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Mittwoch, 27. November 2013

Thees Uhlmann & Band, Stuttgart, 10.11.2013

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Konzert: Thees Uhlmann & Band
Vorband: Rob Lynch
Ort: LKA Longhorn, Stuttgart
Datum:10.11.2013
Dauer:Thees Uhlmann 108 Minuten / Rob Lynch 40 Minuten
Zuschauer: über 1000



Völlig verausgabt legt Thees Uhlmann nach fast zwei Stunden das Mikrophon endgültig aus der Hand, strahlt mit dem Lächeln des ewigen Lausbuben in den fast ausverkauften 1500er Club im industriell geprägten Stuttgarter Außenbezirk Wangen, saugt noch einmal die Atmosphäre auf. 
Der Legendenstatus des LKA Longhorn ist spätestens nach dem Stuttgart 21 bedingten Wegfall der Röhre in der Schwabenmetropole einmalig, vergleichbar mit dem der alten Batschkapp in Frankfurt. Die Liste derer, die in den knapp 30 Jahren seit Bestehen des Clubs hier gespielt haben, liest sich wie ein Who is Who der Popmusik seit damals. Die Plakate im verglasten Backstage-Bereich, der wie ein Panorama-Deck oberhalb des Innenraums mit Blick über die Zuschauer liegt, sprechen Bände; Nirvana traten hier auf, Eminem oder Nick Cave. Viele in Stuttgart wissen schöne Anekdoten zu erzählen über ihren ersten Konzertbesuch hier oder großartige Momente. Ein bekannter Stuttgarter Blogger sah hier einst Björk, ein guter Freund einen berauschenden Steve Earle. Mein Kommilitone, der mich heute zu Thees Uhlmann begleitet, kommt beim Blick auf die auffällige Treppe, die Backstage und Bühne verbindet, ins nostalgische Schwärmen, erinnert sich an sein erstes Kooks-Konzert als Teenager in den mittleren 00er Jahren und das erhabenene Herabschreiten der damals als Heilsbringer des Indie-Pops gefeierten Engländer die Treppe hinunter – als beeindruckende Manifestation ihrer Coolness. Während bei den Kooks die Haare irgendwann wichtiger wurden als die Musik, sind Uhlmann narzisstische Anflüge scheinbar egal. In tief hängender Levi’s und Jeansjacke wirbelt der 39-Jährige mit der unscheinbaren Frisur über die Bühne und zelebriert anachronistische Tugenden der Rockmusik. 


Der Schweiß strömt ihm am Ende des Abends über die Stirn, als er sich Arm in Arm gemeinsam mit seiner eingespielten Band verneigt. Als Gründer des einflussreichen Hamburger Indie-Labels Grand Hotel van Cleef arbeitet er seit Jahren an seinem Wunschbild einer lebendigen Musikszene. Dass ein Newcomer seiner eigenen Plattenfirma auf seiner Tour das Vorprogramm spielt, ist freilich Ehrensache. Und der junge nordenglische Akustikpunk Rob Lynch macht mit seiner Band tatsächlich eine gute Figur. Am Ende seines zwischen geschrammelter Rohheit und poppigen Harmonien changierenden, knapp 40-minütigen Sets, blickt er in die glückselige Menge und darf sich herzlich aufgenommen fühlen: Die Zuschauer singen mit, grölen Refrain-Chöre, fordern Zugaben, ein für Vorbands ungewöhnliches, rares Vorkommnis. 
 Mit dem versierten Song- und Soundtüftler Tobias Kuhn an seiner Seite hatte Uhlmann vor wenigen Jahren den Schritt zum Solokünstler gewagt und den verkopften Indie-Rock seiner Band Tomte – irgendwo zwischen Arbeiterklassen-Britpop und US-College-Rock – hinter sich gelassen und mit springsteen’esken Hymnen auf das einfache und das Durchschnittsleben abgelöst. Sein erstes – selbstbetiteltes – Soloalbum trumpfte mit einer handverlesenen Reihe charismatischer Songs auf, die nach kurzer Eingewöhnungsphase zu heimlichen Hits wurden.
Dass sein zweites Album, „#2“, ebenjene Position der Charts erreichte, obwohl zahlreiche Fans ob des sehr gefälligen, poppigen Sounds die Nase rümpften, ist zunächst wenig verwunderlich, doch gewinnt auch das erfahrungsgemäß schwierige Nachfolgewerk einer großen Platte durch wiederholtes Hören an Klasse. Spätestens der Live-Test belegt die Güte: Thees Uhlmann betritt breitbeinig die Bühne, nachdem elektronisches Pulsieren dem Publikum den Beginn des Konzerts ankündigte. Nach mehrern langen Konzertabenden an den Tagen zuvor bin ich müde, doch weicht die Lethargie der allgemeinen Euphorie um mich herum.
„Weiße Knöchel“, die exemplarisch-ernüchternd an einem langjährigen SPD-Mitglieds erzählte, düstere Liebeserklärung an den untergegangenen Arbeiterglanz des Ruhrpotts, zu Beginn ist ein grandioser Auftakt und Uhlmann gelingt es mit Leidenschaft und starken Songs das Niveau hochzuhalten. Direkt mit „Das Mädchen von Kasse 2“, seiner feinfühligen Ode vom ersten Album an eine von einem Kunden mies behandelte Schlecker-Verkäuferin, weiterzumachen, ist ein Zugeständnis an die Fans des ersten Albums, das vom Publikum mit tosendem Applaus honoriert wird. Wenige Stücke stehen deutlicher für die lyrische wie musikalische Zäsur nach dem (vorläufigen?) Ende Tomtes. Uhlmann selbst sprach in der Vergangenheit immer wieder von einem Wechsel des Blickwinkels und trifft den Kern der Sache recht pointiert. Wäre das Thema bei Tomte vermutlich tatsächlich als bitterböse Abrechnung mit dem unhöflichen Kunden abgehandelt worden, ist der Solosong eine umarmende Skizze des Alltags einer hart arbeitenden Frau, deren Wirken niemals angemessen honoriert wird. Es sind Momente wie dieser, die die ständigen Springsteen-Vergleiche zulassen, ohne dass sich Referenzen ausschließlich im bloßen Epigonentum zeigen. Springsteens stärkste Songs waren meist Sozial- oder Milieustudien, Uhlmann nimmt sich dieser Tugend an. Dabei gelingt es ihm besser als momentan sonst jemanden in Deutschland diesen uramerikanischen Themenkatalog vom Scheitern und Glauben an den American Dream auf deutsche Verhältnisse zu transferieren. Wo Wolfgang Niedecken seit Jahrzehnten peinlich versagt, punktet Uhlmann.


"Es ist so ein witziger Zufall der Geschichte, dass die taz Jahre lang darum gekämpft hat, dass es in Berlin eine Rudi-Dutschke-Straße gibt und die führt jetzt direkt am Gebäude der Bildzeitung vorbei", kündigt Uhlmann "Am 07. März" an. Auch wenn Rudi Dutschke nicht wie in der ersten Single von "2" behauptet in Berlin-Pankow – und damit im gleichen Krankenhaus wie Uhlmanns Mutter – geboren wurde, ist der Song eine geschickte Umsetzung einer simplen Idee. Das name dropping ist unaufgeregt und nie aufdringlich, selbst wenn das Lied als solches die Klasse des dazugehörigen, besten deutschen Musikvideos des Jahres kaum halten kann. Folglich ist es naheliegend, dass zwischen neuen Stücken die Songs des ersten Albums wie moderne Klassiker gefeiert werden: „& Jay Z singt uns ein Lied“ ist traditionell ein Stimmungsgarant, die erste Strophe, der in der Studioversion von Casper eingespielte Rappassage, übernimmt der gebürtige Hemmoorer – wie in Abwesenheit des Bielefelder Rappers üblich – mit Bravour, quittiert von ekstatischen Zwischenapplaus. 
Weder „Die Bomben meiner Stadt“, „Zugvögel“ noch „Der Fluss und das Meer“ können zu guter Letzt an die Qualität der besten Momente der ersten Veröffentlichung heranreichen, doch das fällt live nicht ins Gewicht. Gefeiert wird der Protagonist sowieso und wenn er zur Ruhe kommt, um seine atemlosen Anekdoten zu erzählen, ist er ohnehin am besten. Geworfene Gitarren und zahllose Geschichten gehören genauso zu einem Thees Uhlmann-Konzert dazu wie kollektives Springen bei „Vom Delta bis zur Quelle“, melancholisches Kopfnicken bei „Kaffee und Wein“, mit der Schlüsselzeile „Ich hab einen exzellenten Ruf zu verlieren in schlechten Kreisen“, die der leidenschaftliche St. Pauli-Fan in einer biergeschwängerten Nacht von einem HSV-Hooligan klaute, oder seine im besten Sinne kitschige Heimathymne, die in ihrer Haltung ein wenig an John Mellencamps „Small Town“ erinnert. 


Spätestens bei „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ darf sich Uhlmann als Rockstar fühlen, über tausend Zuschauer singen den Refrain, während Julia Hügel die eingängige Melodie auf dem Klavier klimpert. Überhaupt ist es die grandios harmonierende Band, die der norddeutschen Rampensau die nötige Freiheit lässt. Neben Hügel und dem musikalischen Mastermind Tobias Kuhn, glänzen der Schotte Martin Kelly (Teil des Duos Martin & James) an der Gitarre, Markus Perner am Schlagzeug und Bassist Hubert Steiner als homogene Truppe. 
 Zwei Zugabenblöcke folgen: Der einstige Opener – die Springsteen-Hommage „Römer am Ende Roms“ – eröffnet den Reigen, „Die Nacht war kurz (ich stehe früh auf)“ folgt, bevor die Band wieder die Bühne verlässt. Uhlmann nutzt die Zeit für eine schnell gerauchte Zigarette, kehrt eingehakt bei seiner jungen Keyboarderin zurück, hält auf der Treppe inne, winkt, lässt sich augenzwinkernd wie ein großer Star feiern. Für seine Fans ist er ohnehin der Größte.  

„Zerschmettert in Stücke der Nacht“, das auf dem Studioalbum noch wie ein uninspirierter „Streets Of Philadelphia“-Aufguss klang, gefällt mir heute gehörig reduziert weitaus besser. Zum Schluss erzählt Uhlmann noch mal eine Geschichte, berichtet von Hakan, dem kleinen Sohn eines Freundes, der dachte, Thees sei Bäcker, da er bei „Die Toten auf dem Rücksitz“, immer „Torten“ verstand. Lacher und frenetischer Applaus, dann endet ein hervorragendes Konzert mit abgewandelten Refrain. 
Am Ende finde ich mich im Backstage wieder, Uwe Capelle – guter Bekannter und Thees’ Oberfan – nimmt uns mit. Der Blick von Oben auf das Meer leerer Becher ist außergewöhnlich und als ich schließlich selbst die legendäre Treppe hinabsteige, erfüllt sich ein Traum. An Schlaf ist nicht zu denken. Ach, Thees. Danke dafür. 



Setlist Thees Uhlmann & Band, Stuttgart:

01: Weiße Knöchel 
02: Das Mädchen von Kasse 2
03: Am 07. März
04: & Jay Z singt uns ein Lied
05: Die Bomben meiner Stadt
06: Zugvögel
07: Der Fluss und das Meer
08: Vom Delta bis zur Quelle
09: Es brennt
10: Kaffee & Wein
11: Lat: 53.7. Lon: 9.11667
12: Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf
13: 17 Worte

14: Römer am Ende Roms (Z)
15: Die Nacht war kurz (ich stehen früh auf) (Z)

16: Zerschmettert in Stücke der Nacht (Z)
17: Die Toten auf dem Rücksitz (als Die Torten auf dem Rücksitz) (Z)


Links:
-aus unserem Archiv:
- Thees Uhlmann & Band, Großpösna, 18.08.2013
- Thees Uhlmann & Band, Mannheim, 01.06.2013
- Thees Uhlmann & Band, Haldern, 09.08.2012
- Thees Uhlmann & Band, Scheeßel, 23.06.2012
- Thees Uhlmann & Band, Trier, 10.12.2011
- Thees Uhlmann & Band, Köln, 25.11.2011
- Thees Uhlmann & Band, Bielefeld, 12.12.2010
- Tomte, Wien, 05.09.2009
- Tomte, Mülheim, 25.03.2009
- Rob Lynch, Karlsruhe, 06.02.2013




Freitag, 8. Februar 2013

Torpus & The Art Directors, Karlsruhe, 06.02.13

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Konzert: Torpus & The Art Directors mit Support Rob Lynch
Ort: Jubez in Karlsruhe
Datum: 05.02.2013
Zuschauer: ca. 50
Dauer: 30 min + 80 min



Bei meinem ersten Musikfestival 2011 im Garten des Societätstheaters im schönen Dresden hatten mich die Jungs von Torpus & The Art Directors schlichtweg umgehauen. Seitdem hatte ich aus der Ferne zugesehen und mir ein Wiederhören gewünscht. Das Album hatte ich natürlich ungehört vorbestellt. Bei ihrem ersten Besuch in Karlsruhe im Vorprogramm von Kettcar hatte es noch nicht geklappt, aber nun sollte es im Jubez alles passen. Es gab ein Wiedersehen mit Sönke Torpus und Melf Petersen an den Gitarren und Ove Thomsen (Harmonium, Trompete, Banjo). Damit ein Wiederhören der mehrstimmigen Gesangspartien und das Eintauchen in den überbordenden Enthusiasmus. Für mich neu dabei waren nun außerdem Felix Roll (Schlagzeug) und Jenny Apelmo (Bass).




Das Cafe im Jubez mit der kleinen Bühne erwies sich dafür als ein hervorragend geeigneter Ort und es hatte sich ein neugieriges Publikum eingefunden. Um 20:45 Uhr trat zunächst Rob Lynch allein mit seiner Gitarre auf die Bühne und gewann mit seiner charmanten Art das Publikum schnell für sich. Zu einigen Liedern gab es Geschichten. Und der schönste Moment kam als im Lied in Erinnerung an einen Whiskey-seligen Abend mit seinem inzwischen verstorbenen Vater neben mir eine zweite Stimme einsetzte. Auf der anderen Seite der Stele an die ich mich gemütlich gelehnt hatte, saß Ove schon die ganze Zeit und hörte sich das Konzert an. Nun hatte er sich also mitreißen lassen (ich hätte das auch gern getan, hab mich aber nicht getraut).



Das ist genau die sympathische Art, die ich so an ihnen schätze. Zwischen den beiden Sets mussten wir gar nicht lang warten. Ove nahm seinen Platz hinter dem Harmonium ein. Die anderen griffen zu den Saiteninstrumenten und Schlegeln und es gab keine Phase des Fremdelns sondern es ging gleich rein ins Vergnügen. Das Publikum war offensichtlich äußerst zufrieden und es gab schließlich auch viele Zugaben.




Ich fand die Stimme von Jenny eine echte Bereicherung - die Einbeziehung als Gegenpart zu den Männerstimmen sollte meiner Meinung nach unbedingt ausgebaut werden! Auf der Bühne war sie hinten von lauter Gitarren förmlich umzingelt und ein wenig in die Ecke geschoben. Jedoch mit dem Umbau zur Gitarrenband mit 0815-Schlagzeug habe ich noch nicht so recht meinen Frieden gefunden.... Ein sehr schöner und wunderbarer Konzertabend, aber leider nicht wie erhofft eine Wiederholung des ersten außerordentlichen Erlebnisses. Das fand ich dann doch auch ein klein wenig Schade.



Was ich an diesem Abend aber noch interessantes gelernt habe: Es gibt ein weiteres Projekt im Umfeld zweier der jungen Männer namens Game Ove das demnächst auch live zu erleben sein wird und hiermit pauschal ans Herz der Leser gelegt sei (Termine unten).



Setlist:

Amanda
When I left my Apartment
Known, Seen, Judged
The leaving
Roundabout
Howl
Steps
Better
Carolina (Ryan Adams Cover)
Hundreds
Dancing Kids and summer laughter
NF
Modesty/Honesty
Fall in Love

Secret (Z)
Black harp girl (Z)
Bring you home (Z)

Aus unserem Archiv:

Torpus in Frankfurt

Termine Game Ove:
 

19.02.2013     Lütt Matten Garding
20.02.2013     Lübeck Tonfink    
21.02.2013     Hamburg Hörsaal    
22.02.2013     Göttingen Noergelbuff    
24.02.2013     Berlin Fräulein Langner    
25.02.2013     Dresden Café Laika    
26.02.2013     Mannheim Hagestolz    
28.02.2013     Kiel Prinz Willy    
01.03.2013     Leck Piano Bar
 



 

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