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Donnerstag, 12. Juli 2012

Festival Le Rock Dans Tous Ses Etats, Evreux, 29.06.12

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Festival Le Rock Dans Tous Ses Etats 1. Tag

Ort: Evreux, Normandie

Datum: 29.06.12

Zuschauer: tausende


Ach, herrlich, Freunde! Endlich wieder Festivals! Was gibt es Schöneres? Musik in frischer Luft, lolitahafte Mädchen mit knackigen Körpern, wohin meine lüsternen Altherrenaugen nur schauen (nennt mich Humpert Humpert!) und eine gute Band nach der anderen. Perfekt. Wenn dann noch das Wetter mitspielt, steht einem guten Tage nichts mehr im Wege.

So war dann auch jener 29. Juni 2012 close to perfect. Ich hatte eine Gratis-Eintrittskarte zugeschanzt bekommen, wurde von Freunden umsonst in die Normandie mitgenommen, bekam problemlos meine mittelgroße Kamera (eine Bridge) mit rein und genoss durchgängig tolle Bands und die hervorragende Stimmung. Zudem ist Le Rock Dans Tous Ses Etats nie überlaufen und die Wege von der einen zur anderen Bühne angenehm kurz.


Los ging es für mich mit dem Franzosen Daniel Darc. Ein Kultstar, der schon zu Zeiten der New Wave Bewegung mit seiner Gruppe Taxi Girl für Furore gesorgt hatte und unter seinem Namen regelmäßig sehr schöne, ungemein melancholische Alben mit französischen Texten aufnimmt. Der Kerl hat aber leider sehr exzessiv gelebt. Seine 53 Jahre sieht man ihm mehr als an, der bucklige Gang und die seltsame Körperhaltung lassen ihn noch viel älter erscheinen. Er konnte die Finger nicht von Drogen und vom Alkohol lassen und an den Folgen leidet er eben heute. Im Grunde genommen hat er Vieles mit Pete Doherty gemein. Genau wie der Brite hat Darc eine poetische Ader, liebt Literatur und hat eine feine Beobachtungsgabe. Er ist der ewig Unverstandene, der James Dean der französischen Popmusik.


Trotz allem oder gerade deswegen sind seine Lieder sehr bewegend. In Evreux rührte er mich mit seinem nuscheligen Gesang, seiner düsteren Poesie und den tollen Melodien fast zu Tränen. Es war heiß in der Normandie, nur wenig Leute waren zu diesem frühen Zeitpunkt schon erschienen und ein abgehalfteter Rockmusiker mit riesigen schwarzen Tattoos auf beiden Armen setzte mir emotional schwer zu. Schon kurios. Aber auch irgendwie schön. Seine Band war ohnehin spitze, gab dem Sound die Dynamik, die der Frontmann schon lange nicht mehr besitzt. Beschlossen wurde das recht kurze Konzert mit einem Medley englischer Klassiker von The Fall, The Clash und The Ramones (Blitzkrige Bop). Er mag eben diese alten Helden des Punk, der Daniel, obwohl ich ihn definitiv lieber auf französisch höre.



Dann war Seitenwechsel angesagt. Das Festivalvolk marschierte nun rüber zu der gegenüber liegenden Bühne, wo der Ameriker M. Ward und seine Band musizierten. Countryeske Klänge erfüllten die Anlage, es lag ein Hauch von Tennessee in der würzigen Luft der Normandie. Matt Ward hatte in den vergangenen Jahren ja vorwiegend Schlagzeilen mit seinem Duo-Projekt She & Him gemacht, aber bei dieser Festivalsaison geht er auch endlich mal wieder unter seinem Namen an den Start. Ich hatte mich lange nicht mehr mit ihm beschäftigt, war aber im Nu wieder angetan von seiner rauchigen Stimme mit dem bluesrockigen Timbre. Der Mann hat Klasse, keine Frage. Und der etwas antiquierte Stil seiner Band war eine Wohltat, eine schöne Abwechslung zum moderneren Allerlei, was man sonst bei Festivals so hört. Seine Songs kannte ich allerdings in der Mehrzahl nicht, zu lange war es her, daß Sachen von ihm auf meinem I-pod liefen. Erkannt habe ich aber sofort Chinese Translation (von Post War 2006) Primitive Girl (neu) und Rollercoaster (Post War), zudem das Cover Bean Vine Blues ' 2 von John Fahey.

Einige Festivalbesucher hielten das Ganze für zu amerikanisch, aber ich hatte meinen Spaß mit M. Ward und seiner Band. Ein tolles Konzert daß mit dem Chuck Berry Klassiker Roll Over Beethoven sein Ende fand.

Danach wurd's a weng krass. Bomba Estero aus Kolumbien zogen nun auf der anderen Bühne vom Leder und ihre Mischung aus funkigem Latino-Pop à la CSS und Hip Hop im Stile von M.I.A klang ziemlich beschmiert. Dennoch ging das Publikum ab wie so ein Zäpfchen und die jungen Mädchen hüpften rum als hätten se Hummeln im Hintern. A propos Hintern: der von der Sängerin sah in der engen Jeans Short ziemlich geil aus, aber das war auch schon das Einzige, was ich diesem Konzert abgewinnen konnte.


Im Anschluß kamen die Punkrocker von The Bronx auf der Scène B zu ihrem Recht. Ihre Musik war ein einziges unmelodiöses Gehaue und Gesteche, das man wohl nur besoffen ertragen konnte. Der klatzköpfige Fettsack von Sänger peitschte das Publikum permanent an und seine Liebslingsvokabel war hierbei "fuck". Alles bei ihm war "fuck". Logischerweise lautete sein Dank an die Zuschauer am Ende dann auch: "thanks for fucking."


Ab 21 Uhr 30 dann endlich wieder vernünftige Musik. The Rapture standen bereit und trotz des geschmacklosen Bandnamens wurde es nun stark. Punk/Funk war angesagt und diese Mischung funktionierte so gut, daß die Leute unentwegt tanzten. Die Ryhthmen waren aber auch enorm zackig und der eunuchenhafte Gesang von.... kam fantastisch rüber. Die Kuhglocken und die scharf angerissenen Gitarren taten ihr Übriges für das Gelingen eines mit Hits gespickten Sets. Get Myself Into It, House Of Jelous Lovers oder Echoes, hier wurde so manches Ass aus dem Ärmel geschüttelt. Die Stimmung war wirklich fantastisch, The Rapture genau die Band, die man brauchte. Wow!


Inzwischen war ich regelrecht euphorisch geworden und es war mir auch egal, ob es an dem Bier, den Schmerzmitteln oder der Musik lag. Hauptsache high. Die Hochstimmung konnte ich zu Crystal Castles rüberretten, die nun ihre wilde Show abzogen. Es zirpte, wummerte und schepperte wie verrückt und junge Körper zuckten im Rhythmus der synthetischen Noise-Musik. Die jungen Leute hatten absolut recht, denn Crystal Castles waren der absolute Hammer. Egal ob Baptism, Courtship Dating oder Crime Wave, jeder Stich fand sein Zeil, jeder Song war ein Volltreffer. Wohlige Erinnerungen an Atari Spiele wurden bei dem perlenden Sound wach und auch an Bands wie New Order oder die Pet Shop Boys, zwei meiner Lieblinge der 1980 er Jahre, musste ich denken.


Frontfrau Alice Glass hatte unterdessen keine Zeit sich Träumerein hinzugeben, sie war wie immer Hansdampf in allen Gassen. Wie eine hysterische Furie peitschte sie die Leute an, stieg auch einmal ins Publikum runter und hüpfte auf der Bühne wie Rumpelstilzchen.

Crystal Castles verstehen es einfach immer wieder, mich zu begeistern. Ihr Auftritt bei dem Festival in der Normandie bildete da keine Ausnahme, es war fantastisch. Einzig die Ordner waren etwas weniger angetan. Sie mussten nämlich immer wieder Crowsdufer rausfischen und über die Barriere ziehen.


Ach, es war einfach herrlich Freunde! Mailand oder Madrid, ähem... Mädchen oder Musik, Hauptsache Weiber.



Donnerstag, 22. Juli 2010

Crystal Castles, Latitude Festival, 17.07.10

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Konzert: Crystal Castles
Ort: Latitude Festival
Datum: 17.07.2010
Zuschauer: 15.000?
Dauer: 40 min


Samstag abend auf der Hauptbühne: James hatten kräftig überzogen, die nachfolgenden Maccabees sollten diese Verspätung durch ein verkürztes Set wieder wettmachen, dachten aber nicht ansatzweise daran und spielten nach dem Hinweis, zum Schluß zu kommen, noch drei oder vier Lieder.

Ausbaden mussten das Crystal Castles, die erst mit 15 Minuten Verspätung anfangen durften. Die zusätzliche Zeit war allerdings auch dringend nötig, denn ein ganzer Stab Techniker suchte verzweifelt einen Weg, eine Konstruktion aufzubauen, mit der man von der enorm hohen Bühne herunterklettern könnte. Erst wurde ein richtiges Treppenelement herbeigeschleppt und mit ein paar unterbauten Paletten an einem der Kameratürme montiert. Das stellte die Crew aber noch nicht zufrieden, es wurde hin- und hergerückt, bis das Treppendings wieder in der Ecke landete. Versuch zwei war paragmatischer. Aus Bühnenkisten sollte jetzt eine Stiege gebastelt werden. Also stellte ein cleverer Tüftler unten zwei der Wagen auf und packte einen dritten auf die beiden unteren. Das überbrückte den Weg zur Bühne ganz gut. Allerdings hatte niemand beachtet, daß die Bühnenboxen auf Rollen stehen und eine Treppe, die in alle Richtungen gleichzeitig rollt, sicher nicht zu den größten Glanztaten angewandter Ingenieurskunst gehört. Also die Dinger drehen, Räder nach hinten. Plötzlich trauten sich die ersten Tester von oben runter. Um das ganze aber auch TÜV Suffolk tauglich zu machen, klebte einer der Bastler noch Panzerband auf alle Ecken und Kanten der Kisten. Damit diejenigen, die von oben runterklettern würden, auch den Weg finden würden, machte man dann noch einen Richtungspfeil auf die Kisten. Da: unten.

Kurz danach kam dann auf der Bühne Nebel auf. Drei (statt der von mir erwarteten zwei) Musiker entstiegen dem und machten schnell großen Lärm. Crystal Castles sind Ethan Kath und Sängerin Alice Glass. Live wurden sie von einem Schlagzeuger begleitet, vermutlich Christopher Chartrand). Obwohl sie heftig ins Mikro schrie, hörte man von Alice anfangs nichts. Nur das Wummern der Beats, elektronisch oder vom Schlagzeug kommend, war zu vernehmen. Meine Begeisterung hielt sich extrem in Grenzen; in dem Moment wäre mir Scooter lieber gewesen, denn das wäre vermutlich unterhaltsamer gewesen. Alice kauerte da meist im Parka hinter einer der Monitorboxen und sang lautlos. Es war sterbenslangweilig und sehr schlecht.

Daß das Konzert dann aber doch noch die Kurve bekam, hatte eh nichts mit der Musik zu tun. Denn endlich kam das, was mir alle versprochen hatten, das Irre an der Show!

Alice kletterte nach unten. Dabei stakste sie wie ein Storch. Weniger nett formuliert: sie bewegte sich sehr trampelig. Als sie am Gitter angekommen war, kletterte die (verhinderte) Sängerin sofort ins Publikum, um zu crowdsurfen. Das dauerte ewig, währenddessen wummerte es weiter aus den Boxen. Manchmal hörte man gesangsähnliche Sachen, das meiste ging allerdings unter. Nachdem Alice das Spiel ein paarmal wiederholt hatte, kletterte sie wieder nach oben. Allerdings machte sie auf halbem Weg zur Bühne Pause und sank auf die Knie, sie schien restlos fertig zu sein. Oben angekommen, rannte sie aber schnell wieder nach unten, schnappt sich Tourmanager und einen zweiten Bandhelfer und schrie auf die ein. Die beiden halfen ihr erneut aufs Gitter, wo sie wild gestikulierend zum Publikum zeigte. "Some fucking idiot stole my...", brüllte sie durchs Mikro. Daß das kein Liedtext war, kapierte ich, auch ohne mich bisher mit dem Werk des kanadischen Duos befasst zu haben. Nur was der Entertainerin fehlte, habe ich nicht verstanden. Als ich die Fotos anschließend betrachtete, sah ich es sofort: man hatte Alice einen Schuh beim surfen ausgezogen. Sie gab den beiden Bandmitarbeitern eine Beschreibung des Diebs, zeigte immer wieder auf eine Stelle und schlug dann wild ausholend in diese Richtung. Allerdings schien Alice, warum auch immer (Jetlag vermutlich), nicht in der Lage, gezielte Bewegungen zu machen.

Nachdem dem Partyvolk mitgeteilt worden war, daß die Sängerin einen Schuh verloren habe, reagierten die tanzenden Leute in den ersten Reihen konsequent: es flogen enorm viele einzelne Schuhe nach vorne, manchmal sehr dicht am Kopf der Kanadierin oder ihrer Helfer vorbei!

Musikalisch passierte sonst nichts. Man hörte wenig bis gar nichts von der Sängerin, nur die knallenden, elektronischen Rhythmen. Als Konzert mag ich den Auftritt eigentlich nicht bezeichnen. Aber wegen der grandiosen Stimmung, wegen Alices Ausflügen und wegen des lustigen Schuhspiels war die Geschichte dann doch wieder hoch unterhaltsam.




Dienstag, 27. April 2010

Crystal Castles, Melt! Festival, 17.07.09

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Konzert: Crystal Castles

Ort: Melt! Festival Gräfenheinichen
Datum: 17.07.2009
Zuschauer: tausende
Konzertdauer: etwa 45-50 Minuten



Eigentlich wollte ich ja wie gewohnt einen topaktuellen Bericht abliefern. Aber ich kam in das verflixte Nouveau Casino am heutigen 26. April leider nicht rein. Das Konzert von Crystal Castles war seit Wochen ausverkauft und ich hatte mein Verhandlungsgeschick über- und die Genauigkeit der jungen Dame an der Kasse unterschätzt. Klar, ich hatte mich nicht um eine Akkreditierung bemüht, dachte aber, daß ich glaubhaft darstellen könne, daß ich mir für meine Konzertberichte und Fotos den Arsch aufreiße und verdiene, auf der Gästeliste zu stehen. Vor dem Nouveau Casino hingen gegen 21 Uhr nur noch ein paar Flyerverteiler und eine Gruppe junger Mädchen rum. Der Gorrilla am Eingang machte sofort deutlich, daß er niemanden ohne Karte vorbeilasse, da das Konzert ausverkauft sei. Durch Zufall kam aber gerade eine Bekannte von mir vorbei, die auch schon Konzerte hier organisiert hat. Wir unterhielten uns und dies verlieh mir vor dem Einlasser Glaubwürdigkeit. Er ließ mich passieren und ich konnte bis zum Kassenhäuschen vordringen. Höflich erkundigte ich mich, wie die Platzsituation aussähe. Zur Not würde ich auch eine Karte kaufen. "Nein, geht nicht!" schallte es mir patzig entgegen. "Und wie sieht es mit der Gästeliste aus?", setzte ich nach und zeigte auf einen dicken Stapel von unabgeholten Einladungstickets. "Davon kann ich ihnen keine geben, die Leute kommen ganz sicher alle noch!" Was für eine Erbsenzählerin! Eine echte Korinthenkackerin! Erlebt man in Frankreich eher selten, oft kann man verhandeln und auf Kulanz hoffen, zumal im konkreten Falle auch 20 Minuten später niemand mehr kam, um seinen Gästelistenplatz in Anspruch zu nehmen. Und die Show hatte inzwischen angefangen!

Ich zog also wie ein begossener Pudel ab und entschloß mich noch auf dem Rückweg, einen alten, nie geschriebenen Bericht über das Konzert von Crystal Castles beim Melt! Festival 2009 nachzureichen, denn das hatte es wirklich in sich!

Hier ist er:

Beim Melt! gibt es neben der Haupt- auch noch zahlreiche andere Bühnen. Der Auftritt der Kanadier Crystal Castles fand in einem offenen Zelt aus Glas (gibt es sowas?, ja!) statt. Denke das Ding hieß Gemini Stage. Ich war saumäßig gespannt, denn ich hatte ein früheres Pariser Konzert von Crystal Castles noch in lebhafter Erinnerung. Da ging so umfassbar der Punk ab, daß es mich glatt auf den Boden warf, als eine Wellenbewegung durchs Publikum ging. Ich war also vorgewarnt, wußte wie brutal wild das heute würde! Und es war wirklich erneut gigantisch! Die saumäßig hübsche Alice Glass wirbelte von der ersten bis zur letzten Minute wie von der Tarantel gestochen über die Bühne und baute sich in bewährter Manier direkt vor den Fans auf. Die knochige, spindeldürre Frau ist wahrlich ein Vulkan! Fast vergaß ich, daß Crystal Castles eigentlich ein Duo sind und Ethan Kath die fetzigen Beats beisteuert. Es zirpte, wummte, krachte in allen Ecken. Gebraut wurde ein teuflisches Soundgemisch aus Sirenen, pluckernden Beats und hypnotischen Samples, das mir alle Sinne raubte. "Wumm, wumm, wumm" und "zirp zirp zirp", donnerte es ohne Unterlass und die schwarzhaarige Sängerin mit dem stylishen Pagenschnitt schrie, als würde ihr ohne Narkose ein Bein amputiert. Ein wilderes Weibsbild kann man sich kaum vorstellen! Die einzige vergleichbare Frontfrau, die mir einfällt, wäre Beth Ditto. Alice Glass also eine Beth Ditto in dünn. Oder so. Schade bloß, daß man sie so selten richtig sah, denn es war stockdunkel und einzig und allein periodisch aufflackernes Weißlicht ließ einen Sekundenbruchteil lang einen Blick auf die Frontlady zu. Wie toll sie tanzte! So cool, so saulässig, so zügellos. Und ihr männlicher Mitspieler zaubert aus dem Hintergund Computer-Melodien , die man als älterer Zuschauer noch aus Atari Spielen kannte. Ich war hingerissen und das obwohl ich mit rein elektronischer Musik eigentlich nicht viel anfangen kann. Aber der Elektro-Punk von Crystal Castles hat es wirklich in sich und live bringen sie die Sache einfach überwältigend rüber. Der Hit Courtship Dating hatte zur Abwechslung sogar Text, aber was gesungen wurde, interessierte hier und heute niemanden auch nur die Bohne. Das Tempo und die Stimmung waren durchgängig sensationell, aber bei Crimewave war das Gehüpfe, Gestoße und Geschunkel im Publikum noch eine Ecke schärfer. Bei Air War wurde regelrecht Pac Man gespielt. Musikalisch versteht sich! Pbwohl ich gerne das Monster gewesen wäre, daß Alice mit Haut und Haare verschluckt. Mein absoluter Favorit des Sets war Black Panther, das so unglaublich modern und futuristisch klingt. Ein galaktischer Track, der deutlich weniger düster und aggressiver war als der Rest des Konzerts.

Insgesamt: Ein atemberaubender Gig! Danke an die junge Band aus Kanada, daß sie mir für eine knappe Stunde, die Illusion gaben, noch einmal 20 und voller Tatendrang zu sein.

Aus unserem Archiv:

Crystal Castles, Paris, 22.05.08

Link:

Photos von Crystal Castles @ Nouveau Casino, Paris bei Elodie Nelson, klick!





Freitag, 23. Mai 2008

Crystal Castles & Fuck Buttons, Paris 22.05.08

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Konzert: Crystal Castles & Fuck Buttons

Ort: Le Trabendo, Paris
Datum: 22.05.08
Zuschauer: ausverkauft, also 700
Konzertdauer: Crystal Castles höchstens 40 Minuten


Sich noch einmal jung fühlen und auch so aussehen. Mit fast 37 Jahren auf dem Buckel ein recht hoffnungloses Unterfangen!

Dennoch wagte ich es und stürtzte mich ins Abenteuer. Um jugendlicher auszusehen, hatte ich extra für den Konzertabend meine spacigen, silber-orangefarbenen Sneakers angezogen und machte mich somit richtig beschuht auf den Weg Richtung Parc de la Vilette, wo das Trabendo liegt.

Den wunderbaren Folkabend in der Maroquinerie mit meinem persönlichen Favoriten Loney, Dear hatte ich für Crystal Castles geopfert, schliesslich wollte ich nicht schon wieder auf einer Altherren-Veranstaltung landen. Ich wollte mich doch noch einmal jung fühlen...

Als ich gegen 20 Uhr 15 das Trabendo betrat, war noch nicht sonderlich viel los. Auf der Bühne war aber schon eine Band zugange, Telepathe aus Brooklyn (woher sonst, alle neuen Bands aus den USA scheinen dort ansässig zu sein!), laut MySpace ein Quartett, aber heute nur zu dritt erschienen. Es gab zwei Sängerinnen, ein dunkelblondes Mädchen die auf der linken Seite agierte und ein schwarzhaariges Girlie in der Mitte, bei dem ich mich aufgrund der kurzen Haare und dem knabenhaften Erscheinungsbild aber fragte, ob es sich nicht um einen Jungen handele.

Die drei, die auch auf der Talentmesse The Great Escape in Brighton mitgemischt hatten, spielten recht hübsch gemachten Elektro-Pop, bei dem sich der experimentelle Anteil in Grenzen hielt, aber dennoch präsent war. Eine mehr oder wenige klassische Struktur mit Gesang und Strophen hatte das Ganze auf jeden Fall.

Von den danach folgenden Fuck Buttons konnte man das in musikalischer Hinsicht nicht gerade behaupten. Ihr Stil war eindeutig experimentell und folgte nicht dem klassischen Aufbau "Strophe-Refrain-Strophe". Hier wurde eher mit Klängen und Geräuschen operiert und der Gesang bestand darin, dass einer der beiden männlichen Akteure (Benjamin John Power) in ein weisses Plastikmikro unverständliche Laute bellte. So etwas in der Art kannte ich schon von der Band Battles, mit denen die Fuck Buttons auch schon auf Tour waren, aber bei der heute auftretenden Gruppe war das Ganze weniger schlumpfig, aber ebenfalls stark verzerrt.

Links von dem Experimentiertisch, auf dem alle möglichen Laptops und Konsolen herumstanden, agierte ein kapuzetragender junger Mann mit asiatischen Wurzeln, Andrew Jung mit Namen. Zu seiner Linken gab es einen aufgeklappten Koffer, in dem sich alle erdenklichen Tastenintrumente befanden, in die er mit der linken Hand hereingriff, während er mit seiner Rechten Minikeyboards, die auf dem Tisch standen , bediente.

Sein Holzfällerhemd und Basecap tragender Kumpel gegenüber, hatte gleich vor sich ein weisses Plastikteil, dass an ein Kofferradio erinnerte. Seine spektakulärste Showeinlage bestand darin, zeitweise auf eine vor dem Tisch befindliche Trommel einzuprügeln.

Der mit all diesen kuriosen Apparaten kreierte Sound war phasenweise stark monoton, brach aber oft im Laufe des Stückes aus dieser Eintönigkeit aus und steigerte sich ins Extatische. Besondere Action im Publikum war aber nicht zu erkennen, die wenigsten Zuschauer tanzten. Einer schien sich allerdings grossartig zu amüsieren: Vincent Moon von der Blogothèque, der mit seiner obligatorischen Kandada-Militärweste, die er immer anhat (mieft das Teil nicht inzwischen unter den Armen?), abging wie ein Wilder. In typischer Manier machte er ausladende Bewegungen mit seinem Kopf und schwankte hin und her, so dass ich ein wenig Angst hatte, eine Kopfnuss à la Zinedine Zidane verpasst zu bekommen. Witzigerweise, machte er schon zu My Brightest Diamond exakt die gleichen Bewegungen und die macht ja nicht wirklich die gleiche Musik wie die Fuck Buttons...

Das extrem junge Publikum schien jedenfalls mehr auf die Tanzeinlagen von Vincent Moon zu achten, als auf die Bemühungen der zwei jungen Mäner auf der Bühne, was nicht unbedingt für die Band sprach.

Ich hielt sie allerdings nicht für uninteressant und könnte mich möglicherweise in den Stoff einhören.

Danach war eine lange Pause angesagt. Ich vertrieb mir die Zeit des Wartens damit, die Jugendlichen anzuschauen, die dicht an dicht in meiner Nachbarschaft standen . Ein Mädchen, das englisch sprach, war höchstens 12 Jahre alt und trug ein T-Shirt der Band, die gleich auftreten sollte. Um etwas zu sehen, war sie auf eine Stufe geklettert, die sich gleich links von mir befand. Hätte ich mich doch auch zu ihr da raufgestellt, dann wäre es während des Konzertes für mich angenehmer geworden, aber hierzu später mehr!

Den Altersdurchschnitt des Grossteils des restlichen Publikums würde ich auf 16-18 beziffern, ich war also doppelt so alt, wie die Jungspunde, die mich umzingelten. Kleidungstechnisch waren bei den Jungen enge Jeans, fetzige Turnschuhe und T-Shirts mit buntem (teils neonfarbenen) Aufdruck angesagt und die Haare trugen die Kerle lang und wuschelig. Die Mädchen hingegen folgtem dem aktuellen Pariser Stilkodex, der da lautet: Stiefelchen, schwarze Strumpfhose oder die wieder angesagten Leggings und darüber ein luftiges Kleidchen.

Ein Mädchen vor mir fiel mir besonders auf, sie trug eine Swatch-Uhr mit einem Armband im Zauberwürfeldesign und ein weisses Ramones T-Shirt. Im britischen NME hatte ich kürzlich gelesen, dass die Musik von Crystal Castles der Punk der Generation MySpace sei. Crystal Castles also die Ramones des Jahres 2008?

Ich war gespannt, denn der NME sprach nicht nur von der punkigen Attitüde des Duos aus Kanada, sondern auch davon, dass die Gruppe Töne erzeugen könne, die keine andere Band der Welt hinkriegen würde.

Dann ging es endlich los. Alice Glass, die schwarzhaarige Neo-Punkerin, sprang wie aufgezogen durch die Gegend und erschien schon früh sehr nah am Bühnenrand, was dazu führte, dass sämtliche Teenagerhände ihr entgegenflogen. Es war so voll und eng, dass mir kaum Luft zum atmen blieb. An Fotografieren war nicht zu denken, ich wurde hin-und hergeschubst und spürte schmerzlich oft Ellenbogen in meinen Rippen. Regelmässig wurde ich gegen die links von mir befindliche oben angesprochene Stufe geschoben und irgendwann war der Druck der Menschenmenge so gross, dass ich in der Höhe meiner Kniekehlen rücklings einsackte und mindestens zehn schwitzendene Leiber auf mir spürte. Mit letzter Kraft konnte ich die Meute zur Seite schieben und mich wieder aufrichten, nur um 5 Minuten später wieder wie ein Käfer auf meinem Rücken zu landen! Ich bekam es mit der Angst zu tun und schaffte es irgendwie, die Stuffe zu erklimmen, wo ich etwas unbedrängter stand. Alice Glass liess es sich derweil nicht nehmen, ein Bad in der aufgepeitschten Menge zu geniessen! Die junge Frau war mit ihrem Röckchen und den Converse Schuhen wild wie eine Raubkatze. Sie erinnnerte mich an eine magere Ausgabe von Beth"Gossip" Ditto. Ein heisses Weibsbild! Manchmal robbte sie mit den Knien über den Boden und nahm so den Putzfrauen die spätere Arbeit ein wenig ab. Das Trabendo glich einem schwitzenden und keuschenden Hexenkessel, der zu den elektronischen Klängen und den spitzen Schreien der Sängerin wie auf einem Trip abging. Die Bühne war weitgehend abgedunkelt und die Künstler erkannte man nur in Umrissen, wenn das Licht ab und zu hell aufflackerte. Kaum zu sehen, war Ethan Kath, der männliche Keyboarder der Band, etwas besser hingegen ein zusätzlicher Schlagzeuger am rechten Bühnenrand.

Die Hits des Debütalbums wurden wie Feuerwerkskörper abgefackelt, allen voran das cool groovende "Crimewave", oder auch das an ein Computerspiel erinnernde "Untrust Us". Die Stimmung war durchgängig hervorragend und wild, Crowdsurfer enterten regelmässig die Bühne und sprangen auf die rettenden Arme der armen Teenager in den ersten Reihen.

Das ganze Spektakel dauerte aber höchstens 35 Minuten, sprich genauso lange wie man zuvor auf die Band warten musste. Dann gab es noch eine gefeierte Zugabe und es hatte sich ausgechrystalcastlet.

Die Kanadier hatten auf ganzer Linie abgeräumt und nicht nur einen alten Mann wie mich ins Schwitzen gebracht. Wenn man zufällig die T-Shirts der jungen Besucher berührte, hatte man eine ganz nasse Hand...





 

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