Mittwoch, 11. April 2007

CocoRosie, Paris, 10.04.07

Konzert: CocoRosie
Datum: 10.04.2007
Ort: Le Grand Rex, Paris
Zuschauer: complet, ausverkauft

Vor dem heutigen Konzert von CocoRosie war ich auf alles gefasst. Entweder würde mich das unsäglich nerven, oder aber verzaubern.. Beide Varianten hielt ich für möglich, die beiden Casady-Schwestern polarisieren eben.

So habe ich zum Beispiel erst kürzlich einen vernichtenden Verriss in der französischen Musikzeitschrift Magic zum neuen Album "The Adventures of Ghosthorse and Stillburn" gelesen. Die Kritikerin Faustine Kopiejwski lästert hierbei mal so richtig über die in Paris lebenden Amerikanerinnen ab und läst wirklich kein gutes Haar an ihnen. So hält sie z.B. bereits den Albumtitel für ermüdend, den Gesang für schrecklich nervig und den Hip-Hop-Folk Sound für gräßlich. "Gäbe es eine 'Gehörpolizei', so müßte man das neue Opus unter Quarantäne stellen, um einen juckenden Ausschlag zu verhindern", folgert sie zynisch.

Ich war also vorgewarnt, hatte aber trotzdem gewisse Hoffnungen in den Abend gesetzt, da mir persönlich das neue Album nach den ersten Hördurchgängen gar nicht mal so schlecht gefiel. Die beiden Vorgänger besitzte ich auch, hatte sie aber lange nicht mehr gehört.

Zunächst überwog aber das nervige Moment. Auf dem Weg zum Grand Rex, einem alten Theater, das heutzutage normalerweise als Kinosaal dient, hatte ich mir meine schönen Kopfhörer ruiniert, sie wollten partout keinen Kontakt zu meinem i-pod aufbauen.

Entsprechend angesäuert kam ich in dem Konzertsaal an. Die Nervereien sollten sich auch mit den (ja, es gab mehrere!) Vorgruppen fortsetzen. Als erste trat eine Punk-Lady auf die Bühne, legte sich auf einen im vorderen Bühnenteil aufgebauten Tisch mit weißem Tischtuch und trug frühen 80er-Punk vor. Besonders schrecklich war eine Cover-Version von "My heart will go on" von Celine Dion. Als sie sich davonschlich, glaubte ich, das Schlimmste überstanden zu haben. Aber weit gefehlt! Als nächstes kam nämlich ein junger Rapper, der eine menschliche Beatbox verkörperte und das Publikum mit Neuinterpretationen von "Kiss" und "Sexy motherfucker" von Prince beglückte. Schrecklich!

Noch einen obendrauf setzte ein farbiger, junger Mann, in einem hautengen, pinkfarbenenen Ballettanzug, der ein absurdes Gedicht vortrug!

Au weia, worauf hatte ich mich hier eingelassen?

Zum Glück kamen dann endlich die Hauptdarstellerinnen des Abends reingeschlurft, Sierra und Bianca Casady nämlich, die sich hinter dem Namen CocoRosie verbergen. Begleitet wurden sie von drei Musikern, einem Pianisten, einem Gitarristen und dem Typen, der vorher als menschliche Beatbox fungiert hatte.

Los ging es mit "Houses" vom neuen Album, geschrieben von Hippie-Kollege Devendra Banhart. Überraschenderweise war das ein Auftakt nach Maß, denn ihr melancholischer Neo-Folk, gemischt mit elektronischen Elementen und allerlei bizarren Geräuschen zog mich ziemlich schnell in seinen Bann. Meine Laune besserte sich zusehends! Besonders gut gefiel mir das Harfespiel von Bianca (oder war das jetzt Sierra?), der kindlich-naive Gesang und die visuelle Umsetzung. Hinter der Bühne war eine riesige Leinwand aufgebaut, die verrückte Videos zeigte. So sah man unter anderem ein brennendes Haus (passte also zu "Houses"), Voodoo-Puppen, eine blonde Frau mit grell geschminkten Lippen, eine Eiskunstläuferin und Projektionen, die an Marc Chagall erinnerten. Ein Erlebnis für Augen und Ohren sozusagen. Solch tolle Videos hatte ich seit dem Konzert der Flaming Lips nicht mehr gesehen! Aber auch die Songs wußten zu überzeugen, beispielsweise "Animals" und "Sunshine", beide neu. Toll dieser leichte Hip-Hop Einschlag, das animierte richtiggehend zum Tanzen. Zu blöd für Björk, daß sie im Laufe des Jahres ebenfalls ein Album rausbringen möchte, welches abgedrehten Neo-Folk mit Rap verbinden soll. Wer zu spät kommt, den bestraft halt eben das Leben...

Auffällig fand ich heute auch die Parallelen zum Gesang einer Joanna Newsom. Die Casady-Sisters haben dieses herrliche kindliche Gepiepse ähnlich gut drauf. Aber sie beherrschen auch einen nahezu opernhaft anmutenden Gesang. Ich gebe zu, daß sie mich gekriegt haben. Ich war hin und weg, völlig dieser Welt von Feen, Harlekinen, Zaubererern, Vodoo-Puppen und Piraten verfallen! CocoRosie sind großartig, das ist mir jetzt endgültig klar! Welche Band ist schon dermaßen kreativ? Die eben zitierte Joanna Newsom sehr wahrscheinlich, Animal Collective, Grizzly Bear, Antony and The Johnsons, mit denen sie oft zusammenarbeiten, wohl auch. Aber sonst? Nichts als New Wave-Aufgüsse am Indie-Horizont...

Zu meiner Freude spielten CocoRosie auch Stücke vom ersten Album "La maison de mon rêve", vor allem natürlich "Terrible Angels" und "By my side". Sehr schön war auch, daß sie diese Lieder anders interpretierten als auf dem Album. Hier kam halt nichts aus der Konserve. "By my side" beschloß dann auch das offizielle Set und die Band verließ unter tosendem Applaus für's Erste die Bühne.

Es war aber noch lange nicht Schluß, denn es gab noch vier Zugaben, darunter "Japan", "Rainbowarriors" und das fabelhafte "Werewolf" allesamt von "The adventure of ghosthorse and stillborn". Die zweite der vier Zugaben kannte ich allerdings leider nicht, es handelte sich um ein Lied mit der witzigen Songzeile "You just wanna fuck me". Kennt das vielleicht jemand?

Nach "Werewolf" schien dann ausgecocorosiet zu sein, die Videoleinwand ging aus und die Hauptdarsteller verließen für lange Zeit die Bühne. Das Publikm hatte aber noch lange nicht genugt und klatschte minutenlang frenetisch Beifall. Mir schien das vergebene Liebesmühe zu sein, obwohl ich mich ebenfalls lautstark beteiligte.

Aber dann kamen die Wahlpariserinnen doch noch einmal zurück, begleitet von mit Körperfarbe bemalten Tänzern, so daß die Bühne ziemlich voll wurde. Ich glaube sie haben eine Cover-Version von irgendeinem Mainstream-Song gespielt, ich werde das mal nachforschen.*1 Sogar eine zweite Zugabe der Zugabe gönnten sie uns noch, ich denke es war "Miracle" *2 und zwar der Teil, der auf dem neuen Album als "hidden track" auftaucht. Danach fiel endgültig der Vorhang.

Ich war hin und weg und will CocoRosie unbedingt noch mehrfach sehen in diesem Jahr.

Kann ich jedem empfehlen, der schräge Musik mag, deshalb hier mal eine Auswahl an kommenden Konzerten:

15. April : London
06. Juni : Mannheim
08. Juni : Zürich
10 Juni : München

*1 Es handelte sich um "Turn me on" von Kevin Lyttle
*2 Nein, es war Tekno love song

Auszug aus der Setlist CocoRosie:

Houses
Animals
Promise
Sunshine
Terrible Angels
Beautiful boys
By my side
Japan (Z)
Rainbowarriors (Z)
Werewolf (Z)
Turn me on (Kevin Lyttle Cover) (Z)
Tekno love song (Z)

von Oliver




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