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Sonntag, 20. November 2016

PJ Harvey, Reykjavík, 06.11.16

2 Kommentare

Konzert: 
  PJ Harvey (120 min)
  Mammút (40 min)
  Kevin Morby (40 min)
Ort: Valshöllin Reykjavík (Iceland Airwaves)
Datum: 6. November 2016
Zuschauer: etwa 1500


Die schönen Fotos sind von Claudia - Vielen Dank!

Ich sprach schon in meinem Bericht über das Björk-Konzert darüber, dass ich etwas unfreiwillig Heroen-Konzerte in Island  zu "sammeln" scheine.  Für den letzten Tag - und sicher als Finale gedacht - stand für das Airwaves Festival in Reykjavík PJ Harvey als Headliner in dem einzigen großen Venue fest, das am Sonntag bespielt werden würde. Dem Programm konnte man entnehmen, dass man hierfür extra ein Ticket (im wahrsten Wortsinn) erstehen musste, das am Freitag ab 12:00 Uhr ausgegeben würde. Was uns in dem Moment noch nicht so recht klar war, dass dies das Ticket für die gesamte Sonntagsveranstaltung in Valshöllin, einer Sporthalle am Nordrand von Reykjavíks Innenstadt war. 


Ich muss zugeben, dass ich mich der Tortur einer fragwürdigen Ticketschlange sicher nicht unterzogen hätte, wenn ich allein in Reykjavík gewesen wäre. Aber zu dritt war es ein bisschen wie ein Klassenausflug und wir kriegten in der Schlange sogar noch den einen oder anderen Konzerttipp für unsere Freitags- und Samstagsplanung. Da wir nicht riskieren wollten, zu weit hinten zu landen, waren wir etwa eine Stunde vor Ticketausgabe da und konnten so immerhin im Vestibül der Harpa auf dem Boden sitzend warten und nachdem es mit der Ausgabe losging, waren wir in etwa 15 min tatsächlich dran. Ich beglückwünschte mich ganz besonders zu dieser Entscheidung, als wir an einem Teil der hinter uns wartenden wirklich endlosen Schlange vorbei gingen um die Harpa mit unseren Tickets in der Hand wieder zu verlassen...
 

Am Sonntag waren wir alle ein wenig platt vom anspruchsvollen Programm der Tage davor und es regnete den ganzen Tag in Strömen. Es war das blanke Glück, dass für die 35 min Fußweg der Regen etwas nachließ und dann sogar ganz aufhörte, denn zusammen mit dem Wind kann man sich nicht gut vor dem Durchnässen schützen. Kaum angekommen, setzte der Regen auch schon wieder ein und ich bedankte mich noch einmal ganz herzlich bei allen Wetterheiligen, die uns ein bisschen Luft verschafft hatten.
 

Beim hineingehen verstanden wir auch erst, dass wir ohne die Karten für PJ Harvey für den ganzen Sonntag abgemeldet gewesen wären (außer vom Programm der nicht offiziellen Konzerte natürlich). Die Halle war zu den letzten beiden Songs von RuGI noch sehr locker gefüllt und wir konnten bis ganz nach vorn gehen und auch noch ein wenig auf dem Boden sitzen. Die beiden 14-jährigen jungen Frauen wirkten vor der Kulisse der Halle schon ein wenig falsch platziert. Das anwesende Publikum applaudierte ihnen aber ganz heftig. Der eigentliche Beginn des Konzertabends war dann ein halbstündiges Set von Kevin Morby mit Meg Duffy an  der Gitarre, Cyrus Gengras am Bass und seinem ehemaligen The-Babies-Bandkameraden Justin Sullivan  an den Drums. Mir war die Musik und das ganze Auftreten viel zu oberflächlich und selbstverliebt und ich fand keine musikalischen Anknüpfungspunkte.


Interessanter erschien mir da die isländische Frauenband Mammút, die in ihrer Heimat Hit an Hit reihen und 2013 immerhin acht Nominierungen in den Icelandic Music Awards hatten. Zu meinem großen Missvergnügen war dies aber ein Konzert, für das Hörschutz dringend nötig war (neben dem Nerven-Konzert das einzige). Das Spektakel veranstalteten Katrína Mogensen (Gesang), Vilborg Ása Dýradóttir am Bass, Alexandra Baldursdóttir (Gitarre) mit  den beiden Herren Arnar Pétursson (auch Gitarre) und Andri Bjartur Jakobsson an den Drums. Das war zwar interessant anzusehen, aber irgendwie in der Lautstärke auch zu anstrengend, um es wirklich zu genießen.  Insofern war ich eigentlich schon ziemlich hin, bevor PJ Harvey überhaupt die Bühne betraten, zumal es inzwischen so voll geworden war, dass man sich auch in den Pausen nicht mehr setzen konnte, wenn man nicht zertreten oder von stolpernden nach vorne drängenden Isländern mit Bier beschüttet werden wollte.


Wie schön hätte sich das in der ähnlich großen großen Halle der Harpa gemacht, im sitzen und ohne Streß.... Aber es spricht durchaus für die Musik von PJ Harvey und ihren neun Mitmusikern, dass mich die erste Hälfte des Konzertes noch einmal voll elektrisieren konnte und die bange Frage: War es das wert? mit einem klaren JA! zu beantworten ist. Schon der Einzug als Marching-Band war einfach nur mitreißend zu nennen. Sowohl von der Inszenierung als auch von der Musik her. Anschließend war es ein wenig wie beim Kreistraining, denn die Musiker mussten oft ihre Position wechseln und waren grob im Kreis um PJ Harvey angeordnet. 


Das mag etwas despektierlich klingen, ist aber nicht so gemeint, denn die große Geste der Musik und der Inszenierung kamen gut bei mir an und es entstand schon der Eindruck, dass hier alle hervorragende Musiker waren und auch voll beteiligt an dem, was als PJ-Harvey-Konzert vielleicht zu sehr auf die dominante Figur im Zentrum konzentriert wäre. Andererseits war es auch wieder richtig, denn sie war in ihrer irgenwie unaufdringlichen Art doch DIE präsente Figur auf der Bühne. Leider wurde mir nach einer Stunde Konzert die Luft im Pulk knapp und ich musste unbedingt zur Seite hinaus. Von da konnte ich immerhin noch einiges auf der Bühne erkennen aber ein ideales Konzerterlebnis sieht natürlich anders aus und schon bald wurde es auch zu vielen anderen zu dicht vorn, sodass auf meinem Seitenplatz die Luft schon wieder zu Sauerstoffarm wurde und ich nach hinten ausweichen musste, noch lange vor den Zugaben. Damit war mein PJ-Harvey-Konzerterlebnis eigentlich zu früh zu Ende. Trotzdem ging ich sehr zufrieden nach Hause mit dem Wissen, ein hautnahes Erlebnis gehabt zu haben, das seinesgleichen sucht.


Setlist:
01: Chain of Keys
02: The Ministry of Defence
03: The Community of Hope
04: The Orange Monkey
05: A Line in the Sand
06: Let England Shake
07: The Words That Maketh Murder
08: The Glorious Land
09: Written on the Forehead
10: To Talk to You
11: Dollar, Dollar
12: The Devil
13: The Wheel
14: The Ministry of Social Affairs
15: 50ft Queenie
16: Down by the Water
17: To Bring You My Love
18: River Anacostia  


19: Highway 61 Revisited (Bob Dylan cover, Z)
20: Is This Desire? (Z)



Aus unserem Archiv:
The Babies, Köln, 14.06.13
The Babies, Barcelona, 25.05.13
PJ Harvey, Hilvarenbeek, 24.06.16
PJ Harvey, Paris, 24.02.11
PJ Harvey, Paris, 14.02.11
PJ Harvey, Paris, 16.11.07



Montag, 27. Juni 2016

PJ Harvey, Down the Rabbit Hole Festival, 24.06.2016

0 Kommentare

Konzert: PJ Harvey
Ort: Down the Rabbit Hole Festival
Datum: 24.06.2016
Dauer: 80min.
Zuschauer: 10.000


PJ Harvey ist nicht für endloses Touren bekannt. Fünf Jahre nach der letzten längeren Tournee spielt sie jetzt einige Konzerte und Festivals in Europa. Beim "Down the Rabbit Hole" Festival trat sie am Freitag als Headliner auf.

 Die Bühne ist bereitet, und sie ist riesig. Neun weitere (männliche) Musiker marschieren ein, und das ist wörtlich zu nehmen. Von rechts kommend, mit Trommeln, Pauken, Gitarren und Saxophonen im Anschlag formen sie das Bild einer Militärband. PJ Harvey steht dazwischen, wirkt zierlich und sieht fantastisch aus. Sie trägt ein längeres, schwarze Oberteil und einen sehr kurzen, schwarzen Minirock. 

Ihre Bewegungen sind fließend, sie macht ausladende Bewegungen mit den Armen und tänzelt wie in Zeitlupe über die Bühne bevor sie wieder zum Saxophon greift und der Sound einem völlig den Atem nimmt. Alle Instrumente sind gedoppelt: Zwei Schlagzeuger, zwei Gitarren, zwei Keyboards und zwei Saxophone sorgen für einen tiefen, bedrohlichen und rumpelnden Sound den man so vielleicht noch nie gehört hat.

Nur PJ`s Stimme steht alleine für sich und klingt brillant. Nach "Chain of Keys" folgen zunächst weitere Stücke vom neuen Album und wer dieses, vielleicht wie ich, auf CD etwas sperrig und unrund fand wird live mehr als entschädigt. Zwar ist es eine durch und durch perfekt geplante Show, jeder Einsatz und jedes Solo sind fester Bestandteil der Aufführung, die manchmal fast wie das klassisches Bühnenstück einer modernen Oper wirkt. Trotzdem ist dies alles kein Nachteil. 


Es gibt soviel zu sehen, so tolle, druckvolle Versionen der neuen Songs das es fast zu viel wird. Dazu ein Bühnenbild, zu deuten entweder als dreidimensionales Kunstwerk oder als symbolische Schießscharten, passend zu den aufwühlenden Texten über den Status Quo in England. Und dann kommt der Punkt, wo diese Show eben doch noch ihren spontanen Moment erhält.

Aufgewühlt vom "Brexit" trägt PJ ein Gedicht des Autors John Donne aus dem Jahr 1624 vor:


"No man is an island, Entire of itself, Every man is a piece of the continent, A part of the main.
If a clod be washed away by the sea, Europe is the less.
As well as if a promontory were. 
As well as if a manor of thy friend's Or of thine own were:
Any man's death diminishes me, Because I am involved in mankind, And therefore never send to know for whom the bell tolls;
It tolls for thee."

Mehr gibt es an diesem Abend zu diesem Thema wohl nicht zu sagen. Es folgen die drei stärksten Songs aus "Let England Shake" bevor weitere neue Songs folgen.

Die Band ist einfach nur brillant, sogar Blues und Bluegrass sind hörbar und immer wieder diese tiefen Tenorsaxophone die wie Sirenen durch die Songs grooven. Am Ende dann noch fast ein Punksong, das uralte "50th Queenie", damals im alten Huxleys in Berlin 1992 zum ersten Mal gespielt.

"Down the Water", hier eher in einer schwächeren Version, das immer tolle "To bring you my love" sowie eine einmalige Interpretation von "River Anacostia" beenden einen denkwürdigen Abend. 

Die künstlerische Klasse des gesamten Vortrags war in jeder Sekunde spürbar und machten diesen Festivalauftritt zu einem kompletten Konzertersatz. Das ist selten und muss gerade, einen Tag vor dem wichtigen Glastonbury-Auftritt besonders gelobt werden. 


Hoffen wir, dass PJ Harvey weiterhin lieber sparsam mit ihren Liveterminen umgeht um die Spannung und Qualität der einzelnen Gigs weiterhin so hoch zu halten.

Fotos: Michael Graef


Donnerstag, 24. Februar 2011

PJ Harvey, Paris, 24.02.11

7 Kommentare

Konzert: PJ Harvey

Ort: L'Olympia, Paris
Datum: 24.02.2011
Zuschauer: ausverkauft (2.500)
Konzertdauer: 90 Minuten


"Wos willst'n do besser moch'n, do konnst nix sogen."

So oder so ähnlich reagiert der bayrische Sternekoch Alfred Schuhbeck, wenn er bei "Lanz kocht" ein Gericht eines Kollegen kostet und 100 % zufrieden ist. Auf PJ Harvey im Olympia bezogen: was soll es da noch auszusetzen geben, wie will man das toppen, was die Engländerin heute abgeliefert hat? Nur Erbsenzähler fanden noch ein Haar in der Suppe, bemängelten die kühle Atmosphäre und die nichtextistente Kommunikation mit dem Publikum.

Allzu gerne würde ich in schön formulierten Sätzen meine Eindrücke wiedergeben, da ich aber mit meiner Arbeit, mit meiner Bloggerei, mit den Konzertgängen, den Fotos, den Vorbereitungen für die Oliver Peel Sessions und meiner neuen (unbezahlten ) Tätigkeit als Konzertbooker mehr als ausgelastet bin, hier nur Stichworte.

Erkenntnisse, Beobachtungen, Fakten zum Konzert von PJ Harvey im Pariser Olympia:

- "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben", steht schon in der Bibel (die 10 Gebote). Polly Jean ist die Göttin und deshalb braucht es keine zweite neben ihr, also keine Vorgruppe.

- Das Konzert wurde auf 20 Uhr 30 angesetzt und beginnt pünktlich auf die Minute. Das nenne ich Professionalität. Man könnte das natürlich auch mangelnde Spontaneität nennen, aber wir wollten ja keine Erbsen zählen, oder?

- Polly Jean trägt ein schlichtes schwarzes (manchmal bräunlich schimmerndes) Kleid mit einer Ledercorsage und auf dem Kopf einen schwarzen Federkranz. Sie ist dürr, aber elegant. Wie immer.

- Was sie trinkt? Stilles Wasser! Zwei oder drei Gläser im Laufe des Abends.

- Sex, Drugs and Rock'n Roll sind out oder wie? Nö, aber es muss ja nicht jeder soviel saufen wie die Typen von Deer Tick, der Sänger von The Soundtrack Of Our Lives oder Matt Berninger von The National.

- Die ersten vier bis fünf Lieder bestreitet PJ auf der Autoharp (wie heißt das auf deutsch? ich weiß es wirklich nicht). Ein göttliches Instrument (mit einer Rosenintarsie, die Rose steht sicherlich für England), das manchmal wie eine Harfe, manchmal wie eine Gitarre klingt, je nachdem wie man es einsetzt.

- Ihre Stimme ist sensationell. Durchgängig. Mal kindlich naiv, mal trotzig frech, mal ätherisch verhallt, immer aber auf höchstem Niveau.

- Das Publikum ist erstaunlich ruhig und unbeweglich. Durchgängig. Laut wird es nur, wenn nach den Songs tosender Applaus aufbrandet. Alle hören fast christlich zu. Nun ja, das Album wurde schließlich in einer Kirche in Dorset aufgenommen, das passt ja dann irgendwie.

- Ab und zu gibt es" PJ. we love you Rufe" und Ähnliches. Die Künstlerin reagiert nie darauf.

- Ohnehin sagt PJ Harvey 75 Minuten lang kein einziges Sterbenswörtchen zwischen den Liedern. Sie ist hochkonzentriert und lässt sich durch nichts ablenken.

- Als PJ Harvey und ihre dreiköpfige Begleitband zu den Zugaben zurückkommen, spricht sie die einzigen Silben des Abends: "Thank you very much, merci beaucoup." Das ist alles.

- Dafür lässt die Engländerin ihre Songs sprechen. Sie strahlen Eleganz, Würde, innere Kraft, Anmut, Weltklugheit, Beobachtungsgabe und atemberaubende Schönheit aus.

- Nichts wird forciert, weder die Stimme noch die feinen Arrangements. Alles wirkt lässig aus dem Ärmel geschüttelt. Allein wie PJ Gitarre spielt, so locker leicht, schwungvoll. Wie Tennis-Mozart Roger Federer Tennis zelebriert, so performt Harvey ihre Musik. Souverän und meisterhaft. Das nenne ich Klasse!

- John Parish agiert auch wahnsinnig lässig. Eine coole Sau, der Typ. Wie nonchalant der Gitarre spielt und dabei die schönsten Melodien aus seinem Instrument kitzelt, Donnerwetter!

- Die singenden Männer, John Parish und Mick Harvey machen ihren Job auch in dieser Hinsicht gut. Ihre tiefen Stimmen harmonieren wunderbar mit dem hohen Organ von PJ und die Typen singen sich auch nie in den Vordergrund, überlassen gentlemenlike immer der Chefin die Show.

- Soll ich euch was verraten? Ich habe das neue Album Let England Shake noch kein einziges Mal zuvor gehört, aber die Lieder gefallen mir in der Liveversion auf Anhieb ganz ausgezeichnet. Catchy und kein bißchen sperrig, aber trotzdem keineswegs flach oder auf Mainstream-Banalität gebürstet. Wahnsinn, wie PJ diesen Spagat hinbekommt, das können nicht viele. Massentauglich werden, aber dabei nicht von dem künstlerischem Anspruch abrücken.

- Ab Lied 5 greift PJ zum ersten Mal in die Saiten ihres weißen E-Gitarre, (Gibson oder Gretch?) die farblich super zu dem schwarzen Kleid passt. Viel wichtiger als diese modischen Aspekte sind aber die produzierten Riffs und die Harvey an der Gitarre ist einfach brillant und cool.

- Später spielt sie übrigens noch auf einer braunen E-Gitarre und einer beigefarbenen (gelben?) Akustikklampfe. Technische Fehler kann nich nicht heraushören, der Vortrag ist für meine Ohren perfekt.

- Der Sound ist klar und gut ausbalanciert. Nicht sehr laut eigentlich, aber dafür keine Spur breiig. Aufgrund der nicht sehr hohen Lautstärke klingt das Ganze allerdings nicht nach einem wilden Rockkonzert.

- Aber PJ muss ja in ihrem Alter (41) nicht mehr die wilde Rockröhre raushängen lassen.

- Sie ist natürlich trotzdem nach wie vor 100 mal rauer und unpolierter als es die Killers oder Muse je waren.

- Es ist schon erstaunlich, wie umfassend das Repertoire der Engländerin ist und wie viele stilistische Seiten sie abdeckt. Sie klingt ein wenig nach vielen anderen großartigen Künstlern, ohne sie auch nur im Geringsten zu kopieren. Sie vereint die allerbesten Musiker und Bands der letzten 30 Jahre in einer einzigen Person. Joanna Newsom, Cat Power, Feist, Björk, Patti Smith, Sonic Youth, Pixies, Kate Bush, Cocteau Twins, Nirvana, Sleater-Kinney, Hole, Throwing Muses, Nick Cave, Scout Niblett, Tori Amos, Siouxsie and The Banshees, Kristin Hersh, Beth Gibbons, Mazzy Star etc.

- Mal ein paar Worte zu ihrer Begleitband. Die spielt sehr diskret, aber punktgenau. Das Schlagzeug ist nicht sehr powervoll, sondern dezent und hintergründig. Der Drummer trägt einen französischen Namen, ich weiß aber nicht mehr genau wie er hieß.

- Mick Harvey spielt Keyboard und Gitarre und singt auch ein Lied (The Colour Of The Earth) in führender Rolle. Der weißhaarige Typ ist nicht mit Polly Jean verwandt oder verschwägert. Er war früher bei Nick Cave und den Bad Seeds.

- Die Männer in der Band gucken alle ein wenig grimmig, aber die wollen nur spielen (wie der Pitbull der Nachbarin).

- Die Lichtshow ist ebenfalls vornehm zurückhaltend. Es gibt keine großen Effekte, schon gar keine Laser (Hilfe!), sondern nur ziemlich häufig Nebel, der aber im hinteren Bühnenteil nach oben schwebt, ohne Polly Jean zu verhüllen. Man kann ihr Gesicht also meistens sehr gut sehen. Manchmal bleibt aber alles ziemlich düster und man sieht nur die Umrisse der schwarzgekleideten Künstlerin, was fast ein wenig gruselig ist.

- wenn man bösartig wäre, könnte man sagen, PJ sähe heute aus wie eine Vogelscheuche oder wie eine Hexe.

- Ich mag Hexen.

- Vogelscheuchen sind mir egal.

- Aber was sind eigentlich die besten Songs des 90 minütigen Sets?

- Puh, nicht leicht, es gibt nämlich keinerlei Aussetzer oder Rohrkrepierer.

- Die ersten zwei Lieder sind auf jeden Fall schon mal herausragend, die Stimme so herrlich, das Harfenspiel so anmutig, die Melodien so feinperlend.

- In der Presse liest man, daß es Harvey diesmal besonders auf die (politischen) Texte ankam. Kein Wunder, wenn man sich mit seiner Heimat und ernsten Themen wie Kriegen (z. B. dem in Afghanistan) auseinandersetzt. Gelobt wird aber wie feinfühlig und wenig anklagend sich Harvey textlich äußert. Sie beobachtet, beschreibt, versucht zu verstehen und hat sicherlich auch nicht die allein gültige Antwort auf alles. Im Song England singt sie aber" you leave a taste, a bitter one"

Was ich besonders schön finde: PJ Harvey sagte in einem Interview, sie sei Optimistin und glaube an die Kraft der Hoffnung, an die Fähigkeit der Menschen sich zu ändern, sich widrigen Umständen bewußt zu werden und Verantwortung zu übernehmen. So was liest man selten. Eine kluge Frau.

- Im letzten Drittel kommen etliche Granaten. Down By The Water (das vom Publikum mitgesungen wird), On Battleship Hill, Written on The Forehead, Big Exit (von ihrem vermeintlich besten Album Stories From The City, Stories From The Sea).

- Die Zugaben sind deutlich rockiger und grungiger als das vorher gehörte. Meet Ze Monsta vom 1995 er Output To Bring You My Love zeigt eine angriffslustige Polly. Angeline kennt man als Opener von Is This Desire? und Silence zeigt die sanfte, gefühlige PJ vom Piano geprägten Vorgänger-Album White Chalk.

- Danach ist Schluß, PJ lächelt nett Richtung Publikum, man verneigt sich und zischt ab.

- Das Publikum klatscht eine viertel Stunde lang rum wie gestört, bekommt aber keine weitere Zugabe geboten. In den Jubel mischen sich Buhrufe, aber das ist nur Spaß. So sind die Franzosen halt eben.

- Ein gutes Publikum im Übrigen. Leise und fachkundig, respektvoll und bunt gemischt. Die Gay-Gemeinde (die ich mag und moralisch unterstütze) ist präsent. Seit Tegan & Sara habe ich nicht mehr so viele lesbische Pärchen gesehen.


- Unter dem Strich: fabelhaft! Polly Jean, die Queen of England. Bejubelt von den Franzosen. Yeah, baby!!!

- PJ Harvey hat bei diesem unbekannten John Peel mal ein paar Peel Sessions gespielt. Wann kommt sie zu Oliver Peel? Mein Wohnzimmer steht ihr offen.

Setlist PJ Harvey, Olympia, Paris, 24.02.11:*

01: Let England Shake
02: The Words That Maketh Murder
03: All & Everyone
04: The Guns Called Me Again
05: Written On The Forehead
06: In The Dark Places
07: The Devil
08: The River
09: The Sky Lit Up
10: The Glorious Land
11: The Last Living Rose
12: England
13: Bitter Branches
14: Down By The Water
15: C'mon Billy
16: Hanging In The Wire
17: On Battleship Hill
18: Big Exit
19: The Colour Of The Earth

20: Met Ze Monsta
21: Angeline
22: Silence

* es ist haargenau die gleiche wie kürzlich im Admiralspalast zu Berlin. Schade.

Aus unserem Archiv:

PJ Harvey, Paris, 16.11.07

Dienstag, 15. Februar 2011

PJ Harvey, Paris, 14.02.11

7 Kommentare

Konzert: PJ Harvey

Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 14.02.11
Zuschauer: ausverschenkt, etwa 500

Konzertdauer: 75 Minuten


Meine Güte, so bitter gefroren habe ich seit langem nicht mehr!

Polly Jean Harvey spielt am Valentinstag (der für mich und meine Frau keine besondere Bedeutung hat, ist eher was für Blumenhändler) in der Pariser Maroquinerie und Oliver Peel steht draußen vor der Tür, verzweifelt versuchend, den Türsteher davon zu überzeugen, daß er da unbedingt rein muss. Eine räudige Angelegenheit, eigentlich ein schlechter Witz.

Als ich gegen 20 Uhr 50 in die Rue Boyer einbiege, in der die Maroquinerie liegt, stehen ungefähr 30 bis 40 Leutchen vor der Tür und warten auf Einlass. Geplanter Beginn des Konzertes: 20 Uhr 50. PJ Harvey wird heute in einer Weltpremiere ihr neues Album Let England Shake präsentieren und dies in einer Location, die gerade einmal 500 Leuten Platz bietet. Geladen hat der Internetstreaming Service Deezer und Arte Liveweb. Über Deezer und Arte wurden etwa 60 Plätze per Gewinnspiel unters Volk gebracht, die restlichen Plätze gingen an spezielle Gäste (Labelfritzen, Leute aus der Musikindustrie, Promis). An Oliver Peel haben sie nicht gedacht. Sauerei. Ich tue soviel für die Deutsch-Französische Völkerverständigung, da hätte doch gerade Arte mich mit einer Sänfte reintragen müssen. Aber ich war es ja auch selbst Schuld, hätte ich sie halt anschreiben sollen!

Ich stehe da also wie ein Depp vor der verfluchten Tür und bekomme mit, wie 95 % der Leute mittels ihres Gästelistenzettels reinkommen. Inzwischen ist es 21 Uhr 15. Das Konzert beginnt nun, Arte und Deezer werden es per streaming live übertragen. 3 andere Freunde von mir, ebenfalls absolute Konzertjunkies und schon tausend mal hierher gekommen, stehen ebenfalls blöd in der Kälte rum. Der Türsteher, er kennt mich natürlich vom Sehen, begrüßt mich sogar per Handschlag, lässt mich aber nicht passieren. Eigentlich hatte ich auf ihn gehofft, aber er erklärt, daß er heute ganz strenge Vorgaben habe. Ich solle Geduld haben, vielleicht ginge später was. Neben mir wartet ein Mädchen, ein riesiger Fan von Polly Jean. Aber wir hoffen umsonst, obwohl der Türsteher immer mal wieder einen Offiziellen fragt, ob man uns reinlassen dürfe. Vergeblich. Das Ärgerliche: ein paar blasierte Mitbürger verlassen das Konzert vorzeitig, ein Mädchen sogar nach lediglich 15 Minuten. Hätten sie mir doch ihren Platz überlassen!

Um 22 Uhr 30 stehe ich immer noch draußen und bin inzwischen ein Eiszapfen. Selbst das andere Mädchen ist inzwischen frustriert abgehauen. Nun darf ich wenigstens mal einen Schritt in den Flur des Clubs setzen und sehe wie die Zuschauer aus dem Konzertsaal kommen (keine Spur von Euphorie in den Gesichtern) und mit einem VIP-Bändchen Richtung Bar latschen. Open Bar wohlgemerkt, das heißt alle Getränke sind gratis. Wie immer ist mein Freund Rockerparis mit von der Partie, aber mir war klar, daß der Bastard (ein Kosename, kein Schimpfwort) da irgendwie reinkommt, der ist da schließlich absoluter Spezialist drin.

Rockerparis schreibt Folgendes über das Konzert: (in Stichworten zusammengefasst)

- der Soundcheck für das Konzert fand gestern statt (das hatte man mir auch gesagt)
- die britische Schauspielerin Helen Mirren ist unter den Zuschauern (wer is'n das? ich gehe nie ins Kino!)*
- Es herrscht eine relaxte Atmosphäre in dem Club (@ Rockerparis: es heißt auf englisch richtigerweise "relaxed atmosphere", nicht "relax atmosphere", immer der gleiche Fehler bei dir), es ist nicht proppenvoll (argh!!)
- es herrschen perfekte Bedingungen
- schöne Lightshow, der Sound ist perfekt
- Polly Jean spielt Autoharp, akustische und elektrische Gitarre
- sie performt sehr leise Lieder, jeder hört aufmerksam und still zu
- ihre Stimme ist kristallklar
- sie kommuniziert so gut wie nie mit dem Publikum, außer bei den Zugaben

Setlist PJ Harvey, La Maroquinerie, Paris:

01: Let England Shake
02: The Words That Maketh Murder
03: All & Everyone
04: The Gun Called Me
05: Written On The Forehead
06: In The Dark Places
07: The Glorious Land
08: The Last Living Rose
09: England
10: Bitter Branches
11: Hanging In The Wire
12: On Battleship Hill
13: The Colour Of The Earth

14: Down By The Water
15: C'mon Billy
16: Meet Ze Monsta
17: Silence

Links:

- English Review & many beautiful pictures + 1 video at Rockerparis
- Topfotos bei Robert Gil, klick!
(Polly Jean trägt ein langes weißes Klied und Federn in den Haaren, sehr extravagant)
- Auf dem Klienicum gibt es jede Menge Infos zum neuen Album von PJ Harvey, klick!

Aus unserem Archiv:

PJ Harvey, Paris, 16.11.07

* ich sehe später auch Brisa Roché (amerikanische Sängerin, die in Paris lebt), Matthieu Malzieu von Dionysos (eine fürchterliche, aber in Frankreich enorm erfolgreiche Band), Mademoiselle K (ebenfalls gräßlich, aber erfolgreich).




 

Konzerttagebuch © 2010

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