Konzert: Grimes & Chevalier Avant Garde Ort: Colette, Paris (Colette Music Box) Datum: 16.05.2012, 17 Uhr 30 Zuschauer: über 100, voller Laden Konzertdauer: etwa 35 Minuten für beide Künstler
Deutsches Qualitätsbier (Warsteiner!) bei einem Konzert kanadischer Künstler in einem trendigen Pariser Concept Store und internationales Publikum. So wird Multi-Kulti gelebt, was? Nun ja, es waren überwiegend eher die übliche Hipster und Söhne und Töchter vermögender Eltern ("la jeunesse dorée" wie man in Frankreich sagt), die nachmittags den Laden Colette bevölkerten. Aber dennoch, es war schon bunt durchgemischt, Indie-Leute trafen auf Schickimickis, Studenten auf Labelleute, Kanadier, Amerikaner und Spanier auf Franzosen. Die wahnsinnig junge und wahnsinnig gehypte Claire Boucher aka Grimes zog all diese vielen verschiedenen Menschen an und sorgte zu früher Stunde für einen kleinen Massenauflauf.
Die Stimmung war jedenfalls prima, was vielleicht auch am Freibier lag. Das floß bereits um 18 Uhr die durstigen Kehlen der überwiegend jungen Leute runter. So war auch die zweiköpfige Vorgruppe Chevalier Avant Garde besser zu ertragen (kleiner Scherz), die wie eine Mischung aus New Order, Kraftwerk und Interpol klang. Viel New Wave, Dream Pop und Elektro im Sound dieser Kanadier, die durchaus gefällig waren, es aber ein wenig an Biss und Bühnenpräsenz mangeln ließen. Man spürte immer wieder gute Ansätze, erfreute sich an ein paar hübschen Melodien, Gitarrenparts oder Synthie-Sequenzen, vermisste aber ein wenig das Eigene an dieser Band, die einen sehr schüchternen Sänger mit Waver-Scheitel ins Rennen schickte. Der hatte eigentlich keine schlechte Stimme, schaffte es aber nicht wirklich, die Massen zu elektrisieren. Dazu war auch der Sound bei Collette zu breiig, auf Bandcamp hören sich die Lieder des aktuellen Albums... überzeugender und ausgereifter an und machen durchaus Laune.
Dann gab es eine kurze Pause, die viele nutzen, um noch deutlich näher an die Bühne ranzukommen, auf der gleich Grimes stehen sollte. Wer jetzt an die Bar ging, hatte platztechnisch die Arschlochkarte gezogen, denn nun gab es nach vorne hin kein Durchkommen mehr und man musste schon sehr groß sein, um über die Köpfe der Leute gucken zu können und die hektisch umherwirbelnde Grimes zu sehen. Ich musste mich also zunächst auf das Hören beschränken. Ein bollernder Elektrosound drang aus den Boxen, eine Gitarre wie noch bei Chevalier Avant Garde gab es hier keine mehr. Die Musik der jungen Kanadierin ist 100 % synthetisch, aber dennoch nicht blutleer oder gefühlsarm. Mittels ihrer schönen, sehr infantilen Stimme kann sie auf jeden Fall Emotionen schüren und was sie besonders macht, ist ihre Fähigkeit, auf der Bühne eine andere Perso zu werden, in einen tranceartigen Zustand zu verfallen und sich ganz ihrer Kunst hinzugeben. Wahnsinn, wie sie wie eine Besessene hin und her fegte, mit weit aufgerissenem Mund sang und ihren kessen Pfedeschwanz durch die Lüfte fliegen ließ.
Also dynamisch ist sie, die Kleine, das wird wohl keiner ernsthaft bestreiten können! Dennoch fragt man sich ein wenig, warum der Hype um ihrer Person so groß ist. Ist ihre Musik wikrlich so revolutionär? Eigentlich nicht. Den Elektropop erfindet Claire Boucher sicherlich nicht neu. Und trotzdem wirkt sie spezieller, origineller und eigenständiger als die ganzen Mädels die nach dem Boom um Fever Ray ihr Glück versuchten und letztlich nur Karin Elisabeth Dreijer Andersson mehr schlecht als recht kopierten. Grimes hat das gewisse Etwas, ein Phänomen das man naturgemäß nur schwer beschreiben kann. Trotz einer gewissen Eingängigkeit bleibt ihr synthetischer Pop immer überaschend und experimentierfreudig genug, um nicht in radiofreundliche Plattitüden zu verfallen.
Und ihr rebellisches, aber gleichzeitig auch liebenswürdiges und gewinnendes Wesen trägt viel zur Faszination bei. Sowieso, wenn man Hits wie Oblivion, Nigthmusic und Vanessa im Programm hat, dann läuft der Rest eben fast von selbst.
Ich jedenfalls verbrachte einen sehr guten Nachmittag beim Konzert der Kanadierin und auch die anderen Zuschauer sahen sehr zufrieden aus. Oder war es doch nur das gute deutsche Bier?
Konzert: Owlle (& Exotica & Lescop) Ort: Colette, Paris Datum: 15.03.12 Zuschauer: etwa 150
Modezar Karl Lagerfeld muss seinen weißen Pferdeschwanz ganz knapp an mir vorbei Gassi geführt haben! Ich habe den Cola Light Fan zwar nicht selbst gesehen, meine gute Freundin Mathilde hat allerdings ein unzweideutiges Beweisfoto geschossen. Aber darauf sei geschissen. Mit der Promi-Verehrung kann ich nichts anfangen, wenngleich ich Lagerfeld als Designer schätze.
Eine neue Colette Music Box stand an und dieses Mal durfte das in Elektrokreisen sehr renommierte Pariser Label Kitsuné (Two Door Cinema Club, Delphic!, etc.) die Künstler auswählen. Konzerte in dem trendigen Concept Store Colette, das heißt freier Eintritt, Freibier (heutiger Sponsor: Warsteiner!), leckere Süßigkeiten umsonst, hübsche Mädchen in Hülle und Fülle und Konzerte in dem nicht sehr großen Untergeschoss des hippen Ladens. Ehrlich gesagt, kann ich Colette nicht sonderlich gut leiden, weil hier sowohl die Verkäufer als auch das Publikum immer auf wahnsinnig wichtig und arrogant machen, aber wenn Konzerte anstehen, bin ich trotzdem dabei, wenn ich Zeit habe.
Und heute wollte ich auf jeden Fall Owlle sehen, die ich schon vor ein paar Jahren als Gastsängerin bei Marie Flore kennengelernt hatte. Damals trug sie Karohemden, offenes langes Haar und machte Folkmusik, inwzischen ist ihr Look stylish geworden, trägt sie eine schicke Rothaaarfrisur und musikalisch gibt es statt Folk nun Elektropop. Mit diesem Stilwechsel hat sie für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Die Zeitschrift Les Inrocks hat die aus dem Süden stammende Sängerin für sich entdeckt, sie zur Newcomerin des Jahres 2011 gewählt, zum Festival des Inrocks eingeladen und einen lobpreisenden Artikel nach dem anderen geschrieben. Die Blogger fielen über sie her wie Bären auf der Suche nach Honig und Konzerte gab es jede Menge, kürzlich sogar eine Tournee mit The Do, die auch durch deutsche Städte führte.
Und was ist dran an diesem Hype? Eine Menge würde ich sagen! Owlle verfügt nicht nur über eine sehr schöne, ausdrucksstarke Stimme, sonder auch über Bühnenpräsenz und ein Händchen für packende Popmelodien. Sie ist eine Art französische Antwort auf Fever Ray oder Bat For Lashes, hat aber ein paar Lieder geschrieben, mit denen sich sich vor der internationalen Konkurrenz keineswegs verstecken muss. Der Song Don't Loose It wurde durch eine exzellente Session von Le Hiboo in Insiderkreisen bekannt, aber heute ließ sie dieses Stück aus, brachte stattdessen mit Ticky Ticky aber einen regelrechten Disko-Hit. Ein Ohrwurm, der durchaus das Zeug hätte die Charts zu erobern. Auch Like A Bow kam sehr tanzbar und fetzig rüber und erinnerte ein wenig an die Kanadierin Grimes, die ich kürzlich gesehen hatte.
Danach war Owlle mit ihrem halbstündigen Set auch schon durch und überließ die Bühne der französischen New Wave- Revivalband Lescop, die New Ordersche Rhythmen mit französischen Texten kredenzte. Teil der nicht üblen Truppe war der Ex-Gitarrist/Bassist von Koko von Napoo, dessen ehmalige Gesangespartnerin witzigerweise (in meiner Abwesenheit) diese Colette Music Box mit ihrer neuen Band Exotica eröffnet hatte. Es stimmt also doch: man sieht sich immer zweimal im Leben!Und Karl Lagerfeld habe ich in der Vergangenheit sogar schon dreimal gesehen.
Setlist Owlle, Colette Music Box, Paris: 01: Disorder 02: Free 03: Your Eyes 04: Cristal Ball 05: Ticky Ticky 06: Silence 07: Like A Bow
Konzert/Concert: Marie-Flore & 4 Guys From The Future Ort/Lieu: Colette, Paris, Music Box # 9 Datum/Date: 17.11.2011 Zuschauer/spectateurs: 100 vielleicht? Konzertdauer/durée des concerts : pro Act jeweils eine halbe Stunde
Deutscher Text ausnahmsweise unter dem französischen!
Un invité de marque chez Colette, le "übercool fashion et concept store" de Paris: Peter Doherty est venu en taxi pour voir le concert de Marie-Flore, chanteuse fragile et très talentueuse, qui a fait plusieurs fois ses premiers parties dans le passé.
Mais le chanteur des Babyshambles ne resta finalement pas longtemps, agacé par quelques personnes trop lourdes et énervantes. La qualité du concert n'en a pas souffert, Marie-Flore a désormais beaucoup d'assurance, d'expérience et le soutien de nombreux fans fidèles, certes peut-être un peu moins connus que le rockeur britannique! Ces fans de première heure ont cependant eu la surprise d'un changement radical. Marie-Flore, qui dans le passé a donné des concerts solo intimistes, calmes et mélancoliques, s'est transformé en "Rock Roll Queen", qui agit à la tête d'un vrai groupe (punk comme elle dit en souriant). Composé de la batteuse Emilie (Puma, etc.) et du bassiste Clément (Paco Volume, Ohlala, ect. ) le tout a maintenant plus de punch, d'énergie et de volume. Mais rassurons nous, la voix de velours, fragile et ultra touchante de la jeune chanteuse est toujours là et bien présente, même si l'instrumentation rock prend maintenant plus de place.
Marie Flore n'a pas chômé ces derniers mois et a composé plein de nouveaux morceaux très denses, directs et bruts, qui restent néanmoins mélodiques et envoûtants. Prenons By The Dozen par exemple. Un très beau titre qui va donner le nom de l'album à venir (un album qu'on attend depuis longtemps; mais on s'est consolé un peu avec le très beau EP More Than Thirty Seconds If You Please) et qui n'est pas sans rappeler les Babyshambles, même ambiance douce-amère, même mélancolie et sensualité profonde et avec un soupçon de nonchalance et de simplicité qui est la marque de fabrique des grands. En plus on y retrouve un brin de Serge Gainsbourg, donc cette fameuse french touch irrésistible! Un mariage idéal entre le songwriting british et l'élégance française. Tube à venir garanti!
Autre exemple: la ballade envoûtante Sibyllin King qui sera agrémentée de magnifiques cordes sur l'album, comme me le confia la chanteuse. Aujourd'hui nous avons eu droit a une version plus brute, mais très touchante par son ambiance trouble et le chant ultra sensuel de Marie-Flore. Sibyllin King marqua la fin d'un concert court, mais très prometteur en attendant un premier album fantastique et une multitude de magnifiques concerts!!
Peter a donc raté quelque chose. Mais il sait aussi que concernant la carrière de Marie-Flore: "it's only just the beginning of something great" comme les disent les britanniques!
Great= magnifique était également le set des jeunes danois 4 Guys From The Future qui sont en train de faire une impressionnante tournée promo à Paris avec des concerts un peu partout, notamment au Point Ephémère la veille. Un groupe qui n'est pas facile à classer, puisque ils brillent dans plusieurs styles différents. C'est parfois du rock psychédélique et lourd, mais aussi de la pop sixties légère et ensoleillée, parfois même du krautrock, donc expérimental. Les quatre garçons ont parfaitement su varier les plaisirs et ont charmé par un concert intense et bien maîtrisé. Le futur leur appartient, de bonnes critiques (p.ex. dans les Inrocks récemment) commencent à fleurir et c'est mérité. On va les revoir!
Deux très chouettes concerts donc et, cerise sur le gâteau, de succulents sandwichs (des bagels plus précisement), sucreries et boissons, en plus gratuits. Merci, Colette! Je n'ai pas assez de thunes pour acheter des fringues et gadgets chez toi, mais tes concerts dans la série "Music Box" sont bien sympas!!
Deutscher Bericht:
Hoher Besuch bei Colette, dem trendigen Konzeptstore von Paris, in dem hippe Leute für teures Geld Kram kaufen können, den kein Mensch braucht. Kein Geringerer als Peter Doherty kam per Taxi angefahren, hüpfte raus und gab gut gelaunt der talentierten französischen Folkeuse Marie-Flore ein Küsschen. Der Brite hatte in letzter Zeit oft zusammen mit der Pariserin gespielt und sie regelmäßig als Support- Act verpflichtet.
Beim heutigen Konzert von Marie-Flore in den unten gelegenen Räumlichkeiten des Shops ward der Babyshambles Frontmann aber nicht mehr gesehen. Wie hinterher zu erfahren war, hatten ihn ein paar penetrante Leute dermaßen genervt, daß er sich schnell aus den Staub machte. Dennoch eine nette Geste, daß er vorbeikam!
Marie-Flore hat ohnehin nicht unbedingt diese prominente Unterstützung nötig. Ihr Songmaterial, aber auch ihre Bühnenperformance, sind inzwischen so gut, daß sie selbstbewußt an die Dinge rangehen kann. Fans der ersten Stunde wunderten sich aber nicht schlecht über den stilistischen Wechsel. Gab die Französin bisher immer solo intime und eher getragene Folkballaden zum Besten, trat sie heute mit Band, sprich einer Schlagzeugerin und einem Bassisten an und machte phasenweise richtig Krach. Ihre Stimme ist aber so sinnlich und samtweich wie früher geblieben und nährt die nicht enden wollenden Vergleiche zu Cat Power weiter. Im Sound von Marie-Flore konnte man aber auch ein Prise Babyshambles erkennen, zumindest ein paar der neuen Songs klangen teilweise ein wenig nach Peters Band. Sie besaßen die gleiche Lässigkeit und Nonchalance und verfügten über eine ähnliche Melancholie und Sinnlichkeit. Erfreulicherweise gab es aber auch Spurenelemente von Birkin/Gainsbourg im Sound, was der Sache den herrlichen French Touch verlieh.
Starke neue Titel gab es jedenfalls en masse und auf das Album, das auf den Namen By The Dozen hören wird, darf man sich sicherlich sehr freuen. Noch aber ist Geduld angesagt, 2012 ist als Termin vorgemerkt.
Bereits erscheinen ist hingegen das Album der im Anschluß an Marie-Flore auftretenden Dänen 4 Guys from the Future. Es heißt Under The New Morning Sun und ist höchst abwechslungsreich. Die Palette reicht vom psychedelischen Rocksong über sonnengereiften Sixties Pop hin zu Krautrock und experimentellen Sachen. In der Live-Variante klang das Ganze heute wesentlich düsterer und noisiger als auf dem wirklich gelungenen Album und ich bin mir sicher, daß wir von 4 Guys From The Future in Zukunft noch so einiges hören und lesen werden.
Insgesamt also ein guter Konzertnachmittag und dies in einem Laden, in den ich normalerweise nicht sonderlich gerne gehe. Hipster und schlimm operierte Frauen (auch heute lief mir so ein Zombie über den Weg!) reichen sich hier in der Regel die Klinke in die Hand, um völlig überteuerte Trendprodukte zu kaufen. Nett allerdings, daß die Zuschauer heute köstlichste Häppchen, Süßigkeiten und auch Getränke umsonst gereicht bekamen. Da konnte man wirklich nicht meckern!
Setlist Marie-Flore, Colette, Paris:
01: Made Of Sticks 02: By The Dozen 03: Feathered With Daggers 04: Waste Of Time 05: Shifting Sand 06: Loud Dark Crowd 07: Sibyllin King
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