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Dienstag, 6. August 2013

Midi Festival, Hyères, letzter Tag, 28.07.13

3 Kommentare

Konzert: Midi Festival, Hyères, Südfrankreich
Ort: Park vor der Villa Noailles, Hyères
Datum: 28.07.2013
Zuschauer: hmm, 500 vielleicht
Konzertdauer: Christopher Owens, Swim Deep und Temples etwa 40, Onyl Real 30 Minuten 




Den Auftakt zum letzten Festivaltag beim wunderbaren Midi Festival machte der ex-Sänger der Band Girls, Christopher Owens. Vor der herrlichen Villa Noailles, in einem idylischen, römisch wirkendem Park, produzierte sich der blonde Barde ganz alleine mit seiner Akustik-Gitarre und seiner Mundharmonika vor etwa 500 szenigen, jungen Leuten, die aussahen, als seien sie einem Modeblog entsprungen. Es war noch sonnig, hell und warm als der Musiker sein Set begann und irgendwie schienen die Leute auch für ein Konzert noch nicht so richtig aufnahmebereit zu sein. Zumindest für ein solch ruhiges Konzert wie es hier geboten wurde. Viele plapperten während des Auftrittsvon Owens ungeniert rum und erwiesen sich als respektlose Zeitgenossen. Zumal die Musik mir ziemlich schnell unter die Haut ging. Alles klang äußerst fragil, fein und nahegehend. Mit wenigen Mittel schaffte es der Blondschopf mich zu fesseln. Von seiner verletzten, wehklagenden Stimme ging eine starke Anziehungskraft aus und das reduzierte Gitarrenspiel schuf eine wunderbar heimelige Atmosphäre. Ich musste spontan an Elliott Smith und Bright Eyes, zwei meiner Lieblings Singer-Songwriter denken. Erstaunlich, denn ich hatte im Vorfeld etwas ganz anderes erwartet. Wegen des Hypes um Christophers frühere Band Girls und auch um ihn selbst, habe ich nie mit seiner Musik beschäftigt und ging von irgendeinem belanglosen Chillwave Pop oder etwas ähnlich Scheußlichem wie Ariel Pink (Gott, wie gräßlich ich den finde!) aus. Das hier so reduziert und aufrichtig gespielt wurde, verblüffte und erfreute mich.


Jeder Song hatte etwas ganz Besonders an sich, in jedem konnte man sich verlieren und mitträumen.


Das erste Lied, das mich so richtig packte hieß Broken Dreams Club und kam an dritter Stelle. Wie quasi alle anderen Stücke im Set von seiner ex Band Girls stammend (mag denn Owens sein Soloalbum nicht?), bestach es durch seine simplen, aber unmittelbar ins Herz gehenden Lyrics. "I just want to geht high, but everyone keeps bring me down", jammerte er vor sich hin und irgendwie nahm man ihm jedes Wort ab. Sein Sinnieren über Isolation, Verlorensein, Schwermut und Herzschmerz hatte etwas Aufrichtiges und Ergreifendes. Schnell wurde klar, daß Owens kein Songwriter ist, der alles in komplizierte und metapherngetränkte Sätze packt. Seine Texte waren so schlicht, direkt und unverschlüsselt, wie sie einem x-beliebigen Teenager mit gebrochenem Herzen in den Sinn kommen  würden. Das gab dem Ganzen eine fast naive Note, wirkte aber so warmherzig und ehrlich, daß man sich dem Zauber nicht entziehen konnte. Wenn er bei dem großartigen Substance: "I take the key in my hand and it takes the pain away, hey hey" sang, konnte man förmlich spüren, wie der Schmerz nachlässt.



"I'm looking for meaning in my life" wehklagte er bei My Ma und auch dieser Gemeinplatz war so universell gehalten, daß man sich sofort damit identifizieren konnte. Schon die Buzzcocks sangen "I don't know what to do with my life" und anscheinend weiß auch die heutige Generation nicht, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen soll und warum man überhaupt auf dieser Welt ist. Vermutlich der Liebe wegen, selbst wenn Liebesbeziehungen immer so kompliziert sind, wie sie in dem herrlichen Laura von Owens besungen wurden. ("I dont want to fight anymore, I wanna be your friend forever").

Vieles schrammte knapp am Kitsch vorbei, aber jeder weiß, was man selbst für einen romantischen Käse brabbelt, wenn man unglücklich verliebt und einsam ist und neben dem Telefon liegend auf einen Anruf seiner Angebeteten wartet.



Knapp 40 Minuten schmachtete Owens in der Abendsonne so vor sich hin und gegen Ende wurde sogar das Publikum leiser und aufmerksamer. Es war,  als hätte der Sänger sich im Laufe des Sets Aufmerksamkeit und Respekt erspielt und die Leute dazu gebracht, zuzuhören.



Hinterher war mir jedenfalls klar, daß ich einen ganz wunderbaren Musiker für mich entdeckt hatte, der versprach, in der Zukunft wieder beim Midi Festival aufzutreten. Dies wäre dann bereits seine fünfte (!) Teilnahme! Sie mögen ihn wohl hier an der Cote d'Azur...


Setlist Christopher Owens, Midi Festival Hyères 2013

01: Solitude 
02: Summertime (Girls)
03: Broken Dreams Club (Girls)
04: My Ma (Girls)
05: Substance
06: Jamie Marie (Girls)
07: Laura (Girls)
08: Life In San Francisco
09: Oh My Love
10: Darling (Girls)


22 Uhr, Zeit für die aus Birmingham stammende Band Swim Deep. Die hatten 2013 bereits ein Clubkonzert in Paris gespielt, das ich allerdings verpasst hatte. Somit gab es in Hyères die Möglichkeit, Versäumtes nachzuholen und selbst zu überprüfen, ob an dem mittleren Hype um die Truppe etwas dran ist.


Mir fiel schon gleich zu Beginn das wahnsinnig häßliche Hemd des Sängers auf. So ein Fummel war sicherlich in den 1970ern Jahren der letzte Schrei und gilt in den Second Hand Läden in London und Los Angeles noch immer als hip, aber ätzend war der golden glitzernde Lappen trotzdem. Egal, die wavige, surfpoppige Gitarrenmusik von Swim Deep war ziemlich toll. Schon sehr bald wurde in der Mitte der Bühne wie wild zu den prickelnden Popnummern abgetanzt. Besonders positiv fiel mir das abschließende King City auf, ein Titel, der neben einem polternden Bass mit einem flotten Schlagzeug Rhythmus, einer einprägsamen Melodie und einem fetzigen Singalong-Part glänzte. Ein alternativer Sommerhit, der freilich mit Loug Bega und Mambo Number Five wenig gemein hatte. Vielmehr erinnert das Ganze ein wenig an The Smiths oder auch Shoegaze-Bands wie Ride.



Ungefähr 40 Minuten lang wurde den Leuten ordentlich eingeizt und neben den Songs des am 5. August erscheinenden Debütalbums namens Where The Heaven Are We auch ein Cover von Cyndy Lauper's Girls Just Want To Have Fun gebracht. Das Cover taugte aber nicht viel und hätte ruhig ausgelassen werden können. Den Auftritt von Swim Deep hätte ich aber trotzdem nicht verpassen wollen, die guten Songs wie das recht düstere und gefahverheißende Red Lips I Know und das poppig beschwingte She Changes The Weather waren hier klar in der Überzahl. Wenn die Gruppe nicht solchen häßlichen Glamrockfummel tragen würde (die Klamotten des Bassisten, ein Albtraum!), der sie in gewisser Weise als modische Mitläufer outete (sie damit aber perfekt als Lieblinge der hier in großer Menge anwesenden Hipster qualifizierte), hätte ich sogar noch mehr Spaß an dem Gig gehabt.

Setlist Sweem Deep Midi Festival Hyères 2013:


01: Francisco
02: Honey
03: Stray
04: Red Lips I Know
05: The Sea
06: Girls Just Want To Have Fun
07: She Changes The Weather 
08: King City



Um 21 Uhr, also eine Stunde vor Swim Deep hatte die Bühne einem kreidebleichen Rotschopf aus England und seiner Begleitband gehört. Der Name des Typen mit den weißen Tennissocken: Only Real.

Der Bursche sah genauso aus wie die armen Kerle, die in der Schule wegen ihres Aussehens und ihrer Uncoolheit immer gehänselt werden. Ich vermute mal, daß sein Musikprojekt eine Art Rache an seinen ehemaligen Mitschülern ist, denn wer Musik macht, gilt schnell als extrem lässig und kriegt im besten Falle sogar ein paar scharfe Weiber ins Bett.

Nun, er gefiel mir ziemlich gut, dieser Only Real, obwohl er neben Britpop mir normalerweise verhassten Rap bzw. Hip Hop spielte  und musikalisch irgendwo zwischen The Streets und Bur anzusiedeln war. Seine Lieder waren einfach fetzig, passten zu dem guten Wetter perfekt, klangen frisch und unverbraucht. Zwei der auf dem Midi Festival gespielten Highlights kann man sich auch auf der Soundcloud Seite des jungen Musikers anhören: Blood Carpet und Backseat Kissers, beide catchy, sonnig, tanzbar und Laune machend.




Es war inzwischen 23 Uhr, als sich die letzte Band des prima besetzten Midi Festivals in Hyères bereithielt. Temples hießen die lockenköpfigen Youngster aus England, denen die Ehre zufiel, hier an der Côte d'Azur die Feierlichkeiten zu beenden. Ihr erster Auftritt im Süden Frankreichs wie sie selbst verlauten ließen und sicherlich einer, an denen sich die Besucher noch gerne und lange erinnern werden.

Temples spielten nämlich eine wirklich erfrischende Mischung aus 60 ies Pop, Britpop, Shoegaze, Psychedelic, Glam und Stoner Rock und verblüfften mit einer geradezu enervierenden Lässigkeit und Kaltschnäuzigkeit. Eine typisch englische Band also, denn die Briten lieben es nun einmal, sich cool und phlegmatisch zu geben. Glücklicherweise war die Musik der jungen Burschen sehr abwechslungsreich, melodieseelig und erlesen und dabei keine Spur bombastisch. Sie verstanden es wirklich, ihren Retrosound dezent und nicht zu dick aufgetragen zu versprühen und waren somit eine wunderbare Alternative zu dem tollpatschigen Miles Kane, der eine ähnliche Musik viel schlechter, anbiedernder und breitbeiniger darbietet.

Wer die muskalischen Vorbilder von Temples sind, konnte man schnell erahnen. Man dachte sofort an alte Bands wie die Kinks, die Beatles (und George Harrison solo), Scott Walker, T-Rex (der Sänger von Temples sah aus wie der Sohn von Marc Bolan) aber auch Britpopgrößen der 90er wie Oasis, die Beta Band, oder Pulp und aktuelle Formierungen wie Queens Of The Stone Age, BRMC, Arctic Monkey, Toys, The Horrros, The Last Shadow Puppets und eben Miles Kane.


Die Songs waren mal heiter sonnig wie z. B. The Golden Throne, aber auch düster und schwül wie Sand Dance, mal poppig, luftig und psychelisch wie Prisms, mal rockig, trocken, schwer und glam wie Keep In The Dark. Alles äußerst kurzweilige Nummern, die dazu führten daß die Zeit wie im Fluge verging. Kaum hatte man sich versehen, waren auch schon 40 Minuten um. Das Konzert der Temples und das ganze Festival waren beendet. Einfach so. Keiner machte noch eine Ansage, von jetzt an hörte man nur noch die Unterhaltungen der Hipster untereinander. Ein paar Pärchen hatten sich auch im Laufe des lauschigen Sommerabends gefunden und die überlegten  sich sicherlich nun, wie man auf die Schnelle ein passendes Gebüsch findet. Ich selbst blieb brav und trottete den steilen Graben hinunter, wo mich meine Frau und meine Schwiegermutter mit dem Auto abholten.

Setlist Temples, Midi Festival 2013, Hyères:

01: The Golden Sun
02: Sun Structures
03: Colours ToLife
04: Sand Dance
05: Prisms 
06: Keep In The Dark
07: Shelter Song


Midi Festival 2013, du warst toll, ich komme 2014 wieder. Inschallah!



Freitag, 2. August 2013

Peter Hook & The Light, Hyères, 26.07.13

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Konzert: Peter Hook And The Light
Ort: Hippodrome de la plage, Hyères, Südfrankreich
Datum: 26.07.2013
Dauer: 60 min
Zuschauer: etwa 1.000


Was für ein herrlicher Geburtstag! Tagsüber weideten sich meine alten lüsternen Augen an den ganzen jungen, knackigen Mädchen, die am Strand mit String Tangas und gepiercten Bauchnabeln entlangspazierten, abends ging es gemeinsam mit meiner Süßen zum herrlichen Midi Festival In Hyères. 

Unter Pinien traten hier bei bestem Sommerwetter im Hippodrom insgesamt vier Bands auf, darunter der ehemalige Bassist von Warsaw, Peter Hook, der zusammen mit seiner jungen Truppe The Light um 22 Uhr 30 angesetzt war. Auf ihn will ich (zumindest zunächst) meine Berichterstattung konzentrieren. 


Hooky wie ihn die Fans liebevoll nennen, hatte mich schon im letzten Jahr bei einem Clubkonzert in Paris total weggeblasen und deshalb waren die Erwartungen an diesen Festivalauftritt in Südfrankreich auch turmhoch. Würrde er mich wieder in Euphorie versetzen? Alle Zweifler verstummen lassen, die ihm unterstellen, er tingele nur der Kohle wegen mit den alten Klassikern von Joy Division durch die Lande? 



Spätestens um 23 h 30 als die letzte Note von Love Will Tear us Apart verklungen war, hatten ich, hatten alle die Antwort bekommen. Ja, er konnte mich erneut begeistern und ja, er stopfte fast allen ihr blödes Maul. Klar gab es trotz des Sensationsgigs noch ein paar Nörgler, aber man kann und muss es nunmal nicht allen recht machen. Was wollte man schließlich auch mehr? Es gab alle großen Hits (She's Lost Control, Shadowplay, Radio Transmission, Love Will Tear Us Apart), aber auch ein paar Nummern, die die oberflächlich Interessierten nicht wirklich kannten (These Days, 24 Hours, Warsaw). Für mich war die Setlist mehr als ein Geburtstagsgeschenk, es war als fielen mehrere Feiertage gleichzeitig Zumal ich das große Glück hatte, akkreditiert zu sein und vorne im Fotograben Hooky und Band aus nächster Nahe in Aktion zu sehen. Ich stand direkt vor den großen Boxen! Der Sound war aus dieser Distanz einfach obergeil, die scharfen Bässe (gespielt von Hooky, aber vor allem auch von seinem Sohnemann), die astreinen Gitarrensoli und das trockene, punktgenaue Schlagzeug, all dies nahm ich ganz bewusst und sehr intensiv wahr. Das Ganze war so ungeheuer rhythmisch und tanzbar, dass ich es nicht aushielt und tierisch abhottete. Mit wild zuckenden Bewegungen reagierte ich auf die ungemein modern klingende Musik da vorne und scherte mich einen feuchten Kehricht darum, was die anderen Fotografen oder die Zuschauer in den ersten Reihen dachten. She's Lost Control und Shadowplay hintereinander, wer kann da noch stillhalten? Ich nicht!





Hooky selbst war auch sehr agil und herrlich agressiv. Nicht nur sein Gesang klang hundsgemein und angrifslustig, sondern auch seine Gestik (das permante Armheben!) sprach Bände. Immer wieder baute er sich posend am Bühnenrand auf und hielt mit gespreizten Beinen seinen Bass demonstrativ vor seinen gut durchtrainierten Körper (kleiner Bauch, aber alles fest, man würde sich die Hand verletzen, schlüge man da rein), so als wolle er sagen: "der geilste Bassist aller Zeiten, das bin ich, alle andern sind Lutscher!" 

Aber auch gesanglich bekam er den Ian Curtis Part bestens hin. Jeder, der zum ersten Male Liveaufnahmen von Joy Division gehört hat, wird erstaunt sein, wie fuchsteufelswild und laut Ian sang, ganz anders als auf den von Produzent Martin Hannett geschönten und geglätteten Studioaufnahmen. Und sehr sehr ähnlich intonierte auch Peter Hook. Es wirkte trotzdem nicht wie eine Parodie, oder eine Imitation, denn die Agressivität nahm man Hook bedingungslos ab, sie wirkte nicht gekünstelt. 

Als die Fotografen nach ein paar Liedern (erstaunlicherweise durfte man 5 Songs lang vorne bleiben, üblich sind in der Regel drei) dann ihre Stellung im Graben verlassen mussten, war ich bereits vollkommen high. Hormone hatten für einen explosiven Cocktail gesorgt, in meinem Gehirn fanden sich sicherlich noch deutlich später Spuren von Adrenalin, Endorphin, Serotonin und was weiß ich noch was alles. 

 Musik kann wie eine Droge wirken, selten war dieser Satz so wahr wie in jener lauschigen Sommernacht. 

Mein Hemd war vom Tanzen inzwischen pitschnass, aber es ging noch eine halbe Stunde mit postpunkigem Dauerfeuer weiter. Twenty Four Hours und Dead Souls weckten mit ihren harten Rhythmen (das Schlagzeug erinnerte bsiweilen an Peitschenschläge) noch die totesten aller Seelen auf und nicht sehr viel später kam mit Ceremony sogar noch der beste (und einzige) Song von New Order. Sogleich klang alles ein wenig fröhlicher, melodischer und poppiger, wenngleich dieses Lied noch ganz klar an die Vorgangerband erinnerte. Ceremony, das sind noch nicht die elektronischen New Order, wie wir sie in den späteren 1980er Jahren kennenlernen sollten. 



Interessanterweise wird dieser famose Titel auch noch von Barney Sumner regelmäßig gespielt, eine der wenigen übriggebliebenen Gemeinsamkeiten zwischen dem New Order Sänger und dem ex-Bassisten dieser Band. Barney mag die frühen Sachen von New Order nicht, Hooky liebt sie. 

Barney wurde ich allerdings nicht zutrauen, den Joy Divison Katalog ähnlich gelungen live zu präsentieren, da fehlt ihm einfach die Kraft, die Wut und die Schizophrenie in der Stimme. Love Will Tear Us Apart, das natürlich auch beim Midi Festival den krönenden Abschluss bildete, spielt allerdings auch Barney immer noch am Ende von New Order Konzerten und dies definitiv gleich gut. 

Für mich gab es am Ende des 26. Juli allerdings trotzdem nur einen Helden: Peter Hook. Sumner und seine Kollegen waren mir an diesem tollen Tag einfach mal vollkommen egal, sollen sie über Hooky lästern wie sie wollen. 

Es wurde deutlich: Peter Hook is Joy Division. In ihm lebt die Legende weiter. 

Einen besseren Nachlassverwalter kann ich mir einfach nicht vorstellen. Ian Curtis würde sich angesichts der Darbietungen seines Bassisten nicht im Grab rumdrehen, sondern ihm vom Himmel aus zujubeln. 

Setlist Peter Hook & The Light, Midi Festival, Hyères: 

01: No Love Lost 
02: Digital 
03: Disorder 
04: She's Lost Control 
05: Shadowplay 
06: Isolation 
07: Twenty Four Hours 
08: Dead Souls 
09: These Days 
10: Warsaw 
11: Failures 
12: Ceremony (New Order) 
13: Transmission 
14: Love Will Tear Us Apart 

* Foto Archivaufnahme. Aktuelle Bilder folgen in Kürze.


Donnerstag, 2. August 2012

Midi Festival, Hyères, 28 & 29.07.12

2 Kommentare

Konzert: Midi Festival
Ort: Hyères-les Palmiers, Südfrankreich

Datum: 28 & 29.07. 2012

Zuschauer: gute Frage; es war ein intimes Festival


Im südfranzösischen Hyères ist meine Frau geboren worden und hier ist sie auch zur Schule gegangen. Logisch also, daß ich die kleine Mittelmeerstadt gut kenne und schon oft durch ihre pittoresken Straßen geschlendert bin, vor allem in der Zeit, als ich selbt im Süden Frankreichs wohnte. Ich studierte damals ein Jahr Jura (eine seltsame Idee, hatte ich noch alle Tassen im Schrank?) in Aix-en Provence und kam ohne Examen, aber mit einer jungen hübschen Französin zurück nach Berlin. Inzwischen sind wir längst in Paris gelandet, aber die Zeit an der French Riviera habe ich natürlich noch in bester Erinnerung (nicht wegen des Studiums, sondern anderer Dinge. Welche? Ist 'n Geheimnis!)

Natürlich besuchen wir auch unsere Schwiegereltern/Eltern mindestens einmal pro Jahr und ich fand, daß man in die eine Woche Ende Juli auch schön ein kleines Festival integrieren kann. Ich malte mir das im Vorfeld wunderbar aus: tagsüber an den Strand gehen und meinen dicken, alten Körper durchgrillen lassen, den schönen Mädchen im Bikini hinterherglotzen, abends auf dem Festival zu wunderbarer Musik unter Pininen schwofen. Und so kam es dann auch. Strand, Sonne, sexy Girls bei Tage. Kein Strand, dafür eine Konzertbühne, untergehende Sonne, erneut sexy Girls und gute Musik am Abend. Perfekt. Die zahlreichen Hipster und der Sonnenbrand auf meiner Plautze konnten mir die Laune jedenfalls nicht verderben. Auch nicht, daß ich auf den ersten Festivaltag am 27 Juli verzichtete, weil wir uns auch bei den Eltern mal zeigen mussten (kein Problem, ich mag sie sehr gern).


Am 28. Juli waren wir dann beim Midi Festival live mit dabei. Die Konzerte fanden im Hippodrome nahe des Flughafens von Hyères statt und statt des befürchteten großen Reitstadiums erwartete uns eine kleine intime Ecke unter Pinien, die nichts mit den riesigen unpersönlichen Konzertbühnen bei Massenveranstaltungen zu tun hatte. Der Einlass und die Bändchenvergabe getaltete sich als herrlich unproblematisch und ich wurde mit einem Pressepass ausgestattet, auf dem als Medium einfach "Peel" stand. Herrlich, Oliver Peel enterprises, meine Großmannssucht wurde hier bestens bedient.!

Es war etwa 20 Uhr und auf der Bühne standen Arthur Beatrice. Im Vorfeld war ich ahnungslos davon ausgegangen, daß es sich hierbei um einen französischen Chansonsänger handele. Weit gefehlt, Arthur Beatrice entpuppten sich als vier Briten mit einer sehr hübschen, südamerikanisch wirkenden Sängerin und Keyboarderin mit Zopf und einem rothaarigen Sänger. Wie ich von der Pressechefin erfuhr, handelte es sich um die Band mit den meisten Interviewanfragen überhaupt. Ein gewisser Hype scheint also hier im Anmarsch zu sein.

Stellt sich natürlich sofort die Frage, ob das Medieninteresse gerechtfertigt ist? Nun, zunächst einmal ist nüchtern festzustellen, daß ich neugierig geworden bin auf diese vier Londoner, die ein recht kurzes Set ablieferten. Aber diese Neugierde wird bei einer Internet-Recherche nur unzureichend befriedigt. Die seltsame Homepage erzählt so gut wie gar nichts über die Band, Artikel oder Musik (kein einziges Lied auf der Facebook Seite) des Quartetts recht rar gesät. Da wird man unweigerlich an Wu Lyf und deren anfängliches Versteckspiel erinnert, ohne daß es Arthur Beatrice so wild und mysteriös treiben wie die Jungs aus Manchester vor zwei Jahren.


Nach Wu Lyf klingen Arthur Beatrice jedenfalls nicht. Der Sound erinnerte mich eher an The XX (der Bass, das düstere Moment), die Editors (die Grabesstimme des Sängers), die Antlers (die pathetische Seite, die aber zum Glück nicht allzu stark ausgeprägt ist), die Wild Beats (der tanzbare Rhythmus, die perlenden Gitarren), Beth Jeans Houghton (die hohe, manchmal exaltierte Stimme der Sängerin Ella Girardot) oder Lanterns On The Lake (das Wechseln zwischen ruhigen und stürmischeren Phasen), ohne das die Ähnlichkeiten mit genannten Gruppen jedoch allzu ausgeprägt waren. Arthur Beatcrie klangen somit erfreulich eigenständig, ganz ohne nervenzerrende Ausflüge in experimentelle Gefilde zu starten.


Ihre Lieder waren sehr abwechslunsgreich, feinglidrig und clever arrangiert. Da gab es vieles was aufhorchen ließ, obwohl ich vor diesem Festival nie etwas von dieser Band gehört hatte. Der Überhit, neben der prima Single Midland, war allerdings What We Hoped To Achieve, dessen Titel ich nach dem Konzert recherchierte. Ein sechsminütiges Schmuckstück mit einer anziehend mysteriösen Seite, famosen Tempowechseln, flirrenden Gitarren und einem unwiderstehlichen Finisch.

Da wollte man in Hyeres die Engländer gar nicht so schnell ziehen lassen, aber es musste ja im Programm weitergehen. Für mich wird es jedenfalls ein baldiges Wiedersehen mit Arthur Beatrice geben und zwar beim Haldern Pop Festival. Da freue ich mich jetzt schon riesig drauf!

In Südfankreich war es inzwischen 21 Uhr geworden und die Sonne fing schon an zu sinken, um gegen Ende des Sets des nun an den Start gehenden Thurston Moore samtweich hinter den Pinien unterzugehen.

Der ex-Sonic Youth Mann hatte eine mehrköpfige Band dabei*, darunter auch die famose Geigerin und Bassistin Samara Lubelski, die Kenner auch als Solokünstlerin schätzen.
Die Musiker ließen es zunächst langsam angehen, arbeiteten sich durch wolkenverhangene Passagen langsam ans Licht, blieben aber oft der düster- trüben Atmosphäre der Songs treu. Das Tempo wurde allerdings im Laufe des Sets teilweise deutlich angezogen. Da gab es fetzige und noisige Phasen, die immer wieder durch zahlreiche Brüche und Schlenker konterkariert wurden. Thurston ist halt eben kein Typ für mundgerechten kugelrunden Bubble Gum Pop. Er bleibt seiner Schrägheit treu, schreibt keine Hits für Millionen, die im Sommer aus Autoradios erschallen. Aber die Harcore Indie Freaks hat er auf seiner Seite. Zu recht, denn Burroughs, diese gemeine Noisekeule, war wirklich ein ziemlicher Hammer. Auch sehr cool: Circulation, das von der Geige Subelski nach vorne getrieben wurde und wahnsinnig nonchalant rüberkam. Thurston Moore, der ewige Berufsjugendliche, wippte auf seinen Adidas Sneakers ganz lässig im Takt und zog mit schnellem Armzug durch die Saiten seiner Gitarre. Wie man mit 54 noch auf so unverkrampfte Weise rebellisch sein kann, imponierte mir ungemein.


Zugegeben werden muss, daß nicht jeder im Publikum wirklich begeistert wirkte. Manche standen nur gelangweilt rum, andere lagen auf der Wiese und schonten ihre Kraftreserven für Bon Iver. Thurston Moore schien mir jedenfalls nicht unbedingt der Name auf dem Line-Up gewesen zu sein, für den die meisten Leute gekommen waren. War mir aber egal, denn ich kam beim Gig des schlaksigen Amerikaners auf meine Kosten.


Hinterher hatte ich kurz Zeit, durch den Pressebereich zu schlendern und war erstaunt darüber, wie gemütlich der war. Da gab es große rote Sofas, Liegstühle und eine Pinie, die mit leuchtenden Glühlämpchen behangen war. Sehr heimelig das Ganze, es war wirklich eine verdammt laue Sommernacht.

Um 22 Uhr 30 galt es aber, taufrisch zu sein, denn Bon Iver und seine gefühlt 87 Mitmusiker (in Wirklichkeit waren es acht) stürmten die Bühe, die mit zerfledderten Stofffetzen und elektrischen Fackeln mit Glaslämpchen dekoriert war. Vom Pitchfork Festival in Paris im letzten Jahr wusste ich, daß Justin Vernon inzwischen auf wuchtigen und orchestralen Livesound mit Geige, Trompete, Horn, Basssaxofon und zwei Schlagzeugern setzt und war insofern nicht überrascht, daß es laut und druckvoll aus den Boxen schallte. Nichts mehr übrig von der Folkreduktion des in einer Jagdhütte in Wisconsin enstandenen ersten Albums, stattdessen satter Breitwand Sound und Opulenz in seinen schillerndsten Farben, die auf die Stofffetzen projeziert wurden.

Aber ich musste schon ziemlich bald feststellen, daß Justin sowohl in der abgespeckten, kargen Variante als auch in der stark instrumentierten Version zu überzeugen weiß. Er ist einfach ein exzellenter Musiker, seine Falsettstimme schlichtweg sagenhaft und als Dirigent eines Orchesters taugt er viel. Natürlich konnte man jammern über die verschwundene Intimität und Innigkeit, die fehlende Magie früherer Tage, anerkennen musste aber jeder die meisterliche Beherrschung des famosen Songmaterials, die Komplexität der Liedstrukturen und die tadellose Darbietung des Vortrages.


Besonders gewandelt klang Creature Fear. Das einst so verhuschte Folkstück gebärdete sich wild und angriffslustig wie ein sich bedroht fühlender Bär, rockte am Ende wie Hölle. Wundervoll Holocene, eines meiner Liebslinsglieder des zweiten Albums, das ich unzählige Male im Mietwagen laufen ließ, als ich 2011 die USA durchquerte. Ein perfekter Soundtrack für diese weiten, atemberaubend schönen Landschaften, auch wenn mich Holocene heute nicht besonders stark emotional berührte. Ohnehin war das Konzert eher weniger für Melancholiker, als für Fans im Chor geschmetterter Gesänge geeignet, wie man sie bei Skinny Love hören konnte.


Richtig gelungen fand aber auch ich Calgary, eine Nummer bei der die Falsettstimme von Vernon besonders gut zur Geltung kam und der Schwebesound süße Träume assozierte.

Letztlich dauerte das Konzert etwa 90 Minuten und erlebte mit For Emma noch eine schöne Zugabe.


Schwebenden Schrittes machten wir uns im Anschluß auf den Heimweg. Die nächtlichen Konzerte am weit entfernten Strand schenkten wir uns und überließen das jüngeren Leuten. Wir hatten genug gehört und gesehen und waren zufrieden. Allein der idyllische und bukolische Rahmen hatte das Kommen locker gerechtfertigt.


Die Schönheit der Spielstätte konnte am nächsten Festivaltage noch mal locker getoppt werden. Da fanden die Konzerte nämlich auf einer Anhöhe in den mediteranen Gärten der tollen Villa Noailles statt. Ein Ort am dem regelmäßig Ausstellungen zu besichtigen sind, der aber seit inzwischen sieben Jahren für das Midi Festival genutzt wird. Mir fehlen fast die Worte, um die Magie der Örtlichkeit zu bechrieben, es war einfach irreal schön, wahnsinnig romantisch, kurzum: nicht zu toppen!


Um 19 Uhr gingen die Konzerte auf der nicht sonderlich großen Anlage los. Heute aber konnte mich keiner der insgesamt 5 Gigs so richtig begeistern. Der hünenhafte Brite Gabriel Bruce kredenzte einen recht kitschigen, stark von den 1980er Jahren inspirierten New Wave Elektro Pop Sound, den er mit tiefer Baritonstimme vortrug und der von zwei weiblichen Tanzmäusen in Szene gesetzt wurde. Das war recht unterhaltam, musikalisch aber nicht sehr hochstehend.

Palma Violets im Anschluß vermochten ebenfalls nicht wirklich zu überzeugen. Die junge gehypte Band, die bei Rough Trade gesignt ist, wird oft mit den Libertines verglichen, hatte aber keine Hits im Stile von Can't Stand Me Now oder Time For Heroes zu bieten und spielte einen Sound, den man so ähnlich auch schon in der Vergangenheit gehört hatte. Das spannendste an dem energisch vorgetragenen Set waren die Dejellaba des Sängers, unter der seine weiße Schießer- Boxershort herauslukte und seine schmuztigen Socken. Jedenfalls blieb mir das am stärksten im Gedächtnis haften.


Von Money aus England werde ich sicherlich die ziemlich albern aussehende Mönchsfrisur des Sängers und sein bis auf den letzten Knopf zugeknöpftes Hemd in Erinnerung behalten. Die Gruppe allerdings war definitiv nicht schlecht, hatte aber immer mal wieder Hänger drin, die das Zuhören zäh gestalteten. Vier junge Musiker spielten einen Sound, der an amerikanische Bands wie Animal Collective, Yeasayer oder Grizzly Bear denken ließ, aber auch Spurenelemente von englischen Formationen wie Wu Lyf oder den Manic Street Preachers in sich trug. Mal sehen, wie die sich entwicklen, eventuell komme ich bei den Jungs aus Manchester noch auf den Geschmack. Also dranbleiben.

Dranbleiben war auch das Stichwort beim Konzert der aus LA stammenden Nite Jewel. Wenn man nämlich nah vorne an der Bühne stand, konte man beim Aufbauen sehen, daß die zierliche Sängerin einen Anzug trug, der stark an einen Pyjama erinnerte. Zum Einschlafen war ihr Set dann schließlich nicht, aber ihre musikalische Ausrichtung- eine Mischung aus Soul, Dance Musik, Funk und Pop-, entsprach einfach nicht meinem Geschmack. Da fehlten mir schmerzlich die Gitarren, wurden immer wieder nervige Assoziationen zu Michael Jackson und seiner Off The Wall Phase wachgerufen, oder an Ariel Pink's Haunted Graffiti erinnert. Immerhin konnte ich mich an ihrer schönen Stimme erfreuen, wenigstens etwas.


Zu guter Letzt durften dann Franzosen das Festival schwungvoll beenden. Francois and The Atlas Mountains machten ihre Sache dann auch erwartet gut, spulten ihre tanzbaren Afro-Indiebeat ab und sangen mal englisch, mal französisch (soyons les plus beaux) Dennoch ist der Funke bei mir noch nie so richtig übergesprungen. In den letzten Monaten hatte ich sie ein paar Mal gesehen, immer wieder an einzelnen Liedern (La Piscine!) meine Freude gefunden, wurde aber nie durchgängig gut unterhalten. Das Liedmaterial ist mir einfach zu wechselhaft. Darüber konnte ich mir aber nicht mehr allzu lange Gedanken machen, denn meine Frau holte mich schon vor dem Ende des Konzertes mit dem Auto ab. Sie meinte, ich hätte nun genug Festival gehabt, nun solle ich mich mal wieder um sie kümmern. Recht hatte sie und nächstes Jahr können wir ja wiederkommen, ein Hotel müssen wir schließlich da unten im Süden nicht bezahlen.

Insgesamt: eine sehr lohnende Sache! Das Midi Festival kann ich wirklich empfehlen, allein schon wegen des wundervollen Rahmens!


* allerdings nicht die Harfespielerin


 

Konzerttagebuch © 2010

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