Donnerstag, 3. Mai 2007

Malcolm Middleton, Köln, 02.05.07

Konzert: Malcolm Middleton
Ort: Gebäude 9, Köln
Datum: 02.05.2007
Zuschauer: sehr wohlwollende 70


In der Kölnarena findet Donnerstag die Hauptversammlung der Deutschen Telekom AG statt. Im Messebereich hingen überall magentane Schilder, Parkhinweise und Fahnen, während die Krawattenfarbe der Telekom-Aufbauhelferlein hellgrün war, denn von der Sorte liefen einige Richtung Gebäude 9, als ich an der Ampel eine Kreuzung vorher stand. Da Malcolm Middleton aus den Handy Charts aber nicht bekannt ist, gingen die Telekom-Mitarbeiter an der Einfahrt des richtigen Hinterhofs vorbei und werden wahrscheinlich nie erfahren, was sie damit verpaßt haben. Im Hinterhof saßen dann ein paar Leute, die nicht nach Telekom aussahen, und genossen den Frühlingsabend. Vor der Kasse fragte dann einer von denen den Einlasser, ob es eine Vorgruppe gebe, was der verneinte. Sollte das Konzert also eben früher fertig sein. Auf den Bierbänken draußen konnte man dann aber doch eine Art Vorgruppe hören, denn offenbar bereitete sich Malcolms Mitsängerin Jenny Reeve auf den Auftritt vor.

Um zwanzig nach neun, als es dann losgehen sollte, waren nur eine handvoll Zuschauer in Saal, während auf der Bühne eine junge Frau (Jenny vermutlich) und ein polohemdtragender Mann ein paar Instrumente stimmten. Die beiden schienen sehr gut gelaunt, setzten sich und fingen an, ein wundervolles Lied zu spielen - vor zehn Leuten, schätze ich. Jenny spielte dabei Geige, ihr Begleiter Gitarre. Nach dem Stück stellte sie sich als Teil der Band Strike the colours aus Glasgow vor. Leider spielte Jenny nur fünf Stücke, spielte dabei mal Gitarre, mal Geige und wurde ab und zu von dem zweiten Gitarristen begleitet. Die fünf Lieder waren tollster Pop, unverkennbar nicht nur freundschaftlich nah an Glasgower Bands wie Belle & Sebastian oder den Delgados. Von keine Vorgruppe zu diesem Auftritt war das also ein himmelweiter Unterschied! Wenn Teile der Hauptband bereits als Vorgruppe auftraten, war das bisher immer grandios (St. Vincent bei Sufjan Stevens und Final Fantasy bei Arcade Fire). Vielleicht erlebe ich ja mal ein Strokes-Konzert mit Albert Hammond jr. vorab. Jenny als Rumpf-Strike the colours erhielt jedenfalls lang anhaltenden Applaus, absolut berechtigt!

Gottseidank waren mittlerweile 50 Leute im Raum (ich bin Optimist!). Malcolm Middleton hatte vier Musiker als Begleitung mitgebracht: neben Jenny Reeve und ihrem Begleiter, der am Keyboard Platz nahm, waren das ein Schlagzeuger und ein Bassist, dessen Frisur eine Kopie der Frisur meines Mitbloggers war. Das Konzert begann mit "Four cigarettes" von der aktuellen CD des Schotten und faszinierte mich vom ersten Ton an. Daß "A brighter beat" ein tolles Album ist, steht außer Frage. Aber wie so oft enfaltetet sich die Großartigkeit der Lieder live besonders. Das war für mich Belle & Sebastian-Methadon. Malcolm Middleton schreibt und spielt Popsongs, wie sie sein sollen. Zumindest für mich - und die 69 anderen im Saal, denn die Begeisterung war von Beginn an riesig.

Und dann begannen die Pannen.

Beim dritten Lied ("Break my heart") versagte irgendwas an Malcolms Gitarre. Die
restliche Band überbrückte seine Bemühungen und seine Suche nach einem Ersatzinstrument mit Improvisationen (ich hätte gerne die Long Blondes mal in einer solchen Situation erlebt). Als er die neue Gitarre gestimmt hatte und mitgeteilt hatte, daß er bei "Gebäude 9" schon geahnt hätte, daß heute etwas schiefgeht, sagte er an, es gehe mit der "third line, first verse" weiter, was entsetzte und ratlose Blicke seiner Band erzeugte. Herrlich! Man spielte dann von Anfang an und es ging glatt. Daß die Musiker etwas von ihrem Job verstehen, merkte man auch an den dauernden Anweisungen an den Ton, Regler hoch oder runter zu fahren.

Etwas später bat Jenny, die da gerade am Keyboard saß (auch die Instrumentenwechsel erinnerten an Belle & Sebastian): "Can I get less Malcolm on the monitor?" Das habe ich notiert, was Malcolm bemerkte. Dadurch verpaßte bzw. verpatzte er den Einsatz zum nächsten Lied, um sich beim Schlagzeuger mit "I was looking what he was writing" zu entschuldigen. Ich habe mich zwar auch entschuldigt, hatte aber doch ein schlechtes Gewissen...

Das Set war sehr abwechslungsreich, auch für die Band, denn man spielte auf
Ansage. Malcolm nannte den nächsten Titel (es gab keine Setlists) und die Band spielte. In der Mitte des Konzerts schickte er seine Begleiter von der Bühne, um zwei Solo-Lieder zu spielen, "Cool winter" (ich vermute, der Text war Grund dafür, das alleine spielen zu wollen, es klingt sehr nach der Verarbeitung einer Beziehung - ein traumhaftes Lied) und "Cheer down", das auf der limitierten Ausgabe von "A brighter beat" veröffentlicht ist (und auch fabelhaft ist). Danach pfiff er, um die Band wieder auf die Bühne zu bekommen.

Um halb zwölf war nach zwei Zugaben (und einer weiteren kaputten Gitarre) leider viel zu früh Schluß. Ich hätte noch stundenlang der Stimme des Glasgowers (und der von Jenny natürlich) zuhören können. Jenny sollte ursprünglich auf dem Album nur im Hintergrund singen, hat Malcolm wohl aber im Studio so fasziniert, daß er ihr größere Parts schrieb. Eine gute Entscheidung, denn die Duette der beiden sind ganz große Meisterwerke. Hach, war das schön.

Wenn Ihr Gelegenheit habt, Malcolm ist in den nächsten Tagen noch im deutschsprachigen Raum unterwegs:

03.05.07: Luzern
04.05.07: Aarau
05.05.07: Dresden
06.05.07: Stuttgart


Setlist Malcolm Middleton:

01: Four cigarettes
02: Devastation
03: Break my heart
04: Fuck it, I love you
05: A brighter beat
06: Death love depression love death
07: Loneliness shines

08: King of bring
09:
Autumn
10: Cold winter
11: Cheer down
12: Fight like the night
13: Superhero songwriter
14: Best in me

15: We're all going to die (Z)
16: Happy medium (Z)



6 Kommentare :

oliver r. hat gesagt…

Der Malcolm ist fabelhaft, keine Frage! Er braucht dringend mehr Fans!

Aber, was meinst Du mit "Frisur, Mitblogger und Bassist" ?

Christoph hat gesagt…

Sieh sie Dir an, die Frisur. Grizzley Bear ist zwar sicher toll, das hier ist aber toller!

R. R. R. hat gesagt…

Sehr, sehr schöne Rezension!
Sehe ich haargenau so und habe dem so gut wie nichts mehr hinzuzufügen (werde dich deshalb verlinken, wenn es es dir nichts ausmacht).

Liebe Grüße,
R.R.R.

Christoph hat gesagt…

Vielen Dank! Gegen ein Verlinken habe ich nichts!

Die beiden fehlenden Titel kannst Du dann leider auch nicht hinzufügen? :-)

Thomas hat gesagt…

Ich kann mich zumindest noch an einen erinnern: Loneliness Shines. Ob als fünftes oder siebtes weiß ich nicht mehr.

Christoph hat gesagt…

Nummer sieben war es. Vielen Dank!

 

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