Samstag, 4. Juli 2015

ATP Island Festival 2. Tag, Ásbrú, 02.07.15


All Tomorrows Party Island Tag 2 mit Konzerten von
  JFDR (30 min)
  Valgeir Sigurðsson with Liam Byrne (60 min)
  Daniel Bjarnason (60 min)

Ort: Ásbrú bei Keflavík
Datum: 3. Juli 2015
Zuschauer: zwischen 200 und 300 


Alle Fotos von Claudia, vielen Dank!

Der zweite Tag des ATP war für mich grundverschieden vom ersten. Das begann schon damit, dass uns am Festivalsfreitag das Gelände mit dem allerallergrößten Sommerfrische-Charme erwartete. Wir hatte uns 20:30 Uhr als Beginn der zweiten Stippvisite ausgesucht (Christoph war schon am Nachmittag kurz dagewesen, als wir anderen die Blaue Lagune vorgezogen hatten...) und waren gegen 20:10 Uhr angekommen. 


Um diese Uhrzeit stand die Sonne zwar nicht mehr im Zenit aber noch strahlend hoch über der Weite der Landschaft. Sie tauchte alles in ein ganz besonderes Licht. Die Berge am Horizont waren lila vor dem blauen Himmel. Die Landschaft und alle Menschen gaben von diesem Strahlen zurück, keiner konnte sich dieser Schönheit entziehen. Viele saßen neben dem Gelände in den blühenden Lupinenfeldern und auf den Wiesen und machten ein Pläuschchen oder ein Päuschen. Es war auffällig, dass tatsächlich sehr viel weniger Leute als am Donnerstag der Einladung nach Ásbrú gefolgt waren (bei der Halle vielleicht halb so viele wie am Vortag).


Uns zog es zunächst ins Andrews Theater zu JFDR, die wir schon mit den Projekten Pascal Pinon und Samaris ins Herz geschlossen hatten. Und auch mit ihrem nigelnagelneuen Projekt verstand es Jófrídur Ákadóttir uns zu gefallen. Der von ihrem Vornamen abgeleitete Name legt nah, dass es sich wesentlich um ihre Musik handelt. Auf der Bühne war für die Aufführung ein Trio präsent. Neben Jófrídur mit Gitarre oder Keyboard noch ein junger Mann an Knöpfen, Reglern und Computer und ein Drummer. Ihre Namen habe ich leider nicht mitbekommen. Der Drummer durfte auch gleich den Akzent für das erste Stück setzen. Sehr bestimmt, fast laut und pointiert. In den anderen Stücken fiel er mir dann jedoch vor allem seine sehr gekonnt zurückhaltende klangfärberische Spielweise sehr positiv auf. 


Bisher war es für mich immer so, dass insbesondere die Gesangsstimme(n) den entscheidenden Kick erzeugten, der mir die Musik der Projekte ins Herz katapultierten. Auch hier war die Stimme wichtig, aber "nur noch" etwa gleich wichtig zu dem Klangkosmos, den die drei zusammen erschufen. Über weite Strecken hatte ich die Augen geschlossen und ließ mich einfach treiben und nahm es als Gelegenheit zur Entspannung - sehr passend zu unserem sonnendurchfluteten Ausflug zum Thermalbad am Nachmittag, der auch noch in uns nachklang. Ein klein wenig schimmerte auch noch Nervosität durch das Set, das wohl das allererste Auftritt in dieser Konstellation war. Es gab auch fast keine Ansagen zu den Songs. Aber auch das wirkte einfach nur charmant und tat der Musik keinen Abbruch.


Im Projekt JFDR klingt der spielerische Folk, den ich von Pascal Pinon kenne, noch an, auch das elektronische von Samaris, aber man trifft sich nicht in der Mitte, sondern irgendwo "darüber". Die Melodien von Stimme und Gitarre bleiben bestimmend. Aber der Horizont ist sehr weit und sphärisch. Die halbe Stunde war erschreckend schnell um - ich bin sehr gespannt, wohin die Reise da noch gehen wird!

Setlist:
01: Wires
02: Instant Patience
03: Anything goes
04: Snow
05: Journey
06: White sun


Wir hatten uns im Vorfeld überlegt, den zwei Projekten im Andrews Theater eine Chance zu geben, die für den Abend noch auf dem Programm standen. Als Alternative stand jeweils bei nichtgefallen einen Platz in der herrlichen Mittsommer-Abendsonne draußen zu finden. Aber von nichtgefallen konnte bei Valgeir Sigurðsson keine Rede sein. Ganz im Gegenteil. An diesem Abend musizierte der Produzent und Soundbastler mit dem Briten Liam Byrne, der eine wunderschöne siebensaitig Bassgambe spielte (etwas kleiner als ein Cello). Für ein Stück hatten Sie auch noch den US-amerikanischen Sänger Jodie Landau zu Gast.  


Wir mussten uns erst einen Moment hineinhören, weil auch die Gambe über weite Strecken etwas untypisch eingesetzt wurde. Neben dem warmen Cello-änlichen Klang wurde häufig recht wilder Sound erzeugt (das aber ohne wilde Bewegungen). Sehr schöne Ruhepunkte waren in der Mitte des Sets dann Bearbeitungen offensichtlich barocker Stücke (die waren auch kurz und knackig im Gegensatz zu den oft ausufernden moderneren Stücken). Von den Computern kamen zum Teil brutale Powerbässe (ich bin mehrfach etwas überrascht zusammen gezuckt) die in der Akustik des Raums nicht ganz glücklich umgesetzt werden konnten. Es klang, als würde eine Metallwand Resonanz dazu ausdrücken. Aber ansonsten war es über weite Strecken sehr filigran und nahm mich mit auf eine Gedankenreise bei der ich am Ende sehr zufrieden zurückschaute.

Das Stück mit Sänger war für mich der absolute Höhepunkt. Changierend zwischen tiefer Frauen- und mittlerer Männerstimme fand er einen warmen Ton und eine sehr menschlichen Fokus für die Musik. Mehrfach sang er in sein eigenes Echo, was eine ganz eigene Klangdimension eröffnete. 

Setlist:
01: The Crumbling
02: Big Reveal
03: Ancor Che Col Partiere
04: Hatching
05: I call to you 
06. Drones
07: Do But Kill Me (feat. Jodie Landau)
08: Dissonance 



Als wir für das letzte Set mit Daniel Bjarnason zurückkamen, waren die Instrumente von Valgeir Sigurðsson und Liam Byrne noch auf der Bühne, aber noch ein Cello und ein Keyboard dazugestellt. Auch hier war der Klangkosmos sehr modern, mitunter verwirrend, weil ich das Cellospiel sah aber nicht hörte und hörte aber kein Cello gespielt wurde. Das Keyboard bediente auch nur ausnahmsweise Piano-mäßige Klänge. Alles in allem also nur der "dritte Platz" an diesem gemütlichen und enspannten Abend im Andrews Theater und unser Abschied vom ATP in Island im engeren Sinne.


Wir machten noch eine Stippvisite in der großen Hall bei Godspeed You! Black Emperor, die auf ihre Art auch sehr meditative Musik machen. Am meisten fasziniert hat mich jedoch hier der Mann neben dem Mischpult, der auf vier nebeneinander aufgestellten Projektoren schwer beschäftigt war, die richtigen Schleifen Super-8-Film einzulegen.  

(c) Christoph
Aus unserem Archiv:
Oyama, Ásbrú, 02.07.15 
JFDR, Ásbrú, 02.07.15
Samaris, Paris, 01.02.14
Samaris, Berlin, 17.09.14
Samaris, Köln, 16.09.14

Pascal Pinon, Frankfurt, 03.06.13
Pascal Pinon, Offenbach, 08.03.13
Pascal Pinon, Karlsruhe, 22.02.13
Pascal Pinon, Offenbach, 21.02.13
Valgeir Sigurðsson, Berlin, 24.05.13




 


0 Kommentare :

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates