Donnerstag, 23. August 2012

Bloc Party, Koblenz, 23.08.12


Konzert: Bloc Party
Ort: Circus Maximus, Koblenz
Datum: 23.08.2012
Zuschauer: 250 (ausverkauft)
Dauer: 70 min



Bloc Party haben wieder Spaß an ihrem Job. Sänger Kele Okereke strahlte den ganzen Abend und schien das kleine, von einem Radiosender organisierte Konzert im Koblenzer Circus Maximus sehr zu genießen. Als es um zehn nach neun eigentlich losgehen sollte, wollte Schlagzeuger Matt Tong noch Korrekturen an den Snares vornehmen. "Come on! It's a rock show!" gab Kele zurück.

Die Band, die 2005 mit Silent Alarm eines der wichtigsten Alben der letzten 20 Jahre veröffentlicht hat, hatte sich spätestens mit ihrer dritten Platte Intimacy (2008) auseinander gelebt. Dem Frontmann konnte damals nichts elektronisch und experimentell genug sein, der Rest der Band sah einen anderen Weg. Man einigte sich auf eine Auszeit, betrieb eigene Projekte. Ich war vor zwei Jahren sehr sicher, daß die einstigen Lieblinge sich irgendwann ganz diskret auflösen würden, empfand das auch nicht mehr als schrecklich schlimm, weil Intimacy auch für mich ein - um es sehr vorsichtig auszudrücken - schwieriges Album ist. Freunde rieten mir zwar, mich von den beiden ersten Liedern Ares und Mercury nicht abschrecken zu lassen, danach werde es hörbarer, wirklich oft hielt ich dies aber nicht durch. Ich bin musikalisch einfach gestrickt und wechselte dann lieber zu bewährten alten Freunden wie Banquet.


Bloc Party fanden aber wieder zusammen und schrieben eine neue Platte, die nachher erscheinen wird. Four ist vor allem mit Gitarren instrumentiert und verläßt die elektronischen Wege, die ich ungerne weiter mitgegangen wäre. Wie praktisch, daß genau im richtigen Moment die Möglichkeit bestand, die neuen Stücke live kennenzulernen, das Album kenne ich nämlich nur teilweise.

Ein Radiosender hatte die Band zum "kleinsten Konzert der Welt" nach Koblenz eingeladen. Ich höre nur den Indie-Deutschlandfunk oder Plan B bei Einslive, kenne das Programm von Big.fm daher nicht. In der normalen Radiolandschaft scheinen Konzerte jedenfalls nur diese Dinger Rihanna aufwärts zu sein, etwas ganz anderes also als die Auftritte, die ich oft sehe (vor einer Handvoll Leute). Aber es war ganz sicher die kleinstmögliche Chance die Briten zu erleben, die ich zuletzt vor 5.000 Zuschauern im Kölner Palladium gesehen hatte. 250 Leute waren in dem kleinen Kellerclub, den wir eine Ecke größer in Erinnerung hatten. 250 Leute bei Bloc Party! Die Tickets für dieses Konzert hatte man nur gewinnen können, umso erstaunlicher, daß wenige zufällige Besucher und viele Fans da waren, ein ganz anderes Publikum also, als zu erwarten gewesen wäre.

Drinnen bemerkte man die Enge des Raums fast überall. Der riesige Truck vor dem Club war wohl randvoll gewesen, an allen Wänden standen Gitarren, Kisten, Geräte. Wir stellten uns links auf, weil ich Bassist Gordon bei unserem Interview am Nachmittag eine der von ihm gestalteten Becks Flaschen versprochen hatte (die Brauerei hatte es nicht geschafft, ihm ein paar Belegexemplare zukommen zu lassen). Natürlich habe ich mich nicht getraut, sie am Wellenbrecher vorbei auf der Bühne abzustellen, die nette Roadie-Frau übernahm das dann aber, nachdem sie die Flasche bewundert hatte. Wir wurden später Konzertnachbarn, sie stand nämlich immer wieder direkt neben mir und stimmte Gordons Bässe während des Konzerts. Ich stand an einer auf den Boden geklebten Linie und sie auf der anderen Seite im aufgemalten Backstage Bereich!

So he begins to lie vom neuen Album eröffnete das Konzert. [Damit fange ich an der Stelle an, an der es ein guter Abend wurde. Vorher hatte eine Animateurin namens Jenny, die ihr Handwerk auf einer der dämlichen Mittelmeerinseln mit schönem Hinterland gelernt hat, die Stimmung zum Überkochen gebracht, indem sie uns ausflippen ließ und immer wieder betonte, wie geil doch "Bloc Pahhdy" (in diesem Rap-Hanseatisch) seien. Sie erklärte noch, warum Bloc Pahhdy keine Zugaben spielen würden und wie nett doch ihr Interview mit Gordon gewesen sei (wir hatten seine Laune mit einem kleinen Geschenk verbessert, sie bekam die dann ab) und daß der Bassist ihr seine zehn Lieblingslieder genannt habe, die sie auf Big.fm spielen werde. "Das sind alles wilde Sachen, die wir sonst nicht im Programm haben. Nirvana und so." Hui!]. So he begins to lie also... Es fällt mir noch schwer, richtig viel zu den neuen Liedern zu sagen, weil ich bisher nur Schnippsel auf der Band-Homepage gehört habe. So he begins to lie hat noch einen langsamen Grundton aber schon die krachenden Gitarrenwände, die typisch für Four zu sein scheinen. Einfache Faustregel heute: wenn ich ein Lied nicht kannte, und es viele Gitarren hatte, war es neu. Unbekannt und keine Gitarrenwände bedeutete drittes Album.

Die vorab ausgekoppelte Single Octopus folgte und punktete. Beim ersten Hören hatte mich das Stück noch gelangweilt, es gewinnt aber immer mehr an Fahrt und hat mich heute überzeugt! Und es war ein schöner Einstieg in eine grandiose Phase des Konzerts. Hunting for witches, das alles überragende Positive tension, dann die kurze Metal-Einlage Kettling (so jedenfalls stelle ich mir Metal vor), bevor mit Song for Clay und Banquet ein Doppellied folgte, also beide Stücke ohne Pause nacheinander mit einem phänomenal guten Übergang!

Gegen diese erste Konzerthälfte kam der Rest nicht richtig an. Das war allerdings auch nicht mehr nötig, weil alle Claims abgesteckt waren. Der Saal war mittlerweile trotz Klimaanlage mollig warm, der immer noch breit grinsende Sänger kaum auf seinem Platz zu halten und das Publikum verzückt. Nach Song for Clay / Banquet (sensationell: Gordons Zweitstimme bei Song for Clay!) konnte eben keine musikalische Steigerung mehr kommen, das Konzert ging damit aber souverän und stilvoll um und verflachte nicht etwa.

Die zweite Hälfte enthielt aber auch mit Flux und One more chance die beiden schwächsten Lieder des Abends, dafür aber den Knüller This modern love und die beiden Neulinge Day4 und Team A, zu denen ich noch nicht viel sagen kann. Musikalisch waren die größten Knüller schon gespielt, also war es Zeit für Ausflüge. Kele hatte irgendwann gesehen, daß an der Rückwand ein Transparent des veranstaltenden Radiosenders hing. Er mochte das nicht, riss es ab, nahm es und ging zur Überraschung seiner hektisch werdenden Roadies und Soundleute auf Tour durch den winzigen Club. Bisher hatten seine Wanderungen am Wellenbrecher geendet, jetzt lockte die Bar. Dort zeigte er auf seinen Wunschschnaps, ließ sich den reichen und nahm eine ordentliche Portion - und grinste noch mehr.

Spätestens als die Band nach Flux (und damit vor Helicopter) die Bühne verließ, war klar, daß Pahdy-Jenny schlecht informiert war, es würde selbstverständlich Zugaben geben. Truth von Four ist wieder eines der ruhigeren Lieder, das wollten die Engländer aber so nicht stehen lassen und drehten die Lautstärke noch einmal kräftig auf. So laut, daß ich trotz meiner Ohrstöpsel ein Rauschen als Erinnerung mitgenommen habe - und leider auch so laut, daß Helicopter stark übersteuert war. Aber auch dieses leicht verpatzte Ende konnte nichts daran ändern, daß wir nicht nur ein sehr exklusives sondern auch ein sehr sehr gutes Konzert gesehen hatten.

Bloc Party waren 2005 eine der Bands, die mir wieder Spaß an Musik gebracht haben. Sie haben einen großen Anteil an der Konzertleidenschaft (um auch das zurückhaltend auszudrücken), die zu dieser Seite führte. Daher erschreckte mich in den letzten Tagen die Erkenntnis, daß sie mir in den letzten ein, zwei Jahren egal geworden waren, etwas das ihre Zeitgenossen Franz Ferdinand mir ebenso beschert hatten. Aber wie vor ein paar Monaten die Schotten haben auch Bloc Party 'tschuldigung Paahdy sich mit einem Konzert wieder zurückgespielt. Die Band hatte riesigen Spaß, wir hatten riesigen Spaß und auf die Platte nachher freue ich mich!

Ein wirklich toller Konzertabend, dabei hätte so vieles ihn versauen können. Schön, daß ihr wieder da seid, Bloc Party!

Setlist Bloc Party, Circus Maximus, Koblenz:

01: So he begins to lie
02: Octopus
03: Hunting for witches
04: Positive tension
05: Kettling
06: Song for Clay
07: Banquet
08: Day 4
09: Team A
10: One more chance
11: This modern love
12: Ares
13: Flux

14: Truth (Z)
15: Helicopter (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Bloc Party, Paris, 28.08.09
- Bloc Party, Highfield, 15.08.08
- Bloc Party, Köln, 08.05.07
- Bloc Party, Paris, 27.04.07

Interview mit Gordon in den nächsten Tagen!



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