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Donnerstag, 8. August 2019

The Vaselines, Aberdeen, 03.08.19

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Konzert: The Vaselines
Ort: The Tunnels, Aberdeen
Datum: 03.08.2019
Dauer: 85 min
Zuschauer: gut 200



Zur Planung des Post-Indietracks-Urlaubs gehört natürlich auch die Suche nach Konzerten, die auf der Route stattfinden. Rund um die kleinen und großen Sommerfestivals spielen viele Bands auch Clubkonzerte in Großbritannien. In Glasgow traten unter anderem The National und Teenage Fanclub auf. Fix geplant war, den Urlaub mit dem Comeback von Camera Obscura enden zu lassen. Die schottische Indiepop-Band, die seit dem Tod ihrer Keyboarderin nicht mehr aufgetreten ist, wurde vor einigen Monaten für den Boaty Weekender, die Festival-Kreuzfahrt von Belle & Sebastian angekündigt, ein - später noch ein zweites - Konzert in Glasgow sollte als Aufwärmen dafür dienen.

Beim Durchklicken tauchte plötzlich noch so ein Warm-Up-Dings einer Boots-Band auf, die wundervollen und selten zu sehenden Vaselines waren für Aberdeen angekündigt. Aberdeen lag auf unserer To-See-Liste, unverhofft kam also zu den Primitives und Camera Obscura noch ein drittes Konzert einer Gruppe, die auf meiner Lieblingsband-Longlist steht.

Die Vaselines spielen fast nie. Im Verhältnis zu ihrer langen Karriere (die Band existiert seit 1986) sind Auftritte extrem selten. Dreimal spielten Frances McKee und Eugene Kelly bisher in Deutschland, zweimal in Berlin, einmal in Offenbach. Wie ich es ohne die beiden Berlin-Shows geschafft habe, sie in Aberdeen schon zum fünften Mal gesehen zu haben, ist mir ein Rätsel. "In Aberdeen zum fünften Mal" ist blöd formuliert, das Konzert im miefig riechenden Tunnel-Club The Tunnels war der erste Auftritt der Glasgower in Aberdeen überhaupt.

Die Geschichte der Vaselines ist speziell und ein wenig lustig. Nach einer ersten EP und einer ersten Platten (Dum Dum, 1989) löste sich die Band 1990 auf. Eugene und Fran waren kein Paar mehr, sie versuchten es auch musikalisch alleine. Vielleicht wäre da alles zu Ende gewesen, wenn nicht Kurt Cobain seine Liebe zu den Vaselines so offensiv geteilt hätte. Drei Vaselines-Lieder erschienen als Nirvana-Cover, das schottische Duo bekam ein ordentliches Stück vom Tantiemen-Kuchen ab.

2010 erschien plötzlich das zweite Album Sex with an x, mit dem sie tourten. Unter anderem waren die Vaselines Teil des phänomenal guten Lineups des zweiten Bowlie-Weekenders, eines von Belle & Sebastian kuratierten Festivals (und in Berlin und Offenbach). Offensichtlich war music with an x eine so gute Idee, daß 2014 V for Vaselines folgte. Beide Nachzügler-Alben sind fantastisch! Wenn die Band doch bloß häufiger spielte!

Daß wir nicht nachdenken mussten, unsere Aberdeen-Pläne ein wenig vorzuziehen, war nun wirklich nicht überraschend! Die Vaselines

Aberdeen ist auch speziell und ein wenig lustig. Die ganze Stadt ist aus mausgrauem Stein gebaut (das Stadtmarketing übersetzt das in "silber"). Bei den neueren Häusern wirken die hellgrauen Steine mit dunkelgrauen Fugen wie diese eine unverputzte Haus im deutschen Neubaugebiet. So sieht die ganze Stadt aus. One shade of grey. Für deutsche Verputzer-Meister ist ein Besuch in der Hauptstadt der schottischen Erdöl-Industrie vermutlich viel zu aufregend!

Das Tunnels befindet sich unter dem örtlichen Marks & Spencer. Der Zugang erinnerte an die Lieferzufahrt des Kaufhauses. Als wir ankamen, spielte die Vorgruppe schon. Die erste Hälfte deren Auftritts war fantastisch, die zweite nicht, im Schnitt blieb nichts Merkenswertes, das sollte sich eine halbe Stunde später ändern.

Daß die Vaselines im 21. Jahrhundert immer mit Band auftreten, wusste ich. Aber nicht, welche Musiker dabei sein würden. Vielleicht Bobby oder Stevie von Belle & Sebastian? Als die drei Begleiter gemeinsam mit Fran und Eugene auf die Bühne kamen, staunten wir ein wenig. Vor allem der Schlagzeuger (Michael McGaughrin) und die Keyboarderin Carla J. Easton (zu ihr später mehr) sahen sehr jung aus. Aber das sollten die beiden älteren später auch noch thematisieren. 


Das Konzert begann überraschend nüchtern - nämlich mit Musik. Frances, die hauptberuflich Joga-Lehrerin ist, hat den besten Seefahrer-Humor, den ich je erlebt habe. Sie hat bei all meines bisherigen Konzerten Sprüche geklopft, die den Großteil der Säle erröten ließen. In Aberdeen schlappte die Sängerin mit Birkenstock-Sandalen auf die Bühne und wirkte zunächst schüchtern. Nach den ersten Stücken (High tide low tide, Monsterpussy, Cardinal sin und Jesus wants me for a sunbeam, denen man ein wenig Unsicherheit anmerkte) erklärte Fran, daß sie sehr nervös seien. Oder in Vaselinesisch: "someone in the band has wet himself in preparation of this!". Eugene antwortete etwas lahm "it's you?", worauf sie lachte: "Yes, very often!"

Das Konzert wurde nach den kleinen anfänglichen Unsicherheiten immer besser und besser. Die Band wirkte schnell harmonisch. Es sah trotzdem witzig aus, wie jung die drei Begleiter aussahen. Daß sie ihre Kinder sein könnten (der Konjunktiv enttäuschte mich etwas), war schnell Thema. Nachdem sie das besprochen hatten, drehte sich Fran zum Start von The devil's inside me zu Eugene um: "ready, Daddy?"

Den Start des folgenden Whitechapel verpatzte die Sandalen-Trägerin dann und entschuldigte das mit "these songs sound exactly the same." Eugene bat sie, das zu verschweigen. "Don't tell our secrets!" Sie schrieben schließlich seit 30 Jahren gleichklingende Lieder.


Bei Molly's lips hatte Carla, die immer wieder ein Lachen unterdrücken musste und schüchtern wirkte (auch dazu später mehr), den Auto-Hupe-Part zu spielen. 


Das Konzert war mein bisher längstes der Vaselines. Daher verwunderte es auch nicht, daß die Setlist weit mehr als ein reines Best-of war und mit Cardinal sin auch eine B-Seite enthielt (und Livepremieren wie vermutlich Messy reflection). Dummerweise fehlte leider wieder das grandiose Crazy lady vom letzten Album, das einer der besten Popsongs der letzten Jahre ist, zumindest in meiner Welt.

Dramaturgisch sollte wohl Exit the Vaselines das letzte Lied vor den Zugaben sein, aber auch das verpatzten sie ein wenig und spielten noch Dum dum hintendran, was vielleicht erst Zugabe hätte sein sollen.


Die Extras begannen dann mit dem auf Zuruf gewünschten The day I was a horse und endeten mit den beiden Groß-Hits Son of a gun und Dying for it.

Ach wie gerne würde ich irgendwann sagen können, daß ich die Vaselines zehnmal gesehen habe! Die Konzerte des brillanten Duos sind viel zu gut, um so selten zu sein. Warum nicht Booker sich darum reißen, die Band zu buchen, verstehe ich wirklich nicht.

Nach dem Konzert ärgere ich mich ein wenig mehr, nicht zum Boaty Weekender zu fahren und die Crazy lady und ihren Vater noch einmal zu sehen. Ahoj!

Setlist The Vaselines, The Tunnels, Aberdeen:
01: High tide low tide 
02: Monsterpussy
03: Cardinal sin
04: Jesus wants me for a sunbeam
05: Messy reflection
06: The lonely L.P.
07: Such a fool
08: Oliver twisted
09: The devil's inside me
10: Whitechapel
11: Turning it on
12: Inky lies
13: Mouth to mouth
14: Single spies
15: Molly's lips
16: One lost year
17: Slushy
18: Ruined
19: Exit the Vaselines
20: Dum dum

21: The day I was a horse (Z)
22: Son of a gun (Z)
23: Dying for it (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- The Vaselines, Barcelona, 30.05.15
- The Vaselines, Utrecht, 22.11.14
- The Vaselines, Offenbach, 30.01.11
- The Vaselines, Minehead, 12.12.10



Freitag, 5. Juni 2015

The Vaselines, Barcelona, 30.05.15

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Konzert: The Vaselines
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona
Datum: 31.05.2015
Dauer: exakt 45 min
Zuschauer: vielleicht 300 (ausverkauft)*



Manchmal bin ich gaz froh, daß mein Gedächtnis nicht mehr schrecklich gut ist. Würde ich mich noch an alle Sprüche von Frances McKee erinnern und sie aufschreiben, müsste ich mich auch gleich um einen Altersfilter für unsere Seite kümmern. 


Die Sängerin der Vaselines wirkt immer so harmlos, bis sie in Liedpausen mit dem Publikum spricht und sich an ihr letztes Leben als Matrosin oder Hafenarbeiterin erinnert und Sprüche raushaut, die eine Gürtellinie nie aus der Nähe gesehen haben. Auch diesmal - ich habe wirklich alles vergessen! - hätte es in den USA mindestens für Auftrittsverbote gereicht. Aber wir waren in Spanien und das Publikum ohnehin sehr wohlgesonnen. Wie die Pastels am Vortag spielten auch die Vaselines auf der "Heineken Hidden Stage". Für diese in den Katakomben des Geländes liegende Bühne benötigt man Eintrittskarten, die am Nachmittag um vier an einem Infotisch ausgegeben werden. Da auch das Festival-Gelände erst um 16 Uhr öffnet und die erste Band um fünf spielte, waren die vielen Leute, die um vier schon anstanden offenbar einzig wegen der Vaselines-Tickets da. Ich hatte Glück und bekam eines und stand um halb acht mit vielleicht 300 anderen vor der Hidden Stage.


Um nichts in der Welt hätte ich die Glasgower Band verpassen wollen! Es ist leider so schwer, die Vaselines einmal live zu sehen. Fran und Eugene Kelly hatten die Band 1986 gegründet, sich 1989 aber wieder aufgelöst. Nach ihrem Split begann der Ruhm, als Kurt Cobain die Vaselines (postum)** feierte. Seit 2008 gibt es die Band wieder, 2010 erschien 21 Jahren nach dem Debüt das zweite Album, 2014 das dritte (V for Vaselines). Soweit ich weiß, war die Band seit der Gründung zu drei Konzerten in Deutschland, zwei 2011 (Berlin und Offenbach) und eines 2014 (Berlin - wie aufregend!). Wenn man sie also sehen kann, sollte man sie gefälligst auch sehen. Natürlich nicht wegen ihrer pophistorischen Relevanz (die taugt meist nur für Einleitungen von Konzertberichten), wegen ihrer grandiosen Songs und Konzerte!

Die Hidden Stage war in einer Art Parkhaus aufgebaut. Man ging an einer kleinen Pforte vorbei und stand in Parklücken. Weil der grüne Sponsor seine Farben auch bei der Beleuchtung durchgesetzt hatte und jeder Zuschauer ein Armbändchen trug, das beim Klatschen grün leuchtete, wirkte alles sehr... ähh grün. Warum meine Bilder eher lila geworden sind, weiß ich daher nicht.

Musikalisch war alles super und leicht zu erklären. Die beiden Vaselines wurden von drei Musikern begleitet, einen Gitarristen, einen Bassisten und einem Schlagzeuger. Ich bin nicht ganz sicher, ob es die gleichen Begleiter wie in Utrecht im November waren, es war allerdings niemand von Belle & Sebastian dabei, wie ich vermutet hatte.

Ich bin ganz großer Fan des letzten Albums, was ja bei Bands die es so lange gibt, alles andere als normal ist. Daher war es sogar ein wenig schade, daß viele der Knüller von V for Vaselines fehlten (Crazy lady! Single spies!), das war der Preis dafür, daß es ein kurzes Festival-Set von 45 min war. 

Wieso ist nicht viel bekannter, wie grandios diese Band ist? Wieso werden die Vaselines nicht auf Teufel komm raus für Touren gebucht? Immer wenn ich die Schotten live sehe, tauchen sie sicher am Jahresende in meiner Bestenliste auf. Zwei gefeierte Bands der letzten Jahre - Ought und DIIV - habe ich beim Primavera auch wieder einmal gesehen. Beide haben gute Songs, keine Frage. Aber von den Konzerten blieb nichts, wirklich gar nichts haften. Da würde auch nicht helfen, wenn Gott weiß wer ihre Songs covert. Gute Lieder bedeuten eben noch lange keine guten Konzerte. Meine mittlerweile vier Vaselines Konzerte waren ausnahmslos brillant. Jedes einzelne Lied. Daß das Primavera eine solche Gruppe mal locker kurz vor Toresschluß noch als Gimmick für eine Art Geheimkonzert bucht, spricht wieder einmal dafür, daß es kein besseres Festival dieser Art in Europa gibt.

Setlist The Vaselines, Primavera Sound Festival, Barcelona:

01: High tide, low tide
02: Oliver twisted
03: Monsterpussy
04: Sex with an x
05: One lost year
06: Molly's lips
07: Sex sux (amen) 
08: Earth is speeding
09: Jesus wants me for a sunbeam
10: Ruined
11: No hope
12: Son of a gun
13: Dying for it

Links:

- The Vaselines, Utrecht, 22.11.14
- The Vaselines, Offenbach, 30.01.11
- The Vaselines, Minehead, 12.12.10
- mehr Fotos vom Konzert


* die Reservierungen kosteten nichts 
** Vaselines-postum
 


Montag, 24. November 2014

The Vaselines, Utrecht, 22.11.14

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Konzert: The Vaselines
Ort: De Helling, Utrecht (Le Guess Who? Festival)
Datum: 22.11.2014
Dauer: 55 min
Zuschauer: 150 bis 200



Im Zeitalter der Romantik war Deutschland* eines der Zentren der europäischen Kultur, vermutlich sogar die Gegend mit dem besten Musikgeschmack. Denn nur da, wo ihr Wirken geschätzt wird, können Musiker erfolgreich arbeiten und andere Musiker inspirieren. Mehr Künstler fördern wieder den Geschmack, guter Geschmack lockt wiederum andere Musiker an. Umgekehrt funktioniert das leider auch. Wenn man hiesige (Mainstream-) Radios anhört, stellt man schnell fest, daß wir uns in Deutschland in einer kulturhistorischen Phase der Musikverweigerung befinden, vermutlich in der schlimmsten, die es bisher gab. 

Man muß nur über die Grenzen schauen, um gezeigt zu bekommen, wie es auch funktionieren kann. Ein Tagesausflug nach Utrecht zum Le Guess Who? Festival ließ uns erneut merken, wie ernst das nicht schrecklich große Nachbarland Kulturförderung nimmt. Als wir mittags schon einmal in der Festivalzentrale im Tivoli Vredenburg waren, staunten wir nicht schlecht. Das Konzertgebäude ist riesig hoch und verfügt über fünf Säle, zahllose Sitzecken, Cafés, Theken. Insgesamt können rund 8.000 Zuschauer dort Konzerte sehen. Über unzählige Roll- und normale Treppen gelangt man höher und höher durch eine atemberaubende Architektur. Das Gebäude hat 150 mio Euro gekostet und dient ausschließlich Kulturveranstaltungen. In einer Stadt mit 330.000 Einwohnern! Wundervolle Niederlande!

Aber nicht nur in diesem eindrucksvollen Gebäude (neben dem Haus, auf dem eine monstergroße Teekanne steht, das aufregendste in Utrecht) fanden Konzerte beim Le Guess Who? statt. Unsere beiden letzten Veranstaltungen waren in dem kleinen Club The Helling, auf der anderen Seite der Stadt angesetzt. Den Abschluß (und Hauptgrund) unseres Ausflugs bildeten die Vaselines aus Glasgow, für die ich gerne in Kauf nahm, erst um vier wieder zu Hause anzukommen.

Die Vaselines bestehen seit Mitte der 80er Jahre. Nach einem Album und ein paar EPs lösten sie sich allerdings schnell wieder auf. Erst seit 2006 spielten die beiden Gründer Fran McKee und Eugene Kelly wieder sporadisch Konzerte. 21 Jahre nach dem Debüt Dum Dum erschien 2010 mit Sex with an x das zweite Studioalbum. Die Vaselines spielten das von Belle & Sebastian gestaltete Bowlie 2 und einige (sehr) wenige Deutschland-Termine im Winter 2010 / 2011, die ersten Konzerte in Deutschland überhaupt.

Vor einigen Wochen erschien das dritte Album des Duos, V for Vaselines, meine Lieblingsplatte des Jahres! Zwar führte die kleine Tour die Schotten auch nach Deutschland, allerdings nur mit einer Station in Berlin. Deutschland ist für Indiebands einfach nicht mehr relevant. Ausverkauft werden die Clubs in anderen Ländern viel eher. Wenn das erste deutsche Konzert gerade mal 70 Zuschauer anlockt, ist es kein Wunder, daß Bands einen großen Bogen um uns machen und nur des Prestiges wegen Berlin besuchen. Aber das haben wir selbst verbockt, weil wir nur den Mist hören, der im Radio läuft. Verfluchte Bouranisierung!

Voll war das De Helling auch nicht. Nach Ought, die vorher spielten, gingen viele wieder aus dem kleinen, etwas abseits gelegenen Club weg. Die Vaselines begannen um 23:30, nachdem sie den Aufbau selbst vorgenommen hatten. Begleitet wurden Frances und Eugene diesmal nicht von Belle & Sebastian Mitgliedern. An Stelle von Bobbie oder Stevie spielten drei, recht jung aussehenden Musiker, die ich nicht kannte. Drei Gitarren, Bass, Schlagzeug sind eine wuchtvolle Untermalung der Melodien der Vaselines, zumal die neue Platten nur noch wenig von den rohen Songs der ersten Bandphase haben. Aber es passte ausgezeichnet! Das Konzert war vorzüglich!

Die fünf Musiker wirkten eingespielt und routiniert, aber nur im guten Sinne. Erstaunlich, wei wenig man Eugene und Fran die im Verhältnis zur Bandgeschichte kleine Bühnenerfahrung anmerkt. Gerade die (wie wir hinterher feststellten erschreckend wenig gealterte) Sängerin ist eine ausgewachsene Rampensau. Sie teilte zwar deutlich weniger verbale Tiefschläge als bei meinen ersten beiden Vaselines-Konzerten aus, war aber auch in Utrecht extrem unterhaltsam. Vor der Bühnenmitte standen eine Handvoll sehr junger und sehr betrunkener Fans, die ihr abwechselnd Heiratsangebote und sonstige Liebesbekundungen machten. Frances ging darauf ein und flirtete mit. Als Eugene Sex with an x ankündigte und daraus ein kleiner Dialog der beiden entstand, sagte sie, sie habe andere Pläne. "I save myself for the young man!" Bei Son of a gun schmachteten zwei der Groupies sie tanzend an, was sie mehrfach lachend aus dem Konzept brachte. Normalerweise sind überalkoholisierte Radaubrüder sehr anstrengend, die hier machten Spaß.

Die Mischung des Konzerts war wundervoll! Natürlich fehlten etliche Riesenhits, Aber eine Band, bei der fast jedes Lied genial ist, kann in 55 Minuten eben nicht mehr als 20 Knaller spielen. Montag bei Morrissey wäre es mir recht, wenn der Schwerpunkt nicht unbedingt auf dem aktuellen Album läge. Bei den Vaselines hätten es ruhig nach einige Lieder mehr davon sein dürfen. Von den neuen Stücken gefiel mir live das düstere Earth is speeding ganz besonders. Neben den vielen Evergreens auf der Platte, ist es mir beim normalen Hören weniger aufgefallen.

Es war jedes Gähnen wert, bis tief in die Nacht einer unbekannten Glasgower 80er Band zuzugucken! Hoffentlich fasst mal einer der zahlreichen deutschen Festivalveranstalter Mut und bucht die Band! Sie zahlen es mit Billanz und einem guten Stück Musikgeschichte zurück!

Setlist The Vaselines, De Helling, Utrecht:

01: Oliver twisted
02: High tide, low tide
03: I hate the 80s
04: The day I was a horse
05: Monsterpussy
06: One lost year
07: Such a fool
08: Molly's lips
09: Sex with an x
10: Crazy lady
11: The devil's inside me
12: Earth is speeding
13: Jesus wants me for a sunbeam
14: Sex sux
15: Slushy
16: Ruined
17: Son of a gun
18: Dying for it

Links:

- aus unserem Archiv:
- The Vaselines, Offenbach, 30.01.11
- The Vaselines, Minehead, 12.12.10

Mehr Fotos später!

* (das es damals natürlich nicht als Staat gab)


Montag, 31. Januar 2011

The Vaselines, Offenbach, 30.01.11

4 Kommentare

Konzert: The Vaselines
Ort: Hafen 2, Offenbach
Datum: 30.01.2011
Zuschauer: 70
Dauer: knapp 75 min


Vor sechs Wochen beim von Belle und Sebastian veranstalteten Bowlie Weekender konnte ich endlich erstmals meine langjährigen Lieblinge Vaselines live sehen bzw. erleben. Vor 5.000 Zuschauern spielten Eugene Kelly und Fran McKee in dem englischen Ferientraum Butlins Minehead groß auf und begeisterten mich deutlich mehr, als ich es erwartet hatte. Neben der Musik waren vor allem die Pausen zwischen den Liedern einzigartig, weil Sängerin Frances, die vermutlich lange zur See gefahren ist, unglaublich derbe Sprüche losgeschossen hatte, die den ganzen Saal kollektiv erröten ließen. Aber nicht nur deshalb werde ich mich lange an den Abend mit den Vaselines erinnern, er war eben auch musikalisch gut und kurzweilig, obwohl sie für eine Band mit zwei Platten (1990, 2010), also quasi Newcomer, sehr lange spielten.

Zur Zeit findet die erste (sehr kurze) Deutschlandtour der live zu fünft auftretenden Band statt. Stationen sind morgen Berlin und heute Offenbach. Ich hatte die Zugkraft des Duos Fran/Eugene deutlich höher eingeschätzt und war kräftig ernüchtert, als ich ankam und in dem kleinen aber schönen Club vielleicht 50 Zuschauer waren. Die Vorgruppe Schwervon! aus New York hatte bereits angefangen, der Großteil des Publikums war also schon da. Puh... Sonntagabend und Offenbach waren wohl nicht die richtige Kombination für ein größeres Deutschlanddebüt.

Den Beginn machten also Schwervon!, Nan Turner am Schlagzeug und Matt Roth an der Gitarre. Solche Konstellationen sind ja gerne einmal laut und rockig, die Musik von Schwervon! ist allerdings wundervoller Indiepop mit tollem zweistimmigem Gesang, wobei mich besonders begeisterte, daß die Texte der beiden ab und zu zeilenweise von einander abwichen. Mich erinnerten Schwervon! sehr an Zoey Van Goey, kein Wunder also, daß ich das Duo mochte.

Während Schlagzeugerin Nan durchaus wie ein Popstar aussah, wirkte ihr Kollege Matt mit seinem orangefarbenen Pullover nicht unbedingt so. Er hatte aber eine sehr einleuchtende Erklärung für sein Outfit. "Ich ziehe mich passend zum jeweiligen Verstärker an," und der war nun
einmal orange.

Die Ansage eines ihrer beiden bisher unveröffentlichten Stücke (Cougar pride) führte zu einem herrlichen Dialog. Nan fragte Matt, ob er während der Highschool Cheerleader gewesen sei. "Nein, nicht auf der Highschool. - Vorher." "I peaked early." Musikalisch gilt das sicher nicht, denn von Schwervon! werden wir ganz sicher noch hören. Die wären etwas für Haldern zum Beispiel.

Setlist Schwervon!, Hafen 2, Offenbach:

01: Turn it around (neu)
02: Bad music
03: Lucky rocks
04: Wake and bomb
05: Pretty slow
06: Cougar pride (neu)
07: Poseur
08: Balloon
09: Swamp thing

Die Vaselines begannen kurz vor halb zehn mit ihrem Programm. Neben dem beiden Hauptdarstellern Frances und Eugene bestand die Band heute aus drei weiteren Musikern, u.a. Bobby Kildea von Belle & Sebastian am Bass. Stevie Jackson, der wohl auch mit den Vaselines spielt, war nicht dabei, dafür ein mir unbekannter dritter Gitarrist.

Beim Bowlie hatten sich Fran und Eugene noch besonders chic gemacht: sie trug erst ein Pelzjäckchen, später nur noch ein Kleid, er über seiner Hose kniehohe Reiterstiefel. Auch heute sahen
beide gut aus, allerdings ein wenig weniger extrovertiert. Die Sängerin hatte Blümchenbluse , knielange Jeans, schwarze Wollstrumpfhosen und Slipper an, Eugene Jeans und Truckerstiefel (diesmal unter der Hose), T-Shirt und Weste. Ich beschreibe das so ausführlich, weil das schummrige Licht (oder sagt man: "das gemütliche Licht?") meine Fotokünste überforderte.

Musikalisch boten die folgenden 75 Minuten nicht
viel neues. Die Vaselines spielten einige Stücke ihres im Sommer erschienenen Albums Sex with an x und viele aus der ersten Schaffensperiode vor gut 20 Jahren. In meinen Ohren passen die Lieder aus beiden Phasen aber so gut zusammen, daß man kaum wirkliche Brüche feststellt. Der Titelsong der neuen Platte (ein echter Hit!) könnte gut und gerne auch damals entstanden sein. Man kann das gerne als "die haben sich nicht weiter entwickelt" deuten, ich bevorzuge aber die "sie sind sich treu geblieben" Variante. Zwei Musiker, die sich in 20 Jahren nicht weiterentwickelt hätten, träten wohl auch eher beim lustigen Bratwurstfest der Volksmusik vor 20.000 Menschen in der Stadthalle von Riesa auf.

Leider funktionierte das zweite Standbein der Vaselines zumindest am Anfang gar nicht; das Publikum war nämlich so ruhig und zurückhaltend, daß Frances erst
langsamer sprach (weil sie aus den fehlenden Reaktionen auf ihre Ansagen schloss, daß wir kein Englisch verstünden) und dann sehr ruhig wurde (ihr seid so still, also rede ich auch leise). Ein absurder Dialog zwischen ihr und jemanden im Publikum, nachdem sie Schwervon! gelobt hatte ("they played too short" - "they are too short? Ihr seid groß, aber die sind doch nicht zu klein!?" und so weiter), und extreme Passivität führten sicher auch nicht dazu, daß wir in den Augen der Schotten das tollste Publikum ihrer Karriere waren. "It's our first time in Germany. And perhaps the last time." Aber sie waren nicht verbittert, jedenfalls wirkte das nicht so. Vor einem 5.000er Bowlie Publikum zu spielen entspricht ja leider auch weniger der Lebensrealität als die heutige Zuschauermenge.

Irgendwann brach es dann aber doch noch etwas aus Fran heraus. Sie erzählte, daß es backstage ein Doppelbett gebe und spekulierte dann, daß Eugene und der neue Gitarrist (Michael) benutzt hätten. Vorher habe ihre Tour den Namen Masturbation Tour gehabt, das müsse man dann wohl ändern. Aber außer einer kurzen sehr
komischen Diskussion mit jemanden im Saal, nachdem sie erklärt hatte, daß Eugene und sie gerne miteinander stritten, daß mit einem liebevollen "fucker" endete, lief Frances auf Sparflamme. Es war also mehr das FSK 16 Konzert, nachdem das Bowlie keine Freigabe für unter 30-Jährige bekommen hätte.

Trotzdem ein sehr schöner Abend mit zwei sehr guten Bands! Und ohne es gesehen zu haben sicher das sinnvollere Comeback als das von Schimanski.

Setlist The Vaselines, Hafen 2, Offenbach:

01: Oliver twisted
02: Monsterpussy
03: Sex with an x
04: The day I was a horse
05: The devil's inside me
06: Lovecraft
07: Turning it on
08: Jesus wants me for a sunbeam
09: I hate the 80's
10: Molly's lips
11: Whitechapel
12: Let's get ugly
13: No hope
14: Poison pen
15: Son of a gun
16: Slushy
17: Ruined
18: Rory rides me raw
19: Dying for it

20: Sex suy (amen) (Z)
21: Dum-dum (Z)

Links:

- The Vaselines, Bowlie 2, 12.12.10



Donnerstag, 30. Dezember 2010

The Vaselines, Bowlie 2, 12.12.10

0 Kommentare

Konzert: The Vaselines
Ort: Butlins Minehead, Bowlie 2
Datum: 12.12.2010
Dauer: 75 min


"Die Vaselines sind live unglaublich langweilig", war die immer gleiche Antwort, die ich bisher vernommen habe, wenn jemand von meinen Lieblingen aus Glasgow sprach. Langweilig? Nicht die Spur!

Die spektakuläre Geschichte der von Fran McKee und Eugene Kelly gegründen Band ist bekannt; die schnelle Auflösung, die Beziehung zu Nirvana. Daß das zweite Studioalbum (Sex with an x) gut zwanzig Jahre nach dem ersten erschien, passt sehr schön dazu.

Nachdem Sängerin Frances morgens im Rahmenprogramm bereits eine Yogastunde gegeben hatte (zum phänomenal tollen Programm neben den Konzerten später noch mehr), spielten die Vaselines abends auf der Hauptbühne.

Ihr Auftritt war musikalisch toll, das ist aber nur die halbe Geschichte. Der Brüller waren nämlich die weit unter der Gürtellinie angesiedelten Sprüche von Fran zwischen den Liedern. Sie jagte einen Schenkelklopfer (ob das jetzt das richtige Bild ist...) nach dem anderen raus und übertrumpfte sich immer noch. Die Zuschauer lachten sich erst schlapp, um dann beim derben Nachschlag von Fran verschüchtert zu kichern. "Das hat sie jetzt nicht gesagt, oder?" Wahrscheinlich waren die Vaselines nicht nur wegen ihres Status' so spät angesetzt.

Im September 2010 erschien mit Sex with an x also das zweite Album der Vaselines als Nachfolger von Dum dum, das 1989 veröffentlicht wurde. In meinen Ohren hört man die zwei Jahrzehnte zwischen den Alben nicht, das schottische Duo klingt wie früher - einfache Rhythmen, schleifende Gitarren und der Gesang von Fran und Eugene, der so herrlich gut zueinander passt (und immer an der Grenze dazu ist, schief zu klingen).

Auffällig neben Frans Matrosensprache waren die Outfits der beiden. Eugene trug einen dreiteiligen Anzug ohne Jacke und dazu kapitale Reitstiefel über der Hose. Fran dagegen hatte ein Kleidchen ausgesucht und anfangs noch eine Pelzjacke getragen. Die flog aber irgendwann weg, weil es nur im gesamten Pavilion eisekalt war, war das Kleid alleine zu kalt. Sons and Daughters Sängerin Adele kam irgendwann und brachte warme Sachen, Fran lehnte aber dankend ab; bei Adeles Geschmack gut nachvollziehbar. Außerdem war Fran vermutlich der Meinung sich selbst mit ein paar derben Sprüchen besser aufwärmen zu können.

Die Sons and Daughters Sängerin kam noch einmal mit einem Bandkollegen auf die Bühne, um bei Molly's lips (von der EP Dying for it; von Nirvana gecovert) zu tröten. Über die alte Autohupe freue ich mich jedes Mal, wenn ich das Lied höre, daß sie live auch eingesetzt wurde, war herrlich!

Die Vaselines waren auch über 75 Minuten absolut nicht langweilig, also auch musikalisch... Ein Comeback, falls man es so nennen kann (dafür müsste ja eigentlich damals mehr Erfolg da gewesen sein), das unglaublich viel Sinn macht. Und auf meiner Liste der Bands, die ich unbedingt mal live sehen möchte, nicht nur ein Haken sondern ein Haken mit Smiley!

Setlist The Vaselines, Bowlie 2, Butlins Minehead:

01: The day I was a horse
02: Monster pussy
03: I hate the 80’s
04: Oliver twisted
05: Slushy
06: Sex with an x
07: The devil inside
08: Molly’s lips
09: Ruined
10: Rory rides me raw
11: Poison pen
12: Jesus wants me for a sunbeam
13: Such a fool
14: No hope
15: Son of a gun
16: Sex sux
17: Whitechapel
18: Bitch
19: Mouth to mouth
20: Dum dum
21: Dying for it
22: Think you’re a man

Links:

- andere Bowlie-Konzerte:
- Belle & Sebastian
- Saint Etienne
- Edwyn Collins
- Zoey Van Goey
- The Amphetameanies
- Dean Wareham plays Galaxie 500




 

Konzerttagebuch © 2010

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