.



22Uhr30, Zeit für die Britin Kate Tempest auf der Hauptbühne. Sie hatte ja bereits am gleichen Ort gespielt, 2015 wenn ich mich recht erinne und nicht Google zu Rate ziehe, um das zu bestätigen. Damals hat mich das Ganze  nicht so richtig gepackt, heuer aber war ich von Beginn an fasziniert. Überraschend, denn ich hatte weder ihre 3 Alben gehört, noch ihren Roman oder ihre Poesie gelesen. Ausserdem mag ich Rap und Hop in der Regel nicht und mit politischen Texten habe ich nie intensiv auseinandergesetzt. Schon als Student war ich politisch nicht engagiert, habe mich aber immer  ziemlich bewundernd gefragt, was diese Weltverbesserer antreibt. Woher kommt ihre Motivation, woher die Wut? Ist das nur Ausdruck schlechten Gewissens, der Versuch von den anderen für die wohltäterische Haltung gemocht zu werden oder wahre, aufrichtige Philanthropie? Und wie sieht es diesbezüglich bei Kate Tempest aus? Warum ist die junge Frau so wütend, warum blökt die das Publikum die ganze Zeit so an? Ist sie Anklägerin oder eher Beobachterin? 



Und wer bitte sind Alisha, Esther und Gemma, von denen sie  in Haldern ganze Zeit sang? (bzw. redete) Was habe ich denn mit denen zu tun? Fragen über Fragen, während Kate Tempest ohne Luft zu holen ihr Mikro anpöbelte. Das Tempo, die Intensität und die Wucht mit der sie sich artikulierte war schlicht und einfach atemberaubend, sie rappte mich in Grund und Boden, sang über Selfies, Tinder, Leuten die zur Frühschicht müssen, um ihren Kredit abzubezahlen, Politikern die toten Schweinen in den Mund bumsen (natürlich spielte sie auf David Cameron an), den Anstieg des Wasserspiegels, das Artensterben, Prostituierte, Leuten die nachts noch wach sind (4:18) etc. Im Grunde wurde jedes heisse Eisen angefasst, Klassenunterschiede, Armut, Alkoholismus, Naturkatastrophen, die Konsumgesellschaft, nichts wurde ausgespart. Natürlich war das manchmal ein wenig anstrengend, aber  Tempest legte soviel Wucht in ihre Wortsalven, das man einfach nur staunen konnte. Und die minimalistisch klaustrophobe Synthiemusik passte hierzu genau, sie war düster, bedrohlich, aber auch sehr tanzbar und hypnotisierend. 




Fast eine Stunde lang schrie sich die Britin die Lunge aus dem Hals, spielte hauptsächlich ihr aktuelles Album Let Them Eat Chaos und hatte mich am Ende sehr beeindruckt zurückgelassen. Allein die Vorstellung, das man sich so dermassen viel Text merken und den so schnell und fehlerfrei runterrappen kann, war für mich  schlichtweg unglaublich!


Setlist Kate Tempest:

Picture A Vacuum
Lionmouth Door Knocker
Ketamine For Breakfast
Europe Is Lost
We Die
Whoops
Brews
Don't Fall In
Pictures On A Screen
Perfect Coffee
Grubby
Breaks
Tunnel Vision

Tja und dann war bei mir die Luft raus. Man soll ja schliesslich gehen, wenn es am besten ist und das war bei Kate Tempest der Fall, obwohl ich auch Tom Grennan oder Idles im Spiegelzelt noch gerne gesehen hätte. Aber das Haldern zeichnet sich ja auch dadurch aus, dass man hinterher über Bands stolpert, die man am Niederrhein verpasst hatte. Dann sagt man sich: "Hey, die haben doch schon im Frühstadium ihrer Karriere beim Haldern Pop gespielt, hätte ich doch bloss früher gewusst wie gut die sind, dann hätte ich sie mir bestimmt angesehen!"

In diesem Sinne bis zum nächsten Jahr in Haldern, oder aber jetzt im Herbst noch in Kaltern in Südtirol, allein die wundervollen Landschaftsfotos reizen einen, da mal hinzufahren und mit einem Glaserl Wein die feinen Bands anzuschauen.



Haldern Pop Festival, 2. Festivaltag, 11.08.17

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Konzerte: 2. Festivaltag beim Haldern Pop mit u.a. Aldous Harding, Julie Byrne, Faber, Benjamin Clementine, Matthew And The Atlas
Ort: Haldern Pop Festival, Rees am Niederrhein
Datum: 11.08.17
Dauer: von 10 Uhr 30 bis 3 Uhr früh
Zuschauer: Etwa 7000 


Am zweiten Festivaltag wollte ich unbedingt zu Aldous Harding in der Haldern Pop Bar vor Ort sein. Die Neuseeländerin war dort von 12 Uhr 40 bis 13 Uhr 20 angesetzt. Aufgrund des sehr mittelmässigen Netzes an öffentlichen Verkehrsmitteln, kam ich aber prompt zu spät. Früh aufstehen war ohnehin nicht drin gewesen, gestern nacht hatte ich noch stundenlang Fernsehen geglotzt, es lief die spannende Sendung "die 10 gefährlichsten Flughafen der Welt" und ich konnte ja schlecht nach Platz vier aufhören... 

Aldous Harding platzierte sich bereits im Vorfeld in meiner persönlichen Top Ten Liste, nämlich derjenigen mit den Acts, auf die ich mich am meisten beim Haldern freute. Insofern war mein Bedauern gross, sie verpasst zu haben. Aber ich hatte ihre Show nur vermeintlich verpasst, aufgrund von Verschiebungen im Programmablauf bekam Aldous kurzfristig den Slot von Mammut um 17 Uhr im Zelt zugewiesen und ich hatte das grosse Glück, die Neuseeländerin doch noch geniessen zu können!



Sie kam ganz in weiss (Zeichen von Unschuld?) gekleidet auf die Bühne, nur die Collegeschuhe waren schwarz. Ein recht konservativer East Coast Look für eine solch ausgeflippte Dame, aber vielleicht war das Teil des Konzepts. Mit ihr auf der Stage ihr exzentrischer Pianist mit dem Gebaren eines bekifften Hippies, köstlich! Die beiden fielen wirklich auf, Aldous insbesondere durch ihre Grimassen, ihr Augenverdrehen, ihre seltsame Mimik. Brutale Ehrlichkeit um die Authentizität der Texte zu unterstreichen, unbewusste Marotte, oder Albernheit? Hinterher diskutieren wir unter den Haldern Fotografen dieses Phänomen, ohne das Rätsel wirklich ergründen zu können.



Unbestritten gut war auf jeden Fall die Musik. Harding hat auf ihrem aktuellen Album The Party (das zweite ihrer Laufbahn) so viele starke, eigenwillige, auch textlich interessante Songs zu bieten, dass man heuer nur schwerlich an ihr vorbei kann. Ob das an John Lennon erinnernde Imagining My Man, das elektrisch angehauchte Bend, oder das eingängige Horizon, all diese Stücke klangen auch live extrem gut. Und zusätzlich bekamen wir den vielversprechenden neuen Song Weight Of The Planets geboten.

In der Mitte des Sets stiessen zwei zusätzliche Musiker mit auf die Bühne, ein Drummer plus H. Hawkline an der Gitarre. Hawkline gilt ja auch als Solokünstler als heisser Tip, aber in der Band von Harding fiel er nicht sonderlich auf. Die reduzierten Songs brauchten eigentlich nicht viel Instrumentierung, die Neuseeländerin hätte ihr Konzert auch problemlos nur zu zweit bestreiten können. Letztlich wechselte das Line Up während des Sets in schöner Regelmässigkeit, Aldous stand mal alleine, mal zu zweit, mal zu viert auf der Bühne. Gut war es immer. Nur am Ende störte die Musik die von der Hauptbühne ins Zelt rüberdröhnte (Blaudzun hatte begonnen) ein wenig, aber so etwas gehört bei Festivals eben dazu.



Aber gehen wir mal chronologisch vor, Aldous Harding fand also um 17 Uhr statt, vorher, genauer gesagt um 14Uhr 30, hatte Julie Byrne ihren Auftritt in der Kirche. Und der war erwartet wundervoll. Ganz alleine mit Akustikgitarre hatte die Amerikanerin ihr Konzert bestritten, hatte auf wundervollste und sanfteste Art gesungen und mich damit völlig in ihren Bann gezogen. In der Kirche war es vorbildlich ruhig und alle sahen friedlich und mit freudigen Augen nach vorne, wo Byrne die Friedenspriesterin gab.



Dabei spielte es für mich keine grosse Rolle, dass sich die Lieder untereinander etwas ähnelten, schlicht und einfach gehalten waren. Was für mich zählte war die Naturreinheit (kein Wunder, dass ein traumhaftes Stück Natural Blue hiess), die profunde Schönheit (man höre nur Melting Grid!), die wahnsinnige Zärtlichkeit die von den Liedern ausging, die überwiegend von dem aktuellen zweiten Album Not Even Happiness stammten. Auffällig auch ihr gutes Fingerpicking, das sie von ihrem Vater erlernt hatte.

Eine Wohltat für die Sinne dieses Konzert von Julie Byrne! Vor dem Kircheingang kaufte ich mir auch noch ihr erstes Album (Rooms With Walls And Windows), das ich noch nicht hatte, machte mich dann aber auf den Fussweg Richtung Hauptbühne. Meine Füsse trugen mich leider nicht schnell genug, um noch den Schluss von Penguin Café zu sehen, schade, aber man kann bei Festivals eben nie alles sehen, was man möchte.



Um 16 Ihr 15 traten die Schweizer Faber auf der Hauptbühne auf. Das war zwar musikalisch nicht so ganz mein Stil, aber die Band um Sänger Julian Pollina schaffte es sehr gut, das Halderner Publikum zu unterhalten. Pollina hatte etwas von einem Posterboy, in den ersten Reihen sah man viele schmachtende Mädchen.



Auffällig die Bühendeko, da standen viele Pflanzen rum, das Ganze hatte das Flair eines tropischen Regenwaldes (nun gut, Sonnenblumen gibt es dort nicht)
Unterhaltsam, aber dennoch ziehe ich das Buch Homo Faber von Max Frisch der Musik von Faber vor.



Nach Faber ging ich rüber zum Spiegelzelt zu Aldous Harding, aber den Bericht darüber habe ich ja hier schon an den Anfang gestellt, so dass wir hier nun chronologisch fortfahren können und zwar mit dem Gig von Blaudzun, der bis um 18 Uhr 30 auf der Hauptbühne stattfand. Er war äusserst schwung- und stimmungsvoll und begeisterte das Publikum. Das war tighter Indierock mit gelegentlichen Ausbrüchen Richtung Mainstream, getragen von der Falsettstimme von Johannes Sigmond und den flotten Rhythmen der Band, in der die blonde Perkussionistin mit ihrem attraktiven flachen Bauch optisch herausstach, aber mit ihrer unglaublichen Energie auch musikalisch zum Gelingen beitrug.




Bei den Amazons im Anschluss legte ich dann eine Essenspause ein und fand mich erst wieder zum Auftritt von AnnenMayKantereit ein. Eine Band die in Haldern schon vor der Kirche, in der Bar und auf der Biergartenstage (die gibt es heuer nicht mehr) gespielt hatte, inzwischen aber richtig kommerziell erfolgreich geworden ist und somit logischerweise auf die Hauptbühne platziert wurde.

Neben den eigenen Kompositionen performten die vier Kölner auch zwei Cover, einmal den Farbfilm von Nina Hagen und dann noch das The Zutons Cover Valerie, das Amy Winehouse erst so richtig bekannt gemacht hatte.



Gegen Annemyakantereit wird seitdem sie erfolgreich sind viel gehetzt, aber schlecht war ihr Auftritt in Haldern nicht. Die Rio Reiser Gedächtnisstimme von Bandleader Henning May war markant und 3. Stock ("ich möchte mit dir in 'ner Altbauwohnung wohn', zwei Zimmer, Küche, Bad und einer kleiner Balkon") ist fast eine Art guilty pleasure für mich. Guilty weil es ein wenig sozialromantischer Kitsch ist und auch eher bieder daherkommt.

20 Uhr 15 Zeit für den gehypten Loyle Carner im Spiegelzelt, aber mit seinem Hip Hop konnte ich mich nicht richtig anfreunden, ich mag diesen Musikstil nun einfach nicht, da wäre es gelogen hier Interesse zu heucheln. Seine Verpflichtung beim diesjährigen Festival war aber sicherlich ein Coup der Veranstalter, Loyle Carner ist sehr begehrt zur Zeit.



Toll war dann der Auftritt von Badbadnotgood um 20 Uhr 45 auf der Hauptbühne. Das war Instrumentalmusik mit Jazzeinschlag und leichten Hip Hop Elementen (noch erträglich für meine Ohren), geboten von vier Kanadiern, bei denen der blonde Drummer Alexander Sowinski den Ton angab und die Ansagen machte, sich aber ein in der Mitte der Bühne performender Saxofonist namens Leland Whitty ebenfalls sehr verdient machte.

21 Uhr 30, höchste Eisenbahn um pünktlich zum Konzert  von Die Höchste Eisenbahn dabei zu sein. Die Berliner Band spielte im Spiegelzelt ihre deutschen Popsongs und sorgte für gute Stimmung. Leider war es im Zelt aber so brechend voll und ich stand ganz hinten, hinter enorm vielen enorm grossgewachsenen Leuten, dass ich es nicht lange aushielt und wieder raus ging.



Bei Benjamin Clementine hatte ich deutlich mehr Sicht-und Bewegungsfreiheit und showtechnisch konnte mich der ungemein gut aussehende Pianist überzogen. Er hatte ein extravagantes Kostüm mit einem weisser Kragen (einer Krempe? wie nennt man so etwas?) an und am hinteren Bühnenrand performten ein halbes dutzend Backgroundsängerinnen. Stilistisch schwer einzuordnen, aber die Musik hatte was. 



Benjamin Clementine ist unbestritten ein Mann für die grosse Bühne, obwohl er in Haldern vor ein paar Jahren zunächst im Zelt angefangen hatte. Seitdem ging es für ihn karrieretechnisch immer weiter bergauf, zu Liebhabern haben sich auch einige Hater gesellt, aber selbst wenn das nicht wirklich meine Musik war, fühlte ich mich gut unterhalten, zumal Clementine auch ein guter Kommunikator war und oft mit dem Publikum sprach.



Zu meinem persönlichen Tagesabschluss sah ich mir dann auch noch die Briten Matthew And The Atlas im Spiegelzelt an. Eine tolle Band, die auf dem renommierten Communion Label veröffentlicht und von Matt Hegarty angeführt wird. Der Mann mit der rauchigen Stimme war mit seiner Gruppe schon mal in Haldern und freute sich zurück zu sein. Die Freude lag ganz meinerseits denn ein Titel wie On A Midnight Street, der in der Anfangsphase gebracht wurde, glänzte durch eine famose Melodie und eine traumversunkene Instrumentierung. Auch der Titelsong des aktuellen Albums, Temple , wusste mit ähnlichen Ingredienzen zu gefallen. Das war Folkrock, durchaus Mainstream kompatibel, aber nie flach oder anbiedernd. Schöne Harmoniegesänge hübschten das Ganze zusätzlich auf. Ein gelungener, sympathischer Auftritt, mit dem ich diesen Haldern Tag abschloss. Es war komplett trocken geblieben, obwohl der Himmel immer mal wieder bedrohlich aussah. Ein bisschen Glück mit dem Wetter gehört halt eben auch dazu.




Haldern Pop Festival, 1. Festivaltag, 10.08.17

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Konzert: Haldern Pop Festival, erster Festivaltag mit u.a: Get Well Soon, Conor Oberst, Hurray For The Riff Raff, Lisa Hannigan 

Ort: Rees-Haldern am Niederrhein

Datum: 10.08.2017

Dauer: den ganzen Tag 

Zuschauer: 7000 




Mit dem Haldern Pop Festival (und seinen wundervollen Maisfeldern) gemeinsam alt werden. Immer wieder kam mir während dieser 34. Ausgabe des Festivals am Niederrhein dieser Satz in den Sinn. Schließlich war ich beim ersten Mal (2005) noch in den Dreissigern und jetzt bin ich inzwischen hinsichtlich der Jahreszahl meines Geburtstages der 5 näher als der 4. Ich stehe nicht alleine da. Viele Haldern-Gänger sind Wiederholungstäter und kommen Jahr für Jahr wieder. Neben diesen alten Haudegen gibt es aber auch jüngere Fans, die das Haldern jetzt erst für sich entdecken und sicherlich auch im Laufe der Zeit Stammgäste werden. Bei den auftretenden Bands verhält es sich ähnlich. Wenn sie einmal Haldern-Luft geschnuppert haben, wollen sie immer wieder dabei sein. So waren dann auch in diesem Jahr ein paar altbekannte Namen mit am Start, u.a: Conor Oberst, Kate Tempest, Afghan Whigs, Benjamin Clementine, AnnenMayKantereit und Get Well Soon. Die meisten der genannten Künstler haben mal "klein", sprich in der Haldern Pop Bar oder im Spiegelzelt angefangen, so z.B. Benjamin Clementine, Annen May Kantereit und auch Get Well Soon, um die es jetzt in der Folge gehen sollte.




Die Band um Konstantin Gropper spielte 2007, also genau vor 10 Jahren, zum ersten Mal in Haldern und begeisterte im Spiegelzelt sämtliche Anwesenden. Im Anschluss an diesen Sensationsgig verkaufte der gebürtige Mannheimer noch selbstgebrannte CDs (die erste EP und zwar in rauen Mengen!), bevor er nicht viel später bei dem renommierten Berliner Label City Slang unter Vertrag genommen wurde. Heuer sind Gropper und seine Mitmusiker bei Album Nummer vier, genannt Love, angekommen und von diesem Machwerk stammten auch die meisten Songs des leider nur vierzig Minuten langen Gigs. "Love" konnte man in roten Lettern als Bühnendeko lesen und in der Tat versprühten Get Well Soon wieder einmal viel Liebe und auch Spielfreude. Die auf dem Album recht poppigen und sogar bisweilen etwas seichten Nummern wurden live mit viel Schmiss und Rockappeal wiedergegeben und in den letzten 60 Sekunden der jeweiligen Stücke explodierte Konstantin regelrecht im wilden Gitarrenrausch.



Seine Schwester Verena Gropper war mit rotem Jacket ( Geklaut von Angela Merkel?) und rotem Nagellack auf kurzen Nägeln aufgelaufen und sang wie immer glockenklar und wunderschön. Auch alle anderen Musiker auf der Bühne machten einen super Eindruck, die Truppe ist wirklich perfekt eingespielt, hat hunderte (tausende?) Gigs auf dem Buckel und weiss genau wie sie Spannung aufbauen und sie wieder entladen kann.




Einer der Highlights im Set war Roland, I Feel You, ein typisch getwellsoonsches Drama-Stück mit viel Emphase und Melancholie aber auch einer angenehm spielerischen Leichtigkeit und einem leicht mexikanisch angehauchten Feeling. Hier spührte man gesanglich eine gewisse Nähe zu Neil Hannon von The Divine Comedy, auch so ein alter Haldern Liebling. Auch das anschliessende You Cannot Cast Out The Demons war melancholisch, aber auch warmherzig und romantisch nahegehend, fast eine Weihnachtmusik, die gegen Ende dramatisch und fast postrockig wurde. Darüber schwebte förmlich das Soprano von Verena. Den Abschluss des Sets bildeten Marienbad und It's a Frog und hinterher war man ein wenig traurig, dass es so schnell vorbei war. Ich hätte mir gewünscht, dass noch ein Song von dem Debütalbum gebracht wird, um den Bogen zu dem Konzert von 2007 zu spannen. Aber auch so war es ein guter Auftritt!

Setlist Get Well Soon

It's Love (vom Album Love)
The Last Days Of Rome (vom Album The Scarlet Beast O'Seven Heads)
It's A Catalogue (Love)
Roland, I Feel You (Scarlet)
You Cannot Cast Out The Demons (Scarlet)
Too Much Love ep (von der Love Bonus CD)
Marienbad (Love)
It's A Frog (Love)

Vor Get Well Soon hatten Hurray For The Riff Raff im Spiegelzelt gespielt und die Band um Frontlady Alyndra Segarra hatte ich vorher eigentlich fest eingeplant. Da meine Anreise von Paris nach Haldern aber etwas länger dauerte als geplant, sah ich nur noch die letzten drei Stücke auf der Leinwelt vor dem Zelt, darunter Living In The City, Pa'Lante und Dancing In The Dark. Pa'Lante war eine wundervolle Ballade, dominiert von der souligen Stimme von Alyndra und einem nahegehenden Text ("dead  porto ricans who never knew they were porto ricans who never took a coffee break form the 10th commandment, to kill, kill, kill"), am Ende schrie sie in Patti Smith Manier und das Schlagzeug und das Vintage Piano trieben zusätzlich nach vorne. Junge Damen spielten auch am Bass und am Klavier.

Der Abgang dann mit Dancing in The Dark, geschrieben von dem einzigen Boss den sie akzeptiere, so Alyndra. Bereits Living In The City hatte etwas nach der E Street Band von Bruce geklungen und so war die Auswahl des Springsteen Covers fast logisch. 

Tolle Band diese Hurray for The Riff Raff, handwerklich exquisit, textlich versiert und auch auf der Bühne packend. Das Spiegelzelt tobte.


Weniger packend, zumindest für mich waren dann die nächsten Eroberer des Magic Mirror, die Australier Parcels. Ihr funkig angehauchter Discosound mit Falsett Gesang liess mich eher kalt, aber ich konnte ja schon mit den Bee Gees in der Staying Alive Phase nichts anfangen und Tänzer bin ich auch nicht. Insofern...





Mehr mein Stil war A Blaze Of Feather, (Name von der Tochter von Micky Smith gefunden) das neue Projekt von Ben Howard und Micky Smith, welches um 20 Uhr 45 auf der Hauptbühne begann. "It's electronic, it's electronic" sagte der lustige holländische Ansager vorher, aber es war wohl eher Folktronica, die geboten wurde, sprich folkige Musik mit gewissen elektronischen Elementen und einem nach wie vor organischem Ergebnis. Die Band wurde in der Fachpresse als mysteriös beschrieben, weil man sie auf den britischen Festivals wie Citadel und Lattitude auf dem Line up finden, aber zunächst keine Musik hierzu entdecken konnte.




Das Line Up der Band lautete: Mickey Smith, Ben Howard, Nat Wason, India Bourne (Bass, Cello) Kyle Keegan, Richie Thomas. Ihre erste EP zwischen Irland und Cornwall aufgenommen und ihr Haldern Auftritt war der allererste ausserhalb Englands. Und er war gut! Das erste Stück, welches man überhaupt im Internet (auf soundcloud) finden konnte, war Carousel und das haben A Blaze Of Feather natürlich auch beim Haldern gespielt. Ein sehr sphärischer Song, schwebend, irgendwie auch an Pink Floyd erinnernd.



Das ganze Set war ähnlich hübsch und wenn eine Sache störte, dann war es lediglich der immer heftiger werdende Regen, aus musikalischer Sicht gab es keine Beanstandungen. 

Setlist A Blaze Of Feather

Soft Day
Grace

Six Years

Carousel

Behold

Valkyrie

Dust In The Wind
We Were Here

Tja und dieser elende Regen sorgte auch dafür, dass ich mich in ein Tipi Zelt zurückzog, in dem man herrlich starken Kaffee trinken konnte. Kaffe ist immer gut, aber trockenes Wetter wäre in dem Moment noch besser gewesen, denn es sollte nun gar nicht mehr aufhören zu schütten. Einen Gang rüber ins Spiegelzelt zu Giant Rooks aus Deutschland ersparte ich mir deshalb auch lieber (man sagt, es sei toll gewesen) und ich kam erst wieder zum Beginn der Show von Conor Oberst unter dem Zelt hervorgekrochen. Inzwischen war es zudem noch unangenehm kühl (zumindest für einen Augusttag) geworden und vor der Hauptbühne harrten nur noch sehr wenige Festivalbesucher aus. Die meisten hatten sich wohl in ihre Zelte zurückgezogen, obwohl Conor doch sicherlich normalerweise ein Publikumsmagnet ist.


Der Amerikaner kam dann nach netten Worten des Ansagers ("I like Connor very much") in einem Armeeparka auf die Bühne geschlurft und hatte mit den Felice Brothers auch eine tolle Band mitgebracht. Den Regengott schien das reichlich wenig zu interessieren, er liess erbarmungslos kaltes Wasser auf die Halderner herunterprasseln und irgendwann hatte auch ich die Schnauze voll bzw. die Regenjacke nass. Ich lief entnervt zum Tipi zurück und tauschte SMS en mit meinem Bloggerkollegen Dirk aus. Unserer beiden Stimmung war auf dem absoluten Tiefpunkt, Dirk erwog gar am nächsten Tage nach Hause zu fahren, wenn es so weiterginge. Ich sah die Lage ähnlich. 




Nach einer längeren Wartepause entschied ich mich aber wenigstens den Donnerstagabend positiv ausklingen zu lassen und begab mich ins Spiegelzelt zu Lisa Hannigan. Hier herinnen war es wenigstens kuschelig warm und trocken und auch die gespielten Lieder waren herzerwärmend. Die stammten überwiegend von ihrem aktuellen, von Aaron Dessner von The National produzierten Longplayer At Swim. Ganz wundervoll hiervon die Ballade Snow, bei der die stimmlich Bandbreite von Lisa schön sichtbar wurde, von rauchig und sanft hin zu glockenklar und hoch, sie traf jede Note. Wundervoll auch Fall, bei der sie phasenweise herrlich erdig und energiegeladen sang. Dei leichte Soulnote hierzu ungemein geschmacksicher und erlesen. Prayer For The Dying bestach durch schöne Harmoniegsänge und eine anziehende Schwermut, hach irgendwie war jedes Stück sublim!


Zur Verstärkung waren in der Mitte des Konzertes auch noch etliche Musiker des Cantus Domus aus Berlin hinzugestossen, die den Ohrenschmaus nur noch verstärkten.


Und weil man aufhören sollte, wenn es am schönsten ist, machte ich nach dem Ende von Lisas Konzert auf den Nachhauseweg.



Setlist Conor Oberst



Afterthought

Four Winds
Get Well Cards
Till St. Dymphna Kicks Us Out
Well Whiskey
Ten Wolan
Train Under Water (Bright Eyes)
Artifact #1
Salutations
Poison Oak (Bright Eyes)







 

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