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Donnerstag, 21. August 2025

Lowlands Festival - 14.08.-17.08.2025 - Biddinghuizen/NL

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Konzert: Lowlands Festival
Ort: Biddinghuizen/NL
Datum: 14.08.-17.08.2025
Dauer: 4 Tage
Zuschauer: 65.000 sold out



Die Ankunft am Campingplatz am Freitagmorgen beginnt mit der typisch entspannten Lowlands-Atmosphäre: Der Campingplatz im niederländischen Biddinghuizen ist bereits gut gefüllt, da die Anreise bereits am Donnerstag möglich ist. 

Nun heißt es Zeltleinen straffen, Heringe in den Boden schlagen und dann dieser weite Blick über die aufgehende Festivalstadt: bunte Zelte, erste Begegnungen, Musik weht einem entgegen und die Vorfreude greift wie ein freundlicher Pogo. Schon erste Blicke auf das Gelände verheißen ein abwechslungsreiches Wochenende: Kunstinstallationen auf grünen Wiesen, kreative Skulpturen – so wird der Festivalgeist greifbar. Man fühlt sich als Gast und nicht als Kunde.

Ein Beispiel sind die Übergänge vom Zelt-zum Festivalgelände. Keine Zäune oder schlecht gelaunten Secs erwarten einen hier. Den Besuchern wird vertraut und die belohnen sich selbst und den Veranstalter mit einem unglaublich relaxten Wochenende. 



Alles stimmt an diesem ersten Festivaltag. Das Wetter ist perfekt, blauer Himmel, warme Sonnenstrahlen und dazu gibt es ja auch noch Konzerte auf mehr als 10 Bühnen bis tief in die Nacht. Life as it should be.


Der energiegeladene Auftritt der Irischen Musikerin CMAT mit vollem Namen Ciara Mary-Alice Thompson, lädt mit den ersten Tönen zu einem Wochenende voller Entdeckungen und musikalischer Vielfalt ein. "The Guardian" schrieb über ihre Musik: „Ihre Lieder sind traurig und doch zugänglich, emotional gebildet und geschickt gestaltet, aber, was entscheidend ist, mit einem enormen Sinn für Humor."

Und genau dieser Humor und die Spielfreude der Band sind ein perfekter Auftakt für den ersten Tag. Weiter geht es zu einem kurzen Abstecher ins "Bravo" (eigentlich der Tanztempel der Nacht. Ein Zelt für ca. 10.000 Zuschauer) um bei Kingfishr feinsten Irischen Indie Folk zu hören, der einen an Mumford and Sons erinnern lässt. 

Das Programm beim Lowlands ist so vielfältig und auf dem eigentlichen Weg zur nächsten Location gibt es soviel zu entdecken, manchmal schafft man es nicht immer alle Konzerte komplett zu erleben. Auf dem Weg zum "Alpha" (der Main-Stage Dome) gibt es noch einen kurzen Moment im "India" Podium, dort stehen Deadletter auf der Bühne, die für ihren energiegeladenen Post-Punk-Sound bekannt sind, der Elemente von The Fall und LCD Soundsystem aufgreift. Dringend zu empfehlen. 


Zwei Bands die ich auf jeden Fall an diesem ersten Tag komplett sehen wollte, spielen im Alpha: London Grammar: kühl, makellos, unnahbar. Als Hannah Reid und ihre Band die Bühne betreten, ist alles perfekt, fast zu perfekt. Glasklare Stimme, makelloser Sound, jede Note sitzt wie aus dem Studio geschnitten. 

Doch zwischen Bühne und Publikum liegt eine unsichtbare Glasscheibe. Kaum ein Wort, kein Blick, kein Moment, der diese Barriere durchbricht. Viele lauschen gebannt, andere spüren eine kühle Distanz – schön anzuhören, aber schwer zu fühlen. Dazu passt die Sonnenbrille, die Hannah das gesamte Konzert nicht abnehmen wird, obwohl sie in unter einem riesigen Dach spielt. Ein Konzert wie ein poliertes Kunstwerk: man bewundert es, aber man berührt es nicht. 


Queens of the Stone Age dagegen: roh, direkt, ein verschwitzter Traum.  Als Josh Homme und seine Mitstreiter übernehmen gibt es keine Spur von Zurückhaltung. Jeder Riff ein Faustschlag, jede Ansage ein Augenzwinkern. Die Band verschmilzt mit der Menge, und als Josh Homme sich spontan direkt in die Zuschauer hineinwirft, lebt er und wir im Moment.

Wo London Grammar Abstand hielt, reißen Queens of the Stone Age die Festivalmauern ein. Zwei Extreme an einem Tag – und genau dafür liebt man Festivals: Man kann sich erst im kühlen Neonlicht verlieren und später in rotem Scheinwerferfeuer wiederfinden. 


Am zweiten Tag passiert, das was sich jeder Festival Liebhaber wünscht, die Erinnerung an die an dem Tag bis dahin gesehen Bands ist verschwimmt im Nachhinein, denn ein Abend mit FKA Twigs ist kein gewöhnliches Konzert. Es fühlte sich eher wie ein Theaterstück an, vielleicht sogar wie ein Ritual, in dem wir alle Zeugen wurden oder Komplizen. 

Von der ersten Minute an stand die Bühne nicht nur für Musik, sondern für ein Spiel aus Körper, Stimme und Emotionen. Die Show begann roh und brutal: Bewegungen, die an Kampf erinnerten, scharfe und brutal klare und laute Beats, die den Raum zerschnitten, und eine Intensität, die das Publikum in den Bann zwang. Fast animalisch, voller Kraft, fast gewalttätig in ihrer Direktheit. 


Doch diese Härte verwandelte sich mit fließender Eleganz. Zwischen schweißtreibender Ekstase (wirklich) und hochgradig sexuell aufgeladener Präsenz offenbarte FKA Twigs eine Sinnlichkeit, die nie platt, sondern immer kunstvoll inszeniert war. Tanz, Gesten und Blicke verwoben sich zu einer körperlichen Sprache, die so unmittelbar wirkte, wie ihre Songs. 

Dann folgten die Brüche. Plötzlich zerbrechlich, fast verletzlich, stand sie da und sang Balladen, die so hoch emotional waren, dass der ganze Saal in eine andere, fast intime Sphäre gezogen wurde. Jeder Ton wirkte wie ein Geständnis, jede Silbe wie ein offener Nerv. FKA Twigs erzählte an diesem Abend keine Geschichte im klassischen Sinn. Sie zeigte Zustände, Extreme, Übergänge – roh, brutal, sexuell aufgeladen, dann wieder sinnlich und verletzlich. Es war ein Fiebertraum, aus dem man am Ende aufwachte, ein wenig benommen, ein wenig verändert. 

Der dritte Tag begann noch im Halbschlaf: Black Country, New Road eröffneten mit zarten, verschlungenen Songs, die wie ein vorsichtiges Aufwachen wirkten. Fragil, manchmal brüchig, dann plötzlich kraftvoll – ihre Musik schuf sofort eine besondere Nähe zwischen Bühne und Publikum. 


Es folgten die Fontaines DC. Ihr Auftritt war laut, treibend, kantig – aber vielleicht zu sehr auf Autopilot, nach einem vollen Jahr auf Tournee. Die Energie war da, die Songs rissen mit, aber es fehlte das Unberechenbare, das Überraschende. Man sah eine Band, die weiß, wie man ein Festivalpublikum bedient, aber die Leidenschaft schien ein Stück weit hinter der Routine zu verschwinden. 

Und doch: die Menge ließ sich mitreißen, tanzte, schrie. Die Energie stimmte, das Publikum ging mit, aber die Überraschung fehlte. Ein Sturm, der zündet, aber kaum nachhallt. Als die Sonne langsam tiefer sank, brachte MK.GEE eine andere Farbe ins Spiel. Sein Sound erinnerte an die elektronische Phase von  Bon Iver – dieses Schweben zwischen Intimität und elektronisch verzerrter Entrückung. 

Plötzlich war da Wärme, fast so, als würde jemand eine Decke um die erschöpften Körper legen. Seine Stimme klang verletzlich und nah, die Songs breiteten sich aus wie kleine Träume. Zwischen all der Lautstärke des Tages war das einer der Momente, in denen man wirklich stehen blieb, um zu lauschen. 
Sein Gesicht war zu fast keiner Sekunde erkennbar, Nebel und Stobolicht boten eine anstrengende und oft nicht passende Untermalung dieses musikalisch fantastischen Konzerts. 

Zum Abschluss verwandelte Jamie xx das Gelände in eine Tanzfläche. Mit dichten, hypnotischen Beats trug er die Menge durch den Abend, baute Spannung auf und löste sie immer wieder ein. Ein Finale, das weniger Konzert als kollektives Abschiednehmen war. Auf jedem anderen Festival wäre dieses DJ-Set herausragend. Hier tanzt man zu ähnlich guter Musik noch auf sieben weiteren Bühnen mit diversen Stilen durch die Nacht.


Am Morgen danach begann das eigentliche Erwachen. Das Festivalgelände lag stiller da, nur das Knistern von Müllsäcken und das Quietschen zusammenfallender Zeltstangen war zu hören. Mit jedem Handgriff beim Abbau, mit jeder zusammengerollten Isomatte verabschiedete man sich ein Stück mehr von den letzten Tagen.


Als der letzte Hering aus der Erde gezogen war, blieb ein Moment des Innehaltens: der Blick über den leeren Zeltplatz, über Spuren von Nächten voller Musik und Begegnungen. Müde, aber glücklich ging es zurück Richtung Alltag – mit der Gewissheit, dass die Vorfreude auf das nächste Jahr schon jetzt wieder wächst.


Mittwoch, 3. Mai 2017

Festivaltipp Lowlands, Biddinghuizen, 18.-20.08.2017

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Konzert: Lowlands Festival
Ort: Buiddinghuizen
Datum: 18.-20.08.2017
Dauer: 3 Tage (keine Tagestickets)
Zuschauer: 55.000



25 Jahre wird das holländische Lieblingsfestival dieses Jahr alt, und große Veränderungen sind angekündigt.

Die, in die Jahre gekommenen Zirkuszelte, darunter das riesige "Alpha" und das Tanzzelt "Bravo" erhalten Modernen und innovativen Ersatz. Weiterhin bleiben alle Bühnenbereiche überdacht und bieten den tagsüber auftretenden Bands volles Licht und besten Sound. 

Außerdem sollen dieses Jahr getreu dem Glastonbury-Festival die Grenzen zwischen Zeltplätzen und Bühnenbereichen ohne weitere Kontrollen zugängig sein. Flanieren über die riesigen Zeltstädte und "Stadtteile" des Geländes sind somit noch komfortabler möglich. 



Annehmlichkeiten wie die Saunainsel im See (mit Blick auf die Hauptbühne), eine eigene Tageszeitung, Kaffee ans Zelt oder 24-Stunden Programm bleiben natürlich erhalten. Aber was nützt das schönste Festival wenn es zu wenig gute Musik gibt ? 

Kein Problem beim "Lowlands" dieses Jahr. Nach Jahren mit etwas unentschiedenem Programm zwischen Indie, Pop und Dance hat das Festival seit letztem Jahr sein Profil geschärft und setzt wieder verstärkt auf Live-Musik. Getanzt wird dann in fast allen Zelten in den Nachtstunden. 

Headliner "The XX", Mumford & Sons", "Iggy Pop", "London Grammar", "Alt J", "Elbow" und die tolle "Feist" füllen die größten Zelte. Traditionell am schönsten ist das Festival aber zu genießen, wenn man es abseits, auf den kleinen Bühnen entdeckt. 



Ob im Hippie-Tipi oder dem kühlen, elektrischen X-Ray Hangar, überall gibt es unendlich viel zu sehen. "Michael Kiwanuka", "Cashmere Cat", "First Aid Cat" sind genauso dabei wie die alten Helden "At the drive-in" und TV Segall".

Newcomer "Car Seat Headrest", Tash Sultana", "Sampha", "Shame" und "Kim Janssen" sorgen für zeitiges Erscheinen am frühen Morgen, nachdem einem die jährliche Orchester-und Ballettvorführung die Ohren nach den langen Nächten durchgepustet hat. 



Das Programm wird noch ständig erweitert, bitte nutzt die Webseite für weitere Infos. Wie immer gibt es keine Tageskarten, für die Anreise mit Wohnwagen/Campern ist ein zusätzliches Ticket erforderlich.

Karten gibt`s hier: http://lowlands.nl/tickets/

Fotos: Michael Graef


Donnerstag, 22. August 2013

Lowlands-Festival, Biddinghuizen, 16. & 17.08.13

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Konzert: Lowlands Festival, Biddinhuizen
Ort: [hier]
Datum: 16. & 17.08.2013
Zuschauer: 55.000 (ausverkauft)




von Dirk aus Mönchengladbach

Das Lowlands Festival in den Niederlanden ist vielleicht das größte, unbekannte Festival in Europa. Da die Tickets grundsätzlich innerhalb von 2 Stunden ausverkauft sind, hat es leider nicht die europäische Reputation wie Roskilde, Werchter oder Sidget. Der Run auf die Tickets hat aber natürlich seinen Grund. Ein tolleres Gelände, bessere Organisation und ein breiteres Line-Up wird man kaum finden. Und dies bereits seit fast 20 Jahren. Für mich ist es seit ca. 15 Jahren ein Pflichttermin und neben dem Haldern Pop auch das einzige Festival bei dem ich mich grundsätzlich wohlfühle. 


Die unzähligen Schönheiten und Bauten, sowie das fast unüberschaubare Programm können hier nicht im einzelnen besprochen werden. Nur soviel : Alle 11 Bühnen sind in echten Zirkuszelten untergebracht von denen die Hauptbühne, das ALPHA als größtes portables Zelt ca. 15.000 Menschen incl. Riesenbühne aufnehmen kann. Das Lowlands ist immer schon als vollständige Stadt konzipiert und somit gibt es jeden Morgen eine kostenlose eigene Zeitung, Jogakurse, Sauna, Lesungen, Theater, politische Diskussionen, ganze Opernaufführungen u.s.w. 

Beschränken wir uns hier auf das Konzerttagebuch-Klientel der klassischen Bands…..die üblichen Hauptbühnen-Verdächtigen wie Franz Ferdinand, NIN, Hurts und Editors gibt es hier natürlich auch, konnten in meinem Zeitplan aber schon gar nicht berücksichtigt werden. Viel schöner finde ich auch die kleineren Zelte, die oft spontanere und unperfektere Momente zulassen. 

Veränderung ist einer der ständigen Begleiter dieses Festivals, alles wird jedes Jahr erneut hinterfragt und wenn nötig verbessert. Ein Prozess der mir dieses Jahr auch extrem bei einigen Band auffiel. 

Beginnen wir mit Daughter, deren Haldern Pop Auftritt mich im letzten Jahr gar nicht überzeugen konnte. Zu eintönig, zu schüchtern agierte die Band damals noch. Dies ist bei Ihrem jetzigen Auftritt schnell verflogen. Trotz Beginn um 11:30 Uhr (morgens !!) und schwerem Kater nach dem Transfer vom Pukkelpop am Vortag, bearbeitet Gittarist Igor Haefeli schon im 2. Song sein Instrument mit einem Geigenbogen im Jonsi Stil und erzeugt herrliche Noise-Attacken. Der Auftritt verläuft sehr abwechslungsreich, die ganz leisen Töne gibt es immer noch, doch die Band kann einfach mittlerweile das Publikum bis zum Ende fesseln. Der Auftritt ist trotz der frühen Stunde sehr gut besucht (ca. 4000) und wird mehr gefeiert als vieles andere zu späterer Stunde. Ein schöner Auftakt. 

Half Moon Run und Little Green Cars müssen aus Zeitgründen leider ausfallen. Dafür wollte ich mir den Mittagsauftritt der deutschen SEEED-Vertretung in Holland nicht entgehen lassen. Wegen des kompletten Showaufbaus der Deutschland – Tour muss die Band wohl als erste im Grolsch-Zelt ran. Eine CD der Band wird aber auch erst im Herbst in den Benelux-Ländern veröffentlicht. Somit ist es zunächst noch recht leer im Zelt, als aber dann der Dancehall Donnerhall der Truppe einheizt, strömen tausende dazu und bald gibt es kein halten mehr. SEEED spielen eine absolut perfekte Best of. Show, spielen dazu Songs in anderen Versionen (z.B. Augenbling in eng. Sprache). Peter Fox hält den Laden mit launigen Ansprachen zusammen. Diese Band könnte jeden FDP Parteitag zu einer Raserei werden lassen. Ich sage dies als vehementer Reggaeverweigerer. Trotz der Perfektion ist fast alles Live und kann spontan angepasst werden. Bläser und Cold Steel Drummer sind auch dabei und müssen am Ende spontan den Set kürzen. Auch das gelingt ohne Probleme. Mr. Fox ist als Profi natürlich sauer, hier mal von der Bühne gejagt zu werden. Sein Blick beim 2minutes-Zeichen des Managers von der Seite war vernichtend…aber so ist das eben, wenn man in neue Länder aufbricht…Am Ende müssen sowohl auf der Bühne als auch im kompletten Publikum die verschwitzten Hemden getauscht werden. Alle glücklich. Schön die Band mal gesehen zu haben, hätte ich als Einzelkonzert wohl nie gemacht. 


Nach einer Grolschpause geht es weiter, diesmal in ein kleineres Zelt zu den Chvrches. Keine Seltenheit neuerdings: die Band hat noch nicht einmal eine CD veröffentlicht, trotzdem singen alle mit. Geboten wird melodiöser Elektropop von Sängerin Laureen Mayberry (schöner Name) und Iain Cook (Ex-Twilight Sad). Das ist schön anzusehen, klingt auch gut, ist aber bis auf den Überhit Recover auf Dauer etwas langatmig. Vor allem die Bühnenshow mit 2 Keyboards und der einsamen, zierlichen Sängerin in der Mitte bietet nicht viel Abwechslung. Trotzdem eine Band die sicher bald größere Hallen füllen wird. 

Die große Kirmesshow von Majo Lazer und die schon zu oft gesehenen Editors lasse ich links und rechts auf dem Gelände liegen und entscheide mich zunächst für Moderat im großen Bravo-Zelt. Wer noch nie in den Niederlanden auf Festivals war, wird nicht glauben wie groß die Bewunderung unserer Nachbarn für hiesige DJ`s und Danceacts ist. Und so werden die eher ruhigen Songs von Moderat hier genauso begeistert aufgenommen wie das eher poppige Set von Modeselektor letztes Jahr. Dazu kommen wirklich tolle Visuals auf einer Art durchsichtigen Prismenleinwand. Die gesungenen Tracks wirken live manchmal etwas spröde, sobald der Beat übernimmt ist dieses Manko schnell vergessen. 

Ohne kurze Überschneidung geht es nicht, da ich unbedingt noch Polica sehen will. Wirkt die CD durch den groben Einsatz von Autotune  etwas befremdlich, ist man beim Konzert sofort von der klaren Stimme und Präsenz der Sängerin Channy Leaneagh überzeugt. Alles wirkt plötzlich stimmig und sogar sehr tanzbar. 

Die nachfolgenden DJ Sets bis 5:00 Uhr morgens mit u.a. Richie Hawtin und DJ Koze fallen leider wegen spontaner Müdigkeit aus. 

Zwei Schwachpunkte dieses Tages seien noch erwähnt: 1. Austra: vielleicht einfach nicht meine Band, ich fand den Auftritt langweilig und 2. Judah Friedlander (der Comedian mit den verrückten Truckermützen aus 30 Rock) lieferte einen schwachen Altherren Witzeabend ab, schade. 

Tag 2

Der nächste Tag beginnt wieder früh, zunächst wie immer mit der festivaleigenen Zeitung die überall auf den Campingplätzen verteilt wird. Hier erfährt man nicht nur, welche Highlights man gestern auf den jeweils anderen zehn Bühnen verpasst hat, sondern wird auch über aktuelle Programmänderungen bestens informiert. Heute trifft es den Rapper London Grammar, der aus stimmlichen Gründen sein Konzert am Vormittag absagen muss. Ersatz hat der Veranstalter sofort parat: S O H N treten auf, und somit wird sofortiger Aufbruch fällig, da der Künstler bisher ausnahmslos gelobt wurde. 

S O H N stehen dann auch um 11:00 Uhr morgens auf der Bühne, im Publikum natürlich auch Menschen, die die Zeitung noch nicht gelesen haben und Hip-Hop erwarten. Den gibt es zum Glück nicht, dafür sehr melodischen Indie-Pop von einer dreiköpfigen Band. S O H N haben bisher nur über diverse Video-Portale auf sich aufmerksam gemacht, eine CD ist noch gar nicht geplant. Trotzdem spielen sie hier 45 min fast ohne Schwächen auf. Die Stimme ist von hohem Wiedererkennungswert und wird bestimmt noch viele Fans gewinnen. Die Band ist mittlerweile bei 4 AD unter Vertrag und hat 2 EPs veröffentlicht. Ein erster, ungeplanter Höhepunkt des noch frühen Tages. 


Danach kann mich der holländische Syd Barratt (Jacco Gardner) leider gar nicht überzeugen, ein Hit macht eben noch keinen Sommer. Die holländischen Nachbarn sehen das natürlich anders, und die jungen Mädchen tanzen mit Blumen in den Haaren. Ist doch auch schön anzusehen. 

Danach fällt die Entscheidung zwischen Haim und Jake Bugg leicht. Haim hatte ich bereits vor ein paar Wochen auf ihrem Nachholkonzert in Köln gesehen, dort spielten Sie aber auch nur gefühlte 45 Minuten. Da die CD immer noch nicht erschienen ist, konnte ich vom nun gleichlangen Festivalset keine Neuerungen erwarten. Daher lieber nochmal zu Herr Bugg, der mich damals als völliger Frischling beim Support von Noel Gallagher in Düsseldorf noch gar nicht überzeugen konnte. Interessant zu sehen, wie er dem blutjungen Publikum eine Lektion in britischem Retropop erteilt. Emotionslos und an der Grenze zur Arroganz, so wie man es gewohnt ist. Die Bühnenshow tendiert natürlich gegen null, Schlagzeuger und Bassist sind nur Beiwerk. Jake Bugg wirkt verloren auf der großen Bühne, sein Sound ist monoton, die Versionen als solche nicht einen Millimeter anders als auf CD. Trotzdem sind die Songs einfach gut, und das spürt man bei jedem Track. Er spielt neue Songs, sein Album, sowie ein unerwartetes Cover von Neil Young (Hey Hey, My My) und am Ende natürlich Lightning Bolt. Der Rahmen des Auftritts war für eine tolle Atmosphäre zu groß, an den Songs lag es nicht. 

Bat for Lashes, MS MR, Noah and the Whale, Alambama Shakes und auch James Blake fallen einem spontanen Gang über das Gelände zum Opfer, bei dem mich freundliche Einheimische in die Geheimnisse des Grolsch Witt Bier einweihen. Doch schon bald muss ich weiter, denn zwei Highlights warten noch: Foals und The Knife. 

Nachdem Foals-Sänger Yannis Philippakis unlängst noch klagte, die Headliner bei Festivals wären immer nur alte Säcke, die nichts mehr zu sagen hätten, kann seine Band schon bald das Gegenteil beweisen. Hier reicht es nur zur zweitletzten Band des Abends, aber auch den Part muss man sich ohne große Radiohits erstmal erspielen. 

Immerhin haben die Foals drei gute Alben in Folge veröffentlicht und konnten in den Live-Shows immer überzeugen. Dies ist auch heute nicht anders. Die Band spielt in bestechender Form. Allerdings sehr auf Perfektion bedacht, auch wenn dies nicht immer so klingt. Der Auftritt ist wohl am ehesten mit dem Begriff „breitbeinig“ umschrieben. Vom fiebrigen, feinen Gitarrensound der ersten Tour ist das weit entfernt. Hier brummt der Bass und knüppelt das Schlagzeug die Songs nach vorne. Trotzdem ist der eigene Stil der Foals immer noch da. Der Sänger ist ständig auf Tour über die Bühne und ins Publikum, es gibt viel zu sehen und die Songs sind spitze. Höhepunkte wie immer: Spanish Sahara und Publikumsliebling My Number. Mit noch einem weiteren guten Album und Hits wird es die Band schon bald auf die Headliner Position schaffen, und das völlig zurecht.

Danach steht die letzte Entscheidung des Festivals an: Klassiker Nick Cave oder volles Risiko bei The Knife. Wie meistens entscheide ich mich für das noch nicht gesehene und begebe mich nach einer Frikandelstärkung zur Knife Show. So ist der korrekte Begriff. Wurden die ersten Gigs dieses Jahr noch mit „The Knife – Live“ als normale Konzerte beworben, ist der Name mittlerweile auf „Shaking the Habitual Show“ geändert. Dies hat gute Gründe. Nicht wenige Zuschauer sollen genervt die Hallen verlassen haben, als sie das Ergebnis der jahrelangen Knife Pause auf der Bühne sahen. Die Kritiken waren gespalten wie selten, ich war gespannt. 


The Knife und auch der von mir geliebte Ableger Fever Ray waren immer auch Kunstprodukte, die als Gesamtkunstwerk funktionierten. So verwundert mich auch nicht der völlig überdrehte Anheizer der Show, der das Publikum schonmal auf die Eigenarten des Abends vorbereitet. Dann beginnt das Konzert mit 20 Minuten Droiden-Doom-Pop, indem die Band vermummt auf diversen Fantasieinstrumenten einen irren Sound erzeugt. Ein Sog von Beat und Drums, Lichtorgeln und 4 Meter langen Keyboards geben einen ungefähren Eindruck. 

Danach wird es richtig verrückt. Die Truppe erscheint in einer Art Trainingsanzügen und bietet eine moderne Riverdance Version. Die nächsten und letzten 40 Minuten wird es keinen Live-Sound mehr geben, nur gelegentlich wird live gesungen. Klingt dämlich, ist aber in keiner Sekunde langweilig, weil die Qualität des Gebotenen einfach toll ist. Die Tänze sind atemberaubend, das Licht unglaublich gut und perfekt auf die Show abgestimmt. 

Das eigentliche Konzept eines Konzertes wird hier im Rahmen der künstlerischen Freiheit völlig auf den Kopf gestellt. Alle Grenzen verschwimmen: Live und Playback, männlich – weiblich, Sänger und Tänzer, Star und Statist. Als verwöhnter und abgebrühter Konzertgänger fühlt man sich wie in einem Lars von Trier Film. Es muss nachgedacht werden, obwohl die Schönheit der Darstellung einen nur träumen oder tanzen lassen will. Am Ende des unfassbar kurzweiligen Sets explodiert die Bühne fast vor Farben, die Tänzer sind nur noch schemenhaft im Nebel tanzend zu erkennen und Karin Dreijer Andersson singt dazu doch noch selber ein Mantra in den Wall of Sound. 

Den Kopf voller neuer Eindrücke und wie immer in dem Gefühl viel zu viel verpasst zu haben wanke ich zum Klappcaravan und freue mich schon auf das nächste Jahr beim Lowlands Festival. 


Fotos: Dirk; Musikerfotos: Archiv



 

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