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Montag, 26. Februar 2018

The Charlatans, Luxemburg, 25.02.18

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Konzert: The Charlatans
Ort: den Atelier
Datum: 25.02.2018
Dauer: The Charlatans 95 min, The Kooters 30 min
Zuschauer: ca. 300




Um 19 Uhr sollte der Einlaß im Atelier beginnen. Ich hatte mehr Sonntagsfahrer eingerechnet und war ein paar Minuten zu früh da. Weil in Luxemburg aber alles exakt nach Zeitplan funktioniert (sofern nicht Pete Doherty beteiligt ist), erschien mir das Risiko überschaubar, fünf Minuten in der Kälte zu warten ist ja nicht dramatisch. Aus fünf wurden aber gut dreißig, aus -1° schnell -20°. Ab und zu ging die Tür des Clubs auf, aus der Soundcheck-Geräusche kamen. Als die Band ganze Lieder spielte, hoffte ich, daß das nichts Aktuelles von den Charlatans sein möge, deren letztes Album kenne ich nämlich nicht. Und das, was aus dem Atelier rüberschallte, klang nicht so, als lohnte sich das Frieren. Als ich gerade schon den Beschluß gefasst hatte, in fünf Minuten nach Hause zu fahren, kam ein Ordner und sagte, es ginge in zwei Minuten los. Das stimmte und bescherte mir ein frühes Konzerthighlight 2018.



Die Band, die noch so spät soundgecheckt hatte, war The Kooters aus Luxemburg. Grund für die Verzögerung war das Spiel Man United gegen Chelsea (2:1), das die Hauptgruppe noch sehen wollte, bevor sie zum Soundcheck konnte. Sänger Tim Burgess ist United-Fan, was ihn mir noch mal eine Nummer sympathischer macht. 

Für die Musik der Kooters (die mich an die Guano Apes erinnerte) bin ich zu alt (um etwas Nettes über den halbstündigen Auftritt zu schreiben). 



Um Punkt neun betraten sehr gut gelaunte Charlatans (2:1) die Bühne des tollen Ateliers. Auch wenn der Club alles andere als gut besucht war, war sofort Stimmung da. Ich kannte in der ersten Konzerthälfte kaum einen Song, die meisten Lieder stammten von Different days (2017) und dem Vorgänger Modern nature, den ich auch verpasst hatte. Aber das machte nichts, es klang durch und durch nach den Charlatans und auch die aktuellen Platten scheinen nicht sehr verkehrt zu sein, es war nämlich alles gut und sehr kurzweilig. Daß trotzdem die beiden älteren Lieder der ersten Hälfte die besten waren (Weirdo und das fantastische One to another), relativiert diese Aussage nicht.


Tim Burgess ist um ein paar Jahre gealtert, seit wir uns (haha!) zuletzt gesehen haben. Beim Primavera Festival 2010 spielten die Charlatans ihr umwerfendes Debüt Some friendly. Aber das ist ja jetzt auch schon wieder acht Jahre und ein paar Zentimeter Haaransatz her. An der Stirn wird es bei Tim etwas lichter, daher scheinen die klassischen Prinz-Eisenherz-Frisuren nicht mehr zu funktioneren. Unverändert ist Tims Bühnenpräsenz. Er tanzt, wippt, gestikuliert wie früher. Madchester ist eben nicht nur Sound, Madchester sind auch extrovertierte Frontmänner. Und auch sein sehr kurzer Pullover und seine tief gerutschte Hose schienen aus den frühern 90ern zu stammen.

Die Musik der Nordengländer ist erstaunlich zeitlos, jedenfalls in meinen Ohren. Bei Bands, die von Nostalgie leben, sind neuere Stücke meist großer Quatsch, die Lieder der Gruppe aus Manchester klangen alle gut und frisch, was ein wenig unsinnig klingt, weil das tragende Instrument der meisten Songs ja die herrlich olle Hammond-Orgel ist, die mit auf Tour geht.



Ich bezeichne die Charlatans immer gerne als eine meiner liebsten Bands, was etwas geschönfärbt ist, weil ich - wie auch bei James - die letzten Alben ignoriert habe. Auch höre ich zwischen Konzerten sehr selten die Platten. Da ist das Risiko natürlich groß, daß so ein Abend ein anstrengendes Warten auf die Hits ist. Das war er aber nicht. Auch wenn nach 45 Minuten Schluß gewesen wäre, hätte ich ein sehr gutes Konzert gesehen (und zwei, drei Lieder gekannt). Gegen Ende wurde die Orgel immer orgeliger, die Intros klangen immer mehr nach The only one I know. Bei der 91er Single Over rising dachte ich einen Moment lang, Organist Tony Rogers habe sich verspielt und das falsche Lied begonnen.

Das Konzert war bei weitem nicht so laut wie das 2008 in Köln, es war aber hervorragend. Daß ich dafür an einem Sonntag nach Luxemburg fahren musste (obwohl die Band am nächsten Tag in Köln spielt - da allerdings parallel zu Slowdive), wurde in 95 vollkommen gerechtfertigt. Wir Zuschauer hatten einen guten Abend!

Aber auch die Band schien ausgezeichnet gelaunt zu sein. Tim unterhielt sich immer wieder mit Leuten im Publikum. Einmal setzte er sich an den Rand und redete eine ganze Weile mit einer Frau (?) in der ersten Reihe. Wir konnten nur ihn hören, daher war die Unterhaltung ein wenig rätselhaft. Später ging es um das "beste Lied" der Band, das bitte jetzt gespielt werden möge. Also sagte Tim danach einige Stücke als beste Lieder (oder seinen Liebling, nachdem er danach gefragt worden war) an.

Charlatans-Konzerte enden mit Sproston green von Some friendly. Davor packten die Engländer mit Then noch die Single der Debütplatte.

Vielleicht dauert es jetzt wieder acht oder zehn Jahre, bis ich die Charlatans live sehe, vermutlich höre ich auch in der Zeit kaum Platten der Band. Und ganz sicher komme ich begeistert aus dem Konzert und freue mich, wie gut die Entscheidung war, hinzugehen!


Setlist The Charlatans, den Atelier, Luxemburg:
 

01: Not forgotten
02: Weirdo
03: So oh
04: Solutions
05: Talking in tones
06: Emilie
07: One to another
08: Different days
09: Plastic machinery
10: Just when you are thinking
11: Over again
12: North country boy
13: Telling stories
14: Come home baby
15: Over rising
16: The only one I know
17: Let the good times be never ending

18: Then (Z)
19: Sproston green (Z)


Links:

- aus unserem Archiv:
-
The Charlatans, Barcelona, 29.05.10
- The Charlatans, Köln, 23.09.08
- The Charlatans, Brüssel, 17.02.08
- The Charlatans, Paris, 12.02.08



Montag, 31. Mai 2010

The Charlatans, Barcelona, 29.05.10

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Konzert: The Charlatans play Some Friendly
Ort: Primavera Sound Festival, Barcelona
Datum: 29.05.2010
Zuschauer: sehr viele
Dauer: 63 min


Zu seinem 20. Geburtstag sollten die Charlatans um Sänger Tim Burgess ihr Erfolgsalbum Some Friendly auf der großen Bühne des Primavera Festivals spielen. Sie nahmen sich die Freiheit, das Album ein wenig zu variieren, zumindest was Reihenfolge und Songauswahl angeht. Aber das war nebensächlich. Einzig wichtig war an diesem wundervollen Abend, wie zeitlos die Musik der Engländer ist. Die Charlatans haben das vermutlich beste Konzert des Festivals abgelegt und damit alle Erwartungen übererfüllt.

Und Tim Burgess fand sogar noch Zeit, sich zum Geburtstag gratulieren zu lassen und den Kuchen zu essen, den der Tourmanager brachte. Ich schließe mich an: Happy Birthday, Tim und Happy Birthday, Some Friendly!



Setlist The Charlatans, Primavera Festival, Barcelona:

01: 109 pt 2
02: You're not very well
03: White shirt
04: Opportunity
05: Sonic
06: Then
07: You can talk to me
08: Polar bear
09: Believe you me
10: Flower
11: Indian rope
12: The only one I know
13: Sproston green

Links:

- aus unserem Archiv:
- The Charlatans, Köln, 23.09.08
- The Charlatans, Brüssel, 17.02.08
- The Charlatans, Paris, 12.02.08




Mittwoch, 24. September 2008

The Charlatans, Köln, 23.09.08

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Konzert: The Charlatans
Ort: Luxor, Köln
Datum: 23.09.2008
Zuschauer: sehr voll
Dauer: The Charlatans ca. 80 min, Mint ca. 30 min


Mit "Entschuldigung für mein Jean-Marie-Pfaff-Deutsch", glaubte der Sänger der belgischen Indiepop-Band Mint, Verständnis für seine nicht perfekten Sprachkenntnisse zu bekommen. Das war vollkommen unnötig, denn zum einen sprach Sänger Erwin Marcisz passabel Deutsch, zum anderen juckte das eh fast keinen im Luxor, die Mehrzahl der Besucher schien nämlich einen kurzfristigen Migrationshintergrund zu haben und aus England und den Niederlanden zu stammen. So bekamen leider auch die wenigsten den schönen Dialog zwischen Erwin und einem Zuschauer mit. Der Sänger hatte sich sehr wohlwollend über das Publikum geäußert: "Alle sind sehr sympathisch." Als Antwort kam von der Tanzfläche: "Du mich auch!", was Erwin artig mit einem "Danke sehr!" quittierte.

Aber warum rede ich so viel von nicht-Musik? Abzulenken brauche ich nicht, denn das Programm der Belgier als Vorprogramm der Charlatans war hörenswert. Vielleicht hatte dEUS-Keyboarder Klaas doch nicht (stark) übertrieben, als er Belgien (neben der Schweiz) als Land der besten Indiebands bezeichnete, zumindest den flämischen Teil, den anderen kannte er nicht. Aus
Flamen (aus Hasselt in Limburg) stammt auch die fünfköpfige Band Mint. Wobei ich mir nicht richtig sicher bin, ob sie fünfköpfig ist, weil der Rhythmusgitarrist (wahrscheinlich Steve Janssens) soweit links spielte, daß er eher dem Roadie im Weg stand, als in der Nähe seiner Kumpels zu musizieren.

Mint spielen schönen Indiepop mit interessanten Melodien, die sehr catchy klangen. Ein wirklich überzeugender Kurzauftritt, der mir Lust auf mehr machte. Ein Lied hätte ich vorher bereits kennen sollen,
Your shopping lists are poetry scheint nämlich in der Werbung eines Kaufhauskonzerns zu laufen. Ich sollte mehr fernsehen.

Setlist Mint, Luxor, Köln:

01: Meet me at the Morasko
02: The magnetism of pure gold
03: Medicine
04: Brand new toy
05: Your shopping lists are poetry
06: Giving blood to machines
07: The winter of 1985

Schöner Beginn, ich war aber nicht wegen der Vorgruppe da. Denn heute standen die Charlatans aus den englischen Midlands an. Obwohl ich die Band seit der Veröffentlichung ihrer Debüts Some friendly Anfang der 90er zu meinen Lieblingsgruppen zähle und The only one I know ganz locker zu meinen fünf liebsten Lieblingsliedern gehört, war es für mich eine Premiere, denn als ich sie hätte sehen können, mochte ich nicht zu Konzerten gehen (90er) oder konnte ich nicht (00er). So richtig verfolgt hatte ich die neueren Platten auch nicht mehr. Sprich, meine Stimmung war hin- und hergerissen und gespannt.

Es war fast 22.15 h, als die Charlatans auf die Bühne kamen, alle in schwarz gekleidet und spärlich beleuchtet. Sänger Tim Burgess ist sicher eine der schillernden Figuren der englischen Musikszene. Neben seinem Engagement bei den Charlatans (mit immerhin drei LPs auf Platz eins und zwei auf Platz zwei der englischen Charts), Gastauftritten bei den Chemical Brothers und Saint
Etienne spielt Tim in einer spektakulären Supergroup The Chavs, gemeinsam mit seinem Kumpel Carl Barât, Mitgliedern der Klaxons, von Razorlight und anderen britischen Stars. Und wohl bei den Yeah Yeah Yeahs, denn er sah deren Sängerin Karen O unfassbar ähnlich. Zumindest die Prinz Eisenherz Frisur und die Skinny Hose mit Springerstiefeln machten ihn zu einem Doppelgänger der Amerikanerin.

Noch aufregender war allerdings seine Bühnenperformance. Er fuchtelte nämlich mit beiden Händen am mobilen Mikro rum, als führte er einen Kampf mit Lichtschwertern. Oder
als spiele er Golf mit dieser neuen Spielkonsole. Dazu immer wieder Abklatschen der zumeist englischen Fans vorne und Fingerzeige ins Publikum. Madchester - aber sympathisch.

Seine Kollegen taten ihm das nicht gleich.
Vor allem der Bassist und der Gitarrist machten gar nichts. Also sie spielten, das war es aber auch. Beide standen ordentlich rockig auf ihrem Platz und regten sich kaum. Schlagzeuger Jon Brookes war etwas aktiver. Am meisten Energie strahlte noch der Keyboarder aus, der ja schließlich auch einen der wichtigsten Parts bei der Musik der Engländer hat. An der Orgel sitzt mittlerweile Tony Rogers, der Nachfolger des tödlich verunglückten (und vorher mal wegen Fahrens des Fluchtautos bei einem bewaffneten Überfall auf einen Schnapsladen aufgefallenen) Rob Collins. Ich schweife wieder ab.

Die Musik der Charlatans ist purer Madchester Sound. Vielleicht wäre es zeitgemäßer, es heute Pre Nu Rave zu nennen, denn das ist das, was Primal Scream, Stone Roses, Happy Mondays oder Charlatans sind, die Vorbilder und -läufer der ach so kreativen Nu Rave Bands der letzten Jahre. Stilprägend bei den
Charlatans sind die psychedelischen Orgelpassagen, das Intro von The only one I know, ist da besonders typisch. Das Psychedelische erinnerte mich über die Dauer eines Konzerts immer mal wieder an The Verve. Richtig weit auseinander sind auch diese Bands nicht.

Vor dem sehr voll wirkenden Luxor spielte die Band ambitionierte 22 Lieder, alleine neun vom letzten Album You cross my path, das vorab legal im Internet verfügbar war. Ich habe und kenne es trotzdem noch nicht, was dazu führte, daß vieles an diesem Abend für mich neu war.
Schrecklich groß war die Umgewöhnung aber nicht, denn auch die jüngeren Stücke klingen vertraut in Aufbau und Instrumentierung. Im Prinzip gab es für mich nur einen echten Ausfall mit Judas. Dieses ziemlich fiese, an Mika oder die Scissor Sisters erinnernde Lied, stammt aber von Wonderland, ist also nicht neu (im Land der Wunderlichen ist es auch gut aufgehoben).

Der Rest des Sets war solide (einiges), gut (vieles) oder überragend (ein paar Perlen wie The only one I know oder Then, Oh! Vanity, Sproston green natürlich). Eine Mischung daraus war dann auch das Konzert selbst. Ich habe sicher nicht mein Konzert des Jahres gesehen, es war aber auch keine Enttäuschung. Gut aber nicht lebensverändernd. Mir schien auch die Stimmung allgemein zurückhaltend zu sein. Obwohl das Potential da war (viele Engländer, die
ihren Blutalkoholgehalt ordentlich vorbereitet hatten), war es ruhiger als bei den Futureheads beispielsweise. Aber Melancholie ist ja kein furchtbar lautes Gefühl und die spielte immer ein wenig mit.

Die Charlatans sind meine Helden und werden es immer bleiben. Ich bin heilfroh, sie endlich gesehen zu haben, und sie haben es wahrlich nicht versaut. Nur jüngere Konzertgänger lockt diese im Prinzip ja topaktuelle Musik nicht mehr hinterm Ofen her, das Durchschnittsalter war deutlich über 3o - und nicht nur bei dem, der mit Marillion-Kutte gekommen war.

Setlist The Charlatans, Luxor, Köln:

01: You cross my path
02: Weirdo
03: Bad days
04: Blackened blue eyes
05: Judas
06: Mis-takes
07: Then
08: Here comes a soul saver
09: It's what it is, it's what it was
10: One to another
11: The only one I know
12: Oh! Vanity
13: My name is despair
14: Bird reprise
15: The misbegotten
16: You're so pretty - we're so pretty
17: And if I fall
18: Crashin' in
19: This is the end

20: A day for letting go (Z)
21: How high (Z)
22: Sproston green (Z)

Links:

- The Charlatans in Brüssel im Februar
- und in Paris kurz vorher
- mehr Fotos von den Charlatans im Luxor

Konzertbesucher von den Charlatans könnten auch mögen:

- The Verve (in Luxemburg oder Glasgow)
- I Am Kloot (in Paris)





Samstag, 23. Februar 2008

The Charlatans, Brüssel, 17.02.08

2 Kommentare

Konzert: The Charlatans

Ort: vk, Brüssel
Datum: 17.02.2008


Das vk liegt im Brüsseler Norden, in der Nähe der Metrostation Ribencourt. Die Metro musste ich nicht nehmen, unser Hotel lag nur wenige hundert Meter in Richtung Bahnhof Bruxelles Noord entfernt. Zwei gemütliche Abendspaziergänge waren also garantiert.

An der Schoolstraat, die ich zum vk entlanglaufe, befinden sich links und rechts arabische Geschäfte. Meherere Barbershops, afrikanische und arabische Imbisse, diverse Supermärkte und Kioske sind auch an diesem Sonntag abend noch gut besucht. Es herrscht ein reges Treiben in diesem Viertel.

Es ist kurz nach 20 Uhr, als ich am vk ankomme. Gleich neben einer Teestube gehts durch eine Tür herein. Durch den Hausflur nach links, und schon steht man im Club. zwei Treppenstufen rechts runter und der Konzertraum öffnet sich vor einem. Es ist ein länglicher Raum, die Decke holzvertäfelt, die Wände aus Naturstein. Von aussen würde man das hier gar nicht vermuten. Der Club wirkt wie eine Parallelwelt, die so gar nichts mit dem übrigen Viertel zu tun hat.

Als Support eröffnen die belgischen “Showstar“. Ich kenne die Band nicht. Musikalisch liegen sie irgendwo zwischen den aktuellen dEus und den rockigen Metal Molly. Eingängige, leicht in die Indierichtung abdriftender Gitarrenrock mit kleinen Popelementen. Sagt man dazu Benelux-Rock? Es klingt zumindest interessant und ist allemal ein zweites Ohr wert. Die Band besteht aus 5 Leuten und mehr ist erstmal nicht in Erfahrung zu bringen. Der Sänger entpuppt sich als exaltierte Rampensau und charismatisches Aushängeschild der Band. Dramatische Gesten im dunklen V-Ausschnitt-Pullunder.

“Showstar” spielen eine gute halbe Stunde. Aufgehängte Zettel verrieten, dass danach eine halbstündige Umbaupause anstehe, bevor die Charlatans gegen 21.30 Uhr an der Reihe seien.

Zeit, sich was zu Trinken zu holen. Der Getränkekauf gestaltet sich umständlicher als gewohnt. Es gilt, zuerst Jetons zu kaufen, mit denen man dann sein Bier an der Theke auslösen kann. Jugendkulturzentrum- und Stadtfestcharme, der zweimaliges Anstehen bedeutet. Und ich lerne: Landsleute begegnen einem im Ausland immer da, wo man sie nicht gebrauchen kann. Zum Beispiel, wenn man wartend in einer Schlange steht. Wer drängelt sich von rechts an den Anstehenden vorbei und macht gute 5 Personen Raum- und Zeitgewinn? Richtig, zwei Mitbürger, die sich im Gespräch miteinander als solche outen. Der Engländer vor mir schaut verwundert drein. Seinen Gesichtsausdruck lasse ich unkommentiert. Ich wundere mich auch nicht darüber, dass der Kollege satte 40 Jetons (= 20 Bier) kauft. Er ist bestimmt nicht alleine hier, oder?

Die Klischeewelt ist mitunter eine sehr reale. Nach dieser schönen kleinen Inzenierung ging es mit leichter Verspätung um viertel vor Zehn los.

Die Band um Tim Burgess legte sofort gut los. “Cross my path” und “Weirdo” waren die ersten beiden Songs. Ich mag Musik zwar, wenn sie laut ist, aber hier war es doch sehr laut. Ich zückte sofort ein Taschentuch, doch selbst die eigentlich hilfreichen Papiertaschentuchohrstöpsel versagten ihren Dienst. Aber nach ein zwei Stücken pegelte es sich leicht ein vielleicht haben sich die Ohren auch nur an den Lärm gewöhnt. Klar war der Sound aber deswegen noch lange nicht. der Bass wummerte teilweise mächtigst, und auch der Rest klang nur bedingt ausgewogen.

Die Charlatans spielten einen guten Mix aus ihrem Repertoire. Auch ein paar neue Sachen, die ich noch nicht kenne, waren dabei. Das neue Album ist erst in einigen Tagen downloadbar, daher konnte ich mir vorher kein Bild über die neuen Sachen machen. Live klang das aber vielversprechend und schliesst gut an der ersten Singleauskopplung “Cross my path” an.

Schön war es, mal wieder die alten Kamellen wie “The only one i know”, “North country Boy”, “Weirdo” oder “You’re so pretty” zu hören. Und immer wieder die Schweineorgel, dass eigentliche Markenzeichen der Charlatans. Mehr als bei jeder anderen Band der Madchester und Rave Zeit.

Die Charlatans wirken frisch und dynamisch. Der Zahn der zeit ist natürlich nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen, aber hier steht keine Band auf der Bühne, die nur aus der glorreichen Zeit der Rave-o-lution zehrt und zeitgesittechnisch stehengeblieben ist. In Würde gealtert, so könnte der Auftritt trefflich beschrieben werden. Nur Tim Burgess scheint Berufsjugendlicher geblieben zu sein. Der haaschnitt ist noch derselbe wie vor 15 Jahren, und die hippen skinny Jeans dürfen ebensowenig fehlen. Vielleicht erscheinen gerade deswegen seine Gesichtszüge älter als bei seinen Mitstreitern. 40 Jahre sind halt ne Hausnummer.

Das vk (De Vaartkapoen) ist gut über die Hälfte gefüllt. Das Publikum, durchschnittlich Anfang, Mitte 30, hatte seinen Spas und ging gut mit. Die Stimmung war gut.

Gegen Ende des regulären Sets ging ich weiter nach hinten, meine letzten beiden Jetons einzulösen und auch um mir schon mal meine Jacke aus der Garderobe zu besorgen. Dabei bestätigte sich der Eindruck vom frühen Abend. Der Gardrobist (?) hatte den Überblick verloren. Nachdem er erst längere Zeit in der falschen Ecke gesucht hat, bietet er mir fragend zwei Jacken an. Ich entscheide mich für meine.
Hier hinten ist der Sound besser. Ich geniesse die letzten beiden Songs der Zugabe und gehe begeistert Richtung Hotel. Um kurz nach elf ist die Teestube neben dem vk längst geschlossen. Die Läden auch. An der Ecke stehen drei Frauen. Einzig körperliche Dienste kann man hier heute noch kaufen. Die Strasse wirkt ausgestorben. Leise summe ich charlataneske Orgelhymnen vor mich her. Die Fahrt nach Brüssel hat sich gelohnt. Auch wenn die Charlatans ihre beste Zeit lange hinter sich haben, live sind sie einen Besuch wert.

Auf dem Boulevard d’Anvers sehe ich von weitem einen Verkehrsunfall. Gott sei Dank nur Blechschaden.

von Frank von Pretty-Paracetamol



Mittwoch, 13. Februar 2008

The Charlatans, Paris, 12.02.08

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Konzert: The Charlatans

Ort: Le Trabendo, Paris
Datum: 12.02.2008
Zuschauer: der Raum war nur zu circa.60-65 % ausgelastet (Wo sind die Pariser Charlatan Fans?)



Konzerte im Trabendo kann ich eigentlich nicht leiden. Das liegt aber nicht an dem angebotenen Programm - denn das ist oft vorzüglich ( hier spielten in den letzten Jahren schon Yo La Tengo, Midlake, Giant Sand, Ray La Montagne, die Editors, die Rakes, Kaiser Chiefs etc.) - sondern an dem recht uncharmanten Saal selbst und der langen und unangenehmen Anreise. In der Metro geht es schon los. Ich muß erst bis zur Station Republique fahren und dann in die stets überfüllte Linie 5 nach Bobigny Pablo Picasso umsteigen. Schwitzende Körper kleben dort auf Grund der Enge aneinander, die meisten Reisenden haben zudem schlechten Atem und sind häßlich und verpickelt. Hübsche Frauen wie in den schönen Vierteln ("les beaux quartiers") gibt es hier wenige. Es werden auch keine Designer-Handtaschen Gassi geführt und nach wohlriechendem Parfüm duftet niemand. Paris zeigt sich hier von seiner ärmeren Seite. Die glitzernde, luxuriöse Weltstadt scheint weit entfernt zu sein.
Und während ich überlege, welche Lieder die Charlatans wohl heute so spielen werden, grübeln die meisten anderen in meinem Abteil wahrscheinlich darüber nach, wie sie in diesem Monat finanziell über die Runden kommen. In diesen Momenten komme ich mir ein bißchen wie ein Snob vor. Ein Snob, der sich zu anderen vergnügungsuchenden Snobs gesellt, die dann Bands zuhören, die darüber singen, wie Scheiße doch die Welt ist und wie öde und ungerecht das Leben. Alles Wohlstandskinder. Sowohl die Besucher dieser Konzerte, als auch die Bands selbst, egal wie ausgeleiert und siffig ihre Klamotten aussehen mögen. Machen wir uns nichts vor: Rock, Folk, Britpop, all diese Musikstile ziehen die gebildete Elite an, wie das Licht die Fliegen. Die Leute aus der Banlieue hören Hip Hop, oder Rap, oft auch die Mainstream-Scheiße.

Und vielen Bands, gerade aus England, nehme ich ihre Themen nicht ab. Vorstadt-Tristesse, Alkoholismus, Perspektivlosigkeit, damit kommt fast jede Band aus dem Vereinigten Königreich an. Abgedroschen und albern! Oft wirkt das nicht sehr authentisch, die Musiker zudem sehr eitel und selbstverliebt, stark auf ihre Kleidung, ihren Look, fixiert. Echte Proleten sehen anders aus. Worüber singen die Charlatans? Darüber wie grau und abstoßend es in England ist? Mal ganz ehrlich: ist mir völlig Wurst! Hauptsache man kann mitgröhlen, abtanzen und Spaß haben. Alltagsverdrängung, das ist es doch oft, was Musik ausmacht. Das Leben rosiger sehen, sich von melodischen Gitarren in luftige Höhen treiben lassen, sich einfach cooler und schöner fühlen. Und als dies in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter. Gerade in England liebt man diesen kollektiven Rausch, säuft, jubelt und gröhlt gerne zusammen. Das ist beim Fußball so und bei der Musik sehr ähnlich. Nie werde ich vergessen, wie zehntausende Kehlen 2007 beim O2 Wireless-Festival im Londoner Hyde Park "Ruby, Ruby, Ruby" (Kaiser Chiefs) mitgebrüllt haben.

Nun bin ich aber heute nicht in einem Club oder Stadion in England, sondern im Pariser Trabendo. Merkt man natürlich sofort, denn im Gegensatz zu ihrer Heimat, verkaufen die Charlatans hier keine riesigen Locations in kürzester Zeit aus. Es ist sogar enttäuschend leer, vielleicht nur gut zur Hälfte gefüllt. Ohne die angereisten Briten währe es sogar noch luftiger hier. Macht aber eigentlich nichts, denn so habe ich wenigstens mehr Platz als sonst und kann mich in aller Ruhe ganz vorne hinstellen. Tim Burgess, der schwarzhaarige Sänger der Charlatans, ist mir somit ganz nahe. Nicht, daß mir das sonderlich wichtig wäre, aber ich habe das angenehme Gefühl "mittendrin" (statt nur dabei) zu sein. Los geht es gleich mit einem neuen Stück, "You Cross My Path", einem schnellen, nach vorne gallopierenden Stück, das gleich klarmacht, daß heute keine Zeit für Balladen und Trübsinn ist. Der Sound ist schwer und hochdynamisch und es ist saulaut, obwohl ich brav meine Stöpsel in den Ohren trage. Bei dem nachfolgenden "Weirdo" kommt zum ersten Mal die Orgel zum Einsatz, das recht alte Stück, das 1992 in England in den Top 20 landete, klingt nach dem typischen Madchester- Kram der in dieser Zeit sehr populär war. Tanzbare Passagen hatte damals die Gitarren-Musik mächtig aufgewirbelt. Das nachfolgende "Tellin' Stories" hingegen hätte auch von Oasis stammen können, genau wie "Mistakes" danach. Witzigerweise sieht auch der Gitarrist aus, als sei er einer der Gallagher-Brüder, gleiche ausgefranste Frisur, ähnliche Gestik und Klamotten. Aber das Hauptaugenmerk gilt natürlich wie immer dem Sänger, obwohl der schaltragende Bassist Martin Blunt die Band ursrünglich gegründet hat (dies behauptet zumindest Wikipedia). Tim Burgess ist aber auch wirklich der hübscheste der Band, mit seinem pechschwarzen Pilzkopf, der Skinny-Jeans und der engen, dunklen Anzugs-Weste die er über einem T-Shirt trägt. Ein wenig selbstverliebt wirkt er, was ihm das Charisma eines selbstbewußten Mannes verleiht. Auffällig ist sein Zungenspiel, manchmal habe ich das Gefühl, er wolle seinem Mikro einen Zungenkuss geben, dermaßen läßt er den Lappen rollen. Fast wie Britney Spears bei "Baby One More Time"...

Aber man sollte auch den Drummer Jon Brookes erwähnen. Der ist mit seinen strähnigen Haaren und dem bleichen Gesicht zwar häßlich wie ein Gespenst, dafür aber dynamisch und sehr wichtig für den typisch-zackigen Charlatans-Sound. Wesentliches Stil- Element ist aber immer wieder die Orgel und die Keyboards, die geben dem Ganzen den tanzbaren Charakter, das Baggy-hafte. À Propos Tanzen: eine Engländerin hinter mir flippt während des ganzen Konzerts regelrecht aus und benutzt meine Schulter dazu, sich noch höher in die Luft zu katapultieren. Sie rempelt mich bewußt an, flirtet, will mich auch aus der Reserve locken. Wahrscheinlich hält sie mich für einen reservierten Franzosen. Ich will ihr das Gegenteil beweisen, gehe zu dem Hit "The Only One I Know" auch ab wie ein Wilder, obwohl ich nicht auf die Britin stehe. Mir gefällt die junge Französin vor mir viel besser, aber auf die ist auch schon Tim Burgess scharf. Er zwinkert ihr oft zu, gibt ihr sogar urplötzlich die Hand. Wow, Rockstar müßte man sein! Aber egal, ich bin verheiratet und treu (mangels Gelegenheiten wie meine Frau zynisch behauptet).

Fast ohne Pausen nimmt das Konzert seinen Gang, viel geredet wird nicht zwischen den Stücken, mal davon abgesehen, daß Tim erwähnt, daß er froh ist, nach so langer Zeit endlich mal wieder in Paris singen zu dürfen. Die Freunde ist auch ganz auf meiner Seite, denn es gibt im gesamten Set keinen einzigen Ausfall. Besonders schön: das balladenhafte und leicht psychedelische "Architect", zu dem Tim auf einer kleinen Melodica spielt. Als herausragend empfinde ich zudem "You're So Pretty" (mit integrierter "Fade To Grey" Passage, super!), welches man auch auf der Singles Kollektion "Forever" in einer Remix-Version finden kann. Schade, daß dann nach circa. 1 Stunde und 10 Minuten scheinbar schon wieder Schluß ist, passenderweise mit "This Is The End".

Die Charlatans haben aber noch jede Menge Lust weiterzuspielen. Großzügige vier Zugaben werden gewährt und die Konzertdauer verlängert sich noch einmal glatt um mindestens zwanzig kurzweilige Minuten, mit einem genialen "Sproston Green" zum krönenden Abschluß.

Es hatte sich also auf jeden Fall gelohnt, ins ungeliebte Trabendo zu pilgern, die Charlatans sind nach wie vor eine großartige Band. Seht sie Euch in Deutschland unbedingt an!

Setlist The Charlatans, le Trabendo, Paris:

01: You Cross My Path
02: Weirdo
03: Tellin' Stories
04: Mistakes
05: Black 'n Blue Eyes ( laut getippter Setliste, eigentlich Blackened Blue Eyes)
06: North Country Boy
07: Bad Days
08: One To Another
09: The Only One I Know
10: Oh Vanity
11: Architect
12: Here Comes A Soul Saver
13: Bird
14: You' re So Pretty
15: Misbegotten
16: This Is The End

17: Love Is The Key
18: A Day For Lettin' Go
19: How High
20: Sproston Green

Konzertdauer: 90 Minuten

Anmerkung: Die meisten (sehr guten) Fotos stammen von entro_py

Vielen Dank! Merci beaucoup!!



 

Konzerttagebuch © 2010

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