Montag, 7. Juni 2010

The Antlers, Barcelona, 29.05.10


Konzert: The Antlers

Ort: Primavera Sound, Barcelona
Datum: 29.05.10
Zuschauer: etwa 1.000
Dauer: 45 Minuten


- von Julius aus Wien -


Seit gut einem Jahr kenne ich die Antlers schon, als ich sie das erste Mal hörte war ich wie verzaubert. Abgenützt hat sich meine Begeisterung für dieses Trio aus Brooklyn bis jetzt nicht. Zu gut ist ihr Debütalbum, so fragil und schön gesungen und instrumentiert. Noch dazu ein Konzeptalbum, dessen Anhänger ich nun einmal bin. Um das ewige Thema Tod drehen sich die zehn Songs auf Hospice, ein junger Mann erlebt am Krankenbett eines Mädchens, wie dieses langsam aus dem Leben geht.

Spätestens mit dem Europa-Release ihres Albums im Herbst war ihnen dann auch hierzulande enorme mediale Aufmerksamkeit sicher und erstmals ließ sich auch ein wenig über die Band in Erfahrung bringen. So soll Peter Silberman, Sänger, nach der Trennung von seiner Freundin in eine tiefe Depression verfallen sein und monatelang das Haus nicht verlassen haben. In dieser Zeit seien die Songs entstanden, die sich nun auf Hospice wiederfinden.

Von derart produktiven Phasen der Trauer hört man eher selten und schnell sah man die Thematik von Hospice nur mehr im Kontext von Silbermans ganz persönlichem Schicksal. Songwriting als eine Art Arbeitstherapie, als Weg, über etwas hinwegzukommen? Wäre zumindest keine völlig neue Idee…

Am Primavera Festival zu Barcelona sollte ich nun erstmals Gelegenheit bekommen, den Antlers in Echtzeit auf die Finger schauen zu können. Die Kritiken, die ich über vorangegangene Auftritte gelesen hatte, waren unglaublich heterogen. Vom Totalveriss bis zum enthusiastischen Lobgesang war so ziemlich alles dabei, umso mehr war ich gespannt.

Die Pitchfork-Stage, für deren Name wie auch für dessen Programm das gleichnamige Internet-Medium Pate stand, war als place to be auserkoren worden. Weh tat nur, dass Grizzly Bear zeitgleich spielten.

Vor der Bühne, platziert unter einer Stahldachkonstruktion und begrenzt von Getränkeständen, hatten sich schon etwa 1000 Menschen eingefunden, als ich eintraf. Soundcheck war angesagt und mit fortwährender Dauer desselben stiegen meine Befürchtungen bezüglich des Sounds.

Mit dem ersten Song, Kettering, waren aber alle Bedenken wie weggewischt. Für die Verhältnisse sehr guter Sound begleitete dann auch das gesamte Konzert.

Leicht wie Nebel über dem Styx, dem antik-mythologischen Totenfluss, schwebte eine Dreiviertelstunde lang ein hochkonzentriertes Klangerlebnis zwischen den stählernen Pfeilern, von Sekunde zu Sekunde intensiver und gleichzeitig intimer werdend. Hospice wurde zum Programm, die Antlers errichteten eine zwar nur temporäre, aber herzerwärmende Herberge, in der jeder willkommen war. Klingt ein wenig nach Hippie-Vokabular und vielleicht sieht gelebte Liebe für Massen heutzutage tatsächlich so aus. Mag auch der Tod in den Arbeiten der Antlers unübersehbar sein, neben dem barocken vanitas-Gedanken lässt sich die gelassene Lebensfreude, mit der sie ans Werk gehen, nicht leugnen.

Eine besonders große Freude bereitete mir der Song Bear, welchen ich einige Monate lang als Lieblingssong in mein Herz geschlossen hatte. Munter verspielt, beschwingt und heiter gibt er sich, einen stärkeren Kontrast zu den Lyrics kann man sich fast nicht vorstellen. Hilflosigkeit, Abtreibung und Schuld spielen hier eine Rolle. Da passte der Szeneapplaus bei den ersten Akkorden von Bear eigentlich gar nicht dazu.

Die Antlers kommentierten dies aber ebenso wenig, wie sie zwischen Songs etwas von sich gaben. Die Vollkommenheit des Auftritts und der Nähe sollte wohl durch nichts gestört werden, wie ja auch ein Konzeptalbum von einem durchgehenden Motiv, einem roten Faden lebt.

Ein neuer Song fand auch Eingang in die Setlist, es war dies, sofern ich richtig informiert bin, Snarf, Shnf. Der Rest des Konzerts gehörte wieder ganz Hospice und mit dem Schlussstück Epilogue ging ein ausgezeichneter Auftritt zu Ende, der mich von meiner Entscheidung, die Grizzlys Bären sein zu lassen (eine halbe Stunde Grizzly Bear ging sich für mich sogar noch aus), vollauf überzeugte und meine Sehnsucht (nach neuem Album und weiteren Auftritten) neu entflammte.

Im Herbst sollen sie höchstwahrscheinlich in wesentlich kleinerem Rahmen in Wien zu sehen sein, so hört man. Ein weiteres Konzert des Monats?/Jahres? scheint vorprogrammiert.

Setlist The Antlers, Primavera Sound Festival, Barcelona:

01: Kettering
02: Sylvia
03: Bear
04: Atrophy
05: Snarf, Shnf
06: Two
07: Shiva
08: Wake
09: Epilogue



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