Montag, 21. Juli 2008

Adam Green, Melt! Festival, 18.07.08

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Konzert: Adam Green

Ort: Converse Main Stage, Melt! Festival Gräfenhainichen
Datum: 18.07.2008
Zuschauer: tausende
Konzertdauer: circa eine Stunde


Adam Green war 2004 und 2005 einfach überall. Er grinste einem von der Visions, dem Musikexpress und der Spex entgegen und veröffentlichte in dieser Zeit sogar ein kleines Buch beim angesehenen Suhrkamp-Verlag, bei dem schon Nobelpreisträger Hermann Hesse unter Vertrag stand.

In den letzten beiden Jahren ist es aber ruhiger um den Mann mit dem Babyface und den versauten Texten geworden. Man las, dass ihm sein Plattenlabel eine Zwangspause verordnet hatte, damit das Publikum nicht übersättigt wird.

Die Plattenbosse dachten sich vermutlich, dass irgendwann jedem das Rumgehampel und die Blödeleien von Herrn Green zum Halse heraushängen werden. Die Vorgehensweise des Labels halte ich rückblickend gar nicht für dumm. Gerade Künstler, die sich stark auf ihren Witz und im Falle von Adam auf den bohèmehaften Jungherren-Charme verlassen, sind besonders vom Absturz gefährdet.

Aber der New Yorker kann ja auch gute und eingängige Songs schreiben, das hat er mehrfach bewiesen. Ihn als Mogelpackung und reinen Spaß-Künstler zu bezeichnen halte ich für falsch. Der Mann hat Talent, Stimme und einen ausgeprägten Sinn für die Bühne, da kann man lästern wie man will!

Und fotogen ist er obendrein, die in Scharen versammelten Fotografen beim Melt! Festival belegten dies eindrucksvoll. Alle wollten diesen Paradiesvogel abknipsen, in der Hoffnung, dass sich die Schüsse im Internet im Anschluß rasant verbreiten.

Natürlich war Adam auch heute wieder ein Hingucker, mit seinen seltsamen Fransen, die er an beiden Ärmeln trug, sah er aus wie ein Greifvogel. Ein gutgenährter obendrein, denn gerade um die Hüftgegend zeichneten sich an dem grauen Longsleeve-Shirt kleine Fettpölsterchen ab. Bei seiner ulkigen Show wurde er von einer Band unterstützt, zu der auch zwei farbige Backgroundsängerinnen gehörten, die dem Sound einen Schuss Soul beimischten.

Schon sehr früh schmetterte Adam seinen alten Hit „Carolina“ und natürlich war auch etwas später Zeit für eine andere junge Dame, ich spreche natürlich von „Jessica“ (Simpson), dem sehr blonden Starlett, dass unser Karl Lagerfeld schon einmal als wenig geschmackssicher bezeichnet hatte. Witzigerweise wurde der Song, der eher balladesk gehalten ist, als weiterer „Heavy Metal Song“ angekündigt, obwohl heulendenGitarren darin natürlich nicht vorkamen.

Statt Heavy -Metal dominierte vielmehr Folk, Country und Blues, aber auch tropische Klänge („Tropical Island“) durften nicht fehlen. Mit bekannten Hits von alten Alben wurde ebenfalls nicht gespart, „Gemstones“, „Nat King Cole“ und... zogen nach wie vor ziemlich gut. Bezüglich der nagelneuen Stücke waren die „Baby-Songs“, also „Baby Come Back“ und „Baby Is Gonna Be Alright“ am markantesten, wenngleich nicht unbedingt am geschmackvollsten.

Ohnehin muss ich ehrlicherweise sagen, dass ein paar Lieder richtiggehend käsig, ja schlagerhaft klangen. Bei einem Stück, das ich zuvor nicht kannte, füllte ich mich sogar fast an David Hasselhof erinnert (aber der trinkt wie Herr Green ja auch mal gerne einen über den Durst, insofern gar nicht so abwegig).

Insgesamt konnte man aber von einem recht gelungenen und kurzweiligen Konzert sprechen.

Adam Green ist also nicht so gut, dass man (ich) medial ständig von ihm beschossen werden muss, aber auch keineswegs so schlecht, dass man ihn völlig unter den Teppich kehren sollte. Zieht man den ganzen Hype-und Albernheitsfaktor ab, verbleibt unter dem Strich ein talentierter junger Musiker, der möglicherweise seine besten Songs noch nicht geschrieben hat und deshalb auch in Zukunft zu beachten ist.

Fotos folgen!



Blood Red Shoes, Melt! Festival, 18.07.08

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Konzert: Blood Red Shoes
Ort: Melt! Festival, Ferropolis, Gräfenhainichen
Datum: 18.07.2008
Zuschauer: vielleicht 3.000
Dauer: 40 min


Vielleicht müssen Festivals so sein. Vielleicht haben mir Haldern und Highfield, Rock A Field oder Veranstaltungen im Ausland einfach etwas Falsches vorgegaukelt. Und vermutlich war ich selbst ein Teil des Problems; früher, als das Melt! noch kleiner war, soll es ja sehr gemütlich und legendär gewesen sein. Davon hatte ich mich anlocken lassen. Zahlen wie 15.000 Zuschauer ließen nicht befürchten, daß es sich um eine eklig-große Massenveranstaltung handeln könnte. Dazu Bands wie Franz Ferdinand mit ihrem einzigen Deutschland-Auftritt, unsere Lieblinge Editors, Klee, Los Campesinos! oder Blood Red Shoes, das alles klang nach einem fantastischen Wochenende und rechtfertigte locker die vielen hundert Kilometer Anreise, obwohl 3/4 der Autobesatzung am Abend vorher von einem (großen, sehr angenehmen und perfekt organisierten) Festival in Montreux zurückgekommen war.

Wir hatten viel Zeit eingeplant, weil wir mit Freitagsverkehr, mit Urlaubsreisenden und mit ähnlichem Kram gerechnet hatten. Da hatte uns auch die gesperrte wichtige Zufahrtsstraße überhaupt nicht aus der Ruhe gebracht, denn wir hatten Zeit. Das aus-der-Ruhe-Bringen besorgten dann allerdings der Stau und die vollkommen überforderten Ordner auf dem letzten Stück vor den Parkplätzen. Es ging nichts, unser Interview-Termin mit den Blood Red Shoes rückte
immer näher und irgendwann in den Bereich des Unrealistischen. Weil wir dann durch mehrere dumme Zufälle, und durch nette Leute, die uns in der Presseschlange vorliessen(an der mindestens 100 Leute standen und warteten) und den einzigen Shuttle-Bus des Wochenendes, der dann da war, wo man ihn brauchte, doch noch rechtzeitig auf dem Gelände waren, waren wir kurzzeitig versöhnt. Unseren Begleiterinnen, die uns am Presseschalter mit einem "bis gleich" verabschiedet hatten, erging es weniger gut. Sie standen zwei Stunden in übelstem Gedränge mit Massenpanik an der Bändchenschlange, verloren sich da und kamen irgendwann vollkommen gefrustet uns durchnässt in Ferropolis an. Es fing an, mich immer mehr an das schöne Sprichwort vom Gassigang mit dem großen Hund zu erinnern, bei dem dann das Bein nicht gehoben werden kann.*

Obwohl auch meine beiden Ansprechpartner für das Interview mit den Blood Red Shoes zum Termin des Gesprächs noch im Stau standen, trafen wir irgendwie auf Laura-Mary und unterhielten uns mit ihr in einem unfassbaren Lärm, denn auf der Bühne spielte eine Band und die machte Krach...

Zwei Stunden nach unserem Interview traten die Blood Red Shoes dann auf der Main Stage auf. Die ersten beiden Lieder verpasste ich, weil ich versucht hatte, unserem Auto entgegen zu gehen, um da sehr lustige Episoden zu erleben**, aber eben auch, da ich die regelmäßigen Shuttle-Busse überschätzte. Rennend und fluchend erreichte
ich nach einem anderthalbstündigen Ausflug wieder die Bühne und hatte glücklicherweise doch noch nicht viel verpasst, weil die Band aus Brighton auch später begonnen hatte.

Ich erfuhr dann noch von Oliver, was ich verpasst hatte und stellte fest, daß die
Laura-Mary und Steven, mit den gleichen Stücken wie in Montreux begonnen hatten. Im Gegensatz zu ihrem Auftritt beim dortigen Jazz Festival kannte man die Band beim Melt! allerdings sehr gut. Viele der vor dem Platz versammelten Glückspilze sangen mit und identifizierten jeden Song an den ersten Gitarrenklängen der zierlichen Sängerin.

Obwohl ich hundsmiserable (ca. Bullterrier) Laune hatte und die Blood Red Shoes ja drei Tage vorher schon erleben konnte, packte mich der kurze Auftritt wieder restlos.
Die beiden machten mit ihrer wahnsinnig energetischen Musik irre viel Spaß. Wie bisher immer. Natürlich kommen die Singles der Band besonders gut an, "Say nothing say anything" oder "I wish I was someone better" sind immer wieder großartig. Aber eben auch die anderen Lieder des Liveprogramms von Steven und Laura-Mary sind Kracher. Ihre B-Seite "How to pass the time" zum Beispiel, die ich erst zum zweiten Mal gehört habe, ist sofort eingängig. "Inside out, got it inside out", ein toller Ohrwurm.

"Uns wurde gesagt, wir müssten zum Ende kommen, das ist unser letztes Lied", kündigte Steven dann nach gerade mal 35 Minuten an. "
I wish I was someone better" war dann aber noch einmal ein schöner Mottosong für diesen ersten Festivaltag, dem noch einige große Ärgernisse folgen sollten (dazu später mehr). Den Refrain "made a mistake", hatte ich noch lange im Kopf...

Setlist Blood Red Shoes, Melt! Festival, Ferropolis:

01: It's getting boring by the sea
02: You bring me down
03: How to pass the time
04: Try harder
05: Say nothing say anything
06: Forgive nothing
07: Doesn't matter much
08: This is not for you
09: I wish I was someone better

Links:

- Interview mit den Blood Red Shoes
- aus unserem Archiv:
- Blood Red Shoes, Montreux, 15.07.08
- Blood Red Shoes, Evreux, 28.06.08
- Blood Red Shoes, Berlin, 06.05.08
- Blood Red Shoes, Köln, 28.04.08
- Blood Red Shoes, Paris, 09.11.07
- Blood Red Shoes, Köln, 16.10.07
- Blood Red Shoes, Paris, 08.06.07
- Blood Red Shoes, Paris, 08. und 09.06.07
- Blood Red Shoes, Paris, 06.03.07
- Blood Red Shoes, Köln, 11.03.07

- mehr Fotos von den Blood Red Shoes beim Melt! Festival

* mehr dazu da, wo es sinnvoller ist. Ein Blick auf das Melt!-Forum bietet den ein oder anderen interessanten Einblick

** zwei nette Polizisten, denen es - vollkommen nachvollziehbar - reichte, besprachen mit dem Parkplatzordner, alle Autos auch auf den Camping-Parkplatz zu lassen. Eine sehr gute Idee, die leider nicht in den Ecken der Parkwiese ankam, denn die Autos wurden von da wieder nach vorne zur Straße geschickt, weil hier schließlich Camping sei...




Freitag, 18. Juli 2008

Interpol, Montreux, 16.07.08

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Konzert: Interpol (The National, The Kissaway Trail)

Ort: Miles Davis Hall, Montreux Jazz Festival, Schweiz
Datum: 16.07.2008
Zuschauer: wahrscheinlich nicht ganz ausverkauft
Konzertdauer: 75 Minuten (The National: 57 Minuten, The Kissaway Trail: ca. 40 Minuten)


Bei herrlichem Sommerwetter im mondänen Schweizer Ort Montreux hätte man
auch wunderbar seine Zeit am malerischen Genfer See verbringen können. Wir rissen uns aber gegen 20 Uhr von diesem traumhaften Panorama los und tigerten in die Miles Davis Hall, wo heute die New Yorker Sensationsband Interpol spielen sollte. Die zur Zeit mit Abstand beste Musikgruppe der Welt wurde von hochkarätigen Gästen supportet, was das Spektakel noch zusätzlich aufwertete. Dafür nimmt man dann auch mal eine fast siebenstündige Zugfahrt mit viermaligem (!) Umsteigen auf sich...

Die Dänen von Kissaway Trail machten ihre Sache dann auch vorzüglich und begeisterten zumindest Christoph und mich mit bestem Indie-Rock der melancholischen Sorte. Wir hatten die talentierten Newcomer schon letztes Jahr bei einem kleinen, aber äusserst feinen Londoner Club- Konzert kennen - und liebengelernt und waren über das Wiedersehen der dänischen Antwort auf Arcade Fire (sehr verkürzt ausgedrückt, besser würden eigentlich Mercury Rev passen) sehr froh.

Schade, dass die meisten Schweizer ihre Reserviertheit nur selten ablegten und zu wenig zu den powerpoppigen und hochmelodischen Kompositionen der Nordeuropäer mitgingen.

Zu den Highlights des circa vierzigminütigen Sets gehörten die berauschenden und fetzigen Hits " Smother + Evil = Hurt" und natürlich der "La La Song", der geradezu euphorische Wirkung auf mich ausübte. Zum Set gehörten desweiteren "Tracy", "Soul Assassins" (unglaublich trauriger Text : "Sometimes it's like life is la little tired of me") und auch neue Stücke, die nicht auf dem 2007 er Album vertreten waren.

Danach gehörte den Amerikaner von The National die Bühne und auch sie boten ein gutes Konzert, wenngleich die Stimme des Sängers Matt Berninger nicht perfekt geölt zu sein schien. Der stets schüchtern und introvertiert wirkende Mann sang etwas weniger weich und rund als auf den letzten beiden vorzüglichen Alben "Alligator" und Boxer", von denen auch sämtliche Titel stammten und konnte auch heute seine Bühnenscheu nicht wirklich verbergen. Anstatt einen Draht zum Publikum herzustellen, zog er es oft vor, der Menge seinen Rücken zuzuwenden und zu seinem Drummer zu "flüchten".

Schade, denn gerade fetzige Titel wie "Mistaken For Strangers" hätten gerade live noch mehr Potential, wenn der schlaksige Mister Berninger etwas mehr aus sich rausgehen würde. Zu "Squalor Victoria" und dem abschliessenden Song explodierte er aber stimmlich geradezu und hatte hier seine mit Abstand besten Phasen.

Über die Qualität der gespielten Lieder müssen wir an dieser Stelle nicht diskutieren, die war schlichtweg atemberaubend, es gab keinen einzigen Ausfall zu beklagen! Kaum eine andere Band hat mehr hochkarätige Titel im Repertoire als The National und mit "Racing Like A Pro" boten sie auch die schönste und herzerweichendste Ballade des Abends, die mit einem aberwitzigen Geigensolo zu Ende ging, was zu Szenenapplaus führte. Ebenfalls großartig: "Ada und mein persönlicher Favorit "Fake Empire".

Fazit: ein feines Konzert einer Band, die ihren Sound auch noch mit zusätzlichen Trompetern aufmöbelte, ohne dabei zu bombastisch zu werden. Dafür sorgten schon die wunderbar schrammeligen und wavigen Gitarren, die (neben der nörgeligen Grabesstimme von Matt Berninger) The National auch immer mal wieder Vergleiche mit Joy Division einbringen.

Setlist The National, Montreux:

01: Start a war
02: Brainy
03: Secret meeting
04: Baby we'll be fine
05: Slow show
06: Mistaken for strangers
07: Abel
08: Squalor Victoria

09: Racing like a pro
10: Apartment story
11: Ada
12: Fake empire
13: Mr. November

Insofern war es dann wohl auch kein Zufall, dass in der Pause nach dem Auftritt von The National "Love Will Tear Us Appart" lief, gefolgt von einem Song von New Order.

Sollten die Zuschauer etwa noch einmal daran erinnert werden, das wir es heute gewissermassen mit der Erbengeneration von Ian Curtis zu tun hatten? Und wer könnte da besser passen als Interpol, die Headliner des Abends?

Die Jungs wollte ich eigentlich schon Anfang 2008 sehen: Interpol in Sao Paulo, das wär's! So dachte ich zu Beginn des Jahres als ich von einigen Südamerika-Daten meiner Lieblingsband Wind bekommen hatte. Ich stellte mir vor meinem geistigen Auge feurige junge Menschen vor, die zu den post-punkigen
Klängen der New Yorker völlig ausflippen und anders als die eher kühlen Westeuropäer den Konzertsaal mal so richtig zum Kochen bringen. Ich wollte Leute die crowdsurfen , Pogo tanzen und auch Interpol selbst aus der Rerserve locken. Paul Banks badet rücklings in einer völlig aufgepeitschten Menge, ja so erträumte ich mir das! Aber Träume sind ja bekanntlich Schäume und so buchte ich im März 2008 natürlich keine Maschine nach Brasilien. Stattdessen musste ich bis Mitte Juli auf mein erstes Interpol Konzert in diesem Jahr warten und es fand auch nicht in südlichen Gefilden, sondern im noblen Schweizer Ort Montreux statt, der idyllisch am Genfer See liegt.

Zumindest heiß war es in der Schweiz auch, die Sonne strahlte aus allen Ritzen und
ließ den Lac Léman wie er hier heißt, golden glitzern. Sehr fraglich war allerdings ob die traditionell eher als ruhig und zurückhaltend geltenden Schweizer die moderne Miles Davis Hall in einen Hexenkessel verwandeln könnten. Ich hatte meine Zweifel, zumal sich lautstarke Beifallsbekundungen schon zuvor bei The National in Grenzen hielten. Aber Interpol spielen in einer anderen, sprich deutlich höheren Liga als The National, das sollte allen klar sein, auch wenn „Boxer" in „2007 er Jahresbestenlisten teilweise deutlich besser abschnitt als „ Our Love To Admire" Von letztgenanntem Werk stammte dann auch gleich der Opener des Konzertes. „Pioneer To the Falls" ist schon ein Jahr nach Veröffentlichung ein Klassiker, der mit seinem gedrosselten Tempo und der mystischen Note der ideale Aufwärmsong ist. Man fragt sich schon verwundert, wie Interpol damals überhaupt Konzerte stilgerecht eröffnen konnten. Um den Zuschauern möglichst perfekt zu ermöglichen, in Traumwelten abzutauchen, wurden hierzu abstrakte Videos auf eine Leinwand projiziert, die sich von denjenigen, die ich bei der Konzertreihe im November 2007 geboten bekommen hatte, erfreulicherweise unterschieden. Auch optisch gab es ein paar Veränderungen. Bassist Carlos D. hatte sich den gezwirbelten Oberlippenbart abrasiert und erschien ohne Rotzbremse in der Schweiz, während Sänger und Gitarrist Paul Banks mit einem edlen grauen Hütchen aufwartete, dass er nur einmal für ein paar Songs zur Seite legte. Drummer Sam Fogarino trug hingegen keine Kopfbedeckung, obwohl ich ihn 2007 nie obenherum nackt gesehen hatte. Gitarrist Daniel Kessler schliesslich, sah eigentlich aus wie üblich. Seinen schlanken Körper in edlen Zwirn gehüllt, legte er wie immer am meisten Wegstrecke zurück und wirkte hierbei gewohnt elegant und leichtfüssig.

Das Team wurde komplettiert durch den „namenslosen" Keyboarder, der mit seinem weißen Panama ebenfalls
Klasse bewies und mich an eine Figur in Thomas Manns Romanverfilmung „Der Tod in Venedig" erinnerte.

Diese fünf Herren zogen, nachdem „Pioneer To The Falls" verklungen war, das Tempo deutlich an und verbrieten sehr früh die treibenden Knüller „Slow Hands"
und „PDA", eines der ganz wenigen Lieder von Interpol, bei dem Daniel Kessler ein wenig mitsingt.

Ansonsten war natürlich Paul Banks der uneingeschränkte Chef, der mir mit seiner
nörgeligen Grabesstimme von Anfang an Schauer des Glücks über den Rücken jagte. Ja, er greint fast wie Ian Curtis und ja, Interpol klingen auch oft nach Joy Division, sie aber als billige Klone und Kopierer zu bezeichnen, liegt völlig neben der Sache. Die Amerikaner haben nämlich das riesige Kunststück fertiggebracht, dem eiskalten Sound von Joy Division gerade die richtige Portion Zucker und Melodie beizufügen. Während man nach dem „Genuss" eines Meisterwerkes wie „Closer" in der Tat auf suizidale Gedanken kommt, fühle ich mich nach dem Anhören von „Turn on The Bright Lights" und „Antics" regelrecht berauscht und unglaublich glücklich. Die Musik von Interpol ist also nicht deprimierend, sondern aufbauend, ja erhebend!

Vor allem aber laufen bei mir wunderschöne Bilder im Kopf ab, gerade auch wenn ich die neuen Lieder von „Our Love To Admire" höre.

„No I In Threesome" schickt mich regelmässig auf eine Seereise durch ferne
Gewässer, während ich mir bei „The Lighthouse" die Besteigung eines hohen Berges vorstellte. „Lighthouse" ist nämlich ähnlich majestätisch und erhaben wie ein 8000 er im Himmalaya und wenn Paul eindringlich Zeilen wie „Begin, Begin" in sein Mikro brummelt, geht mir das Nahe. Toll ist natürlich auch, wenn Drummer Fogarino am Ende mithinzustößt und ausladend auf sein Schlagzeug eintrommelt. „The Lighthouse" also ohne jeden Zweifel ein herausragender Fels in der Brandung.

Aber auch „Not Even Jail" liebe ich heiß und innig. Glänzend wie heute der Song mit einem sirenenähnlichen Geräusch eingeläutet wurde, bevor die hochmelodischen Riffs von Daniel Kessler wie Treppenstufen immer steiler nach oben gehen und Sam Fogarino mit seinem beherzten Spiel nach vorne treibt. Kaum ein anderes Lied der letzten 10 Jahre vermittelt soviel Ästhetik, Kraft, Mut und Hoffnung, trotz seiner melancholischen Grundnote. Ein Smash Hit wie er im Buche
steht und trotzdem wurde das Stück nie als Single veröffentlicht.

Damit unterscheidet es sich von „Mammoth" das völlig zu Recht von „Our Love To Admire" ausgekoppelt wurde: Es handelt sich nämlich schlicht und einfach um den
Song, der von den Neulingen live am besten zieht. Selbst das „Heinrich Maneuver" das heute als letztes gebracht wurde, kommt an die Wucht und die Energie von Mammoth nicht heran.

Auch „Rest my Chemistry" , das im Anschluss kam, nicht,
auch wenn dem Stück eine profunde Schönheit innewohnt. Das machte aber nichts, denn nun folgte ein unglaublich furioser Schlussspurt. Mit „Obstacle 1", dem Livefavoriten „Evil" und vor allem dem unfassbar starken und selten gespielten „Roland" mischten die Amerikaner die Schweizer noch einmal so richtig auf. Leider hieß „aufmischen" aber nicht, dass Menschen in Extase fielen und sich die T-Shirts vom Leibe rissen. Wir waren ja schliesslich nicht in Rio, sondern in der Schweiz und die Eidgenossen verhielten sich eher so wie ich das vermutet hatte: recht ruhig, zurückhaltend und etwas reserviert.

Wann spielen Interpol mal wieder in Sao Paulo? Obwohl, was weiss ich schon wie es dort zugeht, vielleicht ist es auch dort nicht so feurig und wild wie ich mir das in meinen Träumen ausmale...

Setlist Interpol, Montreux:

01: Pioneer To The Falls
02: Slow Hands
03: PDA
04: Narc
05: C'mere
06: No I In Threesome
07: The Lighthouse
08: Not Even Jail
09: Mammoth
10: Rest My Chemistry
11: Obstacle 1
12: Evil
13: Roland (bestes Lied!)

14: NYC (Z)
15: The Heinrich Maneuver (Z)



Mittwoch, 16. Juli 2008

Babyshambles & Blood Red Shoes, Montreux, 15.07.08

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Konzert: Babyshambles & Blood Red Shoes

Ort: Miles Davis Hall, Montreux Jazz Festival, Schweiz
Datum: 15.07.2008
Zuschauer: 1.800 (ausverkauft)
Dauer: Blood Red Shoes 40 min, Babyshambles 60 min


"Ich fahre zum Montreux Jazz Festival", macht unglaublich Eindruck, habe ich festgestellt. Nicht wegen der mondänen Stadt am Genfer See, sondern weil ein Jazz Festival wahnsinnig kultiviert klingt. Daß "kultiviert" nicht das erste Adjektiv ist, das man mit Bands wie den Babyshambles oder den Blood Red Shoes verbindet, änderte nichts an meiner Vorfreude. Mit dem klassischen New Orleans- oder seinem Stiefsohn Free Jazz tue ich mich musikalisch eh schwer. Hätte das weltberühmte Festival seinen Horizont vor Jahren nicht so weit geöffnet (wie ich es offenbar nicht geschafft hätte) und Rock-Bands eingeladen, wäre ich nie auf die Idee gekommen, Konzerte in Montreux zu sehen.

Die beiden Tage in der Miles Davis Hall mit Interpol, The National, The Kissaway Trail und vorher den
Babyshambles und den Blood Red Shoes waren wie für mich gemacht und liessen keine Sekunde Nachdenken zu, ob die Schweiz eine Reise wert wäre.

So rechte Vorstellungen, wie das Festival sein würde, hatten wir nicht. Wegen der abgeschlossenen Tagesprogramme hatte ich nicht richtig damit gerechnet, daß außerhalb der Konzerte viel los wäre - eine kapitale Fehleinschätzung. Also wir vom Casino zur Konzerthalle gingen, sahen wir, daß überall die Hölle los war. Das Festival schien in erster Linie ein niveauvolles Volksfest zu sein, mit vielen Essen- und Getränkebüdchen an der Seepromenade, mit Musik, wo immer man hinkam und mit Besuchern aus aller Welt - obwohl die wenigsten von denen am Abend zu den beiden Haupt-Konzertorten gingen.

Im Gegensatz zu Interpol und The National am zweiten Tag war das erste Konzert schon im Vorfeld restlos ausverkauft. Pete Doherty wirkte offenbar verkaufsfördernd, das erste, was wir im Saal feststellten war nämlich, daß die Blood Red Shoes offensichtlich kaum jemand kannte.

Und während wir da so standen, den schönen und echten Konzertsaal auf uns wirkem liessen und Einsätze für die Wette überlegen wollten, ob und wann Pete kommt, hatte das englische Enfant Terrible seinen ersten Auftritt. Unmittelbar vor
den Blood Red Shoes ging der Babyshambles-Sänger einmal von rechts nach links über die Bühne - und zurück, so als wolle er zeigen: ich bin da, ihr blöden Zweifler! Souverän!

Das Grinsen noch im Gesicht galt dann meine Aufmerksamkeit aber sofort dem
jungen Duo aus Brighton. Ich hatte die beiden Blood Red Shoes schließlich nicht zufällig bereits dreimal vorher gesehen.

Und auch in Montreux gaben sich Laura-Mary und Steven so, wie ich sie lieben gelernt hatte: sie legten sofort laut und voller Energie los, als gelte es, noch auf der französischen Seite des Genfer Sees zu hören zu sein. Vorher nur noch ein schnelles "We're not much of a Jazz band" und dann Krach. Und es sollte sich lohnen, für mich - aber vor allem für die beiden Musiker. Denn obwohl ganz eindeutig alle Zuschauer wegen der Hauptgruppe da waren, hatten die Blood Red Shoes sofort viele Schweizer Herzen erobert.

Wie üblich waren die 40 Minuten viel zu schnell vorbei. In den kurzen Auftritt
packten die beiden Engländer aber neben ihren vielen Hits wie "It's getting boring by the sea", "Try harder", "Say nothing say anything" oder "I wish I was someone better" auch eine Überraschung, nämlich die B-Seite "How to pass the time" von "You bring me down". Als der Auftritt mit "ADHD", in die Ecke geknallter Gitarre und umgeschmissenem Schlagzeug geendet hatte, fragte mich ein Mann neben mir: "Wie hießen die? Das war ja großartig!" Blood Red Shoes heißen die. Und sie sind immer so!

Setlist Blood Red Shoes, Montreux Jazz Festival, Montreux:

01: It's getting boring by the sea
02: You bring me down
03: How to pass the time
04: Doesn't matter much
05: Forgive nothing
06: Try harder
07: Say nothing say anything
08: This is not for you
09: I wish I was someone better
10: ADHD

Um zehn vor zehn erlebte ich dann wirklich meinen zweiten Auftritt der Babyshambles im achten Anlauf. Nach seinen Bandmitgliedern erschien Pete Doherty ohne irgendwelche Allüren, wie üblich mit Hut und in guter Form, warf uns ein "Hello Jazz fans!" zu und begann mit "Delivery", einem der großen Hits der Band. Hätte Pete Doherty ein anderes Image, wäre "Delivery" sicher ein viel bekannteres Lied, denn der Song ist immer wieder ein riesiger Knaller. Aber leider spielt die Musik rund um die Babyshambles nicht die Hauptrolle; das Hoffen auf Skandale und Ausfälle, die Steilvorlagen, die Pete dafür liefert, all die Schlampigkeiten lenken immer wieder davon ab, was für ein begnadetes Musiktalent der Engländer ist. In Montreux schienen die, die wegen der Hoffnung auf einen Skandal da waren, allerdings deutlich in der Unterzahl zu sein. Ich bemerkte jedenfalls nur echte Begeisterung um mich rum, alle kannten die Songtexte, sangen mit, feierten schon jeweils nach den ersten Akkorden das nächste Stück.

Nach dem fulminanten "Delivery"-Auftakt folgten mit "
Baddie's Boogie" und "Carry on up the morning" von "Shotter's Nation", sowie "Beg, steal or borrow" von der glänzenden "Blinding-EP" weitere Lieder, die die Babyshambles wohl immer am Beginn eines Konzerts spielen. Danach wurde es anders. Der nicht-Album-Titel "The whole world is our playground" (der sich auf einem Bootleg von 2003 befindet) war mir neu. Eine weitere Sache, die man Pete and the Shambles hoch anrechnen kann... Die Band variiert ihre Sets, spielt alte Perlen, oft neue Stücke und produziert keine gleichen Konzerte - wenn sie denn auftritt.

Das restliche, sehr kurzweilige Konzert bestand hauptsächlich aus Liedern der beiden Alben, etwa zu gleichen Teilen. Wie schon in Köln spielten die Babyshambles aber auch "Sedative" und "The blinding" von der gleichnamigen EP. Komplettiert wurde das Set von "What Katie did" und einem Instrumentalstück vor "The blinding", das mehr als nur Intromusik war. Vielleicht war das das von Oliver in Paris einmal identifizierte "Babyshambles".

Pete war in guter Form. Man merkte ihm zwar an, daß er nicht nüchtern war, die
Lieder waren aber alle bestmöglich vorgetragen. Besser als in Montreux wird man die Babyshambles nicht erleben können, das Konzert hatte sich also für alle, die wegen der Musik da waren vollkommen gelohnt. Pete Doherty las zwischendurch einmal einen Brief, den ein Fan (eine Fanin) im zugeworfen hatte, mal kickte der Krefeld Fan eine leere Plastikflasche über die Bühne und zeigte dabei viel Ballgefühl. Was es nicht gab waren Skandale, Aussetzer, oder ein verfrühter Abbruch wegen Magenschmerzen (er trankt diesmal aber auch keine "Apfelschorle") - es fehlten aber auch alle Zugaben...

Auf dem Zeitplan, der im Festivalcenter auslag, stand im Gegensatz zu allen anderen Künstlern "open end" als Schlußuhrzeit. "I dedicate this song to Daniel, a friend of
us. He died last week and he was buried yesterday." Dabei öffnete Pete sichtbar berührt eine Champagner Flasche, bevor er "Fuck forever" anstimmte. Getragen war die Version des Hits von "Down in Albion" dann allerdings nicht. Zu den lauten schnellen Klängen des Lieds verspritzte Pete den Champagner, schmiss am Ende die Mikros weg, trat den riesigen Boxenturm um und verschwand. Auch wenn das Chaos wieder aufgebaut wurde, war eigentlich klar, daß die Band nicht mehr erscheinen würde, obwohl die Offiziellen damit rechneten.

Ein wirklich guter Konzertabend, den das Montreux Jazz Festival da geboten hatte. Gar keine Frage, daß die Entscheidung richtig war, die lange Reise wegen der beiden Abende mit fünf guten Bands aufzunehmen. Was
häufig zu kurz kommt, möchte ich hier aber auch einmal tun: nämlich das Publikum loben! Also das in Köln, denn in Montreux war es schon teilweise sehr nervig. Rempelnde und vollkommen rücksichtslose Frauen, die Pete nah sein wollten, teilweise unfassbar betrunken oder was auch immer, haben ganz kräftig genervt. Von den Leuten in den ersten beiden Reihen (die habe ich vor mir beobachten können) guckten die meisten das Konzert übrigens lustigerweise nicht auf der Bühne, sondern größtenteils auf den beiden Videoleinwänden. Eine Art indirektes Erleben. Dann hätte man sich aber eigentlich auch nicht ohne Rücksicht auf Verluste nach vorne prügeln müssen...

Setlist Babyshambles, Montreux Jazz Festival, Montreux:

01: Delivery
02: Carry on up the morning
03: Beg, steal or borrow
04: Baddie's Boogie
05: The whole world is our playground
06: Killamangiro
07: Sedative
08: Pipedown
09: What Katie did
10: There she goes
11: Side of the road
12: Back from the dead
13: Babyshambles (?)
14: The blinding
15: Albion
16: Fuck forever

Links:

aus unserem Archiv:
- Blood Red Shoes, Evreux, 28.06.08
- Blood Red Shoes, Berlin, 06.05.08
- Blood Red Shoes, Köln, 28.04.08
- Blood Red Shoes, Paris, 09.11.07
- Blood Red Shoes, Köln, 16.10.07
- Blood Red Shoes, Paris, 08.06.07
- Blood Red Shoes, Paris, 08. und 09.06.07
- Blood Red Shoes, Paris, 06.03.07
- Blood Red Shoes, Köln, 11.03.07
- und:
- Babyshambles, Paris, 04.02.08
- Babyshambles, Köln, 22.01.08
- Babyshambles, Paris, 14.01.08
- Babyshambles, Paris, 18.10.07
- Babyshambles, Paris, 14.11.06
- mehr Fotos von diesem Abend beim Montreux Jazz Festival

Ein Interview mit Laura-Mary von den Blood Red Shoes sowie ein Bericht vom Auftritt des Duos beim Melt! Festival folgen ganz schnell hier!



Sonntag, 13. Juli 2008

Konzertrückblick Chicros, My Girlfriend Is Better Than Yours, u.a., Paris, 03.07.08

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Konzert: My Girlfriend Is Better Than Yours, Chicros, Koko von Napoo (Shit Browne)

Ort: Le Nouveau Casino, Paris
Datum: 03.07.2008
Zuschauer: so einige, der Eintritt war frei

Setlist My Girlfriend Is Better Than Yours, Nouveau Casino, Paris:

01: Here Hello
02: Before My Memory
03: From My Sofa
04: Girl From South
05: My Girlfriend Is Better Than Yours
06: Winterfarmland
07: Black Hole
08: My Dictionary
09: Everybody Wants To Die

Setlist Koko von Napoo, Nouveau Casino, Paris:

01: Baden Baden
02: Agence Blady
03: Petamalova
04: Rocky
05: Jonbon
06: Polaroïd
07: Poly
08: June
09: Saadie

Setlist (Los) Chircros, Nouveau Casino, Paris:

01: What's New On TV Today
02: Like The Sun
03: What I've Done
04: Without You
05: Diskonoise
06: Anna
07: King Creole
08: Clouds
09: Mountains
10: New Orleans

Berichte folgen später...




 

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