Sonntag, 2. November 2014

Belle & Sebastian, Paris, 31.10.14


Konzert: Belle & Sebastian
Ort: Grande Halle de la Villette, Paris (Pitchfork Festival)
Datum: 31.10.2014
Dauer: 73 min
Zuschauer: einige Tausend (ausverkauft)



Eigentlich gehöre ich nicht zur Pitchfork-Zielgruppe - auch musikalisch. Aber auch Belle & Sebastian tun das nicht richtig, sie sind viel zu wenig hip und passen eigentlich nicht zu einem Festival, das vor allem elektronische Acts oder Künstler wie James Blake oder Future Islands bucht. Hätte mich jemand gezwungen, auch die beiden anderen Tage in der Grande Halle de la Villette zu verbringen, hätte ich mir gerne Notwist und Mogwai angesehen, der Rest hätte mich dagegen gar nicht interessiert. Der Freitag mit Belle & Sebastian als Headliner bot für mich nichts. St. Vincent habe ich im Sommer gesehen (und das reicht mit dem aktuellen Programm), die Future Islands im Mai (und das reicht für immer), Chvrches beim Introducing im Gebäude 9 (und das reichte nicht, um dafür den ganzen Abend im ausverkauften Hipstertempel zu verbringen). Also blieben Perfect Pussys 23 min Geschrei am späten Nachmittag und Belle & Sebastian um Mitternacht.

Das Festival war gespickt mit Ärgernissen. Bei Verlassen des Festivals gab es keinen Wiedereinlass - trotz Bändchens. Um im die Halle zu kommen, musste man an einer 80's-Radio-Disco vorbei, in der Wham lief und ironische Menschen ironisch tanzten - rund um den Messestand eines Autoherstellers, der einige Modelle (eines in Glitzeroptik) und zwei Bowlingbahnen mitgebracht hatte. Was das mit Indie-Musik oder Indie ohne Musik zu tun hat, weiß ich nicht. Nein, die wundervollen Belle & Sebastian passten hier wirklich nicht hin. Das Konzert wurde trotzdem hervorragend. Und es fand vor vielen mitsingenden, euphorischen Zuschauern statt, die passten also auch nicht richtig dahin.

Im Januar erscheint das neue Album der Indiepop-Helden aus Glasgow Girls in peacetime want to dance (oder "Das graue Album"). Vor einigen Tagen machte ein erster Song die Runde im Internet. Die Reaktionen dazu waren alles andere als begeistert, also habe ich mir das Lied nicht angehört.

Als B&S um Mitternacht auftraten, lief hinter der Bühne ein Video mit den Figuren des Covers der grauen Platte. Das erste Stück stammte allerdings von einem anderen Album mit bläulich-grauem Titel, von Tigermilk. You're just a baby haben die Schotten bisher so gut wie nie gespielt. Die ersten 3 1/2 Minuten des Konzerts waren schon genug Gegenmittel gegen den ganzen Pitchfork-Ärger! 

Danach folgten zwei Live-Lieblinge: Funny little frog (meine Patenkinder werden neidisch sein!) und Sukie in the graveyard. Ich hatte mir bewußt keine Setlisten von anderen Konzerten angesehen, weil ich mich überraschen lassen wollte. Bei Lieblingsbands, die ihre Konzerte immer anders gestalten, liebe es, nach jedem Stück gespannt darauf zu sein, was als nächstes kommte. Das ging offenbar vielen so - in unserer Umgebung standen Fans only, weiter hinten der quatschende Hipster-Rest, den ich nicht hörte, ich bekam nur später einige Male mit, daß irgendwo hinter mir Leute andere lautstark baten, leiser zu sein - die Mitsingquote vorne und das Bejubeln der ersten Takte der Stücke waren groß!

Nach Sukie kamen die beiden ersten Lieder nacheinander. Allie, über eine Frau, "die einen schlechten Tag hatte" und Perfect couples. Beide Titel wurden von eigenen Videos unterstützt. Das Video von Perfect couples war herrlich! Es zeigte einen Raum (der so aussah wie die Zimmer in der Sesamstraße), in dem Partygäste feierten, sich umarmten, Platten umdrehten, die Deko und Bilder wechselten. Leider war das von Stevie ("je m'appelle Etienne") gesungene Lied nicht so spannend wie das Video (es klang ein wenig nach den Talking Heads). Allie dagegen hat es mir auf Anhieb angetan, es ist eine Spur düster und klang überhaupt nicht nach Disco.

Danach kündigte Stuart Murdoch ein Lied an, dessen Jahreszeit bald wieder sei - also natürlich Fox in the snow von der roten Platte (der besten, oder?). Auch wenn Fox in the snow einer meiner größten Lieblinge der Band ist, ärgerte es mich ein wenig (Musiknerds Luxusproblem), weil dann Like Dylan in the movies nicht kommen würde, das weiß man. Und Like Dylan ist der noch größere Liebling. Naja, es kam doch. Direkt im Anschluß. Stuart Murdoch hat mal auf eine Frage nach dem Zustandekommen der Setlists der Band und danach, welchen Gesetzmäßigkeiten das folgt, geantwortet, er schreibe die eben morgens spontan auf, je nachdem, worauf er gerade Lust habe. Die Band müsse damit leben. Ein paar Publikumshits müssten sie immer spielen, der Rest wäre vollkommen spontan und willkürlich. In Paris war es eine herrliche Willkür!

Nach I didn't see it coming, dem einzigen Stück von Write about love folgte das letzte der neuen Lieder, das von mir bisher ignorierte The party line. Am Anfang fand ich es auch nicht besonders euphorisierend, je länger der Refrain wiederholt wurde, desto besser gefiel er mir, das wird also!

Danach kam ein "dancefloor classic", The wrong girl. Davor hatte Stuart Leute in Halloween Kostümen gebeten nach oben zu kommen um zum nächsten Stück auf der Bühne zu tanzen. Das nächste war The boy with the arab strap, die Kostümierten u.a. eine Frau im Ganzkörper-Hasenanzug, die sich irgendwann neben den Sänger ans Klavier setzte. Im Gegenzug änderte Stuart den Text am Ende. Aus "she's a waitress and she's got style" wurde "she's a rabbit and she's got fur". Eine der anderen Tänzerinnen überforderte ihn, er sang "she's a... what are you?"

Sleep the clock around scheint einer der gesetzten Titel zu sein, es beendete wieder einmal das Konzert. Dazu stieg Stuart irgendwann auf das Klavier, an dem diesmal Stevie Jackson saß. Weil er beim punkigen Hochsteigen aber nicht daran gedacht hatte, daß er da oben kein Mikro habe, hielt ihm sein Kollege den Mikroständer für den nächsten Gesang nach oben!

Leider ließ der hippe Zeitplan nur eine Zugabe zu - eine natürlich wundervolle, Get me away from here I'm dying (mit Melodica-Duetten!). Zehn Minuten später räumten die unfreundlichen Security-Typen den Merchandise Stand und schmissen Leute im Kaufprozess raus aus der Halle. Da war wieder die ärgerliche Pitchfork-Festival-Realität. Als wir etwas später draußen standen, bekamen wir mit, wie die Gorillas einen Gast handgreiflich rausbeförderten. Jemand der daneben stand und etwas sagte, wurde von einem der Security-Typen angeblöfft, ob er Ärger wolle. Das passte alles hervorragend zusammen. Nur Belle & Sebastian passten eben nicht so recht dazu, sie waren viel zu gut, sympathisch und wohltuend unhip! Ach, was freue ich mich auf die nächsten Male mit der Band aus Glasgow!


Setlist Belle & Sebastian, Pitchfork Festival, Paris:

01: Intro
02: You're just a baby
03: Funny little frog
04: Sukie in the graveyard
05: Allie (neu)
06: Perfect couples (neu)
07: Fox in the snow
08: Like Dylan in the movies
09: I didn't see it coming
10: The party line (neu)
11: The wrong girl 
12: The boy with the arab strap
13: Sleep the clock around

14: Get me away I'm dying (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Belle and Sebastian, Larmer Tree Gardens, 01.09.13
- Belle and Sebastian, Barcelona, 27.05.11
- Belle and Sebastian, Minehead, 11.12.10
- Belle and Sebastian, New York, 30.09.10
- Belle and Sebastian, Latitude-Festival, 17.07.10


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