Father John Misty & Jonquil(Gabriel & The Hounds, The Soft Hills) Ort: La Fléche d'or Datum: 08.06.12 Zuschauer: nicht sehr viele, vielleicht 150 (von 500 möglichen)
Father John Misty? Was is'n das für'n Mist? Achso, kein Mist, sondern das neue Projekt von Josh (J) Tillman, dem ehemaligen Drummer der Fleet Foxes, okay...
Vielleicht war den Parisern auch nicht so ganz klar, wer hinter dem kuriosen Pseudonym steckte, sonst wären vielleicht ein paar Leutchen mehr gekommen. So aber blieb die Pariser Flèche d'or ziemlich leer und übersichtlich und dies obwohl gleich vier ansprechende Gruppen für recht kleines Eintrittsgeld geboten wurden. Angefangen hatten die Amerikaner The Soft Hills, aber ich lahme Schnecke hatte es wieder einmal nicht geschafft, pünktlich einzutrudeln. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben"... mit Musikentzug! Und im Falle der Soft Hills war das sicher schade, denn die wüstensandgetränkten Songs im Stile der Great Lake Swimmers, Neil Young oder Calexico, die man sich auf Soundcloud anhören kann, klingen astrein. Nun, zumindest habe ich noch einen netten Vertreter ihres deutschen Labels Tapete kennengelernt und ein wenig in meiner Muttersprache plauschen können.
Gabriel Levine aka Gabriel & The Hounds sah ich dann aber fast in voller Länge. Ein Singer/Songwriter aus Brooklyn, den es nach Berlin verschlagen hat. Er lief zusammen mit einem langmähnigen Drummer auf. Seine Songs kamen ganz lässig aus der Hüfte geschossen und klangen sehr entspannt und unprätentiös. In seiner Stimme wollte ich Jarvis Cocker wiedererkannt haben, was mir auch von anderen Leuten hinterher bestätigt wurde. Ein Showtalent wie der Pulp-Sänger war Gabriel freilich nicht, sondern eher einer von der bodenständigen und bescheidenen Sorte Mensch.
Im musikalischer Hinsicht kamen mir noch Assoziationen zu Jonathan Richmann und The Modern Lovers und auch Lou Reed in den Sinn, von denen Gabriel sicherlich ein paar Platten im Schrank zu stehen hat.
Und es war wirklich nicht schlecht, was Levine bot, aber der Funke wollte trotzdem nicht so recht überspringen. Das ziemlich weit entfernte Publikum stand ein wenig gelangweilt und apathisch rum und machte es dem Amerikaner schwierig, einen Draht zu ihm herzustellen. Das Set, das seine Stärken hatte, wenn geradliniger Collegerock (und keine Down Tempo Songs) gespielt wurde, plätscherte deshalb ziemlich vor sich hin und wurde von den meisten Zuschauern sicherlich schnell wieder vergessen. Schade, Gabriel hätte einen warmherzigeren Empfang verdient gehabt!
Kurze Zeit später standen dann Jonquil bereit, die ich an gleicher Stelle bereits vor 4 Jahren gesehen hatte. Sänger und Songschreiber Hugo Manuel ist in der Zwischenzeit noch deutlich runder geworden und auch der Output an Alben hat zugelegt. Inzwischen ist man beim vierten Longplayer namens Point of Go angelangt und hat auch bedingt durch viele Wechsel im Bandgefüge den Sound deutlich verändert. Erfreute ich mich beim Konzert 2008 (zur Tour von Lions) noch an einer Geige, einer Melodica und einem Akkordeon, fehlten heute diese feinen Instrumente gänzlich, wurden aber durch gleich zwei Trompeten ersetzt. Das Klangbild hatte sich deshalb verschoben. Weg vom melancholischen Seemans-Folk hin zu fast karibisch anmutenden Pop- Rythmen voller Sonne und Tanzbarkeit. Man höre nur It's My Part, einen der Key Songs des neuen Outputs. Da gab es eine utramelodische Gitarre mit kreolischem Vampire Weekend Parfum, Cowbells und einen hohen Falsettgesang. Oder aber das treibende, von Synthesizern durchsetzte Getaway, auf dem erneut die Gitarre Kapriolen schlug. Alles frisch, alles Laune machend, aber dennoch eine Spur zu harmlos und konventionell.
Letzlich musste ich feststellen, daß mir die "alten" Jonquil besser gefallen haben. Einen (alten) Hit wie das großartige und unglaublich euphorisierende Lions suchte man heute vergeblich im Set, welches ansprechend, aber nicht weltbewegend ausfiel und mit Infinity sogar ein weit vom Original entferntes XX Cover zu bieten hatte.
Tja und dann (etwa gegen 23 Uhr) war endlich die Zeit für Father John Misty gekommen. Die Zuschauer konnten anhand des Bühnenaufbaus schon ziemlich schnell erkennen, was zu erwarten war. Dort stand nämlich lediglich ein kleines schwarzes Stühlchen vor einem Mikro, was unmissverständlich darauf hindeutete, daß Josh Tillman alleine und ohne seine Band performen würde. Zuschauer, die das Father John Misty Album zu stark instrumentiert fanden, störte das allerdings wenig, ganz im Gegenteil. Sie würden den kargen, den reduzierten Tillman erleben, der kurze Zeit später etwas verpennt auf die Bühne geschlurft kam. Fast entschuldigend wies er darauf hin, daß er keine Begleitgruppe dabei habe, machte aber sofort später darüber schon Witzchen: "we gonna have a blast together!"
Nun, "a blast" - "ein Knaller", war das im eigentlichen Sinne dann natürlich nicht, sondern eher ein intimer, ruhiger Singer-Songwriter Abend, aber das passte genau zu dem alten Tillman, den zumindest die Insider so lieben. Die Seele schrie er sich aus dem Leib, dieser große, unglaublich gut aussehende Rebell, der sich per T- Shirt Aufdruck für die Legalisierung von LSD einsetzte und auch sonst immer mal wieder mit seiner Vorliebe für Drogen kokettierte ("the lightman does a great job, wow!, or is this just the weird drug I took?"). Für Josh's Gesundheit hoffe ich, daß dies eher Späßchen waren, sein unwirsches und manchmal zynisch wirkendes Auftreten (und ein Tweet, in dem er Fans bat, ihm Stoff zu besorgen) sprachen aber dafür, daß er doch zu viel von dem Zeug (was immer es auch sein mag) komsumiert. Schon bei den Fleet Foxes war er mir im letzten Jahr durch seine mürrische und launische Arte unangenehm aufgefallen und es wirkt nicht so, daß er nach Solidität und Ausgeglichenheit strebt. Im Gegenteil, der Bursche scheint wirklich nach dem Rausch, dem großen Kick zu suchen, will die letzten Reste seiner Jugend ausleben und denkt gar nicht daran, zahm zu werden. In künstlerischer Hinsicht scheint ihm das nicht geschadet zu haben, die Tillmanschen Frustrationen, der Ausstieg bei den berühmt gewordenen Fleet Foxes, sein gebrochens Herz, all dies ist ein guter Nährboden für seine sentimentalen Songs gewesen, die er witzigerweise immer wieder noch während des Vortages kommentierte. Natürlich stammten diese Songs von Fear Fun, klangen aber in der heutigen akustischen Version ganz anders als auf dem Tonträger. Nancy From Now On erinnerte mit seinen langgezogenen Gesängen noch an seine alte Band, andere, eher bluesigere Sachen, ließen an Ryan Adams denken. Großartig kam Hollywood Forever Cemetery Songs rüber. Bei einigen Stellen brüllte Tillman geradezu die Parolen, da merkte man, daß er so einiges an aufgestauter Wut in seinem Bauch hatte, die unbedingt raus musste.
Was er über dem Bauch, sprich auf der Brust trug, zeigte er dann auch ganz freizügig dem Publikum. Er hatte sich nämlich ein kleines neues Tattoo stechen lassen und schob ein wenig sein T-Shirt nach unten, um es vor allem den Frauen (die er so liebt, der alte Womanizer!) stolz zu präsentieren. Ist schon ein attraktiver, gut gebauter Bursche, keine Frage, aber er scheint dennoch nicht vor Selbstzweifeln, Depressionen und Enttäuschungen sicher zu sein. Seinen schwarzen Humor hat er deshalb nicht verloren. Grinsend erzählte er davon, daß ihn damals das Pariser Label Fargo erwartungsfroh gesignt habe. Zu einem Festival hätten sie ihn geschickt und in der Loge gab es Champagner, weil er so ein großer Hoffungsträger war und das Label ihn hofierte. Allerdings habe er schließlich nur 9 CDs verkauft (natürlich eine Untertreibung, aber jeder wusste was gemeint war), was ihn aber nicht weiter störte, weil Fargo mir Emily Loizeau eine solche hübsche Musikerin in den eigenen Reihen gehabt habe, in die er sich sofort verknallte ("I had a big crush on her").
Mehr von seinem Innenleben gab Tillman in seinen Liedern preis. Beim Closer Everyman Needs A Companion sang er: "I never really liked the name Joshua and then I got tired of J, whoever that guy is." Ausdruck einer ewigen Suche nach der eigenen Identität? Wie auch immer, es ging einem nahe, klang authentisch.
Nach 7 Minuten war Joshua mit dieser Nummer und dem gesamten Set durch und verließ Po wackelnd und Grimmassen schneidend die Bühne, um draußen im Regen seine angekündigten 100 Zigaretten zu rauchen...
Konzert: Emily Jane White & Swell (Jonquil) Ort: La Maroquinerie, Paris Datum: 17.10.2008 Zuschauer: ausverkauft Konzertdauer: Jonquil: gut 30 Minuten, Emily Jane White eine gute Stunde, Swell fast 85 Minuten
Den ganzen Abend Hunger schieben, dafür aber alle Bands in der Maroquinerie komplett sehen, oder aber noch schnell einen Happen essen und riskieren, daß mir von Jonquil ein paar Lieder flöten gehen?
Vor dieser Wahl stand ich am heutigen Freitagabend und mein Magen setzte sich durch. In einem türkischen Schnellimbiss, der kurioserweise hauptsächlich überbackene Kartoffeln anbietet, schlang ich hastig mein Sandwich runter, bevor ich zum Bus 96 eilte, der die steile Rue Menilmontant hochfährt, die zur Maroquinerie führt.
Wie ein Wilder sprang ich aus dem Bus, rannte zur Maroquinerie, nur um unten im Keller angekommen, feststellen zu müssen, daß die Oxforder Jonquil schon ohne mich losmusiziert hatten. Pech! Ich bekam aber noch drei Songs von dem ohnehin nur gut 30 minütigen Set mit, das die sechs Mann starke Band um den bulligen Sänger Hugo Manuel mit der Hymne Lionsabschloss. Der Frontmann (inzwischen mit deutlich kürzeren Haaren!) stand hierzu von seinem elektrischen Piano auf und spielte einfühlsam Akkordeon, während einer seiner Kollegen mittels eines Schlauches in eine Melodica blies. Tolle Instrumente gibt es ohnehin zu Hauf bei Jonquil, da kann man sich beispielsweise auch an einer Querflöte oder Trompete erfreuen.
Bestes und stimmungsvollstes Lied bleibt aber wohl wirklich Lions, das eine an Arcade Fire erinnernde Wucht und Dramatik bietet. Aus voller Kehle sangen alle sechs Musiker Zeilen wie "And all the towns we build", oder "So the lions lived alone" und legten noch einmal alles an Herzblut in die Waagschalle, was sie zu bieten hatten.
À propos zu bieten haben, neben dem Album Lions, gab es von Jonquil auch die neue 7 Tracks umfassende EP Whistle Low (ebenfalls ein famoser Song!) zu kaufen. Daneben boten sie desweiteren zwei Tour-Raritäten an. Free As New Sleep Vol. I und II heißen die Scheiben auf denen es "Rough Mixes, Sketches and Ideas" zu hören gibt. Ich bin gespannt!
Nach dem Abgang von Jonquil wurden recht bald Streichinstrumentenund Stühlchen herein getragen. Emily Jane White sollte also mit einem richtigen kleinen Orchester erscheinen! Neben ihrem hochgeschossenen Kontrabassisten, den sie schon bei ihrem wundervollen Konzert im Pariser Point FMR dabei hatte, verstärkten auch zwei junge Frauen an Cello und Geige das Team.
Nachdem diese vier ihre Plätzchen eingenommen hatten, konnte es auch schon zügig losgehen. Genau wie bei meinem letzten Konzert mit Emily Jane White war Dark Undercoat, der Titeltrack des ersten Albums, Opener. "I'm not strong" sang die junge Blondine und obwohl ich ihr ungerne widerspreche, war das natürlich grober Unfug! Sie war nämlich "Very strong"! Was für eine wunderschöne, warme Stimme diese Frau doch hat! Samtweich, einfühlsam, trostspendend, ein Hörgenuss par excellence! Von ihren Streichern wurde ihr Goldkehlchen auf das Beste untermalt, während sie selbst spärliche Gitarrenklänge beisteuerte. Hach, war das herrlich! Und zur Freude der Franzosen sprach Emily auch noch fast akzentfreies französisch. Sie hatte mal ein paar Semester in Bordeaux studiert, das merkte man sofort. Zwischen den Liedern erschien sie fröhlich und aufgeweckt. Wenn sie lächelte, fiel auf, wie jung sie eigentlich aussieht. Und im Gegensatz zum Konzert im Point FMR , war sie weniger gothisch gekleidet. Hatte sie damals noch ein schwarze, durchsichtige Netz-Bluse an, die an ein viktorianisches Korsett erinnerte, trug sie heute ein schlichtes schwarzes Kleid. Auch ihre Kette mit dem Totenkopfanhänger fehlte diesmal.
Zeichen für ein glattpolierteres, weniger folkig -gothisches Image? Immerhin trat sogar ihr vormals noch Vollbart tragender Kontrabassist mit einem glattrasierten Gesicht auf...
Nein, keine Panik! Emily Jane White wird sich nicht zu einer Katie Melua entwicklen und in Klamotten von Lagerfeld wie sie ihre Seelen- und Stimmverwandte Cat Power trägt, sehe ich sie auch in Zukunft nicht.
Dass hier und heute alles sehr gediegen und höchst harmonisch rüberkam, bedeutet nämlich keineswegs, daß die Künstlerin keine Ecken und Kanten hat und in Richtung Mainstream unterwegs ist. Dafür sind allein schon ihre Texte zu düster und depressiv "when youve got time on your side you sit and think about your wasted life" (dem Song Time On Your Sideentnommen), mag hierfür nur ein Beispiel von vielen sein.
Vor allem aber ist jedes Lied der jungen Künstlerin schöner und einfühlsamer als das andere. Das an Nina Nastasia erinnernde Never Dead rührte mich fast zu Tränen, wenn sie da so sitzt und Sätze wie "Come friendship come "oder später "Gone are you truly gone ?" ins Mikro haucht, geht das schon sehr nahe. Wunderbar auch, daß das Publikum sich bei solchen stillen Liedern so vorbildlich ruhig verhielt und die festliche Atmosphäre nicht zerstörte. Das wunderte selbst Emily Jane und verleitete sie zu der Aussage: "You're so quiet, thank you! When we play in America, people usually go to the bar, talking very loudly!"
Die Pariser gaben das Kompliment postwendend zurück: "We love you!" Gerne hätte ich noch hinzugefügt "Stay in France", aber das war eigentlich unnötig, weil die Amerikanerin ohnehin sehr ausgiebig durch Frankreich tourt. Gut so, denn so kann man sich die sensationell schönen , zum Teil auf dem Piano vorgetragenen Lieder auch in Paris Ende 2008 noch zweimal live anhören. Durch einen Konzertbesuch kommt man zudem noch in den Genuss der neuen Stücke , die auf dem zweiten Album (wann kommt es endlich?!), enthalten sein werden.
Eine ganze Stunde schmachten mit Emily Jane White und ihren Streichern, wie kann man da noch sagen, das Leben sei immer nur schlecht?
Ein Traum!
Setlist Emily Jane White, La Maroquinerie, Paris:
01: Dark Undercoat 02: Two Shots To The Head 03: Never Dead 04: Stairs 05: Time On Your Side 06: Ghost Of A Horse 07: Liza 08: Dagger 09: Victorian America 10: Frozen Heart 11: Wild TigersI Have Known
12: Bessie Smith*
Headliner des Abends war aber nicht Emily Jane White, sondern Swell aus San Francisco. In den späten 1980er Jahren als Band gegründet, handelt es sich heute im Grunde genommen nur noch um das Projekt des Sängers und Akustikgitarristen David Freel. Der Mann mit dem Bismarck-Bart brauchte aber dennoch einen Drummer und einen Gitarristen, der auch am Keyboard agierte, um den Sound der Alben zu kreieren. Stolze 11 an der Zahl gibt es von Swell (Diskografie hier bei Wikipedia), der seinen Namen auch manchmal in Klammern setzt, sich dann also (Swell) schreibt.
Im Mittelpunkt steht David Freel aber anscheinend nicht gerne, denn dort agierte vielmehr ein recht jung aussehender Drummer. Der Boss hingegen hatte sich in die (vom Zuschauer aus gesehen) rechte Bühnenecke verkrochen und der schlaksige Typ, der die zusätzliche elektrische Gitarre und das Keyboard spielte, drehte dem Publikum gar den Rücken zu und glotzte auf die Bühenwand der Maroquinerie. Eine seltsame Aufstellung! Hinzu kam noch, daß David Freel während der ersten gut 20 bis 30 Minuten unter dem dichtem Nebel und dem dunklen Licht fast gar nicht zu erkennen war. Eigentlich waren die Spots meistens nur auf den Schlagzeuger in der Mitte gerichtet und so konnte man wenigstens deutlich sehen, wie der Kerl sein Gerät malträtierte. Sein Schlagzeugspiel war nämlich hart und präzise und für den bisweilen noisigen Sound, der ansonsten aber eher recht ruhig und verträumt war, ziemlich typisch. Auch die leicht rauchige Stimme von David war eher zurückgenommen, sie erinnerte mich an Bands wie Sparklehorse, Eels, oder Syd Matters, manchmal aber auch an Frank Black von den Pixies. Hervorragende Referenzen also, zu denen man auch noch Gruppen wie Grandaddy oder die Mountain Ghosts gesellen könnte. Letzlich musikalisch genau mein Fall und insofern höchst verwunderlich, daß ich bisher nichts von Swell kannte. Dabei ist gerade das aktuelle Album (2007/2008) South Of The Rain And Snow gespickt mit traumhaften Liedern, die allesamt einen simplen Charme, herrliche Melodien und eine große Gelassenheit aufweisen, wie ich während des Konzertes feststellte. Allein die wunderbaren Stücke Trouble Loves You und Saved By The Summer wären das Eintrittsgeld wert gewesen, aber auch das an die Pixies erinnernde Down (vom Album...Well? aus dem Jahre 1993) und Song Seven vom Album 41 waren klasse. Highlight war aber wohl der Klassiker Sunshine Every Day, bei dem nicht nur textlich die Sonne schien, sondern auch ansonsten mehr Heiterkeit durchsickerte. Düster kann man die Musik von Swell ohnehin nicht unbedingt nennen, sie ist trotz der allgeegenwärtigen Melancholie immer mit einem Hoffungsschimmer verbunden und insofern wohl am besten als süß/sauer zu bezeichnen. Ich persönlich hatte jedenfalls einen glänzenden Abend und konnte auch nicht ganz nachvollziehen, warum einige meiner Bekannten den Auftritt von Swell hinterher als zu lahm und langweilig beschrieben.
Setlist Swell, La Maroquinerie, Paris:
01: Good Good Good 02: Trouble Loves You 03: Something 04: Bong Star 05: Down 06: Saved By Summer 07: Song Seven 08: Tell Us All 09: What I Always Wanted 10: Sunshine Everyday 11: South Of The Rain And Snow
12: Still Get High (Z) 13: The Measure Of This Moment (Z) 14: Bridgette, You Love Me (Z)
15: At Long Last (Z)
Merci à Stéphane pour la setlist!
Ausgewählte Konzerttermine von Swell:
27.10.2008: Black Session France Inter, Paris 29.10.2008: A/B, Brüssel, Belgien 30.10.2008: Het Paard, Den Haag, Niederlande 31.10.2008: 013, Tilburg, Niederlande 01.11.2008: Factory Festival, Nivelles, Belgien 02.11.2008: Brügge, Belgien 3.11.2008: MTC, Köln 04.11.2008: Grüner Jäger, Hamburg 05.11.2008: Lido, Berlin 06.11.2008: Scheune, Dresden 07.11.2008: Cafe Central, Weinheim 08.11.2008: Spitalkelle, Offenburg 09.11.2008: Chelsea, Wien, Österreich 11.11.2008: Palace, St. Gallen, Schweiz 12.11.2008: Ebullition, Bulle, Schweiz
Konzert: Jonquil (& Periscope) Ort: Motoki Wohnzimmer, Köln Datum: 05.09.2008 Zuschauer: etwa 100 Dauer: Jonquil 50 min.
Was für ein wundervoller Abend...
Vernünftig wäre es an diesem Freitag gewesen, zu Hause zu bleiben und früh ins Bett zu gehen, um Samstag beim Arbeiten nicht ununterbrochen zu gähnen. Schließlich gab es am Vorabend Friska Viljor und sehr wenig Schlaf.
Die Neugierde war dann aber stärker als diese Vernunft, die Neugierde auf einen spannend klingenden Konzertort und eine aufregend beschriebene Band. Vom Motoki Wohnzimmer hatte ich irgendwann schon einmal gelesen, von einem Raum, in dem man in gemütlicher Umgebung, auf Sofas sitzend Musik erleben könnte, mangels Gelegenheit hatte ich aber keines dieser Wohnzimmerkonzerte bisher gesehen. Jonquil kannte ich ähnlich vage. Oliver hatte die Band aus Oxford im April in Paris gesehen, nachdem vorher das wie üblich früh und perfekt informierte klienicum über die Engländer geschrieben hatte. Das reichte ganz locker, meine Restvernunft auszuhebeln.
Das Motoki Wohnzimmer ist ein Konzept des Motoki Kollektivs, eines gemeinnützigen Vereins aus Ehrenfeld. Schon von außen sah man, wie toll dieser Ort für Konzerte sein würde. Riesige runde Lampen an den hohen Loftdecken, eine geziegelte Wand, eine kleine erhöhte Bühne, daneben eine Bar und jede Menge Sofas, Sessel und Hocker, die allerdings leider alle schon besetzt oder reserviert waren, als wir ankamen. Der Eintritt hatte fünf Euro gekostet, unglaublich billig für das, was geboten wurde, enorm teuer im Verhältnis zu den Getränken, denn die kosteten einen Euro!
Weil das Konzert wegen der Ehrenfelder Nachbarn pünktlich um zehn zu Ende sein musste, ging es auch kurz nach acht bereits los. Die Vorgruppe Periscope aus Köln und Bonn hatte für uns quasi einen Vorstellungstermin, obwohl sie das nicht wußte. Auf dem Weg hatten wir uns nämlich darüber unterhalten, daß wir die ansehen wollten, um zu sehen, wann wir am 1. Oktober zu Someone Still Loves You Boris Yeltsin in den Tsunami Club gehen müssen, denn da werden die Periscopes auch Support sein. Allerspätestens beim ersten blingbling eines Glockenspiels hatten sie überzeugt, auch im Tsunami früh zu sein, denn die Musik der vierköpfigen Band war toll! Periscope bestehen aus Schlagzeuger (mit Glockenspiel), Keyboarder, Bassist und Gitarrist, hatten aber auch eine Melodica im Einsatz. Gitarrist und Keyboarder singen die abwechslungsreichen und komplexen Lieder, mal auf Deutsch meist aber auf Englisch.
"Wir spielen für gewöhnlich alles was lauter", entschuldigte eines der Bandmitglieder irgendwann, der Abend sei ein Experiment. Die Lieder sind aber weit mehr als Versuche in meinen Ohren, auch wenn der Gesang schon ab und zu nicht perfekt war. Aber das ist ein Haar in der Suppe. Und die Suppe schmeckte ansonsten ganz prima! Periscope möchte ich auf jeden Fall einmal auf Platte hören, ich denke, daß sich das lohnen wird!
Obwohl die kleine Bühne mit Periscope schon bis in den letzten Winkel ausgenutzt wurde, sollte es da noch deutlich enger werden. Jonquil kamen nämlich zu siebt. Also sieben Musiker. Instrumente hatten sie aber ausreichend für eine mittelgroße Musikschule dabei. Gesehen habe ich: ein großes Keyboard, mehrere Gitarren, einen sehr schmalen und sehr modernen Kontrabaß (in Karotten- statt Birnen-Form), ein Schlagzeug, zwei Trompeten, ein Horn (denke ich), eine Querflöte, eine Violine, ein zweites Keyboard mit Halterung für eine Melodica und ein Akkordeon. Fabelhaft!
Die Referenzen, die ich im Zusammenhang mit Jonquil gelesen habe, reichen von Beirut über Arcade Fire, Grizzley Bear, Animal Collective zu Kissaway Trail, mit dem Hinweis darauf, daß Jonquil aber zu eigen sind, um sich damit greifen zu lassen. Das trifft es auch für mich genau. Eines der prägenden Stilelemente (neben dem Instrumentemix, dem häufigen Einsatz von Bläsern...) sind die Chorgesänge, mindestens drei der Musiker hatten regelmäßig an a cappella Gruppen erinnernte Gesangsparts. Also war auch ein wenig Housemartins vertreten. Ein weiteres Element sind Handclaps. Bei einigen der Stücken klatschen die Bandmitglieder in verschiedenen Rhythmen als Begleitung. All das formt ganz wundervolle, feierliche Musik, die zwar (nach Bandaussage) experimentell, allerdings sehr angenehm hörbar ist.
Ein paar der Lieder kannte ich bereits, wie so oft wirkten die live aber noch zig Nummern aufregender. Oft gehört bei der Beurteilung von Musik eben auch dazu, sie live zu erleben, direkt und laut zu hören, das Horn nicht bloß rauszuhören, es eben auch beim Einsatz zu sehen. Das alles hätte in normalen Kölner Clubs schon Wirkung entfaltet, die besonders schöne und ungewohnte Atmosphäre dieses Wohnzimmers setzte der Musik aber noch eine Krone auf.
Aus den vielen guten Lieder stach eines besonders hervor, Lions, das letzte Stück kurz vor der Zugabe. Sänger Hugo Manuel, der bis da "nur" Keyboard gespielt hatte, schnallte sich dazu ein Akkordeon um diesen wundervollen Walzer zu spielen. Toll, toll, toll!
Leider war nach einer Zugabe Schluß. Die Nachbarn... Ich bin allerdings sehr sicher, daß ich Jonquil nicht zum letzten Mal gesehen habe. Die folkpopige Musik , die manchmal sogar an Seemannslieder erinnert hat, hat mir ausgezeichnet gefallen!
Der Abend in Köln war die erste Station* einer Europatour. Es gibt in den kommenden Wochen reichlich Gelegenheit, sich Jonquil einmal anzusehen, das möchte ich dringend empfehlen!
Setlist Jonquil, Motoki Wohnzimmer, Köln:
01: Intro 02: The weight of lying on your back 03: Parasol 04: Night time story 05: Babe, so now why no? 06: Pencil, paper 07: Whistle low 08: Magdalen Bridge 09: Putting names to faces 10: Lions
06.09.08 Mjam Festival, Evelette, Belgien 07.09.08 dB’s (mit The Black Atlantic), Utrecht, Niederlande 08.09.08 Livingroom Show! (mit The Black Atlantic), 27A Bessemoerstraat, Groningen, Niederlande 09.09.08 Astra-Stube, Hamburg 10.09.08 Kamp, Bielefeld 11.09.08 Schokoladen, Berlin 14.09.08 Sweat Club, Leipzig 17.10.08 Maroquinerie, Paris 18.10.08 Grrnd Zero, Lyon 19.10.08 La Chapelle, Nimes
* Eigentlich hätte am Donnerstag der erste Termin der Tour in Belgien stattfinden sollen. Vorher wurde der Band aber in London der Tourbus aufgebrochen. Es wurde zwar nichts gestohlen, dauerte aber Stunden, bis ein Service den Wagen repariert hat. Also war Köln Auftakt der Tour.
So heißen die sechs Kerle und sie spielen einen begeisternden und innovativen Folk-Pop. Blogger-Freund Eike hatte schon vor Monaten von dieser hochinteressanten Band geschwärmt. "Oliver, Du mußt unbedingt auf das Konzert von Jonquil gehen, die spielen in der Pariser flèche d'or! Könntest Du mir bei dieser Gelegenheit einen Tonträger besorgen?"
Selbstverständlich wäre ich da gerne hingegangen und ich hätte auch die gewünschte CD besorgt, aber an jenem 28. Oktober 2007 spielten bereits andernorts die wiederauferstandenenen Waliser Young Marble Giants und da sich an deren Konzert auch noch ein längeres öffentliches Interview anschloß, mußte ich den Auftritt von Jonquil sausen lassen.
Aber heute gab es eine zweite Chance, die noch recht jungen Briten live zu erleben. Und wieder war die schöne Flèche d'or Austragunsort. Diesmal klappte alles wunderbar. Ich kam äußerst pünktlich in dem Laden an und auch die zwei Türsteher, die einem immer den Weg zum Eingang versperren, ließen mich problemlos passieren (warum die da stehen weiß ich nicht; sie kontrollieren weder die Tasche, noch sonst irgendetwas). Im Inneren war es noch sehr leer, vielleicht 20 Leute standen an der Bar, oder in der Gegend rum und verfolgten aus der Distanz die Performance der Schwedin Julie Venus. Was man zu Hören bekam, war ziemlich scheußlich. Zusammen mit einem Keyboarder, der passenderweise ein T-Shirt mit der Aufschrift "1985" anhatte, trug die hübsche Julie ein kitschiges und stark 80er Jahre angehauchtes Lied nach dem anderen vor. Zum Glück war wenigstens der Anblick der jungen Dame mit dem schönen Zopf erfreulich.
Im Anschluß füllte sich die Flèche d'or immer mehr und die Engländer von Jonquil hatten somit die Möglichkeit, ihre wunderbar arrangierten Folkpop-Kompositionen einem größeren Publikum vorzustellen. Die Band aus Oxford war zu sechst erschienen. Im Mittelpunkt stand ein recht fülliger blonder Sänger mit einem Zöpfchen, der es sich hinter der Orgel bequem gemacht hatte, später aber auch Gitarre und das Schifferklavier spielte. Seine Kollegen bedienten unter anderem solch wundervolle Instrumente wie Geige, Melodika und Querflöte und sorgten somit für einen herrlich warm und festlich klingenden Sound. Der typische Aufbau der Lieder beinhaltete einen verhaltenen und recht schleppenden Beginn und ein dramatisches und zackiges Finale, Chorgesänge und Handclaps inbegriffen. Natürlich kamen einem stilistische Assoziationen zu Arcade Fire in den Sinn, aber dieser Vergleich greift eindeutig zu kurz, um die Musik der Oxforder zu beschreiben. Stattdessen könnte man etliche andere gute Bands nennen, die gewisse Ähnlichkeiten zu Jonquil aufweisen: Bon Iver (auch hierüber hat Blogger-Freund Eike schon oft geschrieben), für die warmen Chöre, Beirut für den festlichen und geselligen Aspekt, Kissaway Trail für die himmelhochjauchzenden Passagen und Tunng (oder auch Grizzly Bear) für die knisternden und experimentellen Töne und Geräusche. Aber das Schöne war: Jonquil klangen insgesamt sehr eigenständig und neuartig! Besonders hervorzuheben ist das Lied "Lions", das auch auf dem gleichnamigen Album von 2007 vertreten ist. Sänger Hugo Manuel spielte hierzu auf famose Weise das Akkordeon und die anderen sangen inbrünstig mit, um einen herrlichen Chor zu bilden.. "And All The Towns we built, we built..., the lions could escape. So they could... in houses of their own." Schade nur, das das Lied so kurz war...
Und natürlich war auch der heutige Auftritt nicht von langer Dauer, wie so oft in der Flèche d'or, wo einer Gruppe selten über 40 Minuten Spielzeit eingeräumt wird. Ein weiterer Höhepunkt des kurzen Sets: Das treibende "Whistle Low", das natürlich auch auf dem Album "Lions" drauf ist. Allerdings handelt es sich bei diesem Werk nicht um das Debütalbum der Gruppe, sondern um den zweiten Output. Diese Info hatte ich übrigens von dem sehr netten Geiger der Gruppe, der mir nach dem Konzert auch noch erzählte, daß sie im Moment im Tourbus "The Trials Of Van Occupanther" von Midlake rauf und runter hören, in den beiden letzten Jahren bereits bei dem stimmungsvollen Latitude-Festival neben solchen Größen wie Arcade Fire aufgetreten sind, im Sommer gerne nach Deutschland kommen würden und mit den aufstrebenden Youth Movies sehr gut befreundet sind (darüber hinaus auch mit Foals, die ja auch aus Oxford stammen).
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