Samstag, 15. März 2008

Editors, Krefeld, 14.03.08


Konzert: Editors
Ort: Kulturfabrik Krefeld
Datum: 14.03.2008
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: 80 min


Ob die Editors mich nach drei Konzerten im vergangenen Jahr, vor allem nach dem fabelhaften Auftritt in der Live Music Hall im November, noch einmal begeistern und vor allem überraschen könnten? Ich war davon ausgegangen, vermute ich, denn ich hatte ohne jedes Zögern vor Monaten ein Ticket für das Konzert in Krefeld bestellt, eine sehr gute Idee, denn die Editors waren schnell ausverkauft.

Die Kulturfabrik in Krefeld ist vermutlich ein ehemaliger Schlachthof, an der Seite des Saals, der mich ans Bürgerhaus Stollwerck in Köln erinnerte - nur mit Säulen - stehen nämlich einige große Waagen. Aber sonst, wenn man die Vorstellung, was da früher einmal alles so rumhing, verdrängt, ist der große Raum ein sehr angenehmer Platz für Konzerte. Die Bühne, die für die Größe des Saals erfrischend wenig tief wirkte, wurde zwar von Gittern abgesperrt, der Fotograben war aber so winzig, daß die erste Reihe auch wirklich eine erste Reihe war.

Auf der Bühne waren reichlich Schlagzeuge aufgebaut, es schien also zu stimmen, daß es zwei Vorgruppen geben sollte. Die erste von denen fing dann um halb neun an, eine Gruppe namens Red District Company aus London. Sänger und Bassist sah ich erst nur von hinten. "Wow, eine Band mit zwei Sängerinnen!" Ein Trugschluß, mich hatten die Frisuren der beiden (Richard und Shawn) getäuscht. Die englische Gruppe komplettieren ein zweiter Gitarrist, der auch Keyboard spielte, und ein Schlagzeuger. Red Light Company spielen Indierock, der nett war - mehr aber für mich nicht. Vielleicht lag das (wie so oft) an der Stimme des Sängers, die mir nicht überragend gefiel. Mich erinnerten einzelne Lieder an die Shins, die Shout Out Louds oder auch Midnight Oil. Der halbstündige Auftritt tat sicher keinem weh, begeistert hat er mich aber nicht.

Das erste Schlagzeug war also damit aus dem Spiel. Ans zweite, diesmal links stehende, setzte sich dann ein Oliver Kalkhofe Double mit einem hübschen Schnauzbart. Der Lockenkopf Noam Schatz gehörte zum Brooklyner Trio Mobius Band (Basteltip: Bau Dein eigenes Mobius Band: Schneide von einem quer liegenden Blatt Papier längs ein Drittel ab und klebe es, nachdem Du sein Ende um 180 ° verdreht hast, an den Enden zusammen. Heraus kommt eine Figur, die nur eine Fläche, bzw. eine Seite und eine Kante hat, ganz faszinierend!). Die beiden anderen Bandkumpels sind ein Sänger und ein Keyboarder. Die New Yorker machen elektronischen Indie, sicher musikalisch originell, obwohl diese Stilrichtung lange nicht mehr originell ist, der Auftritt verpuffte aber zumindest bei mir sehr schnell. Damit tue ich der Mobius Band sicher unrecht, ich werde mir auch schnellstmöglich einmal die beiden Alben, die in den USA hochgelobt werden, anhören. Aber im Editors Vorprogramm war das wirklich kein großer Stimmungmacher. Irgendwann brüllte jemand aus dem Saal "boring", was der Mobius Sänger gleich richtig als "langweilig" übersetzte. Und das war es leider auch. Die Drei spielten auch exakt eine halbe Stunde und waren um zehn fertig.

Bis dahin war es knackig voll geworden. Das übliche Reindrängeln an die Stellen vorne, an denen sich die Leute schon gegenseitig auf den Füßen stehen, setzte schon vor der Mobius Band ein, was ganz lustig war, weil die späten Drängler wohl nicht mit einer zweiten Vorgruppe gerechnet hatten.

Um halb elf wurde es dunkel, dann blau (das Licht in der Kulturfabrik ist toll!) und es erklangen die ersten Töne einer Überraschung. Bei meinem ersten (kurzen) Editors
Konzert, im Rahmen von Rock en Seine 2006, war "Camera" der Überraschungshit für mich. Das Lied vom Debüt "The Black Room" hatte mir vorher nur so lala gafallen, die Liveversion war dann allerdings so fabelhaft, daß ich das Stück für mich vollkommen neu entdeckt hatte. Bei den drei Konzerten im vergangenen Jahr hatte ich dann vergeblich auf "Camera" gehofft, dafür ein paarmal "Fall" hören dürfen, das Lied, das mich an "She's like the wind" erinnert, und das ich, seit mir diese Assoziation eingefallen war, gar nicht mehr mag. Krefeld begann also mit "Camera" und ich war begeistert. Sänger Tom Smith hatte ich anfangs noch nicht entdeckt. Er stand bei "Camera" hinten links an einem Keyboard, hinter Boxen und anderem Kram versteckt.

Zum zweiten Lied, "An end has a start" war die Band dann auf den gewohnten Plätzen und Tom mit seiner schwarzen Gitarre in der Mitte der Bühne. Aber wie üblich hielt es ihn da nicht furchtbar lange, er hüpfte, rannte, kletterte auf das zentral aufgebaute Klavier und wieder davon runter oder kam zum Bühnenrand. Das gehört bei dem Sänger zum festen Programm, genau wie die vielen Gesten, die Selbstumarmungen (die aber weniger geworden sind), das Verzerren des Gesichts, fuchtelnde und in alle Richtungen zeigende Hände. Aber unter diesem "Bewegungsreichtum", das 20. Jhd.-Suppernannies als Zappel-Philipphaft bezeichnet hätten, leidet der Gesang
keineswegs. Auch wenn es in Krefeld an meinem Standort sehr sehr laut war, sind mir da keine unangenehmen Fehltöne aufgefallen. A propos Zappel-Philipp: Toms Struwwelpeter-Phase scheint vorbei zu sein, er hat die Haare wieder sehr viel kürzer.

Das Set war wohltuend anders als letztes Jahr. Die Band aus Birmingham ist da glücklicherweise kreativ. Daher war meine Sorge, mich vielleicht zu langweilen, vollkommen unbegründet. Das war ja gleich mit "Camera" vorbei.

"Spiders" hat in der Liveversion als besonderes Bonbon eine kleines "Red rain" Zitat. Das aufregendere Cover kam aber im Anschluß. Für einen Radio One Sampler haben die Editors "Lullaby" von The Cure eingespielt. Mich hat an dem Cover, als ich es zum ersten Mal gehört habe, fasziniert, wie sehr die neue Version nach den Editors klingt. Live war mir Toms Stimme zu leise, das Lied selbst ist aber eine Wucht. Thematisch paßte es ja auch perfekt in unsere The Cure Wochen. Im Anschluß folgte mit "All sparks" einer der großen eigenen Hits, bevor es wieder ein wenig aufregend wurde. Denn der Beginn von "Munich" war wundervoll akustisch. Später wurde das Stück dann laut, der Start war aber ganz besonders schön.

Nach etwa einer Stunde wäre ich sicher panisch geworden, wenn sie nicht so viel an ihrem Programm geändert hätten. Denn da stimmten die Editors "Fingers in the
factories" an, das Lied, das immer als allerletztes gespielt wurde. Einzige mir bekannte Ausnahme war der Abend in der Kultur Kirche Köln, den ein SEK stürmte und beendete und uns damit um den Song brachte*. In Krefeld beendete dieses schöne, abgehackte Stück aber nur das normale Set. Und da ein paar Hits fehlten, war klar, daß es das noch nicht gewesen war. Darum erschienenTom & Co. auch sehr schnell wieder, ohne alberne künstliche Spannung aufzubauen, denn ein Konzert ohne "Smokers" konnte sich sicher niemand vorstellen.

Zunächst aber spielte Tom Smith am Klavier den heimlichen Star des letzten Albums, "The racing rats", um dann die Lieblings-B-Seite "You are fading" folgen zu lassen. Als
dritte Zugabe kamen dann die "Smokers outside the hospital doors", wie immer wunderbar!

Eigentlich können die Mittelengländer nicht jedes Jahr in meiner Konzert Top-10 auftauchen. Das wäre dieses Jahr der Hattrick. Aber toll war es schon. Und es gab auch einige Lieblingsszenen, die mir besonders viel Spaß gemacht haben. Bei "Bones" klatschte das Publikum irgendwann rhythmisch. Egal ob man das mag oder nicht, das da war nicht rhythmisch, also schon gleichmäßig, allerdings deutlich neben dem Takt des Lieds, auch für mich als Musiklaien gut erkennbar. Tom Smiths Reaktion war köstlich: Er grinste breit und lenkte mit Gitarre und Händen das Geklatsche wieder näher zum Lied. Sein nahes Rumgehampele am Mikro führte bei
"Fingers in the factories" dazu, daß er mit Nase oder was auch immer das Mikro aus seinem Ständer riss. Glücklicherweise war das Mikro am Klavier in Sprungweite, sodaß er den nächsten Refrain da singen konnte. Meine liebste Szene fand auch am Klavier statt: Bei "When anger shows" spielte der Frontman mit sich selbst Reise nach Jerusalem. Es wirkte zumindest so, denn das macht ja wirklich keinen Sinn, das Spiel alleine zu spielen, wenn man selbst die Musik macht und damit weiß, wann man sich setzen muß. Er ging jedenfalls singend drei Runden ums Klavier, mitten im Lied. Schön war das!

Auch wenn die Tour gerade (nichts gegen Krefeld) eine Reise durch B- oder C-Städte ist (Bielefeld, Darmstadt...), war das Konzert metropolentauglich. Die Editors sind einfach eine fabelhafte Liveband, die immer wieder wahnsinnig viel Spaß macht. Und Darmstadt ist ja eigentlich gar nicht so weit weg...

* In Wahrzeit war es so wie hier berichtet.

Setlist Editors Kulturfabrik, Krefeld:

01: Camera
02: An end has a start
03: Blood
04: Bullets
05: The weight of the world
06: Escape the nest
07: Lights
08: When anger shows
09: Spiders (incl. Red rain Cover)
10: Lullaby (The Cure Cover)
11: All sparks
12: Munich
13: Push your head towards the air
14: Bones
15: Fingers in the factories

16: The racings rats (Z)
17: You are fading (Z)
18: Smokers outside the hospital doors (Z)

Links:

- die Editors in Paris (November 2007)
- in der Live Music Hall in Köln (
November 2007)
- in Paris im Juli 2007
- beim Wireless Festival in London im Juni 2007
- in der Kultur Kirche in Köln (Juni 2007)
- bei Rock en Seine im August 2006
- mehr Fotos



5 Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Schicker Bericht und ich kann in allem nur zustimmen, war ein klasse Konzert! :-)

Liebe Grüße
Micha :-)

Christoph hat gesagt…

Danke! Ja, war toll!

cécile hat gesagt…

Tom hat also die Haare schön ;-)

Aber die längeren standen ihm auch gut. Nix da Struwwelpeter! Lass Du Dir doch auch mal lange Haare wachsen, Christoph!

Anonym hat gesagt…

Mir gefallen die kurzen Haare besser! (also, bei Tom, nicht bei Christoph)

...beim Lesen werde ich fast ein bißchen neidisch, aber Menomena gestern abend waren auch ganz ganz toll (und da ich sie noch nie gesehen hatte war es defintiv die richtige Entscheidung auf Editors zu verzichten).

Anonym hat gesagt…

die Supportbands waren doch großartig!

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates