Montag, 13. Mai 2013

Prag, Frankfurt, 13.05.13


Konzert: Prag
Ort: Das Bett, Frankfurt
Datum: 13.05.2013
Zuschauer: rund 250
Dauer: 100 min



Vor ein paar Jahren habe ich während des Studiums einen Tschechisch-Kurs belegt, obwohl mir als Rheinländer schon die Aussprache des Wortes Tschechisch eigentlich unmöglich ist. Einen romantischen Grund dafür gab es leider nicht, ich kann nicht behaupten, daß ich das für eine große Liebe in Prag gemacht hätte, der ich Schmeicheleien wie "strč prst skrz krk"* ins Ohr hauchen wollte. Seit Luzie, dem Schrecken der Straße und einem Ausflug nach Prag in den späten 80ern mag ich Stadt und Land mit der Sprache, die so schön im Hals kribbelt.

Eine Band, die Prag heißt, passte mir da gut in den Kram. Hätten die drei Musiker, die im vergangenen Jahr erste Konzerte gespielt haben (u.a. in der Kölner KulturKirche), sich beispielsweise Leverkusen genannt, wäre ich heute um einen guten Abend gebracht worden!


Daß Gitarrist Tom Krimi sich über die hessische Aussprache des Mitsinglieds Schicht im Schacht, das Prag nach weit mehr als anderthalb Stunden als letzte Zugabe spielten, amüsiert hat - "es heißt 'Schicht' nicht 'Schischt!'" - passte da ganz wundervoll zu meinem Spracherfahrungen mit Prag und war der komischste (auch so ein schlimmes Wort für mich!) Moment von vielen! Gudruns Urteil vom Tübinger Konzert, daß Prag ein hervorragendes Mittel gegen schlechte Laune sind, bewahrheitete sich auch im Bett, denn meine war vorher eigentlich nicht vorzeigbar.

Prag - Bett... wenn ich nicht Wortwitze so hassen würde, wäre heute Feiertag! Alleine die Steilvorlage "ohne Krimi geht der Erik nie ins Bett..." Aber das ist nicht mein Job. Fürs Entertainment sind die Leute auf der Bühne zuständig, und die beherrschen das vorzüglich!


Für 20.15 Uhr waren Prag angekündigt, um 20.45 Uhr traten sie auf, glücklicherweise immer noch zu einer zivilen Zeit. Obwohl die Band aus den drei Mitgliedern Erik Lautenschläger (Gesang und Gitarre), Nora Tschirner (Gitarre, Gesang u.a.) und Tom Krimi (Gitarre) besteht, tritt die Band live zehnköpfig auf. Die sieben Begleiter (ein Trompeter, ein Bassist, ein Schlagzeuger, ein Keyboarder, ein Cellist, eine Bratschistin und eine Violinistin, v.l.n.r.) erschienen zuerst und begannen das Instrumental-Stück Leisetreter, in das die beiden Gitarristen sowie Erik an der Zither einstiegen, nachdem der Trompeter Steffen per Handschlag begrüßt hatte!


Leisetreter ist ein herrliches Stück, das einem Film entsprungen sein könnte. Und es war herrlich laut im Bett, was Nora zur Erkenntnis brachte, sie seien jetzt eine Punkband. Das erste Stück mit Gesang war Zeit, und es war gleich ein richtiger Knüller. Die Stimmen von Erik und Nora passen ganz wundervoll zusammen. Und obwohl der hohe Gesang des Frontmanns, der mich in Köln immer mal wieder gestört hatte, bei vielen Lieder vorkommt und mir heute gut gefiel, sind die Duett-Passagen, die großen Stärken der Band. Noch viel besser wird es allerdings, wenn alle drei singen (Bis einer geht!). Nora charakterisierte den Gesang wissenschaftlich korrekter: "Erik singt so ne komische Kastraten-, Tom hat eine Brummbär- und ich eine Mädchenstimme"


Ich habe das Prag-Debüt (das passenderweise auch so heißt) nicht sehr oft gehört, muß ich gestehen. Ich glaube, das ist so wie bei Fußballspielern. Wenn man den ganzen Tag auf dem Platz oder an der Playstation kickt, guckt man abends nicht noch die Südamerika-Jugendmeisterschaft auf Eurosport. Je mehr Konzerte stattfinden, desto weniger von der irre vielen neuen Musik höre ich auf Platte. Wann denn auch? Also gab es viele dieser "ach genau, das gibt's ja auch!"-Momente.

Das dritte Lied Sie ham's ja so gewollt, konnte ich aber nicht kennen, es ist unveröffentlicht und wurde "noch nie" (Prag) gespielt. Das danach kennten wir wohl alle, sagte Erik an, was Nora zum ersten hoffnungsvollen "Billie Jean?" brachte. Im Laufe des Abends versuchte sie immer wieder, das olle Ding unterzubringen und drohte es für die nächste Tour an. Sophie Marceau kannten wirklich alle, was sich an der ausgelassenen Mitklatscherei zeigte. Die aber schnell wieder vorbei war (wie auch der Streit zwischen zwei Männer ein paar Reihen vor mir, die darum stritten, wer weiter vorne stehen dürfte - kurz hatte ich Angst, daß das eskalieren würde). Daß fehlendes Mitklatschen nicht gleichbedeutend mit mieser Stimmung ist, muß ich nicht betonen, die war im Bett durchgängig hervorragend. So schlechte Laune mag ich mir auch gar nicht vorstellen, die sich nicht durch die urkomischen Phasen zwischen den Stücken wegjagen ließe. Ich habe schon oft viel bei Konzerten gelacht, Prag werden mir aber in besonderer Erinnerung bleiben! Ein paar Beispiele?


Vor Ende, das Erik als das beste Stück, das er geschrieben habe ankündigte, und das dazu hätte führen können, daß er aufgehört hätte, Musik zu machen, erzählte er von den Aufnahmen in Prag. "Immer wenn die Bassstreicher eingesetzt haben, hat Nora giggelnd in der Ecke gesessen. Sagt man eigentlich 'giggelnd'?" - Nora: "Wenn man 'giggelnd' sagen will, sagt man das." 


Vögel kündigte die Gitarristin mit dem Matrosenkleid als "Lied über Tiere" an. "So habe ich das verstanden. Erik schreibt die Texte und erklärt uns nie, worum es geht." Der Sänger lachte (giggelte) während der ersten Zeilen und zischte ein "so geht das nicht" dazwischen. Später im Lied kam Tom Erik immer näher und legte seinen Hinterkopf auf dessen Schulter, was ihm den Rest gab. "So kann ich nicht singen." 

Argumente 1000fach, leitete Erik damit ein, daß Nora das Intro dazu spiele, das aber regelmäßig verpatze und dabei (für andere) lustige Gesichter ziehe (Nicole Kidman, Keira Knightley, Angela Merkel).

Als der erste Zugabenblock mit einem Cover der Französin Barbara enden sollte, einen Lied mit der schönen Zeile "wenn schon geh'n, dann schon geh'n, noch jung und ohne Klagen", erklärte Nora, daß das ja für sie nicht stimme. Sie würden zwar nur über Sachen singen, die auch für sie zuträfen (wobei das ja ein wenig im Gegensatz dazu steht, daß Tom und Nora Eriks Texte nicht verstehen), man müsse aber auch mal eingestehen, über Dinge zu singen, die man anders sehe. 


Und als sich dann alle noch an die Vorgabe beim gemeinsamen Singen von Schischt im Schacht hielten "und es gibt keinen Grund, das jetzt zu verkacken" endete ein hochunterhaltsamer Abend nach deutlich mehr als anderthalb Stunden.

Auch wenn ich lieber über Konzerte als über Musik schreibe... beste Stücke des Abends waren Bis einer geht, Warten und Zeit. Warten spielte die Band übergangslos nach Wieder gut, für das sie eine "fetzige Liveversion" geschrieben hätten. Der Bruch zu dem fabelhaften, sehr ruhigen Warten war sensationell!

Ein toller Abend!


Setlist Prag, Das Bett, Frankfurt: 

01: Leisetreter 
02: Zeit 
03: Sie ham's ja so gewollt (neu)
04: Sophie Marceau 
05: Zweiter 
06: Einfach 
07: Ende 
08: Wieder gut ("fetzige Liveversion")
09: Warten 
10: Vögel 
11: Und jeder hält die Luft an 
12: Drehbuch 
13: Bis einer geht 
14: Einfach ist gar nichts 
15: Argumente 1000fach

16: Einkauf (Z) 
17: Kein Abschied (neu) (Z) 
18: Wenn schon sterben (Barbara Cover) (Z)

19: Schicht im Schacht (Z)

Tourdaten Prag: 

14.05. Uhingen, Uditorium 
15.05. Heidelberg, halle02 
20.05. Kiel, Die Pumpe 
21.05. Lübeck, Kolosseum 
23.05. Dresden, Scheune 
24.05. Leipzig, Werk2 
25.05. Cottbus, Gladhouse 
27.05. Hamburg, Knust 
28.05. Köln, Die Werkstatt 
29.05. Wuppertal, Live Club Barmen 
30.05. Osnabrück, Rosenhof 
31.05. Krefeld, Kulturfabrik 
01.06. Erfurt, Dasdie Live 
02.06. Berlin, Heimathafen Neukoelln 
06.06. Schweinfurt tba

Links:

- aus unserem Archiv:
- Prag, Tübingen, 11.05.13
- Prag, Köln, 17.10.12

* "steck' den Finger durch den Hals"



0 Kommentare :

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates