Dienstag, 14. August 2012

Kraftwerk etc., Göteborg, 09. bis 11.08.12


Festival: Way Out West Festival
Ort: Göteborg, Schweden
Datum: 09. bis 11.08.2012



von Michael aus Düsseldorf

Am letzten Tag war auf der Facebook Seite des Veranstalters groß zu lesen: Ausverkauft und Besucherrekord. An drei Tagen hintereinander strömten die Massen in den Slottskogen Park am Stadtrand von Göteborg, bevor anschließend in den Clubs weitergefeiert wurde. 27.000 Besucher pro Tag, mir eigentlich schon ne Nummer zu groß, aber wer kann bei einem solchen Line Up schon widerstehen?

Schon am Verkaufsstart Anfang März buchte ich meine Tickets für das Festival, ohne wirklich darüber nachzudenken, was die Karte kosten wird. Bis dato waren nur wenige Bands bestätigt: Bon Iver und Refused, das reichte mir eigentlich schon, der Rest würde schon passen. Am Ende wurden 240€ von meiner Kreditkarte abgebucht. Dazu muss man wirklich gesalzene Preise für die Übernachtung einkalkulieren. Günstig ist in Schweden nur das telefonieren, Bahn fahren und Fast Food. Hat es sich jetzt gelohnt? Um die Frage jetzt schon einmal zu beantworten - es hat sich gelohnt. Gar nicht mal wegen der Qualität der Auftritte. Ich möchte es euch erklären.

Trotz der hohen Besucherzahl ist das Way Out West Festival sehr entspannt. Die Location im Park ist wunderschön, ca. 15 oder 30 min zu Fuß von der Innenstadt zu erreichen. Göteborg ist keine große Stadt, man sieht fast ausschließlich junge Leute und wir haben das fantastische Frühstück in den Cafés genossen. Göteborg lohnt sich, auch ohne Way Out West.

Auf dem Festivalgelände gibt es drei Bühnen, wobei sich die Hauptbühne und die zweite Hauptbühne gegenüberstehen. Während auf der einen Bühne gespielt wird, wird auf der anderen umgebaut. Ein Wechsel ohne Pause. Der Masse wird aber 5 min gegeben, die Bühne zu wechseln. Die dritte Bühne befindet sich im hinteren Teil. Etwas kleiner als die anderen beiden und überdacht, die Akustik wirkt dadurch besser. Hier kommt es leider dann immer wieder zu Überschneidungen. Insbesondere die gleichzeitige Ansetzung von Bon Iver und Best Coast haben viele Festivalbesucher enttäuscht.

Ansonsten: Das Way Out West ist ein rein vegetarisches Festival, was ich persönlich sympathisch finde. Dazu gibt es auf dem Festivalgelände drei Wasserstellen für kostenloses Kranwasser. Selbst die PET Flaschen werden kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Warteschlange nimmt man gerne in Kauf. An der überdachten Stage gibt es sogar ausreichend Toilettenwagen mit fließend Wasser. Ich habe nie länger als 5 min gewartet und ich konnte mich sogar hinsetzen. Bin ich hier auf nem Musikfestival? Wow?! Und statt Bier sind es Studenten, die unterwegs mit einem Rucksack Kaffee verkaufen. Bier und Alkohol gibt es nur in speziellen Zonen. Dieses Festival ist anders. Viel entspannter. Keine Alkoholexzesse, keine Gewalt, kein Stagediving, viele hübsche Menschen. Also genau das Gegenteil zu den deutschen Veranstaltungen (Achtung Vorurteil).

Jetzt aber zu den Bands - in Kurzfassung.
Donnerstag:

Deportees: Leider nur die letzten beiden Songs mitbekommen.
De La Soul: Ich verstehe das Konzept des Festivals, möglichst viele gute Bands aus verschiedenen Bereichen zu buchen. Das gelingt, bei De La Soul jedoch nicht. Ich mag Hip Hop, ohne dass ich mir je eine Platte kaufen würde. Aber das hier war mir zu einfallslos, es wurde mehr gequatscht und nervig rum diskutiert "ich finde, auf dieser Seite ist die Stimmung besser". Mark Lanegan Band wäre die bessere Entscheidung gewesen.
Florence & the Machine: Ein solider Auftritt. Die ersten 20 Minuten wurden nur Songs vom neuen Album gespielt, danach wurde es dann besser, ohne jedoch komplett zu glänzen. Florence sagt "ihr seid alle so schön" vor einem Lied ins Publikum. Das unterschreibe ich.
Refused: Das erste Highlight am heutigen Tag. Wie sehr ich diese Band liebe. Ich dachte auch immer, es ist die ehrlichste Band der Welt, sie waren immer anders. Und dann New Noise, kommerzieller Erfolg, kurze Zeit später Auflösung, 10 Jahre später sind sie wieder da, spielen auf allen großen Festivals in Europa. Wenn es bei einer Band nicht passt - dann wohl hier bei Refused. Zu gerne hätte ich die Ansagen von Dennis Lyxzen während den Songs verstanden, nur leider bin ich der Sprache nicht mächtig. Und der Auftritt? Sie haben nichts verlernt. Die Energie überträgt sich gut auf die große Bühne. Dennis springt und klettert wie mit 20, selbst "Everlasting" wird ins Set eingebunden, ein Song der nur auf einer EP erschienen ist. Am Abend gab es noch einen Secret Gig im Club Jazzhuset. Dazu aber gleich noch mehr. Denn vor den Nachtclubs spielte der erste Headliner:
The Black Keys: und der Auftritt hat Spaß gemacht. Die beiden - ob mit oder ohne Band im Hintergrund - hatten Spaß, die Masse tobte und sang textsicher mit. Und immer wieder erinnerte ich mich, wie klein diese Band vor drei Jahren war. Es ist außerdem ein Genuss, Drummer Patrick bei der Ausübung seines Instruments zuzusehen. Wir hatten Wetten abgeschlossen, bei welchem Song er kollabieren wird, so angestrengt sieht er dabei aus. Ein toller Auftritt. Mein Highlight des Tages. Dann ging es in die Nacht.

Das Problem beim Way Out Festival. Wer bis zum Ende auf dem Festivalgelände bleibt, der kommt nicht mehr in die Clubs. Die sehr gute iPhone App der Veranstalter zeigt sehr gut, wie voll es in den Clubs bereits ist. Nachdem die Black Keys ihr Set beendet hatten, ging schon nichts mehr. Purity Ring, Josh T. Pearson, Alt-J, Bowerbirds, 7 Seconds, Chromatics, Friends, Kindness - alles dicht. Keine Chance für einen Einlaß. Ich war genervt. Alles Bands, die ich sehen wollte.

Es blieb uns noch eine Möglichkeit - der Club Nefferti. Das Label Swamp81 ließ hier seine DJs auflegen, mit dem sympathischen Chunky, der zu der elektronischen Musik rappt. Cooler Club und gute Musik. Ein versöhnlicher Abschluss. Auf dem Rückweg zum Hotel haben wir gesehen, dass sich die Lage im Club Pustervik - in dem auch Alt-J längst gespielt hatten - ein wenig beruhigte. Ein kurzer Umweg und um kurz vor 2 h noch Cloud Nothings angesehen, die ein lautes und gutes Konzert spielten. Leider war die Halle nur zur 1/2 gefüllt, das Konzert hätte mehr Besucher verdient gehabt.

Freitag:
The War on Drugs: Wir haben leider verpennt.
St Vincent: Der bis dato beste Auftritt des Festivals. Verdammt, ich bin einfach in Anni Clark verliebt. Sie spielt ihre Lieder mit einer solchen Hingabe. Die Bühne war zu 3/4 gefüllt und das Publikum hatte Spaß, es wurde sogar während den Songs applaudiert. Im letzen Song "Krokodil" kletterte Anni runter ins Publikum und schmiss sich hinein. Sehr schön.
First Aid Kit: Alle wollten die Schwestern sehen, die dieses Jahr ein sehr gutes Album veröffentlicht haben. Heimspiel. Problem der beiden: es klingt wie auf Platte. Für mich war das zu perfekt.
Wilco: spielten ein solides Set.
Feist: Die Überraschung. Höchstwertung. Feist hat geglänzt, sie hatte Spaß, das merkte man ihr an. Das Publikum sang jeden Song euphorisch mit. Absolut perfekte Bühnenpräsenz.
Bon Iver: Von der Überraschung zur Enttäuschung. Herr Justin Vernon, das war mir alles zu sehr steril. Ich denke er wäre gut beraten, seine Songs reduzierter darzubieten. Sein Bühnenaufbau war jedoch der schönste des ganzen Festivals.
Blur: Es war nie meine Band. Bis heute hat sich nichts daran geändert, ich finde einfach keinen Zugang zur Musik. Es ist schwierig das Konzert zu beurteilen. Wir haben uns sogar entschieden um 23 h kurz bei I Break Horses auf der anderen Bühne vorbeizuschauen.
I Break Horses: Perfekter Sound und schöne Lichtshow. Eine Band, die mehr Aufmerksamkeit verdient hat.

Bei John Maus sind wir leider nicht reingekommen. Das Bett war die andere Option. Wir waren müde.

Samstag:
Auf dem Festivalgelände die erste Enttäuschung. Frank Ocean hat abgesagt. Es war für mich einer der wichtigsten drei Acts des Festivals. Am Tag zuvor beim Oya Festival in Oslo musste er nach drei Songs das Konzert abbrechen - Probleme mit seiner Stimme. Es wurde ein Statement über die Videotafeln eingeblendet. Schade. Die komplette Europa Tour mit Coldplay wurde inzwischen auch abgesagt. Hoffentlich keine ernsthafte Erkrankung, ich wünsche alles Gute.

Yelawolf: Der beste Hip Hop Act des ganzes Festivals. Der Junge ist schnell und macht Spaß.
Asap Rocky: Der Shooting Star der Hip Hop Szene. Im Vergleich zu Yelawolf blieb er jedoch zurück. Ein eher durchschnittlicher Auftritt, ich bin aber davon überzeugt, dass er bald die ganz großen Bühnen bespielen wird.
Kraftwerk: Vor der Show wurden kostenlos 3D Brillen an die Zuschauer verteilt. Für mich war dieses Konzert ein besonderes, nie zuvor hatte ich die Pioniere der elektronischen Musik live gesehen. Bei der Bestätigung bin ich zu Hause vor Freude im Kreis gelaufen. Wir machten uns früh auf dem Weg zur Bühne, um einen perfekten Platz in der Mitte zu finden. Man merkte auf einmal den Unterschied, neben uns standen Personen, die wir das ganze Festival über nicht gesehen hatten. Das sehr junge Festival schien sich am Ende zu wandeln. Diese Band verbindet Generationen. Es müssen viele gewesen sein, die sich Tageskarten gekauft haben, nur um Kraftwerk zu sehen. Die Mensch Maschine lebt.
Pünktlich um 22.20 h betritt Ralf Hütter als erster die Bühne. Großer Jubel. Die Stimmung ist gut. Wir können gut sehen. Die 3D Effekte sind bombastisch. Kurzzeitig während des Konzerts hat man gar nicht das Gefühl, mitten in dieser Menge zu stehen. Man löst sich auf.

Der Sound war zu Beginn sehr schwammig, verbesserte sich im Laufe des 1,5 stündigen Auftritts, in den letzten 45 Minuten war er nah an der Perfektion, so eine gute Abstimmung hatte ich das ganze Festival nicht erlebt.

Leider stürmte bei "Trans Europe Express" nur ein dummer Idiot die Bühne, der sich selbst feiern wollte. Vereinzelt wurde er bejubelt, die meisten schämten sich für ihn.

Um kurz vor zwölf war alles vorbei. Music Non Stop. Es wird immer weitergehen. Musik als Träger von Ideen.



1 Kommentare :

gudrun.thaeter hat gesagt…

Heut morgen las ich in der taz über das Way out und dachte noch so bei mir - das wäre genau mein Festival (Juliane Streich von der taz hatte aber eher so einen abschätzigen Ton drauf (*)). Danke also ganz besonders für den Bericht!

(*) http://www.taz.de/Festival-Way-Out-West/!99547/

 

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