Sonntag, 1. Oktober 2017

Slowdive, Dortmund, 29.09.17


Konzert: Slowdive
Ort: FZW, Dortmund (Way Back When Festival)
Datum: 29.09.2017
Dauer: gut 70 min
Zuschauer: vielleicht 800



Slowdive befinden sich schon wieder im vierten Jahr ihrer zweiten Bandphase. Nach den sechs Jahren zwischen 1989 und 1995 kam die englische Band 2014 zurück, definierte dies aber nicht als Comeback. Reunions seien etwas für Künstler, die auf ein paar Konzerten ihre alten Hits spielen wollten. Ihnen sei es von Anfang an darum gegangen, neue Musik zu machen. Weil das neue Album Slowdive so ganz untypisch für eine Platte nach zwanzig Jahren ist und nicht nach einem blassen Abklatsch des alten Ruhms klingt, interessierte mich bei meinem Interview am Nachmittag am meisten die Geschichte der neuen Songs. Natürlich wäre es in ihrer Situation eine Möglichkeit gewesen, alte Stücke aus der Schublade zu holen, antwortete Bassist Nick Chaplin, da gebe es noch genügend. Aber wenn die damals nicht gut genug gewesen wären, sind sie es heute eben auch nicht. Also habe man komplett neu angefangen. Das und die Aussage, daß nach der Tour, deren Clubphase in Dortmund begann und die u.a. nach Nordamerika, Japan und Australien führt (als ihr bewußt wurde, wie viele Konzerte das sind, stöhnte Rachel Goswell lachend), mit der Arbeit an neuer Musik gearbeitet werden soll, beruhigten mich sehr. Slowdive (Album) ist die zweitbeste Platte der Band und die mit Abstand tollste, die ich 2017 gehört habe. Von Lieder der Kategorie Star roving, Sugar for the pill, No longer making time und vor allem Falling ashes sollte es noch ganz viele geben. Und wenn Slowdive (Platte) so etwas wie die Brücke zwischen Souvlaki und dem möglichen neuen Stil (für den Falling ashes steht) sein sollte, so wie man es immer wieder lesen konnte, bin ich mehr als gespannt. 



Falling ashes, das erst durch neuere Musiktechnik möglich geworden sei, ist seit meinem ersten Hören der Platte mein großer Liebling - trotz der vielen When the sun hits' oder Alisons auf dem aktuellen Album. "Wir hatten noch keine Zeit, Falling ashes zu proben, werden das aber auf jeden Fall bald auch live spielen. Wir können alle neuen Lieder auch bei Konzerten spielen."

Acht Stunden später beim Konzert im nicht ganz ausverkauften großen Saal des FZW waren zwei neue neue Lieder im Programm, die ich bei meinen beiden Slowdive-Konzerten 2017 (in Den Haag und beim Maifeld Derby) nicht gehört hatte. Slomo war immerhin der Soundcheck-Song in Mannheim, Everyone knows komplett neu. Dafür fehlte dann das fantastische No longer making time. Zusätzlich spielten die Engländer die beiden Singles Star roving und Sugar for the pill.

In der Theorie ist ein Auftritt einer Band, die ich achtmal seit 2014 gesehen habe, nicht mehr spannend. Die Theorie hat aber keine Ahnung. Wie könnten das Austoben der männlichen Bandmitglieder bei Golden hair oder Alison, When the sun hits und Avalyn (der grandiose Bass-Anfang ist mir noch nie aufgefallen) je langweilig werden?



Slowdive haben sich immer als Kombination aus Sound- und Melodie-Band verstanden. Daher ist so wichtig, daß die Konzerte gut klingen. Mogwai und My Bloody Valentine habe ich schon fantastisch aber eben auch gruselig breiig oder harmlos-leise (Live Musik Hall) erlebt. Slowdive klangen immer brillant, egal ob in dem extra für Konzerte gebauten Saal in Den Haag, über dem riesigen Betonplatz beim Primavera, im Dorfgemeinschaftssaal in Genf oder im Bierzelt beim Best Kept Secret (in dem Mogwai unerträglich abgemischt waren). "Wir hatten immer Glück mit unseren Sound Ingenieuren," erklärte Rachel. "Das ist ja nicht nur Glück, wir haben die ja bewußt ausgewählt," präzisierte Nick. Bei ihren ersten Konzerten stand der Soundmann am Mischpult, mit dem sie vor der Pause zusammengearbeitet hatten. Zur Zeit ist er bei Jesus and the Mary Chain im Einsatz, sein Ersatz, ist aber eben genau das nicht. Auch er (noch ein Nick) macht seinen Job so gut, daß er vermutlich seine Band sogar in der Echo-Hölle Hugenottenhalle toll klingen lassen würde. 

Natürlich waren viele Leute über 40 im Saal. Allerdings eben bei weitem nicht nur. Mehrheitlich war das Publikum jung. Es war eben kein Clubkonzert, zu dem man (die Ü40s) gezielt wegen Slowdive, die sonst nirgendwo in der Nähe spielen (Brüssel...), kommt. Slowdive waren der Freitags-Headliner des Way Back When Festivals, das ein sehr gemischtes Lineup am ersten Tag hatte. Von sehr popigen Sachen über die tollen Fazerdaze eben bis hin zu Slowdive. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, daß Leute, die wegen der eingängigeren Musik des Nachmittags da waren, nach uns nach aus dem Saal gitarrt werden würden. Unsinn! Überall um mich rum wurde getanzt, gewippt, aufmerksam zugehört. Und ganz sicher kannte nicht jeder die Band vor dem Konzert. Slowdive müssen sich also auch nicht als Comeback-Band aus einer anderen Zeit fühlen, offenbar kommt ihre Musik auch heute (oder gerade heute) gut an. 

Das Set bestand aus den vier Liedern von der neuen Platte, aufgefüllt mit alten Lieblingen (40 days und wie sie alle heißen). Und es war die perfekte Setlist, obwohl Machine gun, Slowdive, Falling ashes, No longer making time, Dagger und was auch immer fehlten. Perfekt, weil eben keines der Stücke schlechter als die anderen war. Die 70 Minuten waren etwas knapp bemessen, mehr Kritik gibt es nicht zu üben.

Die letzten beiden Bands, die ich interviewt habe, haben ähnliche Karrieren erlebt und sind beide meine großen Lieblinge. Lush haben sich nach einem (intensiven) Jahr wieder aufgelöst. In Slowdive steckt hoffentlich noch sehr viel neue Lieblingsmusik. Und viele Konzerte. Tschuldigung Rachel.

Setlist Slowdive, FZW, Dortmund:

01: Slomo

02: Catch the breeze
03: Crazy for you
04: Star roving
05: Avalyn
06: Souvlaki Space Station
07: Everyone knows
08: When the sun hits
09: Alison
10: Golden hair (Syd Barrett Cover)

11: Sugar for the pill (Z)
12: 40 days


Links:

- aus unserem Slowdive-Archiv:
- Slowdive, Mannheim, 18.06.17
- Slowdive, Den Haag, 31.03.17
- Slowdive, London, 20.12.14 
- Slowdive, London, 19.12.14
- Slowdive, Genf, 09.09.14
- Slowdive, Saint-Malo, 15.08.14
- Slowdive, Hilvarenbeek, 21.06.14
- Slowdive, Barcelona, 30.05.14
- Slowdive, London, 19.05.14




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