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Sonntag, 31. August 2014

Elbow, Köln, 23.08.14

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Konzert: Elbow
Ort: E-Werk, Köln
Datum: 23. August 2014
Dauer: ca. 105 Minuten
Zuschauer: ca. 1500





Ich habe natürlich keinerlei Erfahrung, wie es ist, in einer Band zu sein und auf Tour zu gehen. Wenn ich mir aber vorstelle, wie das so wäre, kann ich beim besten Willen den Entschluss viele Gruppen, Abend für Abend dieselbe Setliste zu spielen, nachvollziehen. Es kann doch so oder so nicht einfach sein, bei jedem Auftritt mehr oder weniger motiviert und freundlich weitgehend dasselbe zu machen, da würde es sich doch anbieten, die Dinge, die man in der Hand hat, abwechslungsreicher zu gestalten. Mal davon abgesehen, dass eine Variation des gespielten Songmaterials auch mehr Zuschauer reizen würde, mehrere Auftritte derselben Tour zu besuchen.


Elbow aus Manchester sind eine dieser Bands, die offenbar denken "Wir haben doch eine Setliste, die ist gut, die bleibt so." Und wie gesagt, ich kenne mich ja nicht aus, vielleicht gibt es gravierende Gründe für diese Vorgehensweise. Immerhin erleichtert sie mir auch das Mitschreiben der Songreihenfolge, man muss ja nur das vorab im Internet Gelesene vor Ort verifizieren.

Als die Band, verstärkt durch zwei Geigerinnen, die Bühne des E-Werks erklomm, war es also keine Überraschung, dass als erster Song "Charge" von 2014er-Album "The Take off and Landing of everything" gespielt wurde. Insgesamt hörten wir fünf Lieder dieses Albums live, der Rest setzte sich aus früheren Veröffentlichungen zusammen. Die Singles der ersten drei Alben blieben allerdings komplett außen vor, von "Asleep in the Back" und "Leader of the free World" spielte die Band jeweils einen Albumtrack, "Cast of Thousands" wurde gar nicht berücksichtigt.


Sänger Guy Garvey, der ein wenig nach Stephen Fry aussah und noch mehr nach Peter Gabriel klang, sah sich zwischen den Liedern ganz in der Rolle des Conferenciers und fragte mehrmals, ob es auch allen gut gehe. Leider forderte er auch häufig zum Klatschen oder Winken auf, was ich persönlich immer eher nervig finde. Dem Publikum an sich schien es aber zu gefallen.

Laut Garvey fand Elbows letzter Auftritt in Köln an dem Tag statt, an dem Barack Obama erstmalig zum US-Präsidenten gewählt wurde, außerdem habe sich Schlagzeuger Richard Jupp damals beim Versuch, eine Bierflasche zu öffnen, die Hand verletzt. Für das nachfolgende "The Bones of you" setzte sich Keyboarder Craig Potter an ein extra aufgestelltes zweites Schlagzeug, das Garvey später bei "Grounds for Divorce" noch einmal besuchen sollte.


Zu "Real Life (Angel)" erfuhren wir erstens, dass im Lied das Wort Ballett vorkommt und, scherzhaft, dass Bassist Pete ein ausgebildeter Balletttänzer sei. Zum anderen drehe sich das Lied textlich darum, jemand mit gebrochenem Herzen zu trösten, wobei es manchmal das beste sei, die Person zu nehmen, mit Alkohol oder Drogen zu füllen und auf eine Tanzfläche zu stellen. Folglich sei der Song Elbows Version von Roxy Musics "Dance Away".

Zu "The Night Will Always Win" erklärte Guy, man solle um verstorbene Freunde - um die sich das Lied dreht - nicht allein betrauern, sondern sie gemeinsam mit anderen Freunden und viel Alkohol feiern. Die Piano-Ballade wurde anschließend zu dritt von Garvey und den Potter-Brüdern (akustische Gitarre / Keyboard) vorgetragen.


Auch zu anderen Liedern wurde viel erzählt, wobei ich mich unwillkürlich fragte, ob die Geschichten auch jeden Abend wiederholt werden. "New York Morning" erwähnt Yoko Ono, die sich dafür anscheinend per Brief bei der Band bedankt hat - wobei Guy Garvey sich beim Schreiben des Texts bewusst war, dass das passieren könnte. Und "Great Expectations" handelt von einer Hochzeit auf dem Oberen Stockwerk eines Doppeldeckerbusses, die so geheim war, dass die Braut bis heute nichts davon weiß. 


Der Mittelteil des Konzertes wurde von der Songauswahl her ein wenig langweilig, das änderte sich wieder mit "Mirrorball" und dem sehr prog-rockigen "The Birds". Nachdem für "Mirrorball" passenderweise die Discokugel über der Bühne zum Einsatz gekommen war, musste das Publikum für "Grounds for Divorce" ein Gesangstraining durchlaufen, das erst nach einigen Versuchen (und Witzen) erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Immerhin waren wir so geübt, denn vor "My Sad Captains" erfuhren die, die es noch nicht wussten, dass es sich um das letzte Lied handelte und die Band nur zurückkehren werde, wenn das Publikum ein Lied sänge. Guy Garvey fragte, welches Lied wir singen wollten, und die Menge entschied sich per Zwischenruf für "Mer losse d'r Dom en Kölle". 


Das Lied wurde zu großen Teilen als "Probe" gesungen, Guy erklärte, dass wir nun so tun sollten, als habe das Gespräch nie stattgefunden. Als die Band dann tatsächlich weg war, ließ sich das Lied aber nicht so richtig anstimmen und versackte immer wieder, ohne, dass man es hinter der Bühne hätte hören können. Gut, dass man auf die vorher eingeübte Passage aus "Grounds for Divorce" zurückgreifen konnte, so dass wir doch noch in den Genuss der beiden Zugabesongs ("Lippy Kids", One Day Like This") kamen.

Insgesamt ein durchaus unterhaltsames Konzert einer spielfreudigen und gut gelaunten Band, an dem mich lediglich die ständigen Klatschaufforderungen störten. 


Setliste:

01: Charge 
02: The Bones of You 
03: Fly Boy Blue / Lunette 
04: Real Life (Angel) 
05: The Night Will Always Win 
06: New York Morning 
07: The Loneliness of a Tower Crane Driver 
08: Great Expectations 
09: Scattered Black and Whites 
10: Mirrorball 
11: The Birds 
12: Grounds for Divorce 
13: My Sad Captains 

14: Lippy Kids (Z)
15: One Day Like This (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
Elbow, Paris, 15.11.11
Elbow, Loreley, 20.08.08

Bilder: Dirk von Platten vor Gericht


Sonntag, 17. August 2014

1. Seebühnenregatta, Mannheim, 10.08.14

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Konzert: L'Aupaire, Spaceman Spiff, Enno Bunger, We Invented Paris
Ort: Mannheim, Luisenpark
Datum: 10.08.2014
Dauer: L'Aupaire ca. 30 Minuten, Spaceman Spiff ca. 50 + 15 Minuten, Enno Bunger ca. 60 Minuten, We Invented Paris ca. 60 Minuten
Zuschauer: ca. 700




Dasselbe Team, das Konzertbesucher nun bereits seit vier Jahren mit dem an Pferdemetaphern reichen Maifeld Derby versorgt, hat diesen Sommer zu einer anderen reichhaltigen Bildsprache gegriffen, um ein kleines, sommerliches Eintagesfestival in einem Mannheimer Park zu präsentieren: Die Seebühnenregatta. Lange zögerten wir, ob uns das Event die doch recht langwierige Anreise wert sein würde, denn mit Spaceman Spiff, Enno Bunger und We Invented Paris spielten gleich drei absolut sehenswerte Acts, die ich aber entweder dieses Jahr bereits gesehen hatte oder 2013 gleich zweimal (gut, für meinen Begleiter war das keinerlei Hinderungsgrund).

Letzten Endes entschlossen wir uns dann am Tag selbst doch noch für die Reise nach Mannheim, das allerdings bereits in dem Wissen, dass der Open Air-Charakter des Festivals leiden würde, denn es war Regen gemeldet und die Hauptacts würden in einer Halle spielen.


Bei unserem Eintreffen waren die Welt und das Wetter aber noch in Ordnung. Der Veranstaltungsort Luisenpark entpuppte sich als weitläufiges Gelände, auf dem man nicht nur den Park und dessen Pflanzenwelt genießen und sich auf großen Wiesen ausruhen kann, es gibt auch Käfige und Volieren mit Eulen, Schildkröten, Pinguinen, Flamingos, einem Nasenbär und vielem mehr. Über allem thronen nicht weniger als drei Storchennester, aktuell allesamt mit Pärchen dieser Vogelart besetzt, zusätzlich gibt es noch ein paar Single-Störche.

Die Seebühne, nach der die Regatta benannt wurde, und die ursprünglich für die Bundesgartenschau 1975 erbaut wurde, entpuppte sich ebenfalls als wunderbar malerisch, zwischen Zuschauern und Bühne befindet sich etwas Wasser, während man hinter den Künstlern einen großen See samt vorbei ziehenden Gondolettas sehen kann. Bei unserer Ankunft spielten bereits L'Aupaire, aber viel von ihrem Set haben wir sicher nicht verpasst. Die drei jungen Männer boten Folk-Pop irgendwo zwischen Bob Dylan und Mumford & Sons ohne Banjo.


Obwohl mich die Musik nicht wirklich fesseln konnte - Folk ist einfach nicht mein Ding - war das Ambiente der Freiluftbühne ganz wunderbar, allerdings zeigte ein bald einsetzender, zunächst sehr leichter Regen, dass die Entscheidung, spätere Musiker drinnen auftreten zu lassen, richtig gewesen war.

Nach L'Aupaire trat, quasi als "Pausenunterhaltung" eine junge Mannheimer Sängerin namens Inah auf. Nach drei ihrer getragenen Gitarrensongs - sie hatte angekündigt, viele unterschiedliche Lieder zu spielen, was sich zumindest im von uns verfolgten Teil nicht bestätigte - mussten wir aber, dachten wir zumindest, in Richtung der Baumhain-Halle, in der bald das Set von Spaceman Spiff beginnen sollte. Allerdings hatte sich der Zeitplan ein wenig verschoben, so dass zunächst Warten angesagt war.


Übrigens hatte am Einlass der Seebühne niemand unsere am Parkeingang erworbenen Festivalbändchen kontrolliert, weshalb man im Publikum neben den üblichen Musikfreunden auch einige Zaungäste in sehr fortgeschrittenem Alter hatte sehen können - sicherlich Senioren mit Dauerkarten für den Park, die einfach der Musik gefolgt waren und nun zufrieden zuhörten. Und auch in die Halle folgte uns ein älterer Herr ohne Bändchen - ich weiß nicht, ob er später vielleicht noch aussortiert wurde. Insgesamt gefiel mir diese ungeplante Vereinigung der Generationen aber sehr gut.

Spaceman Spiff trat dieses Mal nicht allein mit seiner Gitarre auf, sondern hatte neben seinem "Personal" Jonny König (den Besucher des Maifeld Derbys zumindest als vom Sänger angesprochenes Publikumsmitglied kannten) sondern auch eine Cellistin dabei. Den Tischtennisschläger-Talisman, der sich doch bereits beim Maifeld Derby als komplett nutzlos erwiesen hatte, klebt er immer noch an seinen Mikrophonständer.


Was den Konzertgenuss zumindest am Anfang doch recht stark trübte, war die Halle, die nicht nur vom Ambiente her sehr altbacken Mehrzweckhallen-mäßig wirkte und uns die schöne Seebühne schmerzlich vermissen ließ, auch der Sound klang merkwürdig flach - und das fiel selbst mir auf, die so gut wie nie die Beschallungskritiken anderer nachvollziehen kann. Mit der Zeit muss der Ton aber besser geworden sein, oder aber, ich hatte mich dran gewöhnt. Nicht gewöhnen konnte ich mich dagegen an die "Lichtshow", die es darauf anzulegen schien, die Zuschauer zum Erblinden zu bringen - stellenweise konnte ich gar nicht zur Bühne schauen!

Nur fünf der dargebotenen zehn Lieder hatte ich bereits beim Maifeld-Konzert gehört, der Rest war mir neu. Hinzu kam die neue Instrumentierung, denn der Schlagzeuger griff bei zwei Liedern ("Ab heute immer jetzt" und "Hamburg") zum Akkordeon bzw. Glockenspiel, während die Cellistin, sowieso eine Neuheit und anscheinend bei ihrem allerersten größeren Bühnenauftritt, bei "Teesatz" auch mitsang.


Wie bei meiner ersten Begegnung fand ich auch dieses Mal die Authentizität des Künstlers geradezu auffällig, wie auch seine scheinbare Überraschtheit, wenn jemand (oder gar einem ganzen Publikum) gefällt, was er macht. Wegen der stark veränderten Setliste und der neuen Instrumentierung hat sich in diesem Fall ein zweiter Konzertbesuch definitiv gelohnt.

Setliste:

Vorwärts ist keine Richtung
Ab heute immer jetzt
Milchglas
Photonenkanonen
Egal
Hamburg
Schnee
Teesatz
Mind the gap
Straßen (wo wir hingehen brauchen wir keine Straßen)

Aber es sollte noch weiter gehen, denn als später das Set von Enno Bunger vorbei war, hörte man im Anschluss draußen im Foyer etwas, das wiederum stark an Spaceman Spiff erinnerte ... und auch Spaceman Spiff war. Nun wieder mit der Gitarren-Minimalausstattung ließ es sich der Sänger, während mittlerweile das angekündigte Gewitter aufs nicht völlig wasserdichte Glasdach prasselte, nicht nehmen, noch ein paar weitere Lieder zu singen. Dass er dieses Mal die etwas lieblose "Bühne" im Hallenfoyer mit einem Mülleimer teilte, irritierte ihn kurzzeitig, aber er schien sich besser zu fühlen, nachdem er erfolgreich aus dem Publikum etwas zum Wegwerfen eingefordert hatte.


Zum Foyer an sich könnte man neben der mangelnden Wasserdichtheit auch sonst noch einiges Kritisches sagen, denn es war ein Durchgangsbereich und generell sehr laut, dennoch traten hier auch weitere "Pausenkünstler" auf, nachdem der Regen draußen eingesetzt hatte. Sicherlich gab es einfach keine weitere Alternative, die nun schon einmal gebuchten Künstler - Spaceman Spiff ersetzte hier wohl spontan eine Band, die offenbar doch nicht kommen konnte - spielen zu lassen.

Setliste:

Yellow brick road
Hier und der Wahnsinn
Wände
Der Tag an dem ich nicht verrückt wurde
100 000 Kilometer

Aber kommen wir zu Enno Bunger. Damals beim heute schon mehrfach erwähnten Maifeld-Auftritt hatte ich mich durch Spaceman Spiff sehr an Enno Bunger erinnert gefühlt, obwohl der eine zur Gitarre und der andere zum Klavier singt. Als ich gelesen hatte, dass beide Sänger hintereinander spielen würden, war ich gespannt gewesen und hatte mich - nicht ganz ernsthaft - gefragt, ob die beiden sich wohl kennen oder ob sie bei ihrer Erstbegegnung begeistert voneinander sein würden. Oder aber, ob es eine Schlägerei geben würde, bei der sich beide als Nachahmer beschimpfen.


Meine Neugier wurde gestillt, denn als bereits alles für den Enno Bunger-Auftritt aufgebaut war, sprang mit einem Mal Spaceman Spiff nochmals auf die Bühne und kündigte begeistert Enno Bunger an - und der umarmte ihn zum Dank und beteuerte im Gegenzug seine Begeisterung von Spaceman Spiff. Schön, dann wäre das ja geklärt!

Kurz vorher hatte ich bereits einen "alten Bekannten" gesehen, denn am Aufbau für Enno Bunger waren erstaunlich viele Menschen beteiligt gewesen, darunter auch Onno, den ich als Bungers Begleitmusiker in der Offenbacher Weinstube kannte. Als das Konzert schließlich begann und Bunger gemeinsam mit einer ganzen Band die Bühne bestieg und "Am Ende des Tunnels", eines von drei neuen Liedern, vortrug, war von Onno aber zunächst nichts zu sehen.


Und während uns Enno noch mit der Aussage begrüßt hatte, dass er Wut möge, sie sei das Viagra für den ausgestreckten Mittelfinger, kam es für Song Nummer drei zu einer überraschenden Stiländerung: Onno erschien auf der Bühne und übernahm das Keyboard, hinter dem Enno Bunger nun mit dem Mikrophon hervortrat und einen neuen Song vortrug, der laut Bungers Aussage noch nicht einmal einen Titel hat. Die neue Rolle als gut gelaunter Entertainer am Bühnenrand war ihm sichtlich ungewohnt und mein Freund meinte "Man merkt, dass er sich immer wieder umsieht und fragt, was die Leute darüber denken, dass er plötzlich Coldplay ist!" Nach dem Song erklärte Enno Bunger, er habe einmal ein Lied über gute Laune schreiben wollen. "Aber dafür seid ihr ja nicht hier!"


Also ging es weiter mit den Trennungsliedern der aktuellen Platte "Wir sind vorbei". Die in der Baumhain-Halle dargebotenen Songversionen waren insgesamt häufig länger als gewohnt ("Roter Faden", "Herzschlag") und hatten ausgedehnte Instrumentalteile. Sonst wurde auch wenig gesagt, denn, das erfuhren wir nach "Herzschlag", die Begleitband sei zu gut und auch zu teuer, um sie nicht ausgiebig zu nutzen. Als zusätzliche Musikerin war die Keyboarderin der Band Joco dabei, deren Sängerin jubelnd im Publikum saß beziehungsweise beim dritten Song mitsang.

Was mich allerdings überraschte, war die Aussage, "Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung" sei auf dem Album ein Duett mit Festival-Headliner Alin Coen, diese sei aber gerade zu müde, um ihren Part zu singen. Da muss ich noch einmal nachhören. Nach "Blockaden" und einem weiteren neuen Song folgte zuletzt "Regen", mit dem Enno möglicherweise das nun draußen beginnende Unwetter herbei gesungen hat.


Ach ja, und nachdem ich mich schon fast damit abgefunden hatte, dass das Konzert ganz ohne Kalauer ablief, kam doch noch einer: "Ich bin dann anschließend am Merchandise, da gibt's auch Jutebeutel, falls das in Euer BEUTELschema passt." Ging doch, Enno!

Setliste:

Am Ende des Tunnels
Die Flucht
(Neu)
Leeres Boot
Roter Faden
Herzschlag
Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung
Blockaden
Scheitern
Regen


Selbige Beutel, also die seiner eigenen Band, pries der We Invented Paris-Sänger Flavian beim anschließenden Auftritt ebenfalls an, allerdings sprach er als Schweizer von "Hipstertäschli". Auch sehr schön.

Die Gruppe hatten wir erst im April in Wiesbaden gesehen, weshalb auch sofort auffiel, dass dieses Mal ein anderer Gitarrist mit von der Partie war, Bruce Klöti war heute nicht zu sehen, stattdessen war Matthias Rückert dabei. Soweit ich Wikipedia verstehe, hat die Band, die in Wirklichkeit ein Künstlerkollektiv ist, aber ohnehin ein wechselndes Lineup, also war das wahrscheinlich völlig normal.


Begrüßt wurden wir zunächst auf Schweizerdeutsch, in verständlicherer Aussprache teilte uns Flavian dann mit, es handele sich zwar um ein bestuhltes Konzert, es seit aber durchaus auch erlaubt, von den Stühlen aufzustehen und zu tanzen. Das erfolgte von Anfang an, wenn auch zunächst eher vereinzelt. Ausgerechnet vor dem in meinen Augen gar nicht sonderlich tanzgeeigneten "Philosopher" folgte dann nochmals die Aufforderung, zu diesem Lied aber nun wirklich zu tanzen, was dann auch von allen umgesetzt wurde.


Viele "Konzertabschnitte" kannte ich bereits aus Wiesbaden, etwa den Konzertauftakt, bei dem Gitarrist und Bassist auf Holzkisten trommelten, Flavians Geschichte über die früheren Wohnzimmerkonzerte, Luftballons (die diesmal allerdings, passend zur Seebühnenregatta, Wasserbälle waren), die das Publikum während "Bubbletrees" in der Luft halten sollte (was sich ein weiteres Mal als ziemlich stressig erwies und den Spaß am Lied ein wenig nahm) sowie das von Flavian allein im Publikum und zum Akkordeon vorgetragene "Requiem".

Trotz der Wiederholungen ein schönes Konzert mit einer offenbar sehr motivierten Band, und als Matthias beim Schluss-Song "More" plötzlich hinter der Bühne eine riesiges Behältnis holte, um darauf herum zu hüpfen und wie wild an diversen Effektgeräten zu drehen, hatte ich auch etwas mir Neues von We Invented Paris gesehen.


Setliste:

Sleeptalker
Auguste Piccard
A View That Almost Kills
Philosopher
Polar bears
Bubbletrees
Bohème
Requiem Mitte
Mont Blanc
Everyone knows
Farmer
Iceberg
Nothing to say
More


Alin Coen & Band mussten wir angesichts einer bevorstehenden langen Rückfahrt ausfallen lassen, nach einem kurzen Besuch bei den Pinguinen verließen wir den Park und kurz darauf auch Mannheim - nicht, ohne anhand zahlreicher in der Zwischenzeit sturmbedingt herabgefallener Äste die Entscheidung, nur zwei Künstler draußen spielen zu lassen, gut zu heißen. Auch ohne den Headliner gesehen zu haben, konnten wir hinsichtlich der ersten Seebühnenregatta ein positives Fazit ziehen: Ein wirklich sehr angenehmer Festivalort, dem zusätzlich zum guten Lineup und dem angenehmen Preis-Leistungs-Verhältnis (ein Ticket kostete an der Tageskasse 25 Euro) im kommenden Jahr auch besseres Wetter zu wünschen wäre!

Links:

- aus unserem Archiv:
- 1. Seebühnenregatta - Bericht von Gudrun, dort sind etliche Berichte zu den Einzelkünstlern und sogar Tourdaten verlinkt.

Bilder: Dirk von Platten vor Gericht





Montag, 4. August 2014

Get Well Soon, Rovereto, 27.07.14

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Konzert: Get Well Soon
Ort: Auditorio Melotti, Rovereto, Italien
Datum: 27.07.2014
Dauer: ca. 55 Minuten
Zuschauer: ca. 550





Ich habe glaube ich schon einmal erwähnt, dass mein Freund Urlaube nur dann richtig mag, wenn sie  mit Konzertbesuchen verbunden sind. Entsprechend gering war seine Begeisterungsfähigkeit bezüglich einer Reise zum Gardasee. Im italienischen Lehrerparadies, wo fast alles auf Deutsch beschriftet ist, rechnete er kaum damit, für ihn interessante musikalische Unterhaltung anzutreffen. Um so begeisterter reagierte er, als die Band Get Well Soon nur wenige Tage, nachdem wir unser Ferienhaus am Ostufer fest gebucht hatten, ein Konzert in Rovereto ankündigten. Das Städtchen liegt zwar nicht am See, ist aber per Autobahn von dort gut zu erreichen. Der Urlaub musste lediglich um einen Tag vorverlegt werden, und im Ergebnis sah mein Freund der Reise nun viel positiver entgegen.




Rovereto ist ein hübscher kleiner Ort, der im Ersten Weltkrieg Schauplatz heftiger Kämpfe war, und wo in einem Gebeinhaus die Überreste von nicht weniger als 20.000 Soldaten italienischer und österreichischer Soldaten aufbewahrt werden. Nachdem der Kriegsbeginn aktuell genau 100 Jahre zurückliegt, veranstaltete der italienische Fernseh- und Radiosender RAI passenderweise hier ein Friedensfestival, in dessen Rahmen an mehreren Abenden verschiedene Künstler auftraten - unter anderem auch Echo & the Bunnymen. Das Ganze wurde live im italienischen Radio übertragen.




Im Vorfeld war es nicht ganz einfach gewesen, Informationen zu der Veranstaltung und insbesondere Tickets zu bekommen. Irgendwann bekam ich heraus, dass der Eintritt umsonst war, man musste sich aber telefonisch anmelden, was letztlich eine Italienisch sprechende Kollegin für mich übernommen hatte. Nach dem Abholen der Tickets und einem leider öffnungszeitenbedingt recht kurzen Besuch im sehenswerten Museum für moderne Kunst MART, in dessen Räumlichkeiten sich auch der Konzertsaal befand, ging es noch schnell in die nahe gelegene Pizzeria, wo wir prompt feststellten, dass auch Get Well Soon eingetroffen waren und hier ihr Abendessen einnahmen.




Zurück am Konzertsaal stellte sich für uns die Frage, in welcher Konstellation der Konzertabend ablaufen würde. Neben Get Well Soon stand im Programmheft nämlich auch der Name Raphael Gualazzi. Wer würde wohl Vor- und wer Hauptband sein, oder würde die Band mit dem uns unbekannten Italiener gemeinsam musizieren? Nach dem Einlass in den für die kleine Stadt erstaunlich großen Konzertsaal mit ansteigenden Sitzreihen zeigte sich, dass bereits alles für eine größere Band aufgebaut zu sein schien, es hing unter anderem auch eine Geige bereit, die sicherlich auf Verena Gropper wartete - Get Well Soon würden also beginnen.




So kam es dann auch, nach einer für uns leider kaum verständlichen Ankündigung durch einen Conférencier (immerhin bekam ich mit, dass er etwas über das Friedensfest im Kontext der aktuellen Konflikte in Gaza sagte) betrat die Band die Bühne, stellte sich im Vergleich zu früheren Konzerten spiegelverkehrt auf und trug die ersten beiden Songs - "I Sold My Hands For Food So Please Feed Me" und "The Last Days Of Rome" ohne große Worte vor. Erst anschließend sagte Konstantin Gropper Hallo und entschuldigte sich auf Englisch dafür, dass sein Italienisch nicht gut genug sei, es vor einem italienischen Publikum zu verwenden. Mit sich selbst spreche er die Sprache aber gerne.



Es folgte ein leider nur recht kurzes Set mit insgesamt acht Songs, die von der Band wie gewohnt opulent und mitreißend dargeboten wurden. Inwieweit die Lieder dem Großteil des Publikums bekannt waren, konnte man nicht genau wissen, applaudiert wurde jedoch ausgiebig. Vor "Angry Young Men" erklärte Gropper, es gebe wohl kaum einen besseren Anlass für ein Musikfestival als den Frieden, wobei es im nun folgenden Lied eher um Aggression ginge. Nachdem die Band am Ende von "A Burial at Sea" kurz regungslos verharrt war (das ist übrigens auf dem nächsten Foto festgehalten, nur sind Fotos ja außerhalb der Harry Potter-Welt immer regungslos), kündigte Gropper das nächste Lied "You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)" an, indem er sagt, der folgende Song sei nicht dafür gedacht, im Sitzen gehört zu werden. Das Publikum traute sich zwar nicht so recht, von den Sitzen zu springen und zu tanzen, aber zumindest wurde mitgeklatscht. Verena Gropper war übrigens seit dem Maifeld Derby beim Friseur gewesen und hat nun einen recht kurzen Bob, der gut zum asymmetrischen Kleid passte.


Der Song schloss den Auftritt dann auch schon ab, das auf der Setliste als Zugabe vermerkte "Red Nose Day" wurde trotz begeistertem und anhaltendem Applaus nicht mehr gespielt. Stattdessen kam es zu einigen Comedy-artigen Szenen, weil sowohl Konstantin und Verena Gropper als auch Timo Kumpf beim Abbau kurz die Bühne betraten, um bei irgendetwas zu helfen, und das Publikum bei ihrer Sichtung jedes Mal wieder in Applaus ausbrach - was jeweils zu geschmeichelt-peinlich berührten Blicken der Künstler führte, die dann stets schnell wieder abgingen.




Nach einer weiteren Ankündigung durch den Moderator folgte nun der Auftritt von Raphael Gualazzi, von dem ich mittlerweile weiß, dass er 2011 für Italien am Eurovision Song Kontext teilnahm und zweiter wurde (hinter dem Duo aus Aserbaidschan). In Italien ist der Künstler sicherlich viel bekannter als Get Well Soon, dennoch rief seine Swingmusik, bei der er am Klavier sitzend sang, während ihn, auf Podesten stehend, sowohl eine Bläsergruppe als auch ein bemüht synchron tanzendes Sängerinnen-Trio begleitete, bei uns hauptsächlich Befremden hervor. Nach dem ersten seiner Songs verließen wir den Ort des Geschehens, so schnell wir konnten.



Draußen vor dem Auditorium bestand im Innenhof des Museums die Möglichkeit, die Konzerte auf einer Videoleinwand zu sehen, was an dem warmen Sommerabend auch ausgiebig genutzt wurde.

Schade, dass der Auftritt von Get Well Soon so kurz war und dass die Zugabe trotz der offensichtlichen Begeisterung des Publikums nicht gespielt wurde - das hatte sicherlich Zeitgründe, vielleicht wegen der Radioübertragung. Dennoch ein schönes Konzert in einem angenehmen Konzertsaal und zu einem wichtigen Anlass.



Setliste:

01: I Sold My Hands For Food So Please Feed Me
02: The Last Days Of Rome
03: A Voice In The Louvre
04: Roland, I Feel You
05: Werner Herzog Gets Shot
06: Angry Young Man
07: A Burial At Sea
08: You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)


Links:

- aus unserem Archiv:
- ca. 1 Million Get Well Soon Berichte hier

Fotos:

Dirk von Platten vor Gericht

Dienstag, 15. Juli 2014

The Indelicates, Montabaur, 12.07.14

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Konzert: The Indelicates
Ort: Ursulas und Dirks Wohnzimmer in Montabaur
Datum: 12.07.2014
Dauer: ca. 100 Minuten
Zuschauer: 22



Langsam aber sicher entwickelt sich Montabaur noch zur Musik-Location. Ich spreche natürlich nicht vom Mair1-Festival, das hier vor kurzem stattfand, sondern von unserem dritten Wohnzimmerkonzert. Dieses Mal hatten sich The Indelicates angesagt Wie bereits bei Pelle Carlberg erfuhren wir durch andere, bereits geplante Hauskonzerte im Konzerttagebuch-Kreis von der Tournee, den Rest machte dann Christoph für uns klar.

Wegen der bereits geplanten Tournee der Band war das Konzert terminlich festgelegt, weshalb es nur einen knappen Monat nach unserem Abend mit Jonah Matranga stattfand. Das bereitete mir (natürlich) Sorgen, denn es war schwer abzuschätzen, ob unsere Stammgäste sich schon so bald wieder bei uns einfinden werden würden. Hinzu kam noch die Fußball-WM, denn für den Abend war das Spiel um den dritten Platz angesetzt, in dem wir Deutschland als Teilnehmer vermuteten. Deshalb luden wir vorsichtshalber gleich auch zum Fußballschauen ein. Julia hatte diesem Arrangement zugestimmt und behauptet, sie freue sich darauf, Özil zu sehen, aber wir hofften im Geheimen, dass dieser am Spiel um den dritten Platz nicht beteiligt sein würde - erfolgreich, wie sich herausstellte.


Der nach zwei Konzerten schon quasi zur Routine gewordene Ablauf mit Abendessen für die Künstler und quasi parallel stattfindendem Aufbau wurde dieses Mal abgeändert: Die Indelicates wollten vor dem Konzert nichts essen und hatten ihre überschaubare Ausrüstung, bestehend aus Keyboard, Hocker und Gitarre, aber ohne Verstärker, selbst dabei. Aufzubauen gab es also auch nicht viel, dafür dann umso mehr Zeit, sich Sorgen zu machen, dass keiner kommen würde. Zwischendurch hatten wir auch noch Gelegenheit, hinter der "Bühne" ein eigens für den Konzertabend angefertigtes Lego-"Tourposter" aufzuhängen, bei dem es sich um das abgewandelte Plattencover ihres Albums "Songs for Swinging Lovers" handelte, und die Indelicates bauten auf unserem Couchtisch einen erstaunlich reichhaltigern Merchandisestand mit CDs, Vinylplatten, Postern und selbst gestalteten Kinderbüchern auf.


Einmal mehr hatte ich mir umsonst Sorgen gemacht, denn auch an diesem Abend erschienen erfreulich viele Gäste, um unsere Stühle und auch die Künstlerkasse zu füllen. Das Set des Duos begann, wobei sich die beiden Musiker erstaunlicherweise so aufgeteilt hatten, dass Simon etwa 90 % des Redens übernahm, wobei er zwar durchaus brauchbar Deutsch konnte, aber anscheinend wesentlich schlechter als Julia. Diese half lediglich bei der Übersetzung einzelner Begriffe aus dem Englischen, und nachdem die Ansagen ohnehin sprachlich nicht sonderlich komplex waren, ergab sich eine leicht absurde Situation, in der alle im Publikum mithalfen, deutsche Begriffe für etwas zu finden, das im Zweifel sowieso schon jeder verstanden hatte.


Zusätzlich zu den bereits erwähnten Instrumenten - Julia spielte Keyboard und sang gelegentlich, Simon spielte Gitarre und sang viel - gab es noch ein etwas seltsames Teil, mit dem Simon, wenn er in einen Schlauch blies, jaulende E-Gitarrentöne imitieren konnte. Wobei er zwar behauptete, das Ding sei peinlich und ein Weihnachtsgeschenk gewesen, er mochte es aber offenkundig sehr und brachte es bereits beim Soundcheck zum Einsatz - wir vermuten deshalb, dass sich das Teil auf seinem Wunschzettel befunden hatte. Mit und ohne Jaulen zeigte sich in jedem Fall, dass die Indelicates keine Mikros brauchen, um einen Raum mit Musik und Gesang zu füllen, der Sound war klar, gut und relativ laut. Bei "Flesh" erklärte Simon, der darin verwendete Gitarrenakkord komme in jedem zweiten Popsong vor und demonstrierte das zum Ende des Songs, indem er zahlreiche andere Lieder einbaute, beispielsweise "Let it be" und sogar Lenas "Satellite".


Simon hatte vor dem Set erzählt, dass man dem Duo, da es selbst Indie Rock mache, immer unterstellen würde, diesen auch zu mögen. Er mache aber Indiemusik, weil er alle anderen Interpreten dieses Genres doof fände und es besser machen wolle, und er höre Niki Minaj viel lieber als die Strokes. Was ihm aber offenbar sehr gefällt, sind Musicals: Die Indelicates haben ein komplettes Musical über die Waco-Tragödie vorrätig, und anscheinend arbeitet Simon aktuell an etwas, das "Paradise Rocks" heißen soll und Miltons berühmtes Versepos "Paradise Lost" nach Hawaii versetzt, mit Elvis als Satan. Aus diesem noch nicht vollendeten Werk hörten wir zwei Songs, die Simon jeweils stilecht mit Elvisstimme vortrug.


Mit "Dovakiin", in dem es um Skyrim spielende Schotten geht, und "Something goin' down in Waco" aus dem besagten vollendeten Musical, das mit quer gehaltener Gitarre und vielen verstellten Stimmen vorgetragen wurde, endete die erste Hälfte des Sets, es folgte eine kurze Ess-, Trink- und Klopause, während der die Band auch bereits mit einigen Fragen aus dem Publikum konfrontiert wurde.

In der zweiten Hälfte hörten wir unter anderem das sehr stimmungsvolle "Not alone", sowie den Quasi-Hit des Duos "Waiting for Pete Doherty to die", bei letzterem erklärte Simon, dass sie nie gedacht hätten, diesen zehn Jahre nach seinem Entstehen noch spielen zu können. "Be afraid of your parents" trug er anschließend ohne Gitarre  und mit vielen theatralischen Gesten vor, dann war es Zeit für die Zugaben.


Nach dem sehr traurigen, wegen der besseren Verdaulichkeit von einer Handpuppe "gesungenen" "Everything is just disgusting" bekamen wir auch kurz Julia als Puppenversion zu sehen, allerdings nur kurz. Beide Marionetten kamen auch in dem zugehörigen Video zum Einsatz. Nun begann ein Wunschkonzert. Einer der ersten Wünsche war "Last Significant Statement To Be Made In Rock'n'Roll", von dem Simon erklärte, sie könnten es nicht spielen, stattdessen gab es dann "New art for the people" und "America". 

Anschließend kamen wir, nicht zuletzt, da die Band die "Bühne" kaum verlassen konnte, noch eine zweite Zugabe, die mit "We hate the kids" endete - bei dem Simon jedoch arge Textprobleme hatte, weshalb er das Booklet der bereits zum Verkauf bereit liegenden CD studieren musste. Außerdem hatte er nun auch genug von seinem eigenen Indierock und forderte Wünsche nach anderen Musikstilen. Das dann postwendend "Marsch" gefordert wurde, überraschte ihn dann sichtlich, aber er gab sein bestes, während er beim nächsten Wunsch "Death Metal" schnell aufgab, um seine Stimme nicht für den folgenden Abend zu ruinieren. Mit Stil Nummer drei "Irish Folk" gab er sich dann wieder redliche Mühe und machte das Lied zu einer Art Pogues-Song. Mit der letzten Textzeile "No more music, thank you, goodnight." hatten wir dann das echte Ende des Konzertabends erreicht.


Nachdem das Interesse am Fußballspiel dann doch nicht riesig war, stiegen wir erst zur zweiten Halbzeit ein, die Band blieb auch noch ein bisschen, bevor sie Richtung Hotel aufbrach. Wiederum ein völlig anderes Konzerterlebnis als bei den ersten beiden Musikern, aber ein weiteres Mal mitreißend und intensiv.

Setliste:

Europe
I am Koresh
Flesh
Le godemiché royal
Lake of fire
All you need is love
Dovakiin
Something goin' down in Waco

We love you, Tania
Savages
Dirty Diana
Not alone
Our daughters will never be free
Waiting for Pete Doherty to die
Be afraid of your parents

Everything is just disgusting
New art for the people
America

Palekaiko Luau
We hate the kids

Links:

- aus unserem Archiv:
- The Indelicates, Montabaur, 12.07.14 (Christophs Bericht mit massenweise weiteren Links)

Bilder: Dirk von Platten vor Gericht



Sonntag, 22. Juni 2014

Jonah Matranga, Montabaur, 19.06.14

1 Kommentare

Konzert: Jonah Matranga
Ort: Ursulas und Dirks Wohnzimmer in Montabaur
Datum: 19.06.2014
Dauer: Zweimal über eine Stunde
Zuschauer: 27



Eigentlich wollte ich das alles nicht.

Obwohl unser erstes Wohnzimmerkonzert mit Pelle Carlberg wider Erwarten optimal verlaufen war, weshalb ich zukünftigen ähnlichen Unternehmungen nicht grundsätzlich negativ gegenüber stand, hätte ich mir eine Pause gewünscht. Ich dachte, wir warten ab, bis Herbst oder nächstes Jahr, damit man sich auch sicher sein kann, dass wieder genügend interessierte Gäste kommen.

Jonah Matranga war aber einer von zwei Wunschkünstlern, die uns von Gästen des ersten Konzerts genannt worden waren (Roxette erschienen uns weniger realistisch). Zufällig sahen wir, dass er auf seiner Homepage eine Europatournee ankündigte, mit der Bitte, ihn zu kontaktieren, wenn man Ideen hätte. Mein Freund brachte mich trotz meiner Bedenken mit einem Trick (das Konzert müsse überhaupt nicht zwingend bei uns Zuhause stattfinden, denn auch der Kollege mit dem Wunsch habe Interesse gezeigt) dazu, den amerikanischen Musiker anzumailen. Ich schrieb also meine E-Mail, wobei ich mir ziemlich doof vorkam - wie ein Kind, das seinen Lieblingsstar zum Geburtstag einlädt. Es kam keine Antwort, wir vergaßen die Sache. Man kann ja niemand vorwerfen, wenn er keine Lust hat, ein Wohnzimmerkonzert bei Fremden in Deutschland zu geben.



Dann kam - nach vier Wochen - doch noch eine Antwort, und zwar eine positive. Das klänge alles ganz prima, Hauskonzerte mache Jonah sowieso am liebsten, und wir sollten uns einen der noch freien Termine der Europtournee aussuchen. Als ich nun gegenüber meinem Freund zur Sprache brachte, dass das Konzert doch eigentlich gar nicht bei uns stattfinden sollte, meinte er, der betreffende Kollege sei verreist, deshalb müssten wir das nun schnell allein organisieren. Also eben doch bei uns.

Tatsächlich wurden meine Sorgen, niemand werde nach der recht kurzen Pause schon wieder zu uns kommen wollen, um erneut einen Mann mit Gitarre singen zu hören, bald entkräftet, denn die Gästeliste füllte sich recht schnell, sogar mit einigen langjährigen Fans des Künstlers, der bereits in einer ganzen Reihe von Band gespielt hat. Zu unser großen Überraschung kündigte sich einige Tage vor dem Termin sogar ein Fan an, der uns überhaupt nicht kannte, sondern auf Jonahs Website über das Konzert gelesen hatte.



Ein bisschen aufregend wurde es dann noch am Abend selbst, denn wir hatten Jonah samt Fahrer für 18 Uhr zum Abendessen eingeplant, ab 19 Uhr rechneten wir mit den Konzertgästen. Da unser Haus aber natürlich keinen Backstagebereich hat, wurde ich ziemlich nervös, als zur Essenszeit vom Musiker noch nichts zu sehen war und es später und später wurde. Letztlich regte ich mich aber, wie fast immer, umsonst auf, und alle Abläufe funktionierten halbwegs, auch, wenn es zeitlich eng wurde. Beim nächsten Mal (denn tatsächlich hat mein "Booker" bereits die nächste Band organisiert) müssen wir den Zeitplan ein wenig strecken.

Jonah Matrangas Eintreffen verpasste ich, weil ich gerade mit Nudeln kochen beschäftigt war, weshalb ich mich später fragte, zu welchen Zeitpunkt er wohl seine Schuhe ausgezogen hatte. Später erfuhr ich, dass er wohl bereits barfuß aus dem Auto gestiegen war.


Sein aktuelles Album heißt "You and me are two", wobei "are two" ein Wortspiel mit R2(D2) ist und der kleine Roboter aus Star Wars sowohl das Albumcover ziert als auch eine musikalische Rolle spielt. Jonah hatte selbst einen kleinen R2D2 dabei, wir hatten aber praktischerweise selbst einen riesigen Pappaufsteller der Figur besorgt und sammelten das Eintrittsgeld in einer R2D2-Tasse ein, so dass es an diesem Abend nicht an Roboterdekorationen mangelte. Auch die Einladung, die wir potenziellen Interessenten gegeben hatten, war passend mit R2D2 dekoriert gewesen.

Nachdem alle Gäste eingetroffen waren, konnte auch das Konzert beginnen. Jonah begrüßte uns auf Deutsch und betonte mehrfach den interaktiven Charakter des Abends, man dürfe sich jederzeit Lieder wünschen und auf beliebige Art kommunizieren. Los ging es dann erst einmal mit "I Really Love Yr Company" vom aktuellen Album, es folgte Johnny Cashs "I Still Miss Someone". Für "Bitte ein Kuss" nutze Jonah erstmals einen mp3-Player, um zusätzliche Beats einzuspielen, was dann noch mehrmals passierte. Das Lied handelt von einer Beziehung mit einer Deutschen namens Christiane, die nicht mehr besteht - aber der Song ist geblieben.

Auffällig war, neben der extremen Freundlichkeit, Dankbarkeit und Begeisterung des Künstlers, die uns bereits in seinen E-Mails überrascht hatte, die Inbrunst und Emotionalität der Darbietung, die sich gegen Ende oftmals in eine Art Brüllen (das aber immer noch den Ton traf) verwandelten. Für die Zuhörer war es beeindruckend, meine Katzen bevorzugten es allerdings, sich das Konzert im Schlafzimmer unter der Bettdecke anzuhören.


Zu "Every Mistake" erfuhren wir, dass das Lied von bedingungsloser Liebe handelt, genauer gesagt von der Liebe Jonahs zu seiner Tochter, aber nicht von einem hehren, letztlich bedeutungslosen Konzept aus Popsongs, sondern der Schwierigkeit einer solchen Liebe in der Realität. Insbesondere die Eltern im Publikum waren darüber nach eigenen Angaben tief gerührt. Bei "14-41" gab es einen ziemlich schrägen Versuch, die Zahlen des Songs (der sich um die Bedeutungslosigkeit von Alterskonzepten dreht) auf Deutsch aufzusagen, was nicht allzu gut funktionierte, aber für Lacher sorgte.

Schließlich traute sich auch endlich jemand, einen Wunsch zu äußern, allerdings war das "Deafening" ein ziemlich harter Song mit Schrammelgitarren von Jonahs früherer Band Far, den er sich so gar nicht als akustisches Gitarrenlied vorstellen konnte. Stattdessen gab es zunächst ein ruhigeres Lied vom selben Album ("At Night We Live"). Jonah erkundigte sich anschließend, ob es nun genehm sei, eine Pause zu machen - im Vorfeld hatte er mich bereits gefragt, wie lange er denn spielen solle, was ich nicht so recht beantworten konnte, weshalb ich nur scherzhaft "vier bis fünf Stunden" gesagt hatte. Er hatte ebenso unernst geantwortet "Und am Ende ein Schlagzeugsolo!". Man durfte also gespannt sein.


Nach "Stay" (das quasi als Wunsch ans Publikum gedacht war) gab es dann die Pause, in der der erste Merchandise (auch hier nicht autorisierte Star Wars Devotionalien) verkauft wurde und die ersten die Chance nutzten, mit dem Künstler zu sprechen. Beim Kauf von Platten und anderen Fanartikeln zeigte sich für die Gäste, dass es geradezu schwierig war, hier Geld auszugeben. Sowohl Jonah selbst als auch sein Fahrer betonten immer wieder, man solle einfach geben, was man könne, und wer bereits "Eintritt" bezahlt hatte, konnte seine CD eigentlich auch umsonst bekommen. Viele Gäste bemühten sich redlich, die Preise ein wenig hochzuhandeln. Jonah zog sich anschließend kurz zurück, um zu üben, und präsentierte anschließend eine Weltpremiere, eine akustische Version von "Deafening".

Während im ersten Teil des Sets Lieder von Jonah und seinem Soloprojekt onelinedrawing dominiert hatten, widmete er sich nun den Songs seiner früheren Bands New End Original, Far und Gratitude, weil sich in der Pause einige Fans dieser Bands zu erkennen gegeben hatten. Jonah erklärte, er wisse, dass seine Musik nicht in vielen Plattenregalen vorhanden sei, dass es ihn aber freue, dass sie seinen wenigen Fans häufig viel bedeute. "Better Than This" mit seinem Refrain "I'm better than nothing and nothing is better than this..." war ein Geschenk an Menschen, die emotionalen Verletzungen überstehen mussten. Außerdem stammt es von einem Album namens "Thriller", weshalb es auch ein Zitat aus Michael Jacksons "Wanna Be Startin' Somethin'" enthielt. In "#1 Defender" baute er kurz Neil Youngs "Heart Of Gold" ein.

Dann kam auch der kleine R2D2 zu seinem Einsatz, denn in "Smile" ersetzt sein Gezwitscher (also in Wirklichkeit R2D2-Gezwitscher vom mp3-Player) jaulende Gitarren im Stil von Eddie van Halen (der für die Aufnahmen leider nicht zur Verfügung stand).


Zum Schluss zog er den Stecker aus dem Verstärker und bot "Lukewarm" unplugged dar. Für "Sing" brauchte er noch nicht einmal eine Gitarre, sondern nutzte seinen eigenen Körper, Fußbaden, Wand, Tisch oder Gläser als Rhythmusinstrumente. Nach weit über 2 Stunden Konzertdauer kehrte er für "So Long" noch einmal zurück. Nach weiteren Plattenverkäufen und Gesprächen sowie der Aussage Jonahs, dieses sei das beste Konzert der Tournee gewesen, begann die Gästeschar langsam, sich aufzulösen, wobei Jonah sich bei vielen einzeln bedankte und fast alle zum Abschied geknuddelt wurden. Was für ein toller Abend mit einem gleichermaßen begeisterungsfähigen wie authentischen Künstler!

Setliste Jonah Matranga, Wohnzimmerkonzert, Montabaur:

01: I Really Love Yr Company
02: I Still Miss Someone (Johnny Cash Cover)
03: Bitte ein Kuss
04: No Hurry
05: Every Mistake
06: I Want You To Be My Witness
07: 14-41
08: Free
09: At Night We Live (Far)
10: Stay

11: Deafening (Far)
12: Halo (New End Original)
13: #1 Defender (New End Original) / Heart Of Gold (Neil Young Cover)
14: You're What Went Right
15: Hostage (New End Original)
16: The Greatest Wonder (Gratitude)
17: Better Than This (New End Original) / Wanna Be Startin' Somethin' 18: (Michael Jackson Cover)
18: Smile
19: Lukewarm (New End Original)
20: Sing

21: So Long (Z)


Bilder: Dirk von Platten vor Gericht


Sonntag, 8. Juni 2014

Maifeld Derby 2014, Tag 3

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Konzert: Girls in Hawaii, The Elwins, Temples, St. Vincent, The National
Ort: Maifeld Derby, Mannheim
Datum: 01.06.2014
Dauer: Girls in Hawaii ca. 55 Minuten, The Elwins ca. 45 Minuten, Temples ca. 55 Minuten, St. Vincent ca. 60 Minuten, The National ca. 110 Minuten
Zuschauer: unterschiedlich




Am letzten Tag des Maifeld Derbys war ich noch ziemlich geschafft vorm Band-Marathon des Vortags und auch schon ein bisschen Festival-müde. Gut, dass am Sonntag nicht mehr allzu viele Bands in mein persönliches Pflichtprogramm fielen. Stattdessen verbrachte ich ein wenig Zeit beim Steckenpferdwettbewerb, der an sich durchaus unterhaltsam war, mich aber doch nicht genug fesselte, um auch noch die Siegerehrung anzusehen.



Der Festival-Tag begann deshalb erst am frühen Nachmittag mit Girls in Hawaii - einer, man würde es angesichts des Namens nicht unbedingt vermuten, männlichen Band aus Belgien. Das Sextett besteht bereits seit 2001 und musste vor vier Jahren den Unfalltod seines Schlagzeugers (der gleichzeitig der Bruder von Sänger Antoine Wielemans war) verarbeiten.



Die Belgier, bei denen sich Lionel Vancauwenberghe und Antoine Wielemans den Gesang teilen, wobei Letzterer gelegentlich in einen alten Telefonhörer singt, eröffneten ihr Set mit "Sun Of The Suns" und "Not Dead" und ließen nichts unversucht, um das Publikum bereits am frühen Nachmittag zu begeistern: Der Keyboarder François Gustin stieg auf Boxentürme und animierte zum Mitklatschen und wurde bei seinen Kletterpartien nur noch von Antoine Wielemans' Ausflügen übertrumpft. Emotionaler Höhepunkt war aufgrund der Bandgeschichte der ruhigste Titel des zu kurzen Sets, "Misses".



Anschließend verfolgte ich, in Hörweite der Hauptbühne im strahlenden Sonnenschein sitzend, mit einem Auge und Ohr die The Elwins. Die kanadische Band überraschte mit ihrer Entscheidung, ein Beyoncé-Lied namens "Countdown" zu covern und hierfür mit dem Publikum einen (deutschsprachigen) Countdown einzuüben. Außerdem hatte ihr Bassist möglicherweise den auffälligsten Schnurrbart des Festivals (trotz starker Konkurrenz in Form eines Rah Rah-Mitglieds). Amüsant und zum guten Wetter passend war das Set allemal, aber ich muss zugeben, den Kanadiern sonst nicht die Aufmerksamkeit entgegen gebracht habe, die sie vielleicht verdient gehabt hätten.



Direkt nach dem Auftritt der Elwins und der Ehrung für den außergewöhnlichsten Bart konnte auch der Festivalpreis für die spektakulärste Frisur - trotz des noch folgenden Auftritts von St. Vincent - vergeben werden. Im Palastzelt traten Temples auf, und auch wenn in der Band noch drei weitere Preisanwärter gesichtet werden konnten, ging dieser doch klar an deren Sänger James Edward Bagshaw.



Optisch und musikalisch nahm uns das Quartett aus dem englischen Kettering mit auf einen unterhaltsamen und kurzweiligen Trip in die sechziger/siebziger Jahre und die Hochphase des Psychedelic / Glam Rock. Aus ihrem Debütalbum "Sun Structures" präsentierten sie 8 der 12 Songs, die noch um die ungewöhnliche, weil Keyboard-lastige B-Seite "Ankh" ergänzt wurde. Beim ausufernden und rockigen "Sand Dance" konnte man in etwa nachvollziehen, wie es früher wohl auf einem Konzert von Led Zeppelin gewesen ist. Für den Schluss hoben sich die Briten ihre beiden besten Songs auf: "Mesmerise", das durch das Anfügen eines langen instrumentalen Ausklangs bestimmt auf doppelte Spiellänge gezogen wurde, und "Shelter Song".

Setliste:

Colours To Life
Sun Structures
A Question Isn't Answered
Ankh
Move With The Season
Keep In The Dark
Sand Dance
Mesmerise
Shelter Song
St. Vincent

Bekanntlich braucht ja jedes Festival seinen Regenschauer. Der des diesjährigen Maifeld Derbys fand direkt nach dem Temples-Auftritt statt und führte dazu, dass wir lieber eine Pause am überdachten Fressstand einlegten, als das Set von Hozier zu besuchen.



Bei St. Vincent hatte ich im Vorfeld den Verdacht gehabt, dass ihr Auftritt mir auf die Nerven gehen würde - möglicherweise hatte ich das Album einmal gehört und mir außer meinem Urteil sonst nichts davon gemerkt. Dennoch, wir wollten bei The National eine gute Sicht haben, und der wahrscheinlichste Weg dorthin war es, bereits bei St. Vincent vorne zu sein (und den Auftritt von Wye Oak auszulassen). Die Solokünstlerin war übrigens nicht nur beim Maifeld Derby der "Support" für The National, sondern ist auch sonst aktuell mit diesen auf Tour.



Annie Clark hatte im Hintergrund einen Keyboarder und einen Schlagzeuger dabei, vorne auf der Bühne leistete ihr eine weitere Keyboarderin / Gitarristin Gesellschaft. Der Auftritt der Musikerin war sehr künstlerisch durchgeplant. Sie selbst trug ein avantgardistisches Kostüm und machte beinahe ausschließlich roboterartige Bewegungen. Die Mitmusikerin gesellte sich zeitweise zu ihr und nahm an der Choreographie teil - so wurde symmetrisch auf der Bühne umher getrippelt oder auch einmal nach Art von ZZ Top synchron Gitarre gespielt. Das Set hatte auch eine Art "Handlung", so erklomm Annie zu "Cheerleader" ein sehr hohes Podest im Hintergrund der Bühne, sang von dieser erhobenen Position aus und kauerte schließlich, bevor sie am Ende von "Prince Johnny" scheinbar sterbend zusammenbrach und anschließend theatralisch Stufe um Stufe herunter rutschte.



Der Auftritt war auf seine Art also durchaus unterhaltsam und allemal interessanter als der von Warpaint, allerdings finde ich St. Vincents Elektromusik mit häufigem Gitarrengeschrammel in höheren Dosen schnell kopfschmerzauslösend.



Setliste:

Rattlesnake
Birth in Reverse
Regret
Cruel
Digital Witness
Every Tear Disappears
Surgeon
Cheerleader
Prince Johnny
Year of the Tiger
Marrow
Huey Newton
Bring Me Your Loves



Hinterher stellte sich heraus, dass für gute Plätze im The National-Publikum ein Besuch bei der Vorband nicht zwingend notwendig gewesen wäre - bis auf die ersten drei Reihen leerte sich das Zelt in der Pause vor dem Festival-Headliner fast komplett. Aber natürlich füllte es sich genauso schnell auch wieder, so dass man nicht bereuen musste, früh dort gewesen zu sein. Schließlich war dieser Bandname für ein Festival dieser Größe ein ungewöhnlich bekannter. Im Programmheft wurde erklärt, dass die Buchung von The National nur durch eine glückliche Terminlage möglich gewesen war (sprich: die Band war in Deutschland und hatte keinen anderen Termin). Man darf gespannt sein, wie die Festivalmacher diesen Headliner nächstes Jahr toppen wollen. Finanziell dürfte sich der Glücksfall in jedem Fall gelohnt haben: Die Tagestickets für den Sonntag waren zumindest ausverkauft.



The National hatte ich erst im letzten November live gesehen und ihr Konzert für durchaus gut befunden. Würde dieser Auftritt ohne neueres Material einfach dasselbe bieten, nur eben im Zelt? Wiederum war man zu siebt erschienen, zusätzlich zu den regulären Bandmitgliedern hatte man wieder zwei Trompeter dabei.

Nach dem ersten Lied "Don't Swallow the Cap" gab es eine kurze Pause, in der Matt Berninger erklärte, Bryan Devendorf könne nichts mehr hören, was entweder  an einem Aneurysma  liegen könne, oder es seien einfach die Batterien leer. Bryce Dessner entgegnete sofort, dass Matts Witze immer schlechter würden und dass Aneurysmen nicht witzig seien. Uns im Publikum war neu, dass Matt überhaupt Witze macht, es folgten sogar noch weitere - die Bryce allerdings auch nicht lustiger fand.



Weiter ging es mit einem Mix aus neuen und alten Songs, der dem in Düsseldorf ähnelte, auch optisch, denn erneut wurden auf der LED-Wand im Hintergrund passende Bilder zu einigen Songs gezeigt, etwa Regen bei "England" oder blutkörperartige Gebilde bei "Bloodbuzz Ohio". Es gab jedoch auch Unterschiede, denn wir bekamen an diesem Abend unter anderem auch "Hard To Find", "Ada" und "Abel" zu hören.

Matt Berninger war in Hochform, trank großzügig Weißwein, zunächst aus dem Becher, später direkt aus der Flasche, die er im Zugabenteil dramatisch auf einer Monitorbox zerschmetterte, und konnte der auf Facebook zirkulierten Materialzerstörungsliste der Band schon kurz nach Konzertbeginn einen Mikrophonständer hinzufügen, worauf er gleich einen neuen bekam und zunächst grinsend verhinderte, dass der überflüssige von einem Roadie wieder weggenommen wurde. Einer in Reserve ist eben immer gut...



Das Set von The National machte dem Publikum großen Spaß, bei beinahe jedem Song, der angespielt wurde, erklangen laute Jubelrufe. Mir war in der Vergangenheit nicht aufgefallen, dass die Band bei praktisch allen Textpassagen mitsingt - vielleicht hat sie es auch früher nicht getan. Selbst die Bläser sangen manchmal mit. Bei "Pink Rabbits" trat der Posaunist nach vorne an den Bühnenrand und damit ins Rampenlicht. Bryce Dessner hantierte bei "I Need My Girl" mit zwei Gitarren gleichzeitig, während er bei "Slow Show" die Gitarrensaiten mit einem Geigenbogen bearbeitete.

Herr Berninger hat in der Vergangenheit bereits zu Bühnenklettereien geneigt und enttäuschte auch an diesem Abend nicht: Erst sprang er in den Bereich zwischen Bühne und Publikum, später, als wir bereits im Zugabenteil waren, umrundete er in zwei Etappen quasi das Publikum - da wir vorne standen, konnte man nur an der Richtung, in die die Mikrophonschnur zeigte und an den besorgten Blicken der Security erkennen, wo er gerade singend unterwegs war - bis er, unglaubliche Freude und Bewegung im Publikum hervorrufend, direkt bei uns wieder auftauchte.



Matt Berningers emotionale Ausbrüche, beispielsweise bei "Squalor Victoria", waren wieder einmal prächtig, sein Spruch, als bei der Wiederkehr der Band für den Zugabenteil zunächst die Devendorf-Brüder fehlten, "We have lost the Devendorf brothers. Bryan and Scott, call your mother!" gefiel Bryce wiederum nicht. "You don't hear people laughing because you're wearing your earplugs!" war Matts Entgegnung.

Nach drei tollen Zugaben ("Ada", "Mr. November" und "Terrible Love") gab die Band als letztes Lied noch eine akustische Version von "Vanderlyle Crybaby Geeks" zum besten, wofür alle nach vorne an den Bühnenrand kamen und das Publikum in den Gesang mit einstimmte - wieder ein schöner und irgendwie persönlich wirkender Moment, der das Festival perfekt abschloss.



Setliste:

Don't Swallow the Cap
I Should Live in Salt
Mistaken for Strangers
Sorrow
Bloodbuzz Ohio
Sea of Love
Hard to Find
Afraid of Everyone
Conversation 16
Squalor Victoria
I Need My Girl
This Is the Last Time
Abel
Slow Show
Pink Rabbits
England
Graceless
About Today
Fake Empire

Ada
Mr. November
Terrible Love
Vanderlyle Crybaby Geeks 



Letztes Jahr hatte ich ein bisschen gezweifelt, ob das Maifeld Derby ein dauerhafter Eintrag in meinem Kalender bleibt, ließ mich dann letztlich doch wieder hinreißen, die spottbilligen Frühbucher-Scheuklappentickets zu kaufen und wurde nicht enttäuscht. Dieses Jahr gab es geradezu irritierend wenig zu meckern. Selbst die Leergutrückgabe nach dem The National-Set sowie der Rücktausch unserer letzten Getränkemarke waren rasend schnell erledigt.

Einzige Verbesserungsvorschläge, die mir für kommendes Jahr einfallen: Den Parcours d'Amour auch am Festivalsonntag öffnen. Er ist atmosphärisch einfach am schönsten und beinahe die einzige Möglichkeit, auf dem Festivalgelände ohne Wiese halbwegs bequem zu sitzen. Und natürlich der Streichelzoo.

Links: Fallen angesichts der Bandfülle dieses Mal aus, andere Berichte lassen sich aber leicht über die Labels finden.

Bilder: Dirk von Platten vor Gericht, der auch den Temples-Bericht verfasst hat.



 

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