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um
11:51
All Tomorrows Party Island Tag 2 mit Konzerten von
JFDR (30 min)
Valgeir Sigurðsson with Liam Byrne (60 min)
Daniel Bjarnason (60 min)
Ort: Ásbrú bei Keflavík
Datum: 3. Juli 2015
Zuschauer: zwischen 200 und 300
Alle Fotos von Claudia, vielen Dank!
Der zweite Tag des ATP war für mich grundverschieden vom ersten. Das begann schon damit, dass uns am Festivalsfreitag das Gelände mit dem allerallergrößten Sommerfrische-Charme erwartete. Wir hatte uns 20:30 Uhr als Beginn der zweiten Stippvisite ausgesucht (Christoph war schon am Nachmittag kurz dagewesen, als wir anderen die Blaue Lagune vorgezogen hatten...) und waren gegen 20:10 Uhr angekommen.

Um diese Uhrzeit stand die Sonne zwar nicht mehr im Zenit aber noch strahlend hoch über der Weite der Landschaft. Sie tauchte alles in ein ganz besonderes Licht. Die Berge am Horizont waren lila vor dem blauen Himmel. Die Landschaft und alle Menschen gaben von diesem Strahlen zurück, keiner konnte sich dieser Schönheit entziehen. Viele saßen neben dem Gelände in den blühenden Lupinenfeldern und auf den Wiesen und machten ein Pläuschchen oder ein Päuschen. Es war auffällig, dass tatsächlich sehr viel weniger Leute als am Donnerstag der Einladung nach Ásbrú gefolgt waren (bei der Halle vielleicht halb so viele wie am Vortag).
Uns zog es zunächst ins Andrews Theater zu JFDR, die wir schon mit den Projekten Pascal Pinon und Samaris ins Herz geschlossen hatten. Und auch mit ihrem nigelnagelneuen Projekt verstand es Jófrídur Ákadóttir uns zu gefallen. Der von ihrem Vornamen abgeleitete Name legt nah, dass es sich wesentlich um ihre Musik handelt. Auf der Bühne war für die Aufführung ein Trio präsent. Neben Jófrídur mit Gitarre oder Keyboard noch ein junger Mann an Knöpfen, Reglern und Computer und ein Drummer. Ihre Namen habe ich leider nicht mitbekommen. Der Drummer durfte auch gleich den Akzent für das erste Stück setzen. Sehr bestimmt, fast laut und pointiert. In den anderen Stücken fiel er mir dann jedoch vor allem seine sehr gekonnt zurückhaltende klangfärberische Spielweise sehr positiv auf.

Bisher war es für mich immer so, dass insbesondere die Gesangsstimme(n) den entscheidenden Kick erzeugten, der mir die Musik der Projekte ins Herz katapultierten. Auch hier war die Stimme wichtig, aber "nur noch" etwa gleich wichtig zu dem Klangkosmos, den die drei zusammen erschufen. Über weite Strecken hatte ich die Augen geschlossen und ließ mich einfach treiben und nahm es als Gelegenheit zur Entspannung - sehr passend zu unserem sonnendurchfluteten Ausflug zum Thermalbad am Nachmittag, der auch noch in uns nachklang. Ein klein wenig schimmerte auch noch Nervosität durch das Set, das wohl das allererste Auftritt in dieser Konstellation war. Es gab auch fast keine Ansagen zu den Songs. Aber auch das wirkte einfach nur charmant und tat der Musik keinen Abbruch.

Im Projekt JFDR klingt der spielerische Folk, den ich von Pascal Pinon kenne, noch an, auch das elektronische von Samaris, aber man trifft sich nicht in der Mitte, sondern irgendwo "darüber". Die Melodien von Stimme und Gitarre bleiben bestimmend. Aber der Horizont ist sehr weit und sphärisch. Die halbe Stunde war erschreckend schnell um - ich bin sehr gespannt, wohin die Reise da noch gehen wird!
Setlist:
01: Wires
02: Instant Patience
03: Anything goes
04: Snow
05: Journey
06: White sun
Wir hatten uns im Vorfeld überlegt, den zwei Projekten im Andrews Theater eine Chance zu geben, die für den Abend noch auf dem Programm standen. Als Alternative stand jeweils bei nichtgefallen einen Platz in der herrlichen Mittsommer-Abendsonne draußen zu finden. Aber von nichtgefallen konnte bei Valgeir Sigurðsson keine Rede sein. Ganz im Gegenteil. An diesem Abend musizierte der Produzent und Soundbastler mit dem Briten Liam Byrne, der eine wunderschöne siebensaitig Bassgambe spielte (etwas kleiner als ein Cello). Für ein Stück hatten Sie auch noch den US-amerikanischen Sänger Jodie Landau zu Gast.

Wir mussten uns erst einen Moment hineinhören, weil auch die Gambe über weite Strecken etwas untypisch eingesetzt wurde. Neben dem warmen Cello-änlichen Klang wurde häufig recht wilder Sound erzeugt (das aber ohne wilde Bewegungen). Sehr schöne Ruhepunkte waren in der Mitte des Sets dann Bearbeitungen offensichtlich barocker Stücke (die waren auch kurz und knackig im Gegensatz zu den oft ausufernden moderneren Stücken). Von den Computern kamen zum Teil brutale Powerbässe (ich bin mehrfach etwas überrascht zusammen gezuckt) die in der Akustik des Raums nicht ganz glücklich umgesetzt werden konnten. Es klang, als würde eine Metallwand Resonanz dazu ausdrücken. Aber ansonsten war es über weite Strecken sehr filigran und nahm mich mit auf eine Gedankenreise bei der ich am Ende sehr zufrieden zurückschaute.
Das Stück mit Sänger war für mich der absolute Höhepunkt. Changierend zwischen tiefer Frauen- und mittlerer Männerstimme fand er einen warmen Ton und eine sehr menschlichen Fokus für die Musik. Mehrfach sang er in sein eigenes Echo, was eine ganz eigene Klangdimension eröffnete.
Setlist:
01: The Crumbling
02: Big Reveal
03: Ancor Che Col Partiere
04: Hatching
05: I call to you
06. Drones
07: Do But Kill Me (feat. Jodie Landau)
08: Dissonance
Als wir für das letzte Set mit Daniel Bjarnason zurückkamen, waren die Instrumente von Valgeir Sigurðsson und Liam Byrne noch auf der Bühne, aber noch ein Cello und ein Keyboard dazugestellt. Auch hier war der Klangkosmos sehr modern, mitunter verwirrend, weil ich das Cellospiel sah aber nicht hörte und hörte aber kein Cello gespielt wurde. Das Keyboard bediente auch nur ausnahmsweise Piano-mäßige Klänge. Alles in allem also nur der "dritte Platz" an diesem gemütlichen und enspannten Abend im Andrews Theater und unser Abschied vom ATP in Island im engeren Sinne.
Wir machten noch eine Stippvisite in der großen Hall bei Godspeed You! Black Emperor, die auf ihre Art auch sehr meditative Musik machen. Am meisten fasziniert hat mich jedoch hier der Mann neben dem Mischpult, der auf vier nebeneinander aufgestellten Projektoren schwer beschäftigt war, die richtigen Schleifen Super-8-Film einzulegen.
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| (c) Christoph |
Aus unserem Archiv:
Oyama, Ásbrú, 02.07.15
JFDR, Ásbrú, 02.07.15
Samaris, Paris, 01.02.14
Samaris, Berlin, 17.09.14
Samaris, Köln, 16.09.14
Pascal Pinon, Frankfurt, 03.06.13
Pascal Pinon, Offenbach, 08.03.13
Pascal Pinon, Karlsruhe, 22.02.13
Pascal Pinon, Offenbach, 21.02.13
Valgeir Sigurðsson, Berlin, 24.05.13
um
19:26
Konzert: CocoRosie (+Valgeir Sigurdsson)
Ort: Berlin Huxleys Neue Welt
Datum:24.05.2013
Zuschauer: ausverkauft
Dauer: 30+120 Minuten
CocoRosie erneut in Berlin. Nach drei im vergangenen Jahr ausverkauften Shows hintereinander, ist der Tourauftakt in Berlin zum neuen Album Tales Of A GrassWidow wohl kein Zufall. Statt zuletzt im Heimathafen, wird dieses Mal ins mittlerweile eher stiefmütterlichen Huxleys Neue Welt geladen. In den 90ern kam man als Konzertgänger kaum ums Huxleys herum. Das hat sich nun gravierend geändert und so kam beim Betreten der Räume ein großer Moment der Nostalgie in mir hoch. Legendär war für mich u.a. das Sonic Youth Konzert mit Stereolab als Vorband. Vielleicht auch legendär, da es außer einer Wand von Gitarrengeschrabbel kaum etwas zu vernehmen gab. Da hoffte ich heute auf deutlich mehr Klangkunst.
Die beiden letzten CocoRosie Konzerte gefielen mir außerordentlich gut - auch wenn sie es mit der indischen Folklore doch recht dick aufgetragen haben. Es wirkte nicht peinlich. Statt indischer Folklore wurde zu Anfang des heutigen Konzertabends den Isländer Valgeir Sigurdsson geboten, welchen ich schon vor einer Weile im Radialsysteme V bestaunen durfte. Der beliebte Mix aus Klassik-Elementen und Elektrosounds ist seine große Stärke. So fusioniert er auch gekonnt (auch provokativ) Elektrosounds mit Klaviereinlagen. Zwischendurch strapaziert er doch recht arg mit massiven Bässen, die an der Grenze zum Nase bluten standen. Dann auch hochfrequentes Fiepen, bei der sich massenhaft die Ohren zugehalten wurde. Vielleicht wollte Herr Sigurdsson einfach nur eine ordentliche Duftmarke setzen in Kenntnis an die doch recht spielerischen Sounds der Casady Schwestern. Das ist ihm sicherlich gelungen, wenn mir auch sein Konzert in den Radialsystemen deutlich besser gefallen hat. Ein teils verwirrtes Publikum klatschte teils vor entzückter Bewunderung und aus Überforderung.

Ein Metallzaun trennt das Publikum unnötigerweise von der Bühne. Das schafft eine distanzierte Atmosphäre, die in meinen Augen unnötig gewesen ist. Einzig die Fotografen und der Kameramann mögen davon profitiert haben. Schaue ich um mich herum, so entdecke ich doch eine recht stattliche Anzahl von frisch rasierten Frauenköpfen. Das CocoRosie auch als Ikonen der Lesben-und Schwulenbewegung gelten, ist heute Abend gut erkennbar. Eine angenehm offene Atmosphäre schafft dieser kunterbunte Publikumsmix.
Nach 30 Minuten Pause und einem gehirnwaschenden in Endlosschleife befindlichen Sound, kommen endlich die ersten Musiker von CocoRosie auf die Bühne. Neben Valgeir Sigurdsson ist der Beatboxer Tez auch wieder dabei. Der Abend beginnt mit Child Bride. Ich war gespannt was sie die beiden Schwestern an Kostümierung für den heutigen Abend überlegt haben. Ohne mich wirklich auszukennen, würde ich sagen, dass Sierra einen schwarzen Body mit Strumpfhose bis zu den Knien trug. Darüber einen kiminoartigen Mantel. Sie platzierte sich direkt an der Harfe und sphärische Klaäge ertönten aus ihrem Zupfen und Gesang. Bianca trug einen langen dünnen Kittel, der eher an Fabrikarbeiterin erinnerte als an eine Abendgarderobe. Viel interessanter war dagegen ihr Kopfschmuck. Eine Mischung aus beleuchtetem Geweih bzw. Zweigen mit lauter kleinen LEDs. Das sah am Anfang doch recht eigenwillig aus, aber dafür liebe ich CocoRosie, dass sie sich immer wieder für die Bühne irgendetwas besonderes überlegen. Und diese beleuchtete Krone war einfach unheimlich schön anzusehen.

Das neue Album gefällt mir richtig gut. Und mit End Of Time spielen sie auch gleich eines meiner Lieblingslieder des Albums. Tez ist wieder voll in seinem Element. Ohne ihn - und da bin ich mir ziemlich sicher, würde der Sound von CocoRosie sehr viel verlieren. Bei Harmless Monster geht mir richtig das Herz auf. "And it´s alright to recognize me"...
Wenn ich jetzt sagen würde, dass das Publikum distanziert reagierte, so ist das wahrlich übertrieben, aber die überschwängliche Euphorie macht sich (noch) nicht wirklich breit. Das mag auch daran liegen, dass das neue Album erst am gleichen Tag des Konzerts veröffentlich wurde und alles noch neu und interessant klingt. After The Afterlife und Gravediggress kommen überraschend schon am Anfang des Konzerts. Soll mir recht sein, denn ich habe sie mangels Alternative vom neuen Album doch recht häufig gehört. Dazu noch die doch recht üppige Radiopräsenz. Richtig gut gefällt mir Anna Lama, welches bislang unveröffentlicht ist. Ich mag das Harfenspiel und Sierras deutlich verzerrte Stimme. Ein wahres Highlight.

Dann bekommt der liebe Tez Zeit für eine kleine Soloshow. Ich bin immer wieder beeindruckt. Ein wirklich cooler Typ. Gott sei Dank erinnert nur sehr wenig an die Zeiten von Police Academy, als das Geräusche imitieren in der breiten Öffentlichkeit populär wurde. Mit Villain kommt die Band wieder zurück auf die Bühne. Dieses Mal sogar in Begleitung einer drallen Tänzerin, die eine Mischung aus Erotik und Rhythmik versprühen möchte. Meinen Nerv hat diese Darbietung nicht getroffen. Passte irgendwie nicht richtig zum Rest dazu.
Richtig beeindruckt hat mich die Live-Version von Undertaker. Dazu Sierras Gesang und im Hintergrund ein tragischer Clown auf der Videoleinwand. Da lief es mir vor Rührung kalt den Rücken herunter. Wunderschön. Überhaupt wirken Bianca und Sierra keinesfalls überdrüssig voneinander. So ist es schön mit anzusehen, wie sie sich gegenseitig unterstützen. Jede in ihrer Rolle. R.I.P. Burnface klingt angenehm frisch.
Lustig wird es dann noch zu Fairy Paradise, als Bianca irgendeinen Christopher aus dem Publikum auf die Bühne bittet, um dann mit ihr tanzend und singend eine nette Show abzuliefern. In welcher Beziehung die Beiden zueinander stehen, bleibt für mich ungeklärt.
Ordentlichen Applaus gibt es dann noch für die ersten Tonbandklänge von Werewolf. Zu Recht, denn das Lied ist einfach zu schön - und darf eigentlich auch live nie fehlen. Voller Wehmut höre ich dann Teen Angel. Ach und wieder die Harfe. Stelle ich mir einen Himmel vor - von welchen Engeln würde ich lieber umgeben sein. Vor den kitschig, langweiligen goldhaarigen Engeln oder von Engeln wie sie die Casady Schwestern sind. Ich glaube ich bräuchte eine gute Mischung.
Abgerundet wird der Abend dann mit Beautiful Boyz.
Ich muss gestehen, dass ich nach anfänglicher Skepsis, ob mich CocoRosie erneut so berühren würden, nun beruhigt sagen kann - ja - das tun sie. Und das neue Album ist wunderbar geworden. Froh und glücklich entlässt mich das Huxleys mit einem weiteren Meilenstein, den ich an diesem Ort erleben durfte. Einziger Wehmutstropfen: Sie haben Japan und South 2nd nicht gespielt.
Hier die Aufzeichnung vom Pariser Konzert:
http://liveweb.arte.tv/de/video/Cocorosie_in_den_Bouffes_du_Nord/
Setlist:
Child Bride
End Of Time
Harmless Monster
Tears For Animals
After The Afterlife
Gravediggress
Anna Lama
Tez (solo)
Villain
Far Away
Undertaker
R.I.P. Burnface
Smokey Taboo
Poison
We Are On Fire
Fairy Paradise
-
Werewolf
Teen Angle
-
God Has A U
Beautiful Boyz