Freitag, 15. Januar 2010

My Year in Lists: Mein Konzert des Jahrs 2009 (Oliver Peel))


Eine faustdicke Überraschung! Am Ende des Jahres steht ein Mann auf Platz eins, dessen Namen und Werk ich einen Tag vor seinem unvergesslichen Konzert im Pariser Nouveau Casino noch gar nicht kannte. Rodriguez? Wer ist das? Nun, es handelt sich um einen amerikanischen Folk-und Blues-Sänger, der am 10. July 1942 als Sixto Diaz Rodriguez das Licht der Welt erblickte. Er war das sechste (daher Sixto) Kind einer recht armen mexikanischen Einwandererfamilie, die in den 1920er Jahren nach Detroit kam. Seine Mutter starb, als er lediglich drei Jahre alt war, sein Vater schuftete als Vorarbeiter in einer Stahlgießerei. Die Familie war arm, hielt aber zusammen. Sixtos Vater Ramon war es auch, der ihm das Gitarrespielen lehrte. Im Booklet der wieder veröffentlichten CD Cold Fact sagt der Sprößling in einer berührenden Stelle: "He would bring me down to tears with his heart-broken singing." Der Sohnemann lernte schnell und erspielte sich in windigen Bars und Spelunken eine kleine lokale Berühmtheit. Das Sussex- Label wurde auf ihn aufmerksam und signte ihn in den späten 1960er Jahren. 1970 erschien sein Debüt Cold Fact und ein Jahr später der Zweitling Coming From Reality. Die Alben floppten in den USA, das Label ging 1975 pleite. Rodriguez hing die Musikerlaufbahn an den Nagel und arbeitete in Detroit auf dem Bau, um seine Familie zu ernähren. Außerdem fing er ein Philosophiestudium an, das er etliche Zeit später sogar abschloß. Er bekam nichts davon mit, daß seine Alben in Südafrika, Neuseeland und Australien sehr begehrt waren, unter der Hand heiß gehandelt wurden, oft als Bootlegs in die Haushalte gelangten und vor allem Soldaten Trost spendeten.

Das Interesse der Aussies an Rodriguez Musik war so stark, daß 1979 sogar eine erste Tour durch das Land der Känguruhs stattfand, auf die 1981 noch eine zweite zusammen mit der später sehr bekannt gewordenen Band Midnight Oil folgte. Das Livealbum zur Tour hieß amüsanterweise Rodriguez Alive, weil sehr viele aufgrund seiner jahrelangen Untätigkeit davon ausgingen,daß er bereits lange tot sei. In Australien wußte man also in den frühen 1980 er Jahren, daß Rodriguez noch lebte, in Südafrika, dem anderen Land, in dem er ein Kultstar war, ging man allerdings nach wie vor felsenfest davon aus, daß er schon seit Langem die Radieschen von unten anbeißt. Die unglaublichsten Gerüchte schossen ins Kraut. Er habe seine Frau umgebracht und sich dann im Gefängnis das Leben genommen, unkten nicht wenige. Andere vermuteten eine Heroin-Überdosis als Todesursache. Die Mehrheit ging sogar davon aus, daß er sich auf der Bühne, also während eines Konzertes umgebracht habe und zwar nachdem er die folgenden Lyrics von Forget It gesungen hatte: "But thanks for your time, then you can thank me for mine and after that's said, forget it." Uneinheitlich war allerdings die vermutete Suizidmethode. Ein Teil dachte, er hätte sich die Kugel gegeben, der andere fantasierte spektakulär, Rodriguez hätte sich selbst angezündet. Beweise, die diese Gerüchte bestätigten, gab es allerdings nie und so blieb es den Südafrikanern ein Rätsel, was mit Rodriguez passiert war. 1996 erschien dann das zweite Album Coming From Reality zum ersten Mal in Südafrika auf CD*. Ein südafrikanischer Platten-und CD Händler (der vorher anscheinend Juwelier war) namens Stephen Segerman hatte nun Blut geleckt und wollte endlich wissen, ob Rodriguez noch lebt. Auch ein Free Lance Journalist namens Craig Bartholomew war brennend an dieser Story interessiert und schloß sich mit Segerman zusammen, um den Verschollenen zu finden. Einer seiner diesbezüglichen Artikel lautet "Looking For Jesus" (Sixto Diaz Rodriguez war teilweise auch unter dem Namen Jesus Rodriguez bekannt). Stephen Segerman für seinen Teil rief eine Webseite mit dem Titel: "The Great Rodriguez Hunt" ins Leben. Nach über 9 monatiger Suche nach dem Musiker, kamen die beiden über viele Um- und Irrwege an die Telefonnummer des damaligen Produzenten von Rodriguez, eines in Michigan lebenden Mannes namens Mike Theodore. Und der wußte zu berichten, daß der Künstler quicklebendig ist. "He is alive and kicking", soll er den verdutzen Spürnasen ins Telefon gesagt haben. Verrückt! Der Kontakt war hergestellt, Rodriguez erfuhr zum ersten Mal, daß er in Südafrika Kultstatus hatte und daß sein Album dort mit Platin ausgezeichnet worden war. Daraufhin ging im März 1998 auf Tour. Er spielte sechs Konzerte in 5000-er Venues und verkaufte alle aus. Witziger Name einer Fernseh-Doku zu dieser Tour: "Dead Man don't tour." 2001 und 2005 kam er wieder, hatte aber inzwischen auch in Schweden gespielt. 2007 dann zwei Konzerte in Australien, 2008 drei Gigs, zwei davon in den USA, einer beim Buschrock Festival in St. Veit in Österreich (wo immer das auch liegt).

2009 schließlich etliche Konzerte in den USA, dann ein Gig am 29. Mai im Paradiso in Amsterdam, zwei Konzerte in Dublin, eins in London und am 2. Juni der mir unfassbar nahegehende Gig im Nouveau Casino Paris.

Und wie dieses Konzert genau war, berichtete ich hier. Damals hatte ich wohlgemerkt noch keinerlei Vorwissen, merkte aber sofort, daß da ein Mann auf der Bühne steht, der mit Bob Dylan oder der Band Love zu vergleichen ist und Evergreens in seinem Programm hat, die mit Sachen von den Beatles, oder anderen unglaublich erfolgreichen Künstlern rivalisieren können. Niemals in meinem Leben werde ich dieses Konzert vergessen, es sei denn Alzheimer löscht diese wundervollen Erinnerungen irgendwann aus!


Livevideos (live on KEXP) von Rodriguez zu seiner Tour 2009 in glänzender Qualität:

- I Wonder
- Sugar Man
- Inner City Blues
- To Whom It May Concern

- Ein sehr interessanter Artikel vom britischen Guardian hier
- Die einzige offizielle Webseite von Rodriguez
- Rodriguez bei Last FM
- Dokuvideos bei Youtube: Looking For Jesus. Dort kann man die Suche der südafrikanischen Journalisten nachverfolgen:
Part 1 of 4
Part 2 of 4
Part 3 of 4
Part 4 of 4
- Meine Fotos von Rodriguez bei Flick

*Wikipedia redet von 1991, aber das macht überhaupt keinen Sinn. Ich vertraue vielmehr auf die Angaben des offiziellen Booklets (die auch sonst als Quelle dienten) zum Re-Release in Amerika 2008. Vorsicht vor Infos von Wikipedia!



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