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Freitag, 7. August 2015

ATP Island Festival 1. Tag, Ásbrú, 02.07.15

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All Tomorrows Party Island Tag 1 mit Konzerten von
  Tall Firs (40 min)
  Public Enemy (60 min)
  Iggy Pop (75 min)
  Belle and Sebastian (70 min)
Ort: Ásbrú bei Kevlafík
Datum: 2. Juli 2015
Zuschauer: zwischen 500 und 8000 


Fast alle Fotos von Claudia, vielen Dank!

Was hat Euch da eigentlich geritten! Das muss man unweigerlich denken, wenn man die Bandzusammenstellung dieses ersten Festivaltages liest, oder?!

Aber die Fahrt zum ATP nach Island hatten wir im Herbst letzten Jahres ausgemacht. Bekannt war da nur der Ort (eine ehemalige amerikanische Airbase in der Nähe des Flughafens von Reykjavík) und dass Belle and Sebastian spielen würden. Es verband sich für uns also die Hoffnung, ein Sehnsuchtsland zu sehen mit der, ein zu Belle and Sebastian passendes - also  tolles - Line-up dort zu erleben, zumal ja in Island kein Mangel an Bands herrscht, deren Musik wir mögen. Nachdem Flug und Unterkunft unserer kleinen Reisegruppe gebucht waren, habe ich lange Monate gar nicht mehr daran gedacht. Es hätte auch nichts genutzt, denn das Programm plumpste tatsächlich erst sehr kurz vorher in die Öffentlichkeit und alle Infos zum Venue sogar erst in dem Moment, wo es schon seit einer Stunde geöffnet war... Ob das nun isländisch tiefenentspannt ist oder schlampig organisiert, weiß ich nicht. Zum Glück war es eigentlich auch nicht so wichtig, weil es auf dieser Reise nicht nur um die Musik ging, sondern wir auch etwas vom Land und den kurzen Nächten um die Sommersonnenwende erleben wollten.


Das Festival begann schließlich für uns damit, unsere Booking-Nummern gegen ein Bändchen zu tauschen, was tatsächlich gut und relativ fix klappte. Das Einlassteam versprühte beste Laune obwohl das Wetter eher so naja war. Es drohte Regen und es war etwa 25 Kelvin kühler als in Deutschland. Anschließend warfen wir einen Blick auf das überschaubare kulinarische Angebot. Es gab Stände mit Fish & Chips und mit Sushi. Die längste Schlange war bei den Burgern (die auch echt lecker aussahen). Für uns war aber das Hummer-Sandwich eindeutig der Knaller und das eigentliche Lokalkolorit (auch in punkto Preis typisch isländisch)... Wobei ich auch noch nie Schafsfuß mit Kartoffelsalat angeboten bekommen habe.


Die meisten Konzerte fanden in den Atlantic Studios statt, einer Halle, die sicher einmal ein Flugzeughangar gewesen war - passend wohl für etwa 10.000 Besucher. An diesem ersten Tag war der Besucher-Höhepunkt das Konzert von  Iggy Pop mit etwa 8.000 Zuschauern (Christoph hat ein bisschen defensiver etwa 7000 geschätzt). Was vielleicht auch denjenigen Recht gab, die sich die etwas verquere Zusammenstellung überlegt hatten und wohl das Ziel verfolgten, möglichst viele Tickets zu verkaufen. Aber auf uns wirkte es eher wie Ein Kessel Buntes. In den Atlantic Studios begannen alle drei Festivaltage gegen 14 Uhr. Außerdem gab es einen kleinere Bühne im nahe gelegenen Theater der Airbase.


Den ersten Tag begannen wir mit dem Duo Tall Firs, anscheinend einem ATP-Urgestein. Sie spielten im Andrews Theater das eindeutig Charme hatte (innen mehr als von außen). Ein Auditorium mit Kinositzen für knapp 400 Leute. Leider mussten wir bis fast zum Beginn des Konzertes warten bis wir eingelassen wurden, was dank des Regens, der inzwischen tatsächlich eingesetzt hatte, nicht sehr nett war. Wir flaxten noch mit dem abfahrenden Barmann, dass wir aus der Stadt kommen, wo sein Auto gebaut wurde, aber das half uns leider auch nichts. Mein Eindruck von Tall Firs war etwas gemischt. Die beiden schienen auf der Bühne schon irgendwie Spaß zu haben, aber bei mir kam das nicht so recht an. Es klang auch irgendwie alles zu ähnlich.


Public enemy würden da jedenfalls mehr Energie rüberbringen. Tatsächlich war das dann schließlich auch mein Haupteindruck: Was für eine Energie diese Riege an Überlebenden von der Bühne pumpte, war ein unvergessliches Erlebnis. Der Gesamteindruck blieb dabei jedoch etwas gemischt. In den 80ern war das ja wirklich revolutionär. Umso trauriger ist es eigentlich, dass die Themen der Texte noch immer so aktuell wirken als hätte sich in den letzten dreißig Jahren nicht viel verbessert. 


Und es war für mich einfach zu arg einem ganz bestimmten Männerbild verpflichtet, an dessen dicken Eiern ich mich die ganze Zeit gerieben habe. Auf der Bühne posten z.B. die "Sicherheitsleute" abweisend und als Dance-moves wurde auch schon mal marschiert in den Uniformen der US-Wüstentruppen. Und wenn auch von Flavor Flav große Reden geschwungen wurden, wie alle friedliche Brüder sein sollen und wie stolz er auf seine Enkelkinder sei, so war doch in meine ehrliche Bewunderung für diese Kraft auch ein ordentlicher Schuß - was für eine ärmlich eingeschränkte Welt-Gedanken gemischt. Ringsum freilich wurde absolut vorbildlich mitgesungen, gepogt und gefeiert und auch das war ein Erlebnis für mich.


Iggy Pop im Anschluss hatten wir uns vorgenommen, weil man ja nie weiß, ob man noch einmal die Chance bekommt, ihn live zu erleben. Auf der Fahrt von Reykjavík hatten wir noch den Song The Passenger gefeiert, der allein eigentlich ewige Ehrerbietung für den Schöpfer nach sich ziehen sollte. Trotzdem war ich dann nicht in der Lage, mir die Show in voller Länge zu geben. Zum Glück für mich kam der tolle Song schon ziemlich bald. Es war sehr, sehr laut und der Fremdschämfaktor war irgendwann einfach zu hoch für mich. Außerdem war der Alkoholpegel inzwischen schon recht hoch und die eng um mich herumstehenden abgehenden Briten irgendwann einfach zu viel für mich.

Setlist:
01: No Fun
02: I Wanna Be Your Dog
03: The Passenger
04: Lust for Life
05: Skull Ring
06: Sixteen
07: Five Foot One
08: 1969
09: Sister Midnight
10: Real Wild Child (Wild One) (cover)
11: Nightclubbing
12: Some Weird Sin
13: Mass Production


14: I'm Bored (Z)
15: Funtime (Z)
16: Neighborhood Threat (Z)


Anschließend war ich tatsächlich schon ein bisschen müde, aber natürlich musste ich mir mein erstes Belle & Sebastian Konzert einigermaßen in Bühnennähe ansehen - einige von uns waren gar am Bühnenrand, das war mir aber ein wenig zu drängelich. Nach Iggy Pop hatte es sich tatsächlich etwas geleert und etwas weiter hinten konnte ich mich gut bewegen und die gute Laune von der Bühne bis hinter schwappen lassen, was sie ohne weiteres hervorragend schaffte.


Es war es toll und mitreißend, aber die eigentliche Lobeshymne kann hier nur der Kenner singen, was er zum Glück ausführlich getan hat. Ich war hinterher ganz schön froh, dass ich die 45 min in die Landeshauptstadt zurück nur mitfahren musste...


Aus unserem Archiv:
Iggy Pop, Ásbrú, 02.07.2015 (von Christoph)
Belle and Sebastian, Ásbrú, 02.07.2015 (von Christoph mit links zu allen bisherigen Berichten zu Belle and Sebastian)
ATP Island Festival 2. Tag, Ásbrú, 03.07.2015

Alle Fotos von Claudia vom ATP:



Mittwoch, 8. Juli 2015

Iggy Pop, Keflavik, 02.07.15

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Konzert: Iggy Pop
Ort: Atlantic Studios, Keflavik (ATP Iceland)
Datum: 02.07.2015
Dauer: ca. 75 min
Zuschauer: ca. 7.000



Für 50 DM musste ich 1989 verdammt lange arbeiten. Dafür bekam man auch eine Menge dafür. 53 Liter Diesel zum Beispiel. Daß ich auf einer Plattenbörse in Koblenz 1989 50 DM für eine einzelne Platte ausgab, fand ich damals schon irre. Es gab sie aber nicht mehr, sie war überall vergriffen. Auch keiner meiner Freunde konnte helfen. Also finanzierte ich dem schmierigen Verkäufer eine Tankfüllung und erstand Iggy Pops Lust for life, lange Zeit meine mit Abstand teuerste Platte. Einige Wochen später, Anfang 1990 erschien Lust for life dann auch auf CD. Dadurch wurde mein Vinylkauf noch einmal schmerzhafter und teurer. Oft habe ich Lust for life in der Folge nicht mehr gehört.


Iggy Pop hatte von meinem Kauf gar nichts. Er wird aber vermutlich ganz gutes Geld mit seiner Kunst gemacht haben.* Und das gleich wieder auf die ein oder andere Art in seinen Körper investiert haben. Als er mir am ersten Abend des ATP zum ersten Mal in einem Konzertsaal begegnete, wechselten sich bei mir verschiedenste Gefühle ab. Hier rannte ein wichtiger Beitragender meiner musikalischen Früherziehung über die Bühne, 68 Jahre alt, wie es seine Folklore verlangt nach dem ersten Lied bereits ohne die Lederjacke, die vorher seinen nackten Oberkörper bedeckt hatte, er war dabei aber trotz aller Energie so deutlich körperlich (und vermutlich nicht nur körperlich) angeschlagen, daß Begeisterung für Songs, Mitleid, Anerkennung und Scham sich alle paar Sekunden abschlugen. Daß die Jacke aus viel glatterem Leder als der Oberkörper ist... geschenkt! Aber eine wilde Bühnenshow mit ganz eindeutig kaputter Hüfte, sodaß Iggy Pop ein Bein nachziehen musste, das gab der Show einen schrecklich faden Beigeschmack. So als würde Eike Immel gegen kleines Geld sich bei irgendwelchen Spielen der Legenden auf Kabel eins in die Ecke schmeißen müssen, wohl wissend, wie weh das am nächsten Morgen tut. 

Schlimm auf einer anderen Ebene waren Iggys Wink-Orgien. Immer wieder verrenkte er sich (vielleicht einfach, um die Hüfte zu schonen) und winkte wie die Teletubbies, nein sehr viel irrer ins Publikum. Irgendwann guckte er durch das Publikum durch und fragte "what's your name?" 

Wenn man als Künstler alles richtig macht, altert man in Würde. Hätte ich die Show nur gehört und nicht gesehen, hätte ich das für Iggy Pop sofort auch unterschrieben. Aber wenn einem bei I wanna be your dog Assoziationen von dreibeinigen Hunden im Südeuropa-Urlaub durch den Kopf gehen, leidet mein Musikgenuß durch zu viele Mitleidattacken.

Iggy spielte eine Stunde und nocheinmal 15 min Zugaben. Das Set war zwar weder akustisch noch eine Mischung der beiden Platten Lust for life und The idiot, wie es am Anfang einmal angekündigt worden war, von beiden Platten spielten der Mann aus Ypsilanti und seine junge schottische (meine ich gehört zu haben) Begleitband eine Menge Songs. Der Rest stammte entweder von dem Stooges Debüt oder von seiner 1979er Platte New values. Es waren also fast ausschließlich Songs aus den 70ern und früher. Ich glaube, Skull ring war das einzige jüngere Stück.

"Meine Hits", die Lieder, die ich vor 25 Jahren rauf und runter gehört habe, spielte der alte Indianer alle. Aber alle ganz am Anfang. Später kam dann noch das Cover Wild one, mit dem Iggy damals ein riesiger Hit gelungen war. Nur China girl und Candy fehlten mir. Vor allem das letzte (mit Kate Pierson, der Frau mit der tollsten Stimme) habe ich heiß und innig geliebt, das hat er aber seit den frühen 90ern nicht mehr live gespielt.

Ich bin heilfroh, das ganze Konzert gesehen zu haben - Iggy Pop endlich einmal gesehen zu haben. Aber ein Genuß ohne Beigeschmack war das nicht. 

Hoffentlich hast Du spießige Freunde gehabt, Iggy, und Geld in eine Krankenkasse eingezahlt...

Setlist Iggy Pop, ATP Iceland, Keflavik:

01: No fun 
02: I wanna be your dog 
03: The passenger 
04: Lust for life 
05: Skull ring 
06: Sixteen 
07: Five foot one 
08: 1969 
09: Sister midnight 
10: Real wild child (Wild one) (Johnny O'Keefe Cover) 
11: Nightclubbing 
12: Some weird sin 
13: Mass production 

14: I'm bored (Z)
15: Funtime (Z)
16: Neighborhood threat (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Iggy Pop & The Stooges, Paris, 15.09.07


* nein, hier kommt jetzt kein Gag, daß er sich kein Hemd leisten kann
 

Dienstag, 7. Juli 2015

Oyama, Keflavik, 03.07.15

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Konzert: Oyama
Ort: Atlantic Studios, Keflavik, Island (ATP Iceland)
Datum: 03.07.2015
Dauer: gut 40 min
Zuschauer: etwa 60



Keflavik liegt rund 40 Fahrminuten westlich von Reykjavik. Da wir lieber in der Haupstadt als auf einer konvertierten Airbase wohnen wollten und das ATP mit jeder neu bestätigten Band bei mir nur noch Reaktionen wie "ach, Scheiße" hervorrief, wurde aus dem Festival mit Urlaub ein Urlaub mit etwas Musik. Daß ich nachmittags um zwei Oyama sehen wollte und dafür gerne die 40 minütige Anfahrt durch ein marsesques Lavafeld hinnahm, lag aber nicht an dem verzweifelten Wunsch, aus der Tüte vergammelter Trockenfrüchte wenigstens noch eine weitere essbare Rosine rauszupicken. Nach kurzem Reinhören versprach ich mir vielmehr ein gutes Konzert einer mir unbekannten isländischen Band. Oyama schienen nämlich Musik zu machen, für die ich mich auch außerhalb eines Festivals ins Auto setzen würde.


Als ich kurz vor zwei an den Atlantic Studios ankam, warteten dort noch nicht schrecklich viele andere. Beim Konzert waren wir etwa 60 in der riesigen Halle, in der das ein oder andere Spaceshuttle parken könnte. 



Oyama kommen aus Reykjavik und sind ein Quintett: Keyboarderin Júlía Hermannsdóttir, Gitarrist Úlfur Alexander Einarsson, Schlagzeuger Rúnar Örn Marinósson, Bassist Bergur Thomas Anderson und Gitarrist Kári Einarsson (v.l.n.r.). Júlia, Úlfur und Bergur singen abwechselnd, manchmal zu zweit, manchmal alle drei gemeinsam. 


Mir gefiel das Konzert auf Anhieb. In dem wild zusammengewürfelten Lineup, in dem bereits Belle & Sebastian wie ein Fremdkörper zwischen dem Grunge, Hip Hop und Hardcore-Zeugs hatte ich vieles erwartet aber keine isländische Shoegaze-Band, die von Lied zu Lied brillanter wurde. Die meisten Stücke stammten von der im November erschienenen Debütplatte Coolboy. Und sie waren alle toll. Von den ersten Lieder gefiel mir The cat has thirst besonders. Es erinnerte an Slowdives Golden hair. Júlia sang - oder hauchte - den Anfang, bevor ein wundervoller Gitarrenlärm ein- und sie sich hinsetzte.

Die stärksten Stücke kamen am Ende. Lung breathers, eine Single mit Video, The right amount und vor allem Sweet ride waren überwältigend gut! Und viel zu gut für eine Band, die erst seit 2012 existiert. Aber da kommt die Island-Karte ins Spiel. Das Land ist so reich an musikalischem Talent, daß sicher alle bereits vorher aktiv waren. Gitarrist Úlfur ist es zum Beispiel mit Útidúr, die einige Male in Deutschland waren.

Neben den wunderbaren Liedern (auch die beiden neuen Stücke Handsome devil, das sie zum zweiten Mal spielten und der noch namenlose Song, für den Bassist Kári um Titelvorschläge bat, waren sehr gut) gefielen mir die trockenen Ansagen und Erklärungen der Band. "The next song is called The right amount. It's about finding the right amount in life" oder ..."Sweet ride. And it's about taking a sweet ride with your friends." Bei Sweet ride sangen sie alle und wenn ich einen Grund für die Fahrt raus zur Airbase, ach für die Tour nach Island gebraucht hätte, das wäre er gewesen! Band des Festivals.

Setlist Oyama, ATP Iceland, Keflavik:

01: Another day
02: The cat has thirst
03: Siblings
04: Handsome devil (neu)
05: Lung breathers
06: The right amount
07: (neu)
08: Sweet ride

Links:

- Útidúr, Mannheim, 02.06.13
- Útidúr, Karlsruhe, 03.07.12 



Samstag, 4. Juli 2015

ATP Island Festival 2. Tag, Ásbrú, 02.07.15

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All Tomorrows Party Island Tag 2 mit Konzerten von
  JFDR (30 min)
  Valgeir Sigurðsson with Liam Byrne (60 min)
  Daniel Bjarnason (60 min)

Ort: Ásbrú bei Keflavík
Datum: 3. Juli 2015
Zuschauer: zwischen 200 und 300 


Alle Fotos von Claudia, vielen Dank!

Der zweite Tag des ATP war für mich grundverschieden vom ersten. Das begann schon damit, dass uns am Festivalsfreitag das Gelände mit dem allerallergrößten Sommerfrische-Charme erwartete. Wir hatte uns 20:30 Uhr als Beginn der zweiten Stippvisite ausgesucht (Christoph war schon am Nachmittag kurz dagewesen, als wir anderen die Blaue Lagune vorgezogen hatten...) und waren gegen 20:10 Uhr angekommen. 


Um diese Uhrzeit stand die Sonne zwar nicht mehr im Zenit aber noch strahlend hoch über der Weite der Landschaft. Sie tauchte alles in ein ganz besonderes Licht. Die Berge am Horizont waren lila vor dem blauen Himmel. Die Landschaft und alle Menschen gaben von diesem Strahlen zurück, keiner konnte sich dieser Schönheit entziehen. Viele saßen neben dem Gelände in den blühenden Lupinenfeldern und auf den Wiesen und machten ein Pläuschchen oder ein Päuschen. Es war auffällig, dass tatsächlich sehr viel weniger Leute als am Donnerstag der Einladung nach Ásbrú gefolgt waren (bei der Halle vielleicht halb so viele wie am Vortag).


Uns zog es zunächst ins Andrews Theater zu JFDR, die wir schon mit den Projekten Pascal Pinon und Samaris ins Herz geschlossen hatten. Und auch mit ihrem nigelnagelneuen Projekt verstand es Jófrídur Ákadóttir uns zu gefallen. Der von ihrem Vornamen abgeleitete Name legt nah, dass es sich wesentlich um ihre Musik handelt. Auf der Bühne war für die Aufführung ein Trio präsent. Neben Jófrídur mit Gitarre oder Keyboard noch ein junger Mann an Knöpfen, Reglern und Computer und ein Drummer. Ihre Namen habe ich leider nicht mitbekommen. Der Drummer durfte auch gleich den Akzent für das erste Stück setzen. Sehr bestimmt, fast laut und pointiert. In den anderen Stücken fiel er mir dann jedoch vor allem seine sehr gekonnt zurückhaltende klangfärberische Spielweise sehr positiv auf. 


Bisher war es für mich immer so, dass insbesondere die Gesangsstimme(n) den entscheidenden Kick erzeugten, der mir die Musik der Projekte ins Herz katapultierten. Auch hier war die Stimme wichtig, aber "nur noch" etwa gleich wichtig zu dem Klangkosmos, den die drei zusammen erschufen. Über weite Strecken hatte ich die Augen geschlossen und ließ mich einfach treiben und nahm es als Gelegenheit zur Entspannung - sehr passend zu unserem sonnendurchfluteten Ausflug zum Thermalbad am Nachmittag, der auch noch in uns nachklang. Ein klein wenig schimmerte auch noch Nervosität durch das Set, das wohl das allererste Auftritt in dieser Konstellation war. Es gab auch fast keine Ansagen zu den Songs. Aber auch das wirkte einfach nur charmant und tat der Musik keinen Abbruch.


Im Projekt JFDR klingt der spielerische Folk, den ich von Pascal Pinon kenne, noch an, auch das elektronische von Samaris, aber man trifft sich nicht in der Mitte, sondern irgendwo "darüber". Die Melodien von Stimme und Gitarre bleiben bestimmend. Aber der Horizont ist sehr weit und sphärisch. Die halbe Stunde war erschreckend schnell um - ich bin sehr gespannt, wohin die Reise da noch gehen wird!

Setlist:
01: Wires
02: Instant Patience
03: Anything goes
04: Snow
05: Journey
06: White sun


Wir hatten uns im Vorfeld überlegt, den zwei Projekten im Andrews Theater eine Chance zu geben, die für den Abend noch auf dem Programm standen. Als Alternative stand jeweils bei nichtgefallen einen Platz in der herrlichen Mittsommer-Abendsonne draußen zu finden. Aber von nichtgefallen konnte bei Valgeir Sigurðsson keine Rede sein. Ganz im Gegenteil. An diesem Abend musizierte der Produzent und Soundbastler mit dem Briten Liam Byrne, der eine wunderschöne siebensaitig Bassgambe spielte (etwas kleiner als ein Cello). Für ein Stück hatten Sie auch noch den US-amerikanischen Sänger Jodie Landau zu Gast.  


Wir mussten uns erst einen Moment hineinhören, weil auch die Gambe über weite Strecken etwas untypisch eingesetzt wurde. Neben dem warmen Cello-änlichen Klang wurde häufig recht wilder Sound erzeugt (das aber ohne wilde Bewegungen). Sehr schöne Ruhepunkte waren in der Mitte des Sets dann Bearbeitungen offensichtlich barocker Stücke (die waren auch kurz und knackig im Gegensatz zu den oft ausufernden moderneren Stücken). Von den Computern kamen zum Teil brutale Powerbässe (ich bin mehrfach etwas überrascht zusammen gezuckt) die in der Akustik des Raums nicht ganz glücklich umgesetzt werden konnten. Es klang, als würde eine Metallwand Resonanz dazu ausdrücken. Aber ansonsten war es über weite Strecken sehr filigran und nahm mich mit auf eine Gedankenreise bei der ich am Ende sehr zufrieden zurückschaute.

Das Stück mit Sänger war für mich der absolute Höhepunkt. Changierend zwischen tiefer Frauen- und mittlerer Männerstimme fand er einen warmen Ton und eine sehr menschlichen Fokus für die Musik. Mehrfach sang er in sein eigenes Echo, was eine ganz eigene Klangdimension eröffnete. 

Setlist:
01: The Crumbling
02: Big Reveal
03: Ancor Che Col Partiere
04: Hatching
05: I call to you 
06. Drones
07: Do But Kill Me (feat. Jodie Landau)
08: Dissonance 



Als wir für das letzte Set mit Daniel Bjarnason zurückkamen, waren die Instrumente von Valgeir Sigurðsson und Liam Byrne noch auf der Bühne, aber noch ein Cello und ein Keyboard dazugestellt. Auch hier war der Klangkosmos sehr modern, mitunter verwirrend, weil ich das Cellospiel sah aber nicht hörte und hörte aber kein Cello gespielt wurde. Das Keyboard bediente auch nur ausnahmsweise Piano-mäßige Klänge. Alles in allem also nur der "dritte Platz" an diesem gemütlichen und enspannten Abend im Andrews Theater und unser Abschied vom ATP in Island im engeren Sinne.


Wir machten noch eine Stippvisite in der großen Hall bei Godspeed You! Black Emperor, die auf ihre Art auch sehr meditative Musik machen. Am meisten fasziniert hat mich jedoch hier der Mann neben dem Mischpult, der auf vier nebeneinander aufgestellten Projektoren schwer beschäftigt war, die richtigen Schleifen Super-8-Film einzulegen.  

(c) Christoph
Aus unserem Archiv:
Oyama, Ásbrú, 02.07.15 
JFDR, Ásbrú, 02.07.15
Samaris, Paris, 01.02.14
Samaris, Berlin, 17.09.14
Samaris, Köln, 16.09.14

Pascal Pinon, Frankfurt, 03.06.13
Pascal Pinon, Offenbach, 08.03.13
Pascal Pinon, Karlsruhe, 22.02.13
Pascal Pinon, Offenbach, 21.02.13
Valgeir Sigurðsson, Berlin, 24.05.13




 


Freitag, 3. Juli 2015

Belle & Sebastian, Ásbrú, 02.07.15

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Konzert: Belle & Sebastian
Ort: Atlantic Studios, Ásbrú, Keflavik, Island (ATP Iceland)
Datum: 02.07.2015
Dauer: 80 min
Zuschauer: ca. 6.000



"Es ist schon ziemlich cool, wenn mir ein Belle & Sebastian Fan den Mittelfinger zeigt!" 

Damit meinte Stuart Murdoch nicht mich beim letzten, ziemlich drögen Konzert seiner Band in Barcelona vor ein paar Wochen. Da war ich gedanklich mehrfach kurz davor, Finger zu zeigen, weil meine Lieblinge ihre kurze Spielzeit mit viel zu viel Animationsprogramm und zu wenigen Hits verschleuderten. Es war mein erstes schlechtes Belle & Sebastian Konzert und eine tolle Voraussetzung für das Island-ATP, auf dem neben den Glasgowern kaum eine Band für mich auftritt. Als Belle & Sebastian angekündigt worden waren, war für mich klar, daß das ATP das dritte Bowlie werden würde. Die Schotten hatten das erste dieser Festivals und 2010 das Bowlie 2 kuratiert und dazu ihre Lieblingsbands eingeladen. Da Belle & ich eine große Lieblingsband-Schnittmenge haben, war das 10er Lineup wie für mich gemacht. Das noch einmal zu erleben, war Grund genug, Tickets fürs ATP Island zu kaufen, als Belle & Sebastian als erste Band angekündigt worden waren.

Danach wurden jede Menge Lieblingsbands bestätigt, allerdings nicht meine sondern die der ATP Macher. Bands wie Iceage, Swans, Youghusband, The Field, HAM, die mich überhaupt nicht interessieren oder aktuell heißer Scheiß (Ought), den ich langweilig finde und die wenigen isländischen Bands, mit denen ich nichts anfangen kann. Na super.

Die Frau in der ersten Reihe hatte Stuart Murdoch aber ihren Mittelfinger gezeigt, weil er gefragt hatte, wer morgen arbeiten müsse, sie aufgezeigt hatte und er dann erklärt hatte, daß der nächste Song nicht für sie sei.

Es war wieder ein richtig gutes Konzert der Schotten! Die Sachen, die mich in Barcelona gestört hatten, dieser Animationskram wie in einem englischen Clubhotel, das Geburtstagsständchen und vor allem das schlechte, endlos lange Perfect couples gab es auch diesmal. Sie waren aber weit weniger schlimm (außer dem achtminütigen Perfect couples - puh...). Dazu war die Band außerordentlich gut gelaunt, also wie immer, nur eben nicht in Barcelona.

Das ATP Island findet 2015 zum dritten Mal statt. Austragungsort ist die ehemalige amerikanische Airbase in Keflavik. Die Hauptbühne ist in einem Filmstudio untergebracht, das eine riesige Halle, vermutlich einen ehemaligen Hangar nutzt. Die Atlantic Studios Stage fasst bestimmt 10.000 Zuschauer, am ersten Tag waren aber wohl maximal 7.000 Besucher da. Bei Belle & Sebastian mögen es noch 6.000 gewesen sein.

Die Band war offenbar sehr knapp vorher angereist und hatte scheinbar nicht viel Zeit für Soundchecks. Nobody's empire und I'm a cuckoo klangen noch nicht gut, danach wurde es immer besser. 

Nicht nur der Sound. The loneliness of a middle distance runner, Dirty dream #2, zwei der (vielen) guten Lieder der neuen Platte (Nobody's empire und The party line), das behob meine kleine B&S-Krise sehr schnell! Nach Perfect couples ging es perfekt weiter. "Wollt ihr ein ruhiges Stück oder ein Party-Lied? Party? Ok! You'll never know what you have missed! (Anm.: doch, Fox in the snow)" Das Partylied war Dog on wheels, gefolgt von There's too much love und etwas später A summer wasting (dem Mittelfingerlied) und den Belle-Live-Standards Arab strap, Legal man und Judy (Abk.).

A summer wasting, eines der Lieder, die ich noch nie live gehört habe*, war die besondere Überraschung. Zwischendrin versuchte Stuart, den Text auf Island-Verhältnisse umzudichten ("you heard the puffins** sing"). Zu The boy with the arab strap und Legal man tanzten handverlesene Besucher auf der Bühne, aber auch das war diesmal wieder nett und nicht gewollt wirkend.

Es war ein schönes Konzert, das mir wieder große Vorfreude auf den Herbst und ein paar weitere macht. Wobei Jahreszeiten nach einem Sommerurlaub mit 5 Grad und weniger und einer Stunde halbherziger Dunkelheit irgendwie irrelevant werden. "Summer in winter, winter in springtime. You heard the puffins sing." - "Do puffins actually sing?" - "wööök wööök"

Setlist Belle & Sebastian, ATP-Island, Ásbrú:

01: Nobody's empire
02: I'm a cuckoo
03: The party line
04: The loneliness of a middle distance runner
05: Dirty dream #2
06: Perfect couples
07: Dog on wheels
08: There's too much love
09: I didn't see it coming
10: A summer wasting
11: The boy with the arab strap
12: Legal man
13: Judy and the dream of horses

Links:

- aus unserem Archiv:
- Belle and Sebastian, Barcelona, 29.05.13
- Belle and Sebastian, Paris, 31.10.14
- Belle and Sebastian, Larmer Tree Gardens, 01.09.13
- Belle and Sebastian, Barcelona, 27.05.11
- Belle and Sebastian, Minehead, 11.12.10
- Belle and Sebastian, New York, 30.09.10
- Belle and Sebastian, Latitude-Festival, 17.07.10


* Nummer 54
** Lunde, die niedlichen Vögel, die wie eine gemeinsames Kind von Papagei und Pinguin aussehen



 

Konzerttagebuch © 2010

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