Konzert: Brokof Datum: 23.2. 2012 Ort: Cafe Nun in Karlsruhe Zuschauer: 30 Dauer: 75 min (21:00 Uhr-22:30 Uhr mit Pause)
Von Gundrun Thäter
Gestern Abend führte mich ein Konzert von Brokof (aus Berlin, bei Goldrausch-Rekords) ins Cafe Nun. Ich gehe gern dorthin, weil ich dort noch nie musikalisch enttäuscht worden bin (ganz im Gegenteil gab es immer wieder sehr denkwürdige Abende) und weil es mit dem Fahrrad für mich gut zu erreichen ist. Dem Namen eines gemütlichen Cafes wird es der Ausstattung und der netten Betreiber wegen zwar einerseits gerecht, andererseits ist es aber in der Regel so voll, dass dies eher in den Hintergrund tritt. Gestern war mein erster Besuch, wo dies anders war. Als Besucherin fand ich das ja eher angenehm. Tatsächlich mal gemütlich und intim. Ohne Schlange an der Tür, in Ruhe einen schönen Platz finden und ohne Gedrängel an der Bar einen Wein aussuchen. Für die Band fand ich es aber ein bisschen Schade.
Im Vorhören und Einstimmen auf den Abend hatte ich auf
eher den Eindruck gewonnen, das Set wäre lebhaft und upbeat. Schon im Warten auf den Beginn des Konzertes revidierte sich dies insofern, als es kein Schlagwerk auf der Bühne gab, also in einer anderen Besetzung gespielt werden würde als von mir erwartet. Es traten pünktlich 21:00 Uhr zwei junge Männer mit akustischer und E-Gitarre auf die Bühne, die sich als die Hälfte von Brokof vorstellten. Sozusagen auf akustischem Ausflug für uns als beta-Tester oder ersten Profiteure dieser Idee, mit kleiner Besetzung etwas wendiger zu sein.
Für mich war es ein sehr intensiver und lohnender Abend. In der ersten knappen halben Stunde vor der Pause waren beide noch etwas "mundfaul" und zurückhaltend, aber je später der Abend, desto mehr gab es an Informationen zu den Liedern, zur Band und es stellte sich etwas wie sichtbare Spielfreude auf der Bühne her. Es wurd sogar laut - ganz ohne Unterstützung durch Schlagzeug und Bass. Das Publikum honorierte das mit ordentlich Applaus und die Zugabe war vielleicht der Höhepunkt überhaupt.
Es gab im Anschluss an das Konzert noch Gelegenheit zu einem kurzen aber sehr sympatischen Schwatz. Den Liedern werde ich per CD noch etwas hinterherlauschen, aber der erste Eindruck per Konzert war so, dass die akustische Packung eine gute Idee ist, und ich mir jederzeit wieder ein Konzert mit Brokof wünschen würde. Am liebsten natürlich im Cafe Nun.
Konzert: The Notwist Ort: le Café de la Danse, Paris Datum: 20.01.12 Zuschauer: restlos ausverkauft Konzertdauer: etwa 95-100 Minuten
"Et à la fin c'est toujours les Allemands qui gagnent"
Mit diesem Spruch, den sicherlich jeder Fußballfan zur Genüge kennt, kommentierte ein französischer Konzertbesucher das fulminante Pariser Konzert der deutschen Band The Notwist. "Am Ende gewinnt immer Deutschland", so lautete also nicht nur das legendäre Fazit des englischen Fußballers Gary Lineker im Hinblick auf WM-Spiele, sondern der Satz galt auch heute für die Musik aus Germany.
Die Weilheimer hatten aber auch wirklich über 90 Minuten (Fußballspiel mit Verlängerung in Form von Zugaben) lang aus allen Rohren geschossen, triumphierten geradezu mit ihrer spektakulären Mischung aus melancholischem Indierock, Noise und Eletrogefrickel. Von Beginn an ließen sie keinen Zweifel aufkommen, daß sie eine der führenden Indiebands der letzten 20 Jahre sind. Da mögen aus England Jahr für Jahr kurzfristige Hype-Bands aufgekommen und wieder verschwunden sein, The Notwist sind immer noch da. Und wie! Sagenhaft mit wie viel Spielfreude, Verve und Engagement sie hier zur Sache gingen. Besonders der Drummer wirbelte hinten Köpfchen wackelnd wie ein Derwisch und trieb seine Vorderleute an. Die Burschen spielten sich phasenweise in einen Rausch, kredenzten hypnotische Passagen, ernteten oft mittendrin Standing Ovations und kosteten jede Minute ihres Sensationsauftritts voll aus. Dennoch blieb Frontmann Markus Acher stoisch und einsilbig wie immer. "Thank you very much" oder "merci", mehr war aus ihm nicht rauzukriegen. Aber das passte zu ihm und seiner unglaublich traurigen, aber gleichzeitig auch so weichen, warmen, tröstlichen Stimme. Keiner singt wie Markus, ich könnte auf Anhieb niemanden zitieren, der so ähnlich intoniert. Neil Tennant von den Pet Shop Boys eventuell, aber bei solchen Vergleichen kommen wir auf Abwege, wenngleich mindestens ein Lied in dem Set hinsichtlich der Melodieführung tatsächlich an die kultige englische Pop Band erinnerte.
Ansonsten klang das Ganze weniger poppig, sondern vielmehr rockig und noisig. Im Vergleich zu den teilweise getragenen (letzten) Alben verstand es die Band aufs Beste, den Songs live mehr Leben und eine ungeheure Dynamik einzuverleiben. Das gespielte Songmaterial hatte fast den Charakter eines "Best Of". Pick Up The Phone, Gloomy Planets oder Boneless, das gegen Ende kam, es reihte sich Knüller an Knüller. Nichts, aber auch gar nichts kam aber an das alles überragende Pilot heran. 10 bis 15 Minuten lang schaukelte diese experimentelle Wahnsinnsnummer zwischen psychedelischem Krautrock und saftigem Indierock hin und her, Acher widerholte ständig die Silben: "diffferent cars and trains" und die Leute im Publikum johlten geradezu vor Vernügen. Es war ein ganz besonders Highlight in einem Set voller Perlen.
Die letzten 30 Minuten des Konzerts entwickelten sich fast zu Ehrenrunden. The Notwist hatten bereits auf ganzer Linie gewonnen, nun wurde ausgelassen gefeiert. Nach einem ersten Zugabenblock kamen die Weilheimer auf Grund des frenetischen Jubels noch einmal zu einem allerletzten Lied zurück (welches war das noch einmal?, ich war zu benebelt vor Glück, um alles zu registerien!) und gaben noch einmal ihr Bestes.
"Am Ende gewinnen immer die Deutschen", heute hatte sich dieser Spruch wieder einmal bewahrheitet, obwohl The Notwist keine Band ist, die von der Motivation auf Weltherrschaft angetrieben wird.
Setlist The Notwist, Café de la Danse, Paris:
01: One Dark Love Poem 02: Pick Up The Phone 03: Where In This World 04: This Room 05: My Phrasebook 06: Blank Air 07: Thrashing Days 08: On Planet Off 09: Gloomy Planets 10: One With The Freaks 11: Neon Golden 12: Pilot 13: Gravity
Konzert: Gustav Ort: L'International, Paris Datum: 19.03.2009 Zuschauer: hmm, 150 vielleicht? Konzertdauer: ca. 45 Minuten
Schon als ich den Laden betrete, höre ich Leute auf deutsch reden. Relativ ungewöhnlich in Paris, aber wenn eine Wienerin auftritt, die zudem noch ein paar Lieder in der Sprache Goethes im Repertoire hat, letztlich auch nicht allzu verwunderlich.
Das International ist recht neu auf der Landkarte der Pariser Konzertlocations, die Kneipe mit angeschlossenem Konzertkeller hat 2008 mit der Ausrichtung von Gigs angefangen. Eintritt muß man keinen entrichten und angesichts der gesalzenen Preise in Paris ist das schon eine feine Sache. Allerdings haben diese Umsonstkonzerte immer den Nachteil, daß auch Leute reinschneien, die sich für das Geschehen auf der Bühne nicht sonderlich interessieren und dies durch laute Plapperei oder andere Störungen kompensieren. Auch heute war dies wieder der Fall. Ein offensichtlich besoffener Franzose konnte sich nicht beherrschen und brüllte beim Anblick der jungen Künstlerin mehrfach laut und recht agressiv "Güstaf, Güstaf" Richtung Bühne, was die junge Österreicherin souverän mit einem Zeigefinger auf dem Mund konterte und damit bedeutete, er solle doch mal etwas leiser sein. Zum Glück verschwand das besoffene Schwein aber ziemlich bald und im Publikum herrschte erst einmal Ruhe, bis hinter mir plötzlich Deutsche oder Österreicher unentwegt und laut redeten.
Bevor Gustav loslegen konnte, war aber zunächst eine französische Vorgruppe zu ertragen. Eigentlich ging ich davon aus, daß sie schon fertig sein würden, wenn ich einträfe, aber der Zeitplan wird im International nicht wirklich eingehalten. Auf die veröffentlichten Anfangszeiten kann man also locker eine halbe bis Dreiviertelstunde draufschlagen. Zunächst gefielen mir Anthony Fletcher eigentlich noch ganz gut, aber nach circa. 2 oder 3 gehörten Liedern gingen sie mir mit ihrem melancholischen Pop - irgendwo zwischen Etienne Daho und Snow Patrol anzusiedeln, ziemlich auf die Nerven. Seicht scheint mir der treffende Ausdruck für ihre Mucke zu sein und im Vergleich zu Anthony Fletcher ist Chris "Coldplay" Martin, der auch als Referenz herangezogen wird, ein Harttrocker! Insofern nicht verwunderlich, daß Frauen im Zweifel eher auf Machos als Softies stehen. Das Bedürfnis Metallica oder Slayer zu hören, war bei mir nach circa. 20 Minuten unstillbar groß! Dennoch wurde das Trio zu zwei umjubelten Zugaben rausgeklatscht, eine davon ihr Hit Aquagym.
Mein frühes Erscheinen hatte aber dennoch einen entscheidenden Vorteil: ich saß bzw. stand in der ersten Reihe! Im International, wo man als Spätkommer schnell Gefahr läuft, nur noch den Betonpfeiler an der Seite zu sehen oder gar von den Treppenstufen durch eine Scheibe das Konzert verfolgen zu müssen, nicht zu unterschätzen! Ich blickte auf die Bühne und erspähte eine junge, sehr schlanke Frau mit niedlichen Zöpfchen und einem hübschen Gesicht. Das musste sie also sein, die Österreicherin mit dem männlichen Vornahmen! Sie baute zusammen mit dem Tontechniker ihren Gabentisch auf, auf dem alle möglichen Computer, Laptops, Keyboards standen und einen riesigen Kabelsalat erzeugten... Sie testete auch geräuschlos ihr Mikro (das geht!) und gab unplugged Anweisungen wie sich der Tontechniker gleich zu verhalten habe. Dann konzentrierte sie sich auf ihre Intrumente und legte wortlos mit einem Instrumentalstück los. Der Sound war technolastig und recht düster und die Künstlerin lächelte auch nicht, sondern schien mit ihrem Computer verwoben zu sein. Ich musterte ihr Äußeres und erkannte, daß sie hübsche blaue Augen hatte, obwohl ihr Haar recht dunkel war. Eine Deutsche oder Österreicherin hinter mir meinte dazu: "Die ist ja schon süß, die hat so Rehaugen!" Ich verkniff mir, mich umzudrehen und zusagen, daß die typischen Rehaugen doch braun seien und eben nicht blau, unterließ das aber, weil ich mich auf die Musik konzentrieren und nicht klugscheißern wollte und weil ich breits mehrfach negative Erfahrungen gemacht hatte, wenn ich Deutsche in Paris ungezwungen angesprochen hatte. Beim Besuch des Tennisturniers in Roland Garros hatte es sich vor ein paar Jahren einmal ergeben, daß Landsleute neben mir saßen und ich dachte: "Mensch, sei kommunikativ, das sind Deutsche und die mögen auch Tennis wie Du! Gib dich als Germane zu erkennen!" - Ich sollte es bereuen, denn anstatt - wie in Frankreich und anderswo üblich, Smalltalk zu pflegen und die schöne Anlage, das tolle Stadion und die Athleten auf dem Center Court zu loben, wurde ich bis ins Detail ausgefragt, wie ich es mir zeitlich und finanziell denn überhaupt leisten könnte, mittags bei einm Tennisturnier zu sein...
Und wenn ich zufällig mal Deutsche bei Konzerten antraf und meine Bloggerei und das Konzerttagebuch erwähnte, waren die ersten Fragen auch immer gleich: "Kannst Du davon leben? Was machts Du? Wieviel Miete zahlst Du?" - Es ist nicht so, daß Franzosen nicht auch einmal Fragen dieser Art stellen würden, aber sie sind da doch wesentlich zurückhaltender, bohren nicht nach und wollen nicht alles ganz genau wissen. Mentalitätsunterschiede von denen ich am heutigen abend auch noch andere Kostproben bekam! Zufälligerweise hatte ich nämlich aus Versehen meine Nachbarin leicht mit der Fußspitze berührt und drehte mich deshalb zur Seite, lächelte entwaffnend und entschuldigte mich, wie es in Frankreich üblich ist. Das Mädel kam aber wie ich später feststellte aus Deutschland (oder Österreich?), verstand nicht, wieso ich mich für den leichten Tipser überhaupt entschuldigte und guckte nur skeptisch und mürrisch. Genauso hatte ich ich das in ähnlichen Situationen aus Berlin in unguter Erinnerung. Aber es ist ja meistens glücklicherweise nicht böse gemeint, sondern einfach nur von den Eltern nicht beigebracht worden. In Frankreich ist man da in Erziehungsfragen strenger und trimmt die Kinder konsequent auf Höflichkeit und den perfekten Umgang zu seinen Mitmenschen, wozu auch der in Deutschland als oberflächlich verpönte Smalltalk und die nonverbale Kommunikation (wie eben das entwaffnende Lächeln) gehört. Aber es gibt da für mich keine Präferenzen, ich mag meine alte Heimat und mein Adoptivland Frankreich gleichermaßen und es wäre törricht, ein Land zu idealisieren und das andere schlechtzumachen. Das gilt natürlich auch für die Menschen, überall gibt es Sympathen aber leider eben auch Arschlöcher.
Mentalitätsunterschiede sind aber trotzdem nicht zu leugnen. In einer unfreiwilligen Konzertpause bekam ich noch ein Beispiel dafür geliefert. Gustav hatte nämlich gerade ein ärgerliches Problem mit ihrem Computer. Das Ding war während eines Liedes abgestürzt, was die Künstlerin schlagfertig mit den Worten: "Maybe it didn't like this song"" kommentierte, bevor sie versuchte, das Gerät in Ruhe neuzustarten. Das dauerte aber eine ganze Weile und deshalb fingen die Besucher an, sich zu unterhalten, bis das Problem behoben war. Ein deutschsprachiges Mädchen hinter mir erzählte ihrer Freundin, daß sie in Paris in ein Fitnesstudio gehe, was die andere mit einem: "Die sollen doch in Paris so sauteuer sein, was zahlst du denn?" quittierte. Ich schmunzelte innerlich, denn ich dachte mir insgeheim, daß diese komischen Muckibuden für Franzosen in der Regel sehr billig seien, weil einfach der Durchnschnittsfranzose in keinen Fitsnesstempel geht und folglich dafür auch keine Kosten hat. Auf einem Laufband oder angeschlossenem Fahrrad gegen Bezahlung rumzuhecheln ist einfach sehr unfranzösisch...
Aber nun endgültig zurück zur Musik, denn die Panne war nach ein paar Minuten zum Glück behoben und Gustav, die witzigerweise ein kleines gelbes Wörterbuch für Notfälle dabei hatte ("c'est magnifque", las sie einmal vor) konnte fortfahren. Sie sang nun abwechselnd auf englisch und deutsch und ihre Stimme war schon sehr besonders. Mir fielen prompt zwei Vergleiche zu Sängerinnen ein, von denen die Österreicherin selbst wohl nicht allzuviel halten dürfte (vorsichtig ausgedrückt), aber ich erwähne die Namen trotzdem. Zum einen Katie Melua und zum anderen Judith "Wir sind Helden" Holofernes.* Ihre Stimme hatte also gleichzeitig eine infantile- als auch leicht jazzig/soulige Note, was zusammmen mit den wummernden Elektrorhythmen, die sie erzeugte, eine ungewohnte Mischung ergab. Ausgefallen und sehr eigen also ihr Stil (manchmal fühlte ich mich auch an Frank Sinatra (!) erinnert) und darauf stehen nun einmal professionelle Musikkritiker, die sich im deutschen Rolling Stone oder der Spex ja dann auch sehr lobend geäußert haben. In Frankreich kennt man aber Gustav noch kaum und deshalb war es spannend zu sehen, wie die Pariser reagieren, wenn sie von lobhudelnden Kritiken unbelastet, sich auf diese Musik einlassen. Für die Künstlerin selbst mit Sicherheit auch neu und aufregend, vor allem wenn sie deutsch sang, was sie fast entschuldigend regelmäßig mit: "The next song wil be in german if you don't mind!", kommentierte. "In German" war beispielsweise der Titeltrack des zweiten Albums Verlass die Stadt, ein melancholisches Lied mit einem für Gustav typischen kuriosen Text voller Ironie und Witz und überraschenden Wendungen. Die Übergänge von lieblich zu knarzig und elektronisch waren abrupt und erwischten Unbedarfte auf dem falschen Fuß. Aber das ist ja das Spannende an Gustav, da gibt es Zuckerbrot und Peitsche und der hübsche Gesang wird unterstützt von wabernden Technorhythmen oder aber auch eingesampelten Geigen, wie z.B. bei dem großartigen We Shall Overcome. Auch das dramatische IFall war toll und baute eine knisternde Spannung auf, die man nur schwer in Worte fassen kann. Es klang nach moderner Großstadtmusik voller Widersprüche, man spürt Zorn ("no justice, no peace, no more fucking police"), Hast, Isoliertheit, Depression, aber auch Abenteuerlust, Erotik und glühende Leidenschaft (ich assoziere gerade wild vor mich hin..).
Bei Total Quality Woman wurde es dann lieblich, charmant und fast burlesk, aber natürlich ging es auch hier nicht ohne Brüche ab. Ein grandioses Stück!
Auch in punkto Theatralik und Mimik war die Österreicherin sehr versiert, mich würde es nicht wundern, wenn sie bereits eine Schauspiel- oder Theaterschule besucht hätte, aber ich weiß nicht, ob das stimmt, da ich deutsche Musikzeitschriften in denen so etwas stehen könnte, in Frankreich nicht beziehen kann.
Jedenfalls ist sie wie für die Bühne geschaffen, soviel steht fest! In einer Szene machte sie sogar einen kurzen Abstecher ins Publikum und puschte die Leute doch bitte schön mitzumachen und hielt ihr Mikro demonstrativ in die Masse. Diese schien wirklich mehrheitlich deutschsprachig zu sein, denn als Gustav zum ersten Male die kleine Bühne verließ, skandierten hier etliche Kehlen: "Zugabe, Zugabe, Zugabe", so daß man das Gefühl hatte, nicht in Paris , sondern in Wien oder Berlin zu sein.
Und eine Zugabe gab es dann schließlich auch noch, nein, sogar zwei! Endgültiger Rausschmeißer war das heftig geforderte Rettet Die Wahle, der Titeltrack ihres ersten Albums, der mit erneut mit einem absurden Text aufwarten konnte ( Auszüge: "Lasst den Kindern ihre Meinung oder treibt sie früher ab" , "trennt euren Müll, denn viel Mist ist nicht schön", "und seid ihr eures Lebens müde, legt Hand an euch und macht Schluß") und musikalisch fast eine Art Wiener Walzer war.
Mit einem Victory-Zeichen verließ Gustav dann schließlich die Stadt. Sie musste noch die Metro bekommen, die trotz des Streiktages fuhr...
Gustav in Paris, ein kleiner Triumph!
Pour nos lecteurs français:
On parlait allemand ce soir à l'International, salle assez recente dans le paysage des clubs indés de la capitale française. Pas si étonnant que ça, puisque, avec l'autrichienne Gustav il y a avait une artiste germanophone au programme. Déjà assez renommée outre-rhin grâce à des critiques très favorables dans des magazines comme le Rolling Stone allemand ou Spex, la jolie brune est toutefois quasiment inconnue en France.
Après une premiere partie un peu trop sucrée pour mon goût, une fine apparition, Mademoiselle Eva alias Gustav en personne, monte sur scène et installa d'abord laborieusement ses ordinateurs, claviers et la myriade de cables qui va avec! Puis elle commence avec un morceau electronique et instrumental, qui donne le ton. Oui elle est DJ, mais non ce n'est pas DJ Marusha ou une autre star quelquonque de la scène techno berlinoise. Parce que Gustav défie les genres et sur ses titres bien rythmés elle chante comme un ange adolescent et mêle pas mal de styles. Electro, jazz, chanson, folk, mais aussi punk et new wave. Ce n'est pas si facile à classer et c'est bien comme ça! Elle apporte une bonne bouffée d'air frais dans le paysage de la musique indé actuelle qui en a un peu marre du revival post punk et a adoré les rythmes africains de Vampire Weekend et consorts en 2008 mais ne sait pas trop pour quoi se passionner en 2009. Paru en 2005 en Allemagne et en Autriche son premier album "Rettet die Wale" a fait parler de lui grâce à son style musical hors du commun, mais aussi grâce aux textes ironiques, drôles, cyniques, parfois absurdes. Des textes qu'elle chante dans la majorité des cas en anglais, mais parfois aussi en allemand. Verlass' die Stadt , titre éponyme du deuxième album paru en 2008, est interprété dans la langue de Goethe. Avant d'entamer ce morceau elle s'excuse presque: "the next song is in german, if you don't mind." Il n' y a pas de raison, parce que d'une part il y a beaucoup des gens qui parlent allemand ce soir et d'autre part pour les français c'en était presque exotique , même s'ils comprennent pas vraiment les paroles. Qu'est-ce-qu'elle chante donc? Et bien, des choses assez sombres et pessimistes sur la vie dans une grande ville betonnée et à la longue invivable.
" Sie haben die Straßen auf Sprengstoff gebaut, die Kanäle geflutet , den Abfluß gestaut, die Luft längst vermengt mit astreinem Asbest, betundert , bestreut ,wo das Gras nicht mehr wächst, manche Gegenden der Stadt wurden gänzlich abgetrennt ,da kommt kein Auto mehr her, da fährt die Tram nicht mehr hin, da in recht regelmäßigen Intervallen Menschen auf den Asphalt knallen.
Bevor die Glut in dir erlischt, verlasse die Stadt, die keine ist, ein neuer Wundbrand in Athen ist an der Zeit endlich zu gehen (belle mélodie, presque une valse viennoise)
Qu'est ce que ça veut dire tout ça? Voici la traduction:
"Ils ont construit les rues sur la dynamite, inondé les canaux, bouché les conduits d'évacuation, mélangé l'air avec de la pure amiante, où l'herbe ne pousse plus, certains quartiers de la ville ont été entièrement séparés, plus aucune voiture n'y va, le tram n'y va pas non plus, car à intervalles très réguliers des gens s'écrasent sur l'asphalte. Avant que les braises en toi ne s'éteignent, quitte la ville, qui n'en est plus une, une nouvelle gangrène à Athènes il est temps de partir."
Ce qui est original là-dedans c'est qu'elle chante ses paroles ultra sombres avec un grand sourire et le tout est accompagné par une belle et douce melodie, presque comme une valse viennoise moderne.
Et oui, Gustva maitrise l'art de tout prendre à contrepied, c'est ça qui la rend si fascinante. Mais elle a aussi des titres en anglais, qui font bien bouger, We Shall Overcome en est la preuve. Son meilleur morceaux est probablement IFall, puisque là on trouve vraiment tout: l'electro, le post punk, le cabaret mêlé avec aisance et classe pour un resultat passionant.
Le public de l'International adore et reclame un rappel (en allemand: "Zugabe, Zugabe!"). L'Autrichienne joue encore deux titres avant de conclure avec un autre morceau en allemand, Rettet Die Wale= sauvez les baleines. Un drole de nom symptomatique des mouvements pacifiques et écolos des années 70/80. Et le texte est aussi riche en ironie et cynisme. Vous voulez un exemple? "Lasst den Kindern ihre Meinung oder treibt sie früher ab" = Laissez les enfants avoir leur propre avis ou avortez-les plus tôt! - Ou bien: Und seid ihr eures Lebens müde, legt Hand an Euch und macht Schluß= Et si vous en avez marre de votre vie, alors finissez-en!
Gustav à Paris, un petit triomphe, comme le montre le V de la victoire qu'elle fait en quittant la scène! Auszug aus der Setlist Gustav, L'International, Paris
- We Shall Overcome - Verlass die Stadt - Rettet Die Wahle - Total Quality Woman - Ifall
08.05.2009: Thihi, Wien 13.05.2009: Teatro Fondamenta, Venedig 15.05.2009: Treibhaus, Luzern 16.05.2009: Bühne, Aachen 17.05.2009: Pudel Open Air, Hamburg
* man könnte natürlich auch Björk, CocoRosie, Hanne Hukkelberg, oder Meret Becker nennen, aber das wären eh alles nur Einordungsvergleiche, die ein wenig hinken...
Konzert: Die Ärzte Ort: Highfield Festival, Hohenfelden bei Erfurt Datum: 16.08.2008 Zuschauer: wahnsinnig viele, circa 20.000 Konzertdauer: stolze 130 Minuten
Welche Lieder die Ärzte denn so spielen, will ich von den beiden jungen Mädchen wissen, die anhand ihrer Tour-T-Shirts unschwer als Fans der „Besten Band der Welt" zu erkennen sind.
„Och, alles mögliche. Natürlich einige neue Lieder vom letzten Album aber auch Klassiker, wie z.B. Schrei nach Liebe oder Zu spät."
„Und was kommt als Zugabe?, will ich weiter wissen. - „Na, ja, meistens gehen die nach 'ner guten Stunde von der Bühne, kommen dann wieder und spielen noch mindestens eine halbe Stunde, so dass man eigentlich gar nicht von einer Zugabe im klassischen Sinn reden kann." Die beiden Mädels hatten den Durchblick, die wussten wirklich genau wovon sie reden. Schließlich waren sie schon bei ein paar Ärzte-Konzerten gewesen. In dieser Hinsicht hatten sie mir etwas voraus, ich mit meinen inzwischen 37 Jahren war noch nie bei einem Konzert der witzigen Berliner. Dabei kenne ich die Band natürlich schon seit den glorreichen 80ern, einer Zeit, als noch eine Mauer die beiden Teile Deutschlands trennte und viele hier im Publikum noch gar nicht geboren waren!
Aber gerade das junge Publikum auf dem Highfield kannte jedes gespielte Lied. Gleich schon beim Opener musste ich hingegen passen. "Der Himmel ist blau", das sagte mir als Liedtext nichts. Wovon stammte diese Zeile? Ich sollte es hinterher erfahren, der Song heißt Himmelblau und ist ein wahrer Ohrwurm! Der Himmel ist blau und der Rest Deines Lebens wird schön, jeahoh! Gerade dieses „jeahoh" schrien circa. 18 Tausend begeisterte Zuschauer mit und der Lärmpegel wurde noch höher, als sich endlich der schwarze Vorhang (Aufdruck: „Vorsicht Jazz!") lüftete und die Band zum Vorschein kam. Der semmelblonde Schelm Farin Urlaub stand vom Publikum gesehen ganz links, Bela B. trommelte in Uniform in der Mitte hinten und Rod hatte rechts Stellung bezogen und blieb dort auch die meiste Zeit, wenn er nicht gerade mit Nordic Walking - Skistöcken seine Runden zog. Einmal tauschten allerdings Farin und Rod ihre Plätze und so war mir „The Rod" zumindest kurzzeitig recht nah. Bela hielt es zwischen den Liedern jedoch meist nicht lange hinter seinen Drums, denn ihm bereitete es eine sichtliche Freude, neben Farin zu stehen und mit ihm rumzublödeln.
Eine frühe Kostprobe: „Guck mal dieses Schild! Da steht drauf: Farin, ich bin jetzt volljährig geworden. Ficken? Oder gibt es wenigstens ein Plektrum zur Entschädigung?" Farin: „Über das Ficken können wir reden, aber ein Plektrum gibt's nich!" Rod: „Wie, Du treibst es jetzt schon mit 18 jährigen?" Farin: "Hmm, sind mir eigentlich viel zu alt! "
Bei solchen Sprüchen war es nicht sonderlich verwunderlich, dass keiner frühzeitig in sein Zelt wollte, obwohl es schon weit nach Mitternacht und zudem für die Jahreszeit bitterkalt war. Das schien Farin aber zu überraschen: „Ihr seit bestimmt nur noch da, weil es hier viel zu voll ist, um ins Zelt zu kommen. Dabei hätte das Zelt viele Vorteile, ihr könntet schlafen gehen, wir könnten auch Schluss machen und außerdem würdet ihr den Regen nicht mehr mitbekommen, der hier spätestens in 10 Minuten runtergehen wird."
„Wollt ihr wirklich noch stundenlang uns drei Schwachköpfen zuhören?" - Natürlich wollte das Publikum! Schließlich waren etliche Leute nur wegen der Ärzte überhaupt zum Highfield 2008 gekommen, da wollte man keine Minute verpassen. Und neben den Sprüchen kamen auch die meisten Lieder extrem gut an. Frühes Highlight: Hurra, das Farin mit den Worten Zuckerwatte, Big Mac, Heroin, einleitete, warum auch immer.
„Überall wo man hinguckt Liebe und Friede" heißt es in Hurra und natürlich: „Alles ist besser als es gestern war". Zweckoptimismus oder unbeschwerte Lebensfreude? Wie auch immer man den Text deutet, klar ist zumindest, dass diese Form von Ironie und trotzigem Humor nach wie vor sehr gut ankommt, vielleicht weil es die jungen Leute satt haben, immer nur mit Jammerei und Pessimismus konfrontiert zu werden. Da kommen Typen wie Farin, Bela und Rod gerade richtig. Sie vermitteln wie kaum eine andere Band Spaß, Selbstironie und eine als sympathisch empfundene „Scheiss-egal-jetzt – erst- recht- Haltung". Nicht umsonst heißt es in einem frühgebrachten Song „Du bist immer dann am besten, wenn es Dir eigentlich egal ist".
Und natürlich kommen da auch immer wieder die unzähligen Hits, die längst zu Klassikern geworden sind. Ich ess Blumen ein von Bela geschriebener Titel, war sogar mir noch ein Begriff und Textzeilen wie „die Fäkalien tun dann auch nicht mehr so stinken" sind nach wie vor urkomisch. Besonders cool war, dass sie in Ich ess Blumen das Bangles-Cover Gehen wie ein Ägypter reingepackt hatten, so dass man gleichzeitig zwei Lieder geboten bekam.
Die nächsten Sprüche: Farin: Wird das Highfield eigentlich immer größer? Oder werden wir nur kleiner? (Bela: „Logisch, wir schrumpfen!") Die Leute gehen ja bis zu dem Stand da, „ Nudel-und Pfannengerichte", bzw, bis zu den Alkoholständen, ja sogar bis zu den Toiletten. Bela: Sehr schön beschrieben!
Kurze Zeit später: Farin: „Bela, reicht der Applaus als Anerkennung? Oder meinst Du zu der Uhrzeit sollen wir nehmen, was wir kriegen können?" Bela: „Ich nehme doch immer, was ich kriegen kann!" Farin: „Aber Bela, Du kannst mich doch immer haben.
Und noch etwas später: Bela: „Toll, Farin , durch Deine Anweisungen hast Du jetzt das Publikum dazu gebracht, uns auszubuhen!" Farin: Aber Du bist doch immer dann am besten, wenn die Leute gegen Dich sind, Bela." „Seit ihr gegen uns?? (er wendet sich ans Publikum) Publikum: „Jaaa!" Bela (Richtung Publikum): „Ihr seit mir ja ein paar Fotzen!" Achso, Musik wurde auch noch gespielt, das nächste Lied, das besonders gut zog, war Deine Schuld, zu dem die Leute extrem textsicher mitsangen.
Dann aber wieder Gags: Bela: Rod wird Euch jetzt eine neue Trendsportart vorstellen, das „Nordic Walking" (Rod latscht mit seinen dämlichen Skistöcken unter dem Johlen der Menge auf und ab). Er ist sozusagen der Kaiser dieses Sports, mein persönlicher Guru!" „Habt ihr schon einmal was von Voodoo gehört? Mein Großvater war Papst im Vatikan und pflegte zu sagen: „Urbi et orbi" Dieser Spruch war die Einleitung für das fast heavy zu nennende Kannibalen-Stück Anti-Zombie. Hinterher fragt Farin: „War das perfekt?" - Die Leute johlen. Daraufhin Bela: „Ihr Heuchler!"
Aber den Ärzten kann man einfach nichts übel nehmen, ihre lausbübige Art ist dafür schlichtweg zu sympathisch.
Die nächsten Sprüche: Bela: So, das nächste Lied handelt von der Substanz, die ihr später in euren Zelten zu euch nehmen werdet...., ganz genau: grüner Tee!" Das Stück, das so angekündigt wurde, war natürlich Breit und traf den Zustand, in dem sich einige Leute hier befanden, mit Sicherheit genau auf den Punkt.
Danach war Zeit für „Feuerzeuge, Handydisplays, Leuchtraketen, Wunderkerzen,, Feuerspucker... (Farin), Zeit für Gemütlichkeit (Bela), Zeit für Gefühle, Zeit, dass ihr (das Publikum) hier mal die Lichtshow übernehmt. Seid nicht so geizig mit euren Handybatterien, ihr habt doch alle Strom im Zelt (Farin).
Rod: „Wollt ihr mich in eure Herzen lassen?" Bela: „Wollt ihr Rodrigo Gonzalez in eure schleimigen, kleinen Herzen lassen?" - „Wo er dann wüten kann, wie ihm der Penis gewachsen ist?!"
Was diesen versauten Worten folgte, war die Ballade ½ Lovesong (soll es das gewesen sein?), eines der wenigen von Rod geschriebenen Lieder. Es kam so eine Art Lagerfeueratmosphäre auf, es fehlte allerdings das Lagerfeuer selbst, dass bei der verdammten Kälte, die auf dem Gelände herrschte, für Wärme gesorgt hätte.
Menschliche Wärme gab es hingegen reichlich, denn nun fingen die Fans an, lautstark den Namen ihrer Lieblingsband zu skandieren. „Ärzte, Ärzte," hallte es von allen Seiten, was Farin gewohnt schlagfertig mit den Worten „Bei der Arbeit" konterte. Bela hingegen stellte sich die Sinnfage: „Wer sind diese Ärzte eigentlich?" Daraufhin Farin ganz trocken: „Na Du, Rod und icke." - Bela: „Wenn ich nicht wüsste, dass ich Dich lieb habe, würde ich Dich für 'nen Feind halten!"
Dann übernahm Farin wieder das Zepter: „So, jetzt mache ich wieder ein wenig Laola-Diktatur mit Euch", was die Fans seltsamerweise mit „Ausziehen!, Ausziehen-Rufen! beantworteten. Aber Herr Urlaub ließ sich darauf natürlich nicht ein: „Wat soll ick denn ausziehen?, etwa meine Gitarre, Du Schwachkopp?!" So sprach er und fuhr unbeirrt damit fort, dem Publikum die Laola zu erklären, was einige Zeit in Anspruch nahm. Irgendwann hatten die Leute aber dann kapiert, wie es funktioniert, bevor mit „Lass sie Reden" mit dem musikalischen Programm fortgefahren werden konnte. Den schlagerartigen Song mochte ich zwar überhaupt nicht, aber das spielte jetzt keine große Rolle mehr, zumal der Graf von Bela folgte und es somit wieder deutlich besser wurde. Selbst der Liedschreiber selbst war über die „ausgemachte Schönheit des Liedes" erstaunt und wunderte sich „wie so etwas von ihm sein könne"...
In der Folge blieb man bei den Balladen, denn es kam jetzt Nichts in der Welt (es ist vorbei), gesungen von Farin und der ein oder andere wird sicherlich an seinen letzten schlimmen Liebeskummer gedacht haben. Bela war das Ganze aber schnell zu gefühlsduselig, weshalb er hinterher trocken anmerkte: „Farin Urlaub, traurig auf Knopfdruck!" Und da Bela gerade schon beim Reden war, sang er gleich hinterher das Stück Perfekt.
Kurz nachdem dies verklungen war, ging es mit flotten Sprüchen weiter: Farin: „Komisch, ich habe die Vermutung, dass hier mehr Männer als Frauen anwesend sind. Das ist ungewöhnlich für ein Ärzte-Konzert! Bela wir sind jetzt offiziell alt. Oder schwul, je nachdem!" Bela: Ich vermute die Damen sind alle Backstage mit den Hives...
Es folgte das wohl scheußlichste Stück des Abends, Deine Freundin, bei dem auch das Publikum wieder miteinbezogen wurde. Die Männer mussten „kuschelweich" singen, die Frauen „niedlich" und zwar möglichst hoch. Irgendwann war die „Funk-Nummer" zum Glück zu Ende und Farin lobte sich selbst : „Det war super! Oder wie der Berliner sagt, Jo, war janz jut jewesen..."
Mit den Mitmachstücken war auch danach noch nicht Schluss, zu dem Klassiker Westerland wurde die sogenannte Wellenversion einstudiert, d.h. nach dem Wort „Wellen" musste das Publikum einen deutlich vernehmbaren Zischlaut von sich geben. Ich persönlich hätte das nicht gebraucht, aber den Leuten schien es offensichtlich zu gefallen.
Viel besser fand ich Ignorama, angekündigt als: „Ein Lied für die vielen Sportler, die jetzt bei den Olympischen Spielen in China sind; einem Land in dem Folter und politischer Mord an der Tagesordnung sind. So läuft's halt in der globalisierten Welt..."
„Tod und Krieg auf der ganzen Welt, es könnt' mir nichts egaler sein.", so lautet die erste Zeit von Ignorama, das musikalisch verdammt nach den fast komplett dahingeschiedenen Kult-Punks „Ramones" klang. Und als Punks haben die Ärzte nun einmal angefangen, auch wenn sie heutzutage nicht mehr so roh klingen. Zumindest die Liedtitel sind aber immer noch rebellisch, wie Rebell belegt. Danach war mit den Worten „Bis dannemanski" Schluss. Angeblich...
Aber ich wusste ja schon von den eingangs zitierten Mädels, dass es noch munter weiter gehen würde. Die Jungs kamen zurück.
Farin: Ärzte also besser als schlafengehen, oder wie? Publikum: Jaa! Farin: „Das ist aber ein schönes Kompliment!" Bela: „Ja, das haste dir selbst gemacht." Farin: „Warum, die Leute hätten ja auch nee sagen können." Bela: „Die sagen doch immer ja! Warte, ich beweise es Dir: Ficken!" Publikum: Ja Farin: Nicht ficken? Publikum: Nöö. Farin: Siehste, sagen doch nicht immer ja.
Ohne lange zu zögern sagte ich aber laut und deutlich „Ja" und zwar zur ersten Zugabe Junge. Was für ein geiles Lied, sowohl textlich, als auch musikalisch! In dieser Form sind die Ärzte nach wie vor so gut wie früher, als sie Stücke wie das nachfolgende Ist das alles geschrieben haben.
Inzwischen war es in Hohenfelden schon sehr spät geworden, der Zeiger meiner Uhr bestätigte es mir: 1 Uhr 35! Auch deshalb fragte Farin nach, ob das Publikum noch ein weiteres Lied wolle. Wenn ja, solle es einfach sagen: „Bitte, liebe Ärzte haut ab." Die Fans taten, wie ihnen geraten wurde, was die Band prompt mit: „Danke, tschüss", konterte.
War aber selbstverständlich nur ein Gag, denn mit Unrockbar ging es munter weiter. Hierzu mussten sich alle auf den Boden setzen und immer wenn der Refrain kam aufspringen. Farin war zufrieden: „Danke schön, das hat gesessen. Ähh, das Publikum meine ich..."
Noch einmal gingen die Ärzte von der Bühne, kamen aber nach nicht allzu langer Zeit wieder, um Wir sind die Besten, den Hit Schrei nach Liebe („hey, das war ein Lied gegen Nazis, klatscht gefälligst!") und Das ist Rock 'n Roll (Gabi sagt zu Uwe, Uwe sagt zu Gabi...) zu schmettern.
Um kurz vor 2 war schließlich die Zeit für das große Finale gekommen: Klar, ich rede von der Neu - (Interpretation) des bekanntesten Ärzte Liedes Zu spät.
Der Song wurde ewig lange ausgedehnt und endete in endlosen improvisierten (?) Reimen, wobei sich Bela und Farin ständig den Ball zuspielten. Dabei ging es um Geld (Farin verriet, dass er gerne in der Forbes Liste der reichsten Personen der Welt unter den ersten Zehn sein würde), die Bankverbindungen der Bandmitglieder und die Sinnfrage: „Woraus wird Geld gemacht". Die Antwort war... "Kacke und „Bullensperma!"...
Zwischenzeitlich sinnierte die beiden aber auch über Gene Simmons, frühzeitiges Ejakulieren und andere ähnlich wichtige Themen, es war wirklich zum Schießen!
Irgendwann hatten sie fertig gereimt, suchten aber noch nach einem Wort, welches sich auf „sauber" reimte und kamen zu der kuriosen Antwort „Hubschrauber". Von da an, jubelten die Fans nicht mehr den Ärzten, sondern ihrer neuen fiktiven Lieblingsband „Hubschrauber" zu. Meine Güte, was für ein Schmarrn! Aber ein lustiger...
Das Konzert endete dann sogar noch mit einer humanen Geste: Da auf dem Highfield Festival eine Aktion namens „Viva Con Aqua" ins Leben gerufen wurde, die zum Ziel hat, Spenden für die Wasserversorgung in der dritten Welt zu sammeln, wurde das Publikum dazu animiert, seine Plastikbecher auf die Bühne zu werfen. Der Erlös aus dem Pfandgut kam dem zitierten Projekt zu gute und so hatte dann auch niemand Skrupel, die Ärzte mit den Bechern zu befeuern, zumal die drei „Feiglinge" zum Schutz weiße Bauarbeiterhelme trugen.
Wie sagte die „Beste Band der Welt" am Ende selbst so schön: „Wir haben unseren Job wieder einmal perfekt abgeliefert." - Stimmt!
Setlist Die Ärzte, Highfield Festival, Hohenfelden:
01: Himmelblau 02: Lied Vom Scheitern 03: Hurra 04: Angeber 05: Ich ess Blumen 06: Gehen wie ein Ägypter 07: Heulerei 08: Deine Schuld 09: Anti-Zombie 10: Breit 11: 1/2 Lovesong 12: Lass sie reden 13: Der Graf (Bela) 14: Nichts in der Welt 15: Perfekt 16: Deine Freundin 17: Westerland (Wellenversion) 18: Ignorama 19: Wie es geht 20: Rebell 21: Junge 22: Ist das alles? 23: Unrockbar
24: Wir sind die Besten (Z) 25: Schrei nach Liebe (Z) 26: Das ist Rock 'n Roll (Z) 27: Zu spät (Z)
Mein Zuhause. Mein Blog. ist als kleines privates Konzert- Tagebuch entstanden. Und weil es zur Zeit musikalisch so spannend ist, wächst unsere Sammlung schnell. Wir schreiben die Berichte spontan, unüberarbeitet und so zeitnah wie möglich. Die Reviews stehen meist noch in der gleichen Nacht online, spätestens jedoch am nächsten Tag. Musik ist für uns vor allem Spaß und keine Wissenschaft.
Wir sind: Oliver Peel aus Paris Christoph aus nicht weit von Köln Julius aus Wien Gudrun aus Karlsruhe Tanita aus Mainz Jens aus Stuttgart Ursula aus Frankfurt Michael aus Chemnitz Dirk aus Mönchengladbach Vielen Dank unseren Gastautoren!
Willst Du mitmachen? Oder hast Du Anregungen? Über Kommentare (auch kritische) freuen wir uns sehr.